Orgel oder Cembalo? Wer Musik von Johann Pachelbel (1635 bis 1796) spielen will, steht immer wieder vor dieser Frage. Denn musiziert wurde in jener Zeit auf sehr verschiedenen Tasteninstrumenten – aber welches der Komponist für sein jeweiliges Werk im Sinn hatte, das ist aus den Noten nur selten eindeutig zu erkennen.
Márton Borsányi hat für jedes Musikstück Pachelbels, das er für seine erste Solo-Veröffentlichung ausgewählt hat, nach einer klanglich passenden Lösung gesucht. Der junge Musiker hat an der Leipziger Musikhochschule sowie an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, und er beschäftigt sich besonders intensiv mit Musik für Tasteninstrumente, die im 17. Jahrhundert im lutherischen deutschsprachigen Raum entstanden ist.
Das Instrumentarium für dieses Aufnahmeprojekt hat Borsányi mit Sorg- falt ausgewählt. Das Cembalo entstammt der Tradition der berühmten Cembalobauer-Dynastie Ruckers-Couchet. Es besitzt zwar nur ein Manual, aber zwei 8'- und ein 4'-Register sowie einen Lautenzug. Seine klangliche Variabilität ist ganz erstaunlich. Dazu gesellt sich ein Orgelpositiv, orientiert am Schaffen des Nürnberger Orgelbaumeisters Nicolaus Manderscheidt, einem Zeitgenossen Pachelbels, und erbaut von Peter Meier Orgelbau aus Rheinfelden. Diese kleine, aber ausgesprochen klangschöne Orgel verfügt lediglich über drei Register; sie hat zudem ausschließlich Holzpfeifen.
Mit seiner CD demonstriert Borsányi, wie farbenreich Musik des 17. Jahr- hunderts gestaltet werden kann. Pachelbels Werke, mit so viel Experimen- tierlust und Spielfreude vorgetragen, wirken frisch und brillant. Ein gelungenes Debüt, zu dem man nur gratulieren kann. Bravo!
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Samstag, 11. November 2017
Dienstag, 31. Oktober 2017
Giovanni Gabrieli: Complete Keyboard Music (Brilliant Classics)
Giovanni Gabrieli (um 1555 bis 1612) war der Neffe von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585). Er war ein Schüler seines Onkels, und setzte seine Ausbildung dann in München fort, wo er mehrere Jahre im Umfeld von Hofkapellmeister Orlando di Lasso und Hoforganist Gioseffo Guami verbracht haben soll. In den 1580er Jahren kehrte er nach Venedig zurück. 1585 wurde er zweiter Organist am Markusdom, und nach dem Tode seines Onkels wurde er dessen Nachfolger als Hauptorganist und Komponist. Er hielt das Werk seines Onkels in hohen Ehren; so ließ er dessen Kompositionen drucken, und führte die venezianische Mehrchörigkeit zu hoher Blüte. Giovanni Gabrieli war auch der Lehrer von Heinrich Schütz, der wiederum die deutsche Musik entscheidend prägte.
Umso interessanter ist ein Projekt, das Roberto Loreggian verwirklicht hat. Der Organist und Cembalist, ein ausgewiesener Experte für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, hat sich mit der Musik der beiden veneziani- schen Komponisten intensiv beschäftigt – und er hat dann zunächst sämtliche Werke für Tasteninstrumente von Andrea Gabrieli eingespielt, und nachfolgend auf drei CD auch die seines Neffen. Dabei ging es ihm darum, ein möglichst authentisches Klangbild zu erzielen.
So spielt er in dieser Einspielung eine Orgel, die der Orgelbauer Vincenzo Colombi im 16. Jahrhundert im Dom von Valvasone errichtet hat. Sie wurde zwar mehrfach umgebaut, aber 1999 durch Francesco Zanin sorgsam restauriert und wieder weitgehend in den ursprünglichen Zustand gebracht. Loreggian verweist darauf, dass dieses prächtige Instrument – mit einem Stimmton von 492,5 Hz – das einzige original venezianische ist, das erhalten geblieben ist. Neben dieser kostbaren historischen Orgel erklingt ein italienisches Cembalo aus dem 17. Jahrhundert – der Instrumentenbauer ist nicht bekannt – aus einer privaten Sammlung.
Loreggian hat aber nicht nur Instrumente ausgewählt, mit denen sich der Klang jener Zeit an der Nahtstelle von Renaissance und Barock nachvoll- ziehen lässt. Er versucht auch, Fingersätze zu verwenden, wie sie damals üblich waren, die Register authentisch zu wählen, und zeitgemäße Verzierungen zu gestalten. Das macht diese Einspielung der Toccaten, Fugen, Intonationen, Canzoni, Ricercari und Fantasien doppelt interessant – abgesehen davon, dass diese alten Musikstücke auch atemberaubend schön sind. Sehr beeindruckend!
Umso interessanter ist ein Projekt, das Roberto Loreggian verwirklicht hat. Der Organist und Cembalist, ein ausgewiesener Experte für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, hat sich mit der Musik der beiden veneziani- schen Komponisten intensiv beschäftigt – und er hat dann zunächst sämtliche Werke für Tasteninstrumente von Andrea Gabrieli eingespielt, und nachfolgend auf drei CD auch die seines Neffen. Dabei ging es ihm darum, ein möglichst authentisches Klangbild zu erzielen.
So spielt er in dieser Einspielung eine Orgel, die der Orgelbauer Vincenzo Colombi im 16. Jahrhundert im Dom von Valvasone errichtet hat. Sie wurde zwar mehrfach umgebaut, aber 1999 durch Francesco Zanin sorgsam restauriert und wieder weitgehend in den ursprünglichen Zustand gebracht. Loreggian verweist darauf, dass dieses prächtige Instrument – mit einem Stimmton von 492,5 Hz – das einzige original venezianische ist, das erhalten geblieben ist. Neben dieser kostbaren historischen Orgel erklingt ein italienisches Cembalo aus dem 17. Jahrhundert – der Instrumentenbauer ist nicht bekannt – aus einer privaten Sammlung.
Loreggian hat aber nicht nur Instrumente ausgewählt, mit denen sich der Klang jener Zeit an der Nahtstelle von Renaissance und Barock nachvoll- ziehen lässt. Er versucht auch, Fingersätze zu verwenden, wie sie damals üblich waren, die Register authentisch zu wählen, und zeitgemäße Verzierungen zu gestalten. Das macht diese Einspielung der Toccaten, Fugen, Intonationen, Canzoni, Ricercari und Fantasien doppelt interessant – abgesehen davon, dass diese alten Musikstücke auch atemberaubend schön sind. Sehr beeindruckend!
Donnerstag, 10. Februar 2011
Carl Philipp Emanuel Bach: The Solo Keyboard Music (BIS)
Der ungarische Organist und Cembalist Miklós Spányi spielt für BIS Records das Gesamtwerk ein, das Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) für Tasteninstru- mente solo geschaffen hat. Dabei ist er nunmehr bei CD 21 und im Jahre 1760 angekommen. Das lohnt sich, denn nicht umsonst war Carl Philipp Emanuel der berühm- teste der Bach-Söhne.
Er war seinerzeit einer der besten "Clavieristen" Europas. 1740 wurde er Mitglied der Kapelle des preußischen Kronprinzen Friedrich in Ruppin. Bach wirkte fast
30 Jahre lang als Cembalist und Kammercembalist Friedrichs des Großen. 1768 folgte er dann seinem Paten Georg Philipp Telemann im Amt des städtischen Musikdirektors und Kantors am Johanneum in Hamburg nach. So wurde aus dem "Berliner" der "Hamburger" Bach.
Carl Philipp Emanuel Bach veröffentlichte 1753/1762 das Lehrwerk "Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen". Es ist noch heute eine wichtige Quelle, wenn man erfahren möchte, wie zu Bachs Lebzeiten musiziert wurde. Auch als Komponist war Bach äußerst produktiv. Allein für sein Lieblingsinstrument, das Cembalo, hat er mehr als 150 Sonaten geschrieben. Dazu kommen unter anderem Sinfonien und Konzerte, Kantaten und Motetten, Oratorien und Passionen, Lieder und eine Vielzahl von Kammermusikwerken.
Der "Berliner/Hamburger Bach" gilt als einer der herausragenden Repräsentanten der musikalischen Empfindsamkeit. Seine Werke überraschen immer wieder durch Wendungen, die dem an der barocken Musiktradition geschulten Zuhörer verblüffend und ungewöhnlich vorkommen. Mir will aber scheinen, dass sie generell der Frühklassik näher sind als dem "galanten" Stil, wie er zu seiner Zeit gang und gäbe gewesen sein dürfte.
Miklós Spányi spielt seine Werke hier auf einem Clavichord, das der belgische Instrumentenbauer Joris Potvlieghe 1999 nach einem Original von Gottfried Joseph Horn, Dresden 1785, geschaffen hat. Das Vorbild für dieses prachtvolle Clavichord befindet sich heute in der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums Leipzig.
Spányi spielt exzellent, mit wachem Sinn für die Risiken und Heraus- forderungen, die nicht zuletzt aus der damaligen Musizierpraxis zu erwarten sind. Denn zu Bachs Zeiten war es üblich, dass die Musiker in den Reprisen zeigten, ob sie in der Lage waren, stilistisch passende und zugleich hinreichend virtuose Verzierungen zu improvisieren. In den Sechs Sonaten fürs Clavier mit veränderten Reprisen Wq 50/1-6, die Bach Friedrichs jüngster Schwester, der Prinzessin Anna Amalia von Preußen, widmete, sind diese "Veränderungen" auskomponiert. Die Prinzessin, deren konservativer Musikgeschmack bekannt ist, muss das Instrument exzellent beherrscht haben. Die Vorrede, die die Sonaten an "Liebhaber" adressiert, "die wegen gewisser Jahre oder anderer Verrichtungen nicht mehr Gedult und Zeit genug haben, sich besonders stark zu üben", erweist sich als eine charmante Tiefstapelei - denn das Werk stellt gepfefferte technische Ansprüche.
Er war seinerzeit einer der besten "Clavieristen" Europas. 1740 wurde er Mitglied der Kapelle des preußischen Kronprinzen Friedrich in Ruppin. Bach wirkte fast
30 Jahre lang als Cembalist und Kammercembalist Friedrichs des Großen. 1768 folgte er dann seinem Paten Georg Philipp Telemann im Amt des städtischen Musikdirektors und Kantors am Johanneum in Hamburg nach. So wurde aus dem "Berliner" der "Hamburger" Bach.
Carl Philipp Emanuel Bach veröffentlichte 1753/1762 das Lehrwerk "Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen". Es ist noch heute eine wichtige Quelle, wenn man erfahren möchte, wie zu Bachs Lebzeiten musiziert wurde. Auch als Komponist war Bach äußerst produktiv. Allein für sein Lieblingsinstrument, das Cembalo, hat er mehr als 150 Sonaten geschrieben. Dazu kommen unter anderem Sinfonien und Konzerte, Kantaten und Motetten, Oratorien und Passionen, Lieder und eine Vielzahl von Kammermusikwerken.
Der "Berliner/Hamburger Bach" gilt als einer der herausragenden Repräsentanten der musikalischen Empfindsamkeit. Seine Werke überraschen immer wieder durch Wendungen, die dem an der barocken Musiktradition geschulten Zuhörer verblüffend und ungewöhnlich vorkommen. Mir will aber scheinen, dass sie generell der Frühklassik näher sind als dem "galanten" Stil, wie er zu seiner Zeit gang und gäbe gewesen sein dürfte.
Miklós Spányi spielt seine Werke hier auf einem Clavichord, das der belgische Instrumentenbauer Joris Potvlieghe 1999 nach einem Original von Gottfried Joseph Horn, Dresden 1785, geschaffen hat. Das Vorbild für dieses prachtvolle Clavichord befindet sich heute in der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums Leipzig.
Spányi spielt exzellent, mit wachem Sinn für die Risiken und Heraus- forderungen, die nicht zuletzt aus der damaligen Musizierpraxis zu erwarten sind. Denn zu Bachs Zeiten war es üblich, dass die Musiker in den Reprisen zeigten, ob sie in der Lage waren, stilistisch passende und zugleich hinreichend virtuose Verzierungen zu improvisieren. In den Sechs Sonaten fürs Clavier mit veränderten Reprisen Wq 50/1-6, die Bach Friedrichs jüngster Schwester, der Prinzessin Anna Amalia von Preußen, widmete, sind diese "Veränderungen" auskomponiert. Die Prinzessin, deren konservativer Musikgeschmack bekannt ist, muss das Instrument exzellent beherrscht haben. Die Vorrede, die die Sonaten an "Liebhaber" adressiert, "die wegen gewisser Jahre oder anderer Verrichtungen nicht mehr Gedult und Zeit genug haben, sich besonders stark zu üben", erweist sich als eine charmante Tiefstapelei - denn das Werk stellt gepfefferte technische Ansprüche.
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