Die alten deutschen Kantaten sind derzeit offenbar groß in Mode. Nun hat auch Johannes Pramsohler mit seinem Ensemble Diderot eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke eingespielt, wobei der Geiger natürlich vor allem auch Kantaten mit virtuoser Solovioline herausgesucht hat.
Und mit der Tenorkantate Ich will in aller Not auf meinen Jesum schauen von Daniel Eberlin (1647 bis nach 1692) enthält diese CD sogar eine Weltersteinspielung – was erstaunt, denn dieses Opus bietet, urteilte Hans Joachim Moser, Herausgeber der Neuedition in der Reihe Das Erbe deutscher Musik, das anspruchsvollste Violinsolo jener Zeit überhaupt. Eberlin wirkte einige Jahre als Kapell- meister in Eisenach und in Kassel.
In Eisenach musizierten seinerzeit auch der Geiger Johann Ambrosius Bach, der Vater von Johann Sebastian, sowie Johann Pachelbel (1653 bis 1706), auf dieser CD vertreten mit den Kantaten Christ ist erstanden und Ach Herr, wie ist meiner Feinde soviel. Johann Ambrosius' Schwager Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war Organist in Eisenach, und spielte zudem als Cembalist in der Hofkapelle. Von ihm sind einige Kompositionen überliefert; auf dieser CD erklingen Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt und Ach dass ich Wassers gnug hätte, zwei effektvolle Lamenti.
Komplettiert wird diese Kollektion protestantischer Kantaten durch das höchst anspruchsvolle Concerto Mein Hertz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697). Er stammte aus einer schleswig-holsteinischen Musiker- dynastie, war ein Schüler Buxtehudes und wirkte in Husum; leider starb er sehr jung. Bruhns muss ein exzellenter Organist ebenso wie ein heraus- ragender Geiger gewesen sein. Und der Bassist, für den er komponierte, war ebenfalls ein erstklassiger Sänger; wer Bruhns' Werke singen will, dem jedenfalls wird einiges abverlangt.
Nahuel Di Pierro singt mit einem wohlklingenden, samtigen und vor allem auch tiefen Bass. Zu hören sind außerdem die kanadische Mezzosoprani- stin Andrea Hill, der spanische Tenor Jorge Navarro Purves und der britische Bariton Christopher Purves. Bei dieser Einspielung zeigt sich allerdings wieder einmal, dass die alten Musikstücke mit ihrem rhetorischen Gestus durch Nicht-Muttersprachler nur schwer vorzutragen sind. Eindringlichkeit und starken Ausdruck, wie sie für diese klingenden Predigten notwendig sind, vermisst man bei dieser CD ein wenig. Aber dafür kann sich der Hörer auch bei den beiden Kantaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der für die süddeutsch-katholische Kirchenmusik dieser Zeit steht, am hinreißend schönen Geigenspiel von Johannes Pramsohler erfreuen.
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Dienstag, 4. Dezember 2018
Mittwoch, 28. November 2018
Gott ist unsere Zuversicht (Rondeau)
Der Stadtsingechor Halle/Saale ist ein renommiertes Ensemble mit einer ganz enormen Tradition. Seine Wurzeln reichen bis in das Jahr 1116, zur Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes Neuwerk, zurück. 1565 schlossen sich die Hallenser Pfarrschulen zum lutherischen Gymnasium zusammen. So entstand auch ein Schulchor, der unter anderem Gottesdienste in den drei Hauptkirchen Unser Lieben Frauen, St. Ulrich und St. Moritz musikalisch auszugestalten hatte. Er wurde später Stadtsingechor genannt, und wirkte im Laufe der Jahrhunderte mit zahlreichen hervorragenden Kantoren und Organisten zusammen, wie Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow, Daniel Gottlob Türk oder Wilhelm Friedemann Bach. Seit 2014 wird der Chor von Clemens Flämig geleitet. Er ist heute in den Franckeschen Stiftungen beheimatet; die Sänger lernen am Landesgymnasium Latina, und absolvieren zudem ein umfangreiches Pensum an Musikunterricht, Proben und Konzerten.
Die neue CD mit dem Titel „Gott ist unsre Zuversicht“ bietet Chormusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert; das Programm ist auf den 46. Psalm ausgerichtet. Sein Text wurde von Martin Luther zu einem Lied umge- arbeitet: Ein feste Burg ist unser Gott gilt bis heute als ein Symbol der Reformation.
So reicht denn auch dieses Programm von der Reformation bis in die Moderne. Die Anforderungen an die jungen Chorsänger sind hoch, doch sie singen mit hoher Präzision und mit Engagement. Allerdings erfolgte die Aufnahme so ungeschickt, dass der überaus hallige Kirchenraum alles dominiert. Wer auch immer für die Tontechnik verantwortlich war – eine Glanzleistung ist das leider nicht.
Die neue CD mit dem Titel „Gott ist unsre Zuversicht“ bietet Chormusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert; das Programm ist auf den 46. Psalm ausgerichtet. Sein Text wurde von Martin Luther zu einem Lied umge- arbeitet: Ein feste Burg ist unser Gott gilt bis heute als ein Symbol der Reformation.
So reicht denn auch dieses Programm von der Reformation bis in die Moderne. Die Anforderungen an die jungen Chorsänger sind hoch, doch sie singen mit hoher Präzision und mit Engagement. Allerdings erfolgte die Aufnahme so ungeschickt, dass der überaus hallige Kirchenraum alles dominiert. Wer auch immer für die Tontechnik verantwortlich war – eine Glanzleistung ist das leider nicht.
Freitag, 27. April 2018
Süddeutsche Orgelmeister (Oehms Classics)
Joseph Kelemen, Hauptorganist an St. Johann Baptist in Neu-Ulm, befasst sich seit vielen Jahren mit süddeut- scher Orgelmusik. In dieser Box präsentiert er auf sechs CD eine Werkauswahl bedeutender Orgel- meister des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Region, um die es dabei geht, erstreckte sichseinerzeit vom heutigen Süddeutschland über die deutsch- sprachigen Gebiete Österreichs und der Schweiz sowie vom Elsaß bis hin nach Polen.
Bei allen Unterschieden eint die süddeutsche Orgelmusik ihre Orientierung am Vorbild Italien, berichtet Kelemen im Beiheft zu dieser Box: „Auch der süddeutsche Orgelbau zeigt Anlehnungen an Italien. Wie ihre italienische Schwester – ebenso wie das italienische Cembalo – ist die süddeutsche Orgel in der Regel einmanualig; ihr Pedal beschränkt sich im Umfang auf 1½ Oktaven und wird vornehmlich für Stütztöne zur Verstärkung der Basslinie eingesetzt. Die Diskrepanzen zum norddeutschen Orgelbau sind deutlich – hier finden wir meist mehrere Manuale und eine ausgebaute Pedalklaviatur von zwei Oktaven. Der Klang süddeutscher Orgeln wird oft als ,süß' beschrieben, wogegen das norddeutsche Instrument eher ,schneidend festlich' anmutet.“
Selbstverständlich hat Kelemen für seine Einspielungen passende Instrumente ausgesucht. Musik aus dem Buxheimer Orgelbuch, niedergeschrieben um 1460, spielt der Organist an einem Instrument in der St. Andreaskirche Soest-Ostönnen, erbaut von einem unbekannten Meister um 1425, einer der ältesten spielbaren Orgeln der Welt, sowie an der Ebert-Orgel von 1558 der Hofkirche Innsbruck. Für die Werke von Hans Leo Hassler (1564 bis 1612) wählte er die Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg von Johann Freundt 1642 sowie die Günzer-Orgel von 1609 der Kirche St. Martin in Gabelbach bei Augsburg.
Die CD, die dem Schaffen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) gewidmet ist, entstand an der Egedacher-Orgel aus dem Jahre 1708 – sie enthält auch noch etliche Register des Vorgängerinstrumentes von Andreas Putz (1633) – die sich im Prämonstratenserstift Schlägl in Oberösterreich befindet. Bei der Einspielung der Musik von Johann Pachelbel (1653 bis 1706) entschied sich Kelemen für die Orgel in St. Petri, Erfurt-Büßleben, erbaut 1702 von Georg Christoph Stertzing, und die Crapp-Orgel von 1712 in der ehemaligen Klosterkirche zu Pappenheim im Altmühltal.
Gleich zwei CD enthalten Werke von Georg Muffat (1653 bis 1704). Für diese Aufnahmen nutzte der Organist noch einmal die Freundt-Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg, und die Orgel der Abteikirche St. Mauritius in Ebersmünster bei Schlettstadt im Elsaß. Sie wurde in den Jahren 1730-32 von Andreas Silbermann angefertigt, und gehört zu den am besten erhaltenen Instrumenten dieses berühmten Orgelbauers.
Somit stellt Joseph Kelemen nicht nur wichtige Komponisten jener Zeit aus dem süddeutschen Raum und einige ihrer Werke vor. Er verbindet dies mit einer Auswahl klangschöner und charakteristischer historischer Orgeln. Mit ihren sehr unterschiedlichen Klangwelten, die Kelemen gekonnt in den Mittelpunkt stellt, sind sie die eigentlichen Stars dieser Aufnahmen. Und natürlich musiziert der Organist brillant und sehr differenziert. Hinreißend!
Bei allen Unterschieden eint die süddeutsche Orgelmusik ihre Orientierung am Vorbild Italien, berichtet Kelemen im Beiheft zu dieser Box: „Auch der süddeutsche Orgelbau zeigt Anlehnungen an Italien. Wie ihre italienische Schwester – ebenso wie das italienische Cembalo – ist die süddeutsche Orgel in der Regel einmanualig; ihr Pedal beschränkt sich im Umfang auf 1½ Oktaven und wird vornehmlich für Stütztöne zur Verstärkung der Basslinie eingesetzt. Die Diskrepanzen zum norddeutschen Orgelbau sind deutlich – hier finden wir meist mehrere Manuale und eine ausgebaute Pedalklaviatur von zwei Oktaven. Der Klang süddeutscher Orgeln wird oft als ,süß' beschrieben, wogegen das norddeutsche Instrument eher ,schneidend festlich' anmutet.“
Selbstverständlich hat Kelemen für seine Einspielungen passende Instrumente ausgesucht. Musik aus dem Buxheimer Orgelbuch, niedergeschrieben um 1460, spielt der Organist an einem Instrument in der St. Andreaskirche Soest-Ostönnen, erbaut von einem unbekannten Meister um 1425, einer der ältesten spielbaren Orgeln der Welt, sowie an der Ebert-Orgel von 1558 der Hofkirche Innsbruck. Für die Werke von Hans Leo Hassler (1564 bis 1612) wählte er die Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg von Johann Freundt 1642 sowie die Günzer-Orgel von 1609 der Kirche St. Martin in Gabelbach bei Augsburg.
Die CD, die dem Schaffen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) gewidmet ist, entstand an der Egedacher-Orgel aus dem Jahre 1708 – sie enthält auch noch etliche Register des Vorgängerinstrumentes von Andreas Putz (1633) – die sich im Prämonstratenserstift Schlägl in Oberösterreich befindet. Bei der Einspielung der Musik von Johann Pachelbel (1653 bis 1706) entschied sich Kelemen für die Orgel in St. Petri, Erfurt-Büßleben, erbaut 1702 von Georg Christoph Stertzing, und die Crapp-Orgel von 1712 in der ehemaligen Klosterkirche zu Pappenheim im Altmühltal.
Gleich zwei CD enthalten Werke von Georg Muffat (1653 bis 1704). Für diese Aufnahmen nutzte der Organist noch einmal die Freundt-Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg, und die Orgel der Abteikirche St. Mauritius in Ebersmünster bei Schlettstadt im Elsaß. Sie wurde in den Jahren 1730-32 von Andreas Silbermann angefertigt, und gehört zu den am besten erhaltenen Instrumenten dieses berühmten Orgelbauers.
Somit stellt Joseph Kelemen nicht nur wichtige Komponisten jener Zeit aus dem süddeutschen Raum und einige ihrer Werke vor. Er verbindet dies mit einer Auswahl klangschöner und charakteristischer historischer Orgeln. Mit ihren sehr unterschiedlichen Klangwelten, die Kelemen gekonnt in den Mittelpunkt stellt, sind sie die eigentlichen Stars dieser Aufnahmen. Und natürlich musiziert der Organist brillant und sehr differenziert. Hinreißend!
Mittwoch, 6. Dezember 2017
Berliner Philharmoniker - The Christmas Album (Deutsche Grammophon)
Feiern Sie Weihnachten mit den Berliner Philharmonikern!, lädt die Deutsche Grammophon ein – und hat dazu aus den Archiven legendäre Interpretationen von Barock-Klassikern herausgesucht. Zu hören sind die Weihnachtskonzerte von Arcangelo Corelli, Giuseppe Torelli, Francesco Manfredini und Pietro Antonio Locatelli. Komplettiert wird das Programm durch Kanon und Gigue von Johann Pachelbel, Der Winter aus Vivaldis Vier Jahreszeiten – der Solopart wird gespielt von Konzertmeister Michel Schwalbé – und durch Bachs berühmtes Air. Da kommt garantiert Weihnachtsstimmung auf. Und die Aufnahmen mit den Berliner Philhar- monikern unter Herbert vom Karajan sind noch immer hörenswert.
Samstag, 11. November 2017
Pachelbel (Klanglogo)
Orgel oder Cembalo? Wer Musik von Johann Pachelbel (1635 bis 1796) spielen will, steht immer wieder vor dieser Frage. Denn musiziert wurde in jener Zeit auf sehr verschiedenen Tasteninstrumenten – aber welches der Komponist für sein jeweiliges Werk im Sinn hatte, das ist aus den Noten nur selten eindeutig zu erkennen.
Márton Borsányi hat für jedes Musikstück Pachelbels, das er für seine erste Solo-Veröffentlichung ausgewählt hat, nach einer klanglich passenden Lösung gesucht. Der junge Musiker hat an der Leipziger Musikhochschule sowie an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, und er beschäftigt sich besonders intensiv mit Musik für Tasteninstrumente, die im 17. Jahrhundert im lutherischen deutschsprachigen Raum entstanden ist.
Das Instrumentarium für dieses Aufnahmeprojekt hat Borsányi mit Sorg- falt ausgewählt. Das Cembalo entstammt der Tradition der berühmten Cembalobauer-Dynastie Ruckers-Couchet. Es besitzt zwar nur ein Manual, aber zwei 8'- und ein 4'-Register sowie einen Lautenzug. Seine klangliche Variabilität ist ganz erstaunlich. Dazu gesellt sich ein Orgelpositiv, orientiert am Schaffen des Nürnberger Orgelbaumeisters Nicolaus Manderscheidt, einem Zeitgenossen Pachelbels, und erbaut von Peter Meier Orgelbau aus Rheinfelden. Diese kleine, aber ausgesprochen klangschöne Orgel verfügt lediglich über drei Register; sie hat zudem ausschließlich Holzpfeifen.
Mit seiner CD demonstriert Borsányi, wie farbenreich Musik des 17. Jahr- hunderts gestaltet werden kann. Pachelbels Werke, mit so viel Experimen- tierlust und Spielfreude vorgetragen, wirken frisch und brillant. Ein gelungenes Debüt, zu dem man nur gratulieren kann. Bravo!
Márton Borsányi hat für jedes Musikstück Pachelbels, das er für seine erste Solo-Veröffentlichung ausgewählt hat, nach einer klanglich passenden Lösung gesucht. Der junge Musiker hat an der Leipziger Musikhochschule sowie an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, und er beschäftigt sich besonders intensiv mit Musik für Tasteninstrumente, die im 17. Jahrhundert im lutherischen deutschsprachigen Raum entstanden ist.
Das Instrumentarium für dieses Aufnahmeprojekt hat Borsányi mit Sorg- falt ausgewählt. Das Cembalo entstammt der Tradition der berühmten Cembalobauer-Dynastie Ruckers-Couchet. Es besitzt zwar nur ein Manual, aber zwei 8'- und ein 4'-Register sowie einen Lautenzug. Seine klangliche Variabilität ist ganz erstaunlich. Dazu gesellt sich ein Orgelpositiv, orientiert am Schaffen des Nürnberger Orgelbaumeisters Nicolaus Manderscheidt, einem Zeitgenossen Pachelbels, und erbaut von Peter Meier Orgelbau aus Rheinfelden. Diese kleine, aber ausgesprochen klangschöne Orgel verfügt lediglich über drei Register; sie hat zudem ausschließlich Holzpfeifen.
Mit seiner CD demonstriert Borsányi, wie farbenreich Musik des 17. Jahr- hunderts gestaltet werden kann. Pachelbels Werke, mit so viel Experimen- tierlust und Spielfreude vorgetragen, wirken frisch und brillant. Ein gelungenes Debüt, zu dem man nur gratulieren kann. Bravo!
Samstag, 3. Dezember 2016
Gloria - Festive Music for Trumpet and Organ (Tyxart)
Trompeter Hans Jürgen Huber musiziert gemeinsam mit dem Organisten Norbert Düchtel. Dabei präsentieren die beiden Solisten nicht nur Altbekanntes, wie das Air von Johann Sebastian Bach, das Ave Maria in den populären Versionen von Franz Schubert und von Charles Gounod, oder das Concerto C-Dur von Valentin Rathgeber. Ihre Musikauswahl, die vom Barock bis in die Gegenwart reicht, enthält auch eine echte Entdeckung – die Kleine Partita für Trompete und Orgel Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren von Lothar Graap (*1933). Dieses Werk passt mit seiner moderat-modernen Klangsprache perfekt an den Schluss dieser CD, die zwar festliche Glanzlichter setzt, aber nicht explizit auf das Weihnachtsfest abzielt.
Norbert Düchtel gelingt, quasi nebenher, einmal mehr das Kunststück, mit einigen wenigen Orgel-Solowerken das Instrument in seinen Klangmög- lichkeiten vorzustellen. In diesem Falle handelt es sich um die 2005 durch die Schweizer Orgelbaufirma Mathis aus Näfels erbaute Orgel der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Rieden in der Oberpfalz. Sie ist mit insgesamt 18 Registern auf zwei Manualen und Pedal relativ klein, aber überzeugt durch ihre stimmige Disposition und ihren harmonischen Klang. Sehr hörenswert.
Norbert Düchtel gelingt, quasi nebenher, einmal mehr das Kunststück, mit einigen wenigen Orgel-Solowerken das Instrument in seinen Klangmög- lichkeiten vorzustellen. In diesem Falle handelt es sich um die 2005 durch die Schweizer Orgelbaufirma Mathis aus Näfels erbaute Orgel der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Rieden in der Oberpfalz. Sie ist mit insgesamt 18 Registern auf zwei Manualen und Pedal relativ klein, aber überzeugt durch ihre stimmige Disposition und ihren harmonischen Klang. Sehr hörenswert.
Dienstag, 30. August 2016
Ton Koopman at the Zacharias Hildebrandt Organ (1726) Lengefeld in the Erzgebirge (Challenge Classics)
Instrumente, vor allem auch Orgeln, haben ihre Geschichte. In der Kirche zum Heiligen Kreuz im erzgebirgi- schen Lengefeld wurde, so ist es Rechnungen im Pfarrarchiv zu ent- nehmen, 1620/21 zum ersten Male ein solches Instrument aufgestellt. Doch schon 1660/61 wird dieses gegen ein anderes ausgetauscht, angefertigt von einem Leipziger Orgelbauer, wahrscheinlich Christoph Donat. 1726 lassen Pfarrer und Patron die Orgel erneut ersetzen – ein größeres Instrument soll her, mit 22 Registern. Den Auftrag erhält Zacharias Hildebrandt, ansässig in Liebertwolkwitz bei Leipzig. Es ist sein drittes Instrument; und er lässt sich etwas einfallen, um die vielen Orgel- pfeifen auf engstem Raum unterzubringen: Anstatt sie, wie gebräuchlich, hintereinander anzuordnen, teilt er das Hauptwerk und bringt es zu beiden Seiten des Mittelwerkes unter. Der Prospekt wurde dementsprechend, und ebenso ungewöhnlich, in fünf zur Mitte hin ansteigende Türme gegliedert und prachtvoll farbig gestaltet.
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation.
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein.
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen.
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21.
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation.
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein.
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen.
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21.
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.
Freitag, 27. November 2015
Martin Luther - Ein feste Burg ist unser Gott (Rondeau)
Dem Reformator Martin Luther waren Lieder wichtig – und deshalb schrieb er selbst fürs Kirchenvolk mehr als 30 Lieder – nach Psalmversen, nach liturgischen Stücken, zur Unterweisung der Gläubigen und zur Erbauung. Gemeinsam mit Johann Walter, dem evangelischen Urkantor, schuf Luther durch die neue Ordnung des Gottesdienstes auch Raum für eine neue Kirchenmusik – und gleich noch das passende Gesangbuch dazu.
Luther wollte eine singende Gemeinde, die nicht nur im Gottesdienst munter anstimmte, sondern auch in der häuslichen Andacht, oder aber zur Tröstung der Kranken und Sterbenden. Bis zum heutigen Tage sind insbesondere die Luther-Choräle in der evangelischen Kirche lebendig und beliebt. Auf dieser CD stellen der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert sieben Lieder Luthers vor. Dabei wird zugleich deutlich, wie breit und differenziert die Ideen des Reformators in der Zeit nach der Reformation aufgegriffen wurden. Denn die Choräle, die Martin Luther geschaffen hat, wurden von Heinrich Schütz, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und vielen anderen namhaften Musikern bearbeitet.
Nun komm, der Heiden Heiland, Vom Himmel hoch, da komm ich her, Gelobet seist du, Jesu Christ, Christ lag in Todesbanden, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, Vater unser im Himmelreich sowie der heimliche Hymnus der protestantischen Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott, erklingen jeweils in verschiedenen Versionen. Den Anfang macht jeweils ein Orgelchoral von Samuel Scheidt aus dem Görlitzer Tabulaturbuch von 1650. Es folgen Choralsätze, Motetten, Bicinien oder Geistliche Konzerte; zum Abschluss erklingt dann zudem noch einmal eine Choralbearbeitung für die Orgel. Für jeden Choral Martin Luthers hat Grünert genau fünf Varianten ausgewählt; eine davon stammt immer von Michael Praetorius, ebenso wie die Zwischenmusiken, für die der Kantor Tanzsätze aus Praetorius' Terpsichore (1612) herausgesucht hat.
Luther wollte eine singende Gemeinde, die nicht nur im Gottesdienst munter anstimmte, sondern auch in der häuslichen Andacht, oder aber zur Tröstung der Kranken und Sterbenden. Bis zum heutigen Tage sind insbesondere die Luther-Choräle in der evangelischen Kirche lebendig und beliebt. Auf dieser CD stellen der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert sieben Lieder Luthers vor. Dabei wird zugleich deutlich, wie breit und differenziert die Ideen des Reformators in der Zeit nach der Reformation aufgegriffen wurden. Denn die Choräle, die Martin Luther geschaffen hat, wurden von Heinrich Schütz, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und vielen anderen namhaften Musikern bearbeitet.
Nun komm, der Heiden Heiland, Vom Himmel hoch, da komm ich her, Gelobet seist du, Jesu Christ, Christ lag in Todesbanden, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, Vater unser im Himmelreich sowie der heimliche Hymnus der protestantischen Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott, erklingen jeweils in verschiedenen Versionen. Den Anfang macht jeweils ein Orgelchoral von Samuel Scheidt aus dem Görlitzer Tabulaturbuch von 1650. Es folgen Choralsätze, Motetten, Bicinien oder Geistliche Konzerte; zum Abschluss erklingt dann zudem noch einmal eine Choralbearbeitung für die Orgel. Für jeden Choral Martin Luthers hat Grünert genau fünf Varianten ausgewählt; eine davon stammt immer von Michael Praetorius, ebenso wie die Zwischenmusiken, für die der Kantor Tanzsätze aus Praetorius' Terpsichore (1612) herausgesucht hat.
Dienstag, 3. November 2015
Weichlein: Opus 1, 1695 (Alpha)
Die Encaenia Musices von Andreas Franz („Romanus“) Weichlein (1652 bis 1706) stehen auch im Mittelpunkt einer weiteren CD, die bei dem Label Alpha erschienen ist. Das Ensemble Masques, bei drei Stücken unterstützt durch Skip Sempe, stellt ausgewählte Sonaten daraus in Beziehung zur Musik von Zeitgenossen. Dabei wird zum einen deutlich, wie eng verwandt Weichleins Musik jener etwa von Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704) ist. Zum anderen zeigen die Musiker auf, dass Ostinatotechniken seinerzeit gern genutzt wurden, um Virtuosität zu demonstrieren. Weichlein hatte dazu allen Anlass – widmete er doch seine Sonaten keinem geringeren als Leopold I. und schrieb in seiner Widmung, er hoffe, dass sie auch von der Hofkapelle gespielt wür- den. Der Kaiser beherrschte selbst mehrere Instrumente und komponierte.
Allerdings wirkt die Musik, wie sie das Ensemble Masquerades auf dieser CD präsentiert, eher meditativ als vordergründig konzertant. Eine Ent- deckung ist das allemal; und vielleicht werden irgendwann einmal auch die nur handschriftlich überlieferten Werke von Romanus Weichlein erschlos- sen – es könnte sich lohnen.
Allerdings wirkt die Musik, wie sie das Ensemble Masquerades auf dieser CD präsentiert, eher meditativ als vordergründig konzertant. Eine Ent- deckung ist das allemal; und vielleicht werden irgendwann einmal auch die nur handschriftlich überlieferten Werke von Romanus Weichlein erschlos- sen – es könnte sich lohnen.
Freitag, 13. März 2015
Das ist meine Freude (cpo)
Kleine Orte haben mitunter ein groß- artiges Erbe. Das gilt beispielsweise für das Dorf Großfahner im schönen Thüringen, gelegen auf halbem Wege zwischen Erfurt und Bad Langen- salza. Die kleine Gemeinde besitzt
mit über 600 Kompositionen von etwa 50 thüringischen und sächsi- schen Kantoren, Organisten sowie einigen Hofkapellmeistern die größte Handschriftensammlung aus dem
17. und 18. Jahrhundert im mittel- deutschen Raum.
Zusammengetragen wurde dieser Schatz von zwei Kantoren, die eifrig all diese „Kirchenstücke“ kopiert oder im Tausch erworben haben. Dieser reichhaltige Fundus geistlicher Kompositionen zeigt uns, welch immense Bedeutung im Zeitraum von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum Tode Johann Sebastian Bachs in Mitteldeutschland Figuralmusik auch auf dem Lande hatte.
Acht Kantaten aus dieser Kollektion hat die Sopranistin Maria Jonas für diese Einspielung ausgesucht. Sie belegen eindrucksvoll, dass damals nicht nur bei Hofe anspruchsvoll musiziert wurde. Es sind Raritäten dabei, die aus der Region stammen, wie die Kantaten von Johann Heinrich Buttstedt (1666 bis 1727), seinem Lehrer Johann Pachelbel (1653 bis 1706) oder Johann Topf, einem Thüringer Kirchenmusiker,von dem man nicht viel mehr weiß als den Namen. Auch drei Kantaten von Georg Philipp Tele- mann erklingen in diesem Rahmen. Dieser Komponist von europäischen Rang war von 1707 bis 1712 in Eisenach tätig, und hat danach noch bis 1630 als „Capellmeister von Haus aus“ den Hof mit Kantaten und Serenaden beliefert.
Maria Jonas singt mit einer Stimme, die deutlich am Ideal der „Alten“ Musik geschult ist – schlank, nahezu vibratofrei und beweglich. Leider ist sie nicht allzu farbenreich, sie klingt fast wie eine Knabenstimme – doch bei den Koloraturen und den großen Bögen könnten die Jungs dann so nicht mithalten. Insofern darf man rätseln, wer da seinerzeit auf dem Dorfe diese Werke gesungen haben soll. Denn ländlich-schlicht sind diese Kantaten nicht zu nennen. Und so bekommt auch die Chursächsische Capelle Leipzig gut zu tun; die Musiker spielen gekonnt und mit Hingabe. Sehr schön!
mit über 600 Kompositionen von etwa 50 thüringischen und sächsi- schen Kantoren, Organisten sowie einigen Hofkapellmeistern die größte Handschriftensammlung aus dem
17. und 18. Jahrhundert im mittel- deutschen Raum.
Zusammengetragen wurde dieser Schatz von zwei Kantoren, die eifrig all diese „Kirchenstücke“ kopiert oder im Tausch erworben haben. Dieser reichhaltige Fundus geistlicher Kompositionen zeigt uns, welch immense Bedeutung im Zeitraum von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum Tode Johann Sebastian Bachs in Mitteldeutschland Figuralmusik auch auf dem Lande hatte.
Acht Kantaten aus dieser Kollektion hat die Sopranistin Maria Jonas für diese Einspielung ausgesucht. Sie belegen eindrucksvoll, dass damals nicht nur bei Hofe anspruchsvoll musiziert wurde. Es sind Raritäten dabei, die aus der Region stammen, wie die Kantaten von Johann Heinrich Buttstedt (1666 bis 1727), seinem Lehrer Johann Pachelbel (1653 bis 1706) oder Johann Topf, einem Thüringer Kirchenmusiker,von dem man nicht viel mehr weiß als den Namen. Auch drei Kantaten von Georg Philipp Tele- mann erklingen in diesem Rahmen. Dieser Komponist von europäischen Rang war von 1707 bis 1712 in Eisenach tätig, und hat danach noch bis 1630 als „Capellmeister von Haus aus“ den Hof mit Kantaten und Serenaden beliefert.
Maria Jonas singt mit einer Stimme, die deutlich am Ideal der „Alten“ Musik geschult ist – schlank, nahezu vibratofrei und beweglich. Leider ist sie nicht allzu farbenreich, sie klingt fast wie eine Knabenstimme – doch bei den Koloraturen und den großen Bögen könnten die Jungs dann so nicht mithalten. Insofern darf man rätseln, wer da seinerzeit auf dem Dorfe diese Werke gesungen haben soll. Denn ländlich-schlicht sind diese Kantaten nicht zu nennen. Und so bekommt auch die Chursächsische Capelle Leipzig gut zu tun; die Musiker spielen gekonnt und mit Hingabe. Sehr schön!
Samstag, 29. November 2014
Claviermusik aus Nürnberg (Tyxart)
Nürnberg gehörte einstmals zu den bedeutenden Zentren deutscher Musik. Die Bürger der Freien Reichsstadt wachten nicht nur über die Reichskleinodien. Sie waren offenbar auch sehr musikbegeistert: In Nürnberg florierten sowohl der Notendruck als auch der Instrumentenbau – was darauf hindeutet, dass nicht nur die Rats- und Kirchenmusiker Noten und Instrumente einkauften.
Die wichtigsten Protagonisten des städtischen Musiklebens waren Organisten. Etliche von ihnen stammten aus Nürnberg, sie wurden in der Stadt ausgebildet und wirkten dort oftmals auch bis zu ihrem Tod. Die „Nürnberger Schule“ setzt ein mit der Ankunft Johann Stadens d.Ä. (1581 bis 1634), der nach Stationen in Bayreuth und Dresden in der Stadt heimisch wurde und eine Vielzahl von Schülern unterrichtete. Der Stammbaum seiner Schüler und Enkelschüler lässt sich über fünf Generationen verfolgen, und wuchs auch geographisch betrachtet weit über die Stadtgrenzen hinaus. So war beispielsweise Johann Erasmus Kindermann (1616 bis 1655) ein Schüler Stadens.
Ralf Waldner stellt auf dieser CD Musik dieser Organistenschule vor. Zu hören sind aber auch Werke von Hans Leo Haßler (1564 bis 1612), der Sohn eines Nürnberger Organisten war und bei Andrea Gabrieli in Venedig studiert hatte. Dabei erinnert Waldner zum einen daran, dass die Orgel seinerzeit durchaus auch zu weltlichen Zwecken gespielt wurde. Zum anderen nutzt er das „Clavier“, damaligem Gebrauch folgend, wie es gefällt, und so erklingen neben Cembalo und Orgel auch Regal und Clavichord. Für diese CD hat er einige Raritäten „ausgegraben“, wie einer der ersten deutschen Claviersuiten – sie stammt von Benedict Schultheiß (1653 bis 1693) – oder die Choralpartita Freu dich sehr, o meine Seele von Johann Pachelbel (1653 bis 1706). So sind ihm zahlreiche Ersteinspielungen gelungen. All das macht diese CD sehr abwechslungsreich, und man folgt Waldner gern durch drei Jahrhunderte Nürnberger Musikgeschichte.
Die wichtigsten Protagonisten des städtischen Musiklebens waren Organisten. Etliche von ihnen stammten aus Nürnberg, sie wurden in der Stadt ausgebildet und wirkten dort oftmals auch bis zu ihrem Tod. Die „Nürnberger Schule“ setzt ein mit der Ankunft Johann Stadens d.Ä. (1581 bis 1634), der nach Stationen in Bayreuth und Dresden in der Stadt heimisch wurde und eine Vielzahl von Schülern unterrichtete. Der Stammbaum seiner Schüler und Enkelschüler lässt sich über fünf Generationen verfolgen, und wuchs auch geographisch betrachtet weit über die Stadtgrenzen hinaus. So war beispielsweise Johann Erasmus Kindermann (1616 bis 1655) ein Schüler Stadens.
Ralf Waldner stellt auf dieser CD Musik dieser Organistenschule vor. Zu hören sind aber auch Werke von Hans Leo Haßler (1564 bis 1612), der Sohn eines Nürnberger Organisten war und bei Andrea Gabrieli in Venedig studiert hatte. Dabei erinnert Waldner zum einen daran, dass die Orgel seinerzeit durchaus auch zu weltlichen Zwecken gespielt wurde. Zum anderen nutzt er das „Clavier“, damaligem Gebrauch folgend, wie es gefällt, und so erklingen neben Cembalo und Orgel auch Regal und Clavichord. Für diese CD hat er einige Raritäten „ausgegraben“, wie einer der ersten deutschen Claviersuiten – sie stammt von Benedict Schultheiß (1653 bis 1693) – oder die Choralpartita Freu dich sehr, o meine Seele von Johann Pachelbel (1653 bis 1706). So sind ihm zahlreiche Ersteinspielungen gelungen. All das macht diese CD sehr abwechslungsreich, und man folgt Waldner gern durch drei Jahrhunderte Nürnberger Musikgeschichte.
Dienstag, 10. September 2013
...mit der Seel' und Mundes Stimm' - Geistliche Lieder und Arien des Barock (Rondeau)
Die Familie Bach und ihr Freundes- und Bekanntenkreis steht im
Mittelpunkt der Werkauswahl dieser CD. Gotthold Schwarz, langjähriger
Wegbegleiter der Thomaner, hat gemeinsam mit Siegfried Pank, Viola da
gamba und Violoncello, und Hans Christoph Becker-Foss, Cembalo,
Orgelpositiv und Orgel, geistliche Lieder und Arien des Barock
eingespielt, die den Menschen überwiegend in Glaubensgewissheit und
Lobpreis zeigen. Ausdrucksstarke Werke, ausdrucksstark vorgetragen –
wobei dem Sänger seine enorme Routine über technische Schwächen
hinweghilft. Beeindruckend!
Montag, 15. Juli 2013
Alte Meister - In Bearbeitung durch Karl Straube (MDG)
„Jetzt spielen wir richtiger, aber früher war es schöner!“ - das sollen Studenten gesagt haben, die Karl Straube in Leipzig unterrichtete. Ein Lebensweg wie der von Montgomery Rufus Karl Siegfried Straube (1873 bis 1950) ist heute nicht mehr denkbar. Denn er erhielt seine Ausbildung zunächst von seinem Vater Johannes Straube, einem Berliner Organisten und Harmoniumbauer. Im Alter von 15 Jahren wurde Straube dann Schüler von Heinrich Reimann, dem Organisten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Auch ohne Musikstudium ist Straube dann eine atemberaubende Karriere gelungen. 1897 wurde er Organist am Willibaldi-Dom in Wesel. 1903 übernahm er das Amt des Organisten an der Thomaskirche zu Leipzig, und er wurde zudem Dirigent des Chores des Leipziger Bachvereins, den er später in den Gewandhauschor integrierte. Seit 1907 lehrte er zudem Orgelspiel am Leipziger Konservatorium; Straube war auf Jahrzehnte der bedeutendste Orgellehrer Deutschlands, und prägte so die musikalische Landschaft bis in die 70er Jahre ganz entscheidend.
1918 wurde Karl Straube als Nachfolger von Gustav Schreck Thomas- kantor. 1919 gründete er das Kirchenmusikalische Institut Leipzig, das er nach dem Zweiten Weltkrieg entschlossen wieder etablierte und bis 1948 leitete. Sein Wirken ist geprägt durch die Suche nach dem perfekten Klang. Einerseits förderte er moderne Musik, wie die von Max Reger. Andererseits beschäftigte sich Straube intensiv mit den Werken der sogenannten Alten Meister – wie Buxtehude, Pachelbel, Muffat, aber auch Bach. Das führte ihn in der Konsequenz zur Abkehr von einer allzu romantischen Musik- auffassung.
Dabei nutzte Straube allerdings die klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten der spätromantischen Instrumente weidlich aus, die typischerweise über eine pneumatische Traktur und eine Crescendowalze verfügten. „Wie ich auf der Orgel artikulierte, habe ich in meiner Ausgabe ,Alte Meister des Orgelspiels’ vom Jahre 1904 und in der 1907 veröffent- lichten Sammlung ,Choralvorspiele alter Meister’ niederzulegen ver- sucht“, schrieb Straube schließlich in seinen Erinnerungen. „Ich gab damit Aufführungsvorschriften, die nicht einer nüchternen Überlegung am Schreibtisch entsprangen, sondern Ausdruck eines von dem nachprüfen- den Verstande kontrollierten, ursprünglich spontanen Empfindens waren.“
Domorganist Andreas Sieling hat einige der Werke aus Straubes Samm- lung „Alte Meister“ an der Großen Sauer-Orgel im Berliner Dom eingespielt – einem Instrument, das der Sauer-Orgel der Leipziger Thomaskirche so ähnlich ist, dass Sieling detailgetreu den Vorgaben Straubes folgen konnte. Der hatte seinen Notenband seinerzeit akribisch mit Angaben zu Register- wahl, Artikulation sowie zahlreichen dynamischen und agogischen Hin- weisen versehen.
Sieling zeigt, wie sein berühmter Kollege vor hundert Jahren Alte Musik auf die deutschen sinfonischen Großinstrumente „übersetzt“ hat. Diese brillante Interpretation der Interpretation erweist sich als ein spannendes musikhistorisches Experiment. Denn unsere Hörgewohnheiten lassen uns bei „Alter“ Orgelmusik, etwa von Georg Muffat, Johann Gottfried Walther, Johann Pachelbel oder Dieterich Buxtehude, andere Klänge erwarten. Lässt man sich auf die Version ein, die Sieling auf dieser CD präsentiert, dann wird man feststellen, dass die romantischen Klangfarben durchaus ihren Reiz haben.
Auch ohne Musikstudium ist Straube dann eine atemberaubende Karriere gelungen. 1897 wurde er Organist am Willibaldi-Dom in Wesel. 1903 übernahm er das Amt des Organisten an der Thomaskirche zu Leipzig, und er wurde zudem Dirigent des Chores des Leipziger Bachvereins, den er später in den Gewandhauschor integrierte. Seit 1907 lehrte er zudem Orgelspiel am Leipziger Konservatorium; Straube war auf Jahrzehnte der bedeutendste Orgellehrer Deutschlands, und prägte so die musikalische Landschaft bis in die 70er Jahre ganz entscheidend.
1918 wurde Karl Straube als Nachfolger von Gustav Schreck Thomas- kantor. 1919 gründete er das Kirchenmusikalische Institut Leipzig, das er nach dem Zweiten Weltkrieg entschlossen wieder etablierte und bis 1948 leitete. Sein Wirken ist geprägt durch die Suche nach dem perfekten Klang. Einerseits förderte er moderne Musik, wie die von Max Reger. Andererseits beschäftigte sich Straube intensiv mit den Werken der sogenannten Alten Meister – wie Buxtehude, Pachelbel, Muffat, aber auch Bach. Das führte ihn in der Konsequenz zur Abkehr von einer allzu romantischen Musik- auffassung.
Dabei nutzte Straube allerdings die klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten der spätromantischen Instrumente weidlich aus, die typischerweise über eine pneumatische Traktur und eine Crescendowalze verfügten. „Wie ich auf der Orgel artikulierte, habe ich in meiner Ausgabe ,Alte Meister des Orgelspiels’ vom Jahre 1904 und in der 1907 veröffent- lichten Sammlung ,Choralvorspiele alter Meister’ niederzulegen ver- sucht“, schrieb Straube schließlich in seinen Erinnerungen. „Ich gab damit Aufführungsvorschriften, die nicht einer nüchternen Überlegung am Schreibtisch entsprangen, sondern Ausdruck eines von dem nachprüfen- den Verstande kontrollierten, ursprünglich spontanen Empfindens waren.“
Domorganist Andreas Sieling hat einige der Werke aus Straubes Samm- lung „Alte Meister“ an der Großen Sauer-Orgel im Berliner Dom eingespielt – einem Instrument, das der Sauer-Orgel der Leipziger Thomaskirche so ähnlich ist, dass Sieling detailgetreu den Vorgaben Straubes folgen konnte. Der hatte seinen Notenband seinerzeit akribisch mit Angaben zu Register- wahl, Artikulation sowie zahlreichen dynamischen und agogischen Hin- weisen versehen.
Sieling zeigt, wie sein berühmter Kollege vor hundert Jahren Alte Musik auf die deutschen sinfonischen Großinstrumente „übersetzt“ hat. Diese brillante Interpretation der Interpretation erweist sich als ein spannendes musikhistorisches Experiment. Denn unsere Hörgewohnheiten lassen uns bei „Alter“ Orgelmusik, etwa von Georg Muffat, Johann Gottfried Walther, Johann Pachelbel oder Dieterich Buxtehude, andere Klänge erwarten. Lässt man sich auf die Version ein, die Sieling auf dieser CD präsentiert, dann wird man feststellen, dass die romantischen Klangfarben durchaus ihren Reiz haben.
Montag, 25. April 2011
Pachelbel: Clavier Music Vol. 2 (MDG)
Johann Pachelbel (1653 bis 1706) gehört zu jenen Organisten, die die süddeutsche Orgeltradition ent- scheidend mit prägten. Er begann seine musikalische Laufbahn als stellvertretender Organist in Wien am Stephansdom, ging 1677 als herzoglicher Hoforganist nach Eisenach, und wechselte 1678 an die Predigerkirche nach Erfurt. Dort gab er Johann Christoph Bach Orgelunterricht - und dieser wird sein frisch erworbenes Wissen mit seinem jüngeren Bruder Johann Sebastian geteilt haben. 1690 trat Pachelbel in den Dienst der Herzo- gin Magdalena Sybilla in Stuttgart, zog aber schon zwei Jahre später angesichts einer drohenden französischen Invasion weiter als Stadt- organist nach Gotha. 1695 kehrte er als Nachfolger seines früheren Lehrers Caspar Wecker an die Sebalduskirche in seine Heimatstadt Nürnberg zurück. Dort wirkte er bis zu seinem Tode 1706.
Pachelbel war ein Wanderer zwischen den Welten - als Organist und Komponist arbeitete er, wie viele andere Musiker auch, sowohl gemäß der süddeutsch-katholischen als auch der norddeutsch-protestanti- schen Musiktradition. Knappe Toccaten für den katholischen Gottes- dienst oder umfangreiche Choralbearbeitungen als Begleitmusik zum evangelischen Abendmahl - was der jeweilige Dienstherr wünschte, das schuf der Künstler.
Franz Raml spielt derzeit Pachelbels Werk für das audiophile Label Dabringhaus und Grimm ein. Kritisch muss man vorwegstellen: Die Silbermann-Orgel der Petrikirche Freiberg klingt zwar prächtig, er- scheint aber nicht gerade repräsentativ für die süddeutschen Orgeln jener Zeit. Eine überzeugende Begründung für die Auswahl dieses Instruments bleibt Raml auch im - ansonsten recht informativen - Beiheft schuldig.
Raml hat aus den verfügbaren Pachelbel-Editionen jeweils die ihn überzeugende ausgewählt; seine Entscheidung begründet er im Beiheft. Er registriert nachvollziehbar, und spielt grundsolide - auch am Cembalo hört man ihm gerne zu. Insofern darf man sich auf die Fortsetzung der Gesamtaufnahme freuen, die sich vermutlich noch einige Jahre hinziehen wird, und auch für die Zukunft die eine oder andere Entdeckung verspricht.
Pachelbel war ein Wanderer zwischen den Welten - als Organist und Komponist arbeitete er, wie viele andere Musiker auch, sowohl gemäß der süddeutsch-katholischen als auch der norddeutsch-protestanti- schen Musiktradition. Knappe Toccaten für den katholischen Gottes- dienst oder umfangreiche Choralbearbeitungen als Begleitmusik zum evangelischen Abendmahl - was der jeweilige Dienstherr wünschte, das schuf der Künstler.
Franz Raml spielt derzeit Pachelbels Werk für das audiophile Label Dabringhaus und Grimm ein. Kritisch muss man vorwegstellen: Die Silbermann-Orgel der Petrikirche Freiberg klingt zwar prächtig, er- scheint aber nicht gerade repräsentativ für die süddeutschen Orgeln jener Zeit. Eine überzeugende Begründung für die Auswahl dieses Instruments bleibt Raml auch im - ansonsten recht informativen - Beiheft schuldig.
Raml hat aus den verfügbaren Pachelbel-Editionen jeweils die ihn überzeugende ausgewählt; seine Entscheidung begründet er im Beiheft. Er registriert nachvollziehbar, und spielt grundsolide - auch am Cembalo hört man ihm gerne zu. Insofern darf man sich auf die Fortsetzung der Gesamtaufnahme freuen, die sich vermutlich noch einige Jahre hinziehen wird, und auch für die Zukunft die eine oder andere Entdeckung verspricht.
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