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Sonntag, 29. Mai 2022

Vivaldi: Stabat Mater (Erato)




 Für Jakub Józef Orliński ist Vivaldis Stabat Mater nicht irgendein Werk: „Seit ich in der Anfangszeit meines Studiums in Warschau einzelne Sätze zu Klavierbegleitung gesungen hatte, träumte ich von einer Aufführung der ganzen Komposition mit Orchester“, berichtet der Countertenor. 

Dieser Traum ist mittlerweile Wirklichkeit geworden. Seit knapp zehn Jahren pflegt Orliński Vivaldis Stabat Mater in seinem Konzertrepertoire, und die Corona-Zeit nutzte der Sänger nun, um auch ein Album aufzunehmen. Den Instrumentalpart übernahm dabei die Capella Cracoviensis unter Leitung von Jan Tomasz Adamus. 

Um es kurz zusammenzufassen: Dem polnischen Countertenor ist ohne Zweifel eine Referenzeinspielung gelungen. Orliński verzichtet auf jede vordergründige Demonstration stimmlicher Virtuosität. Er stellt seinen Gesang ganz in den Dienst am Text und macht damit die Trauer der um ihren gekreuzigten Sohn weinenden Mutter Maria fühlbar. Seine Interpretation ist durchweg schlüssig und von einer einzigartigen Intensität. 

Leider endet die CD bereits nach 18:25 Minuten. Die Audioaufnahme wird aber ergänzt durch ein Musikvideo, erstellt von Regisseur Sebastian Pańczyk mit Dobro Films und dem Sänger. 


Donnerstag, 13. April 2017

Pergolesi: Adriano in Siria (Decca)

Ein einziger fauler Apfel kann einen ganzen Keller voll Obst verderben – wenn er nicht rechtzeitig erkannt und entfernt wird. Damit lässt sich auch die Handlung dieser langen Oper kurz beschreiben, in der ein Tribun namens Aquilio ohne Rücksicht versucht,  seine Interessen durchzu- setzen. 
Im Mittelpunkt steht eine junge Dame, die Emirena heißt und dem parthischen Fürsten Farnaspe versprochen ist, sich aber nun nach der Niederlage ihres Vaters Osroa in der Hand des siegreichen Kaisers Adriano befindet. Hadrian wiederum – unter diesem Namen ist der Römer uns bekannt – hat sich in die schöne Gefangene verliebt, obwohl er eigentlich mit der römischen Edelfrau Sabina verlobt ist. Diese wiederum möchte Aquilio für sich gewinnen, und dazu ist ihm jede Intrige und jeder Vertrauensbruch recht. 
In seinem Libretto Adriano in Siria hat Pietro Metastasio aus dieser Konstellation drei komplette Akte lang eine komplizierte Geschichte mit allerlei Irrungen und Wirrungen erdacht. Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) nutzte Metastasios Text, als er 1734 im Auftrag für Karl, den König von Neapel, eine Oper zum Geburtstag seiner Mutter Elisabetta Farnese, Königin von Spanien, komponierte. Berühmt ist Pergolesi bis zum heutigen Tag als Schöpfer der Opera buffa La serva padrona sowie des populären Stabat mater. Dass der Komponist seinerzeit auch und vor allem für seine Opere serie gefeiert wurde, ist hingegen ein wenig in Vergessen- heit geraten. 
Jan Tomasz Adamus hat sich mit der Capella Cracoviensis und einem handverlesenen Solistenensemble nun einer dieser Opern zugewandt. Pergolesi schuf Adriano in Siria für grandiose Stimmen. So entstand die Partie des Farnaspe für Gaetano Majorano, bekannter unter dem Namen Caffarelli, ausgebildet durch Nicola Porpora. Dieser Kastrat galt seinerzeit als bester Sänger Italiens – und entsprechend umfangreich und anspruchs- voll ist sein Gesangspart. 
Den Adriano und seinen Vertrauten Aquilio übernahmen zwei Sopranistin- nen, die auf Hosenrollen spezialisiert waren. Auch die beiden Frauenrollen sind für Sopran geschrieben, und sie fordern neben vokaler Virtuosität durchaus auch Ausdruckstärke. Den Osroa schließlich sang ein hervor- ragender Tenor. 
Diese Besetzung mit fünf Sopranen und einem Tenor, zwei Männern und vier Frauen, erscheint in einem Zeitalter seltsam, in dem die Heldinnen auf der Bühne tunlichst nicht nur gut singen sollten, sondern auch möglichst wie ein Model jung und schlank aussehen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen (wahrscheinlich ist das Publikum heutzutage in seiner optischen Wahrnehmung geschulter als im Zuhören). Auch sind seit einigen Jahren wieder zahlreiche Countertenöre verfügbar, die mitunter selbst hohe Partien übernehmen können. 
Und so singt hier an der Seite von Franco Fagioli, der sich an die höchst schwierige Partie des Farnaspe wagt, der junge ukrainische Countertenor Juri Mynenko als Adriano. Der Aquilio hingegen blieb mit einer Frauen- stimme besetzt, mit der jungen türkischen Sängerin Çiğdem Soyarslan. Den Osroa, König der Parther, singt Juan Sancho; in den Rollen der Emirena und der Sabina sind Romina Basso und Dilyara Idrisova zu hören. 
Die Capella Cracoviensis musiziert auf historischen Instrumenten – mun- ter, mitunter auch emotionsgeladen, dabei aber stets klangschön. Wer Lust hat auf vokale Ausnahmeklänge, auf die hochartifizielle Gesangskunst einer längst versunkenen Opernkultur, die nunmehr schrittweise wieder rekonstruiert wird, der sollte sich insbesondere die Arien mit Franco Fagioli anhören. Es dürfte auf der ganzen Welt derzeit keine drei Sänger geben, die in der Lage sind, eine solche Partie live und ohne Striche zu bewältigen.

Dienstag, 26. Mai 2015

Charpentier & Lully: Te Deum (Alpha)

Zur Zeit des Barock war der soge- nannte ambrosianische Lobgesang, das Te Deum, in der höfischen und staatlichen Repräsentation sehr beliebt. Mit dem prunkvoll vertonten Hymnus wurden Krönungen und Geburten ebenso wie militärische Siege und Friedensverträge gefeiert. In der Collection Versailles bei Alpha sind nun zwei wirklich berühmte Te Deum-Vertonungen erschienen – die bekannten Kompositionen von Jean-Baptiste Lully und Marc-Antoine Charpentier. Vincent Dumestre hat sie mit den Ensembles Le Poeme Harmonique und der Capella Cracoviensis sowie den Gesangssolisten Amel Brahim-Djelloul, Aurore Bucher, Reinoud van Mechelen und Jeffrey Thompson eingespielt; die Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt aus der Cha- pelle Royale du Château de Versailles. Man staunt – doch offensichtlich sind die beiden populären Werke hier tatsächlich zum ersten Male auf einer CD vereint. Die beiden Vertonungen in der Manier der französischen Grand Motet geben dem Hörer einen Begriff jener legendären Pracht, mit der einst am Hofe des Sonnenkönigs gefeiert wurde. Dumestre allerdings vermeidet bei seiner Interpretation schwerfälligen Pomp und übertriebenes Pathos. Er betont statt dessen die kriegerischen und die tänzerischen Aspekte der Musik, und lässt zudem ausgesprochen flott musizieren. Rasanter habe ich Lullys Te Deum noch nie gehört – doch das Orchester ist dem Tempo gewachsen, und hat hörbar Vergnügen an diesem etwas anderen Zugang zu den höfischen Protokollklängen. Grandios! Das muss man gehört haben. 

Sonntag, 22. März 2015

Bach: Motets (Alpha)

Es gibt nicht viele Ensembles, die sich tatsächlich daran wagen können, die Kantaten und Motetten von Johann Sebastian Bach in solistischer Besetzung vorzutragen. Man benötigt dazu nicht nur extrem versierte Sänger, sondern auch sensible Instrumentalisten, die sich der kleinen Sängerschar geschmeidig anpassen, und einen musikalischen Leiter, der dazu in der Lage ist, auch kompliziertere Sätze gescheit zu strukturieren. 
Ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht funktioniert, gibt die Capella Craco- viensis mit ihrer Einspielung der Bach-Motetten bei Alpha. Wenn man diese Musik überzeugend vortragen will, genügt es leider nicht, atem- beraubend schnelle Koloraturen irgendwie singen zu können. Bachs geistliche Musik ist eben niemals nur Gesang, sie ist immer zugleich Textauslegung, sozusagen Predigt, in der Sprache der Musik formuliert. Dazu freilich wäre es schön, wenn man den Text auch verstehen könnte. 
Das mitunter sehr komplexe kontrapunktische Stimmengeflecht sinnvoll zu ordnen, wäre die Aufgabe von Fabio Bonizzoni gewesen, der hier als Dirigent und künstlerischer Leiter grandios scheitert. Dirigieren heißt, Entscheidungen zu treffen – und nicht nur, das Tempo vorzugeben. Auch Klangfarben und dynamische Differenzierung beispielsweise könnten erfreuen; man könnte Stimmen hervor- und zurücktreten lassen, Akzente setzen, oder schlicht Forte und Piano singen und spielen lassen. Doch wer Struktur und Gestaltung erwartet, der wird bei dieser Aufnahme enttäuscht. Der Sopran ist zudem ganz klar die dominierende Stimme, jedenfalls dann, wenn er mitsingt – und wenn er mal nicht mitsingt, dann vermisst man ihn mitunter, schmerzlich. Danke, nein, das geht so gar nicht.