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Freitag, 17. Juli 2020

Bach - Redemption (Alpha)

Redemption ist der Titel des neuen Albums, das Anna Prohaska gemeinsam mit der Lautten Compagney Berlin veröffentlicht hat. In einer Zeit, in der aufgrund der Gefahr durch den Corona-Virus Konzerte extrem selten geworden sind, haben sich die Sängerin und die Musiker zusammengefunden, um ausgewählte Stücke aus Kantaten von Johann Sebastian Bach einzuspielen. Das Programm hat zum Ziel, mit Musik in diesen Krankheits- und Krisenzeiten Trost zu spenden, den Hörern emotionale und kontemplative Räume zu eröffnen. 
Die Sopranistin hat dazu weit mehr anzubieten als nur schöne Töne. Allerdings weiß Bach für kranke Seelen eher jenseitigen Trost. „Ich ende behende mein irdisches Leben“ (BWV 57) – diese Vorstellung wird beim modernen Menschen ganz sicher keinen Jubel auslösen. Den meisten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts dürfte es eher seltsam erscheinen, mit Bach anzustimmen: „Ich habe genug. Drum wünsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden.“ (BWV 82a) Auch die Aufforderung „Bete aber auch dabei“ (BWV 115) wird wohl bei der Mehrheit Befremden auslösen. 
Inhaltlich also ist das mit der Erlösung so eine Sache. Musikalisch allerdings ist das Album wunderbar. Wie das Sängerquartett – in den Chören wirken neben Anna Prohaska auch Susanne Langner, Christian Pohlers und Karsten Müller mit – „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“ (BWV 25) anstimmt, das beispielweise ist ein ganz besonders Kabinettstückchen. Auch Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney weiß zum Ausdruck viel mit beizutragen. Und es ist in der Tat ein Trost, dass das Label Alpha die fertig geschnittene Aufnahme nur wenige Wochen nach der Einspielung digital auf den Markt gebracht hat. 

Freitag, 31. Januar 2020

Buxtehude:Ciaccona: Il Mondo che Gira (Alpha)

Eine beliebte Kompositionsmethode in der Barockzeit war es, ein Stück auf einem kurzen Thema im Bass aufzubauen, das beständig wiederholt wurde. Dieser gleichbleibende Ostinato-Bass gab den Musikern die Möglichkeit, Oberstimmen mit umso größerer Freiheit zu gestalten. Auch Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707) schätzte diese musikalische Technik, wie diese Einspielung beweist. Das Ensemble Stylus Phantasticus hat dafür nicht nur im Orgelwerk, sondern auch in etlichen anderen Kompositionen des norddeutschen Meisters Beispiele gefunden und zu einem attraktiven Programm zusammengestellt. 
Dieser Aufnahme zu lauschen, ist rundum ein Genuss. Neben Sonaten erklingen insbesondere die Passacaglia BuxWV 161 und die Ciaccona BuxWV 160 – und zwar in Arrangements für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo. Glanzpunkte setzen die Sopranistin María Cristina Kiehr mit der Solokantate Herr, wenn ich nur dich hab‘ BuxWV 38 sowie Víctor Torres mit Quemadmodum desiderat cervus BuxWV 92, einer Ciaccona für Bariton, zwei Violinen und Basso continuo. 
Das Ensemble präsentiert zudem eine Sonate von Dietrich Becker (um 1623 bis 1679), einem Zeitgenossen Buxtehudes, einem renommierten Violinisten, der zuletzt als Leiter der Ratsmusik und als Musikdirektor am Dom in Hamburg wirkte. Obwohl von ihm erstaunlich viele Werke überliefert sind, steht seine Wiederentdeckung noch bevor.  

Sonntag, 5. Mai 2019

Offenbach Colorature (Alpha)

Koloratur-Arien von Jacques Offenbach (1819 bis 1880)? Da fällt dem Musikfreund sofort Les oiseaux dans la charmille ein, jene ebenso brillante wie stupide Arie der Olympia aus Les contes d’Hoffmann
Der Komponist, der ursprünglich Jakob hieß und in Köln zur Welt kam, war der Sohn eines Kantors. 1833 reiste sein Vater Isaac  mit ihm und seinem Bruder Julius nach Paris, um den talentierten Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermögli- chen. Und obwohl Ausländer eigentlich damals nicht am Conservatoire national studieren durften, gelang es Jakob, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. 
1835 erhielt Jacques, wie er sich nun nannte, eine Anstellung als Cellist an der Opéra-Comique. Er begann zu komponieren, und wirkte bald auch als Kapellmeister. Schaut man in seine Noten aus jener frühen Zeit, so fällt auf, dass die Orchester, für die er komponierte, zwar klein waren – aber es muss an nahezu jedem Theater, und war es noch so unbedeutend, exzellente Sängerinnen gegeben haben. Ihr Rollenfach nannte sich chanteuse d'agilité, chanteuse à roulade oder première chanteuse légère – und ihre Virtuosität muss atemberaubend gewesen sein. 
Auf dieser CD stellt die belgische Sopranistin Jodie Devos eine Auswahl an Koloratur-Arien vor, die Jacques Offenbach für diese Sängerinnen geschrieben hat. Der Komponist nutzte die Koloratur gern als Stilmittel für Komik und Spötterei; man höre nur die Arie der Prinzessin, Je suis nerveuse, aus Le Voyage dans la lune. Ganz großes Kino! Devos beherrscht diese hohe Kunst der Stichelei ebenso souverän wie die großen Bögen, die etwa La Mort m'apparaît souriante aus Orphée aux Enfers verlangt. 
Mit Geschmack, Leichtigkeit und beeindruckender Geschmeidigkeit meistert die junge Sängerin Offenbachs musikalische Höhenflüge. Dabei wird sie durch das Münchner Rundfunkorchester unter Laurent Campel- lone aufs Beste begleitet. Ein schönes Geschenk zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach! 

Montag, 15. Oktober 2018

Buxtehude: Abendmusiken (Alpha)

Dass Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) nicht nur ein exzellenter Organist war, sondern auch grandiose Vokal- und Instrumental- musik komponiert hat, dürfte unter Musikfreunden heutzutage – zumal nach der Gesamteinspielung seiner Werke, die wir Ton Koopman verdanken – wieder bekannt sein. 
Buxtehude hatte einst als Organist der Marienkirche in Lübeck zu den sogenannten Abendmusiken eingeladen. Diese Konzerte erklangen außerhalb des Gottesdienstes alljährlich an fünf Sonntagen in der Vorweihnachtszeit, und die besten Musiker der Stadt wirkten daran mit. So wurden sie bald zu einem Ereignis, das selbst in Reiseführern erwähnt wurde. Buxtehude leitete sie nicht nur, er schrieb auch Werke dafür. 
Dass die Menschen teilweise weite Wege auf sich nahmen, um diese Abendmusiken zu erleben, wird verständlich, wenn man diese CD angehört hat. Die Instrumentalisten vom Ensemble Masques, geleitet von Olivier Fortin, und die Sänger von Vox Luminis um den Bassisten Lionel Meunier präsentieren ein Programm, wie es durchaus seinerzeit in Lübeck erklungen sein könnte. Zwischen den fünf (!) Kantaten wurden außer- ordentlich reizvolle Triosonaten platziert. Und musiziert wird einmal mehr begeisternd; die Einspielung ist erstklassig, von beinahe überirdi- scher Leuchtkraft und Schönheit. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 30. Januar 2018

Mozart: Complete Flute Quartets (Alpha)

Einspielungen von Mozarts Flöten- quartetten gibt es in großer Zahl. Diese hier ist in einem spektakulären Konzertsaal entstanden: Die Ferme de Villefavard ist ein ehemaliger Bauernhof im Limousin; einen früheren Getreidespeicher dort haben Architekt Gilles Ebersoft und der renommierte Akustiker Albert Yaying Xu in einen Saal mit einer phantasti- schen Atmosphäre umgewandelt. In dieser ländlichen Idylle, fernab vom Lärm und vom Trubel der Großstadt, haben Juliette Hurel und das Qua- tuor Voce diese CD aufgenommen. 
Juliette Hurel hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen, und ist seit 1998 Solo-Flötistin des Rotterdam Philharmonic Orchestra; seit 2010 unterrichtet sie zudem am Rotterdamer Konservatorium. Das Quatuor Voce, 2004 gegründet, wurde ebenfalls vielfach ausgezeichnet; es gehört zu den besten Streichquartetten Frankreichs. 
Wenn sich derart renommierte Musiker zusammenfinden, dann erhofft man sich davon natürlich eine großartige Einspielung. In diesem Falle wurde ich aber ein wenig enttäuscht. Das liegt zum einen daran, dass diese Aufnahme auch akustisch die Flöte stark in den Vordergrund stellt. Man wünscht sich, Cécile Roubin bzw. Sarah Dayan, Violine – die sich fair in die Geigenparts teilen – Guillaume Becker, Viola und Lydia Shelley, Violoncello, weniger als Begleitformation, und viel deutlicher als Kammermusikpartner wahrnehmen zu können. Musikalisch würde sich das lohnen. 
Gespielt wird frisch bis forsch, was heute offenbar modern ist – aber der Grat zwischen lebendig und hektisch ist mitunter ein sehr schmaler. Und mir persönlich ist ein sanglicher Mozart mit schönen Linien und gekonnter Phrasierung allemal lieber als ein bemüht origineller. 

Montag, 27. November 2017

Actus Tragicus - Bach Cantatas BWV 106, 150,131, 12 (Alpha)

Schon vor einiger Zeit hatte das Ensemble Vox Luminis mit einer Veröffentlichung von Motetten aus dem sogenannten Alt-Bachischen Archiv – einer von Johann Sebastian Bach sorgsam zusammengetragenen Kollektion von Werken seiner Vorfahren – für Furore gesorgt. Nun haben sich die Sänger und Musiker unter der Leitung von Lionel Meunier dem Schaffen des jungen Bach zugewandt, und für Alpha Trauerkantaten aus seinen frühen Jahren eingespielt. Die CD beginnt mit Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit BWV 106. Kaum zu glauben, dass es sich bei diesem Actus Tragicus um ein Werk handelt, das Bach mit Anfang Zwanzig komponiert haben soll. Auch Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu Dir BWV 131 wird auf das Jahr 1707 datiert; es wird vermutet, dieses Meisterwerk der Textausdeutung könnte die erste Kantate Bachs überhaupt gewesen sein. 
Die beiden Kantaten Nach dir, Herr, verlanget mich BWV 150 und Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen BWV 12 komplettieren die Einspielung. Vox Luminis interpretiert diese Trauermusiken in Minimalbesetzung – und das höchst eindringlich. Mein persönlicher Favorit ist hierbei der Actus Tragicus, vorgetragen von vier Gesangssolisten, zwei Blockflötisten, zwei Gamben und Orgel. Phantastisch! 

Montag, 13. November 2017

Passagio - Eine barocke Alpenüberquerung (Alpha)

Der Elefant auf dem Cover täuscht – es geht nicht um die Alexanders dieser Welt, sondern um Musiker, die die Alpen überquerten; im 16. und
17. Jahrhundert war dies noch ein strapaziöses und sicherlich auch nicht ganz ungefährliches Unter- fangen. Doch Instrumentalisten und Sänger aus Italien waren an europäischen Höfen gesucht, und umgekehrt reisten ihre Kollegen in den Süden, um in Italien zu lernen und sich mit den aktuellen Trends vertraut zu machen. 

Das Duo Ombra e Luce spürt auf dieser CD den Auswirkungen nach, die dieser Austausch auf die Musik Europas hatte. Dazu haben Georg Kallweit und Björn Colell Musik für Violine und Laute eingespielt; die ausgewählten Werke zeigen, dass Komponisten seinerzeit nicht einmal selbst auf die Reise gehen mussten, um südliche Inspiration zu erfahren. Johann Heinrich Schmelzer beispielsweise, erst Geiger und später Hofkapellmeister in Wien, war nie in Italien. 
Georg Muffat hingegen hat sowohl bei Jean-Baptiste Lully als auch bei Arcangelo Corelli studiert. In seinem Schaffen integrierte er die verschiedensten stilistischen Einflüsse. Eine Lektion in Musikgeschichte freilich geben Georg Kallweit und Björn Colell eher im Hintergrund. In erster Linie präsentieren die beiden Musiker ein gut abgestimmtes Programm, in dem sie sowohl die Geige als auch Theorbe, Chitarrone und Barockgitarre mit ebenso virtuosen wie wohlklingenden Musikstücken auf das Beste ins Licht rücken. 
Und wie dieses Duo musiziert, das ist sensationell – Kallweit und Colell lassen die Klänge atmen; alles wirkt so lebendig und spontan, ganz als wäre diese Musik gerade eben entstanden. Das ist große Kunst, die den Hörer beglückt. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 30. Juli 2017

Haydn 2031 - No. 4 - Il distratto (Alpha)

Mit Blick auf das bevorstehende Haydn-Jubiläum – im Jahre 2032 jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 300. Male – hat Giovanni Antonini mit seinem Ensemble Il Giardino Armonico sowie dem Kammerorchester Basel eine Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien gestartet. Die Joseph Haydn Stiftung Basel, unter deren Dach das Projekt organisiert wird, konnte als Partner dafür das renommierte Label Alpha gewinnen. Gestaltet werden die Publikationen zudem unter Mitwirkung von Foto- grafen der Agentur Magnum. 
Mittlerweile sind, jeweils auf CD und auf Vinyl, die ersten Folgen dieser Edition erschienen. Antonini ordnet die Sinfonien dabei nicht chrono- logisch, sondern inhaltlich – und ergänzt Haydns Werke stets auch um Musik seiner Zeitgenossen.  Im Mittelpunkt von CD Nummer vier, beispielsweise, steht die Sinfonie Nr. 60 in C-Dur mit dem vielsagenden Titel „Per la Commedia intitolata Il Distratto“
„Der theatralische Charakter der Sinfonien Haydns voller Überraschun- gen und plötzlicher Stimmungswechsel ist wohlbekannt“, merkt Antonini an. „Doch die Sinfonie Nr. 60 ,Il distratto' (zu Deutsch: ,Der Zerstreute') porträtiert nicht nur einige Situationen und Figuren aus der gleich- namigen Komödie Jean-François Regnards (..), sie präsentiert das Orchester selbst als den Schauspieler.“ 
Der Komponist hat Vergnügen am geistreichen Scherzen: „Schon im eröffnenden Presto beginnen die Musiker plötzlich eine ganze Passage der Sinfonie Nr. 45 (der ,Abschiedssinfonie') zu spielen: Sie sind ,zerstreut' und spielen das falsche Stück“, erläutert der Dirigent im Beiheft. „Oder wenige Takte nach dem Beginn des letzten Satzes (der vielleicht bekanntesten Stelle der Sinfonie): Die Violinen setzen aus, stimmen die vierte Saite, was sie zuvor vergessen hatten, um den von vorne zu beginnen.“ 
Dazu passt ganz vorzüglich Il Maestro di cappella von Domenico Cimarosa (1749 bis 1801), das musikalische Bild einer Orchesterprobe, in welcher der Kapellmeister – gesungen wird diese Partie hier vom Bariton Riccardo Novaro – einige Mühe damit hat, seine undisziplinierten Truppen zu bändigen. Und dann muss er plötzlich allein weitersingen; wahrscheinlich ist die Probenzeit abgelaufen. Eine ebenso kuriose wie realistische Situation, das gibt es noch heute, wirklich. 
Komplettiert wird die CD durch Haydns Sinfonie Nr. 12, inklusive Zitat aus Pergolesis Oper La serva padrona, sowie die Sinfonie Nr. 70, die zur Grundsteinlegung des neuen Opernhauses im Schloss Eszterháza erstmals erklungen ist – und das Öffnen der Vorhänge musikalisch schon einmal vorwegnimmt. 
Musiziert wird sehr präzise, aber immer mit Esprit, klangvoll, schwung- voll. Eine gelungene Aufnahme, die Lust macht auf die Fortsetzungen. Davon wird es wohl noch etliche geben; Haydn hat 107 Sinfonien kompo- niert. 

Samstag, 15. April 2017

Neukomm: Requiem à la mémoire de Louis XVI (Alpha)

Als der Wiener Kongress 1814/15 über die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons beriet, gedachten die Beteiligten mit einer feierlichen Messe auch des Königs Ludwig XVI., der 1793 in Paris guillotiniert worden war. Die Musik für dieses Totengedenken lieferte Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858), der Hauskomponist Talleyrands. 
Es ist erstaunlich, aber dieser Musiker ist heute nahezu vergessen. Dabei war er zu Lebzeiten auf drei Kontinenten tätig, und enorm erfolgreich. Sigismund Neukomm, der Sohn eines Salzburger Lehrers, war ein Wunderkind. Im zarten Alter von vier Jahren soll er bereits fließend gelesen haben; wenig später begann seine musikalische Ausbildung. So erlernte der Knabe das Orgelspiel beim Domorganisten Franz Xaver Weissager. Er musizierte zudem auf Streich- und Blasinstrumenten, und erhielt Unterricht in Harmonielehre bei Michael Haydn. 
Als er 16 Jahre alt war, wurde Neukomm Titularorganist der Salzburger Universitätskirche; außerdem war er als Korrepetitor am Theater tätig. 1797 ging er schließlich mit einer Empfehlung seines Lehrers Michael Haydn nach Wien, wo er erst Schüler und bald auch Mitarbeiter Joseph Haydns wurde. Für diesen erstellte er beispielsweise die Klavierauszüge der Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten
Außerdem unterrichtete Neukomm; seine wohl bekanntesten Schüler waren Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas Mozart. Das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart schätzte Neukomm übrigens sehr – und nach dem Tode Joseph Haydns 1809 stiftete er diesem den Grabstein. 
Der Musiker war ausgesprochen reisefreudig. Er wirkte als Kapellmeister in St. Petersburg und in Rio de Janeiro; wenn er nicht unterwegs war, dann lebte er zumeist in Paris. Im Laufe seines langen Lebens schuf Neukomm unglaublich viele Musikstücke, von der Oper bis zum Klavierkonzert und vom Lied bis zum Oratorium. Sein ebenso umfangreiches wie qualitätvolles Lebenswerk ist im Konzertsaal allerdings derzeit faktisch nicht präsent. Die französische Nationalbibliothek besitzt etwa 2.000 Manuskripte des Komponisten, doch dieser Bestand soll bislang schlecht erschlossen sein. Noteneditionen sind rar. 
Umso mehr freut diese Einspielung der Trauermusik, die einst in Wien zum Gedenken an den hingerichteten König von Frankreich erklungen ist. Neukomms Musik ist imposant, und dabei ausgesprochen nobel und elegant. Jean-Claude Malgoire hat diese Trauerklänge mit dem Ensemble La Grande Écurie et la Chambre du Roy sowie dem Chœur de Chambre de Namur würdig eingespielt. Clémence Tilquin, Yasmina Favre, Robert Getchell und Alain Buet sind in den Solopartien zu hören. Musiziert wird voll Respekt, sehr gekonnt und historisch authentisch – so erklingen beispielsweise eine Ophicleide, ein auch von Mendelssohn, Berlioz, Verdi und Wagner verwendetes Blechblasinstrument, das später im Orchester durch die Tuba ersetzt wurde, und ein Tamtam, ein großer Gong unbe- stimmter Tonhöhe, der aus Ostasien stammt und in Frankreich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezielt als Effektinstrument bei Trauermusiken eingesetzt wurde. 
Neukomms Trauermusik ist ein Werk mit einer einzigartigen Aura. Dieses Requiem, das der Komponist ursprünglich zu Ehren seiner Lehrer, der Gebrüder Haydn und des Organisten Weissager, zu Papier gebracht hatte, gehört für mich zu den schönsten Werken der Funeralmusik überhaupt. Was für eine Entdeckung! 

Dienstag, 17. Januar 2017

Le Théâtre musical de Telemann (Alpha)

Mit großer Neugier und Offenheit hat Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) anderen Musikern zugehört – egal, ob diese „gelehrt“ oder eher rustikal, bei Hofe oder aber auf dem Dorfplatz zum Tanz aufspielten. Er selbst berichtet, während seiner Zeit in Sorau habe er „sowohl daselbst, als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit“ kennenge- lernt. Der junge Telemann zeigte
sich fasziniert: „Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben er- schnappen.“

Was Telemann in Polen „erschnappt“ hat, das präsentieren Olivier Fortin und sein Ensemble Masques auf dieser CD: Das Concerto poloniosy TWV 43:G7 ist in dieser Hinsicht sogar für die experimentierfreudige Barock- musik ein Solitär. Zwar haben auch andere Komponisten seinerzeit Werke geschrieben, die – stilisiert – Anklänge an andere Länder bieten. Selbst Bach hat in seinen Werken hier und da ein Volkslied zitiert. Doch Anlei- hen bei der Volksmusik in diesem Umfang finden sich in der Musikge- schichte erst wieder bei Haydn und Beethoven.
Die CD startet allerdings ganz konventionell mit der Ouverture – Suite in A-Dur TWV 55:A1. In der Ouverture – Suite TWV 55:B5 Les Nations, die traditionell französisch beginnt, geht die Reise dann bis in die Türkei. Vertreten sind auch die Moskowiter, mit einer sehr kuriosen Melodie, sowie die Schweizer in Form von singenden und tanzenden Sennern. Nach einem fröhlichen Zwischenstop in Portugal kommen dann zum Schluss Les Boiteux und Les Coureurs in den Genuss der Telemannschen Charak- terisierungskunst, die Lahmen und die Läufer, was nach einer Fußreise entlang einer solchen Strecke durchaus nachvollziehbar erscheint. 
Ähnlich witzig ist die Ouverture – Suite TWV 55:G10 Burlesque de Quixotte, in der man den Helden bei einigen seiner Abenteuer erleben kann; so beim Kampf mit den Windmühlen oder aber beim Galopp auf seiner Rosinante – wirklich sehr komisch! – gefolgt von Sancho Pansa auf dem Esel. Die Musiker um Olivier Fortin tragen diese Klänge zwar entsprechend ausdrucksstark vor, aber immer nobel, nie karikierend. Mit dieser Einspielung ist dem Ensemble Masques ein würdiger Auftakt zum Telemann-Jahr 2017 gelungen – und man darf schon gespannt sein, welche Entdeckungen aus dem überaus umfangreichen Oeuvre des Kompo- nisten das Jubiläum noch mit sich bringt. 

Dienstag, 6. Dezember 2016

Noel Baroque (Alpha)

Lorsque Sofi Jeannin m'a fait part de son désir de faire chanter Noël à ses maîtrisiens, je m'en suis réjoui“, berichtet François Lazarevitch. Denn der Flötist und Leiter des Enembles Les Musiciens de Saint-Julien sammelt schon seit längerem Noten mit dem Ziel, ein solches Programm zusammenzustellen. 
Weihnachtsmusik aus französischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts – das bedeutet in erster Linie Instru- mentalmusik, von Marc-Antoine Charpentier, Michel-Richard Delalande, Claude Balbastre, Jean-François Dandrieu, Louis-Claude Daquin und anderen namhaften Komponisten. In ihrem Werken, ganz im opulent-barocken Stil ihrer Zeit, haben sie die alten Volksweisen „verarbeitet“. 
Lazarevitch hat nun die Texte dazu ausfindig gemacht und dann unter den vorhandenen Werke jene ausgewählt, zu denen die Verse am besten passten. Sorgsam hat er die vergessenen Lieder rekonstruiert, und dabei das musikalische Material dem Text sowie der vorhandenen Besetzung angepasst. 
Die Kinder und Jugendlichen der Maîtrise de Radio France präsentieren unter Leitung von Sofi Jeannin diese wiedererweckten Noëls, die immer auch noch ein wenig ihre barocke Gestalt behalten. Es ist nicht zu überhören, dass die Mitglieder dieses Chores mit Sorgfalt ausgewählt und ausgebildet werden. Sie singen wirklich berückend. Nicht unwesentlich tragen auch Les Musiciens de Saint-Julien zu dem Zauber dieser CD mit bei; man höre nur Corellis berühmtes Weihnachtskonzert, hier gespielt mit Blockflöten und Fagott. Spannend erscheint zudem, dass die Noëls oben- drein die kulturelle Vielfalt Frankreichs spiegeln, mit einer Vielzahl von verschiedenen regionalen Mundarten und Akzenten. Sehr stimmungsvoll! 

Montag, 10. Oktober 2016

Serpent & Fire (Alpha)

Dido und Cleopatra, literarische Figuren, die noch nach Jahr- hunderten Maler, Dichter und Komponisten inspirierten, hat die Sopranistin Anna Prohaska zum Mittelpunkt dieser CD erkoren. Cleopatra war die letzte Königin des Pharaonenreiches. Um ihre Herrschaft zu sichern, verbündete sie sich mit den Römern, insbesondere mit Gaius Iulius Caesar und, nach dessen Ermordung, mit dem Feldherrn Marcus Antonius. Als dieser von Octavian geschlagen wurde, folgte sie mit ihm in den Tod; die Legende besagt, dass sie sich von einer Schlange beißen ließ. 
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont. 
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres! 

Dienstag, 16. Februar 2016

Bach: The Well-Tempered Clavier; Desenclos (Alpha)

Eine berühmte Sammlung, und vier Instrumente – Frédéric Desenclos spielt Bachs Wohltemperirtes Clavier auf der Orgel. Dazu hat er höchst unterschiedliche Instrumente ausgewählt: Die Orgel der Oud Katholieke Kerk La Haye wurde 1726 von Rudolph Garrel gebaut, einem Lehrling von Arp Schnitger. Das Instrument wurde in den 90er Jahren durch die Firma Flentrop rekonstru- iert. Es steht in Kirnberger III-Stimmung. Eine andere Stimmung, Neidhart, hat die Orgel der Grote of Sint-Maartenskerk Zaltbommel. Sie wurde in den Jahren 1783 bis 1786 von Andries Wolfferts errichtet, wobei Pfeifen eines älteren Instrumentes von Matthias Verhofstadt mit verwendet wurden. Diese Orgel ist im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut worden; in den 80er Jahren wurde sie durch den Orgelbauer Blank restauriert. 
In der Kirche Notre Dame Saint-Vincent von Lyon befindet sich eine moderne Orgel aus dem Jahre 1994, von Bernard Aubertin und Richard Freytag. Sie wurde nach norddeutschem Vorbild konzipiert und gilt als ideales Instrument, um die Musik Bachs zu spielen. Von süddeutschen Orgeln inspiriert hingegen ist das Instrument, das Rémy Mahler 1999 für die Kirche Saint-Etienne im baskischen Baigorry gebaut hat. Sie ist 1/6 Komma mitteltönig gestimmt. 
Desenclos spielt Bachs 48 Präludien und Fugen an diesen vier Orgeln – und gibt dabei eine Lehrstunde in Klangcharakteristika wie in Hörge- wohnheiten. Nicht auf jedem Instrument kommen Bachs berühmte Stücke gleichermaßen zur Geltung. Es ist erstaunlich, wie sehr doch winzige Unterschiede in der Intonation den Gesamtklang beeinflussen. Ob man dazu allerdings eine solche Box veröffentlichen muss, das erscheint mir fraglich. 

Sonntag, 22. November 2015

Telemann: Ouverture & Concerti pour Darmstadt (Alpha)

Obwohl er selbst ein herausragender Komponist war, hat Christoph Graupner, Kapellmeister am Darm- städter Hof, eine große Sammlung mit Werken seines Zeitgenossen Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) zusammengetragen. So kam die Notenbibliothek des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, heute in der Universitäts-und Landes- bibliothek der Technischen Univer- sität Darmstadt, zu der bei weitem größten Kollektion Telemannscher Werke. Die Abschriften, erstellt entweder von Graupner selbst oder durch seinen Stellvertreter Samuel Endler, bezeugen zum einen, wie sehr Telemann seinerzeit geschätzt wurde. Zum anderen sind sie auch ein Beleg dafür, wie exzellent Graupners Hofkapelle gewesen sein muss. 
Das Ensemble Les Ambassadeurs beweist mit dieser CD, dass Telemann nicht in jedem Falle ein Komponist für die Musikschule gewesen ist. Man höre nur die virtuosen Hornpartien in der jagdlich geprägten Ouvertüre TWV 55: F3. Sie werden von Jean-Francois und Pierre-Yves Madeuf auf Naturhörnern geblasen – und wie! 
Reizvoll, aber auch ziemlich anspruchsvoll sind die beiden Flötenkonzerte TWV 51: D1 und D2 sowie das aparte Violinkonzert a-Moll TWV 51: a1. Besonders beeindruckend fand ich aber das Konzert für Traversflöte und Violine in e-Moll TWV 52:e3 in seiner überaus kunstvollen, kühnen Gestaltung und seiner raffinierten Textur. Alexis Kossenko, Traversflöte und Ensembleleitung, spielt hier im geistreichen musikalischen Wettstreit mit Zefira Valova, Solo-Violine. Die Musiker von Les Ambassadeurs interpretieren „ihren“ Telemann brillant, lebendig und farbenreich – meine Empfehlung! 

Dienstag, 3. November 2015

Weichlein: Opus 1, 1695 (Alpha)

Die Encaenia Musices von Andreas Franz („Romanus“) Weichlein (1652 bis 1706) stehen auch im Mittelpunkt einer weiteren CD, die bei dem Label Alpha erschienen ist. Das Ensemble Masques, bei drei Stücken unterstützt durch Skip Sempe, stellt ausgewählte Sonaten daraus in Beziehung zur Musik von Zeitgenossen. Dabei wird zum einen deutlich, wie eng verwandt Weichleins Musik jener etwa von Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704) ist. Zum anderen zeigen die Musiker auf, dass Ostinatotechniken seinerzeit gern genutzt wurden, um Virtuosität zu demonstrieren. Weichlein hatte dazu allen Anlass – widmete er doch seine Sonaten keinem geringeren als Leopold I. und schrieb in seiner Widmung, er hoffe, dass sie auch von der Hofkapelle gespielt wür- den. Der Kaiser beherrschte selbst mehrere Instrumente und komponierte. 
Allerdings wirkt die Musik, wie sie das Ensemble Masquerades auf dieser CD präsentiert, eher meditativ als vordergründig konzertant. Eine Ent- deckung ist das allemal; und vielleicht werden irgendwann einmal auch die nur handschriftlich überlieferten Werke von Romanus Weichlein erschlos- sen – es könnte sich lohnen. 

Dienstag, 26. Mai 2015

Charpentier & Lully: Te Deum (Alpha)

Zur Zeit des Barock war der soge- nannte ambrosianische Lobgesang, das Te Deum, in der höfischen und staatlichen Repräsentation sehr beliebt. Mit dem prunkvoll vertonten Hymnus wurden Krönungen und Geburten ebenso wie militärische Siege und Friedensverträge gefeiert. In der Collection Versailles bei Alpha sind nun zwei wirklich berühmte Te Deum-Vertonungen erschienen – die bekannten Kompositionen von Jean-Baptiste Lully und Marc-Antoine Charpentier. Vincent Dumestre hat sie mit den Ensembles Le Poeme Harmonique und der Capella Cracoviensis sowie den Gesangssolisten Amel Brahim-Djelloul, Aurore Bucher, Reinoud van Mechelen und Jeffrey Thompson eingespielt; die Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt aus der Cha- pelle Royale du Château de Versailles. Man staunt – doch offensichtlich sind die beiden populären Werke hier tatsächlich zum ersten Male auf einer CD vereint. Die beiden Vertonungen in der Manier der französischen Grand Motet geben dem Hörer einen Begriff jener legendären Pracht, mit der einst am Hofe des Sonnenkönigs gefeiert wurde. Dumestre allerdings vermeidet bei seiner Interpretation schwerfälligen Pomp und übertriebenes Pathos. Er betont statt dessen die kriegerischen und die tänzerischen Aspekte der Musik, und lässt zudem ausgesprochen flott musizieren. Rasanter habe ich Lullys Te Deum noch nie gehört – doch das Orchester ist dem Tempo gewachsen, und hat hörbar Vergnügen an diesem etwas anderen Zugang zu den höfischen Protokollklängen. Grandios! Das muss man gehört haben. 

Sonntag, 22. März 2015

Bach: Motets (Alpha)

Es gibt nicht viele Ensembles, die sich tatsächlich daran wagen können, die Kantaten und Motetten von Johann Sebastian Bach in solistischer Besetzung vorzutragen. Man benötigt dazu nicht nur extrem versierte Sänger, sondern auch sensible Instrumentalisten, die sich der kleinen Sängerschar geschmeidig anpassen, und einen musikalischen Leiter, der dazu in der Lage ist, auch kompliziertere Sätze gescheit zu strukturieren. 
Ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht funktioniert, gibt die Capella Craco- viensis mit ihrer Einspielung der Bach-Motetten bei Alpha. Wenn man diese Musik überzeugend vortragen will, genügt es leider nicht, atem- beraubend schnelle Koloraturen irgendwie singen zu können. Bachs geistliche Musik ist eben niemals nur Gesang, sie ist immer zugleich Textauslegung, sozusagen Predigt, in der Sprache der Musik formuliert. Dazu freilich wäre es schön, wenn man den Text auch verstehen könnte. 
Das mitunter sehr komplexe kontrapunktische Stimmengeflecht sinnvoll zu ordnen, wäre die Aufgabe von Fabio Bonizzoni gewesen, der hier als Dirigent und künstlerischer Leiter grandios scheitert. Dirigieren heißt, Entscheidungen zu treffen – und nicht nur, das Tempo vorzugeben. Auch Klangfarben und dynamische Differenzierung beispielsweise könnten erfreuen; man könnte Stimmen hervor- und zurücktreten lassen, Akzente setzen, oder schlicht Forte und Piano singen und spielen lassen. Doch wer Struktur und Gestaltung erwartet, der wird bei dieser Aufnahme enttäuscht. Der Sopran ist zudem ganz klar die dominierende Stimme, jedenfalls dann, wenn er mitsingt – und wenn er mal nicht mitsingt, dann vermisst man ihn mitunter, schmerzlich. Danke, nein, das geht so gar nicht. 

Montag, 13. Januar 2014

Deux siècles d'orgue (Alpha)

Die Orgel in der Chapelle Royale, der königlichen Kapelle im Schloss von Versailles, befindet sich direkt über den Hochaltar. Der Organist, der dort Dienst tut, sitzt mit dem Rücken zum Altar und zur Ge- meinde, inmitten von reichem Schnitzwerk in edlem Weiß und reichlich Blattgold. Über ihm an der Decke befindet sich das Gemälde Die Auferstehung Christi von Charles de La Fosse. Was für ein Arbeitsplatz! Auch das Instru- ment selbst ist angemessen prächtig. Die Orgel hat vier Manuale und Pedal sowie 38 Register. Sie wurde von Robert Clicquot und Julien Tribuot 1710 erbaut, zur Orgelweihe 1711 musizierte Francois Couperin. 
Die französische Revolution überlebte das Instrument, allerdings derangiert, so dass zwischen 1871 und 1873 der berühmte Orgel- bauer Aristide Cavaillé-Coll mit der Rekonstruktion beauftragt wurde. Er installierte eine neue, romantische Orgel, dem Zeitgeschmack entsprechend. Sie gefiel aber schon 1938 nicht mehr, und wurde durch einen Neubau von Victor Gonzalez ersetzt. Als in den 90er Jahren die Kapelle restauriert wurde, entschied man sich dafür, die ursprüngliche Clicquot-Orgel wieder herzustellen. Jean-Loup Boisseau und Bertrand Cattiaux übernahmen diese Aufgabe. Dabei konnten sie den alten Spieltisch nutzen, der noch vorhanden war. Erhalten war auch ein geringer Teil des originalen Pfeifenwerks. Als Vorbild diente zudem die Clicqout-Orgel in Houdan, die ohne wesent- liche Eingriffe und Umbauten über die Jahrhunderte gekommen war. Daran konnten sich Boisseau und Cattiaux orientieren; der Klang der beiden Instrumente ist in der Tat sehr ähnlich. Somit steht heute in der Chapelle Royale wieder eine „echte“ französische Barockorgel zur Verfügung. 
Als Organisten wirken dort derzeit Michel Bouvard, Professor für Orgel am Pariser Konservatorium und Organist an der Cavaillé-Coll-Orgel der Basilika Saint-Sernin in Toulouse, Frédéric Desenclos, Pro- fessor für Orgel am Konservatorium in Orléans, Francois Espinasse, Professor für Orgel am Konservatorium Lyon und Organist der Kirche Saint-Severin in Paris, sowie Jean-Baptiste Robin, Professor für Orgel am Konservatorium von Versailles und Ehrenorganist an der Francois-Henri Clicqout-Orgel der Kathedrale von Poitiers. Sie teilen sich auch in die Aufnahmen auf der vorliegenden Doppel-CD, die ein klingendes Porträt der Orgel in der Chapelle Royale ist – und zugleich an die Organisten erinnert, die dieses Instrument früher gespielt und dafür Musik komponiert haben. 
So präsentieren sie zwei Jahrhunderte französische Orgelmusik, wie sie unter den Königen Ludwig XIV. bis XVI. die höfische Liturgie begleitet hat. Und die Clicquot-Orgel klingt in der Tat berückend. Zu hören ist Musik von Nicolas Lebègue, Jacques-Denis Thomelin, Guillaume-Gabriel Nivers, Francois Couperin, Louis Marchand, Jean-Francois Dandrieu, Claude Bénigne Balbastre und Louis Claude Daquin. Ein prachtvolles Beiheft mit zahlreichen Bildern und ausführ- lichen Einführungstexten – leider unverkürzt nur in französischer Sprache, etwas knapper auch auf Englisch – vermittelt zusätzliche Eindrücke und Informationen. 

Freitag, 24. Mai 2013

Vivaldi: per l'Orchestra di Dresda (Alpha)

„L’orchestre qui est le mieux distribué et forme l’ensemble le plus parfait, est l’Orchestre de l’Opéra du Roi de Pologne à Dresde“, urteilte Jean-Jacques Rosseau in seinem Dictionnaire de musique. August der Starke war schwer beeindruckt von den Musi- kern Ludwigs XIV., die er auf seiner Kavalierstour in Versailles gehört hatte, und formierte seine Hofkapelle nach diesem Vorbild neu. So waren bald auch in Dres- den Bogenstrich und Ensembledisziplin wie bei den Les Vingt-Quatre Violons zu erleben. 
Sein Sohn Friedrich August hingegen zeigte sich überzeugt, dass in Sachen Musik Italien das Maß aller Dinge sei. Nach dem Tode von Jean-Baptiste Volumier wurde Johann Georg Pisendel, ein Schüler Torellis, Konzertmeister. Wie das Orchester zu dieser Zeit geklungen haben könnte, das verraten Konzerte, die Antonio Vivaldi für die Hofkapelle geschrieben hat – und die von Pisendel noch ein bisschen überarbeitet wurden. Das Ensemble Les Ambassadeurs hat eine Auswahl davon in der originalen Dresdner Fassung bei Alpha veröffentlicht.
Sie zeigen uns einen herausragenden Violinsolisten – die Partie Pisendels spielt Zefira Valova – der mit einem ebenso exquisiten Solistenensemble von Oboisten, Flötisten und Fagottisten sowie Streichern konzertiert. Vivaldis besonderer Gruß an Dresden aber war offenbar, dass die Besetzung auch ein Paar Hörner enthielt – eine Anspielung auf die Jagdleidenschaft des Adels, und eine Verneigung vor den herausragenden Hornisten der Dresdner Hofkapelle. August II. hatte zwar nicht so viele dieser Musiker in seinen Diensten wie die Könige von Frankreich – aber dafür waren es Virtuosen, wie sie sonst nirgends zu finden waren.

Montag, 14. Januar 2013

Louis Spohr - The forgotten master (Alpha)

Die vier Klarinettenkonzerte von Louis Spohr (1784 bis 1859) hat Paul Meyer gemeinsam mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne eingespielt. Man fragt sich, warum man diese wunder- volle Musik noch nie gehört hat - weder im Konzertsaal, noch vollständig auf CD. Sabine Meyer hat, wenn ich mich recht erinnere, zwei davon eingespielt - andere Aufnahmen sind mir jedenfalls nicht bekannt.
Auch die anderen Werke Spohrs haben im Musikleben heutzutage kaum eine Bedeutung. Dabei galt der Kasseler Hofkapellmeister nach Mendelssohns und Beethovens Tod unangefochten als der führende deutsche Komponist, und zudem teilte er sich mit Paganini in den Ruhm des größten Violinvirtuosen seiner Zeit.
Spohrs Klarinettenkonzerte erweisen sich als überaus gelungene Kompositionen, die an Mozarts einziges Konzert anknüpfen. Sie sind ausgesprochen feinsinnig, und bis in die Orchesterbegleitung hinein mit Sorgfalt ausgearbeitet. Meyer begeistert mit seinem traumhaft schönen Ton und der Noblesse seiner Interpretation. Er spielt großartig, und wer ihn spielen hört, der denkt keine Sekunde daran, dass der Solopart sämtlicher Spohr-Konzerte als überaus schwierig gilt. Noch heute gehören seine Werke zu den technisch anspruchs- vollsten der Konzertliteratur. 
Das liegt daran, dass Spohr sie für einen Klarinettisten komponierte, der selbst ein Ausnahmevirtuose war: Johann Simon Hermstedt (1778 bis 1846) stammte aus dem thüringischen Langensalza, und war zunächst Premier-Hautboist und schließlich Hofkapellmeister in Sondershausen. Mit Spohr war er befreundet; die beiden Musiker hatten einander kennengelernt, als Spohr Konzertmeister im nahe- gelegenen Gotha war. Das erste Klarinettenkonzert bestellte 1808 Hermstedts Dienstherr, Günther Friedrich Karl I. von Schwarzburg-Sondershausen, der das Instrument auch selbst spielte - allerdings auf Liebhaber-Niveau. 
Spohrs Werk freilich war selbst für den Profi unspielbar. Hermstedt aber veränderte lieber seine Klarinette, als Änderungen einzufordern. Diese Anstrengungen zahlten sich aus, denn im Winterhalbjahr ging der Virtuose regelmäßig auf Konzertreisen. Die Kritik stand Kopf; selbst im musikbesessenen Dresden schwärmte die Zeitung: "In solcher Vollkommenheit hörten wir dieses Instrument noch nicht." Wer Meyer zuhört, der möchte die Musikalität dieses Klarinettisten und seine extrem gute Technik mit ähnlichen Superlativen bedenken. Das Kammerorchester sekundiert einmal mehr ganz phantastisch. Bravi!