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Sonntag, 16. Juni 2019

Castello: Sonate concertate in stil moderno (AAM)

Viel ist nicht bekannt über Dario Castello. Er lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Venedig, und er hat so wenig Spuren hinterlassen, dass er von einigen Musikwissenschaftlern für ein Phantom gehalten wird: Vielleicht ist sein Name ja ein Pseudonym seines Kollegen Claudio Monteverdi? Die Musik von Dario Castello jedenfalls war beliebt und wurde sogar im fernen Amsterdam nachgedruckt. 
Der Organist und Cembalist Richard Egarr beschäftigt sich mit diesen Klängen seit vielen Jahren. „Castello's work still remains some of my favourite music to play, so I was determined eventually to find an opportunity to record all of these sonatas“, schreibt Egarr im Beiheft. Denn nun ist es ihm gelungen, sie mit der Academy of Ancient Music auf CD einzuspielen. Die Sonate concertate in stil moderno, Libro Primo, 1621 erstmals erschienen, bilden den ersten Teil. 
„We used high Venetian pitch (A'=466), which has great implications for all the instruments involved, both technically and sonically“, berichtet der Musiker. „we opted for a pure ¼-comma meantone tuning, a system of pitches commonly used in Castello's time. This adds incredible spice and shocking colour to Castello's often pungent melodic and harmonic turns.“ 
Auch bei der Besetzung folgte die Academy of Ancient Music den Vorgaben des Komponisten: „no recorders here“ - so Egarr - „just violins, cornetto, dulcian, trombone and violetta (a curios edgy-toned small cello-gamba hybrid, tuned an fifth higher than the 'normal' cello). The continuo was simply keyboard (organ or harpsichord) and theorbo.“ 
Das Ergebnis ist überwältigend. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich nämlich nicht nur für Freunde der „Alten“ Musik. Castellos Musik ist so erfrischend, ideenreich und unkonventionell – und musiziert wird ebenfalls hinreißend. 

Donnerstag, 6. Dezember 2018

One Byrde in Hande (Linn)

Überwältigend schön ist auch diese CD mit Cembalomusik des britischen Komponisten William Byrd (vermutlich 1543 bis 1623). Nicht umsonst gilt er als ein bedeutender Musiker der Insel zu Zeiten William Shakespeares. 
Byrd wirkte ebenso wie Thomas Tallis als Organist an der Chapel Royal in London; zu seinen Schülern zählen Thomas Tomkins und Thomas Morley. Auch wenn er vor allem durch seine Chorwerke bis zum heutigen Tage bekannt und geschätzt ist, so zeigt sich gerade in den oft sehr kurzen Stücken, die er für das Tasteninstrument schuf, wie originell und innovativ Byrd dachte. 
Richard Egarr, Klassikfreunden bislang vor allem als Dirigent präsent, hat sich dieser musikalischen Schätze angenommen. Er spielt Byrds Werke mit großer Sorgfalt und auch mit sehr viel britischem Humor – und erweist sich dabei, ganz nebenbei, als ein brillanter Cembalist. Eine der schönsten Einspielungen dieses Jahres! 

Donnerstag, 5. November 2015

Bach Handel Scarlatti: Gamba Sonatas (Hyperion)

„1685 – what a year! The storks must have been working overtime, earning bonusses for high-quality deliveries“, witzelt Steven Isserlis im Beiheft zu dieser CD, die er den drei großen musikalischen Persön- lichkeiten gewidmet hat, welche in jenem Jahr das Licht der Welt erblickten: Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti. Der Cellist hat gemeinsam mit dem Cembalisten Richard Egarr Gambensonaten dieser Komponisten eingespielt; bei den Werken Händels und Scarlattis wirkt zudem noch Robin Michael mit, der mit dem Continuo-Cello einen wichtigen Beitrag zum Gesamtklang leistet. 
Wie anspruchsvoll diese Auswahl ist, das ist Isserlis durchaus bewusst: „Playing these Bach sonatas on the cello – the gamba's rather more robust younger brother, or at least cousin – perhaps throws up a few more questions of balance than arise between the gentle gamba and its old friend the harpsichord; but these are by no means insuperable“, erklärt der Musiker. „And its lovely for us cellists, used to making our presence felt with some difficulty over the rich sound of a modern piano, to be able to play as lightly as possible without ever courting inaudibility.“ Isserlis musiziert mit wundervollem, federleichten und wandlungsfähigen Ton. So tänzerisch-beschwingt, und dabei so ausgewogen und wohldurchdacht habe ich diese Werke noch nie gehört. Diese CD ist durchweg die reine Freude. Unbedingt anhören, jede Minute lohnt sich! 

Dienstag, 19. Mai 2015

Bach: St Matthew Passion (AAM Records)

Nach der Johannes-Passion hat die Academy of Ancient Music nun bei ihrem hauseigenen Label AAM auch eine Einspielung von Bachs Matthäus-Passion veröffentlicht. Die sogenannte „Große Passion“ hat seit ihrer Uraufführung 1727 Menschen auf der ganzen Welt berührt. Hier ist auf drei CD diese frühe Version zu hören, und nicht die übliche, von Bach 1736 revidierte. Die beiden Fassungen unterscheiden sich in vielen Details, und wer sucht, der findet Argumente dafür, diese oder jene zu bevorzugen. In dem umfangreichen Beiheft erläutert Richard Egarr, seit 2006 Cembalist und künstlerischer Leiter des 1973 von Christopher Hogwood gegründeten Ensembles, warum er die erste Variante bevorzugt. 
Egarr konnte für diese Produktion ein namhaftes Solistenensemble gewinnen. An erster Stelle zu nennen ist James Gilchrist, der die Partie des Evangelisten sehr hörenswert gestaltet. Die Arien singen Elizabeth Watts, Sopran, Sarah Connolly, Alt, Thomas Hobbs, Tenor, und Christopher Maltman, Bass. Als Jesus ist Matthew Rose zu erleben, als Pilatus Ashley Riches. Die Soliloquenten werden durch Mitglieder des Chores gesungen. Die beiden Chöre sind schlank besetzt – Sopran und Bass jeweils dreifach, Alt und Tenor doppelt. Das sorgt insbesondere im Eingangschor für Freu- de, denn hier wird er endlich einmal wirklich gut gesungen. Ansonsten bleibt leider vieles Mittelmaß, insofern erreicht diese Einspielung nur auf- grund der Version Referenzstatus.