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Sonntag, 2. Januar 2022

Bach: The six Partitas BWV 825-830 (Hyperion)


 Die sechs Partiten BWV 825-830 hat Mahan Esfahani für Hyperion eingespielt. Wer das Label kennt, der weiß, dass er eine herausragende Interpretation erwarten darf. Wer mit dem Werk vertraut ist, der wird bald aufhorchen – denn der iranische Cembalist hat nicht nur einfach in die Noten geschaut, sondern sich obendrein intensiv mit den Quellen und aktuellen musikwissenschaftlichen Debatten auseinandergesetzt. 

Im Beiheft gibt es einen klugen Essay, in dem der Musiker seine Sicht auf Bachs Musik und seine künstlerischen Entscheidungen begründet. Wer aber keine Lust darauf hat, sich mit Lesarten, Verzierungspraxis und Auseinandersetzungen um das korrekte Metrum zu befassen, der kann sich ebenso gut einfach entspannt im Sessel zurücklehnen – und Esfahanis gradiosem, energiegeladenen Cembalospiel lauschen. Mich jedenfalls hat dieses Doppelalbum begeistert. Exquisit! 


Donnerstag, 29. November 2018

The Romantic Piano Concerto 76: Rheinberger, Scholz (Hyperion)

Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) ist heute eigentlich nur noch mit seiner Orgelmusik, und vielleicht auch noch mit einigen seiner Vokalwerke, im Konzertleben präsent. Dass er auch Kammer- und Orchestermusik geschrieben hat, das ist weit weniger bekannt. Mit entsprechend großer Neugier habe ich daher sein Klavierkonzert in As-Dur op. 94 angehört, das Simon Callaghan gemeinsam mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra unter Leitung von Ben Gernon für Hyperion eingespielt hat. 
Entstanden ist dieses Werk im Jahre 1876; damals wurde Rheinberger als Orgel- und Kompositionsprofessor an das Münchner Konservatorium berufen, und kein Geringerer als Richard Strauss übernahm die Uraufführung seiner Orchesterwerke. Über den Lebensweg Rheinbergers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. Sein Klavierkonzert zeichnet sich aus durch Virtuosität, durch Leidenschaft und Tiefe. Warum dieses beeindruckende Werk nicht mehr im Repertoire ist, das ist mir ein Rätsel. 
Wahrend Rheinberger einst das Musikleben Münchens mit prägte, wirkte Bernhard Scholz (1835 bis 1916) in Breslau als Leiter des dortigen Musikvereins. Ausgebildet ursprünglich als Drucker, sollte Scholz eigentlich das Verlagsgeschäft der Familie in Mainz fortführen. Doch seine musikalische Begabung setzte sich letztendlich durch; nach einer soliden Unterweisung in Klavierspiel, Komposition und Gesang unterrichtete Scholz zunächst Kontrapunkt am Münchner Konservatorium, und wurde dann nach einigen Kapellmeister-Stationen der Leiter des Breslauer Orchestervereins. 
1883 wurde er dann Direktor des Hoch'schen Konservatoriums in Frankfurt/Main, außerdem leitete er den Rühlschen Gesangsverein. Musikalisch stand er Joseph Joachim, Clara Schumann und vor allem auch Johannes Brahms nahe. Auf dieser CD erklingen sein Klavierkonzert in H-Dur op. 57 sowie das Capriccio für Klavier und Orchester op. 35, beides in Weltersteinspielung. Und beides ebenfalls sehr hörenswert. Herzlichen Dank für die Wiederentdeckung dieser attraktiven Musik! 

Donnerstag, 9. Februar 2017

Kozeluch: Piano Concertos Nos 1, 5 & 6 (Hyperion)

Wenn es die Reihe Das klassische Klavierkonzert bei Hyperion nicht gäbe, dann müsste man sie erfinden. Howard Shelley, Spiritus rector dieses Projektes, hat dafür mittler- weile so einige vergessene, aber durchaus hörenswerte Musikstücke aus der Zeit der Wiener Klassik aufgespürt und eingespielt. Zunehmend wird deutlich, dass nicht nur zur Zeit Beethovens und Mozarts, sondern auch in den darauffolgenden Jahrzehnten etliche Komponisten durchaus Beachtliches geschaffen haben. Diese Musik, die im Schatten der großen Heroen vollkommen aus dem Blick verschwunden war, wieder ans Licht und vor allem auch vors Publikum zu bringen, das hat sich Shelley zum Ziel gesetzt – beteiligt ist er auch an der Schwesterreihe Das romantische Klavierkonzert, die mittlerweile immerhin 70 (!) Veröffent- lichungen umfasst. 
Das klassische Klavierkonzert hat erst die vierte Ausgabe erreicht. Nach Johann Ludwig Dussek, Daniel Steibelt, Franz Xaver Mozart und Muzio Clementi wendet sich Shelley diesmal den Klavierwerken Leopold Antonín Koželuchs (1747 bis 1818) zu. Sein Name ist heute nur noch Musikhisto- rikern bekannt – und doch waren sich einst die Zeitgenossen einig: „Leopold Kozeluch ist ohne Widerrede, bey jung und alt, der allgemein beliebteste, unter unsern itzt lebenden Komponisten und das mit allem Recht“, so urteilte beispielsweise Ernst Gerber im Lexikon der Tonkünstler. 
Der Musiker, der aus Böhmen stammte, besuchte das Gymnasium in Prag und studierte anschließend Jura – ohne freilich seine musikalische Ausbildung zu vernachlässigen. Unterricht erhielt er unter anderem bei seinem Cousin Jan Antonín Koželuh und bei Franz Xaver Dussek. Nachdem es ihm gelungen war, sich mit ersten Werken für das Prager Nationaltheater einen Namen zu machen, gab er das Studium auf. 1778 zog Koželuch nach Wien, wo er vom Adel als Virtuose, Komponist und als Klavierlehrer geschätzt wurde. Innerhalb kürzester Zeit war er etabliert; 1781 lehnte er ohne Zögern das Angebot ab, als Nachfolger Mozarts Hoforganist in Salzburg zu werden. 
Koželuchs berühmteste Schülerinnen waren Erzherzogin Maria Elisabeth, eine Tochter der Kaiserin, und Maria Theresia Paradis (1759 bis 1824), eine blinde Pianistin, für die auch Mozart komponierte. Der Hof schätzte den Musiker: 1792 wurde Koželuch zum Kammerkapellmeister und Hofkomponisten auf Lebenszeit ernannt. Geschaffen hat er etwa 400 Kompositionen, darunter mehr als 40 Klavierkonzerte, 30 Sinfonien und eine Vielzahl von Sonaten. Nicht wenige davon veröffentlichte er im eigenen Musikverlag. 
Wer auf die Idee gekommen ist, ihn deshalb einen Vielschreiber zu schelten, der hat nicht erkannt, dass die Musik des Böhmen, mitunter verspielt und galant, teilweise aber auch an Werke Beethovens und Schuberts erinnernd, ausgesprochen reizvoll ist. „Den Charakter seiner Werke bezeichnen Munterkeit und Grazie, die edelste Melodie mit der reinsten Verbindung und gefälligsten Ordnung in Absicht der Rhytmik und Modulation“, so schrieb Gerber. 
Howard Shelley zelebriert die bezaubernden Melodielinien Koželuchs ebenfalls mit Munterkeit und Grazie; der Pianist spielt einfach hinreißend. Etwas weniger begeistern mich die London Mozart Players, die bei dieser Aufnahme den Orchesterpart übernommen haben. Sie könnten durchaus pointierter, präziser und inspirierter musizieren. Aber insgesamt lohnt sich die Aufnahme sehr. Hyperion ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. 

Montag, 17. Oktober 2016

C P E Bach: Württemberg Sonatas (Hyperion)

Mit dieser CD gab der junge iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani im Jahre 2014 sein Debüt. Die sechs Cembalosonaten Wq 49 von Carl Philipp Emanuel Bach, auch die Württembergischen genannt, 1744 veröffentlicht, sind anspruchs- volle Werke, in denen sich der Komponist selbstbewusst und experimentierfreudig präsentierte. Esfahani lässt sich von Stereotypen nicht blenden; er kennt die Musik- geschichte, und schaut lieber in die Noten. So gelingt ihm eine beeindruckende Interpretation mit Tiefgang, die den außerordentlichen Rang dieser exquisiten Musik hörbar macht. 

Donnerstag, 5. November 2015

Bach Handel Scarlatti: Gamba Sonatas (Hyperion)

„1685 – what a year! The storks must have been working overtime, earning bonusses for high-quality deliveries“, witzelt Steven Isserlis im Beiheft zu dieser CD, die er den drei großen musikalischen Persön- lichkeiten gewidmet hat, welche in jenem Jahr das Licht der Welt erblickten: Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti. Der Cellist hat gemeinsam mit dem Cembalisten Richard Egarr Gambensonaten dieser Komponisten eingespielt; bei den Werken Händels und Scarlattis wirkt zudem noch Robin Michael mit, der mit dem Continuo-Cello einen wichtigen Beitrag zum Gesamtklang leistet. 
Wie anspruchsvoll diese Auswahl ist, das ist Isserlis durchaus bewusst: „Playing these Bach sonatas on the cello – the gamba's rather more robust younger brother, or at least cousin – perhaps throws up a few more questions of balance than arise between the gentle gamba and its old friend the harpsichord; but these are by no means insuperable“, erklärt der Musiker. „And its lovely for us cellists, used to making our presence felt with some difficulty over the rich sound of a modern piano, to be able to play as lightly as possible without ever courting inaudibility.“ Isserlis musiziert mit wundervollem, federleichten und wandlungsfähigen Ton. So tänzerisch-beschwingt, und dabei so ausgewogen und wohldurchdacht habe ich diese Werke noch nie gehört. Diese CD ist durchweg die reine Freude. Unbedingt anhören, jede Minute lohnt sich! 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Mozart: Missa solemnis (Hyperion)

Diese CD aus dem Hause Hyperion enthält Werke von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Die Missa solemnis et brevis KV 337 ist die letzte Messvertonung, die Mozart für Salzburg schrieb und die letzte Messe, die der Komponist vollendete. Sie wird ergänzt durch die Epistelsonate KV 336. Das österliche Regina caeli hat Mozart dreimal in Musik gesetzt; zu hören ist hier die Version in C-Dur KV 108; es wird vermutet, dass sie für Maria Magdalena Lipp entstanden ist, die Ehefrau von Michael Haydn. Die Vespera solennes de Dominica KV 321 sind üppig besetzt, und auch sonst ziemlich großes Kino. Mozart wählte für jeden Abschnitt eine andere Tonart und einen anderen Stil. Er beweist Sinn für Dramatik – doch leider wird ihm der Chor der St. Paul’s Cathedral dabei nicht wirklich gerecht; der von Andrew Carwood geleitete Knabenchor, ausgebildet nach britischer Tradition, ist für Mozart keine empfehlenswerte Besetzung. Auch dem Orchester mangelt es an Esprit; Mozart langweilig – das geht gar nicht! Diese CD kann ich daher nicht empfehlen.

Dienstag, 17. Februar 2015

Love and loss (Hyperion)

Die Liebe und der Verlust – das ist ein klassisches Thema aller Kunst. Es hat Maler und Bildhauer ebenso inspiriert wie Dichter und Kompo- nisten. Es ist daher eine kluge Idee, dieses Pärchen zum Motto einer CD zu machen, zumal, wenn es um Werke aus den Madrigalbüchern 6, 7 und 8 von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geht. In seinen Kompositio- nen kann man heute noch den Weg von der Polyphonie der Renaissance hin zum monodischen Stil der Barockmusik nachvollziehen. Der Musiker bezeichnete diese beiden Möglichkeiten, Musik zu gestalten, als prima bzw. seconda pratica. Seine Madrigale zeigen uns unüberhörbar: Monteverdi war Ausdrucksstärke wichtiger als die althergebrachten Regeln. 
Mit seinem Werk, darunter waren auch einige der ersten Opern überhaupt, gehört Monteverdi zu den Vätern der modernen Musik in Europa. Sein Schaffen kann man gar nicht hoch genug schätzen – und seine Madrigale sind in jeder Hinsicht höchst anspruchsvoll. Das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat bei Hyperion eine Auswahl davon eingespielt. In einem zentralen Stück dieses Albums, dem grandiosen Combattimento di Tancredi e Clorinda, singt zudem James Gilchrist. Der Tenor, von Haus aus eigentlich Mediziner, hat sehr viel Erfahrung im Bereich der „Alten“ Musik. Er gestaltet seine Partie versiert, und begeistert mit exzellenter Textverständlichkeit. Aber stimmlich bringt ihn das Stück im genere con- citato mitunter an Grenzen; die Vokalisten von Arcangelo sind ebenfalls nicht durchweg ein Vergnügen. Die Instrumentalisten hingegen sind eine Wucht – man höre nur das erste Stück, Volgendo il ciel, mit den fröhlich dahintanzenden Blockflöten, oder die eingeschobene Ciaccona von Tarquinio Merula. 
Monteverdis Werke sind offenbar eine Herausforderung für Sänger; insbesondere die Abschnitte, in denen nach ellenlangen Noten urplötzlich rasante Läufe folgen, sind wohl nicht ohne weiteres zu bewältigen. Die Auszierungspraxis der damaligen Zeit ist aus heutiger Sicht ohnehin nicht ganz einfach nachzuvollziehen. So prächtig wie diese Musik ist – wahrscheinlich sollte man dieses Repertoire dennoch den Spezialisten überlassen. Nur mit Engagement allein wird es nicht gelingen, Monteverdi adäquat aufzuführen.

Samstag, 3. Januar 2015

Palestrina: Missa Hodie Christus natus est (Hyperion)

Noch eine letzte Weihnachts-CD sei an dieser Stelle nachgetragen. Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525 bis 1594) gehört zu den großen Kirchenkomponisten. Er wirkte stets im Umfeld des Vatikans, auch wenn er einst die Cappella Musicale Pontificale Sistina verlassen musste, weil er verheiratet war. Die Päpste schätzten ihn, und seine Missa Papae Marcelli wurde im Zuge des Konzils von Trient zum Vorbild für die Reform der Kirchenmusik. 
Diese CD bringt einige seiner Kompositionen für die Adventszeit und das Weihnachtsfest in unsere Wohnzimmer. Es sind prächtige, oftmals mehrchörige Gesänge von schier überirdischen Schönheit und Strahlkraft. Aufgezeichnet wurden sie 2003 in London; es singt der West- minster Cathedral Choir unter Martin Baker. 

Donnerstag, 29. Mai 2014

Carl Philipp Emanuel Bach: Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (Hyperion)

Als Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) in Hamburg Nachfolger seines Paten Georg Philipp Telemann im Amt des städtischen Musikdirektors wurde, hatte sich das Oratorium grund- legend gewandelt. Aus Passions- musiken, die anfangs den Bibeltext maximal noch durch Choral- strophen ergänzten, waren Werke geworden, die den Kirchenraum zusehends verließen – und die geistliche Handlung durch fromme Gefühle und andächtige Reflexion ersetzt hatten. Auch von Carl Philipp Emanuel Bach sind drei solcher Oratorien überliefert: Die Israeliten in der Wüste, Die letzten Leiden des Erlösers und Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu
Diese CD enthält das dritte dieser Werke, entstanden nach einem Text von Karl Wilhelm Ramler, der sich damals offenbar großer Beliebtheit erfreute. Denn das Libretto haben auch Graun, Telemann und andere Komponisten vertont. Das Oratorium, das keine Choräle mehr hat, war offenbar für den Konzertsaal bestimmt. Dort wurde es 1774 auch erstmals aufgeführt. Es zeichnet sich durch Expressivität aus. Insbe- sondere die Chöre sind ein Ereignis. Doch auch dem von Sigiswald Kuijken souverän geführten Orchester La Petite Bande und den Sängern lauscht man gern. Stephan Genz, Bass, ist hier gemeinsam mit seinem Bruder, dem Tenor Christoph Genz, zu hören. Er beeindruckt nicht nur durch seine gute geführte, geschmeidige Stimme, sondern auch durch seine sensible Textausdeutung. 

Dienstag, 20. Mai 2014

For His Majestys Sagbutts and Cornetts (Hyperion)

Musik aus einer fernen Zeit bringt das Ensemble His Majestys Sag- butts & Cornetts auf dieser CD wieder zum Klingen. Als die Flotte Philipps des Schönen im Januar 1506 vor der Küste Englands in einen Sturm geriet, sah sich der Habsburger gezwungen, drei Monate lang auf der Insel auf die Reparatur seiner Schiffe zu warten. Die Zeit wurde dem König von Kastilien allerdings nicht lang, denn in Windsor empfingen ihn König Heinrich VII. sowie der Kronprinz. Auch bei den Damen dürfte die Freude groß gewesen sein; die beiden Königinnen waren Schwestern. Die unverhoffte Begeg- nung wurde mit diversen höfischen Festlichkeiten gebührend gewürdigt. Dazu dürften auch die Musiker beigetragen haben, die Philipp in seinem Gefolge mitführte: Die Burgundische Hofkapelle unter Leitung von Pierre de La Rue hatte seinerzeit einen geradezu legendären Ruf; zu hören waren unter anderem einige der besten Bläser Europas. 
Wie tief dieses Erlebnis insbesondere den Kronprinzen beeindruckt hatte, zeigte sich nach seiner Thronbesteigung – Heinrich VIII. ließ für die King's Musick auf dem Kontinent sowohl herausragende Bläser anwerben als auch Instrumente und Noten besorgen. Dem Vorbild des Hofes folgte die Kirche; auch in den Kathedralen Englands erklangen schon bald die Kornette und Posaunen. Binnen kurzem stand die Blechblasmusik auf den britischen Inseln in solcher Blüte, dass die europäischen Höfe versuchten, Musiker aus England für ihre Hofkapellen zu gewinnen. Doch mit dem Bürgerkrieg kam dann bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts das Ende dieser britischen Bläserschule. Die vorliegende CD vermittelt einen Eindruck von der hohen Kunst der Musiker. Sie stellt Werke aus der Blütezeit vor, sorgsam ausgewählt und zusammengestellt und versiert vorgetragen. Bravi! 

Dienstag, 17. Dezember 2013

Bach: Flute Sonatas (Hyperion)

Bachs Flötensonaten gehören zu jenen Werken, die Musiker offen- bar magisch anziehen, und die daher immer wieder neu einge- spielt werden. So hat Andrea Oliva, Soloflötist des Orchestra dell’ Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, jüngst bei Hyperion gemeinsam mit der ebenso renommierten Pianistin Angela Hewitt eine Neuaufnahme vor- gelegt. Die beiden Solisten nutzen moderne Instrumente, und sie demonstrieren, wie modern Bach klingen kann – wenn man die empfindsamen Aspekte dieser Musik herausstreicht, und den Kontrapunkt bescheiden in den Hintergrund treten lässt. Wer Vergnügen an einem solchen Experiment hat, der mag diese Aufnahme schätzen. Mich hat sie nicht wirklich überzeugt. 

Sonntag, 22. September 2013

Beethoven: Bagatelles; Osborne (Hyperion)

Kleine Klavierstücke – „Bagatellen oder Kleinigkeiten“, wie er sie nannte – komponierte Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) sein Leben lang. Er sammelte sie in einer Mappe, und publizierte sie, wie es ihm günstig erschien. So schickte er 1823 einige dieser Stücke an seinen ehemaligen Schüler Ferdinand Ries, der in London lebte, verbunden mit der klaren Weisung: „verschachern sie selbe so gut sie können“
Bei allem Pragmatismus -in diesen kurzen Stücken steckt dennoch der ganze Beethoven. „Ein flüchtiger Blick zeigt uns elf Musikstücke von geringem Umfang; aber in ihren magischen Kreis ist Unendliches gebannt!“, schwärmte seinerzeit der Rezensent der Berliner Allgemeinen musikalischen Zeitung über die Bagatellen op. 119. „Es sind wenig musikalische Worte, aber es ist viel damit gesagt, und dieß wird jeder Eingeweihte willig glauben; denn ist Beethoven nicht überhaupt ein musikalischer Aeschylus an energischer Kürze? Uns dünken diese elf Bagatellen wahre Lebens- bildchen zu sein.“ Steven Osborne hat diese Werke sehr hörenswert für Hyperion eingespielt. Seine Interpretation ist klar strukturiert; man kann hier vieles hören, was normalerweise als Mittelstimme im Irgendwo verschwimmt. Kurz: Wer Für Elise frei von Kitsch hören möchte, der sollte zu dieser CD greifen. 

Dienstag, 16. April 2013

Gabrieli: Sacred Symphonies (Hyperion)

Mit diesem Album, das im vergan- genen Jahr erschienen ist, werden gleich mehrere Jubiläen würdig begangen: Vor vierhundert Jahren starb in Venedig Giovanni Gabrieli (1554 bis 1612). Er hatte bei seinem Onkel Andrea Gabrieli und bei Orlando di Lasso in München studiert, und wirkte als Organist an der Markuskirche. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Heinrich Schütz. 
Gefeiert werden aber auch das 30jährige Bestehen von His Majestys Sagbutts & Cornetts sowie das 25jährige Jubiläum des Concerto Palatino. Und daher haben die beiden Bläserensembles gemeinsam mit den Sängern von Ex Cathedra unter Leitung von Jeffrey Skidmore eine ganze CD den Werken von Giovanni Gabrieli gewidmet. Das lohnt sich, denn die venezianische Mehrchörigkeit, die dieser Komponist in Vollendung einsetzte, bringt große Klangpracht mit sich. 
"I have chosen to ,orchestrate' the music in many different ways, sometimes using continuo only for accompaniment, sometimes having solo voices with wind instruments taking other vocal lines, and of course sometimes using the full ensemble", erläutert Skidmore in dem informativen Beiheft zu dieser CD. "The brilliant vocal and instrumental colours and kaleidoscopic aural perspektives reveal music of extraordinary imagination, passion and subtlety. There is grandeur but also ravishing intimacy. You will be able to sit in the chancel of St Mark's, at the heart of the music, and imagine you are the doge!" 

Dienstag, 5. März 2013

Clementi: Capriccios & Variations; Shelley (Hyperion)

"I was a young Italian, but now I'm an old Englishman", bemerkte der betagte Muzio Clementi (1752 bis 1832). Zur Welt gekommen war er in Rom. Dort begann er auch seine Ausbildung. Der Knabe war so begabt, dass er schon im Alter von neun Jahren Organisten- dienste übernehmen konnte.
Als er 14 Jahre alt war, ging er mit einem Mäzen nach England - und dort blieb und wirkte er den Rest seines Lebens, sieht man von eini- gen Konzertreisen ab, die ihm bis nach Russland führten. Clementi erwarb sich einen Ruf als herausra- gender Pianist, Klavierexperte und Musikverleger. Seine Kompositio- nen beeinflussten Generationen von Musikern; noch heute ist Gradus ad Parnassum wohl jedem Pianisten geläufig. Seine anderen Werke allerdings sind aus dem Konzertleben zumeist verschwunden.
Das ist durchaus ein Verlust, wie Howard Shelley auf diesen beiden CD beweist. Er hatte bereits, ebenfalls bei Hyperion, auf zwölf CD bereits sämtliche Klaviersonaten Clementis eingespielt, und wurde dafür von der Kritik gefeiert. Mit derselben Akribie hat sich der Pianist nun den Capriccios und Variationen des Komponisten zugewendet. Die Dop- pel-CD wird dem Zuhörer mehr als einmal ein Schmunzeln entlocken, denn sie zeigt Clementi als versierten und humorvollen Musiker, der beispielsweise in den Musical Characteristics op. 19 Zeitgenossen wie Mozart und Haydn, aber auch einen deutschen Pianisten namens Franz Xaver Sterkel sowie sich selbst treffsicher parodiert. 
Shelley gelingt erneut eine Einspielung, wie man sie sich nicht besser wünschen kann - mit seinem kristallklar strukturierten, präzisen und klangschönem Musizieren auf einem modernen Instrument macht der Pianist Lust darauf, Clementi wiederzuentdecken. Auch wenn nicht alle Stücke gleich anspruchsvoll sind, so würde man sich doch freuen, diese Musik gelegentlich auch im Konzert zu hören. 

Samstag, 23. Februar 2013

Loewe: Songs & Ballads (Hyperion)

Johann Carl Gottfried Loewe (1796 bis 1869) war das zwölfte Kind eines Kantors und Organisten aus dem Städtchen Löbejün, nördlich von Halle/Saale. Er besuchte in Köthen die Schule. Sein musikali- sches Talent fiel früh auf, so dass er seine Ausbildung mit einem Sti- pendium des Königs Jérome Bonaparte an den Franckeschen Stiftungen in Halle fortsetzen konnte. Dort sang er im Stadtsinge- chor, und er erhielt Unterricht bei Daniel Gottlob Türk und auch durch Johann Friedrich Reichardt, der im nahegelegenen Giebichen- stein lebte. 
Schon in jungen Jahren schuf Loewe einiger seiner grandiosen Balladen; so entstanden Edward und Erlkönig 1817/18, noch während seiner Studienzeit in Halle. Goethe und Zelter zeigten sich davon sehr beeindruckt. 1820 ging Loewe als Musikdirektor nach Stettin. 1847 spielte und sang er in London bei Hofe, wobei ihm Prinz Albert höchstpersönlich umblätterte. Mit seinem strahlenden, hohen Bariton (und seiner Ehefrau, einer Sopranistin) war dieser fahrende Sänger der Romantik sicherlich die beste Werbung für seine Werke. 
Notwendig war dies aber nicht. Denn mit seinen Balladen und Liedern traf Carl Loewe perfekt den Geschmack seiner Zeit, die das Ungekün- stelte, Schlichte zum Ideal erklärt hatte. So schrieben die Dichter Balladen und sammelten Märchen und Volkslieder. Und auch etliche Komponisten schrieben Lieder, die so eingängig waren, dass sie wenig später als Volkslieder in das Liedgut eingereiht wurden.
Die Werke Loewes waren dafür wohl doch zu sehr Kunst. Mit ihrer sprechenden, anspruchsvollen Klavierbegleitung sind sie allerdings noch heute ein Hörvergnügen - zumal, wenn sie derart gekonnt vorgetragen werden, wie auf dieser CD. Der österreichische Sänger Florian Boesch begeistert durch seinen kernigen Bariton ebenso wie durch seine intelligente Liedgestaltung. Und Roger Vignoles am Klavier ist ihm ein kongenialer Partner. 

Mittwoch, 20. Februar 2013

Haydn: String Quartets op. 20 (Hyperion)

"There is perhaps no single or sextuple opus in the history of instrumental music which has achieved so much or achieved it so quietly", schrieb Donald Tovey in Cobbetts Cyclopaedia of Chamber Music über die sechs Streichquartette op. 20 von Joseph Haydn (1732 bis 1809). Diese Werke, nach der Titelseite eines der ersten Drucke gern Sonnenquartette genannt, sind ein gewichtiger Grund dafür, dass er bis heute als Vater des Streich- quartettes gilt.  Zwar hatten zuvor auch schon andere Komponisten Werke für zwei Violinen, Viola und Violoncello geschrieben. Doch Haydn  machte aus der einstigen Freiluft-Serenade jene "Unterhal- tung von vernünftigen Leuten", die schon Goethe rühmte, und die bis zum heutigen Tage das Publikum fasziniert. Haydn war der erste Kom- ponist, der auf die Idee kam, jedem der vier beteiligten Instrumente eine eigenständige musikalische Identität zu verleihen. Wie von Zau- berhand sind hier die Themen verwoben. Ideen werden entwickelt, weitergereicht, ausgetauscht. 
The London Haydn Quartet hat sich der Pflege dieses reichen Erbes verschrieben. Catherine Manson, Michael Gurevich, James Boyd und Richard Lester spielen Haydns Musik mit berückender Musikalität, großem Engagement - und mit hinreißender Eleganz. Eine traumhaft schöne, rundum gelungene Aufnahme, die ich nur empfehlen kann. 

Montag, 31. Dezember 2012

Britten: A Ceremony of Carols / Saint Nicolas (Hyperion)

"I think the little boys were en- chanting - the occasional rough- ness was easily overweighted by their freshness & naivety - some- thing very special", schrieb Ben- jamin Britten im Dezember 1943, wenige Tage nach der Urauffüh- rung der überarbeiteten Fassung von A Ceremony of Carols in London in der Wigmore Hall durch den Knabenchor der Morriston School und die russische Harfe- nistin Maria Korchinska. 
Erstmals erklungen war das Werk bereits ein Jahr zuvor, in einer etwas kürzeren Version und mit einem Frauenchor. Die hohen Stimmen des Chores des Trinity College Cambridge sind auf dieser CD zu hören, mit Harfenistin Sally Price. Die Aufnahme gefällt durch die Frische und Strahlkraft der geschulten jungen Stimmen.
Die Kantate Saint Nicolas erzählt die Legende vom Heiligen Nikolaus; sowohl die Verse als auch die Musik sind allerdings Geschmacks- sache. Der - nunmehr vollständige - Chor des Trinity College singt gemeinsam mit den Holst Singers und den Knaben des Temple Church Choirs, begleitet von der City of London Sinfonia und unter Leitung von Stephen Layton. Das Tenor-Solo singt Allan Clayton, als Knaben- sopran ist Luke McWatters zu hören. 

Sonntag, 5. August 2012

Bach: Goldberg Variations - Leopold String Trio (Hyperion)

Es geht das Gerücht, die Goldberg-Variationen seien, sozusagen als Schlaflied, für einen Grafen kom- poniert worden, der sich, wenn ihn die Schlaflosigkeit plagte, von einem jungen Musiker daraus vorspielen ließ. Diese hübsche Geschichte erzählt zumindest der erste Bach-Biograph Johann Niko- laus Forkel.
Wer diese Bearbeitung der Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget von Johann Sebastian Bach anhört, der wird garantiert dabei nicht einschlafen, auch wenn die Aria zunächst wie auf Katzenpfoten daherkommt. 
Dmitri Sitkowetski hat Bachs Musik für Streichtrio arrangiert - und das außerordentlich spannend. Denn er hat nicht einfach nur Stim- men neu verteilt, sondern das Werk für die neue Besetzung komplett neu gedacht. Das ist auch notwendig, denn zum einen klingen Streich- instrumente nun einmal völlig anders als ein Cembalo. Zum anderen geben sie dem Komponisten auch andere Gestaltungsmöglichkeiten; so lassen sich die kontrapunktischen und imitierenden Linien we- sentlich deutlicher aufzeigen, als dies beim Cembalo möglich wäre. Und wo Bach den Cembalisten die Hände überkreuzen lässt, dort setzt Sitkowetski auf den Registerwechsel. Will der Arrangeur den Cemba- lo-Klang imitieren, verwendet er das Pizzicato. Das bringt erstaunlich viel Farbe in das bekannte Werk. 
Das Leopold String Trio spielt diese Bearbeitung als ein zeitgenössi- sches Stück - mit kammermusikalischem, mitunter beinahe orche- stralem Klang, aber nur gelegentlich mit historisierenden Zitaten. Isabelle van Keulen, Lawrence Power und Kate Gould musizieren klug, undogmatisch und mit Gespür für die Gratwanderung. Eine wirklich schöne Aufnahme, die Bach hoch achtet, aber ihn nicht ins Museum stellt. 

Montag, 2. Juli 2012

Arias for Guadagni (Hyperion)

Die Paraderolle des Kastraten Gae- tano Guadagni (1728 bis 1792) war der Orpheus - Gluck hat seine Oper Orfeo ed Euridice für diesen Sänger geschaffen, was nicht ohne Risiko war: "Die Rolle passte ihm wie an- gegossen", meinte Textdichter Calzabigi, "in anderer Hand wäre sie eine Katastrophe gewesen."
Und obwohl sich das Traumteam Gluck-Calzabigi-Guadagni schon wenig später, nach dem Misserfolg der Oper Telemaco, in der der Kastrat ebenfalls die Titelrolle sang, erledigt hatte, behielt der Sänger die Partie des Orpheus mehr als 20 Jahre lang in seinem Repertoire. Dass er sich mit dieser Figur derart identifizierte, mag auch in seiner Biographie begründet liegen.
Guadagni stammte aus einer Musikerfamilie; auch die drei Schwe- stern und sein Bruder waren Opernsänger. Der Kastrat begann seine Karriere 1746 als Mitglied des renommierten Chores der Basilika des Heiligen Antonius zu Padua. Zugleich sang er aber mit Begeisterung Opern, was dazu führte, dass er seine Stelle in der cappella bald wieder verlor. 1748 kam der Sänger mit einer Buffa-Truppe nach London. Sie ging dort bald bankrott, doch Guadagni wurde Händel vorgestellt, der von seiner Stimme sehr angetan war.
Diese CD enthält eine Reihe von Arien, die der Komponist speziell für den Kastraten geschrieben hat. Sie zeigen, dass er keineswegs nur die Phrasierung und das Legato-Singen in großen Bögen exzellent beherrschte. Auch Koloraturen und Verzierungen wusste er offenbar kunstvoll zu gestalten. 
In den europäischen Musikmetropolen wurde Guadagni bald schon gefeiert. So sang er unter anderem in Paris und Versaille, in Wien, München - und in Padua, wo er 1768 in Gnaden wieder aufgenommen und mit einem Gehalt ausgestattet wurde, das deutlich über dem des Konzertmeisters Tartini und auch des Kapellmeisters Valotti lag. An seinen Konzertreisen störte sich nun niemand mehr. Guadagni war ein Star. Davon profitierte seine Wahlheimat Padua, denn der Künst- ler glänzte nicht nur mit seinem Gesang an den großen Kirchenfesten. Er stiftete zudem große Summen und kümmerte sich um städtische Projekte. 
Auch Iestyn Davies begann seine Karriere in einem Chor: Er war choral scholar im St. John's College der Cambridge University, wo er zunächst Archäologie und Anthropologie studierte, bevor er sich dazu entschloss, an die Royal Acadamy of Music zu wechseln. Mittlerweile hat der Countertenor bedeutende Partien an etlichen wichtigen Opernhäusern dieser Welt gesungen. Mit dem Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat Davies bereits Kantaten von Porpora aufgenommen; die Guadagni-Arien führen diese erfreuliche Zusammenarbeit nun in der denkbar schönsten Weise weiter. Hier sind Partner am Werk, die aufeinander hören, und miteinander gestalten - und das Ergebnis begeistert einmal mehr. Die eingestreute Orchester-Sinfonie in D-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach zeigt zudem, dass auch Arcangelo durchaus spannende Akzente zu setzen versteht. Von diesen jungen Musikern darf man noch viel erwarten.  

Donnerstag, 21. Juni 2012

Cherubini: Arias and Ouvertures from Florence to Paris (Hyperion)

Luigi Cherubini (1760 bis 1842) stammte aus Florenz, feierte seine größten Erfolge jedoch in Paris, wo er seit 1788 lebte. Auf diese Tat- sache spielt auch der Titel dieser CD an. Seine Ouvertüren sind von sinfonischem Format; sie sind bei den Auser Musici unter Carlo Ipata in guten Händen, wie man das von Hyperion nicht anders erwartet hätte. 
Die Arien erweisen sich als außer- ordentlich anspruchsvolle Stücke, wenn sie auch nicht an die vokalen Feuerwerke heranreichen, die Zeitgenosse Rossini auf die Bühne brachte. Sie sind zumeist reich an Koloraturen, doch zeigen die aus- gewählten Beispiele auch Cherubinis zunehmende Abkehr vom Ideal der Opera seria. Sopranistin Maria Grazia Schiavo wird dennoch bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gefordert. Nicht alles, was da zu hören ist, klingt erfreulich. Schade.