Überwältigend schön ist auch diese CD mit Cembalomusik des britischen Komponisten William Byrd (vermutlich 1543 bis 1623). Nicht umsonst gilt er als ein bedeutender Musiker der Insel zu Zeiten William Shakespeares.
Byrd wirkte ebenso wie Thomas Tallis als Organist an der Chapel Royal in London; zu seinen Schülern zählen Thomas Tomkins und Thomas Morley. Auch wenn er vor allem durch seine Chorwerke bis zum heutigen Tage bekannt und geschätzt ist, so zeigt sich gerade in den oft sehr kurzen Stücken, die er für das Tasteninstrument schuf, wie originell und innovativ Byrd dachte.
Richard Egarr, Klassikfreunden bislang vor allem als Dirigent präsent, hat sich dieser musikalischen Schätze angenommen. Er spielt Byrds Werke mit großer Sorgfalt und auch mit sehr viel britischem Humor – und erweist sich dabei, ganz nebenbei, als ein brillanter Cembalist. Eine der schönsten Einspielungen dieses Jahres!
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Donnerstag, 6. Dezember 2018
Montag, 23. April 2018
Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)
Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“
Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin.
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören.
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“
Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin.
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören.
Dienstag, 30. Januar 2018
Wilhelm Friedemann Bach: Complete Organ Music / Complete Harpsichord Music (Brilliant Classics)
Johann Sebastians ältester Sohn Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) galt zu Lebzeiten als seinem Vater ebenbürtiger Orgelvirtuose: „Deutschland hat an ihm seinen ersten Orgelspieler und die musikalische Welt überhaupt einen Mann verloren, dessen Verlust unersetzlich ist“, klagte beispiels- weise ein Nachruf im „Magazin der Musik“.
Mit seinem Anspruch und seiner Persönlichkeit freilich war Wilhelm Friedemann Bach kein unkomplizier- tes Dasein beschieden; über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Leider sind dadurch auch nur sehr wenige seiner Kompositionen im Druck erschienen. Wer sich also mit dem Gesamtwerk auseinandersetzen möchte, der muss sich mit Handschriften beschäftigen.
Es ist bemerkenswert, dass immer wieder neue Funde gelingen, die das Bild komplettieren. So hat Filippo Turri Wilhelm Friedemann Bachs vollständiges Orgelwerk für Brilliant Classics in Padua an einer kleinen Truhenorgel von Luigi Patella aus dem Jahre 1998 und der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate aus dem Jahre 2007 eingespielt. Zu hören sind auf den beiden CD 18 Fugen und sieben Choralvorspiele.
Claudio Astronio, der vor einiger Zeit bereits die Cembalokonzerte des Komponisten eingespielt hat, erkundete für Brilliant Classics nun sämtliche Musikstücke für Tasteninstrumente solo – und dabei stellte er auch vier weitere Choralvorspiele vor, die als Handschrift in der Litauischen Nationalbibliothek in Vilnius aufgespürt und transkribiert wurden. Dort fanden sich außerdem eine Ouvertüre, ein Menuett mit 13 Variationen, und etliche weitere kleinere Stücke, die auf CD 6 dieser Box sämtlich in Weltersteinspielung zu hören sind.
Einige Werke erklingen in beiden Editionen. Wie viele Komponisten seiner Zeit schrieb Wilhelm Friedemann Bach seine Werke für „Clavier“ – was vom Clavichord über Cembalo und Orgel bis hin zum Fortepiano eine ganze Reihe von Tasteninstrumenten einschloss. Es bedarf daher detektivischen Spürsinns, herauszufinden, für welches Instrument ein konkretes Werk entstanden sein könnte.
Astronio zeigt sich überzeugt, der „Hallesche Bach“ habe in erster Linie für das Cembalo komponiert. Und an diesem lassen sich natürlich auch die dreistimmigen Fugen spielen; warum Astronio allerdings die Fugen F31, F32 und F33 aufgenommen, die Fuge F34 hingegen ausgelassen hat, erschließt sich mir nicht.
In jedem Falle bietet diese Box mit insgesamt sechs CD den wohl derzeit umfassendsten Überblick über das Schaffen Wilhelm Friedemann Bachs für Tasteninstrumente solo. Enthalten sind neben den Fugen die Fantasien F14 bis F23, Sonaten, die zwölf Polonaisen F12, Polonaise und Trio F 13, das Concerto in G für Cembalo solo F40, und die Suite in g-Moll F24.
Mit seinem Anspruch und seiner Persönlichkeit freilich war Wilhelm Friedemann Bach kein unkomplizier- tes Dasein beschieden; über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Leider sind dadurch auch nur sehr wenige seiner Kompositionen im Druck erschienen. Wer sich also mit dem Gesamtwerk auseinandersetzen möchte, der muss sich mit Handschriften beschäftigen.
Es ist bemerkenswert, dass immer wieder neue Funde gelingen, die das Bild komplettieren. So hat Filippo Turri Wilhelm Friedemann Bachs vollständiges Orgelwerk für Brilliant Classics in Padua an einer kleinen Truhenorgel von Luigi Patella aus dem Jahre 1998 und der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate aus dem Jahre 2007 eingespielt. Zu hören sind auf den beiden CD 18 Fugen und sieben Choralvorspiele.
Claudio Astronio, der vor einiger Zeit bereits die Cembalokonzerte des Komponisten eingespielt hat, erkundete für Brilliant Classics nun sämtliche Musikstücke für Tasteninstrumente solo – und dabei stellte er auch vier weitere Choralvorspiele vor, die als Handschrift in der Litauischen Nationalbibliothek in Vilnius aufgespürt und transkribiert wurden. Dort fanden sich außerdem eine Ouvertüre, ein Menuett mit 13 Variationen, und etliche weitere kleinere Stücke, die auf CD 6 dieser Box sämtlich in Weltersteinspielung zu hören sind.
Einige Werke erklingen in beiden Editionen. Wie viele Komponisten seiner Zeit schrieb Wilhelm Friedemann Bach seine Werke für „Clavier“ – was vom Clavichord über Cembalo und Orgel bis hin zum Fortepiano eine ganze Reihe von Tasteninstrumenten einschloss. Es bedarf daher detektivischen Spürsinns, herauszufinden, für welches Instrument ein konkretes Werk entstanden sein könnte.
Astronio zeigt sich überzeugt, der „Hallesche Bach“ habe in erster Linie für das Cembalo komponiert. Und an diesem lassen sich natürlich auch die dreistimmigen Fugen spielen; warum Astronio allerdings die Fugen F31, F32 und F33 aufgenommen, die Fuge F34 hingegen ausgelassen hat, erschließt sich mir nicht.
In jedem Falle bietet diese Box mit insgesamt sechs CD den wohl derzeit umfassendsten Überblick über das Schaffen Wilhelm Friedemann Bachs für Tasteninstrumente solo. Enthalten sind neben den Fugen die Fantasien F14 bis F23, Sonaten, die zwölf Polonaisen F12, Polonaise und Trio F 13, das Concerto in G für Cembalo solo F40, und die Suite in g-Moll F24.
Samstag, 13. Januar 2018
Handel: Works for Keyboard (Audax)
In vielen Anekdoten wird beschrie- ben, wie Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) das Publikum durch sein Spiel an Tasteninstrumenten begeisterte. So soll Domenico Scarlatti, als er den Musikerkollegen beim Karneval in Venedig, verborgen hinter einer Maske, auf einem Cembalo spielen hörte, ausgerufen haben, dies sei entweder der Sachse oder der Teufel.
Für sein erstes Soloalbum hat Philippe Grisvard das Cembalo-Werk Händels erkundet. Auf der CD zeigt er, dass dieses Œuvre erstaunlich viele Facetten hat. Dazu kombiniert er Händels Kompositionen mit Musikstücken wichtiger Wegbegleiter: Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war Händels Lehrer. Und die Werke Johann Kriegers (1651 bis 1735) hat Händel in seiner Jugend ebenso sorgfältig studiert wie etwa die Musik von Pachelbel oder Strungk. Grisvard zeigt durch die geschickte Kombination von Musik- stücken, wie dieses Umfeld das Schaffen Händels geprägt hat.
Johann Mattheson (1681 bis 1764) war dann in Hamburg ein Weggefährte und Rivale des Komponisten. Und William Babell (1690 bis 1723) hat 1717 in seinen Suits of the most celebrated lessons collected and fitted to the harpsichord or the spinnet Ausschnitte aus Opern unter anderem von Händel in einer Art und Weise veröffentlicht, die vermuten lässt, dass diese Sammlung auch Einblick in die Verzierungs- und Improvisations- praxis des Meisters gewährt.
Außerdem nutzt Philippe Grisvard die beiden Kollektionen, die John Ward als Raubkopien gedruckt hat, sowie Händels eigene Veröffentlichungen, die eine finale Fassung der illegal verbreiteten Werke anbieten. Inspiriert zeigt sich der Cembalist zudem von einer Fassung der acht Suiten und der sechs Fugen Händels, die der Wiener Organist Gottlieb Muffat 1736 ediert hat, „mises dans une autre applicature pour la facilité de la main“.
Doch diese Angabe trügt, wie Grisvard einräumt, „car s'il vrai que Muffat e tenté de rendre la lecture des pièces plus aisée et de contrebalancer certains défauts de clarté dûs sans doute à la hâte dans laquelle Handel avait préparé son édition, la profusion d'agréments qu'il ajoute au texte original redouble le niveau de difficulté des pièces, et remet sérieusement en cause le type de tempo que l'on imaginerait ordinairement aujourd'hui pour certains de ces mouvements. Vette interprétation des huit grandes suites est une autre source majeure sur la pratique de l'ornementation: Muffat a choisi de noter à la française les ornements là oû Handel les avait laissés à la discrétion de l'exécutant.“ Grisvard betont, dass diese Lesart vermutlich dem sehr nahe kommt, was Händel selber spielte.
Dennoch entschied er sich bei dieser Auswahl gegen Muffats Version: „J'ose espérer qu'un jour, un claveciniste plus téméraire que moi consacrera un disque entier à ce cycle de Muffat, trop longtemps resté dans l'ombre...“ Grisvard musiziert zupackend, frisch und munter; mitunter wünscht man sich ein wenig mehr Eleganz. Aber insgesamt ist dieses Album mit seinen vielen Querverweisen sehr interessant und ausgesprochen abwechslungsreich.
Für sein erstes Soloalbum hat Philippe Grisvard das Cembalo-Werk Händels erkundet. Auf der CD zeigt er, dass dieses Œuvre erstaunlich viele Facetten hat. Dazu kombiniert er Händels Kompositionen mit Musikstücken wichtiger Wegbegleiter: Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war Händels Lehrer. Und die Werke Johann Kriegers (1651 bis 1735) hat Händel in seiner Jugend ebenso sorgfältig studiert wie etwa die Musik von Pachelbel oder Strungk. Grisvard zeigt durch die geschickte Kombination von Musik- stücken, wie dieses Umfeld das Schaffen Händels geprägt hat.
Johann Mattheson (1681 bis 1764) war dann in Hamburg ein Weggefährte und Rivale des Komponisten. Und William Babell (1690 bis 1723) hat 1717 in seinen Suits of the most celebrated lessons collected and fitted to the harpsichord or the spinnet Ausschnitte aus Opern unter anderem von Händel in einer Art und Weise veröffentlicht, die vermuten lässt, dass diese Sammlung auch Einblick in die Verzierungs- und Improvisations- praxis des Meisters gewährt.
Außerdem nutzt Philippe Grisvard die beiden Kollektionen, die John Ward als Raubkopien gedruckt hat, sowie Händels eigene Veröffentlichungen, die eine finale Fassung der illegal verbreiteten Werke anbieten. Inspiriert zeigt sich der Cembalist zudem von einer Fassung der acht Suiten und der sechs Fugen Händels, die der Wiener Organist Gottlieb Muffat 1736 ediert hat, „mises dans une autre applicature pour la facilité de la main“.
Doch diese Angabe trügt, wie Grisvard einräumt, „car s'il vrai que Muffat e tenté de rendre la lecture des pièces plus aisée et de contrebalancer certains défauts de clarté dûs sans doute à la hâte dans laquelle Handel avait préparé son édition, la profusion d'agréments qu'il ajoute au texte original redouble le niveau de difficulté des pièces, et remet sérieusement en cause le type de tempo que l'on imaginerait ordinairement aujourd'hui pour certains de ces mouvements. Vette interprétation des huit grandes suites est une autre source majeure sur la pratique de l'ornementation: Muffat a choisi de noter à la française les ornements là oû Handel les avait laissés à la discrétion de l'exécutant.“ Grisvard betont, dass diese Lesart vermutlich dem sehr nahe kommt, was Händel selber spielte.
Dennoch entschied er sich bei dieser Auswahl gegen Muffats Version: „J'ose espérer qu'un jour, un claveciniste plus téméraire que moi consacrera un disque entier à ce cycle de Muffat, trop longtemps resté dans l'ombre...“ Grisvard musiziert zupackend, frisch und munter; mitunter wünscht man sich ein wenig mehr Eleganz. Aber insgesamt ist dieses Album mit seinen vielen Querverweisen sehr interessant und ausgesprochen abwechslungsreich.
Dienstag, 9. Januar 2018
Alessandro Scarlatti Collection (Brilliant Classics)
Eine dicke Box mit Werken von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) veröffentlicht dieser Tage Brilliant Classics. Der Neapolitaner war einer der wichtigsten und erfolgreichsten Vokalmusik-Komponisten des ausgehenden Barocks – Grund genug, in diesem Blog endlich einmal ausführlicher über ihn zu berichten.
Scarlatti, der einer Musikerdynastie entstammte, kam auf Sizilien zur Welt. 1672 zog die Familie um nach Rom; dort erhielt Alessandro 1678 erstmals eine Anstellung als Kirchenkapellmeister, und heiratete. Ein Jahr später erklang im Palazzo Bernini seine erste Oper, und auch mit seinen Solokantaten begeisterte Scarlatti den römischen Adel. Königin Christine von Schweden, die in Rom lebte, ernannte ihn zu ihrem Hof- kapellmeister. 1683/84 wurde er Kapellmeister am Hofe des Vizekönigs in Neapel, wo er bis 1702 wirkte. Für diesen sowie für verschiedene andere Gönner komponierte er unter anderem etwa 40 Opern, und dazu eine Vielzahl anderer Musikstücke.
1703 kehrte er nach Rom zurück; zu diesem Zeitpunkt waren Opern- aufführungen in der Heiligen Stadt bereits vom Papst verboten worden. Und so widmete sich Scarlatti in Rom in erster Linie der geistlichen Musik. Im Karneval 1707 versuchte der Komponist aber, mit zwei Opern das Publikum in Venedig zu begeistern. Dabei verwendete er französische Vorbilder, was beim Publikum wenig Begeisterung auslöste.
Ab 1708 regierten nicht mehr die Spanier, sondern die Österreicher als Vizekönige in Neapel, und Scarlatti wurde erneut Hofkapellmeister. Von 1717 bis 1722 hielt sich der Komponist wohl überwiegend in Rom auf; seinen Lebensabend allerdings verbrachte er in Neapel. Scarlatti hatte neun Söhne; der bekannteste davon ist sicherlich Domenico Scarlatti, ebenfalls Komponist und Cembalist.
Zu Lebzeiten war Scarlatti berühmt insbesondere für seine Opern; im Laufe seines Lebens schuf er mehr als hundert dieser Werke. In dieser Box sind sie nicht mit enthalten. Die 30 CD bieten ansonsten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Komponisten. So sind allein auf sechs CD Werke für Tasteninstrumente zu finden, eingespielt auf Cembalo und Orgel von Francesco Tasini. Umfangreich vertreten sind auch die Oratorien Scarlattis; zu hören sind hier teilweise namhafte Solisten und Ensembles, wie der Nederlands Kamerkoor unter Harry van der Kamp, La Stagione unter Michael Schneider, oder das Alessandro Stradella Consort unter Estévan Velardi. Letzteres überrascht sogar mit mehreren Weltersteinspielungen, was man in einer solchen Sammelbox eher nicht vermutet hätte.
Einspielungen der Geistlichen Konzerte op. 2 und einer Auswahl an Kammerkantaten runden das Angebot an Vokalmusik ab. Wenn man bedenkte, dass Scarlatti fast 800 derartiger Kantaten geschrieben hat, dann ahnt man, wie vieles da in Zukunft noch zu entdecken sein wird.
Das Ensemble Insieme Strumentale di Roma unter Giorgio Basso kombiniert auf seiner CD zwei Kantaten, gesungen von der Altistin Gabriella Martellacci, mit zwei Flötenkonzerten und zwei Sonate a quattro. Letztere gelten als Vorläufer des Streichquartettes. Auf den beiden ersten CD erklingen zudem die zwölf Sinfonie di concerto grosso (1715). Zu hören ist hier die Capella Tiberina.
Scarlatti, der einer Musikerdynastie entstammte, kam auf Sizilien zur Welt. 1672 zog die Familie um nach Rom; dort erhielt Alessandro 1678 erstmals eine Anstellung als Kirchenkapellmeister, und heiratete. Ein Jahr später erklang im Palazzo Bernini seine erste Oper, und auch mit seinen Solokantaten begeisterte Scarlatti den römischen Adel. Königin Christine von Schweden, die in Rom lebte, ernannte ihn zu ihrem Hof- kapellmeister. 1683/84 wurde er Kapellmeister am Hofe des Vizekönigs in Neapel, wo er bis 1702 wirkte. Für diesen sowie für verschiedene andere Gönner komponierte er unter anderem etwa 40 Opern, und dazu eine Vielzahl anderer Musikstücke.
1703 kehrte er nach Rom zurück; zu diesem Zeitpunkt waren Opern- aufführungen in der Heiligen Stadt bereits vom Papst verboten worden. Und so widmete sich Scarlatti in Rom in erster Linie der geistlichen Musik. Im Karneval 1707 versuchte der Komponist aber, mit zwei Opern das Publikum in Venedig zu begeistern. Dabei verwendete er französische Vorbilder, was beim Publikum wenig Begeisterung auslöste.
Ab 1708 regierten nicht mehr die Spanier, sondern die Österreicher als Vizekönige in Neapel, und Scarlatti wurde erneut Hofkapellmeister. Von 1717 bis 1722 hielt sich der Komponist wohl überwiegend in Rom auf; seinen Lebensabend allerdings verbrachte er in Neapel. Scarlatti hatte neun Söhne; der bekannteste davon ist sicherlich Domenico Scarlatti, ebenfalls Komponist und Cembalist.
Zu Lebzeiten war Scarlatti berühmt insbesondere für seine Opern; im Laufe seines Lebens schuf er mehr als hundert dieser Werke. In dieser Box sind sie nicht mit enthalten. Die 30 CD bieten ansonsten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Komponisten. So sind allein auf sechs CD Werke für Tasteninstrumente zu finden, eingespielt auf Cembalo und Orgel von Francesco Tasini. Umfangreich vertreten sind auch die Oratorien Scarlattis; zu hören sind hier teilweise namhafte Solisten und Ensembles, wie der Nederlands Kamerkoor unter Harry van der Kamp, La Stagione unter Michael Schneider, oder das Alessandro Stradella Consort unter Estévan Velardi. Letzteres überrascht sogar mit mehreren Weltersteinspielungen, was man in einer solchen Sammelbox eher nicht vermutet hätte.
Einspielungen der Geistlichen Konzerte op. 2 und einer Auswahl an Kammerkantaten runden das Angebot an Vokalmusik ab. Wenn man bedenkte, dass Scarlatti fast 800 derartiger Kantaten geschrieben hat, dann ahnt man, wie vieles da in Zukunft noch zu entdecken sein wird.
Das Ensemble Insieme Strumentale di Roma unter Giorgio Basso kombiniert auf seiner CD zwei Kantaten, gesungen von der Altistin Gabriella Martellacci, mit zwei Flötenkonzerten und zwei Sonate a quattro. Letztere gelten als Vorläufer des Streichquartettes. Auf den beiden ersten CD erklingen zudem die zwölf Sinfonie di concerto grosso (1715). Zu hören ist hier die Capella Tiberina.
Samstag, 29. Juli 2017
Scarlatti: 16 Sonatas; Koopman (Capriccio)
Dass der Klang eines Cembalos mitnichten monoton und reizlos ist, beweist diese Aufnahme. Ton Koopman hat im Jahre 1986 etliche Sonaten von Domenico Scarlatti derart aufregend interpretiert, dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Den Vergleich mit den meisten jüngeren Aufnahmen, bei denen üblicherweise das Klavier verwendet wurde, muss diese CD ebenfalls nicht scheuen.
Kein Wunder also, dass dieses Album bei diesem Repertoire noch immer eine Referenzposition hält. Koop- mans Einspielung hat seinerzeit zur Wiederentdeckung des Komponisten wesentlich mit angeregt. Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), ein Sohn von Alessandro Scarlatti, wurde 1719 Kapellmeister und Musiklehrer am Hofe des portugiesischen Königs. Als Prinzessin Maria Bárbara, eine ausgesprochen versierte Cembalistin, zehn Jahre später den spanischen Thronfolger heiratete, folgte er ihr und verblieb den Rest seiner Jahre in ihren privaten Diensten.
So komponierte er weit über 500 zumeist virtuose Cembalo-Sonaten, die sich um Konventionen herzlich wenig scherten. Im Gegenteil, Scarlatti hat sehr viel ausprobiert und experimentiert – wobei Koopman die verwegensten Stücke des Komponisten gar nicht berücksichtigt hat. Doch auch nach so vielen Jahren hört man die alte Aufnahme, die nunmehr bei Capriccio in der Reihe Encore wieder zugänglich ist, noch mit Genuss und Gewinn.
Kein Wunder also, dass dieses Album bei diesem Repertoire noch immer eine Referenzposition hält. Koop- mans Einspielung hat seinerzeit zur Wiederentdeckung des Komponisten wesentlich mit angeregt. Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), ein Sohn von Alessandro Scarlatti, wurde 1719 Kapellmeister und Musiklehrer am Hofe des portugiesischen Königs. Als Prinzessin Maria Bárbara, eine ausgesprochen versierte Cembalistin, zehn Jahre später den spanischen Thronfolger heiratete, folgte er ihr und verblieb den Rest seiner Jahre in ihren privaten Diensten.
So komponierte er weit über 500 zumeist virtuose Cembalo-Sonaten, die sich um Konventionen herzlich wenig scherten. Im Gegenteil, Scarlatti hat sehr viel ausprobiert und experimentiert – wobei Koopman die verwegensten Stücke des Komponisten gar nicht berücksichtigt hat. Doch auch nach so vielen Jahren hört man die alte Aufnahme, die nunmehr bei Capriccio in der Reihe Encore wieder zugänglich ist, noch mit Genuss und Gewinn.
Dienstag, 6. Dezember 2016
Reincken: Harpsichord Music (MDG)
Johann Adam Reincken (1643 bis 1722) stammte aus dem nieder- ländischen Deventer. Er war ein Schüler des Hamburger Organisten Heinrich Scheidemann, dessen Amtsnachfolger an der Katharinen- kirche er 1663 wurde. Insbesondere für seine Improvisationskunst war Reincken so berühmt, dass der 16jährige Johann Sebastian Bach von Lüneburg aus zu Fuß bis in die Hansestadt reiste, um den Meister zu hören.
Was die Organisten nicht nur der Norddeutschen Orgelschule seinerzeit wirklich gespielt haben, davon kann man sich heute nur noch schwer ein Bild machen, denn seinerzeit wurde wesentlich mehr improvisiert als heute. So nutzten die Musiker unter anderem die Vor- und Nachspiele zu den Gottesdiensten und auch die Präludien zu Kirchenliedern, um ihre Fingerfertigkeit und ihre musikalischen Fähigkeiten zu demonstrieren. Aufgeschrieben wurden Orgelstücke nur selten.
Diese CD öffnet ein Fenster in eine erstaunliche Klangwelt; vor allem die Toccaten lassen ahnen, wie kunstvoll Reincken einst improvisiert hat. Beim ersten Hören wirken sie wie impulsives Stegreifspiel – doch dann wird offenbar, mit welcher Raffinesse die Strukturen dieser Werke gestaltet worden sind.
Sonja Kemnitzer spielt auf einem Cembalo, das Lutz Werum 1998 nach einem Instrument von Johannes Ruckers aus dem Jahre 1624 angefertigt hat. Sie musiziert schwungvoll und virtuos, dabei aber zugleich immer durchdacht und präzise. Ob tänzerisch oder gravitätisch – Sonja Kemnitzer hat einen geradezu traumwandlerischen Sinn für Tempi und Affekte. So kommt auch in den Suiten keine Langeweile auf. Ein ganz besonderes Kabinettstück aber ist die Partita diverse sopra l'aria Schweiget mir vom Weiber nehmen; der Text, der auch andere Musiker wie Froberger inspiriert hat, findet sich im Beiheft abgedruckt. Man staune: Reincken hat mit Witz und einer schier überschäumenden Phantasie gleich 18 (!) Variationen über den Gassenhauer geschrieben, der auf recht drastische Weise das Lob des Junggesellendaseins singt.
Was die Organisten nicht nur der Norddeutschen Orgelschule seinerzeit wirklich gespielt haben, davon kann man sich heute nur noch schwer ein Bild machen, denn seinerzeit wurde wesentlich mehr improvisiert als heute. So nutzten die Musiker unter anderem die Vor- und Nachspiele zu den Gottesdiensten und auch die Präludien zu Kirchenliedern, um ihre Fingerfertigkeit und ihre musikalischen Fähigkeiten zu demonstrieren. Aufgeschrieben wurden Orgelstücke nur selten.
Diese CD öffnet ein Fenster in eine erstaunliche Klangwelt; vor allem die Toccaten lassen ahnen, wie kunstvoll Reincken einst improvisiert hat. Beim ersten Hören wirken sie wie impulsives Stegreifspiel – doch dann wird offenbar, mit welcher Raffinesse die Strukturen dieser Werke gestaltet worden sind.
Sonja Kemnitzer spielt auf einem Cembalo, das Lutz Werum 1998 nach einem Instrument von Johannes Ruckers aus dem Jahre 1624 angefertigt hat. Sie musiziert schwungvoll und virtuos, dabei aber zugleich immer durchdacht und präzise. Ob tänzerisch oder gravitätisch – Sonja Kemnitzer hat einen geradezu traumwandlerischen Sinn für Tempi und Affekte. So kommt auch in den Suiten keine Langeweile auf. Ein ganz besonderes Kabinettstück aber ist die Partita diverse sopra l'aria Schweiget mir vom Weiber nehmen; der Text, der auch andere Musiker wie Froberger inspiriert hat, findet sich im Beiheft abgedruckt. Man staune: Reincken hat mit Witz und einer schier überschäumenden Phantasie gleich 18 (!) Variationen über den Gassenhauer geschrieben, der auf recht drastische Weise das Lob des Junggesellendaseins singt.
Dienstag, 22. November 2016
Froberger: Complete Music for Harpsichord & Organ (Brilliant Classics)
Die mit Abstand umfangreichste Einspielung mit Werken Johann Jacob Frobergers (1616 bis 1667) hat Simone Stella bei Brilliant Classics auf immerhin 16 CD veröffentlicht. Der vielfach ausgezeichnete Musiker und Komponist wirkt seit 2011 als Titularorganist an den historischen Orgeln der Basilica della Santissima Annunziata und der Kirche Santa Maria Assunta der Badia Fiorentina in Florenz.
Neben diesen beiden Instrumenten, erbaut 1521 von Domenico Di Lorenzo da Lucca und 1558 von Onofrio Zeffirini da Cortona, hat Stella für diese Einspielung auch noch zwei weitere Orgeln ausgewählt – ein Instrument der venezianischen Schule aus dem 17. Jahrhundert, das sich in der Kirche Sant'Eusebio in Bassano del Grappa befindet, und die (moderne) Pinchi-Orgel der Basilica di San Giorgio fuori le mura in Ferrara. Sie ist mit 30 Registern mit Abstand die größte der vier Orgeln. Jedes dieser Instrumente ist zudem anders gestimmt.
Ergänzt werden die vier Orgeln durch ein Cembalo aus der Werkstatt von William Horn, Windischletten, nach einem Vorbild von Ioannes Ruckers aus dem Jahre 1638. Auf diesen fünf Tasteninstrumenten hat Stella das Gesamtwerk Frobergers eingespielt, soweit es überliefert und zugänglich ist. Jenes Manuskript also, dass erst 2006 entdeckt und durch Sotheby's versteigert wurde, ist leider in dieser Aufnahme nicht mit zum Klingen erweckt worden.
Für die Einspielung orientierte sich Stella am Froberger Werke Verzeich- nis, das in den 90er Jahren erstellt und dann durch Siegbert Rampe aktualisiert worden ist. Leider muss man jede CD anschauen, wenn man sich einen Überblick über den Inhalt verschaffen möchte; man vermisst in dem ansonsten sehr informativen und ausführlichen Beiheft ein Register.
Wer sich für den Lebensweg von Johann Jacob Froberger interessiert, der sei hier auf ältere Posts verwiesen. Erinnert sei aber daran, dass der Musiker am Wiener Hof angestellt war, und im Auftrag der Habsburger sehr häufig auf Reisen ging. Diese haben auch in seinem Werk ihre Spuren hinterlassen. So gehört Froberger zu den ersten Komponisten von Pro- grammmusiken. Er hat auf seinen Reisen offenbar viel Musik gehört und viele Musiker kennengelernt; die Anregungen und Einflüsse, die er europaweit erhielt, haben sein Werk mit geprägt und auch die nachfol- gende Generation inspiriert, vor allem jene der norddeutschen Schule.
Mit dieser Gesamteinspielung lässt sich das Werk des Hoforganisten bequem erkunden. Über Frobergers virtuose Toccaten kann man noch heute staunen. Er pflegte zudem die Suitenform und entwickelte sie weiter. Froberger war ein Meister des Stylus phantasticus. Der strenge Kontra- punkt steht bei ihm gleichbereichtigt neben der freien Improvisation; brillant und anspruchsvoll ist beides. Simone Stella ist für die unglaubliche Arbeit, die er in dieses Projekt investiert haben muss, zu danken. Trotz Jubiläum hat sich kein anderer Musiker an eine ähnliche Edition gewagt. Stellas Einspielung macht aber deutlich, dass es in Frobergers Werk noch viel zu entdecken gibt.
Neben diesen beiden Instrumenten, erbaut 1521 von Domenico Di Lorenzo da Lucca und 1558 von Onofrio Zeffirini da Cortona, hat Stella für diese Einspielung auch noch zwei weitere Orgeln ausgewählt – ein Instrument der venezianischen Schule aus dem 17. Jahrhundert, das sich in der Kirche Sant'Eusebio in Bassano del Grappa befindet, und die (moderne) Pinchi-Orgel der Basilica di San Giorgio fuori le mura in Ferrara. Sie ist mit 30 Registern mit Abstand die größte der vier Orgeln. Jedes dieser Instrumente ist zudem anders gestimmt.
Ergänzt werden die vier Orgeln durch ein Cembalo aus der Werkstatt von William Horn, Windischletten, nach einem Vorbild von Ioannes Ruckers aus dem Jahre 1638. Auf diesen fünf Tasteninstrumenten hat Stella das Gesamtwerk Frobergers eingespielt, soweit es überliefert und zugänglich ist. Jenes Manuskript also, dass erst 2006 entdeckt und durch Sotheby's versteigert wurde, ist leider in dieser Aufnahme nicht mit zum Klingen erweckt worden.
Für die Einspielung orientierte sich Stella am Froberger Werke Verzeich- nis, das in den 90er Jahren erstellt und dann durch Siegbert Rampe aktualisiert worden ist. Leider muss man jede CD anschauen, wenn man sich einen Überblick über den Inhalt verschaffen möchte; man vermisst in dem ansonsten sehr informativen und ausführlichen Beiheft ein Register.
Wer sich für den Lebensweg von Johann Jacob Froberger interessiert, der sei hier auf ältere Posts verwiesen. Erinnert sei aber daran, dass der Musiker am Wiener Hof angestellt war, und im Auftrag der Habsburger sehr häufig auf Reisen ging. Diese haben auch in seinem Werk ihre Spuren hinterlassen. So gehört Froberger zu den ersten Komponisten von Pro- grammmusiken. Er hat auf seinen Reisen offenbar viel Musik gehört und viele Musiker kennengelernt; die Anregungen und Einflüsse, die er europaweit erhielt, haben sein Werk mit geprägt und auch die nachfol- gende Generation inspiriert, vor allem jene der norddeutschen Schule.
Mit dieser Gesamteinspielung lässt sich das Werk des Hoforganisten bequem erkunden. Über Frobergers virtuose Toccaten kann man noch heute staunen. Er pflegte zudem die Suitenform und entwickelte sie weiter. Froberger war ein Meister des Stylus phantasticus. Der strenge Kontra- punkt steht bei ihm gleichbereichtigt neben der freien Improvisation; brillant und anspruchsvoll ist beides. Simone Stella ist für die unglaubliche Arbeit, die er in dieses Projekt investiert haben muss, zu danken. Trotz Jubiläum hat sich kein anderer Musiker an eine ähnliche Edition gewagt. Stellas Einspielung macht aber deutlich, dass es in Frobergers Werk noch viel zu entdecken gibt.
Samstag, 1. Oktober 2016
En sol - Musique pour le Roi-Soleil (Genuin)
Musik vom Hofe Ludwigs XIV. hat Rebecca Maurer eingespielt. Der Sonnenkönig wusste die Künste wie kein anderer Herrscher für seine Zwecke zu nutzen. Nach der Nieder- schlagung der Fronde versammelte der König den französischen Adel in Versailles, und er beschäftigte den Hof unter anderem damit, dass er ihn kunstvoll tanzen ließ. „Tatsächlich boten die Ballette mit ihren mytholo- gisch-allegorischen Sujets nicht nur Gelegenheit, den König und seinen Hof durch die Verschmelzung von Musik, Tanz, Malerei und Dichtkunst zu lobpreisen“, merkt Rebecca Maurer in dem sehr informativen Beiheft an. „Sie waren auch ein geeignetes Vehikel um einen aufmüpfigen Adel zu domestizieren und auf den ihm zugedachten Platz innerhalb der Hierar- chie zu verweisen.“
Der König betrat die Bühne im Alter von 13 Jahren, und er tanzte selbst etwa zwanzig Jahre lang, in Szene gesetzt als Apollon nicht zuletzt von einer genialen Musikerschar um Jean-Baptiste Lully. Wie konsequent und zugleich subtil diese Inszenierung erfolgte, zeigt ein Detail: Auffällig sei, so Maurer, dass der Gott „vorwiegend zum Klang der Tonart ,sol mineur', also g-Moll, auftritt.“ Diese Tonart wurde von Zeitgenossen als „ernst und prachtvoll“ wahrgenommen, was zum würdevoll-erhabenen Auftritt des tanzenden Roi-Soleil bestens passt.
„Dass sich Louis nicht in der allgemein als ,königlich' geltenden Trompe- ten-Tonart D-Dur (ré (rex) majeur) inszenieren ließ, mag sich hingegen mit seinem universellen Anspruch auf ,Einzigartigkeit' erklären lassen“, meint die Cembalistin: „Hätte er sich der gleichen Tonart bedient wie seine royalen Kollegen, hätte er sich quasi selbst seiner einzigartigen Stellung auf der (politischen) Bühne beraubt.“
Und so ist g-Moll auch die vorherrschende Tonart auf dieser CD mit Cembalo-Musik, die einst am Hofe des Sonnenkönigs erklungen ist. Rebecca Maurer hat dafür eine ebenso klangvolle wie beziehungsreiche Auswahl an Musikstücken zusammengestellt. Dabei hat sie auch darauf geachtet, das Instrument, auf dem sie bei dieser Einspielung musiziert, bestens zur Geltung kommt – nicht nur durch das Repertoire, sondern auch durch die gewählte Stimmung. „Die Tatsache dass die 1/5-Komma Mittel- tönigkeit (..) von dem Musiktheoretiker Étienne Loulié im Jahr 1698 als die in Frankreich , am meisten gebräuchliche' Stimmung beschrieben wurde, hat mich in meiner Entscheidung bestärkt. Darüber hinaus ver- leiht der tiefe französische Stimmton (a'=395 Hz), der ungefähr einen Ganzton unter dem heutigen liegt, durch die geringere Saitenspannung dem Ruckers Cembalo ein großes Maß an Resonanz, Gravität und Fundament.“
Das „goldene“ Cembalo aus dem Besitz des Musée d'art et d'histoire in Neuchâtel, angefertigt 1623 in der Werkstatt von Ioannes Ruckers in Antwerpen und 1745 in Paris tiefgreifend umgebaut, erweist sich als eine geniale Wahl. Es soll einmal Marie-Antoinette oder aber einer ihrer Hofdamen gehört haben. „Mit seinem warm-goldenen Klang und seinem mit Blattgold verzierten Äußeren bildet es quasi die klanglich-optische Entsprechung dieses ;En sol'-Programms“, schreibt Rebecca Maurer. Und weil die Cembalistin nicht nur mit ihren Theorien, sondern auch in der Praxis rundum überzeugt, erweist sich dieses Album als rundum gelungen. Meine Empfehlung!
Der König betrat die Bühne im Alter von 13 Jahren, und er tanzte selbst etwa zwanzig Jahre lang, in Szene gesetzt als Apollon nicht zuletzt von einer genialen Musikerschar um Jean-Baptiste Lully. Wie konsequent und zugleich subtil diese Inszenierung erfolgte, zeigt ein Detail: Auffällig sei, so Maurer, dass der Gott „vorwiegend zum Klang der Tonart ,sol mineur', also g-Moll, auftritt.“ Diese Tonart wurde von Zeitgenossen als „ernst und prachtvoll“ wahrgenommen, was zum würdevoll-erhabenen Auftritt des tanzenden Roi-Soleil bestens passt.
„Dass sich Louis nicht in der allgemein als ,königlich' geltenden Trompe- ten-Tonart D-Dur (ré (rex) majeur) inszenieren ließ, mag sich hingegen mit seinem universellen Anspruch auf ,Einzigartigkeit' erklären lassen“, meint die Cembalistin: „Hätte er sich der gleichen Tonart bedient wie seine royalen Kollegen, hätte er sich quasi selbst seiner einzigartigen Stellung auf der (politischen) Bühne beraubt.“
Und so ist g-Moll auch die vorherrschende Tonart auf dieser CD mit Cembalo-Musik, die einst am Hofe des Sonnenkönigs erklungen ist. Rebecca Maurer hat dafür eine ebenso klangvolle wie beziehungsreiche Auswahl an Musikstücken zusammengestellt. Dabei hat sie auch darauf geachtet, das Instrument, auf dem sie bei dieser Einspielung musiziert, bestens zur Geltung kommt – nicht nur durch das Repertoire, sondern auch durch die gewählte Stimmung. „Die Tatsache dass die 1/5-Komma Mittel- tönigkeit (..) von dem Musiktheoretiker Étienne Loulié im Jahr 1698 als die in Frankreich , am meisten gebräuchliche' Stimmung beschrieben wurde, hat mich in meiner Entscheidung bestärkt. Darüber hinaus ver- leiht der tiefe französische Stimmton (a'=395 Hz), der ungefähr einen Ganzton unter dem heutigen liegt, durch die geringere Saitenspannung dem Ruckers Cembalo ein großes Maß an Resonanz, Gravität und Fundament.“
Das „goldene“ Cembalo aus dem Besitz des Musée d'art et d'histoire in Neuchâtel, angefertigt 1623 in der Werkstatt von Ioannes Ruckers in Antwerpen und 1745 in Paris tiefgreifend umgebaut, erweist sich als eine geniale Wahl. Es soll einmal Marie-Antoinette oder aber einer ihrer Hofdamen gehört haben. „Mit seinem warm-goldenen Klang und seinem mit Blattgold verzierten Äußeren bildet es quasi die klanglich-optische Entsprechung dieses ;En sol'-Programms“, schreibt Rebecca Maurer. Und weil die Cembalistin nicht nur mit ihren Theorien, sondern auch in der Praxis rundum überzeugt, erweist sich dieses Album als rundum gelungen. Meine Empfehlung!
Freitag, 12. August 2016
Frobergers Reisen (Raumklang)
Das Leben des Johann Jacob Fro- berger (1616 bis 1667) war ein unruhiges. Auch wenn sein Vater Hofkapellmeister in Stuttgart war, und vier seiner Geschwister ebenfalls als Musiker in der Hofkapelle ange- stellt wurden – der Dreißigjährige Krieg dürfte Kindheit und Jugend wohl mit geprägt haben. 1637 starben beide Eltern an der Pest. In diesem Jahr, mit gerade einmal 21 Jahren, wurde Johann Jacob Froberger Organist am Wiener Hof, und schon im November reiste er zum ersten Male nach Italien, zu Girolamo Frescobaldi.
Auf Reisen verbrachte er viele Jahre seines Lebens. Dabei lernte er viele bedeutende Kollegen kennen. In Dresden beispielsweise, wo er im Winter 1649/50 auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise Station machte, trat er im musikalischen Wettstreit gegen den Hoforganisten Matthias Weckmann an – und gewann nicht nur eine goldene Kette, sondern einen Freund fürs Leben.
Froberger reiste durch Deutschland, die Niederlande, England und Frank- reich, wo er offenbar Louis Couperin in freundschaftlichem Austausch begegnete. Beide schrieben ein Tombeau sur la mort de monsieur Blancroche, für den Sohn der Hofnärrin Heinrichs IV., der, wie die Legende berichtet, in einem Freudenhaus die Treppe hinabstürzte und dabei zu Tode kam. Von Couperin ist zudem ein Prélude à l'imitation de Mr. Froberger überliefert; all diese Werke erklingen auf der vorliegenden Doppel-CD.
Magdalena Hasibeder folgt den Spuren, die Froberger auf seinen Reisen hinterlassen hat. Eine kluge Programm-Idee der österreichischen Organistin und Cembalistin; sie spielt Werke Frobergers und seiner Zeit- genossen, zugeordnet jeweils bestimmten Reisestationen. Dabei zeigt sie zugleich, wie der Orgelvirtuose sich regionalen stilistischen Besonder- heiten angepasst hat, und wie überlegen er selbst Gelegenheitswerke gestaltet hat. Man höre nur das Lamento sopra la dolorosa perdita della Real M.stà di Ferdinando Rè de Romani aus dem Jahre 1656, seine Plainte faite à Londres pour passer la melancholi: la quelle se joüe lentement avec discretion oder seine Allemande faite en passant le Rhin dans un barque en grande peril – der musikalische Bericht über eine Rheinfahrt, bei der wohl so manches schiefgegangen ist. Auch sonst findet sich in der Musik- auswahl so manche Rarität; ich fand das Programm ausgesprochen interessant und abwechslungsreich.
Hasibeder hat sich die dazu passenden Instrumente ausgesucht; sie spielt ein italienisches und ein französisches Cembalo jener Zeit aus der Sammlung historischer Musikinstrumente im Haus der Musik des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sowie die Wöckherl-Orgel aus dem Jahre 1642 der Franziskanerkirche in Wien. Wie schon auf ihrer letzten CD Vom Stylus phantasticus zur freien Fantasie mit virtuoser Cembalomusik um Johann Sebastian Bach, veröffentlicht ebenfalls bei Raumklang, musiziert Magdalena Hasibeder auch hier ausgesprochen souverän. Wer Barockmusik schätzt, oder einfach nur erfahren möchte, wie Musik in Europa im 17. Jahrhundert geklungen hat, der sollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen.
Auf Reisen verbrachte er viele Jahre seines Lebens. Dabei lernte er viele bedeutende Kollegen kennen. In Dresden beispielsweise, wo er im Winter 1649/50 auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise Station machte, trat er im musikalischen Wettstreit gegen den Hoforganisten Matthias Weckmann an – und gewann nicht nur eine goldene Kette, sondern einen Freund fürs Leben.
Froberger reiste durch Deutschland, die Niederlande, England und Frank- reich, wo er offenbar Louis Couperin in freundschaftlichem Austausch begegnete. Beide schrieben ein Tombeau sur la mort de monsieur Blancroche, für den Sohn der Hofnärrin Heinrichs IV., der, wie die Legende berichtet, in einem Freudenhaus die Treppe hinabstürzte und dabei zu Tode kam. Von Couperin ist zudem ein Prélude à l'imitation de Mr. Froberger überliefert; all diese Werke erklingen auf der vorliegenden Doppel-CD.
Magdalena Hasibeder folgt den Spuren, die Froberger auf seinen Reisen hinterlassen hat. Eine kluge Programm-Idee der österreichischen Organistin und Cembalistin; sie spielt Werke Frobergers und seiner Zeit- genossen, zugeordnet jeweils bestimmten Reisestationen. Dabei zeigt sie zugleich, wie der Orgelvirtuose sich regionalen stilistischen Besonder- heiten angepasst hat, und wie überlegen er selbst Gelegenheitswerke gestaltet hat. Man höre nur das Lamento sopra la dolorosa perdita della Real M.stà di Ferdinando Rè de Romani aus dem Jahre 1656, seine Plainte faite à Londres pour passer la melancholi: la quelle se joüe lentement avec discretion oder seine Allemande faite en passant le Rhin dans un barque en grande peril – der musikalische Bericht über eine Rheinfahrt, bei der wohl so manches schiefgegangen ist. Auch sonst findet sich in der Musik- auswahl so manche Rarität; ich fand das Programm ausgesprochen interessant und abwechslungsreich.
Hasibeder hat sich die dazu passenden Instrumente ausgesucht; sie spielt ein italienisches und ein französisches Cembalo jener Zeit aus der Sammlung historischer Musikinstrumente im Haus der Musik des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sowie die Wöckherl-Orgel aus dem Jahre 1642 der Franziskanerkirche in Wien. Wie schon auf ihrer letzten CD Vom Stylus phantasticus zur freien Fantasie mit virtuoser Cembalomusik um Johann Sebastian Bach, veröffentlicht ebenfalls bei Raumklang, musiziert Magdalena Hasibeder auch hier ausgesprochen souverän. Wer Barockmusik schätzt, oder einfach nur erfahren möchte, wie Musik in Europa im 17. Jahrhundert geklungen hat, der sollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen.
Dienstag, 17. Mai 2016
French Harpsichord Music (Brilliant Classics)
Eine umfangreiche CD-Box mit französischer Cembalomusik des
17. und 18. Jahrhunderts hat jüngst Brilliant Classics vorgelegt. 29 CD laden dazu ein, die Entstehung eines eigenständigen französischen Stils nachzuvollziehen. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit dem französischen Hof und seiner höfischen Ästhetik.
Musikunterricht gehörte damals unbedingt zur Ausbildung junger Aristokraten: Der Adel ließ nicht nur musizieren; er tanzte und musizierte auch selbst. Die Musik wurde wie kaum eine andere Kunst zum Medium der französischen Herrscher, denn sie bot ideale Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Begonnen hat damit wohl Ludwig XIII.; Jacques Champion de Chambonnières (um 1600 bis 1672), der als Vater der französischen Cembalomusik gilt, gehörte als Cembalist der Chambre du roi und als Tänzer dem innersten Zirkel des Regenten an. Seine Kompositionen gehören zu den frühesten Werken in der Kollektion French Harpsichord Music.
Vollendet wurde diese Entwicklung durch Ludwig IV., den Sonnenkönig. Künste und Wissenschaften betrachtete er als wesentliche Instrumente seiner Herrschaft. Deshalb förderte er sie mit Nachdruck. Und er festigte seine Macht nicht zuletzt durch grandiose höfische Feste, die ihn zum Vorbild für den gesamten europäischen Adel werden ließen. Die Musik jener Zeit vereint Pracht und Anmut, verspielte Eleganz und tänzerische Leichtigkeit.
Die Box enthält das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Henri d’Anglebert (1629 bis 1691), dazu Kompositionen von Gaspard Le Roux (um 1660 bis 1707), Louis-Nicolas Clérambault (1676 bis 1749) und Louis Marchand (1669 bis 1732), die kompletten Pièces de clavecin von François Couperin (1668 bis 1733), einen Querschnitt aus den Werken von Antoine Forqueray (1672 bis 1745) und Jean-Baptiste Forqueray (1699 bis 1782), Vater und Sohn, das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (um 1705 bis 1755) sowie die Livres de pièces de clavecin von Jacques Duphly (1715 bis 1789).
Damit umspannt die Box gut 120 Jahre französische Cembalomusik. Sie erscheint wie das Echo des Absolutismus in Frankreich; ihre Blütezeit endet mit dem Sturm auf die Bastille und der Revolution. An der Schwelle dieses Zeitalters wäre noch Claude Balbastre (1724 bis 1799) zu verorten; er wirkte zunächst als Organist und Cembalist bei Hofe, musste dann aber sehen, wie er weiterhin sein Brot verdiente. Und so wirkte er als Organist an Notre-Dame, von den Revolutionären zum Tempel der Wahrheit erklärt, und komponierte Fantasien über die neuen Hymnen und Variationen über die Marseillaise. Von ihm sind meines Wissens ebenfalls zwei Bände mit Cembalomusik überliefert; sie sind in dieser Box allerdings nicht enthalten. Vermissen könnte man eventuell noch die Werke von Louis Couperin (um 1621 bis 1661), dem Onkel von François Couperin.
Ansonsten erscheint die Sammlung ziemlich vollständig. Das ist kein Zufall; Brilliant Classics hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe bedeutender Neuaufnahmen französischer Cembalomusik vorgelegt. Die Einzelveröffentlichungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, wurden nun noch einmal in dieser Kollektion zusammengefasst. Das lohnt sich. Denn die zwischen 2005 und 2015 entstandenen Aufnahmen wurden von einigen der derzeit besten Cembalisten wie Pieter-Jan Belder, Fran- cesco Cera und Michael Borgstede eingespielt. Zu hören sind außerdem exzellente Nachwuchsmusiker wie Yago Mahúgo und Franz Silvestri – und natürlich auch die derzeit klangschönsten Nachbauten historischer Instru- mente.
17. und 18. Jahrhunderts hat jüngst Brilliant Classics vorgelegt. 29 CD laden dazu ein, die Entstehung eines eigenständigen französischen Stils nachzuvollziehen. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit dem französischen Hof und seiner höfischen Ästhetik.
Musikunterricht gehörte damals unbedingt zur Ausbildung junger Aristokraten: Der Adel ließ nicht nur musizieren; er tanzte und musizierte auch selbst. Die Musik wurde wie kaum eine andere Kunst zum Medium der französischen Herrscher, denn sie bot ideale Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Begonnen hat damit wohl Ludwig XIII.; Jacques Champion de Chambonnières (um 1600 bis 1672), der als Vater der französischen Cembalomusik gilt, gehörte als Cembalist der Chambre du roi und als Tänzer dem innersten Zirkel des Regenten an. Seine Kompositionen gehören zu den frühesten Werken in der Kollektion French Harpsichord Music.
Vollendet wurde diese Entwicklung durch Ludwig IV., den Sonnenkönig. Künste und Wissenschaften betrachtete er als wesentliche Instrumente seiner Herrschaft. Deshalb förderte er sie mit Nachdruck. Und er festigte seine Macht nicht zuletzt durch grandiose höfische Feste, die ihn zum Vorbild für den gesamten europäischen Adel werden ließen. Die Musik jener Zeit vereint Pracht und Anmut, verspielte Eleganz und tänzerische Leichtigkeit.
Die Box enthält das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Henri d’Anglebert (1629 bis 1691), dazu Kompositionen von Gaspard Le Roux (um 1660 bis 1707), Louis-Nicolas Clérambault (1676 bis 1749) und Louis Marchand (1669 bis 1732), die kompletten Pièces de clavecin von François Couperin (1668 bis 1733), einen Querschnitt aus den Werken von Antoine Forqueray (1672 bis 1745) und Jean-Baptiste Forqueray (1699 bis 1782), Vater und Sohn, das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (um 1705 bis 1755) sowie die Livres de pièces de clavecin von Jacques Duphly (1715 bis 1789).
Damit umspannt die Box gut 120 Jahre französische Cembalomusik. Sie erscheint wie das Echo des Absolutismus in Frankreich; ihre Blütezeit endet mit dem Sturm auf die Bastille und der Revolution. An der Schwelle dieses Zeitalters wäre noch Claude Balbastre (1724 bis 1799) zu verorten; er wirkte zunächst als Organist und Cembalist bei Hofe, musste dann aber sehen, wie er weiterhin sein Brot verdiente. Und so wirkte er als Organist an Notre-Dame, von den Revolutionären zum Tempel der Wahrheit erklärt, und komponierte Fantasien über die neuen Hymnen und Variationen über die Marseillaise. Von ihm sind meines Wissens ebenfalls zwei Bände mit Cembalomusik überliefert; sie sind in dieser Box allerdings nicht enthalten. Vermissen könnte man eventuell noch die Werke von Louis Couperin (um 1621 bis 1661), dem Onkel von François Couperin.
Ansonsten erscheint die Sammlung ziemlich vollständig. Das ist kein Zufall; Brilliant Classics hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe bedeutender Neuaufnahmen französischer Cembalomusik vorgelegt. Die Einzelveröffentlichungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, wurden nun noch einmal in dieser Kollektion zusammengefasst. Das lohnt sich. Denn die zwischen 2005 und 2015 entstandenen Aufnahmen wurden von einigen der derzeit besten Cembalisten wie Pieter-Jan Belder, Fran- cesco Cera und Michael Borgstede eingespielt. Zu hören sind außerdem exzellente Nachwuchsmusiker wie Yago Mahúgo und Franz Silvestri – und natürlich auch die derzeit klangschönsten Nachbauten historischer Instru- mente.
Dienstag, 16. Februar 2016
Handel: Complete Harpsichord Music (Brillant Classics)
Eine Anekdote berichtet, Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) habe in Venedig bei einer Maskerade das Cembalo gespielt. Domenico Scarlatti, einer der besten Cemba- listen seiner Zeit, kam dazu – und soll spontan ausgerufen haben, dies müsse entweder der Sachse oder aber der Teufel sein.
Anders aber als Scarlatti, hat Händel nicht gerade viel Musik speziell für das Cembalo komponiert. Dafür sind diese wenigen Werke allerdings von exzellenter Qualität. Virtuose Passagen machen deutlich, dass Händel das Instrument brillant beherrscht haben muss. Bei Brilliant Classics sind nun sämtliche Cembalowerke des Komponisten in einer Box erschienen. Sie fasst zwei Einspielungen zusammen, die beide Standards setzen. Auf vier CD erklingen die Einzelwerke – Präludien, Fugen, Partiten, Sonaten und anderes, vorgetragen von Roberto Loreggian. Der italienische Cembalist und Organist hat bereits die Frescobaldi-Edition des Labels betreut, und auch ansonsten etliche ausgezeichnete Aufnahmen veröffentlicht. Bei den Werken für zwei Cembali musiziert er gemeinsam mit Elisa Fanchini.
Die Suites de pièces pour le clavecin von 1720, HWV 426-433 und 1733, HWV 434-441 sind ebenfalls auf vier CD in einer Aufnahme mit Michael Borgstede aus dem Jahre 2008 enthalten. Sie wurde seinerzeit von der Kritik sehr gefeiert; Fono Forum beispielsweise erklärte sie zur neuen Referenzaufnahme. Dieses Urteil kann ich nur bestätigen - wer diese Musik auf einem Cembalo gespielt hören möchte, dem sei diese Box daher wärmstens empfohlen.
Anders aber als Scarlatti, hat Händel nicht gerade viel Musik speziell für das Cembalo komponiert. Dafür sind diese wenigen Werke allerdings von exzellenter Qualität. Virtuose Passagen machen deutlich, dass Händel das Instrument brillant beherrscht haben muss. Bei Brilliant Classics sind nun sämtliche Cembalowerke des Komponisten in einer Box erschienen. Sie fasst zwei Einspielungen zusammen, die beide Standards setzen. Auf vier CD erklingen die Einzelwerke – Präludien, Fugen, Partiten, Sonaten und anderes, vorgetragen von Roberto Loreggian. Der italienische Cembalist und Organist hat bereits die Frescobaldi-Edition des Labels betreut, und auch ansonsten etliche ausgezeichnete Aufnahmen veröffentlicht. Bei den Werken für zwei Cembali musiziert er gemeinsam mit Elisa Fanchini.
Die Suites de pièces pour le clavecin von 1720, HWV 426-433 und 1733, HWV 434-441 sind ebenfalls auf vier CD in einer Aufnahme mit Michael Borgstede aus dem Jahre 2008 enthalten. Sie wurde seinerzeit von der Kritik sehr gefeiert; Fono Forum beispielsweise erklärte sie zur neuen Referenzaufnahme. Dieses Urteil kann ich nur bestätigen - wer diese Musik auf einem Cembalo gespielt hören möchte, dem sei diese Box daher wärmstens empfohlen.
Donnerstag, 21. Januar 2016
János Starker - Zuzana Růžičková: Duo Recital 1971 (Hänssler Classic)
János Starker (1924 bis 2013) gilt als einer der besten Cellisten des 20. Jahrhunderts. In seinem Spiel vereint er exzellente Technik, einen ebenso noblen wie kraftvollen Klang und Konzentration auf das Wesentliche, die musikalische Struktur, die er stets als Zentrum seiner Interpretationen angesehen hat. Starker war dabei ein überraschend penibler Arbeiter – so hat er beispielsweise Bachs Cello-Solosuiten fünfmal für die Schall- platte eingespielt.
Zuzana Růžičková, geboren 1927, war eine grandiose Cembalistin. Ihre Laufbahn hat sie sich hart erkämpft, denn anstatt zum Studium bei Wanda Landowska nach Paris zu gehen, wurde sie 1942 mit ihren Eltern und Großeltern in Theresienstadt interniert. Dort gelang es Gideon Klein, sie zu unterrichten. Doch statt einer Musikhochschule waren ihre nächsten Stationen Auschwitz und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung kehrte Růžičková gemeinsam mit ihrer Mutter in die Heimat zurück; mit großer Disziplin und in jahrelanger beharrlicher Arbeit erlangte die Musikerin ihre manuellen Fertigkeiten zurück. 1951 musizierte sie erstmals öffentlich als Cembalistin.
Růžičková gründete 1962 gemeinsam mit Václav Neumann die Prager Kammersolisten. Sie spielte mehr als hundert Schallplatten ein, und schätzte „Alte“ und zeitgenössische Musik gleichermaßen. Sie wirkte auch sehr erfolgreich als Musikpädagogin, wurde aber erst 1990 zur Professorin ernannt. Ihre Aufnahmen zeugen davon, dass sie – ähnlich wie Starker – größten Wert darauf legte, Strukturen hörbar zu machen. In diesem wichtigen Punkt waren sich die beiden Musiker einig. Das zeigt eindrucks- voll auch ein Mitschnitt ihres gemeinsamen Konzertes 1971 bei den Schwetzinger Festspielen.
In diesem Konzert, das vom SWR aufgezeichnet wurde, haben die beiden Musiker gemeinsam zwei Gambensonaten von Johann Sebastian Bach vorgetragen. Ergänzt wurde das Programm durch jeweils ein Solo-Stück – Starker wählte die Violoncello-Suite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011, Růžičková die Chromatische Fantasie und Fuge für Cembalo BWV 903. Ein Tondo- kument von historischem Rang, das nun digital überarbeitet bei Hänssler Classic erschienen ist.
Zuzana Růžičková, geboren 1927, war eine grandiose Cembalistin. Ihre Laufbahn hat sie sich hart erkämpft, denn anstatt zum Studium bei Wanda Landowska nach Paris zu gehen, wurde sie 1942 mit ihren Eltern und Großeltern in Theresienstadt interniert. Dort gelang es Gideon Klein, sie zu unterrichten. Doch statt einer Musikhochschule waren ihre nächsten Stationen Auschwitz und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung kehrte Růžičková gemeinsam mit ihrer Mutter in die Heimat zurück; mit großer Disziplin und in jahrelanger beharrlicher Arbeit erlangte die Musikerin ihre manuellen Fertigkeiten zurück. 1951 musizierte sie erstmals öffentlich als Cembalistin.
Růžičková gründete 1962 gemeinsam mit Václav Neumann die Prager Kammersolisten. Sie spielte mehr als hundert Schallplatten ein, und schätzte „Alte“ und zeitgenössische Musik gleichermaßen. Sie wirkte auch sehr erfolgreich als Musikpädagogin, wurde aber erst 1990 zur Professorin ernannt. Ihre Aufnahmen zeugen davon, dass sie – ähnlich wie Starker – größten Wert darauf legte, Strukturen hörbar zu machen. In diesem wichtigen Punkt waren sich die beiden Musiker einig. Das zeigt eindrucks- voll auch ein Mitschnitt ihres gemeinsamen Konzertes 1971 bei den Schwetzinger Festspielen.
In diesem Konzert, das vom SWR aufgezeichnet wurde, haben die beiden Musiker gemeinsam zwei Gambensonaten von Johann Sebastian Bach vorgetragen. Ergänzt wurde das Programm durch jeweils ein Solo-Stück – Starker wählte die Violoncello-Suite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011, Růžičková die Chromatische Fantasie und Fuge für Cembalo BWV 903. Ein Tondo- kument von historischem Rang, das nun digital überarbeitet bei Hänssler Classic erschienen ist.
Montag, 18. Januar 2016
Fantasia baroque (Coviello Classics)
Aleksandra und Alexander Grychtolik beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Improvisation und Generalbass-Spiel. Noch im 17. und 18. Jahrhundert gehörte beides selbstverständlich zum Handwerks- zeug eines jeden Musikers; doch mit dem veränderten Werkverständnis der Romantik brach diese Tradition ab. Heute sind am ehesten noch Kanto- ren und Organisten in dieser Kunst ausgebildet, sie spielen Improvisatio- nen mitunter noch in Konzerten.
Dass es möglich ist, Musik nicht nur modern, sondern auch im Stil der Bach-Zeit und sogar im Duo zu improvisieren, beweist das Ehepaar Grychtolik mit dieser ganz erstaunlichen CD. „Zentral war für uns, mit dieser CD etwas von dem Trance-artigen ,Flow' zu vermitteln, in den sich ein Improvisator spielen muss, um in die barocke Musiksprache einzu- tauchen“, berichten die beiden Musiker. Im Zentrum der Einspielung stehen vier Sonaten über zwei bezifferte Bässe von Bernardo Pasquini (1673 bis 1710), furios vorgetragen auf zwei Cembali. „Die berühmten Sonaten von Pasquini bestehen eigentlich nur aus zwei Basslinien und kurzen Angaben zu den Harmonien in Form von äußerst lückenhaften Generalbassziffern“, erläutert Aleksandra Grychtolik. „Wir hatten quasi eine ,Carte Blanche' und konnten unsere ganz eigene, individuelle ,Fassung' dieser Sonaten in verschiedenen Stimmungen und Stilen improvisieren. Man wird diese Sonaten deshalb nie mehr genau so hören wie auf der CD, deswegen ist sie für uns auch eine Dokumentation unserer gemeinsamen musikalischen Arbeit.“
Alexander Grychtolik lässt darauf die Improvisation einer Partita in der Art Johann Sebastian Bachs folgen, Aleksandra Grychtolik antwortet mit der Fantasie fis-Moll Wq. 67 von Carl Philipp Emanuel Bach. Atemberau- bend freilich erscheint insbesondere der Rahmen, in den die beiden Musiker diese Proben ihrer Kunst stellen: Die CD beginnt mit einer Ciaccona improvvisata per la Madonna di Grodowiec nach Antonio Bertali (11605 bis 1669), und sie endet mit einer irrwitzigen Concerto-Improvisation für zwei Cembali.
„Das war für die Tonmeisterin während der CD-Aufnahme ziemlich aufregend, denn bei richtigen Live-Improvisationen gibt es natürlich keine Noten, die der Tonmeister hätte mitverfolgen können. So etwas ist für Cembalo-CDs ein echtes Novum“, meint Alexander Grychtolik. „Man hört förmlich, wie die musikalischen Gedanken sich erst beim Spielen richtig ausformen und der Hörer die unmittelbare Entstehung von Barockmusik erlebt – das unterscheidet sich von üblichen CD-Hörge- wohnheiten.“
Die Grychtoliks musizieren virtuos und wie aus einem Atem. Wer diese CD zum ersten Male anhört, der mag es gar nicht glauben, dass man heutzu- tage wieder so Cembalo spielen kann, so lebendig und temperamentvoll. Der alte Bach würde sich darüber sicherlich freuen – weit mehr als über so manche ehrfurchtsvoll eingespielte „Originalklang“-Aufnahme, die daherkommt wie aus dem Museum.
Dass es möglich ist, Musik nicht nur modern, sondern auch im Stil der Bach-Zeit und sogar im Duo zu improvisieren, beweist das Ehepaar Grychtolik mit dieser ganz erstaunlichen CD. „Zentral war für uns, mit dieser CD etwas von dem Trance-artigen ,Flow' zu vermitteln, in den sich ein Improvisator spielen muss, um in die barocke Musiksprache einzu- tauchen“, berichten die beiden Musiker. Im Zentrum der Einspielung stehen vier Sonaten über zwei bezifferte Bässe von Bernardo Pasquini (1673 bis 1710), furios vorgetragen auf zwei Cembali. „Die berühmten Sonaten von Pasquini bestehen eigentlich nur aus zwei Basslinien und kurzen Angaben zu den Harmonien in Form von äußerst lückenhaften Generalbassziffern“, erläutert Aleksandra Grychtolik. „Wir hatten quasi eine ,Carte Blanche' und konnten unsere ganz eigene, individuelle ,Fassung' dieser Sonaten in verschiedenen Stimmungen und Stilen improvisieren. Man wird diese Sonaten deshalb nie mehr genau so hören wie auf der CD, deswegen ist sie für uns auch eine Dokumentation unserer gemeinsamen musikalischen Arbeit.“
Alexander Grychtolik lässt darauf die Improvisation einer Partita in der Art Johann Sebastian Bachs folgen, Aleksandra Grychtolik antwortet mit der Fantasie fis-Moll Wq. 67 von Carl Philipp Emanuel Bach. Atemberau- bend freilich erscheint insbesondere der Rahmen, in den die beiden Musiker diese Proben ihrer Kunst stellen: Die CD beginnt mit einer Ciaccona improvvisata per la Madonna di Grodowiec nach Antonio Bertali (11605 bis 1669), und sie endet mit einer irrwitzigen Concerto-Improvisation für zwei Cembali.
„Das war für die Tonmeisterin während der CD-Aufnahme ziemlich aufregend, denn bei richtigen Live-Improvisationen gibt es natürlich keine Noten, die der Tonmeister hätte mitverfolgen können. So etwas ist für Cembalo-CDs ein echtes Novum“, meint Alexander Grychtolik. „Man hört förmlich, wie die musikalischen Gedanken sich erst beim Spielen richtig ausformen und der Hörer die unmittelbare Entstehung von Barockmusik erlebt – das unterscheidet sich von üblichen CD-Hörge- wohnheiten.“
Die Grychtoliks musizieren virtuos und wie aus einem Atem. Wer diese CD zum ersten Male anhört, der mag es gar nicht glauben, dass man heutzu- tage wieder so Cembalo spielen kann, so lebendig und temperamentvoll. Der alte Bach würde sich darüber sicherlich freuen – weit mehr als über so manche ehrfurchtsvoll eingespielte „Originalklang“-Aufnahme, die daherkommt wie aus dem Museum.
Donnerstag, 19. November 2015
Gabrieli: Complete Keyboard Music (Brilliant Classics)
Roberto Loreggian hat das Gesamt- werk von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585) für Tasteninstrumente, soweit es jedenfalls überliefert ist, für Brilliant Classics eingespielt. Die Box enthält sechs CD und ein Beiheft mit ausführlichen Anmerkungen. Die musikalische Qualität ist berückend: Andrea Gabrieli war der Onkel und Lehrer des berühmten Giovanni Gabrieli; zu seinen Schülern gehörten zudem Hans Leo Haßler oder der Dresdner Hofkapellmeister Rogier Michael.
Gebrieli stammte aus Venedig, und lernte möglicherweise einige Zeit in Verona bei Vincenzo Ruffo. 1555 war er aber bereits als Organist in Venedig tätig. 1557 bewarb er sich vergeblich um eine Anstellung am Markusdom. 1562 reiste Gabrieli nach Deutsch- land; so begegnete er in München Orlando di Lasso.
1565 veröffentlichte Gabrieli in Venedig seine Cantiones sacrae; ein Jahr später wurde er dann Organist am Markusdom. Der Musiker schuf neben zahlreichen Vokalwerken auch eine Menge Musik für Tasteninstrumente; nach seinem Tod trug Giovanni Gabrieli diese Werke zusammen und ließ sie in sechs Bänden drucken. Vom vierten Band ist aber offenbar heute kein Exemplar mehr aufzufinden. Eine moderne Edition erschien in den 90er Jahren bei Doblinger.
Gabrielis Werke, an der Schwelle von der Renaissance zum Barock, sind von großer Pracht; aber für heutige Hörgewohnheiten klingen sie mitunter fremd. Diesen Eindruck wollte Loreggian auch nicht verwischen: „I have sought to render the quality of Venetian sonority of the late 1500s as faithfully as possible“, erläutert der Organist im Beiheft. „To this end I have chosen to play the organ built by Vincenzo Colombi in 1532 for the cathedral in Valvasone, near Pordenone in northern Italy (..), and a copy of a Domenico da Pesaro harpsichord built by Florindo Gazzola in 1990.“
Das ist eine exzellente Wahl: Vincenzo Colombi (um 1490 bis 1574) gehört zu den großen Meistern seiner Zunft. Die Orgel in Valvasone, mit ihrem reich verzierten und kunstvoll bemalten Gehäuse, ist das einzige venezianische Instrument aus dem 16. Jahrhundert, das erhalten geblieben ist. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut, aber bei der letzten Überarbeitung 1999 durch Francesco Zanin so weit wie möglich wieder in den originalen Zustand gebracht. Sie ist mitteltönig gestimmt und steht im hohen Chorton.
Gebrieli stammte aus Venedig, und lernte möglicherweise einige Zeit in Verona bei Vincenzo Ruffo. 1555 war er aber bereits als Organist in Venedig tätig. 1557 bewarb er sich vergeblich um eine Anstellung am Markusdom. 1562 reiste Gabrieli nach Deutsch- land; so begegnete er in München Orlando di Lasso.
1565 veröffentlichte Gabrieli in Venedig seine Cantiones sacrae; ein Jahr später wurde er dann Organist am Markusdom. Der Musiker schuf neben zahlreichen Vokalwerken auch eine Menge Musik für Tasteninstrumente; nach seinem Tod trug Giovanni Gabrieli diese Werke zusammen und ließ sie in sechs Bänden drucken. Vom vierten Band ist aber offenbar heute kein Exemplar mehr aufzufinden. Eine moderne Edition erschien in den 90er Jahren bei Doblinger.
Gabrielis Werke, an der Schwelle von der Renaissance zum Barock, sind von großer Pracht; aber für heutige Hörgewohnheiten klingen sie mitunter fremd. Diesen Eindruck wollte Loreggian auch nicht verwischen: „I have sought to render the quality of Venetian sonority of the late 1500s as faithfully as possible“, erläutert der Organist im Beiheft. „To this end I have chosen to play the organ built by Vincenzo Colombi in 1532 for the cathedral in Valvasone, near Pordenone in northern Italy (..), and a copy of a Domenico da Pesaro harpsichord built by Florindo Gazzola in 1990.“
Das ist eine exzellente Wahl: Vincenzo Colombi (um 1490 bis 1574) gehört zu den großen Meistern seiner Zunft. Die Orgel in Valvasone, mit ihrem reich verzierten und kunstvoll bemalten Gehäuse, ist das einzige venezianische Instrument aus dem 16. Jahrhundert, das erhalten geblieben ist. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut, aber bei der letzten Überarbeitung 1999 durch Francesco Zanin so weit wie möglich wieder in den originalen Zustand gebracht. Sie ist mitteltönig gestimmt und steht im hohen Chorton.
Mittwoch, 11. November 2015
Handel Collection (Brilliant Classics)
Eine umfangreiche Box mit Werken von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) ist jüngst bei Brilliant Classics erschienen: Die Händel Edition fasst auf immerhin 65 CD wichtige Kompositionen des weitgereisten Hallensers zusammen. Dabei sind nahezu alle Bereiche seines Schaffens exemplarisch vertreten – bis auf die Opern, die hier ausgespart sind. Von den Oratorien sind neben Messiah und La Resurrezione in dieser Box Jephtha, Israel in Egypt, Judas Maccabaeus, Samson, Theodora, Saul, Solomon und Semele enthalten. Darüber hinaus bietet die Box eine Auswahl an Kantaten und Duetten, Oden, Te Deums und Anthems, zahlreiche Orchesterwerke und Konzerte, die vollständige Kammermusik und sämtliche Stücke für Tasteninstru- mente.
Zu hören sind beispielsweise die Feuerwerks- und die Wassermusik, die Cembalo-Suiten, die Concerti grossi und die Orgelkonzerte, das Dettinger Te Deum, das Utrechter Te Deum, die Ode for St. Cecilia’s Day, Alexan- der’s Feast und die Krönungshymnen. Doch auch selten aufgeführte frühe deutsche Arien und italienische Kantaten sind in der Box zu finden.
Die Liste der mitwirkenden Sänger und Instrumentalisten ist lang und illuster. Neben großen Namen, wie Arleen Auger, Alfred Deller oder Susanne Rydén und bekannten Ensembles wie Concerto Köln, Stuttgarter Kammerorchester, Neues Bachisches Collegium Musicum Leipzig, RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin oder English Chamber Orchestra sind auch von der Kritik hochgelobte Newcomer wie Erik Bosgraaf, Roberto Loreggian, Massimo Gabba, das Ensemble Contrasto Armonico unter Marco Vitale und das Ensemble Harmonices Mundi unter Claudio Astronio zu hören. Ein Großteil der Aufnahmen der Edition entstand vollständig digital, die älteren Einspielungen wurden durch ein Remastering klanglich aufgewertet. Und selbst wer schon eine ganze Reihe von Aufnahmen der Händelschen Werke sein eigen nennt, der wird in dieser Schatztruhe noch Überraschendes finden.
Zu hören sind beispielsweise die Feuerwerks- und die Wassermusik, die Cembalo-Suiten, die Concerti grossi und die Orgelkonzerte, das Dettinger Te Deum, das Utrechter Te Deum, die Ode for St. Cecilia’s Day, Alexan- der’s Feast und die Krönungshymnen. Doch auch selten aufgeführte frühe deutsche Arien und italienische Kantaten sind in der Box zu finden.
Die Liste der mitwirkenden Sänger und Instrumentalisten ist lang und illuster. Neben großen Namen, wie Arleen Auger, Alfred Deller oder Susanne Rydén und bekannten Ensembles wie Concerto Köln, Stuttgarter Kammerorchester, Neues Bachisches Collegium Musicum Leipzig, RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin oder English Chamber Orchestra sind auch von der Kritik hochgelobte Newcomer wie Erik Bosgraaf, Roberto Loreggian, Massimo Gabba, das Ensemble Contrasto Armonico unter Marco Vitale und das Ensemble Harmonices Mundi unter Claudio Astronio zu hören. Ein Großteil der Aufnahmen der Edition entstand vollständig digital, die älteren Einspielungen wurden durch ein Remastering klanglich aufgewertet. Und selbst wer schon eine ganze Reihe von Aufnahmen der Händelschen Werke sein eigen nennt, der wird in dieser Schatztruhe noch Überraschendes finden.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
Buxtehude: Opera Omnia - Vocal Works; Koopman (Challenge Classics)
Ton Koopman verdanken wir viele bedeutende musikalische Entdek- kungen und Einspielungen. Erinnert sei hier an seine Gesamtaufnahmen des Orgelwerkes sowie der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat – glücklicherweise – Koopmans Aufmerksamkeit auf einen weiteren Komponisten gelenkt, von dem Bach sehr viel gelernt hat: Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707).
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November.
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule.
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter.
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert.
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters.
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte.
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November.
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule.
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter.
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert.
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters.
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte.
Sonntag, 6. Juli 2014
Bach: Werke für Cembalo; Pischner (Berlin Classics)
Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, sagt das Sprichwort. Das Wirken von Musikern aber lässt sich glücklicherweise oftmals mit Tondokumenten belegen. Und so hat Berlin Classics Hans Pischner Anfang des Jahres zum 100. (!) Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk auf den Gabentisch gelegt: Eine Edition nahezu aller Werke, die Johann Sebastian Bach jemals für Cembalo geschrieben hat, gespielt durch den Jubilar, auf zehn CD.
Hans Pischner ist der Sohn eines Breslauer Klavierbauers. Er studierte in seiner Vaterstadt bei nam- haften Lehrern, doch seine Laufbahn wurde dann durch Kriegsdienst und Gefangenschaft unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Dozent, Professor und stellvertretender Direktor der Weimarer Musikhochschule. In den fünfziger Jahren widmete er sich der Kulturpolitik, und stieg auf bis zum stellvertretenden Kultur- minister der DDR. Dabei hat er offenbar viel Gutes bewirkt. So verhalf er dem Dirigenten Kurt Sanderling, der 1936 vor den Nazis in die UdSSR geflüchtet war, zur Rückkehr.
1963 wurde Pischner Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden. In einer schwierigen Zeit gelang es ihm, ein Ensemble an sein Haus zu binden, das zu Recht bald weltweit gerühmt wurde. Pischner holte den Österreicher Otmar Suitner als Generalmusikdirektor an sein Haus; nur wer weiß, mit welcher Wucht in der DDR Auseinan- dersetzungen wie die sogenannte Formalismusdebatte geführt wurden, kann ermessen, welches Risiko es bedeutete, wenn Pischner seinen GMD das erste Konzert ausgerechnet mit Schönberg starten ließ. Was für eine Persönlichkeit, was für ein Lebenswerk – und was für ein Jubiläum! Das Cembalo aber und insbesondere Bach waren eine Konstante in Pischners bewegtem Leben.
Da ist die CD-Box eine Geburtstagsgabe, die auch das Publikum be- geistert. Denn die Aufnahmen, eingespielt durch den Jubilar in den 60er Jahren, waren überwiegend lang vergriffen. Es ist sehr erfreu- lich, dass sie nunmehr wieder zugänglich sind. Denn Pischner hat Bachs Notentext mit großer Sorgfalt studiert und seine Werke ebenso sorgsam interpretiert. So kann man hier etliche Stunden lang einem der besten Cembalisten Ostdeutschlands lauschen und sich an vielen kleinen Details erfreuen. Die berühmteste seiner Aufnahmen für Eterna, die Sonaten für Violine und Cembalo mit David Oistrach, konnten in diese Edition leider nicht aufgenommen werden – dafür erklingt aber die Sonate BWV 1037 mit David und Igor Oistrach.
Hans Pischner ist der Sohn eines Breslauer Klavierbauers. Er studierte in seiner Vaterstadt bei nam- haften Lehrern, doch seine Laufbahn wurde dann durch Kriegsdienst und Gefangenschaft unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Dozent, Professor und stellvertretender Direktor der Weimarer Musikhochschule. In den fünfziger Jahren widmete er sich der Kulturpolitik, und stieg auf bis zum stellvertretenden Kultur- minister der DDR. Dabei hat er offenbar viel Gutes bewirkt. So verhalf er dem Dirigenten Kurt Sanderling, der 1936 vor den Nazis in die UdSSR geflüchtet war, zur Rückkehr.
1963 wurde Pischner Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden. In einer schwierigen Zeit gelang es ihm, ein Ensemble an sein Haus zu binden, das zu Recht bald weltweit gerühmt wurde. Pischner holte den Österreicher Otmar Suitner als Generalmusikdirektor an sein Haus; nur wer weiß, mit welcher Wucht in der DDR Auseinan- dersetzungen wie die sogenannte Formalismusdebatte geführt wurden, kann ermessen, welches Risiko es bedeutete, wenn Pischner seinen GMD das erste Konzert ausgerechnet mit Schönberg starten ließ. Was für eine Persönlichkeit, was für ein Lebenswerk – und was für ein Jubiläum! Das Cembalo aber und insbesondere Bach waren eine Konstante in Pischners bewegtem Leben.
Da ist die CD-Box eine Geburtstagsgabe, die auch das Publikum be- geistert. Denn die Aufnahmen, eingespielt durch den Jubilar in den 60er Jahren, waren überwiegend lang vergriffen. Es ist sehr erfreu- lich, dass sie nunmehr wieder zugänglich sind. Denn Pischner hat Bachs Notentext mit großer Sorgfalt studiert und seine Werke ebenso sorgsam interpretiert. So kann man hier etliche Stunden lang einem der besten Cembalisten Ostdeutschlands lauschen und sich an vielen kleinen Details erfreuen. Die berühmteste seiner Aufnahmen für Eterna, die Sonaten für Violine und Cembalo mit David Oistrach, konnten in diese Edition leider nicht aufgenommen werden – dafür erklingt aber die Sonate BWV 1037 mit David und Igor Oistrach.
Sonntag, 29. Juni 2014
Muffat: Componimenti Musicali (Naxos)
Gottlieb Muffat (1690 bis 1770) war der jüngste Sohn des berühm- ten Georg Muffat. Der Vater könnte zugleich der erste Lehrer des Kna- ben gewesen sein. Muffat junior erwies sich als ein begabter Schü- ler; im Alter von zehn Jahren soll der bereits dem Kaiser auf dem Cembalo vorgespielt haben. Nach dem Tode Georg Muffats zog der gerade einmal vierzehnjährige Gottlieb nach Wien zu seinen Brüdern. Dort wurde er Hofscholar an der kaiserlichen Hofkapelle und erhielt Unterricht unter anderem bei Hofkapellmeister Johann Jo- seph Fux. 1714 erhielt er seine erste Anstellung am Hof der Kaiserin- witwe Amalia Wilhelmina; 1717 wurde er durch den Kaiser zum Or- ganisten bestellt. Außerdem unterrichtete er die kaiserlichen Kinder. Zu seinen Schülern gehörte beispielsweise die spätere Kaiserin Maria Theresia.
Muffat scheint ein brillanter Cembalist gewesen zu sein. Fux berichtet über ihn, er sei in der Oper und Kammermusik ein gefragter Begleiter gewesen; auch habe man bei Hofe seine Werke sehr geschätzt. Wer diese CD mit einer Auswahl seiner Kompositionen angehört hat, der wird sich erstaunt fragen, wieso ein solches Werk nur noch absoluten Insidern bekannt ist. Denn die Musik Muffats kann man Bach und Händel durchaus zur Seite stellen. Der Musiker, der Wien möglicher- weise niemals zu einer längeren Studienreise verlassen hat – ein Aufenthalt in Italien wird zwar vermutet, ließ sich aber bislang nicht belegen – bewegt sich flexibel zwischen dem deutschen, dem franzö- sischen und dem italienischen Stil.
Händel schätzte Muffats Musik derart, dass er Zitate daraus in seinen eigenen Werken verwendete. Naoko Akutagawa, eine hervorragende Cembalistin aus Japan, spielt hier Ausschnitte aus seinen ebenso virtuosen wie noblen Suiten, die er unter dem Titel Componimenti Musicali 1739 in Augsburg veröffentlicht hat. Dazu erklingen zwei „Parthien“, das sind ebenfalls Suiten, in Weltersteinspielung. Unbe- dingt anhören, denn sowohl die Werke als auch die Interpretation setzen Maßstäbe.
Muffat scheint ein brillanter Cembalist gewesen zu sein. Fux berichtet über ihn, er sei in der Oper und Kammermusik ein gefragter Begleiter gewesen; auch habe man bei Hofe seine Werke sehr geschätzt. Wer diese CD mit einer Auswahl seiner Kompositionen angehört hat, der wird sich erstaunt fragen, wieso ein solches Werk nur noch absoluten Insidern bekannt ist. Denn die Musik Muffats kann man Bach und Händel durchaus zur Seite stellen. Der Musiker, der Wien möglicher- weise niemals zu einer längeren Studienreise verlassen hat – ein Aufenthalt in Italien wird zwar vermutet, ließ sich aber bislang nicht belegen – bewegt sich flexibel zwischen dem deutschen, dem franzö- sischen und dem italienischen Stil.
Händel schätzte Muffats Musik derart, dass er Zitate daraus in seinen eigenen Werken verwendete. Naoko Akutagawa, eine hervorragende Cembalistin aus Japan, spielt hier Ausschnitte aus seinen ebenso virtuosen wie noblen Suiten, die er unter dem Titel Componimenti Musicali 1739 in Augsburg veröffentlicht hat. Dazu erklingen zwei „Parthien“, das sind ebenfalls Suiten, in Weltersteinspielung. Unbe- dingt anhören, denn sowohl die Werke als auch die Interpretation setzen Maßstäbe.
Dienstag, 31. Dezember 2013
Partimenti (Avi-Music)
Musik für Generalbass solo? Da staunt der Musikfreund. Denn der Generalbass ist der getreue Begleiter des Solisten in der Barockmusik. Zwar gibt es Stücke ohne basso continuo – doch schon das ist so ungewöhnlich, dass beispielsweise Bach es bei seinen Sonaten und Partiten für Violine solo ausdrücklich vermerkt. Wie also kommt Christian Rieger zu Werken für Generalbass solo?
Im Beiheft zu dieser CD erläutert der Cembalist, wie so etwas möglich ist. „Seit eh und je ist die Arbeit eines Generalbassspielers ein wenig anders als die der übrigen klassischen Musiker“, erläutert Rieger. „Während diese sich bemühen, eine vorgegebene Stimme möglichst fehlerfrei, originell und mit einer individuellen Duftnote wiederzugeben, muss jener seine Musik erst einmal erfinden. Vor sich hat er nämlich nur eine einstimmige Basslinie, die mit mehr oder wenig vielen Zahlen versehen ist – auf eine Art vergleichbar den Akkordsymbolen im Jazz. Diese Zahlen unterrichten ihn über die Art des geforderten Akkords, nicht aber über dessen absolute Stellung im Tonraum, nicht über die Anzahl der Stimmen und schon gar nicht über Feinheiten wie Stimmführung, Motivik oder gar Verzierungen.“
Wie man aus diesem Dilemma herauskommt? Üben, üben, üben, sagt Rieger: „Trotzdem gelingt es Continuospielern an Cembalo und Orgel immer mal wieder, harmonisch und kontrapunktisch einwandfreie Generalbässe zu spielen und diesen überdiens noch ein Quentchen Individualität zu verpassen. Das verdanken sie ihren Reflexen und deren Training. Und hiermit sind wir mitten in der Thematik dieser Aufnahme.“
Denn die Probleme hatten Musiker auch schon im Generalbass-Zeitalter, verschärft allerdings durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schlüssel – wer noch nie einen Originaldruck aus jener Zeit in Händen gehalten hat, der wird von solchen Tücken gar keinen Begriff haben. Damit Schüler das Continuospiel üben konnten, haben ihnen erfahre- ne Lehrer Übungsstücke geschrieben – die Partimenti, regelrechte Trainingsstücke, die sie obendrein mit allen Schwierigkeiten ver- sahen, die man sich vorstellen mag.
„Es ist deutlich spürbar, dass die Lehrer und Partimentokomponisten die Klippen des Continuospiels genau kannten und sie vorsätzlich in ihre Stücke einbauten“, so Rieger. „Die Gründe, die beim General- bassspieler für einen roten Kopf sorgen, sind durch Generationen dieselben geblieben, und sie haben sich bis heute nicht geändert. Man kennt die Katastrophen, die bei einem unvermuteten Schlüsselwechsel eintreten; und das Blattspiel eines Stücks in einer schrägen Tonart mit vielen Vorzeichenwechseln kann schon einmal peinliche Momente mit sich bringen.“
Rieger hat auf dieser CD einige dieser Werke zusammengestellt, an denen der Cembalist einst im stillen Kämmerlein trainiert hat, um dann beim gemeinsamem Musizieren eben nicht erröten zu müssen. Er hat dabei in erster Linie versucht, herauszufinden, wieviel Musik möglich ist in einem solchen Unterrichtsstück. „Bei allem kritischen Stilbewusstsein ist freilich nicht auszuschließen“, räumt er im Beiheft ein, „dass der Interpret des 21. Jahrhunderts in dieser Spielfreude auf Lösungen verfällt, die den Komponisten des Basses vielleicht ver- stimmt, erstaunt, amüsiert hätten.“ Den Hörer jedenfalls erfreut Riegers Idee – eine tolle CD, die gerade aufgrund dieser Musizierlust begeistert. Genial!
Im Beiheft zu dieser CD erläutert der Cembalist, wie so etwas möglich ist. „Seit eh und je ist die Arbeit eines Generalbassspielers ein wenig anders als die der übrigen klassischen Musiker“, erläutert Rieger. „Während diese sich bemühen, eine vorgegebene Stimme möglichst fehlerfrei, originell und mit einer individuellen Duftnote wiederzugeben, muss jener seine Musik erst einmal erfinden. Vor sich hat er nämlich nur eine einstimmige Basslinie, die mit mehr oder wenig vielen Zahlen versehen ist – auf eine Art vergleichbar den Akkordsymbolen im Jazz. Diese Zahlen unterrichten ihn über die Art des geforderten Akkords, nicht aber über dessen absolute Stellung im Tonraum, nicht über die Anzahl der Stimmen und schon gar nicht über Feinheiten wie Stimmführung, Motivik oder gar Verzierungen.“
Wie man aus diesem Dilemma herauskommt? Üben, üben, üben, sagt Rieger: „Trotzdem gelingt es Continuospielern an Cembalo und Orgel immer mal wieder, harmonisch und kontrapunktisch einwandfreie Generalbässe zu spielen und diesen überdiens noch ein Quentchen Individualität zu verpassen. Das verdanken sie ihren Reflexen und deren Training. Und hiermit sind wir mitten in der Thematik dieser Aufnahme.“
Denn die Probleme hatten Musiker auch schon im Generalbass-Zeitalter, verschärft allerdings durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schlüssel – wer noch nie einen Originaldruck aus jener Zeit in Händen gehalten hat, der wird von solchen Tücken gar keinen Begriff haben. Damit Schüler das Continuospiel üben konnten, haben ihnen erfahre- ne Lehrer Übungsstücke geschrieben – die Partimenti, regelrechte Trainingsstücke, die sie obendrein mit allen Schwierigkeiten ver- sahen, die man sich vorstellen mag.
„Es ist deutlich spürbar, dass die Lehrer und Partimentokomponisten die Klippen des Continuospiels genau kannten und sie vorsätzlich in ihre Stücke einbauten“, so Rieger. „Die Gründe, die beim General- bassspieler für einen roten Kopf sorgen, sind durch Generationen dieselben geblieben, und sie haben sich bis heute nicht geändert. Man kennt die Katastrophen, die bei einem unvermuteten Schlüsselwechsel eintreten; und das Blattspiel eines Stücks in einer schrägen Tonart mit vielen Vorzeichenwechseln kann schon einmal peinliche Momente mit sich bringen.“
Rieger hat auf dieser CD einige dieser Werke zusammengestellt, an denen der Cembalist einst im stillen Kämmerlein trainiert hat, um dann beim gemeinsamem Musizieren eben nicht erröten zu müssen. Er hat dabei in erster Linie versucht, herauszufinden, wieviel Musik möglich ist in einem solchen Unterrichtsstück. „Bei allem kritischen Stilbewusstsein ist freilich nicht auszuschließen“, räumt er im Beiheft ein, „dass der Interpret des 21. Jahrhunderts in dieser Spielfreude auf Lösungen verfällt, die den Komponisten des Basses vielleicht ver- stimmt, erstaunt, amüsiert hätten.“ Den Hörer jedenfalls erfreut Riegers Idee – eine tolle CD, die gerade aufgrund dieser Musizierlust begeistert. Genial!
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