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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Weihnachtsoratorium - Ensemble Resonanz (Resonanzraum Records)

Weihnachtsoratorium einmal anders: Das Ensemble Resonanz präsentiert Bachs Kantaten als urbane Kammermusik; „Jauchzet, frohlocket“ – auf das Wesentliche reduziert. Und das heißt in diesen Falle ein Sängerquartett und eine Mini-Besetzung. Eine Trompete muss ausreichen, wo Bach einst derer drei in die Partitur schrieb; auf die Pauken sowie auf Flöten und Oboen wird sogar gänzlich verzichtet. Vier Geigen, drei Bratschen, ein Violoncello und ein Kontrabass musizieren, und dazu gesellen sich Michael Petermann mit Hammond-Orgel und vier weiteren Vintage-Tasteninstrumenten sowie Johannes Öllinger, E-Gitarre. Das ist alles – und das ist erstaunlich viel, wie der Hörer bald feststellen wird. 
Schon seit 2014 verzückt das Ensemble Resonanz alljährlich sein Publi- kum mit dieser modernen Version gehobener Hausmusik. Die Musiker um Konzertmeisterin Juditha Haeberlin, die in Hamburg mit dem Resonanz- raum St. Pauli im Bunker an der Feldstraße einen eigenen Kammermusik- saal bespielen, und außerdem ein Hausensemble der Elbphilharmonie sind, haben „ihr“ Weihnachtsoratorium seitdem beständig weiterent- wickelt. Es ist ein Herzensprojekt. Und deshalb haben sie Bachs Chöre, Arien, Rezitative und Choräle in ihrer eigenen und besonderen Bearbei- tung nun auch auf CD veröffentlicht. 
Da gibt es viel zu entdecken – auch für die Beteiligten übrigens: „Abgese- hen von einer Schallplatte meiner Eltern hatte ich bis zu diesem Projekt eigentlich keinen Kontakt mit dem Weihnachtsoratorium. Mittlerweile geht es mir aber ähnlich wie den Kollegen, die das Stück bereits oft gespielt hatten und damit groß geworden sind: Weihnachten ohne WO ist nur die halbe Wahrheit“, so beschreibt der Gitarrist Johannes Öllinger diese Erfahrung. „Außerdem macht es Spaß, mit meinen Gitarren in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, von der Pauke über Basso Continuo bis zur Oboe, und auch hier und da ein paar stilfremde Akzente zu setzen.“ Auch die Tasteninstrumente wagen mitunter einen kecken klanglichen Ausflug in die Moderne. 
Was da zu hören ist, das wirkt schlank, frisch und sehr engagiert. Der Eingangschor beispielsweise, gesungen nur von vier Solisten, erweist sich als ausgesprochen reizvoll – weil man endlich einmal die Koloraturen und Verzierungen so richtig schön genießen kann. Und die Choräle werden von Johanna Winkel, Sopran, Truike van der Poel, Alt, Benjamin Glaubitz, Tenor, und Dominik Köninger, Bass, gemeinsam mit dem gesamten Ensemble wunderbar gesungen. Benjamin Glaubitz erweist sich zudem als ein formidabler Evangelist. 
Die Interpretation zeigt uns Bachs Weihnachtsoratorium nicht als musika- lischen Festakt, sondern als persönliche Meditation; christliche Botschaft statt Gans und Lametta. Das hätte wohl selbst Johann Sebastian Bach so gelten lassen. 

Montag, 27. März 2017

C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)

Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode. 
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert. 
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk. 
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend! 

Montag, 24. November 2014

C. P. E. Bach: 6 Hamburg Symphonies (Es-Dur)

„Schwerlich ist je eine musikalische Composition von höherm, keckerm, humoristischerm Charakter einer genialen Seele entströmt.“ Das schrieb Johann Friedrich Reichardt seinerzeit über die sechs Streicher- sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Entstanden waren diese Werke auf ausdrückli- chen Wunsch und exklusiv für Baron Gottfried van Swieten; Reichardt hatte bei der Uraufführung die erste Geige gespielt. 
Bach selbst war nach langen Jahren im Dienste Friedrichs des Großen der höfischen Etikette entronnen. Die neue Position als Nachfolger seines Taufpaten Georg Friedrich Telemann in der Position des städtischen Musikdirektors und Kantors am Johanneum in Hamburg, die er 1768 antrat, dürfte ihm vergleichsweise große Freiräume beschert haben. 
Und so hat er für van Swieten einen Parforcegalopp durch die Affekte komponiert – wobei er diese am liebsten durch Kontraste hervortreten lässt. „Moderne und Paläolithikum stehen sich direkt gegenüber“, meint Riccardo Minasi. Der Geiger hat die Hamburger Sinfonien gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz bei dem Label Es-Dur eingespielt. Die Musiker feiern damit die Idee der Freiheit – allerdings höchst diszipliniert: „Man sollte die Partitur so genau wie möglich respektieren und die Paradoxien und Kontraste so gut wie möglich unterstreichen, die der Komponist darin formuliert hat“, erläutert Minasi. Das Ensemble Resonanz folgt ihm darin mit großem Engagement, und das Ergebnis ist wirklich sehr beein- druckend.