Was hätte dieser Musiker erreichen können, wenn er länger gelebt hätte! Auf dieser CD präsentiert das New Yorker Ensemble Rebel fünf Sonaten für Streicher und Continuo von Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756). Die Biographie des Bach-Schülers, der aus Danzig stammte und zunächst bei Hermann Karl Keyserlingk, später dann in der Kapelle des Grafen Brühl angestellt war, ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen.
Die Aufnahme lädt ein auf eine Reise zu den Ursprüngen des Streich- quartettes – Goldberg fand dafür eine clevere, aber dennoch zutiefst barocke Lösung: Er ergänzte die beiden Violinen der damals üblichen Triosonatenbesetzung durch eine Viola, und dem Bass gab er in dem Stimmengeflecht, dass sich strikt am Kontrapunkt orientiert, eine gleichberechtigte statt eine begleitende Funktion.
Seine Musik aber klingt nicht etwa verzopft-rückwärtsgewandt; Goldberg bietet bei Melodik, Rhythmik und Harmonik so manche Überraschung. Es ist wirklich zu schade, dass so wenig Werke von ihm überliefert sind. Mit dieser beeindruckenden Einspielung machen Jörg-Michael Schwarz und Karen Marie Marmer, Violine, Risa Browder, Viola, John Moran, Violon- cello, und Dongsok Shin, Cembalo, deutlich, welch großartiger Komponist Goldberg war.
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Dienstag, 14. Mai 2019
Dienstag, 19. März 2019
Glauben, lieben, hoffen (Coviello)
Glaube, Liebe, Hoffnung – Paulus preist sie in seinem Brief an die Korinther, und immer wieder haben darauf auch Musiker Bezug genommen. Das Ensemble Wunderkammer schließt sich dem an, und kombiniert auf dieser CD drei geistliche Vokalwerke des 17. Jahrhunderts mit Sonaten von Dario Castello (vor 1600 bis um 1650), die jeweils auf ihre Art das Bibelzitat ausdeuten: „Wir hören Kampf und Schlacht, Sinnlichkeit und Sehnsucht, Warten und große Feste, Jubel, Zorn“, schreiben die Musiker im Beiheft. „Für uns sind diese Sonaten eine Quelle neuer Ideen gewesen, eine Herausforderung in der Gemeinsamkeit des Ensembles. Sie erzählen die Geschichten der Vokalwerke untergründig weiter oder bereiten sie vor, sie verwandeln ihre Affekte oder kontrastieren sie.“
Wir hören die Klage des Königs David um seinen Sohn Absalom, der gegen den Vater in die Schlacht gezogen und dabei zu Tode gekommen ist – in den Symphoniae Sacrae I bewegend in Musik gesetzt von Heinrich Schütz (1585 bis 1672); ein Meisterwerk der Textauslegung mit musikalischen Mitteln.
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) ist ein ausdrucksstarkes Lamento; und während der Sänger in seinem Monolog grübelt, spiegelt auch der virtuose Violinpart die Gefühle des Verzweifelten – auch dieses Stück, geschaffen von einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater, gehört zu den ganz großen Kunstwerken der Musikgeschichte.
Christian Geist (um 1650 bis 1711) stammte aus Güstrow, und wirkte später in Kopenhagen und Stockholm. In seinem kurzen Stück Es war aber an der Stätte schildert er die Grablegung Christi. „Das Stück lässt sich modern hören als eine Umschreibung von Abwesenheit“, schreiben Sarah Perl und Peter Uehling in ihrem Begleittext: „Das Heilsgeschehen, die Hoffnung wird nicht explizit, der Text ist buchstäblich eine ,Perikope', ,herumgeschnitten' um das Eigentliche. Gerade aber vom Abwesenden und Unbeschworenen geht ein Kraftfeld aus.“ Ein großartiges Album mit einem klugen Konzept; Hans Wijers, Bass, sowie das Ensemble Wunderkammer musizieren nicht nur hörenswert, sie ermutigen auch und regen zur Reflektion an: „Das heißt auch, dass wir alle die Kraft haben zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen. Jederzeit und immer. Niemand kann es uns nehmen. Wir brauchen es nur zu tun.“
Wir hören die Klage des Königs David um seinen Sohn Absalom, der gegen den Vater in die Schlacht gezogen und dabei zu Tode gekommen ist – in den Symphoniae Sacrae I bewegend in Musik gesetzt von Heinrich Schütz (1585 bis 1672); ein Meisterwerk der Textauslegung mit musikalischen Mitteln.
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) ist ein ausdrucksstarkes Lamento; und während der Sänger in seinem Monolog grübelt, spiegelt auch der virtuose Violinpart die Gefühle des Verzweifelten – auch dieses Stück, geschaffen von einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater, gehört zu den ganz großen Kunstwerken der Musikgeschichte.
Christian Geist (um 1650 bis 1711) stammte aus Güstrow, und wirkte später in Kopenhagen und Stockholm. In seinem kurzen Stück Es war aber an der Stätte schildert er die Grablegung Christi. „Das Stück lässt sich modern hören als eine Umschreibung von Abwesenheit“, schreiben Sarah Perl und Peter Uehling in ihrem Begleittext: „Das Heilsgeschehen, die Hoffnung wird nicht explizit, der Text ist buchstäblich eine ,Perikope', ,herumgeschnitten' um das Eigentliche. Gerade aber vom Abwesenden und Unbeschworenen geht ein Kraftfeld aus.“ Ein großartiges Album mit einem klugen Konzept; Hans Wijers, Bass, sowie das Ensemble Wunderkammer musizieren nicht nur hörenswert, sie ermutigen auch und regen zur Reflektion an: „Das heißt auch, dass wir alle die Kraft haben zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen. Jederzeit und immer. Niemand kann es uns nehmen. Wir brauchen es nur zu tun.“
Donnerstag, 2. November 2017
Schmelzer: Sonatas (Accent)
Auf dieser CD erkundet William Dongois mit seinem Ensemble Le Concert Brise eine ganz spezielle Facette der Musikgeschichte: Im Laufe der Jahrhunderte sind immer wieder Instrumente zeitweise besonders beliebt gewesen, und dann plötzlich aus der Mode gekommen. Mitunter sind sie dabei sogar völlig außer Gebrauch geraten, wie beispielsweise die komplette Familie der Gamben, die Blockflöten – oder der Zink, um den es auf dieser CD geht.
Der Lebenslauf von Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680) spiegelt eine solche Entwicklung. Der Musiker begann seine Karriere als Cornettist – in dieser Funktion ist er 1643 am Wiener Stephansdom nachzuweisen – und wirkte später als Geiger in der Hofkapelle. Kaiser Leopold I. schätzte ihn sehr; er ernannte den Musiker 1665 zum Ballettkomponisten, 1671 zum Vizekapellmeister und 1679 schließlich als ersten Nicht-Italiener überhaupt zum Hofkapellmeister. Außerdem erhob er Schmelzer in den Adelsstand. Genießen freilich konnte der Musiker diese Ehren nicht allzu lange, denn er wurde 1680 ein Opfer der Pest.
Der Zink war vom Spätmittelalter bis Mitte des 17. Jahrhunderts im Gebrauch. Er stand in dem Ruf, der menschlichen Stimme klanglich besonders gut zu entsprechen. Dass der Zink vom Instrument der Stadt- pfeiffer zu einem Virtuoseninstrument wurde, für das höchst anspruchs- volle Soli entstanden, dieser Trend kam zum Ende des 16. Jahrhunderts aus Italien. Aus Italien kam aber im 17. Jahrhundert auch die Violine, durch die der Zink verdrängt wurde.
Die Ablösung des Grifflochhorns durch die neuartigen Streichinstrumente spiegelt auch das Schaffen Schmelzers. Während er zunächst Zink und Violine nebeneinander einsetzte, dominiert in seiner Kammermusik schließlich die Violine. Schmelzer selbst, so schreibt Johann Joachim Müller in seinem Reise-Diarium aus dem Jahre 1660, galt als „der berühmte und fast vornehmste Violist in ganz Europa“.
Seine Werke waren beliebt und weit verbreitet; die Musiker um Dongois haben ihr Programm mit herrlichen Sonaten aus den verschiedensten Manuskripten sowie zwei Drucken zusammengestellt. Was für ein Klanggenuss! Mit dieser Aufnahme bestätigt der Musiker einmal mehr seine hohe Kunst; Dongois ist ohne Zweifel derzeit einer der besten Zinkenisten Europas. Im Ensemble Le Concert Brisé hat er brillante Partner an seiner Seite; zu hören sind Alice Julien-Laferrière, Barock- violine, Jean-François Madeuf, Naturtrompete, Stefan Legée, Posaune, Moni Fischalek, Dulcian und Hadrien Jourdan an der Orgel der Kirche von Talange, 2003 von Rudi Jacques im italienischen Stil erbaut.
Der Lebenslauf von Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680) spiegelt eine solche Entwicklung. Der Musiker begann seine Karriere als Cornettist – in dieser Funktion ist er 1643 am Wiener Stephansdom nachzuweisen – und wirkte später als Geiger in der Hofkapelle. Kaiser Leopold I. schätzte ihn sehr; er ernannte den Musiker 1665 zum Ballettkomponisten, 1671 zum Vizekapellmeister und 1679 schließlich als ersten Nicht-Italiener überhaupt zum Hofkapellmeister. Außerdem erhob er Schmelzer in den Adelsstand. Genießen freilich konnte der Musiker diese Ehren nicht allzu lange, denn er wurde 1680 ein Opfer der Pest.
Der Zink war vom Spätmittelalter bis Mitte des 17. Jahrhunderts im Gebrauch. Er stand in dem Ruf, der menschlichen Stimme klanglich besonders gut zu entsprechen. Dass der Zink vom Instrument der Stadt- pfeiffer zu einem Virtuoseninstrument wurde, für das höchst anspruchs- volle Soli entstanden, dieser Trend kam zum Ende des 16. Jahrhunderts aus Italien. Aus Italien kam aber im 17. Jahrhundert auch die Violine, durch die der Zink verdrängt wurde.
Die Ablösung des Grifflochhorns durch die neuartigen Streichinstrumente spiegelt auch das Schaffen Schmelzers. Während er zunächst Zink und Violine nebeneinander einsetzte, dominiert in seiner Kammermusik schließlich die Violine. Schmelzer selbst, so schreibt Johann Joachim Müller in seinem Reise-Diarium aus dem Jahre 1660, galt als „der berühmte und fast vornehmste Violist in ganz Europa“.
Seine Werke waren beliebt und weit verbreitet; die Musiker um Dongois haben ihr Programm mit herrlichen Sonaten aus den verschiedensten Manuskripten sowie zwei Drucken zusammengestellt. Was für ein Klanggenuss! Mit dieser Aufnahme bestätigt der Musiker einmal mehr seine hohe Kunst; Dongois ist ohne Zweifel derzeit einer der besten Zinkenisten Europas. Im Ensemble Le Concert Brisé hat er brillante Partner an seiner Seite; zu hören sind Alice Julien-Laferrière, Barock- violine, Jean-François Madeuf, Naturtrompete, Stefan Legée, Posaune, Moni Fischalek, Dulcian und Hadrien Jourdan an der Orgel der Kirche von Talange, 2003 von Rudi Jacques im italienischen Stil erbaut.
Montag, 27. März 2017
C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)
Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode.
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert.
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk.
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend!
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert.
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk.
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend!
Dienstag, 20. Dezember 2016
Edition Carl Philipp Emanuel Bach (Hänssler Classic)
Eine enorme Box mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) legt Hänssler Classic all jenen auf den Gabentisch, die nicht dem Irrtum verfallen sind, es habe zwischen Johann Sebastian Bach und der Wiener Klassik im deutsch- sprachigen Raum eigentlich keine Musik gegeben, die man kennen müsste.
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen.
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater.
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde.
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden.
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali.
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören.
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend!
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen.
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater.
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde.
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden.
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali.
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören.
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend!
Samstag, 5. November 2016
Telemann: Recorder Sonatas & Fantasies; Thorby (Linn)
„I am full of admiration for the warmth and conviviality of Tele- mann's writing, the easy beauty of his melodies, and the knowing playfulness and ingenuity, across many national styles, that lovingly and effortlessly pervade his structu- ral and rhetorical compositional devices“, schreibt Pamela Torby im Geleitwort zu dieser Doppel-CD. Sie hat eine Auswahl an Sonaten sowie die Fantasien für Flöte solo von Georg Philipp Telemann eingespielt.
„I am lucky to be living in a new century that has seen a third golden age – after the Renaissance and Baroque – of recorder instrument-making and playing“, merkt die britische Flötistin an. „So I have seized the moment to record the fantasias on a wide range of recorders of many sizes, instruments known to players in the eighteenth century but only recently again perfected by modern makers. As an alternative to playing the set on a single instrument, I have tried to adopt an overarching progression of keys and recorders whose character, I felt, complemented each fantasia by turn (the original keys are in brackets).“ So groß ist die Vielfalt dann freilich nicht – es erklingen drei Altblockflöten, angefertigt von Luca de Paolis nach Denner und Bressan, sowie von Frederick Morgan nach Bressan/Stanesby, und zwei Voice-Flöten von Luca de Paolis nach Denner und Bressan.
Auch sonst lässt diese Aufnahme ein wenig Abwechslung und vor allem Esprit vermissen. Auch in den Sonaten, wo Pamela Thorby gemeinsam mit Peter Whelan, Fagott, Alison McGillivray, Violoncello), Elizabeth Kenny, Laute und Gitarre, und Marcin Świątkiewicz, Cembalo und Orgel, musi- ziert, klingt alles sehr brav und ein bisschen langweilig. Das hat Telemann so nicht verdient.
„I am lucky to be living in a new century that has seen a third golden age – after the Renaissance and Baroque – of recorder instrument-making and playing“, merkt die britische Flötistin an. „So I have seized the moment to record the fantasias on a wide range of recorders of many sizes, instruments known to players in the eighteenth century but only recently again perfected by modern makers. As an alternative to playing the set on a single instrument, I have tried to adopt an overarching progression of keys and recorders whose character, I felt, complemented each fantasia by turn (the original keys are in brackets).“ So groß ist die Vielfalt dann freilich nicht – es erklingen drei Altblockflöten, angefertigt von Luca de Paolis nach Denner und Bressan, sowie von Frederick Morgan nach Bressan/Stanesby, und zwei Voice-Flöten von Luca de Paolis nach Denner und Bressan.
Auch sonst lässt diese Aufnahme ein wenig Abwechslung und vor allem Esprit vermissen. Auch in den Sonaten, wo Pamela Thorby gemeinsam mit Peter Whelan, Fagott, Alison McGillivray, Violoncello), Elizabeth Kenny, Laute und Gitarre, und Marcin Świątkiewicz, Cembalo und Orgel, musi- ziert, klingt alles sehr brav und ein bisschen langweilig. Das hat Telemann so nicht verdient.
Dienstag, 31. Mai 2016
Buxtehude: Sonatas with Cornett (Accent)
In der sogenannten „Alten“ Musik waren Besetzungen nicht wirklich festgelegt; die Noten sind zudem eher eine Skizze als verbindlich. Noch im Barock hing es von den vorhandenen Musikern sowie von ihren Fertigkei- ten ab, wie ein Stück letztendlich aufgeführt wurde. William Dongois und Le Concert Brisé haben sich daher die Freiheit genommen, einige von Dieterich Buxtehudes Sonaten für Violine, Gambe und Continuo für Zink und Posaune einzurichten. Was soll man sagen – das Ergebnis überzeugt; man wundert sich vielmehr, dass diese Musik, die in ihren Figurationen derart nach Bläsern klingt, tatsäch- lich für die Violine geschrieben worden sein soll. Und William Dongois spielt Zink, dass man nur staunen kann. Stefan Legée, Barockposaune, ist ihm ein würdiger Dialogpartner. Pierre-Alain Clerc, Organist in Lausanne, übernimmt nicht nur den Basso continuo. Mit einigen zusätzlichen Orgel- werken von Buxtehude sorgt er in diesem Programm für Abwechslung. Die Orgel in St. Paul zu Lausanne, erbaut 1986 von der Firma Orgelbau Fels- berg im Stil von Arp Schnitger, passt dafür klanglich bestens.
Montag, 14. März 2016
Italian Sonatas (Passacaille)
Die Mandoline erlebte im 18. Jahr- hundert in Norditalien eine Blütezeit. Dabei stieg das Instrument vom Tanzboden in die „richtige“ Musik auf. Doch insbesondere in Neapel entstanden Kompositionen, in denen die Mandoline anspruchsvolle solistische Aufgaben erhielt.
Musik aus jener Zeit präsentieren auf dieser CD Duilio Galfetti, Mandoline, und Luca Pianca, Laute und Theorbe. Es erklingen Sonaten von Francesco Piccone (um 1685 bis um 1745), Ludovico Fontanelli (um 1682 bis 1748), Carlo Arrigoni (11697 bis 1744), Giovanni Battista Gervasio (um 1725 bis um 1785) und Domenico Scarlatti (1685 bis 1757). Als Zwischenspiele trägt Luca Pianca auf der Laute drei elegante Solostücke vor, die einem Manuskript des Bologneser Komponi- sten Filippo Della Casa aus dem Jahre 1759 entstammen. Sie setzen zwischen all den virtuosen Musikstücken, in denen typischerweise die Mandoline dominiert, kleine noble Ruhe-Inseln. Sehr gelungen.
Musik aus jener Zeit präsentieren auf dieser CD Duilio Galfetti, Mandoline, und Luca Pianca, Laute und Theorbe. Es erklingen Sonaten von Francesco Piccone (um 1685 bis um 1745), Ludovico Fontanelli (um 1682 bis 1748), Carlo Arrigoni (11697 bis 1744), Giovanni Battista Gervasio (um 1725 bis um 1785) und Domenico Scarlatti (1685 bis 1757). Als Zwischenspiele trägt Luca Pianca auf der Laute drei elegante Solostücke vor, die einem Manuskript des Bologneser Komponi- sten Filippo Della Casa aus dem Jahre 1759 entstammen. Sie setzen zwischen all den virtuosen Musikstücken, in denen typischerweise die Mandoline dominiert, kleine noble Ruhe-Inseln. Sehr gelungen.
Dienstag, 27. Oktober 2015
Brahms - Nils Mönkemeyer (Sony)
„Diese Sonaten sind mir lieb und teuer“, erklärt Nils Mönkemeyer in einem Interview, das im Beiheft dieser CD nachzulesen ist. „Mittlerweile rührt mich Brahms wirklich zu Tränen, weil er eine innere Hoffnung hat – dieses ,Und ich versuche es trotzdemʻ. Er gibt diese Haltung nie auf, die unbedingte Bejahung des Lebens, der Liebe und der Schönheit.“
Und so hat der Bratschist gemeinsam mit dem Pianisten William Youn die beiden späten Sonaten op. 120 eingespielt. „Beide Sonaten wurden ursprünglich für Klarinette geschrieben“, erklärt der Musiker. „Brahms hat sie zusätzlich für Bratsche bearbeitet. Aber im Gegensatz zur ersten war er mit der Viola-Fassung der zweiten nicht ganz zufrieden – weil sie zu dunkel geraten ist. Und während im ,Originalʻ die Klarinette die Klavierlinien fortsetzt, springen sie in der Bratschenfassung nach unten.“ Und deshalb spielt Mönkemeyer hier die Originalversion. „Natürlich ist die Klarinettenfassung auf der Bratsche schwer zu spielen“, meint der Musiker, „aber sie hat eben dieses helle, schwebende Kolorit.“
Nils Mönkemeyer spürt, sensibel unterstützt durch William Youn am Klavier, Emotionen und Zwischentönen in Brahms' Sonaten nach. Mit Klangfarben zaubert er aber auch bei den Ungarischen Tänzen, die diese CD komplettieren. Tanz Nr. 1 erklingt in der Fassung von Joseph Joachim. Bei den anderen ausgewählten Tänzen hat Mönkemeyer eigens für diese Aufnahme Bearbeitungen in Auftrag gegeben: Tanz Nr. 4 hat der Komponist Marco Hertenstein neu arrangiert, Tanz Nr. 5 der Österreicher Peter Wiesenauer, und Tanz Nr. 16 Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Hier wirkt zudem das Signum-Quartett mit.
Und so hat der Bratschist gemeinsam mit dem Pianisten William Youn die beiden späten Sonaten op. 120 eingespielt. „Beide Sonaten wurden ursprünglich für Klarinette geschrieben“, erklärt der Musiker. „Brahms hat sie zusätzlich für Bratsche bearbeitet. Aber im Gegensatz zur ersten war er mit der Viola-Fassung der zweiten nicht ganz zufrieden – weil sie zu dunkel geraten ist. Und während im ,Originalʻ die Klarinette die Klavierlinien fortsetzt, springen sie in der Bratschenfassung nach unten.“ Und deshalb spielt Mönkemeyer hier die Originalversion. „Natürlich ist die Klarinettenfassung auf der Bratsche schwer zu spielen“, meint der Musiker, „aber sie hat eben dieses helle, schwebende Kolorit.“
Nils Mönkemeyer spürt, sensibel unterstützt durch William Youn am Klavier, Emotionen und Zwischentönen in Brahms' Sonaten nach. Mit Klangfarben zaubert er aber auch bei den Ungarischen Tänzen, die diese CD komplettieren. Tanz Nr. 1 erklingt in der Fassung von Joseph Joachim. Bei den anderen ausgewählten Tänzen hat Mönkemeyer eigens für diese Aufnahme Bearbeitungen in Auftrag gegeben: Tanz Nr. 4 hat der Komponist Marco Hertenstein neu arrangiert, Tanz Nr. 5 der Österreicher Peter Wiesenauer, und Tanz Nr. 16 Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Hier wirkt zudem das Signum-Quartett mit.
Montag, 20. April 2015
Guillemain: Sonates en Quatuors (Raumklang)
Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) war, so berichtet ein Zeitge- nosse, der deutsche Musikwissen- schaftler Friedrich Wilhelm Marpurg, „ein Mann für den keine Schwürig- keit zu groß ist, die er nicht beim ersten Anblick vom Blatte weg, in der möglichsten Vollkommenheit treffen sollte. Seine Compositionen sind ziemlich bizarre, und studirt er täglich darauf, sie noch immer bizarrer zu machen“.
Der Geiger war das Ziehkind eines Edelmannes; er war Schüler von Jean-Marie Leclair und Giovanni Battista Somis. 1729 wurde Guillemain Orchestermitglied an der Oper in Lyon, 1734 Konzertmeister in Dijon. 1737 avancierte er zum musicien ordinaire de la Chapelle et le Chambre du Roy in Versailles. Unter den Musikern des Königs stand er auf der Gehaltsliste gleich hinter dem Starviolinisten Jean-Pierre Guignon auf Rang zwei. Dennoch war er mit seinem Dasein nicht wirklich zufrieden; die Bettelbriefe, die er seinen Gönnern schrieb, erinnern fatal an die Mozarts. Schließlich wurde er mit 14 Messerstichen im Körper aufgefunden. Sein Ableben wurde zu einem Selbstmord erklärt, und die Leiche schnell verscharrt.
Das erscheint ziemlich merkwürdig, zumal der Musiker als Geiger wie als Komponist ziemlich geschätzt war. Das Rätsel um das Lebensende des Musikers werden wir, aus heutiger Perspektive, wohl nicht mehr lösen können. Seine Musik allerdings erscheint weit weniger rätselhaft als sein Lebensweg. Das Ensemble Barockin' hat vier seiner Sonates en quatours eingespielt, zwei davon in Weltersteinspielung. Es sind graziöse, sehr elegante Stücke, durch den Komponisten bestimmt für Traversflöte, Violine, Viola da gamba und Basso continuo. Allzu gelehrte Formen vermied Guillemain ebenso wie krasse Kontraste oder drastischen Affekt-Ausdruck. Dennoch ist seine Musik nicht oberflächlich. Und für den Geiger hält Guillemain allerhand technische Überraschungen bereit. Seine Stärke ist die Melodie, darin brilliert er – und die Musiker des Ensembles Barockin' mit ihm. Ihre Interpretation vereint Musizierlust und Anmut. Bravi!
Der Geiger war das Ziehkind eines Edelmannes; er war Schüler von Jean-Marie Leclair und Giovanni Battista Somis. 1729 wurde Guillemain Orchestermitglied an der Oper in Lyon, 1734 Konzertmeister in Dijon. 1737 avancierte er zum musicien ordinaire de la Chapelle et le Chambre du Roy in Versailles. Unter den Musikern des Königs stand er auf der Gehaltsliste gleich hinter dem Starviolinisten Jean-Pierre Guignon auf Rang zwei. Dennoch war er mit seinem Dasein nicht wirklich zufrieden; die Bettelbriefe, die er seinen Gönnern schrieb, erinnern fatal an die Mozarts. Schließlich wurde er mit 14 Messerstichen im Körper aufgefunden. Sein Ableben wurde zu einem Selbstmord erklärt, und die Leiche schnell verscharrt.
Das erscheint ziemlich merkwürdig, zumal der Musiker als Geiger wie als Komponist ziemlich geschätzt war. Das Rätsel um das Lebensende des Musikers werden wir, aus heutiger Perspektive, wohl nicht mehr lösen können. Seine Musik allerdings erscheint weit weniger rätselhaft als sein Lebensweg. Das Ensemble Barockin' hat vier seiner Sonates en quatours eingespielt, zwei davon in Weltersteinspielung. Es sind graziöse, sehr elegante Stücke, durch den Komponisten bestimmt für Traversflöte, Violine, Viola da gamba und Basso continuo. Allzu gelehrte Formen vermied Guillemain ebenso wie krasse Kontraste oder drastischen Affekt-Ausdruck. Dennoch ist seine Musik nicht oberflächlich. Und für den Geiger hält Guillemain allerhand technische Überraschungen bereit. Seine Stärke ist die Melodie, darin brilliert er – und die Musiker des Ensembles Barockin' mit ihm. Ihre Interpretation vereint Musizierlust und Anmut. Bravi!
Donnerstag, 2. Januar 2014
Zelenka: Sonatas (Linn)
Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) war im Umgang mit Klangfarben ein Meister. Das zeigt auch diese CD mit Instrumental- musik des Musikers, der am Dresdner Hof erst Violone bzw. Kontrabass spielte, später dann zumindest zum Kirchen-Kompo- nisten ernannt wurde. Das Ensemble Marsyas, unterstützt durch die Geigerin Monica Hug- gett, hat drei der sechs Sonaten ZWV 181 sowie das Andante aus der Simphonie à 8 Concertanti ZWV 189 eingespielt. Die Sonaten erweisen sich für die Bläser als Kabinettstückchen – was der Komponist hier den zumeist zwei Oboen und insbesondere auch dem Fagott abverlangt, das ist nur von erstklassigen Solisten zu meistern. Die Musiker des Ensembles Marsyas spielen sehr hörenswert; nur schade, dass der Platz auf der CD nicht für alle Sonaten ausgereicht hat.
Montag, 2. September 2013
Rosenmüller: Sonatas 1682 (cpo)
Wie viele Musiker seiner Zeit, so verbrachte auch Johann Rosen- müller (1617 bis 1684) einige Zeit in Italien. Er ging dorthin freilich nicht ganz freiwillig. Denn der begabte junge Mann stand bereits in Sachsen vor einer großen Karriere. 1642 war er als Collaborator und ab 1650 als Baccalaureus funerum an der Leipziger Thomasschule tätig; ab 1651 versah er zudem den Orga- nistendienst an der Nikolaikirche. Weil der Thomaskantor Tobias Michael zunehmend gebrechlich wurde, übernahm Rosenmüller zusätzlich dessen Amtspflichten – offenbar zur Zufriedenheit des Leipziger Stadtrates, der ihm 1653 die Nachfolge in diesem Amt zusagte, „weil er sich geraume Zeit des chori musici treulich und fleißig allhier angenommen“.
Doch dann wurde der Musiker 1655 der Päderastie beschuldigt, und flüchtete nach Venedig. Von dort kehrte „Giovanni Rosenmiller“ erst 1682 zurück, als Kapellmeister des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Rosenmüller scheint aber auch während seines Italien-Aufenthaltes stets in engem Kontakt mit der Heimat gestanden zu haben. Seine Kompositionen waren an deutschen Höfen bekannt und gefragt. Auf dieser CD finden sich zwölf Sonaten, die er 1682 veröffentlichte. Sie sind für zwei bis fünf Instrumente sowie Basso continuo geschrieben, und geben Zeugnis von der hohen Kunst Rosenmüllers, der zu Recht als einer der wichtigsten deutschen Komponisten zwischen Schütz und Bach gilt. Das Ensemble Musica Fiata stellt die höchst abwechslungsreichen Werke mustergültig vor. Die Musiker um Roland Wilson spielen absolut souverän; sie sind ohne Zweifel noch immer eines der besten „Alte“-Musik-Ensembles der Welt.
Doch dann wurde der Musiker 1655 der Päderastie beschuldigt, und flüchtete nach Venedig. Von dort kehrte „Giovanni Rosenmiller“ erst 1682 zurück, als Kapellmeister des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Rosenmüller scheint aber auch während seines Italien-Aufenthaltes stets in engem Kontakt mit der Heimat gestanden zu haben. Seine Kompositionen waren an deutschen Höfen bekannt und gefragt. Auf dieser CD finden sich zwölf Sonaten, die er 1682 veröffentlichte. Sie sind für zwei bis fünf Instrumente sowie Basso continuo geschrieben, und geben Zeugnis von der hohen Kunst Rosenmüllers, der zu Recht als einer der wichtigsten deutschen Komponisten zwischen Schütz und Bach gilt. Das Ensemble Musica Fiata stellt die höchst abwechslungsreichen Werke mustergültig vor. Die Musiker um Roland Wilson spielen absolut souverän; sie sind ohne Zweifel noch immer eines der besten „Alte“-Musik-Ensembles der Welt.
Donnerstag, 23. Mai 2013
Buxtehude: Cantatas & Sonatas (Accent)
„Cornetti, tromboni et fagotti sont présents dans les manuscrits de D. Buxtehude. Ils interveniennent dans plusiers grands motets et ce, toujours de manière soliste“, re- sümiert William Dongois im Beiheft zu dieser CD. „Pour l’instrumenta- tion, nous avons choisi d’exécuter ce répertoire avec une couleur très ,Allemagne du Nord’, fixée notamment das 11 sonates com- posées par Matthias Weckmann, grand ami de D. Buxtehude: violon, cornet, trombone et basson.“ Dass diese „norddeutsche“ Klangfarbe so spezifisch gar nicht ist, muss Dongois allerdings selbst einräumen, denn auch in anderen Landstrichen findet sich die Kombination aus Violine, Zink, (Barock-)Posaune und Dulcian bzw. Barockfagott. Diese Instrumente wurden typischerweise durch Stadtpfeiffer gespielt. Insofern darf man erwarten, dass sie auch in Lübeck, wo Dieterich Buxtehude als Organist an der Marienkirche wirkte, zu den Abendmusiken erklangen.
Das Ensemble Le Concert Brisé, das von William Dongois geleitet wird, spielte für diese CD aus dem großen, verblüffenderweise aber noch immer nicht umfassend edierten Werk dieses bedeutenden Komponisten eine Auswahl von Sonaten und Kantaten. Die Vokal- werke singt die Sopranistin Dagmar Saskova, eine exzellente Barocksängerin mit schlanker, beweglicher und nahezu vibratofrei geführter Stimme. Zu hören sind zudem Christine Moran, Violine, Stefan Legée, Posaune, William Dongois, Zink, Benjamin Parrot, Theorbe, Carsten Lohff, Cembalo, Hadrien Jourdan, Orgel und Katharina Bäuml am Dulcian. Diese Musiker agieren durchweg versiert und spielfreudig; allerdings hätte mehr Abwechslung in der Instrumentierung ganz sicher auch ein Plus an Klangfarben gebracht.
Das Ensemble Le Concert Brisé, das von William Dongois geleitet wird, spielte für diese CD aus dem großen, verblüffenderweise aber noch immer nicht umfassend edierten Werk dieses bedeutenden Komponisten eine Auswahl von Sonaten und Kantaten. Die Vokal- werke singt die Sopranistin Dagmar Saskova, eine exzellente Barocksängerin mit schlanker, beweglicher und nahezu vibratofrei geführter Stimme. Zu hören sind zudem Christine Moran, Violine, Stefan Legée, Posaune, William Dongois, Zink, Benjamin Parrot, Theorbe, Carsten Lohff, Cembalo, Hadrien Jourdan, Orgel und Katharina Bäuml am Dulcian. Diese Musiker agieren durchweg versiert und spielfreudig; allerdings hätte mehr Abwechslung in der Instrumentierung ganz sicher auch ein Plus an Klangfarben gebracht.
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