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Mittwoch, 26. Dezember 2018

Porpora: Christmas Oratorio (Sony)

Es muss nicht immer das Weihnachtsoratorium von Bach sein. Auf dieser CD präsentiert Sony eine Alternative aus Italien, so ganz anders als das gewohnte Weihnachts- programm: Il Verbo in carne von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) wurde 1747 oder 1748 in Neapel uraufgeführt und wohl erst kürzlich vom Kammerorchester Basel wiederentdeckt. Auf dieser CD erklingt eine Art Kurzzusammen- fassung dieses Werkes, das eigentlich mehr als zwei Stunden dauert. 
Es erzählt die Weihnachtsgeschichte mit Hilfe von allegorischen Figuren: Anstelle von Hirten und Engeln treten in diesem Oratorium Giustizia, Pace und Verità auf, gesungen von Rober- ta Invernizzi, Terry Wey und Martin Vanberg. So diskutieren im ersten Teil des Oratoriums Frieden und Gerechtigkeit über die menschliche Gesellschaft, die doch recht schlecht funktioniert – trotz aller Bibelworte, die eigentlich anderes vorhersagen. 
Mit Blick auf die Krippe beschließen die beiden dann, hinabzusteigen, und die Verhältnisse zu verbessern. Im zweiten Teil erfahren sie von der Wahrheit, wie das neugeborene Kind aufgenommen wird. Nach einer wunderbaren Arie, in der der Friede beschreibt, wie das Kind weint, beschließen Gerechtigkeit und Frieden, sich zu küssen, und gemeinsam mit der Wahrheit dafür einzutreten, dass das, was das Kind den Menschen verheißt, Wirklichkeit wird. 
Verpackt ist diese Handlung in sehr viel schöne Musik; nicht umsonst war Porpora einer der besten Gesangslehrer jener Zeit – und ein gefragter Opernkomponist. So ist Il Verbo in carne ausgesprochen kunstvoll gestaltet, und noch immer hörenswert. Dem Kammerorchester Basel unter der Leitung von Riccardo Minasi gelingt hier wirklich eine Wiederent- deckung; allerdings wäre es schön, wenn man dieses Meisterwerk der neapolitanischen Schule bald auch komplett anhören könnte. 

Montag, 27. März 2017

C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)

Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode. 
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert. 
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk. 
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend! 

Mittwoch, 4. Januar 2017

Vinci: Catone in Utica (Decca)

Als die Oper Catone in Utica von Leonardo Vinci nach einem Libretto von Pietro Metastasio 1728 in Rom am Teatro delle Dame erstmals erklang, standen ausschließlich Männer auf der Bühne. Frauen durften in der Stadt, in der der Papst residierte, nicht auftreten. Und so wurden nicht nur die heroischen männlichen Rollen dieser Oper – Cesare, Fulvio und Arbace – sondern auch die beiden weiblichen Rollen, Marzia und Emilia, von Kastraten gesungen. Tiefere Männerstimmen waren seinerzeit nur in den Partien der Bösewichte und der Senioren zu hören. So war auch hier der betagte Titelheld mit einem Tenor besetzt. 
Bei der Uraufführung waren gleich drei große Stars zu hören: Cesare, der Eroberer, der Catone, den letzten aufrechten Verfechter der römischen Republik, belagert, wurde von Giovanni Carestini gesungen. Die Partie der Marzia, der Tochter Catones, die Cesare liebt, aber aus politischen Gründen Arbace heiraten soll, komponierte Vinci für Giacinto Fontana, einen Sänger, der Frauenrollen so erfolgreich verkörperte, dass ihn das Publikum Farfallino – „kleiner Schmetterling – nannte. Und der Arbace, König von Numidien und ein treuer Verbündeter Catones, wurde von Giovanni Minelli gesungen. 
Die Oper bietet große Gefühle, grandiose Szenen, ganz erstaunliche Musik, und am Ende eine herbe Enttäuschung – denn Catone tötet sich selbst, er stirbt quälend langsam auf offener Bühne, und Cesare verflucht seinen Sieg und wirft den Lorbeer weg. Niemand bekommt, was er wollte; auch die Verliebten finden nicht zueinander. Bei den Römern ist diese Oper wohl durchgefallen, denn die fanden das Finale gar nicht witzig. Metastasio jedenfalls änderte später das Libretto; er ließ von Catones Tod nur noch berichten, und den Liebespaaren verpasste er das gewohnte lieto fine
Gleich vier Countertenöre konnte Decca für diese Einspielung von Catone in Utica  aufbieten: Valer Sabadus ist als Marzia zu hören und Vince Yi als Emilia, Franco Fagioli sang den Cesare, und Max Emanuel Cencic den Arbace. Die Partie des Catone übernahm Tenor Juan Sancho, und als Fulvio ist der Tenor Martin Mitterrutzner zu hören. Das Ensemble Il Pomo d’Oro musiziert gewohnt gekonnt unter Leitung von Riccardo Minasi. Die Aufnahme ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Auseinandersetzung mit noch immer in den Archiven schlummernden barocken Opernschät- zen; sie wurde zu Recht 2016 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. 

Freitag, 9. Oktober 2015

Telemann: Violin Sonatas (Deutsche Harmonia Mundi)

Werke von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) hat das hochkarätig besetzte Ensemble Arsenale Sonoro für seine Debüt-CD bei DHM aus- gewählt. Boris Begelman, Violine, Ludovico Minasi, Violoncello, und Alexandra Koreneva, Cembalo, haben sich dabei auf Musik konzentriert, die für Violine geschrieben wurde: „Diese Beschränkung ermöglichte Tele- mann, die charakteristischen Eigen- arten dieses Instruments in den Vordergrund zu rücken und versetzt den Interpreten in die Lage, alle Möglichkeiten der Interpretation, Improvisation und Verzierung voll auszuschöpfen“, begründet Begelman im Beiheft die vorliegende Auswahl. Die CD enthält vier Welterst- einspielungen, was bei der enormen Vielzahl Telemannscher Werke nicht überrascht. 
Der Geiger hat die Aufführungspraxis jener Zeit, dokumentiert in den Schriften der Musiktheoretiker, aber auch in Werken wie Telemanns 12 methodischen Sonaten für Violine und Basso continuo, sorgsam studiert. In seinen Interpretationen beweist Begelman zugleich viel Geschmack und Fingerspitzengefühl. Das macht diese Aufnahme sehr angenehm und sorgt beim Zuhörer für gute Laune – die perfekte Musik für weniger perfekte Tage, wie sie das Coverbild mit Humor andeutet. 

Montag, 24. November 2014

C. P. E. Bach: 6 Hamburg Symphonies (Es-Dur)

„Schwerlich ist je eine musikalische Composition von höherm, keckerm, humoristischerm Charakter einer genialen Seele entströmt.“ Das schrieb Johann Friedrich Reichardt seinerzeit über die sechs Streicher- sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Entstanden waren diese Werke auf ausdrückli- chen Wunsch und exklusiv für Baron Gottfried van Swieten; Reichardt hatte bei der Uraufführung die erste Geige gespielt. 
Bach selbst war nach langen Jahren im Dienste Friedrichs des Großen der höfischen Etikette entronnen. Die neue Position als Nachfolger seines Taufpaten Georg Friedrich Telemann in der Position des städtischen Musikdirektors und Kantors am Johanneum in Hamburg, die er 1768 antrat, dürfte ihm vergleichsweise große Freiräume beschert haben. 
Und so hat er für van Swieten einen Parforcegalopp durch die Affekte komponiert – wobei er diese am liebsten durch Kontraste hervortreten lässt. „Moderne und Paläolithikum stehen sich direkt gegenüber“, meint Riccardo Minasi. Der Geiger hat die Hamburger Sinfonien gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz bei dem Label Es-Dur eingespielt. Die Musiker feiern damit die Idee der Freiheit – allerdings höchst diszipliniert: „Man sollte die Partitur so genau wie möglich respektieren und die Paradoxien und Kontraste so gut wie möglich unterstreichen, die der Komponist darin formuliert hat“, erläutert Minasi. Das Ensemble Resonanz folgt ihm darin mit großem Engagement, und das Ergebnis ist wirklich sehr beein- druckend. 

Montag, 29. Juli 2013

Venezia - Opera Arias of the Serenissima (Virgin)

Als Antonio Vivaldi 1678 geboren wurde, war der Glanz von Venedig bereits am Verblassen. Die Sere- nissima hatte ihre Position als europäische Großmacht verloren. Doch gefeiert wurde in der Stadt des Dogen noch immer prachtvoll. Besucher aus ganz Europa schwärmten von der Musik, die in den Kirchen erklang – und von den Vorstellungen in den sechs Opernhäusern Venedigs. Sie befanden sich durchweg im Besitz der Patrizier, und wetteiferten miteinander um die spektakulärsten Aufführungen, die besten Komponisten und Musiker und die Stars unter den Sängern jener Zeit. 
In diese Zeit entführt uns eine CD, die Countertenor Max Emanuel Cencic gemeinsam mit dem Ensemble Il Pomo d'oro unter Riccardo Minasi für Virgin Classics eingespielt hat.„Mein Wunsch ist es, die Musik dieses alten Venedig neu zu erobern und die Emotionen und Farben einer Stadt heraufzubeschwören, die einst eine Weltmetro- pole war“, erklärt der Sänger. 
Das ist ihm bestens gelungen. Mit den ausgewählten Opernarien erinnert Cencic vor allem an die legendären Auftritte der Kastraten. Seine Stimme klingt betörend, und seine Technik ist makellos. Der Countertenor verbindet Virtuosität und Ausdrucksstärke; schier endlose, schwerelose Linien, grandiose Koloraturen und seine Stilsicherheit werden auch Kenner entzücken. Die Musiker um Riccardo Minasi sind ihm dabei versierte Begleiter. Bravi!