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Dienstag, 22. Dezember 2020

Machet die Tore weit (Christophorus)


 Der Weihnachtsmusik an der Leipziger Thomaskirche widmet sich auch dieses Album aus dem Hause Christophorus. Das Johann Rosenmüller Ensemble, geleitet von Arno Paduch, und der Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg, geleitet von Susanne Rohn, konzentrieren sich dabei auf die Werke von Bachs Amtsvorgängern. Als Solisten wirken mit Antonia Bourvé und Simone Schwark, Sopran, Johanna Krell, Alt, Florian Cramer und Hansjörg Mammel, Tenor sowie Markus Flaig, Bass. 

Und auch wenn die Namen von Thomaskantoren wie Tobias Michael, Sebastian Knüpfer, Johann Schelle oder Johann Kuhnau heute dem Publikum kaum noch bekannt sind, erweist sich doch die Beschäftigung mit ihren Festmusiken als überaus lohnend. Man höre nur Schelles prachtvolles Machet die Tore weit, oder Knüpfers Dies est laetitiae für 22 Stimmen, üppig besetzt mit einem fünfstimmigen Trompetenchor nebst Pauken, dazu Streicher, Fagott, drei Flöten sowie sechs Solisten und vierstimmigem Chor. Dieses Konzert sowie Machet die Tore weit von Tobias Michael erklingen in Weltersteinspielung. Was für eine Klangpracht! 


Donnerstag, 25. Oktober 2018

Verleih uns Frieden (Christophorus)

Am 23. Mai 1618 eskalierte im Prager Fenstersturz ein schon länger schwelender Konflikt zwischen dem böhmischen Landadel (zumeist protestantisch) und dem Landesherrn (katholisch). Aus dieser Auseinandersetzung entstand rasch ein Krieg verheerenden Ausmaßes, der halb Europa verwüstete, und als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte einging. 
Diese CD zeigt, wie Komponisten in ihren Werken das Kriegsgeschehen spiegelten. Man wird bald feststellen, dass Musik in jener Zeit ein Medium der Repräsentation war. Der Adel, wenn er es sich leisten konnte, reiste in Begleitung seiner Hofmusiker. Ein gutes Beispiel dafür sind Kompositio- nen, die Heinrich Schütz für die sächsischen Kurfürsten schrieb. Diese Musik sollte nicht nur erbauen, sie sollte auch beeindrucken. 
Das gilt ebenso für Huldigungsmusiken, die zum Einzug hoher Herr- schaften von lokalen Musikern geschrieben und aufgeführt wurden. Siege wurden mit Festmusiken gefeiert, gefallene Helden unter den Klängen von Trauermusiken begraben. Allerdings wurden in Kriegszeiten die Musiker rar, und den Höfen ging das Geld aus, die Künstler zu entlohnen. Auch davon berichtet beispielsweise die Biographie von Heinrich Schütz. 
Arno Paduch ist mit dem vortrefflichen Johann Rosenmüller Ensemble auf die Suche nach den Spuren gegangen, die der Dreißigjährige Krieg in der Musik hinterlassen hat. So erklingen Huldigungsgesänge des Mühlhäuser Kantors Nikolaus Weisbeck oder des Breslauer Musikers Paul Schäffer, geschaffen 1602 bzw. 1621 jeweils zur Begrüßung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg. Natürlich dürfen auch die berühmten Werke von Heinrich Schütz in diesem Umfeld nicht fehlen. 
Zur Feier des Sieges der kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg schrieb Johann Sixt von Lerchenfels Te Deum und Da pacem. Den Sieg der schwedischen und kursächsischen Armeen in der Schlacht bei Leipzig wiederum schilderte der Leipziger Student Marcus Dietrich Brandisius in dem handfest-ausdrucksstarken Fortes heroes pugnabant
Gleich darauf freilich folgt die Trauermotette, die der schwedische Hoforganist Andreas Düben für die Beisetzung seines Königs Gustav Adolf komponiert hat. Er wurde im November 1632 in der Schlacht bei Lützen getötet. Und auch Musiker starben in den Auseinandersetzungen. So wurde Christoph Harant von Polschitz und Weseritz, auf dieser CD ver- treten mit der Motette Qui confidunt in Domino, mit anderen Gefolgs- leuten des Gegenkönigs Friedrich V. 1621 in Prag hingerichtet. 
Wie groß die Verzweiflung bei den Bürgern war, die dem Kriegsgeschehen ausgeliefert waren, zeigen zwei berührende Klagelieder. Der Eilenburger Organist Johann Hildebrand notierte ebenso schlicht wie ergreifend Ach Gott! Wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Und noch Jahre nach Kriegsende schrieb Matthias Weckmann sein bewegendes geistliches Konzert Wie liegt die Stadt so wüste. Diese Musiken lassen uns noch heute nachvollziehen, welche Katastrophe der Dreißigjährige Krieg für die Betroffenen war. Mit der vorliegenden Aufnahme erinnert das Johann Rosenmüller Ensemble nachdrücklich auch daran. 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Knüpfer: Geistliche Konzerte (Christophorus)

Sebastian Knüpfer (1633 bis 1676), der Nachfolger von Johann Rosenmüller im Amt des Thomaskantors, stammte aus Böhmen. Als Sohn eines Kantors und Organisten kam er in Asch zur Welt, und wurde 1646 ans Gymnasium nach Regensburg gesandt, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. 
Als Schüler erlebte Knüpfer den Reichstag 1653/54 in Regensburg, der mit zwei Krönungen und einer unglaublichen Prachtentfaltung verbunden war. Mit dem kaiserlichen Hofstaat reisten auch die Musiker der Wiener Hofkapelle an. 
Sowohl der Adel als auch das vermögende Bürgertum ließ singen und aufspielen, was in der Musikwelt Rang und Namen hatte. Dieses Erlebnis hat Knüpfer ganz sicher geprägt. Und ein wenig von dieser Klangpracht brachte er auch mit nach Leipzig, wo er dann drei Jahre studierte; seinen Lebensunterhalt verdiente er derweil als Sänger an der Thomaskirche und indem er Musikschüler unterrichte. 
Damit muss er sich einen erstklassigen Ruf erarbeitet haben. Denn nach dem Tode des Thomaskantors Tobias Michel und nach der Flucht Rosenmüllers – der eines unmoralischen Lebenswandels bezichtigt wurde – wählte der Stadtrat im Jahre 1657 Knüpfer zum Thomaskantor, obwohl es durchaus renommierte Bewerber um dieses Amt gab. 
Der bekannteste Schüler des Musikers war übrigens Friedrich Wilhelm Zachow. Dieser wurde Organist an der Marktkirche in Halle/Saale, und Händels Lehrer. 
Die Werke Knüpfers, obwohl bedeutend, sind heute kaum noch zu hören. Arno Paduch zeigt mit seinem Johann Rosenmüller Ensemble, dass dies durchaus ein Verlust ist. Er hat für diese CD acht geistliche Konzerte des Komponisten ausgewählt, die fast durchweg in Ersteinspielung erklingen – makellos vorgetragen von exzellenten Sängern und brillanten Instrumen- talisten. Es sind Werke, die noch heute beeindrucken. 
So schuf Knüpfer in Herr, hilf uns, wir verderben mit den Mitteln der Musik eine dramatische Sturmszene, die die Zwischenrufe der verzweifelten Jünger ungemein glaubhaft wirken lässt. Andere Werke bieten eine geradezu venezianische Klangpracht auf, obwohl die Sängerbesetzung vergleichsweise knapp gehalten ist. Mit Hilfe von einigen wenigen Streichern, Bläsern und Continuo-Gruppe erreicht Knüpfer, der selbst nie in Italien war, ganz erstaunliche Effekte. Erstaunlich ist aber auch, auf welchem Niveau schon zu Knüpfers Zeiten in Leipzig musiziert wurde. 

Samstag, 30. September 2017

Davon ich singen und sagen will (cpo)

„Wer singt, betet doppelt“ – dieser Satz, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wird, könnte gut auch von Martin Luther stammen. Der Reformator schätzte die Musik sehr, und so ist es kein Wunder, dass zum Gedenken an den Thesenanschlag, der sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Male jährt, mittlerweile auch eine enorme Anzahl an CD erschienen sind.
Eine der schönsten hat das Osnabrücker Label cpo nun veröffentlicht. Für diese Produktion haben sich der Bach-Chor Siegen unter Leitung von Ulrich Stötzel und das auf „Alte“ Musik spezialisierte Johann Rosenmüller Ensemble, das von Arno Paduch geleitet wird, zusammengetan. Unterstützt durch renommierte Solisten – Monika Mauch und Ina Siedlaczek, Sopran, Franz Vitzthum, Countertenor, Georg Poplutz und Nils Giebelhausen, Tenor, sowie Markus Flaig und Jens Hamann, Bariton – zeigen sie auf dieser CD, wie das Lied zu einem wichtigen Medium der Reformation wurde.
Nicht nur die singende Gemeinde, auch die Figuralmusik übernahm rasch Luthers Texte und seine Melodien. So erklingen auf dieser CD überwie- gend Werke von Komponisten, die als Zeitgenossen der Reformation gewirkt haben, oder aber im nachfolgenden Jahrhundert. So gilt Johann Walther als „Urkantor“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Zu hören ist weiter Musik von Johann Eccard, Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Lucas Osiander, Matthäus Le Maistre, Werner Fabricius, Johann Rosenmüller und Johann Sebastian Bach.
Das abwechslungsreiche Programm wird ergänzt durch Instrumental- stücke von Hans Neusidler und Thomas Stoltzer. Und natürlich darf auch Martin Luther nicht fehlen, auch wenn er sich seinerzeit bescheiden einen „kleinen und tumpenen Tenor“ nannte. Dass er von der Musik durchaus etwas verstand, zeigt seine vierstimmige Cantus-firmus-Motette Non moriar sed vivam. Die Stücke für diese Aufnahme wurden durchweg mit Sorgfalt ausgewählt; so gelang manche Entdeckung abseits der allseits bekannten Luther-Choräle und Chorsätze.
Musiziert wird erfreulich differenziert und ausgesprochen ausdrucksstark. Walther klingt deutlich anders als Bach, am anderen Ende des Zeithori- zontes. Eine prächtige, rundum gelungene Einspielung zum Lutherjahr 2017 – unbedingt anhören! Es lohnt sich. 

Samstag, 21. Januar 2017

Telemann: Ein' feste Burg ist unser Gott. Festliche Kantaten zur Reformation (Christophorus)

Seine ersten Kirchenkantaten komponierte Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) wohl spätestens in Leipzig, wo er ab 1701 Jura studierte. Auch in Eisenach, in Frankfurt/Main sowie in Hamburg, wo er dann als Cantor Johannei und Director Musices für die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen verantwortlich war, gehörte das Schreiben von Kantaten zu seinen Dienstpflichten. 
Da dürfte so mancher Kantatenjahr- gang zusammengekommen sein – reichlich Material also für Entdeckungen im Telemann-Jubiläumsjahr. So hat jüngst der Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg gemeinsam mit dem Johann Rosenmüller Ensemble eine Auswahl festlicher Kantaten des Komponisten zum Reformationstag und zum Michaelisfest veröffent- licht. An der Einspielung unter Gesamtleitung von Susanne Rohn haben zudem die Gesangssolisten Simone Schwark, Johanna Krell, Hans Jörg Mammel, Markus Flaig und Wolfgang Weiß mitgewirkt. 
Die Kantaten sind, dem Anlass entsprechend, zumeist aufwendig gestaltet und üppig besetzt. Eine Ausnahme ist die einzige Solo-Kantate auf dieser CD, Ein' feste Burg ist unser Gott, für Bass, Violine und Basso continuo, wobei in der zweiten Strophe auch ein obligates Violoncello zu hören ist. Sie ist zugleich, so erfährt man aus dem Beiheft, die früheste Komposition dieser Auswahl. 
Mit Ausnahme der ersten Kantate, Wertes Zion sei getrost, erklingen die fünf ausgewählten Werke sämtlich in Weltersteinspielungen. Mein persönlicher Favorit ist die letzte Kantate auf der CD, Welch' Getümmel erschüttert den Himmel, entstanden für das Michaelisfest im Jahre 1757. Sie bietet insbesondere den Musikern des Johann Rosenmüller Ensembles Gelegenheit, zu glänzen – seien es die Trompeter, die teilweise irrwitzige Partien bewältigen müssen, seien es die Violinen, die den Höllensturz des Satans und den Einzug des siegreichen Christus musikalisch rasant illustrieren. Auch der Bass hat in seinen drei Stücken, die Telemann an des Beginn der Kantate gesetzt hat, und die das Getümmel im Himmel mit drastischen Mitteln verdeutlichen, eine wahre Höllenpartie. Die Einspie- lung insgesamt ist geschickt konzipiert, ein würdiger Beitrag sowohl zum Reformationsjubiläum als auch zum 250. Todestag des bedeutenden deutschen Barockkomponisten. 

Samstag, 19. März 2016

Rosenmüller: Marienvesper (Rondeau)

Venezianische Klangpracht in Hannover? Das ist gar nicht so abwegig: Im Jahre 1682 engagierte Herzog Anton Ulrich von Braun- schweig-Wolfenbüttel Johann Rosenmüller (1617 bis 1684) als Hofkapellmeister. Der Komponist, der aus Oelsnitz im Vogtland stammt und in Leipzig studiert hat, reiste um 1645 zum ersten Mal nach Italien. 1650 war er zurück in Leipzig, wo er zunächst als Baccalaureus funerum an der Thomasschule und dann ab 1651 auch als Organist an der Niko- laikirche tätig war. Als Thomaskan- tor Tobias Michael erkrankte, übernahm Rosenmüller zusätzlich dessen Dienstpflichten. Um den Musiker zu halten, den man auch andernorts gern angestellt hätte, erklärte der Leipziger Rat ihn 1653, noch zu Lebzeiten Michaels, zu dessen Nachfolger. 
Doch im Mai 1655 wurde Rosenmüller beschuldigt, sexuelle Beziehungen zu Thomasschülern gepflegt zu haben. Der näheren Untersuchung entzog er sich durch die Flucht. Er ging nach Venedig, wo er ab 1658 als Posau- nist an San Marco wirkte. Außerdem war er maestro di coro am Ospedale della Pieta. 
Da der deutsche Adel damals sehr gern nach Italien reiste – oftmals mit großem Gefolge, in dem sich auch Musiker befanden – wird Rosenmüller in Venedig in jenen Jahren viele Landsleute getroffen haben. Er hat junge Musiker unterrichtet, wie beispielsweise Johann Philipp Krieger, und Werke komponiert für deutsche Hofkapellen. So widmete Rosenmüller 1667 seine Sonate da camera Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg. Der Herrscher war katholisch, und in seiner Hofkapelle in Hannover sangen italienische Sänger unter Leitung des Venezianers Antonio Sartori. Es wird vermutet, das etliche geistliche Werke Rosen- müllers mit lateinischen Texten für diesen Fürsten entstanden sind; einige davon sind in einer Notensammlung zu finden, die anlässlich der Krönung des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover zum englischen König George I. nach London gelangt ist. 
Der Knabenchor Hannover unter Leitung von Jörg Breiding hat nun ge- meinsam mit dem Johann Rosenmüller Ensemble und dem Barockorche- ster L’Arco eine Marienvesper von Johann Rosenmüller eingespielt. Unterstützt werden die jungen Sänger dabei durch die Sopranistinnen Veronika Winter und Maria Skiba sowie die Altisten Henning Voss und Alex Potter. 
Arno Paduch, der Gründer des Johann Rosenmüller Ensembles, weist in seinem sehr ausführlichen Begleittext im Beiheft darauf hin, dass es Indizien dafür gibt, die darauf hindeuten, dass zumindest Teile dieser Marienvesper für ein deutsches Publikum geschrieben worden sind. So
sei die Verwendung von Zinken und Posaunen in Italien am Ende des
17. Jahrhunderts nicht mehr üblich, in Deutschland aber sehr beliebt gewesen. Auch die Mehrchörigkeit sei zu diesem Zeitpunkt für italienische Musik „ungewöhnlich“. Insofern könnten zumindest einige der Werke, die hier zusammengestellt worden sind, möglicherweise in früheren Jahrhun- derten bereits in Hannover erklungen sein. 

Der Knabenchor Hannover jedenfalls erweist sich als würdiger Nachfolger des italienischen Ensembles aus der Zeit Herzog Johann Friedrichs. Die Buben und Burschen singen prächtig, und sie interpretieren Rosenmüllers üppige Musik mit großem Engagement und mit beeindruckender Virtuosi- tät. Die Aufnahme macht einmal mehr deutlich, dass der Chor, der seit 2002 von Jörg Breiting geleitet wird, derzeit zu den besten Knabenchören Europas gehört. Bravi, großartig!