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Dienstag, 22. Dezember 2020

Machet die Tore weit (Christophorus)


 Der Weihnachtsmusik an der Leipziger Thomaskirche widmet sich auch dieses Album aus dem Hause Christophorus. Das Johann Rosenmüller Ensemble, geleitet von Arno Paduch, und der Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg, geleitet von Susanne Rohn, konzentrieren sich dabei auf die Werke von Bachs Amtsvorgängern. Als Solisten wirken mit Antonia Bourvé und Simone Schwark, Sopran, Johanna Krell, Alt, Florian Cramer und Hansjörg Mammel, Tenor sowie Markus Flaig, Bass. 

Und auch wenn die Namen von Thomaskantoren wie Tobias Michael, Sebastian Knüpfer, Johann Schelle oder Johann Kuhnau heute dem Publikum kaum noch bekannt sind, erweist sich doch die Beschäftigung mit ihren Festmusiken als überaus lohnend. Man höre nur Schelles prachtvolles Machet die Tore weit, oder Knüpfers Dies est laetitiae für 22 Stimmen, üppig besetzt mit einem fünfstimmigen Trompetenchor nebst Pauken, dazu Streicher, Fagott, drei Flöten sowie sechs Solisten und vierstimmigem Chor. Dieses Konzert sowie Machet die Tore weit von Tobias Michael erklingen in Weltersteinspielung. Was für eine Klangpracht! 


Samstag, 21. Januar 2017

Telemann: Ein' feste Burg ist unser Gott. Festliche Kantaten zur Reformation (Christophorus)

Seine ersten Kirchenkantaten komponierte Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) wohl spätestens in Leipzig, wo er ab 1701 Jura studierte. Auch in Eisenach, in Frankfurt/Main sowie in Hamburg, wo er dann als Cantor Johannei und Director Musices für die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen verantwortlich war, gehörte das Schreiben von Kantaten zu seinen Dienstpflichten. 
Da dürfte so mancher Kantatenjahr- gang zusammengekommen sein – reichlich Material also für Entdeckungen im Telemann-Jubiläumsjahr. So hat jüngst der Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg gemeinsam mit dem Johann Rosenmüller Ensemble eine Auswahl festlicher Kantaten des Komponisten zum Reformationstag und zum Michaelisfest veröffent- licht. An der Einspielung unter Gesamtleitung von Susanne Rohn haben zudem die Gesangssolisten Simone Schwark, Johanna Krell, Hans Jörg Mammel, Markus Flaig und Wolfgang Weiß mitgewirkt. 
Die Kantaten sind, dem Anlass entsprechend, zumeist aufwendig gestaltet und üppig besetzt. Eine Ausnahme ist die einzige Solo-Kantate auf dieser CD, Ein' feste Burg ist unser Gott, für Bass, Violine und Basso continuo, wobei in der zweiten Strophe auch ein obligates Violoncello zu hören ist. Sie ist zugleich, so erfährt man aus dem Beiheft, die früheste Komposition dieser Auswahl. 
Mit Ausnahme der ersten Kantate, Wertes Zion sei getrost, erklingen die fünf ausgewählten Werke sämtlich in Weltersteinspielungen. Mein persönlicher Favorit ist die letzte Kantate auf der CD, Welch' Getümmel erschüttert den Himmel, entstanden für das Michaelisfest im Jahre 1757. Sie bietet insbesondere den Musikern des Johann Rosenmüller Ensembles Gelegenheit, zu glänzen – seien es die Trompeter, die teilweise irrwitzige Partien bewältigen müssen, seien es die Violinen, die den Höllensturz des Satans und den Einzug des siegreichen Christus musikalisch rasant illustrieren. Auch der Bass hat in seinen drei Stücken, die Telemann an des Beginn der Kantate gesetzt hat, und die das Getümmel im Himmel mit drastischen Mitteln verdeutlichen, eine wahre Höllenpartie. Die Einspie- lung insgesamt ist geschickt konzipiert, ein würdiger Beitrag sowohl zum Reformationsjubiläum als auch zum 250. Todestag des bedeutenden deutschen Barockkomponisten. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Schütz: Weihnachtshistorie (Christophorus)

Weihnachten 1660 erklang in der Hofkirche des sächsischen Kurfürsten Musik, wie sie noch nie gehört worden war: Die Hofkapelle führte zum ersten Mal Die Geburth Christi, in stilo recitativo auf. Man könnte dieses Werk durchaus als das früheste deutsche protestantische Oratorium überhaupt betrachten. Heinrich Schütz (1585 bis 1672) hatte den biblischen Text, speziell Verse aus den Evangelien nach Matthäus (Kapitel 2, 1-23) und Lukas (Kapitel 2, 1-11), in Musik gesetzt, und sich dazu der verschiedensten Formen bedient, vom Rezitativ des Evangelisten, wie wir es heute noch beispiels- weise vom Weihnachtsoratorium kennen, über den Gesang des Engels, der den Hirten erscheint und ihnen große Freude verkündet, was man beinahe als geistliches Konzert zu bezeichnen geneigt ist, bis hin zum prachtvollen Chor der Engel oder zum Terzett der Weisen aus dem Morgenlande – ein geradezu mustergültiger Turba-Chor. 
Schütz überarbeitete sein Werk mehrfach, bis 1664 schließlich die Historia der Freuden- und Gnadenreichen Geburth Gottes und Marien Sohnes, Jesu Christi, unsers Einigen Mitlers, Erlösers und Seeligmachers in jener Form fertiggestellt war, die wir heute kennen; 1671 erfolgten dann noch einige Revisionen. Diese Musik ist im übrigen ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen auch im hohen Alter durchaus noch etwas gänzlich Neues erschaffen können; Kreativität ist eben kein Privileg der Jugend. 
Schütz' Weihnachtshistorie war ein großer Erfolg; alle wollten diese uner- hörte Musik anhören – und aufführen. Sie hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt, und steht im Mittelpunkt dieser CD mit dem Choeur de Chambre de Namur und dem Instrumentalensemble Le Fenice unter Jean Tubéry. Die beiden umfangreichsten Partien, der Evangelist und der Engel, werden von Tenor Hans-Jörg Mammel und Sopranistin Claire Lefilliâtre gesungen; sie sind auch in den anderen Stücken zu hören – Mach dich auf, werde Licht, Zion aus den Opella Nova II von Johann Hermann Schein, Gegrüsset seist Du, Holdselige! von Matthias Weck- mann sowie Magnificat und Hodie Christus in der Vertonung durch Heinrich Schütz. 
Mich begeistert die Aufnahme allerdings nicht wirklich. Wenn Schütz und seine Zeitgenossen für Sänger komponierten, steht der Text immer absolut im Vordergrund. Die Musik dient dazu, das Wort auszulegen. Hört man diese CD, werden die Sänger leider von Instrumentalklängen regelrecht zugedeckt, was ich sehr bedauerlich finde. Es mag noch so hinreißend musiziert sein – aber eine solche Interpretation geht am Wesen dieser Musik vorbei. Schade. 

Montag, 26. September 2016

Bach: Köthener Trauermusik (Deutsche Harmonia Mundi)

Darf man verlorene Werke von Johann Sebastian Bach rekonstru- ieren? Und wenn ja, in welchem Umfang sind Ergänzungen zulässig? Darf man beispielsweise Rezitative, deren Musik nicht überliefert ist, neu komponieren? Wo sind Entdeckun- gen möglich, und wo wird die Grenze überschritten zu einem musikalischen Disney-Land? 
Einen Beitrag zu dieser Debatte liefert Alexander Grychtolik. Er hat, mit dem Ensemble Deutsche Hofmusik, die Trauerkantate BWV 244a Klagt, Kinder, klagt es aller Welt einge- spielt. Dieses Werk hatte Bach im Jahre 1729 für den Gedächtnisgottes- dienst seines früheren Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen geschrieben, der im November 1728 gestorben war. 
Die Trauerfeierlichkeiten sind, wie damals üblich, minutiös dokumentiert; wir wissen, wie der Gottesdienst verlaufen ist, ja, selbst was die Gäste an- schließend speisten. Die Trauermusik erklang aufgeteilt in vier Abschnitte, die Landestrauer, Tod und Erlösung, eine nochmalige Würdigung des Verstorbenen sowie Trost und Abschied zum Gegenstand haben. Das Libretto schuf der Leipziger Christian Friedrich Henrici, besser bekannt unter dem Pseudonym Picander. Es ist gleich in drei Versionen überliefert – die Musik dazu allerdings nicht. 
Schon 1873 wurde bei der Arbeit an der ersten Bach-Gesamtausgabe festgestellt, dass Bach für die Trauerkantate im Parodieverfahren auf zwei ältere Werke, nämlich die Trauerode für Kurfürstin Christine Eberhardine BWV 198 und die Matthäus-Passion BWV 244, zurückgegriffen hat. Die allermeisten Einzelsätze ließen sich damit zuordnen. Zudem folgt Grych- tolik Vorschlägen des Musikwissenschaftlers Detlef Gojowy, der darauf hingewiesen hatte, dass auch im Falle der Accompagnato-Rezitative Analogien zur Matthäus-Passion aufzufinden sind. Die fehlenden Teile – es sind nur noch wenige – wurden angelehnt an entsprechende Vorbilder neu komponiert. 
Man muss anerkennen, dass es Alexander Grychtolik sehr schlüssig gelungen ist, die Köthener Trauermusik zu rekonstruieren. Auch bei der Aufführung folgt das Ensemble Deutsche Hofmusik unter seiner Leitung den historischen Fakten: In Köthen gab es zwar eine exzellente Hofka- pelle, aber keine Kantorei. So wird Bach neben den herausragenden Musikern, wie dem berühmten Gambisten Christian Ferdinand Abel, nur einige wenige professionelle Sänger zur Verfügung gehabt haben. Neben den Solisten Sidonie Otto, David Erler, Hans Jörg Mammel und Daniel Ochoa sind hier noch fünf Ripienisten eingesetzt. Musiziert wurde in der Köthener Stadtkirche St. Jakob; der Kirchenraum ist allerdings heute nach diversen Umbaumaßnahmen, zuletzt im 19. Jahrhundert, nicht mehr in dem Zustand, in dem er sich zu Bachs Zeiten befand. 
Es ist also nicht mehr ganz der originale Klangraum; die Grablege des Fürstenhauses von Anhalt-Köthen befindet sich in der Kirche aber bis zum heutigen Tage. In dieser besonderen Atmosphäre hat das Ensemble Deutsche Hofmusik im September 2014 die Trauermusik aufgeführt – und das sehr beeindruckend, wozu nicht zuletzt Instrumentalsolisten wie die Flötisten Jan de Winne und Christine Debaisieux, Mechthild Karkow, Violine, und natürlich Marcel Ponseele mit beitragen. Geht es um Barock- musik, ist dieser Oboist derzeit eine Klasse für sich.

Montag, 9. November 2015

Michael: Musicalische Seelenlust (Raumklang)

Tobias Michael (1592 bis 1657) war den Sohn des Dresdner Hofkapell- meisters Rogier Michael. Seine musikalische Laufbahn begann er 1601 als Sängerknabe in der Hofkapelle; 1609 schickte ihn der Kurfürst zur weiteren Ausbildung an die Landesschule in Pforta. Anschließend studierte Michael ab 1613 erst in Wittenberg, und dann in Jena. 1619 erhielt er die Stelle des Kapellmeisters an einer soeben neu errichteten Kirche in Sondershausen. 1621 fielen allerdings das Schloss und fast die gesamte Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer; danach setzten seine Dienstherren, die Grafen zu Schwarzburg, die den Musiker ungern ziehen lassen wollten, Michael als Kanzleibeamten ein. 
Nach dem Tode von Johann Hermann Schein wurde Tobias Michael 1631 zum neuen Thomaskantor gewählt. So konnte er aus dem bedrängten Sondershausen nach Leipzig umziehen, wo er trotz Krieg und Seuchen dafür sorgte, dass das Kantorat an Bedeutung gewann – und dass die Thomaner wieder erstklassig sangen. So widmete Heinrich Schütz, der neue Hofkapellmeister in Dresden, der Stadt Leipzig und ihrem „berühmbten Chor“ seine Geistliche Chormusik von 1648. Der erzielte Qualitätszuwachs ist umso erstaunlicher, wenn man in der Leichpredigt liest, dass Tobias Michael in seinen 30 letzten Lebensjahren immer wieder von schweren Gichtanfällen geplagt wurde, und zum Schluss das Krankenlager gar nicht mehr verlassen konnte. 
Das bedeutendste Werk Michaels ist die Musicalische Seelenlust, 1634/35 und 1637 in zwei Teilen im Druck veröffentlicht. Der erste Teil enthält 30 geistliche Madrigale – biblische Texte in Vertonungen für fünf Stimmen, gesetzt nach dem seinerzeit innovativen italienischen Vorbild. Insofern erinnert dieser Teil an Scheins berühmtes Israelsbrünnlein. Im zweiten Teil fasste Michael 50 geistliche Konzerte für sehr unterschiedliche Besetzungen zusammen. Auf dieser CD erklingen Werke aus beiden Teilen, vorgetragen vom Ensemble Polyharmonique.

Samstag, 18. April 2015

Ich hebe meine Augen auf - Telemann, Heinichen & Graupner in Leipzig (Carus)

Musikalisch ambitionierte Studenten hatten zu Beginn des 18. Jahrhun- derts in Leipzig einen attraktiven Studienort. Die Gottesdienste in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai waren weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt aufgrund der Kirchenmusik, die nicht nur von Stadtpfeifern, Kunstgeigern und Thomanern bestritten wurde. Auf der Empore fanden sich auch etliche talentierte Studiosi ein, zumal in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sogar ein Etat vorhanden war, sie fürs Musizieren zu entlohnen. 
Doch nicht nur in den Kirchen fanden Musikinteressierte ein reiches Betätigungsfeld. Auch im 1693 gegründeten Leipziger Opernhaus sowie in diversen Collegia musica, die im Kaffeehaus musizierten, saßen Studierende an den Pulten. So gingen die jungen Leute in Scharen an die Pleiße, um dort Jura zu studieren, wie es Brauch war – und sich nebenher auf den Gebiet der Musik zu erproben. Etliche von ihnen wurden anschließend Musiker; erinnert sei hier nur an Georg Philipp Telemann, Johann Georg Pisendel, Gottfried Heinrich Stölzel und die vormaligen Thomasschüler Christoph Graupner, Johann Friedrich Fasch und Johann David Heinichen. 
Was aber haben die Studierenden vorgetragen? Diese CD mit L’arpa festante unter Rien Voskuilen vermittelt einen Eindruck davon; herausgesucht wurden Werke von Telemann, Graupner und Heinichen, die mit einiger Sicherheit in den Jugendjahren der Komponisten entstanden sind. Die Musiker von L'arpa festante machen mit Schwung und Präzision die drei Kantaten und Telemanns Ouvertüre zu einem Hörvergnügen. Und auch das Solistenquartett ist mit Veronika Winter, Alex Potter, Hans Jörg Mammel und Markus Flaig erstklassig besetzt. 

Samstag, 27. April 2013

Homilius: Markuspassion (Carus)

Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) kam im Alter von acht Jahren nach Dresden, wo er an der Dresdner Annenschule lernte. Ab Mai 1735 studierte er Jura in Leipzig. Musikalisch muss er da schon ziemlich versiert gewesen sein, denn er vertrat den Organi- sten der Nikolaikirche beim Generalbass-Spiel - und könnte möglicherweise sogar die Thoma- ner begleitet haben, die dort unter ihrem Kantor Johann Sebastian Bach gesungen haben. Homilius soll auch selbst ein Schüler Bachs gewesen sein.
1742 wurde er Organist an der Dresdner Frauenkirche, 1755 Kreuz- kantor. Die Kreuzkirche allerdings wurde 1760 im Siebenjährigen Krieg zerstört, so dass Homilius mit den Kruzianern in der Frauen- und in der Sophienkirche musizierte. Zu seinen Schülern zählen Johann Adam Hiller und Johann Friedrich Reichardt. Homilius' Werke waren sehr beliebt und weit verbreitet; Carl Philipp Emanuel Bach beispielsweise hat sie in Hamburg aufgeführt. Kurioserweise sind die Abschriften zumeist auch die einzigen Quellen. Denn nach Homilius' Tod haben die Erben sämtliche Musikalien verkauft. Und so ist kaum eines seiner Werke autograph überliefert.
Die Markuspassion widmete Homilius der preußischen Prinzessin Anna Amalia. Die Schwester Friedrichs des Großen liebte die Musik; sie komponierte selber, und hat unter anderem Carl Heinrich Graun zu seinem berühmten Passionsoratorium Der Tod Jesu inspiriert. Auch in Dresden wurden damals solche "modernen" Werke aufgeführt, die nur noch aus reflektierenden, Andacht und Gefühl ansprechenden Texten bestehen.
Die Passionen "alter Art", die auf den Bericht des Evangelisten setzen, und ihn durch Chöre, Choräle und Arien ergänzen, waren zu Homilius' Zeiten aus der Mode geraten. Der Kreuzkantor aber verwendet dieses traditionelle Formmodell - und er folgt auch in seiner Musik keines- wegs nur dem Zeitgeschmack. 
Die Theoretiker der Empfindsamkeit forderten Schlichtheit und Ein- gängigkeit: Musik soll den Hörer unmittelbar berühren; die "alten", barocken Werke wurden als kompliziert und gekünstelt empfunden. Homilius zeigt mit seiner Markuspassion, wie man auf kunstvolle Weise "einfache" Melodien schreiben kann. Dem Komponisten geht es nicht um die dramatische Zuspitzung, sondern um Reflexion. Die Rezitative sind nüchtern, aber elegant. Die Arien sind rar; sie sind melodiös und für den Zuhörer leicht fassbar. Die Texte verweisen auf den Tod Jesu als Heilsgeschehen. Zeilen aber wie "Ihr spottet und wollt Christen heißen / und sklavisch euch den Lastern weihn? / Wie Töpfe wird er euch zerschmeißen; / und er wird groß und herrlich sein." dürften beim Publikum heute eher Schmunzeln als Andacht hervorrufen. Die Textdeutung hat Homilius weitgehend dem Orchester übertragen. Am deutlichsten wird das in der Begleitung der Arien hörbar, mit einer bewundernswerten Instrumentierung. 
Die Turbachöre sind erstaunlich lang und expressiv. Und die Choräle reflektieren das Passionsgeschehen, nicht anders als bei Bach. Fritz Näf hat mit seinen Basler Madrigalisten hier eine nicht übermäßig dankbare Aufgabe, denn der Part des Chores ist nicht sonderlich umfangreich. Die Solisten sind im Bereich der "Alten" Musik überwiegend etabliert. Monika Mauch, Ruth Sandhoff, Hans Jörg Mammel und Thomas Laske fügen sich perfekt in den schlanken, durch feine Nuancen geprägten Gesamtklang ein. Auch das Orchester L'arpa festante erweist sich einmal mehr als versierter Partner der Sänger. Das hört man gern. Und es ist kaum zu glauben, doch die vorliegende Aufnahme dieses Werkes ist die Weltersteinspielung.

Montag, 1. April 2013

Ruhm und Glück (Rondeau)

Auch nachdem er 1723 sein neues Amt als Thomaskantor angetreten hatte, blieb Johann Sebastian Bach seinem früheren Dienstherrn doch als Hofkapellmeister verbunden. Und zu besonderen Anlässen lieferte er weiterhin Musik für den Köthener Hof. 
So schrieb er, wahrscheinlich 1725, zum Geburtstag der jungen Fürstin, die Glückwunschkantate Steigt freudig in die Luft BWV 36a. Für diese musikalische Gratulation an Prinzession Charlotte Friederike Amalie von Nassau-Siegen, die zweite Gemahlin von Fürst Leopold, griff Bach sehr weitgehend auf seine Kantate Schwingt freudig euch empor BWV 36c zurück. 
Genau anders herum verfuhr er offenbar bei der 1718 zum Geburtstag  des Fürsten komponierten Glückwunsch-Serenata Der Himmel dacht’ auf Anhalts Ruhm und Glück BWV 66a - sie formte er später, 1724, um zur Osterkantate Erfreut euch, ihr Herzen BWV 66. Das ist ein glücklicher Umstand, denn eigentlich sind die Noten dieser musikali- schen Geburtstagspräsente verloren. Die Textbücher aber blieben erhalten, und Alexander Ferdinand Grychtolik hat damit die beiden Werke rekonstruiert. 
Zu den Köthener Bachfesttagen 2012 sind sie erstmals wieder erklun- gen, und der Mitschnitt ist nun bei Rondeau auf CD erschienen. Es sind ausgesprochen repräsentative Geburtstagsständchen, muss man sagen. Fürst Leopold wird gar durch Fama, die Göttin des Ruhms, und durch die Glückseligkeit höchstselbst gepriesen. Gudrun Sidonie Otto, Wiebke Lehmkuhl, Hans Jörg Mammel und Carsten Krüger sowie die Mitteldeutsche Hofmusik unter ihrem Gründer Alexander Grychtolik lassen erahnen, wie es seinerzeit geklungen haben mag, als die Sänger und die Musiker der Hofkapelle zu den Feierlichkeiten aufspielten. Gewünscht haben sich die Leute vor fast 300 Jahren übrigens nichts anderes als heute: Gesundheit, Glück und ein langes Leben. 

Dienstag, 25. Dezember 2012

Uns ist ein Kind geboren (Carus)

Einmal mehr haben sich der Tenor Hans Jörg Mammel und das auf Barockmusik spezialisierte Orche- ster L'arpa festante gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und das, was sie in den Tiefen der Notenschränke aufgespürt haben, legen sie dem Publikum auf den Gabentisch: Konzerte und Arien zur Weihnacht, durchweg Raritä- ten; man staunt, aber dennoch erklingen nur zwei dieser Werke, die so selten zu hören sind, hier in Weltersteinspielung. 
Es handelt sich dabei um Kompositionen des Schütz-Meisterschülers Christoph Bernhard (1628 bis 1692). Im Kontrast dazu erklingen zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die pietisti- sche Gedankenwelten in barocke Klänge einbetten. Das Ergebnis möchte man beinahe eine protestantische Oper nennen: "Göttlichs Kind, lass mit Entzücken / dich doch an mein Herze drücken, / deine Schönheit nimmt mich ein"
Berückend sind die beiden Concerti von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), in denen der Tenor gleichberechtigt neben diversen Instrumentalisten mit Generalbass-Begleitung konzertiert. Der Tho- maskantor hat hier das italienische Vorbild beachtlich weiterent- wickelt - und nannte seine eigenen Musikstücke dennoch bescheiden Opella nova, was wohl als "neue Werklein" zu übersetzen ist. 
Die Musiker von L'arpa festante präsentierten jeweils eine Sonate von Pavel Josef Vejvanovský (vermutlich 1633 bis 1693) und Johann Heinrich Schmelzer (vermutlich 1623 bis 1680). Gesang und Basso continuo kombiniert Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) in Natus est Jesus. Der Komponist, im Elsass geboren, wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater an der Stiftskirche und in der Hofkapelle musizierte. Böddecker begann seine künstlerische Laufbahn als Gesangslehrer und Organist an einer Lateinschule; er wirkte unter anderem am Darmstädter Hof, als Organist am Straßburger Münster, und als Stiftsorganist in Stuttgart. 
Auch Melchior Schildt (1592/93 bis 1667) war Organist. Er war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, der nicht nur als Orpheus von Amsterdam, sondern auch als deutscher Organistenmacher galt. Schildt war unter anderem Hoforganist bei Christian IV. von Däne- mark, und folgte dann seinem Vater nach als Organist der Markt- kirche von Hannover. Auf dieser CD erklingt das einzige überlieferte Vokalwerk Schildts, ein Choralkonzert über Ach mein herzliebes Jesulein
Die CD beschließt das Laudate pueri Dominum ZWV 81 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Der Komponist, der am Dresdner Hof für die (katholische) Kirchenmusik zuständig war, hat Psalm 113 mit der angemessenen Klangpracht vertont. Man lauscht dem Sänger wie auch den Musikern gern. Sie sind technisch versiert, und gestalten diese "Alte" Musik mit sehr viel Sorgfalt und Hingabe. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, glanzvolles Weihnachtsalbum, das ohne Zweifel zu den besten Editionen des Jahres gehört. Bravi! 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Adventskonzert im barocken Dom zu Fulda (Querstand)

Einen Mitschnitt vom Advents- konzert im Hohen Dom zu Fulda aus dem Dezember 2010 steckt das Altenburger Label Querstand allen Freunden der Barockmusik in den Nikolausstiefel. Domkapellmeister Franz-Peter Huber verfügt über gleich zwei leistungsfähige Chöre - den Domchor Fulda mit mehr als 200 Jahren Tradition und den Ju- gendkathedralchor, in dem junge Sänger mitwirken, die bereits durch die Musikalische Früh- erziehung sowie die Singklasse und die Vorklasse für Kinder des ersten und zweiten Schuljahres darauf vorbereitet wurden. Sie beginnen dann in Klasse 3 im C-Chor, üben danach weiter im B-Chor für Kinder ab der 4. Klasse, und werden anschließend in den "großen" A-Chor aufgenommen, in dem Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren singen. Insgesamt lernen in diesen Nachwuchsensembles derzeit ca. 450 Schülerinnen und Schüler. Wer die Chöre hier gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante gehört hat, der wird zufrieden feststellen: Sie singen gut, auch wenn für das ganz große Konzertprogramm die Kraft dann doch noch nicht ausreicht. Als Solisten wirken mit Sabine Goetz, Sopran, Andreas Pehl, Altus, Hans Jörg Mammel, Tenor und Matthias Horn, Bariton. 
Für das Adventskonzert hat Huber das Magnificat in C des Darm- städter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683 bis 1760) ausgewählt sowie Machet die Tore weit, eine wundervolle Kantate von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die dieser 1719 für den Eisenacher Hof geschrieben hat. Beide Werke bewältigen die Fuldaer Ensembles ganz hervorragend - lebendig, ausdrucksstark, wirklich sehr hörenswert. Im Anschluss erklingt der erste Teil von Händels Oratorium Messiah. Das ist ehrgeizig, doch dabei gerät Hubers Sängerschar gleich mehrfach hörbar an ihre Grenzen. Insofern kann die zweite der beiden CD nicht wirklich mit gutem Gewissen empfoh- len werden; die erste aber ist wirklich hörenswert.

Sonntag, 27. Februar 2011

Johann Philipp Förtsch: Ich freue mich im Herrn (Carus)

Der Lebenslauf von Johann Philipp Förtsch (1652 bis 1732) erscheint ziemlich typisch für die Barockzeit. Der Sohn des Bürgermeisters von Wertheim am Main konnte ohne materielle Sorgen zunächst das Gymnasium besuchen. Anschließend studierte er in Jena und Erfurt Medizin, Jura und Phi- losophie. Musik gehörte damals so selbstverständlich dazu, dass wir über seine Ausbildung nichts er- fahren - doch nach seiner Kava- lierstour wurde Förtsch 1674 als Tenorist in die Hamburger Kantorei aufgenommen, und auch in der neu gegründeten Oper am Gänsemarkt trat er auf. 
1680 schlug er die angebotene Kantorenstelle in Lübeck aus, und ging als Kapellmeister an den Hof Herzog Christian Albrechts von Hol- stein-Gottorf. Über den Grund für diese Entscheidung rätseln Musik- wissenschaftler bis heute, denn Christian Albrecht lag in Dauerfehde mit Dänemark - was ihn ein Vermögen kostete. Deshalb bestand die Hofkapelle lediglich aus einem Geiger, drei weiteren Musikern, die jeweils mehrere Instrumente beherrschten, einem Lautenisten, fünf Hoftrompetern und einem Organisten, der offenbar auch das Cembalo spielte. Dazu kamen einige Kapellknaben; Förtsch selbst sang Tenor, und Johann Carl Quellmalz, der erste Bassist der Hamburger Oper, war gemeinsam mit Förtsch in die Dienste des Herzogs getreten. 
Für diese kleine Besetzung entstanden die Kantaten, die auf dieser CD nahezu durchweg als Weltersteinspielung vorliegen. Auffällig ist Förtschs sorgsamer Umgang mit dem Wort, ein deklamatorischer Stil, wie wir ihn von Schütz und dessen Nachfolgern kennen - nur eben moderner. 
Wenn der Sinn geistlicher Musik darin bestand, durch "ihre Lieblich- keit bey den Zuhörern eine sonderliche Andacht zu erwecken" - so formulierte es Andreas Hammerschmidt 1669 - dann war Förtsch ein Meister in diesem Genre. Er vermeidet alle Übertreibung, und orientiert sich offenbar auch an den technischen Möglichkeiten der verfügbaren Musiker und Sänger - doch seine Melodien sind ein Genuss, und auch diese Einspielung ist sehr gelungen. Monika Mauch und  Barbara Bübl, Sopran, Alex Potter, Altus, Hans Jörg Mammel, Tenor und Markus Flaig, Bass musizieren gemeinsam mit dem exzel- lenten Barockorchester L'arpa festante, geleitet von Rien Voskuilen, der zugleich an Cembalo und Orgel zu hören ist. 
Förtsch beendete seine musikalische Karriere übrigens schon sehr bald: Als der musikliebende Herzog 1683 erneut nach Hamburg fliehen musste, wandte sich sein Kapellmeister der Medizin zu. Er komplettierte seine Ausbildung an der Universität Kiel, und ging als Arzt nach Husum. Dort behandelte er nicht nur Patienten, sondern er komponierte auch zwölf Opern für die Hamburger Bühne. 1689 er- nannte ihn der Herzog zum Hofarzt. 1694, nach dem Tode von Christian Albrecht, trat Förtsch als Leibarzt und Hofrat in die Dienste seines Bruders August Friedrich, der Bischof von Lübeck war und in Eutin residierte. Aus dem einstigen musicus wurde ein erfolgreicher und hoch angesehender Arzt und Diplomat. Zum Komponieren freilich scheint  Förtsch in all diesen Jahren nicht mehr die Muße gefunden zu haben.