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Dienstag, 27. Dezember 2016

Himmelslieder (SWR Music)

Die Weihnachtslieder auf dieser CD führen den Hörer quer durch Europa. There is no rose und Verbum Patris humanatur sind Beispiele für alte britische Carols; entstanden sind sie im 15. Jahrhundert. Texte aus dem Mittelalter verwendete auch Benjamin Britten (1913 bis 1976), als er A Cere- mony of Carols schrieb. Die Frauen- stimmen des SWR Vokalensembles Stuttgart werden hier durch Maria Stange, Harfe, begleitet (die brillant spielt!); ansonsten sind auf dieser CD ausschließlich A-cappella-Komposi- tionen zu hören. 
Auch der estnische Komponist Arvo Pärt (*1935) ist mit einem Zyklus vertreten, der an mittelalterliche Gesänge anknüpft: In der Vesper der sieben letzten Tage vor dem Heiligen Abend wird der kommende Messias mit den sogenannten O-Antiphonen angerufen. Sie beginnen jeweils mit einer der sieben Anreden, die dem Alten Testament gemäß die Propheten für den Messias gebraucht haben, rühmen sein zukünftiges Wirken und enden mit dem Ruf: „Veni!“„Komm!“ Arvo Pärt hat, in seiner unnach- ahmlichen Weise, die bildhaften Texte dieser Sieben Magnificat-Anti-phonen in Musik umgesetzt, der man sich nicht entziehen kann. 
Francis Poulenc (1899 bis 1963) nutzte für seine Quatre motets pour le temps de noël ebenfalls alte Texte in Kirchenlatein, aber er dachte sie gänzlich französisch – in Melodie, Rhythmus und Betonung. Dazu setzte er auf eine spannungsvolle Harmonik; die vier Motetten bezaubern durch mystische Tiefe und durch ihren Reichtum an Klangfarben. 
Diesen drei bedeutenden weihnachtlichen Chorzyklen hat Chorleiter Marcus Creed noch einige weitere Weihnachtslieder beigesellt. Drei Weihnachtliche Liedsätze von Heinrich Kaminski (1886 bis 1946) erscheinen zunächst ziemlich konventionell, doch bei genauerem Hinhören fällt bald auf, dass ihre Schlichtheit und Anmut ausgesprochen kunstvoll erschaffen worden ist. Sie verbinden Kontrapunktik der alten Schule mit romantischer Harmonik. Für Kirchenchöre, die auf Qualität schauen und trotzdem einmal etwas Neueres singen wollen, ein echter Geheimtipp! 
Die CD endet mit Es ist ein Ros entsprungen in einer Fassung, die den altbekannten Chorsatz von Michael Praetorius (1571 bis 1621) in einen neuen Rahmen stellt: Der schwedische Komponist Jan Sandström lässt das Original stark verlangsamt erklingen, umhüllt von einem Summchor. Eine interesssante und sehr skandinavische Variante. 
Das SWR Vokalensemble unter Leitung von Marcus Creed findet zu jedem dieser sehr unterschiedlichen Werke einen Zugang. Gesungen wird stilsicher, kraftvoll und lebendig. Die Sängerinnen und Sänger agieren ausgesprochen souverän sowie mit Engagement und Freude. Bravi! 

Samstag, 3. Dezember 2016

Haydn: Die Jahreszeiten (Hänssler Classic)

Für eine Aufführung des Oratoriums Die Jahreszeiten von Joseph Haydn sind die Schwetzinger Festspiele der ideale Ort – denn das Schloss befindet sich in einem herrlichen Park. Und so erklang dort dieses Werk zum Eröff- nungskonzert im Jahre 1959, das ganz im Zeichen des 150. Todestages von Joseph Haydn stand. Die Aufnahme, an der unter Leitung von Hans Müller-Kray seinerzeit neben einer illustren Solistenriege der damalige Südfunk-Chor, heute SWR Vokalensemble Stuttgart, sowie der Chor des Hessischen Rundfunks, Frankfurt und das Südfunk-Sinfonieorchester, heute Radio-Sinfonie- orchester Stuttgart des SWR, mitgewirkt haben, ist nun bei Hänssler Classic erschienen. 
Das Leben des Menschen inmitten der Natur ist das Thema des Oratori- ums, das Haydn einst nach einer englischen Textvorlage schuf, die Baron Gottfried van Swieten ins Deutsche übersetzt hatte. Mit der Arbeit an diesen Werk begann der Komponist 1799 auf Drängen seines Freundes, der nicht nur Hofbibliothekar und Hobbydichter war, sondern auch der Sekretär einer adeligen Musikgesellschaft, die im Wiener Palais Schwarzenberg regelmäßig Oratorien aufführen ließ. Dort war bereits und mit großem Erfolg Haydns Schöpfung erklungen. 
Die Jahreszeiten sollten daran anknüpfen; allein die Arbeit zog sich hin. Denn der Textdichter hatte seine eigenen Vorstellungen davon, wie sein Werk vertonte werden sollte, und diese brachte er auch eifrig ein – der Komponist wiederum zeigte sich genervt von dem Text und von den Vorschlägen seines Freundes van Swieten, der die Lämmer hüpfen hören wollte. 
Er wehrte sich dagegen mitunter mit dem Haydn-typischen bärbeißigen Humor. Im dritten Teil, Der Herbst, beispielsweise gibt es ein Solo-Terzett mit Chorfuge („So lohnet die Natur den Fleiß, O Fleiß, o edler Fleiß“), über das Haydn seinerzeit meinte: „Ich bin allezeit fleißig gewesen, aber es ist mir niemals eingefallen, den Fleiß in Musik zu setzen.“ Da der Meister sich derart über den Text mokiert hat, wurde leider seinerzeit dieser Teil gestrichen. Und so fehlt er nun auch hier auf CD; ein Verlust, der aber zu verschmerzen ist, denn die Aufzeichnung ist ohnehin in erster Linie als Zeitdokument interessant. Derart riesige Chöre beispielsweise, die zwar stimmstark auftrumpfen, auf die Signale des Dirigenten offenbar nur äußerst träge reagieren, würde heute wohl niemand mehr für ein Haydn-Oratorium einsetzen. 
Bei allen Abstrichen faszinierend ist allerdings noch immer die Leistung der Solisten. Zu hören ist der Bass Kieth Engen als Pächter Simon, Agnes Giebel mit ihrem strahlenden Sopran singt seine Tochter Hanne, und der legendäre Fritz Wunderlich den jungen Bauern Lukas. Vor allem sie machten das Schwetzinger Eröffnungskonzert des Jahres 1959 zu jenem künstlerischen Großereignis, von dem die vorliegende Aufnahme einen lebhaften Eindruck vermittelt. 

Freitag, 25. Dezember 2015

Mendelssohn: Motetten zur Weihnacht / Deutsche Messe op. 89 (Hänssler Classic)

Arnold Ludwig Mendelssohn (1855 bis 1933) ist heute, obwohl er Lehrer von Paul Hindemith und Günter Raphael war, weitgehend vergessen. Er war ein Neffe zweiten Grades von Felix Mendelssohn Bartholdy und wuchs behütet und allseits gefördert auf. So erhielt er Klavierunterricht bei Carl August Haupt, dem späteren Direktor des Königlichen Institutes für Kirchenmusik in Berlin. Dennoch begann der Abiturient 1876 zunächst ein Jura-Studium in Tübingen, da seine Mutter Musik eher als eine brotlose Kunst ansah. Mendelssohn wiederum wollte sich ein Leben als Arzt, Richter, Lehrer oder Offizier nicht vorstellen – und kehrte er noch im selben Jahr nach Berlin zurück, um weiter bei Haupt sowie an der Akade- mischen Hochschule für Musik zu studieren. 
1880 erhielt der junge Musiker eine erste Anstellung in Bonn. Er wirkte dort an der Neuen Evangelischen Kirche als Organist und Chordirigent, und unterrichtete zudem an der Universität Orgelspiel und Musiktheorie. Aus der Bekanntschaft mit Friedrich Spitta ergab sich die Auseinander- setzung mit Werken von Heinrich Schütz und dessen Lehrer Giovanni Gabrieli. Mendelssohn hat während seiner Bonner Jahre etliche Werke Schütz' erstmals wieder aufgeführt. 
Von 1883 bis 1886 wirkte Mendelssohn in Bielefeld, dann als Lehrer für Orgel und Theorie am Konservatorium in Köln. 1891 wurde er zum Kirchenmusikmeister der Evangelischen Landeskirche in Hessen berufen. Er lebte in Darmstadt, kümmerte sich um die Orgeln im Lande, komponier- te viel, und engagierte sich zudem für Bach und Schütz, deren Werke er immer wieder dirigierte. Außerdem lehrte er seit 1912 am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt/Main. 
Mendelssohn war unter anderem mit Engelbert Humperdinck und dem Thomaskantor Karl Straube befreundet. So schrieb er viele seiner Werke für den Thomanerchor. Der Kirchenmusiker wurde von seinen Zeitgenossen hochgeehrt und vielfach ausgezeichnet. Im Februar 1933 erlag er einem Herzinfarkt; so musste er nicht mehr erleben, was damals Familien geschah, die jüdische Wurzeln hatten. Seine Musik geriet rasch in Ver- gessenheit. Daran hat sich leider bis heute wenig geändert. 
Das SWR Vokalensemble Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius hat bei Hänssler Classic eine Auswahl wichtiger Chorwerke veröffentlicht. Die CD enthält die Deutsche Messe op. 89, sowie drei Motetten aus der Geistlichen Chormusik op. 90: Die Advents-Motette Träufelt ihr Himmel von oben, die Motette Lobt Gott, ihr Christen zum Weihnachtsfest und Siehe! Finsternis decket das Erdreich zum Epiphaniasfest. Es handelt sich durchweg um Kompositionen für achtstimmigen Chor und Soli – und sie sind keine leichte Kost, weder für die Sänger noch für das Publikum. Dabei hat sich der Komponist an den Arbeiten der alten Meister orientiert: Die Werke von Bach, vor allem aber auch Schütz, Monteverdi oder Hassler boten ihm Inspiration, doch in seiner Musik interpretierte er diese Anre- gungen mit den Mitteln der Spätromantik. 
Es könnte auch sein, dass Mendelssohns Musik so selten zu hören ist, weil sie sehr anspruchsvoll ist, und weil in Deutschland Chöre, die leistungs- stark genug sind, sich daran zu wagen, mittlerweile selten geworden sind. Das SWR Vokalensemble Stuttgart engagiert sich besonders im Bereich der zeitgenössischen Musik. Der professionelle Chor ist aber ebenso erfahren im stilsicheren Umgang mit Werken aus der Musikgeschichte. Bei Men- delssohns Motetten können die Sänger beides einsetzen und beeindrucken so mit Aufnahmen von hoher Sensibilität und höchster Qualität. Bravi! 

Dienstag, 2. Dezember 2014

Der Musikalische Adventskalender (Hänssler classic)

Auch in diesem Jahr wieder gibt es den musikalischen Adventskalender von SWR/Hänssler Classic. Sänger und Musiker des SWR sowie zwei erfolgreiche Kinderchöre aus dem Südwesten Deutschlands präsen- tieren eine Auswahl an vorweih- nachtlicher Musik. Sie reicht von traditionellen bis zu modernen Wer- ken, von Michael Praetorius’ Wie schön leuchtet der Morgenstern bis zum Psalm 100 für gemischten Chor und Glocken von Charles Ives. Zu hören sind zudem Werke von Johann Sebastian Bach, Max Reger, Peter Tschaikowski, Gabriel Fauré, Felix Mendelssohn Bartholdy oder John Rutter – insgesamt 24 Musikstücke, ganz wie es sich für einen Advents- kalender gehört. Wie in jedem Jahr dient diese Kollektion auch einem guten Zweck, denn für jede verkaufte CD geht ein Euro an die Aktion „Her- zenssache“. 

Montag, 26. Juli 2010

Schumann: Romanzen und Balladen für Chor (Hänssler Classic)

In Dresden hatte Robert Schumann seinerzeit Ferdinand Hillers Lie- dertafel übernommen, und zu- sätzlich noch einen Chorgesangs- verein gegründet. Die Leitung dieser Chöre bereitete ihm offen- bar Vergnügen, und er schuf, ins- besondere 1849, etliche Werke für sie. Über die Romanzen und Balladen schrieb er, er habe sie "mit wahrer Passion" komponiert, sei überzeugt, dass ähnliches "noch nicht existert", und dass in ihnen "der Balladencharakter zu einer fast wirkungsvolleren Aussprache als durch einzelne Gesangsstimmen" komme. 
Die vorliegende CD enthält die Romanzen und Balladen op. 67, 75, 145 und 146 sowie die Romanzen für Frauenstimmen op. 69 und 91. Anders als ähnliche Chorlieder von Silcher, Mendelssohn oder Brahms sind diese Sätze von Schumann im auf der Bühne wenig prä- sent. Das ist erstaunlich, denn sie sind nicht übermäßig anspruchs- voll und klingen attraktiv. Das SWR Vokalensemble Stuttgart hat sie für diese CD eingesungen, geleitet von Rupert Huber- sehr kultiviert, homogen und klangschön. Allerdings stellt der Zuhörer bald fest, dass dieses Repertoire auch wenig Abwechslung bietet.