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Dienstag, 28. Dezember 2021

In dulci jubilo (SWR Classic)

 

Das SWR Vokalensemble widmet sein aktuelles Album zum Weihnachtsfest dem Schaffen von Michael Praetorius (1571 bis 1621). Er war Kammerorganist und Hofkapellmeister der Herzöge Heinrich Julius und Friedrich Ulrich, Fürsten von Braunschweig-Wolfenbüttel, weithin hochgeschätzt, und auch über deutsche Grenzen hinaus bestens vernetzt. 

Ursprünglich sollte Praetorius allerdings Pfarrer werden, nach dem Vorbild seines Vaters und etlicher seiner Verwandten. Doch am Ende setzte sich das musikalische Talent durch. Macht nichts, denn: „Nach dem heiligen Wort Gottes ist nichts so hoch zu rühmen und zu loben als eben die Musica“, schrieb der Komponist in der Vorrede zum ersten Band der Musae Sioniae – das erste Werk, dass er drucken ließ. 

Acht weitere Bände dieser Sammlung von Chorälen, in allen nur denkbaren Besetzungen, folgten. Daran wird ersichtlich, welch große Bedeutung Michael Praetorius der Pflege und Förderung des protestantischen Kirchenliedes zumaß. Einen besonderen Platz in den Musae Sioniae haben die Weihnachtslieder. 

Für diese Einspielung des SWR Vokalensembles hat Chorleiter Marcus Creed eine Auswahl aus dieser Kollektion zu Weihnachtskonzerten zusammengestellt. Traditionelle Chorsätze, mit der Liedmelodie in der Oberstimme, kombinierte er mit Bicinien und Tricinien, in denen zwei oder drei gleiche Stimmen kunstvoll miteinander zu wetteifern scheinen, und mehrchörigen Strophen mit ihrer enormen Klangpracht. 

Das SWR Vokalensemble singt hinreißend schön. Allerdings hätte mich gelegentlich anstelle von perfektem Gesang doch ein wenig mehr Ausdruck erfreut. Aber das ist Gemecker auf hohem Niveau; die Klangkultur des Chores ist wirklich beeindruckend. 


Montag, 12. Juni 2017

Luther Collage (Carus)

Luther-Choräle stehen im Mittelpunkt der neuen CD des Leipziger Calmus Ensembles. „Die Luther Collage ist die zweite CD, die wir zum 500jährigen Reformationsjubiläum vorlegen“, schreibt Bariton Ludwig Böhme. Das Album sei „eine in ihrer Besetzung sehr reduzierte, beinahe minimalistische Auseinandersetzung mit den Liedern Martin Luthers.“ 
Dem Kirchenjahr folgend, erklingen sieben Choräle, von Ein feste Burg ist unser Gott bis zu Verleih uns Frieden gnädiglich. Die Sänger haben diesen bekannten Melodien die unterschied- lichsten Versionen aus gut 600 Jahren Musikgeschichte zur Seite gestellt. Zu hören sind beispielsweise die (gregorianischen) Originale, Choralvor- spiele von Max Reger (1873 bis 1916) und von Carl Piutti (1846 bis 1902), und Chorsätze von Heinrich Schütz, Sethus Calvisius, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, oder auch zeitgenössischen Komponisten wie Gunnar Eriksson (*1936) oder Arvo Pärt (*1935). So entsteht rings um jedem Choral ein musikalischer Mikrokosmos, auf den Spuren Martin Luthers. 
Aufgenommen wurde diese Produktion in der Leipziger Thomaskirche. An diesem ganz besonderen Ort dürfen natürlich auch Werke Johann Sebastian Bachs nicht fehlen. Das Vokalquintett erweist sich dabei durch- aus als experimentierfreudig: „Wir übertragen den Luftstrom, der die vielen Register einer Orgel zum klangprächtigen Schwingen bringt auf unsere Stimmen und vokalisieren Orgelmusik“, so Böhme. „Wir reflektieren ebenso den katholischen Ursprung der Choräle, die Martin Luther aus dem Lateinischen in für jedermann verständliches Deutsch übertragen hat, indem wir gregorianische Gesänge einflechten, die lange vor Luthers Zeit entstanden.“ 
Und all das singt das Calmus Ensemble wirklich großartig. Auch technisch ist die Aufnahme ausgezeichnet; die besondere Atmosphäre jener Spät- sommernächte, in denen das Quintett in dem berühmten Kirchenraum gesungen hat, wird so tatsächlich hörbar. 

Samstag, 6. Mai 2017

Praetorius: Gloria sei dir gesungen (Carus)

Choralkonzerte von Michael Praetorius gehören in Konzert- programmen eher zu den Raritäten. Das Ensemble Gli Scarlattisti hat gemeinsam mit der Capella Principale unter der Leitung von Jochen M. Arnold dieses selten gespielte Repertoire erkundet, und einige dieser spannenden Musikstücke nun bei Carus auf CD veröffentlicht. 
Interessant sind die Choralkonzerte des Wolfenbütteler Komponisten aus mehreren Gründen. Zum einen sind sie Zeugnisse des Epochenwechsels von der Renaissance zum Barock, der in allen Bereichen der Kunst deutlich wurde – von der Architektur bis hin zur Musik. Zum anderen nimmt Praetorius in seinen Choralkonzerten Bezug auf die damals aktuellste Musik aus Italien. 
Es wird vermutet, dass er die Werke seiner italienischen Zeitgenossen über Heinrich Schütz kennengelernt haben könnte, mit dem er in Dresden zusammengetroffen ist. Denn selbst nach Rom oder Venedig gereist ist Michael Praetorius nicht. Er erkannte aber den hohen Wert der Innova- tionen aus dem Süden, übernahm Elemente dieses neuen Stils und inte- grierte sie in seine eigenen Werke. So kombinierte er, deutlich erkennbar im Spätwerk, italienische Stilmittel und protestantischen Choral – was die deutsche Kirchenmusik jener Zeit weithin geprägt hat. 
„Wir möchten mit der vorliegenden CD einen großen Querschnitt dieses Œuvres darstellen“, schreibt Jochen Arnold im Begleitheft. „das Haupt- augenmerk gilt dabei – angesichts des bevorstehenden Reformations- jubiläums – den choralbezogenen Werken, namentlich zu Luthers Kirchenliedern.“ So finden sich auf dieser CD auch insgesamt sechs Melodien Luthers, prachtvoll ausgestaltet durch Praetorius' Bearbeitung. Dazu kommen Choralkonzerte auf der Grundlage weiterer bekannter Lieder, wie Nun lob mein Seel, den Herren, Allein Gott in der Höh sei Ehr oder das Deutsche Magnificat, und als Rahmen stehen um das dramatur- gisch geschickt gebaute Programm zwei Konzerte nach populären Liedern von Philipp Nicolai, Wie schön leuchtet der Morgenstern sowie Wachet auf, ruft uns die Stimme

Sonntag, 12. März 2017

Praetorius: Erhalt uns Herr bey deinem Wort (cpo)

Das Label cpo startet seine Veröffent- lichungen zum Reformationsjubiläum gleich mit einer neuen Reihe: „Musik aus Schloss Wolfenbüttel“ erinnert an die Welfen, die ihre Residenzstadt, beginnend in der Spätrenaissance, zu einem norddeutschen Kulturzentrum ausbauten. Über mehrere Generatio- nen förderten sie als Mäzene nicht nur die Musik, sondern auch die Lite- ratur, das Theater und die Malerei. 
Mit Regierungsantritt im Jahre 1568 vollzog Herzog Julius von Braun- schweig-Wolfenbüttel in seinen Landen die Reformation. Zugleich orientierte er sich auch kulturell an Kursachsen. Die engen Kontakte nach Mitteldeutschland äußerten sich beispielsweise darin, dass sein Nachfol- ger, Herzog Heinrich Julius, Michael Praetorius (1571 bis 1621) als Kammerorganisten in seine Hofkapelle holte; 1604 beförderte er den Musiker dann zum Hofkapellmeister. 
Auf dieser CD sind Luther-Choräle in Vertonungen von Michael Praetorius zu hören. Das ist kein Zufall: Praetorius entstammte einer Familie, die die Reformation seit ihren Anfängen mit Leidenschaft begleitet hatte. Michaels Vater, unter dem noch den nicht latinisierten Familiennamen Schulteis, hatte an der Universität zu Wittenberg studiert, wo Luther lehrte. Er unterrichtete dann zunächst als Lehrer an jener Lateinschule in Torgau, an der Johann Walter wirkte, der „Urkantor“ der evangelischen Kirche. 
Dort begann auch die Schulausbildung von Michael Praetorius, die dieser anschließend in Zerbst fortsetzte. 1585 ging der Knabe zum Studium nach Frankfurt/Oder, wo er sich wie seine beiden älteren Brüder der Theologie widmen wollte. Als der Bruder starb, bei dem er wohnte, übernahm er, um weiter studieren zu können, das Amt des Universitätsorganisten. Wer sich für die Biographie des Musikers interessiert, kann mehr in diesem Blog an anderer Stelle nachlesen; bei den Orgelwerken wurde darüber bereits ausführlich berichtet. 
Praetorius schuf ein umfangreiches Werk, das auch zu guten Teilen über- liefert ist, weil der Komponist seine Musik drucken ließ. Er verhalf der Wolfenbütteler Hofkapelle zu überregionalem Ruhm; man kann sich daher leicht vorstellen, wie gefragt diese Noten waren. Einen besonderen Platz in seinem Schaffen hatten die Choräle, die sich in vielfältigsten Varianten finden – vom schlichten Kantionalsatz bis hin zum großformatigen mehr- chörigen Konzert nach italienischen Vorbild. 
Die venezianische Musizierpraxis soll Praetorius während seiner Reisen nach Prag kennengelernt haben. Wie erfolgreich er sich dieses Modell zu eigen gemacht hat, obwohl er nie selbst in Italien war, zeigt diese CD mit einer Auswahl an Choralkonzerten aus Praetorius' erlesener Kollektion Polyhymnia caduceatrix et panegyrica, veröffentlicht 1619. Bei Nun Frewt euch lieben Christen gemein sind gleich zwei Versionen, in großer und in weniger umfangreicher Besetzung, zu hören, unterbrochen vom Kantional- satz aus den Musae Sioniae VII
Praetorius' Konzerte sind teilweise üppig besetzt, sie warten mit Klang- effekten und Mehrchörigkeit auf in der „neuen italienischen Concerten-Manier“. In den Werken des Wolfenbütteler Hofkapellmeisters haben nicht nur die Sänger, sondern auch die Instrumentalisten mitunter ausgespro- chen virtuose Partien; nicht nur im gemeinsamen Musizieren mit den Sängern, sondern auch in Sinfonien und Ritornellen können sie ihre Kunst zeigen. Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Leitung von Manfred Cordes musiziert mit starkem Ausdruck ebenso wie mit großer Klangpracht. So, wie die Vokalisten und Instrumentalisten des renommier- ten Ensembles diese Werke vortragen, vermag man sich gut vorzustellen, wie diese neue Art des Musizierens seinerzeit die Leute beeindruckt hat. Nicht nur der Andacht im Gottesdienst, sondern vor allem auch dem Ansehen des Herrscherhauses dürfte dies sehr zuträglich gewesen sein. 

Dienstag, 14. Februar 2017

Da Pacem - Echo der Reformation (Deutsche Harmonia Mundi)

Zum 500. Jubiläum der Reformation ist nun eine ganz besondere CD erschienen. Der Rias Kammerchor hat sich dazu mit der Capelle de la Torre zusammengetan; es dirigiert Florian Helgath, ein erfahrener und etablierter Chorleiter. Er hat auch mit dem Rias Kammerchor bereits mehrfach zusammengearbeitet, und ist daher mit dem leistungsstarken Ensemble bestens vertraut – was nicht schaden kann, wenn man sich einem Repertoire zuwendet, das zwar prächtig klingt, aber seine Tücken hat. Denn zum einen liegt Musik aus dem 16. Jahrhundert üblicherweise nicht besonders häufig auf dem Pult eines Profi-Chorsängers. Zum anderen lebt das mehrchörige Musizieren nicht zuletzt von der Präzision, mit der alle Beteiligten zusammenwirken. Helgath freilich navigiert mit sicherer Hand durch die Klangfluten beispielsweise der Magnificat-Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Michael Preatorius. 
Der Rias Kammerchor singt hinreißend, so als wäre er auf „Alte“ Musik spezialisiert. Und die Sängerinnen und Sänger gestalten auch die Soli bestens – man höre nur das Kleine geistliche Konzert SWV 285 von Heinrich Schütz, das von der Sopranistin Anja Petersen wunderbar vor- gestellt wird. Die Musiker der Capelle de la Torre um Katharina Bäuml leisten ebenfalls einen beeindruckenden Beitrag zur Klangpracht. 
Die ausgewählten Werke bedeutender Komponisten, wie Orlando di Lasso, Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi oder Luca Marenzio verdeutlichen, dass auch nach der Reformation eigentlich die Gemeinsamkeiten deutlich stärker waren als das Trennende. Ob italienische oder deutsche Musiker, ob katholisch oder evangelisch – auf die Noten wirken sich diese Unter- schiede kaum aus. Wie prophetisch und dringlich die Bitte der Sänger um Frieden an der Schwelle zum 17. Jahrhundert war, das zeigte sich leider sehr bald. Denn mit dem Prager Fenstersturz im Jahre 1618 begann ein verheerender Krieg, der 30 Jahre dauerte, und ganz Mitteleuropa ver- wüstete.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Himmelslieder (SWR Music)

Die Weihnachtslieder auf dieser CD führen den Hörer quer durch Europa. There is no rose und Verbum Patris humanatur sind Beispiele für alte britische Carols; entstanden sind sie im 15. Jahrhundert. Texte aus dem Mittelalter verwendete auch Benjamin Britten (1913 bis 1976), als er A Cere- mony of Carols schrieb. Die Frauen- stimmen des SWR Vokalensembles Stuttgart werden hier durch Maria Stange, Harfe, begleitet (die brillant spielt!); ansonsten sind auf dieser CD ausschließlich A-cappella-Komposi- tionen zu hören. 
Auch der estnische Komponist Arvo Pärt (*1935) ist mit einem Zyklus vertreten, der an mittelalterliche Gesänge anknüpft: In der Vesper der sieben letzten Tage vor dem Heiligen Abend wird der kommende Messias mit den sogenannten O-Antiphonen angerufen. Sie beginnen jeweils mit einer der sieben Anreden, die dem Alten Testament gemäß die Propheten für den Messias gebraucht haben, rühmen sein zukünftiges Wirken und enden mit dem Ruf: „Veni!“„Komm!“ Arvo Pärt hat, in seiner unnach- ahmlichen Weise, die bildhaften Texte dieser Sieben Magnificat-Anti-phonen in Musik umgesetzt, der man sich nicht entziehen kann. 
Francis Poulenc (1899 bis 1963) nutzte für seine Quatre motets pour le temps de noël ebenfalls alte Texte in Kirchenlatein, aber er dachte sie gänzlich französisch – in Melodie, Rhythmus und Betonung. Dazu setzte er auf eine spannungsvolle Harmonik; die vier Motetten bezaubern durch mystische Tiefe und durch ihren Reichtum an Klangfarben. 
Diesen drei bedeutenden weihnachtlichen Chorzyklen hat Chorleiter Marcus Creed noch einige weitere Weihnachtslieder beigesellt. Drei Weihnachtliche Liedsätze von Heinrich Kaminski (1886 bis 1946) erscheinen zunächst ziemlich konventionell, doch bei genauerem Hinhören fällt bald auf, dass ihre Schlichtheit und Anmut ausgesprochen kunstvoll erschaffen worden ist. Sie verbinden Kontrapunktik der alten Schule mit romantischer Harmonik. Für Kirchenchöre, die auf Qualität schauen und trotzdem einmal etwas Neueres singen wollen, ein echter Geheimtipp! 
Die CD endet mit Es ist ein Ros entsprungen in einer Fassung, die den altbekannten Chorsatz von Michael Praetorius (1571 bis 1621) in einen neuen Rahmen stellt: Der schwedische Komponist Jan Sandström lässt das Original stark verlangsamt erklingen, umhüllt von einem Summchor. Eine interesssante und sehr skandinavische Variante. 
Das SWR Vokalensemble unter Leitung von Marcus Creed findet zu jedem dieser sehr unterschiedlichen Werke einen Zugang. Gesungen wird stilsicher, kraftvoll und lebendig. Die Sängerinnen und Sänger agieren ausgesprochen souverän sowie mit Engagement und Freude. Bravi! 

Montag, 5. Dezember 2016

Christmas with Septura (Naxos)

Bekannte Melodien, prachtvolle Musik aus aller Welt und natürlich Christmas Carols aus ihrer Heimat Großbritannien haben die Blech- bläser von Septura für ihr aktuelles Weihnachtsalbum zusammenge- tragen. Das Wort ward Fleisch von Heinrich Schütz steht dabei neben Harold Darkes In the bleak midwinter und Das große Abend- und Morgenlob op. 37 von Sergej Rachmaninoff neben Die Könige aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius. Natürlich dürfen auch Bachs Weihnachtsoratorium und Händels Messias nicht fehlen – und zum Schluss erklingt Franz Grubers berühmtes Stille Nacht, heilige Nacht
Die sieben Bläser spielen all diese Weihnachtsklassiker in eigenen Arrangements, die von den beiden künstlerischen Leitern des Ensembles, Simon Cox und Matthew Knight, stammen. Musikalisch ist alles höchst anspruchsvoll und ansprechend gestaltet, von vorweihnachtlichem Kitsch meilenweit entfernt. Und auch die Ausführung lässt staunen: Dass Blech- bläser so farbenreich und so differenziert musizieren können! Unbedingt anhören.

Dienstag, 12. April 2016

Scheidemann: Organ Works (Oehms Classics)

Joseph Kelemen studierte an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest, der Schola Cantorum Basiliensis und in Bremen, in der Orgelklasse von Harald Vogel. Er ist als Organist an St. Johann Baptist in Neu-Ulm tätig. Dass er seinen ausgezeichneten Ruf als Spezialist für historischen Fingersatz, und speziell für deutsche Orgelmusik des 17. Jahrhunderts zu Recht genießt, beweisen seine Auf- nahmen mit Werken norddeutscher Orgelmeister. 
So führt die Einspielung mit Werken von Hieronymus (1560 bis 1629) und Jacob jun. Praetorius (1586 bis 1651) – Vater und Sohn, sie wirkten als Organisten in Hamburg an St Jacobi und St. Petri – in die Übergangszeit von der Renaissance zum Frühbarock. Kelemen spielt an der Scherer-Orgel der St. Stephanskirche der Hansestadt Tangermünde eine Auswahl ihrer Werke. Dieses Instrument war ein Geschenk der Stadt Hamburg; es wurde von Hans Scherer d. J. gemeinsam mit seinem Bruder Fritz in den Jahren 1623/24 erbaut. Es verfügt über 32 Register auf drei Manualen und Pedal. Etwa die Hälfte des Pfeifenwerkes sowie das geschnitzte Gehäuse sind original erhalten. 
Die Norddeutsche Orgel der Örgryte nya kyrka in Göteborg ist das Ergebnis eines interdisziplinären Forschungsprojektes, an dem ein Team aus zwölf Nationen unter Leitung von drei Orgelbauern zehn Jahre lang gearbeitet hat. Dabei wurden alte Handwerkstechniken erkundet; so wurden Metall- platten auf Sand gegossen – was die Beteiligten erst wieder erlernen mussten. Als Vorbild für das Pfeifenwerk diente die Arp-Schnitger-Orgel der Hamburger St.-Jacobi-Kirche. Bei Prospekt und Spieltisch wurde aus Platzgründen ein anderes Instrument des berühmten Orgelbauers kopiert, die 1942 zerstörte Orgel im Lübecker Dom. 
Die Norddeutsche Orgel, im Jahre 2000 fertiggestellt, verfügt über 54 Re- gister. Sie ist das einzige viermanualige mitteltönig gestimmte Instrument in dieser Größe überhaupt, schreibt Kelemen. Er hat daran Orgelmusik von Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) eingespielt. Scheidemann, ein Schüler Sweelincks, war Organist an der Hamburger Katharinen-Kirche. Er gilt als Erfinder der Choralfantasie
Kelemen macht mit seiner Aufnahme deutlich, dass die Kompositionen, die in den alten Tabulaturen notiert wurden, musikalisch auch heute noch durchaus relevant sind. Wenn er diese Musik spielt, dann ist das keine Einladung zu einem Gang ins Museum. Der Zuhörer wird erfreut festellen, dass die Werke der norddeutschen Orgelmeister, durch diesen Organisten interpretiert, sehr attraktiv sind – und höchst lebendig. Und weil die Aufnahmen so gelungen sind, hat das Label Oehms Classics nun eine Box daraus gemacht: Auf den insgesamt sechs CD finden sich zudem Werke von Vincent Lübeck, Matthias Weckmann, Nicolaus Bruhns und Jan Pieterszoon Sweelinck. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Respighi: Lauda per la Natività del Signore (Carus)

Weihnachtliche Musik aus dem
20. Jahrhundert erklingt auf dieser CD mit dem Rundfunkchor Berlin. Hauptwerk dieser Einspielung ist der Lobgesang Lauda per la Natività del Signore von Ottorino Respighi. Klangprächtige Chorpassagen und Soli wechseln; zu hören sind neben den Chorsängern die koreanische Sopranistin Yeree Suh, Kristine Larissa Funkhauser, Mezzosopran, und der Tenor Krystian Adam, sowie das Polyphonia Ensemble Berlin und zwei Pianisten, deren Namen aller- dings nicht zu erfahren sind. Dieses fromme Werk aus den 20er Jahren, inspiriert von „Alter“ Musik, das Anklänge an gregorianische Gesänge mit impressionistischen Klängen kombiniert, dann wieder Formen aus Renaissance und Barock aufgreift, um sie aus dem Geist der Moderne zu spiegeln, wird dirigiert von Maris Sirmais. 

Begleitet wird Respighis Werk durch einige Kompositionen, die man mittlerweile fast als Klassiker der Moderne bezeichnen könnte: Die CD beginnt mit Es ist ein Ros entsprungen in der Version von Sven-David Sandström (*1942), die den berühmten Chorsatz von Michael Praetorius in einen Strom von Tönen und Akkorden einbettet – ein Effekt, als würde man ein vertrautes Bild durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch Maria durch ein Dornwald ging in einer Komposition von Heinrich Kaminski (11886 bis 1946) und Nun komm, der Heiden Heiland in der spannungs- vollen Fassung von Günter Raphael (1903 bis 1960) singt der Rundfunk- chor Berlin, dirigiert von Nicolas Fink. Zu hören sind zudem O magnum mysterium, das Erfolgswerk von Morten Lauridsen (*1943), und die wundervollen Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 

Freitag, 27. November 2015

Martin Luther - Ein feste Burg ist unser Gott (Rondeau)

Dem Reformator Martin Luther waren Lieder wichtig – und deshalb schrieb er selbst fürs Kirchenvolk mehr als 30 Lieder – nach Psalmversen, nach liturgischen Stücken, zur Unterweisung der Gläubigen und zur Erbauung. Gemeinsam mit Johann Walter, dem evangelischen Urkantor, schuf Luther durch die neue Ordnung des Gottesdienstes auch Raum für eine neue Kirchenmusik – und gleich noch das passende Gesangbuch dazu. 
Luther wollte eine singende Gemeinde, die nicht nur im Gottesdienst munter anstimmte, sondern auch in der häuslichen Andacht, oder aber zur Tröstung der Kranken und Sterbenden. Bis zum heutigen Tage sind insbesondere die Luther-Choräle in der evangelischen Kirche lebendig und beliebt. Auf dieser CD stellen der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert sieben Lieder Luthers vor. Dabei wird zugleich deutlich, wie breit und differenziert die Ideen des Reformators in der Zeit nach der Reformation aufgegriffen wurden. Denn die Choräle, die Martin Luther geschaffen hat, wurden von Heinrich Schütz, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und vielen anderen namhaften Musikern bearbeitet. 
Nun komm, der Heiden Heiland, Vom Himmel hoch, da komm ich her, Gelobet seist du, Jesu Christ, Christ lag in Todesbanden, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, Vater unser im Himmelreich sowie der heimliche Hymnus der protestantischen Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott, erklingen jeweils in verschiedenen Versionen. Den Anfang macht jeweils ein Orgelchoral von Samuel Scheidt aus dem Görlitzer Tabulaturbuch von 1650. Es folgen Choralsätze, Motetten, Bicinien oder Geistliche Konzerte; zum Abschluss erklingt dann zudem noch einmal eine Choralbearbeitung für die Orgel. Für jeden Choral Martin Luthers hat Grünert genau fünf Varianten ausgewählt; eine davon stammt immer von Michael Praetorius, ebenso wie die Zwischenmusiken, für die der Kantor Tanzsätze aus Praetorius' Terpsichore (1612) herausgesucht hat. 

Dienstag, 11. August 2015

Water Music - Tales of Nymphs and Sirens (Deutsche Harmonia Mundi)

Den Spuren antiker Wasserwesen folgt Katharina Bäuml mit ihrem Ensemble Cappella de la Torre, quer durch die Musik des des 16. und
17. Jahrhunderts. Die Musiker haben eine Menge interessanter Werke herausgesucht – beispielsweise von Luca Marenzio (1553 bis 1599), Adrian Willaert (1490 bis 1562), Thomas Morley (1557 bis 1602), Orlando di Lasso (1532 bis 1594), Tomás Luis de Victoria (1548 bis 1611) oder Lorenzo Allegri (1567 bis 1648). Von imaginären menschen- ähnlichen Wesen wie den Fluss- göttern und den Quellnymphen bis hin zum vor seinem Tode singenden Schwan tummeln sich darin die verschiedensten mythischen Gestalten. Denn in der Renaissance wurde die antike Literatur wiederentdeckt – und mit ihr ein Paralleluniversum, dessen literarische Bewohner mit dem Christentum zumeist nicht ohne weiteres in Übereinstimmung zu bringen waren. 

Die Künstler und ihre Auftraggeber hat das offenbar nicht gestört. Die beiden Welten treten auch in der Musik in spannungsvolle Wechsel- beziehungen, wie diese CD zeigt: Maria wird zum maris stella, der den Gläubigen den Weg auf ihrer Lebensreise weist. In einem Gesang von Josquin Desprez ruft ein Teil der Sänger die Nymphen herbei, auf dass sie trauern helfen – während andere Stimmen einen Psalmtext vortragen, der auf die Vorpassionszeit verweist. Und Baccio Moschini lässt den Flussgott Tiber höchstpersönlich auftreten, um einem Brautpaar von höchstem Stande zu huldigen. 
So wird deutlich, dass das Wasser Komponisten fasziniert hat, lang bevor Barockmusiker das Eintauchen der Ruder oder das stürmisch bewegte Meer effektvoll in Musik verwandelt haben. Die Musiker um Katharina Bäuml lassen die Frösche quaken, und die Sirenen singen; die acht Instrumen- talisten, die auf historischen Musikinstrumenten brillieren, werden dabei unterstützt durch die Sopranistin Cécile Kempenaers und Altus Benno Schachtner. Ein farben- und abwechslungsreiches, klug zusammenge- stelltes Programm – sehr erfreulich! 

Freitag, 3. April 2015

Praetorius: Complete Organ Works (cpo)

Das Orgelwerk von Michael Praeto- rius (1571 bis 1621) stellt Friedhelm Flamme auf diesen beiden CD vor. Der Sohn eines Pfarrers wuchs in Torgau und Zerbst auf, und bereits 1585 begann er an der Viadrina in Frankfurt/Oder mit dem Studium der Theologie. Von 1587 bis 1591 war Praetorius dort Organist an der St. Marienkirche. 1594 wurde er Kammerorganist des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig und Lüneburg. Dieser residierte nicht nur in Wolfenbüttel, sondern auch auf Schloss Gröningen bei Halber- stadt, und ließ ab 1592 durch David Beck eine große Orgel in seiner Schlosskapelle errichten. Eingeweiht wurde sie 1596 durch einen „Organi- sten-Convent“, zu dem, teilweise aus großer Entfernung, immerhin 54 bedeutende Organisten anreisten. 
1604 wurde Praetorius zum Hofkapellmeister des Herzogs ernannt. Nach dem Tode seines Dienstherren im Jahre 1613 finden wir ihn am kursäch- sischen Hof in Dresden. Er reiste wahrscheinlich sehr viel – belegt sind Aufenthalte beispielsweise in Sondershausen, Kassel, Magdeburg, Nürnberg, Leipzig und Bayreuth. So wirkte der Musiker als Organisator, Dirigent, Musikberater und Diplomat an verschiedenen Orten. Außerdem komponierte er fleißig; überliefert sind zahlreiche Werke, sowohl Kirchen- musik als auch weltliche Klänge. Wie er daneben noch Unmengen an Briefen sowie sein dreibändiges Syntagma musicum, das als erstes Handbuch der Musikwissenschaft überhaupt gilt, schreiben konnte, das lässt uns heute sehr staunen. 
Wenn man Praetorius heute zumeist nur noch als Urheber des bekannten Chorsatzes zu Es ist ein Ros' entsprungen sowie vom Quempas-Singen kennt, dann ist das zu bedauern. Spätestens nach dem Anhören der vorliegenden Einspielung wird man sich auf die Suche nach weiteren Aufnahmen machen. Da dürfte so manche Überraschung warten. Denn der Komponist gehörte jener Musikergeneration an, die versuchte, den deutschen protestantischen Choral mit dem italienischen Madrigal zu verknüpfen, um dadurch eine wesentlich tiefgründigere Textausdeutung zu erzielen. Aus der Vokalmusik leitet Praetorius zudem die Formen für seine Orgelmusik ab; so entwickelt er aus der Choralbearbeitung die ebenso umfangreiche wie ausdrucksstarke Choralmotette. Schlichte homophone Sätze umstrickt er kreativ mit Kontrapunktik und figurativem Zierrat, und niemals gehen ihm dabei die Ideen aus. So wird die Orgelmusik dieses Großmeisters auch nie langweilig, egal, wie lang die Stücke sind. 
Flamme musiziert an der Treutmann-Orgel in der Klosterkirche St. Georg zu Grauhof. Dieses Instrument wurde 1737 von dem Magdeburger Orgelbauer Christoph Treutmann vollendet. Es vereint Elemente sowohl aus der nord- als auch der mitteldeutschen Tradition, und wurde 1989-92 durch die Firma Hillebrand, Altwarmbüchen bei Hannnover, grundlegend restauriert. Flamme nutzt die reiche Palette an Klangfarben, die ihm dieses Instrument zur Verfügung stellt, gekonnt. Und weil die wenigen erhaltenen Orgelwerke von Michael Praetorius die beiden Silberscheiben nicht ganz füllen, ergänzt der Organist das Programm noch durch die kleineren Orgelgesamtwerke von David Abel, Johann Bahr, Jakob Bölsche, Petrus Hasse I und II, Wilhelm Karges, Hieronymus Praetorius III, Andreas Werckmeister und Melchior Woltmann. Wer sich für norddeutsche Orgelmusik interessiert, der kommt an dieser Einspielung jedenfalls nicht vorbei. 

Freitag, 20. März 2015

Praetorius: Organ Works (cpo)

Schon seit geraumer Zeit engagiert sich KMD Friedhelm Flamme, Orgelwerke des norddeutschen Barock auf historischen Instrumenten vorzustellen. Für diese CD hat er gleich zwei Raritäten miteinander verknüpft – er spielt an der Scherer-Orgel der St. Stephanskirche Tangermünde Orgelmusik von Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629). 
Dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Hamburger Musiker seiner Zeit. Er wirkte, nach einigen Lehr- und Wanderjahren, die ihn unter anderem nach Köln und nach Erfurt führten, wie schon sein Vater als Organist an St. Jacobi. Praetorius war hoch angesehen; seine Vokal- kompositionen erschienen bereits zu Lebzeiten im Druck. Auch als Orgel- sachverständiger war er gefragt, so reiste er 1596 nach Gröningen bei Halberstadt zu einem legendären Treffen der führenden Organisten, die dort die neue Schlosskirchenorgel begutachteten. Der Musiker hatte sieben Kinder – drei seiner Söhne wurden ebenfalls Organisten, einer Theologe. 
Etliche Werke von Hieronymus Praetorius sind durch einen Schüler seines Sohnes Jakob überliefert worden; die Tabulatur befindet sich heute in Visby auf der Insel Gotland. Friedhelm Flamme stellt auf den beiden CD Praetorius' Magnificat-Zyklen komplett in den acht Kirchentönen vor. Zu hören sind zudem drei der insgesamt 19 Hymnus-Kompositionen aus der Visby-Tabulatur, sowie einige liturgische Stücke und die beiden Choral- fantasien Wenn mein Stündlein vorhanden ist (1624) und Christ, unser Herr, zum Jordan kam (1625). 
Ein passendes Instrument aus jener Zeit fand Flamme in Tangermünde: Die Orgel in der dortigen St. Stephanskirche wurde 1623/24 durch den Hamburger Orgelbauer Hans Scherer d. J. errichtet. Er war damals der bedeutendste Orgelbauer Norddeutschlands. Zwar wurde dieses Instrument in späteren Jahrhunderten mehrfach umgebaut, doch dabei blieben sowohl das prachtvolle Gehäuse mit seinen Schnitzereien als auch gut die Hälfte der Orgelpfeifen, darunter sämtliche Prospektpfeifen, erhalten. In den 90er Jahren wurde die Orgel daher durch die Firma Alexander Schuke Orgelbau aus Potsdam restauriert und dabei das fehlende Pfeifenwerk originalgetreu ergänzt, so dass dieses kostbare Instrument heute wieder als eine Scherer-Orgel im Originalzustand gespielt werden kann. 
Friedhelm Flamme präsentiert nicht nur die Musik eines Komponisten, der für die Entwicklung des norddeutschen Orgelbarock bedeutende Impulse gegeben hat. Er nutzt diese Werke zugleich, um auch das Instrument umfassend vorzustellen. Diese Aufnahmen zeichnen sich darüber hinaus durch eine hervorragende technische Qualität aus, so dass der Zuhörer den Klang geradezu räumlich um sich hat. Rundum beeindruckend! 

Freitag, 12. Dezember 2014

Lauter Freude, lauter Wonne (Rondeau)

Den Jubel und den sanften Frohsinn der Weihnachtszeit haben drei Musiker aus Hannover auf eine CD gebracht. Sopranistin Ute Engelke, Blockflötistin Elisabeth Schwanda und Ulfert Smidt, der Organist der Marktkirche, interpretieren Musik aus vier Jahrhunderten. Die ausgewählten Werke reichen vom verspielt-verzierten Puer nobis nascitur aus dem Fluyten Lust-Hof von Jacob van Eyck für Blockflöte solo bis zur eher gravitätischen Pastorale für Orgel solo von César Franck, von den traumschönen, aber eher wenig bekannten Bicinien von Michael Praetorius bis hin zu der populären Arie Schafe können sicher weiden von Johann Sebastian Bach und von Monteverdis höchst anspruchsvoller Motette Exulta Filia Sion bis hin zu der romantischen Orgel-Phantasia Jul von Otto Olsson. Ute Engelkes schlank geführte, strahlende Sopranstimme, das virtuose Flötenspiel von Elisabeth Schwanda und das souveräne Musizieren von Ulfert Smit an der Chor-Ensemble-Orgel ergänzen sich perfekt; die ganze Einspielung ist geprägt von einer hinreißenden Musizierfreude. Bravi!

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Freue dich, du Tochter Zion (Carus)

Es muss nicht immer Bach sein, meint Holger Speck – und präsen- tiert mit dem Vocalensemble Rastatt sowie dem Barockorche- ster Les Favorites eine beachtliche Auswahl frühbarocker Advents- und Weihnachtsmusiken. Es sind zumeist wenig bekannte Werke von Komponisten wie Johann Hermann Schein, Andreas Hammerschmidt, Johannes Eccard oder Michael Praetorius. 
Und mit Also hat Gott die Welt geliebt von Johann Rosenmüller sowie O anima mea von Christoph Bernhard sind sogar zwei Welt- ersteinspielungen darunter. Der Chor singt die alten Stücke hinreißend. Und auch die Solisten Maria Bernius und Felicitas Erb, Sopran, sowie Tenor Jan Kobow sowie die Instrumentalisten sorgen für eine große Portion Klangpracht und Feststimmung. Bravi! 

Mittwoch, 27. März 2013

Passion - Vienna Vocal Consort (Klanglogo)

"Die erste Begegnung des Vienna Vocal Consort mit Joachim von Burcks 'Passion nach Johannes' war flüchtig, ein kurzfristig anberaumtes Projekt für eine Karfreitags-Messe in Wien", berichtet Martin Jan Stepanek, im Hauptberuf Journalist, der Tenor des Ensembles, im Beiheft zu dieser CD. "Beim Zusammenstellen eines Osterprogramms tauchte die Passion wieder auf und hat uns nicht mehr losgelassen. Die schnörkellose Komposition und der unmittelbare Fokus auf den Kern der Passionsgeschichte fas- zinieren und berühren ungemein. Verglichen mit Bachs elaborierten Passionsvertonungen ist es erstaunlich, mit welch geringem Auf- wand Burck eine derartige Tiefe der Erzählkunst erzeugt."
Joachim von Burck (1546 bis 1610) wirkte als Kantor und Organist an St. Blasius, einer der beiden Hauptkirchen in Mühlhausen. Als er in die kleine thüringische Stadt kam, bekannte sich diese noch nicht allzu lange zum Protestantismus. So wurde Joachim von Burck dort zum Wegbereiter des kirchlichen Musiklebens. Reichlich hundert Jahre, bevor Johann Sebastian Bach als Organist an Divi Blasii wirkte, komponierte Joachim von Burck eine große Anzahl von Werken für den Gebrauch im Gottesdienst, darunter auch zwei Passionsmusiken. Sie gelten als die frühesten überlieferten Passionen in deutscher Sprache überhaupt. 
Ganz im Sinne Luthers, konzentriert sich der Komponist dabei auf die Ausdeutung des Textes: "Denn ich habe mich befliessen die wort also unter die noten zu bringen / das fast eine jede syllabe ire noten habe / und die vier Stimmen die wort gleich singen / das der Zuhörer die wort deutlich vernemen kann", schreibt er in seiner Vorrede. "Um den Farbenreichtum auszuschöpfen, haben wir das vierstimmige Stück in wechselnden Besetzungen auf die fünf Ensemblemitglieder verteilt", schreibt Stepanek. 
Ergänzt haben die Sänger die beiden Passionsmusiken durch O vos omnes in einer Vertonung durch Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629), Mein himmlischer Vater, in dem Caspar Othmayr (1515 bis 1553) die letzten Worte Martin Luthers in Musik gesetzt hat, und ein klangschönes Magnifikat von Wolfgang Figulus (1525 bis 1589). 
Das Vienna Vocal Consort gehört zu den renommierten Vokalensembles Österreichs speziell im Bereich der "Alten" Musik. Elke Pürgstaller, Sonja Napetschnig, Martin Jan Stepanek, Michael Stelzhammer und Christoph Chlastak-Coreth singen mit geschulten Stimmen, aber sie verdienen ihre Brötchen nicht im Sängerberuf. Wer das nicht weiß, der wird es kaum mitbekommen, denn die fünf Wiener singen harmonisch aufeinander abgestimmt, sauber und ausdrucksstark. Bravi! 

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach - Thomanerchor Leipzig (Rondeau)

Rechtzeitig vor dem Fest sind bei Rondeau mit den CD 1 und 3 zwei weitere Folgen der Reihe Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach erschienen. Der Thomaner- chor singt Kantaten zum Advent und zu Epiphanias - BWV 61, 62 und 36 bzw. 65, 3 und 72. 
Sie führen den Hörer von der Vor- freude und Erwartung der Geburt Christi bis zum Dreikönigstag, sowie den Wundern, die Jesus bei der Hochzeit zu Kana sowie mit der Heilung des Aussätzigen und des Gelähmten gewirkt hat. Thomaskantor Georg Christoph Biller behält den schönen Brauch bei, vor den Bach-Kantaten jeweils eine passende Motette aus dem Florilegium selectissimorum Hymnorum singen zu lassen. Dabei kommen die jugendlichen Stimmen auch schön zur Geltung. Die Bach-Kantaten hingegen fordern die Thomaner teilweise erheblich. 
Biller besetzt die Sopran- und Alt-Solopartien mit Chorknaben. Beim Tenor und beim Bass hingegen kommen erwachsene Solisten zum Einsatz. Zu hören sind hier Martin Petzold, Christoph Genz, Daniel Ochoa, Andreas Scheibner und Gotthold Schwarz. Es wird jedem klar sein, dass dies zu einer gewissen Unausgewogenheit führen muss. Die Thomaner Paul Bernewitz, Friedrich Praetorius, Conrad Zuber, Mar- tin Deckelmann und Stefan Kahle schlagen sich wacker, aber sowohl gesangstechnisch als auch in Sachen Gestaltung sind die Rezitative und Arien für die Knaben eine Herausforderung. 
Begleitet werden die Sänger zuverlässig vom Gewandhausorchester. Wer den Klang der Thomaner liebt, der sollte sich diese Jubiläums- edition zum 800. Jahrestag der Gründung des Ensembles schenken. Wer eine wirklich gute Aufnahme der Bach-Kantaten sucht, der sollte sich besser für eine andere entscheiden - die Auswahl ist ja sehr groß. 

Mittwoch, 8. August 2012

Eine Deutsche Messe (Genuin)

Das Ensemble Nobiles, gegründet 2006, gehört zu den Vokalforma- tionen, die aus dem Leipziger Thomanerchor hervorgegangen sind. Christian Pohlers, Paul Heller, Felix Hübner, Lucas Heller und Lukas Lomtscher überzeugen durch die Sensibilität und Homo- genität ihres Gesanges - was für die musikalische Ausbildung bei dem Leipziger Knabenchor spricht, der in diesem Jahr sein 800jähriges Bestehen feiert. Dort werden die Chorknaben offenbar so gut geschult, dass etliche von ihnen auch nach dem Abitur ihren Platz im Konzert- leben finden. 
Für ihr Debütalbum haben sich die fünf jungen Sänger auf ein Reper- toire konzentriert, das ihnen aus ihrer Zeit bei den Thomanern heraus bestens vertraut ist: Kirchenmusik. Dabei kombinieren sie die Ge- sänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe D 872 von Franz Schubert, in einer Bearbeitung für vier Männerstimmen von seinem Bruder Ferdinand, mit passenden Motetten. Sie entstammen teilweise dem Schaffen von Thomaskantoren; vertreten sind mit ihren Werken insbesondere Moritz Hauptmann  (1792 bis 1868), Kurt Thomas (1904 bis 1973), Erhard Mauersberger (1903 bis 1982) und der derzeitige Thomaskantor Georg Christoph Biller. Es erklingen aber auch Werke von Camille Saint-Saens, dessen Pfingstmotette Veni Creator Spiritus zugleich das einzige Stück auf Latein auf dieser CD ist, Michael Praetorius, Hugo Distler, Peter Cornelius, Paul Heller und Manfred Schlenker, der seine Komposition Gott wohnt in einem Lichte dem Ensemble Nobiles widmete. 
Und obwohl die Musik Jahrhunderte durchschreitet, überrascht die CD durch eine stimmige, bruchlose Dramaturgie. Hier präsentiert sich ein junges, aber trotzdem sehr professionelles und ehrgeiziges Quin- tett, von dem man in Zukunft noch viel erwarten darf. 

Mittwoch, 8. Februar 2012

Telemann: Germanicus (cpo)

Musikhistorisch gesehen, ist diese Aufnahme eine Sensation. Denn bislang galten die "etlichen und zwantzig Opern", die Georg Philipp Telemann in seinen Jugendjahren für das Leipziger Opernhaus kom- poniert haben will, als verloren. In jüngster Vergangenheit jedoch ha- ben sich von einigen der 74 Opern, die in der Messestadt an der Pleiße im Zeitraum von der Gründung bis zur Pleite der Oper 1720 aufge- führt worden sind, Fragmente angefunden. Im Falle des Germanicus spürte Michael Maul, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bach-Archiv, in der Frankfurter Universitätsbibliothek 40 Arien auf, die bislang als Werke von Gottfried Grünewald galten - und er konnte nachweisen, dass es sich um jene Version der Telemann-Oper handeln muss, die 1710 zur Michaelismesse erklungen ist. Er fand zudem heraus, dass das Libretto, das vollständig erhalten ist, von der Pfarrersfrau Christine Dorothea Lachs, einer Tochter des Gründers der Leipziger Oper Nikolaus Adam Strungk, stammt, die auch noch weitere Texte für Telemann geschaffen hat. Weil aber die Rezitative, anders als die Arien, nicht zu rekonstruieren waren, ergab sich für die vorliegende Einspielung ein Problem.
Experte Maul hat die Leerstellen mit Sprechertexten gefüllt, die die Handlung zusammenfassen. So wird die Oper wieder aufführbar, quasi als Singspiel. Gotthold Schwarz hat sie mit dem Sächsischen Barock- orchester sowie Olivia Stahn und Elisabeth Scholl, Sopran, Thomaner Friedrich Praetorius, Knabensopran, Matthias Rexroth, Altus, Albrecht Sack, Tenor, und Henryk Böhm und Tobias Berndt, Bass, zu den Telemann-Festspielen 2010 in Magdeburg erstmals wieder zum Klingen gebracht. Im Nachgang ist dann zudem die vorliegende 3-CD-Box entstanden. 
Selbst bei diesem Frühwerk, das Telemann als Student geschaffen hat, ist schon erkennbar, wie versiert der Komponist die Klangrede einsetzt, um Personen und Situationen plastisch zu schildern. An einzelnen Teilen wird zudem deutlich, wie sich innerhalb weniger Jahre - die Urfassung entstand 1704, da war Telemann noch Student, die überarbeitete Version hingegen schrieb er 1710 bereits als Kapellmeister in Eisenach - sein musikalisches Ausdrucksvermögen gesteigert hat. Für den Musikhistoriker mag das eine Offenbarung bedeuten. Beim Opernfreund aber dürfte diese Aufnahme in erster Linie Ratlosigkeit hinterlassen. Denn um sie wirklich genießen zu können, reicht die Substanz nicht aus. Und auch die Zwischentexte tragen nach Kräften dazu bei, dass sich Langeweile ausbreitet. Schade. 

Montag, 26. Dezember 2011

Wie schön leuchtet der Morgenstern (Oehms Classics)

René Clemencic, Jahrgang 1928, hat sich seit vielen Jahren der sogenannten "Alten" Musik verschrieben. 1957 gründete der Österreicher sein Ensemble, das heutige Clemencic Consort, das in wechselnder Besetzung Werke aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock aufführt. 
Die vorliegende CD stellt Musik zur Weihnacht aus der Zeit des Barock vor;  die Auswahl reicht von der Orgelmusik des Straßburger Orga- nisten Bernhard Schmid (1536 bis 1592) über geistliche Stücke von Claudio Monteverdi und Heinrich Schütz bis hin zu einem Largo aus der Sonata pastorale des Violon- cello-Virtuosen Salvatore Lancetti  - womit wir bereits im 18. Jahr- hundert wären. 
Das Programm kombiniert Gesang, Cembalo, Barockgitarre, Barock- cello sowie den Klang der barocken Prozessionsorgel aus Friesach zu einem akustischen Gruß aus einer fernen Zeit: "Durch eine Auswahl barocker Pastoralmusik und barocker geistlicher Gesänge wollen wir hier die weihnachtliche Welt der damaligen Zeiten Klang wer- den lassen", schreibt Clemencic in dem ansonsten nicht übermäßig informativen Beiheft. 
Dazu eignet sich das geschickt zusammengestellte Programm ziemlich gut; es bietet viele Stücke, die entdeckt werden wollen, und ist ab- wechslungsreich, aber es setzt eher auf höfische Klänge und verzich- tet auf eine allzu volkstümliche Anbetung des Jesuskindleins. Wer schöne Musik zum Anhören und Staunen sucht, der wird an dieser CD sein Vergnügen haben. 
Krisztina Jónás und Marelize Gerber, Sopran, und Armin Gramer, Contratenor, singen durchweg mit schlanken, gut geführten Stimmen, und gestalten ebenso schön wie Pierre Pitzl, Barockgitarre, Claudio Ronco und Emanuela Vozza, Barock-Violoncello. René Clemencic, der spiritus rector des Ensembles, ist an Orgel und Cembalo zu hören. Eine CD, die gänzlich auf Mitsumm-Weihnachtslieder verzichtet - und gerade damit Weihnachtsfreude verbreitet.