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Mittwoch, 11. Januar 2017

Reusner: Lute Music (Carpe Diem)

„Diese Stücke sind nicht für großes Bühnenlicht und darstellerisches Virtuosentum geschrieben“, schreibt Toyohiko Satoh über die Neuen Lauten-Früchte des Esaias Reusner (1636 bis 1679). In seinem ersten Lautenbuch, Delitiae Testudinis Oder Erfreuliche Lauten-Lust, veröffent- licht 1667, seien die Kompositionen wesentlich komplexer, repräsentati- ver. Warum Reusner dann bei seinen Neuen Lauten-Früchten, erschienen 1676, „mit einem Minimum an Noten bzw. Klängen nach einem Maximum von Ausdruck suchte“, wissen wir nicht. 
Toyohiko Satoh verweist aber darauf, dass Reusner Zeitgenosse eines bedeutenden Haiku-Dichters war – Matsuo Bashō (1644 bis 1694) gehört zu den großen Meistern jener traditionellen japanischen Gedichte, die sich ebenfalls durch Knappheit und Prägnanz auszeichnen. 
Reusner war der Sohn eines Lautenisten. Über seinen Lebensweg ist erstaunlich viel herauszufinden; er wirkte als Lautenist an verschiedenen Höfen, bevor er dann 1674 zum Kammerlautenisten des Brandenburger Kurfürsten Friedrich Wilhelm ernannt wurde. Möglicherweise sind diese kurzen und sehr klaren Stücke am Hofe des Großen Kurfürsten entstanden. 
Wie bei allen seinen Aufnahmen, spiegelt Toyohiko Satoh auch hier die Ideen des Komponisten an der japanischen Kultur. Er begreift das Musi- zieren als eine Form der Meditation; der Lautenist spielt nicht, um zu beeindrucken, er spürt den Tönen nach und lässt sie in Ruhe wirken. Diese Gelassenheit und Abgeklärtheit bekommt der Musik von Esaias Reusner ganz ausgezeichnet – eine herausragende Aufnahme, die ich nicht nur Freunden der Lautenmusik empfehlen möchte. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Toyohiko Satoh - De Visée (Carpe Diem)

In Robert de Visée hat Toyohiko Satoh einen Seelenverwandten erkannt. Der Portugiese stammte aus einer Kleinstadt in der Nähe von Coimbra, und er ging nach Paris, um als Musiker am französischen Hof Karriere zu machen. Schon bald sang und musizierte de Visée in Versailles; er veröffentlichte Gitarrenmusik, die er dem König widmete, und er spielte Gitarre, Laute und Theorbe.
1719 wurde er schließlich Gitarren- lehrer des Sonnenkönigs. Doch schon 1721, nach dem Tode seiner Frau, gab er dieses Amt auf. Satoh vermutet, er könnte sich in seine Heimatstadt Viseu zurückgezogen und dort, ähnlich einem Zen-Meister, das Spiel auf der französischen Laute gepflegt haben. 

Mit dieser Aufnahme stellt Satoh erst kürzlich entdeckte Werke des letzten renommierten französischen Lautenisten vor. Er spielt sie als Meditatio- nen; jeder Ton ist hier bewusst gesetzt. So erhält die Musik eine innere Ruhe, die sehr beeindruckt. Toyohiko Satoh musiziert auf einer originalen Laute von Laurentius Greiff, gebaut in Nürnberg im Jahre 1610 – was ebenfalls zur besonderen Atmosphäre dieser Einspielung beiträgt. 

Freitag, 31. Juli 2015

Bach & Weiss - Lute Music (Carpe Diem)

Toyohiko Satoh hat bei Carpe Diem Records eine neue CD mit Lauten- musik von Johann Sebastian Bach und Silvius Leopold Weiss veröffent- licht. Der japanische Lautenist musiziert mit größter Sorgsamkeit – und auf einem ganz besonderen Instrument: Satoh spielt eine Laute, die 1611 in Ingolstadt von Laurentius Greiff angefertigt und 1673 in eine elfchörige Laute französischer Bauart umgebaut wurde. 
Wer sie im Laufe der Jahrhunderte gespielt hat, das ist zwar nicht bekannt, meint der Musiker. Doch die Musiker, in deren Besitz diese Laute war, haben sie ganz entscheidend geprägt: „A luthier builds an instrument, but it is the performer who makes it into a masterpiece by infusing it with a soul“, erklärt Satoh. „Plenty of souls of past lutenists dwell in this Greiff, and those lutenists made it a masterpiece. I believe it that I can come closer to the spiritual state og nothingness (= infinity) if I am in sympathy with those souls.“ 
Satoh führt in seinem Spiel europäische Brillanz und fernöstliches Denken zusammen: „Bach's music demands not only a high level of technique but also a high level of spirituality. Young players, including myself in my early days, tend to play only with abundant enthusiasm, so der Laute- nistOnly when I turned 70 did I realize that the greater spirituality the music contains, the more necessary it becomes for the performer to expose his natural self to the music, something that I strived for in this recording.“ Sein Musizieren beeindruckt durch Ausdruck und eine Intensität, die ich so nie zuvor gehört habe. Phänomenal – unbedingt anhören!

Sonntag, 5. September 2010

Ayumi - Baroque Lute Duets (Carpe Diem)

"Es gibt nicht viele Aufnahmen von Barocklautenduos", schreibt Toyohiko Satoh im Beiheft zu dieser CD. Das liege u.a. an der modernen Besaitung mit metall- umsponnenen Nylonsaiten: "Die Basssaiten der Laute haben mit dieser Bespannung eine viel zu lange Ausklingzeit, was spätestens bei zwei Lauten zu einem uner- träglichen Durcheinander im Bass- bereich führt." Toyohiko Satoh und seine Tochter Miki spielen daher auf Darmsaiten.
Ohnehin scheint die Literatur, die für diese Besetzung zu finden ist, nicht gerade üppig bemessen zu sein. Satoh stellt fest, dass mit dem Wechsel von der Renaissance- zur Barocklaute französischer Stimmung im 17. Jahrhundert die Duette verschwinden, und erst im 18. Jahrhundert wieder in nennenswerter Anzahl erscheinen. "Für unser Repertoire sind aber nur wenige dieser Werke geeignet, da viele von ihnen nicht vollständig erhalten sind, andere zu viele Fehler enthalten, und meinem Empfinden nach nicht alle dieser Werke von hoher musikalischer Qualität sind", schätzt der Lautenist ein. 
Bei der Auswahl der Werke für diese CD hat er daher geradezu krimi- nalistischen Spürsinn entwickelt. Die Manuskripte der vier Lauten- duette befinden sich in London, Brüssel, Moskau und Warschau; oftmals sind sie zudem unvollständig. So ist zu einer Suite in d-Moll, die zumindest in Teilen von Sylvius Leopold Weiss stammen soll, nur eine Tabulaturstimme bekannt. Die andere hat Satoh rekonstruiert. Vollständig überliefert ist hingegen das Duetto in G-Dur von dem- selben Komponisten - ein ausnehmend hübsches Werk, in dem beide Partner vom Komponisten gleich behandelt werden. 
Über einen Komponisten namens Corigniani fanden sich keinerlei biographische Informationen - und Satoh vermutet, dass es sich um das Pseudonym eines deutschen Musikers handelt. Die CD enthält aus seiner Feder ein anmutiges und trotz der tiefen Lage auch erstaunlich klangvolles Concerto in B-Dur. Bei einem weiteren Werk ist die Spurensuche einfacher, denn der Autor selbst hilft dabei: Partie Polonaise en B / ij Traituite de C / A Deux Luths Pour Le Premiere / Faite á 2 violes et La Basse / Par L'Autheur Msr Melante - was, in anderer Reihenfolge, den Namen "Teleman" offenbart. Drei Sätze der Partie Polonaise erklingen zum Abschluss dieser CD; Telemann schrieb sie für Gambe, und so ergibt sich auch hier eine gewisse Beeinträchtigung durch die tiefe, nicht unbedingt lautengerechte Lage. 
Der Zuhörer, so er denn nicht gerade selbst Lautenist ist, wird sich dadurch vermutlich wenig beeindruckt zeigen. Denn es sind durch- weg charmante, musikalisch teilweise auch sehr anspruchsvolle Werke, die Satoh hier mit seiner Tochter gekonnt vorstellt. Bravi!