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Sonntag, 19. Mai 2019

Bach & Weiss (Audax)

Sylvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) war königlicher Kammerlautenist am Hofe August des Starken in Dresden. Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) war Thomaskantor in Leipzig. Die beiden Musiker kannten und schätzten sich; gut dokumentiert ist beispielsweise Weiss' Besuch 1739 bei seinem Kollegen in Leipzig. Begegnet sind sich beide aber möglicherweise schon viel früher: 1719 musizierte Weiss am Köthener Hof, wo Bach bis 1723 als Hofkapellmeister wirkte. 
Weiss war zudem mit Bachs Sohn Wilhelm Friedemann Bach befreundet, der 1733 Organist der Dresdner Sophienkirche wurde, und er unterstützte auch die Bewerbung Carl Philipp Emanuel Bachs als Cembalist am preußischen Hof. Insofern ist es eine ausgezeichnete Idee des Geigers Johannes Pramsohler und des Lautenisten Jadran Duncumb, Werke beider Musiker auf einer CD zu vereinen. 
Im Zentrum dieser Einspielung steht die Suite in A-Dur BWV 1025, die der Musikwissenschaft so manches Rätsel zu lösen gibt. Sie ist in zwei Handschriften überliefert; eine davon hat Bach begonnen, doch dann setzt eine andere Schreiberhand fort. Und am Ende der ersten Seite mit dem Beginn der Cembalo-Stimme ist dann auf einmal der Violinpart notiert; außerdem finden sich wohl Spuren von einem Streichbass, was auf eine Triosonate hindeuten könnte. Eine komplette Version hingegen bietet eine Abschrift, die Carl Philipp Emanuel Bach 1749 angefertigt hat. Der Cembalo-Part dort ist identisch mit einer Suonata in einem Dresdner Notenband, der ansonsten ausschließlich Kompositionen von Weiss enthält. 
„Spielt man jedoch die Lautensonate aus dem Dresdner Manuskript alleine, bleibt sie ein schwer verständliches Werk“, schreiben die beiden Musiker im Geleitwort zu dieser CD. „Es trägt die Markenzeichen von Weiss – mit den idiomatischen Tricks, die er benutzt und seine typischen harmonischen Sequenzen, die ganz anders als jene Bachs klingen. Wenn man sich Sätze wie Courante, Menuet und Sarabande ansieht, überrascht es aber, wie wenig sie von Weiss' üblichem Sinn für Humor und Virtuosität zeigen.“ 
Möglicherweise haben Bach und Weiss diese Suite gemeinsam geschaffen. Wir werden es aufgrund der Quellenlage sicherlich nicht mehr herausfinden, aber wir können uns an diesem Werk erfreuen – zumal dann, wenn es so versiert vorgetragen wird wie von diesen beiden exzellenten Musikern. Pramsohler und Duncumb präsentieren zudem jeweils noch ein weiteres Stück der beiden Komponisten: Von Sylvius Leopold Weiss erklingt die Suite in a-Moll für Laute, und von Bach die Partita II in d-Moll BWV 1004. 
Wer noch mehr Lautenmusik vom Dresdner Hof hören möchte, dem sei an dieser Stelle noch eine weitere CD empfohlen – Jadran Duncumb stellt, ebenfalls bei Audax, Werke von Weiss und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) vor. Brillante Lautenmusik, sehr gut gespielt. 

Montag, 18. März 2019

Perfume of Italy (Christophorus)

Die Mandoline – eigentlich eine Instrumentenfamilie mit etlichen Angehörigen, von der eigentlichen Mandoline in ihren diversen regionalen Bauformen bis hin zur etwas größeren und tieferen Mandola – erfreute sich in Italien zu Beginn des 17. Jahrhunderts ganz enormer Beliebtheit. Auch in Paris schätzte man ihren lieblichen Klang, und reisende Virtuosen waren an vielen europäischen Höfen willkommen. Allerdings kam die Mandoline um 1790 wieder aus der Mode, und verschwand ebenso dezent aus dem Musikleben, wie sie einstmals gekommen war. 
Auf dieser CD präsentiert das Ensemble Artemandoline barocke Musik für das Instrument. Zu hören sind sowohl Originalwerke, wie die Sonata per mandolino e basso von Carlo Arrigoni (1697 bis 1744) oder eine Sonate von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), als auch geschickte Bearbeitungen. Dabei nutzen die Musiker barocke Mandolinen und Mandolen, sowie Barockgitarre und Renaissancelaute, Viola da gamba und Violone sowie das Cembalo. Ihr außerordentlich gut aufeinander abgestimmtes, virtuoses Spiel hätte die barocken Zeitgenossen ganz sicher begeistert; der Zuhörer heute darf sich auf eine gute Stunde anmutige Klänge freuen.

Montag, 29. Oktober 2018

Weiss: The Dresden Manuscript (Glossa)

Wer schreibt, der bleibt – über dieses Motto konnte Silvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) vermutlich milde lächeln. Der Lautenspezialist, ausgebildet vermutlich von seinem Vater, reiste 1708 im Gefolge des polnischen Prinzen Alexander Sobieski nach Italien. Nach dem Tode seines Mäzens 1714 kehrte der Musiker nach Deutschland zurück, um sich an bedeutenden Höfen vor- zustellen. In Dresden wurde Weiss schließlich 1718 als Kammerlautenist engagiert; am sächsischen Hof blieb er bis an sein Lebensende. 
Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Virtuosen nur ein einziges seiner Werke. Weiss hatte kein Interesse daran, seine Kompositionen zu veröffentlichen. Wer seine Musik heute spielen möchte, der muss sich daher auf die mühevolle Suche nach den Tabulatur-Manuskripten machen. Vieles ist leider auch endgültig verloren. 
So sind in Dresden vier Sonaten für zwei Lauten unvollständig überliefert. Karl-Ernst Schröder hat für diese Aufnahme den fehlenden Lautenpart sorgsam rekonstruiert. Gemeinsam mit Robert Barto, und bei einer Sonate auch mit dem Cellisten Gaetano Nasillo, präsentiert er die Werke auf CD. Freunde der Lautenmusik dürfen sich freuen – denn mit diesem Projekt haben die Musiker wundervolle, erstklassige Kammermusik aus dem Spätbarock wieder verfügbar gemacht. 

Mittwoch, 14. März 2018

Jacquet de La Guerre: Violin Sonatas (Pan Classics)

Italienisches Temperament und französische Eleganz vereinen die Violinsonaten von Élisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (1665 bis 1729). Die Musikerin war die Tochter eines Organisten; sie spielte bereits als Fünfjährige vor dem Sonnenkönig Ludwig XIV., und wurde von diesem sowie von seiner Mätresse Madame de Montespan finanziell unterstützt und in ihrem Schaffen gefördert. 
1684 heiratete Élisabeth Jacquet den Organisten Marin de La Guerre. Sie galt als beste Cembalistin, Organistin und Komponistin ihrer Zeit, „la première musicienne du monde“, wie Zeitgenossen begeistert schrieben; der Mercure galant nannte sie „la merveille de nostre Siecle“
Die spanische Barockgeigerin Lina Tur Bonet hat die Violinsonaten der französischen Musikerin erkundet – und zeigt sich begeistert: „Deseo así rendir tributo a esta nueva Jacquet de La Guerre que reaparece con madurez, reflexión y sabiduría, regalándonos a los violinistas una de las más exquisitas y aún poco conocidas páginas que nuestro repertorio, ya de por sí tan extenso y magnífico, posee.“ Gemeinsam mit dem Gambisten Patxi Montero und mit dem Cembalisten Kenneth Weiss stellt die Geigerin auf dieser CD die sechs Sonaten vor, die Jacquet de La Guerre 1707 veröffentlicht hat – und die mitunter erstaunlich modern wirken. 
Das liegt ganz sicher mit daran, dass sich die Komponistin um Konventio- nen wenig geschert hat. So sind diese Sonaten reich an originellen harmo- nischen Wendungen, kühner Chromatik und eigenwilligen Melodien. Faszinierend! 

Freitag, 31. Juli 2015

Bach & Weiss - Lute Music (Carpe Diem)

Toyohiko Satoh hat bei Carpe Diem Records eine neue CD mit Lauten- musik von Johann Sebastian Bach und Silvius Leopold Weiss veröffent- licht. Der japanische Lautenist musiziert mit größter Sorgsamkeit – und auf einem ganz besonderen Instrument: Satoh spielt eine Laute, die 1611 in Ingolstadt von Laurentius Greiff angefertigt und 1673 in eine elfchörige Laute französischer Bauart umgebaut wurde. 
Wer sie im Laufe der Jahrhunderte gespielt hat, das ist zwar nicht bekannt, meint der Musiker. Doch die Musiker, in deren Besitz diese Laute war, haben sie ganz entscheidend geprägt: „A luthier builds an instrument, but it is the performer who makes it into a masterpiece by infusing it with a soul“, erklärt Satoh. „Plenty of souls of past lutenists dwell in this Greiff, and those lutenists made it a masterpiece. I believe it that I can come closer to the spiritual state og nothingness (= infinity) if I am in sympathy with those souls.“ 
Satoh führt in seinem Spiel europäische Brillanz und fernöstliches Denken zusammen: „Bach's music demands not only a high level of technique but also a high level of spirituality. Young players, including myself in my early days, tend to play only with abundant enthusiasm, so der Laute- nistOnly when I turned 70 did I realize that the greater spirituality the music contains, the more necessary it becomes for the performer to expose his natural self to the music, something that I strived for in this recording.“ Sein Musizieren beeindruckt durch Ausdruck und eine Intensität, die ich so nie zuvor gehört habe. Phänomenal – unbedingt anhören!

Donnerstag, 15. August 2013

Weiss: Töne von meiner Flöten (Stradivarius)

„Ich konnte mercken, dass die Töne von meiner Flöten einigen Eindruck auf das Hertz der liebenswürdigen Angelica gemacht hatten“, rühmte sich Jean Gaspard Weiss (1739–1815) in seiner Autobiographie. Dennoch blieb die Begegnung mit der Malerin Angelika Kauffmann 1765 in Rom ohne Folgen; der Musiker setzte seine Reisen fort, über die er später dann berichtete. 
Der Elsässer, ausgebildet in Basel und Bern, verbrachte viele Jahre seines Leben auf Reisen. So gehörte zwischen 1767 und 1783 zum Kreis der Musiker um Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel in London. Dort verdiente er als Musiker, Flötenlehrer und Komponist ein Vermögen. 1783 entschloss sich Weiss auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in seine Heimatstadt Mulhouse zurückzukehren, und sein Geld dort in die florierende Textilindustrie zu investieren. Das war ein kluger Entschluss, der aus dem Musiker endgültig einen reichen Mann machte – erfolgreich bis ans Ende seiner Jahre. 
Francois Nicolet hat mit dem Ensemble Antichi Strumenti eine Auswahl Weiss'scher Werke bei Stradivarius eingespielt. Dabei verwendet er Nachbauten historischer Traversflöten – allerdings haben sie offensichtlich nicht, wie die Instrumente, die Weiss gespielt hat, fünf, sondern nur zwei bzw. drei Klappen. Das Programm, das Nicolet hier gemeinsam mit Laura Toffetti, Claudia Monti, Tobias Bonz und Francis Jacob vorstellt, ist abwechslungsreich und sehr ansprechend – ganz im Sinne des Komponisten, der sein Geld damit verdient hat, das Publikum gut zu unterhalten. Weiss' elegante Musik zeigt zudem exemplarisch, wie reisende Virtuosen im 18. Jahr- hundert verschiedenste Einflüsse aufgenommen und zu einer Quelle eigener Inspiration gemacht haben. 

Dienstag, 2. April 2013

Dresden Moskau (Querstand)

"Lautenmusik von Silvius Leopold Weiss", lautet der Untertitel dieser CD, die Bernhard Hofstötter bei dem Altenburger Label Querstand veröffentlicht hat. Insofern ist Dresden nachvollziehbar - am kursächsischen Hofe wirkte Weiss, einer besten Lautenisten seiner Zeit. 1718 trat er in die Hofkapelle ein, in der damals auch andere berühmte Musiker spielten, wie Pisendel, Veracini, Buffardin oder Quantz. Keiner dieser Stars aber wurde besser bezahlt als der Lautenist - und der wiederum schätzte seinen Dienstherrn derart, dass er 1736 einen Ruf nach Wien ablehnte und bis an sein Lebensende 1750 in Dresden blieb.
Wie aber passt Moskau zu einen Musikerleben, das derart durch Be- ständigkeit geprägt war? Nun, die Erklärung ist nicht wirklich eine Überraschung: Weiss hat zu Lebzeiten nur ein einziges seiner Stücke in Druck gegeben. Dennoch finden sich Abschriften seiner Werke heute in Bibliotheken in ganz Europa. Man sieht daran, wie begehrt sie waren - und wieviele Schüler der Lautenist offenbar hatte. Zu ihnen gehörte auch Timofei Bielogradsky, der aus der Ukraine stammte, und nach seiner Ausbildung in Dresden als Lautenist am russischen Zaren- hof musizierte. Es könnte sein, dass das Manuskript auf ihn zurück- geht, das sich heute im Moskauer Glinka-Museum befindet. 
Hofstötter spielt daraus die Sonata in d-Moll, ein Spätwerk des be- rühmten Kollegen, das mehrfach an Klänge Johann Sebastian Bachs erinnert. Der Lautenist und der Thomaskantor kannten sich gut; es ist überliefert, dass sie sogar gemeinsam improvisiert haben sollen. Auch die Sonata in B-Dur, die die CD eröffnet, gehört zu Weiss' Spät- werk - faszinierende Musik, die teilweise bald wie ein Concerto grosso wirkt. Es ist erstaunlich, wie orchestral sich die Laute einsetzen lässt. Hofstötter lässt das Instrument in großen melodischen Bögen klingen - und bewältigt die virtuosen Passagen ebenso souverän. Er spielt kraftvoll, durchdacht und prägnant, ihm zuzuhören ist eine große Freude. 

Samstag, 17. März 2012

Romance of the Lute - Lutz Kirchhof (Centaur)

Lutz Kirchhof gehört zu den enga- gierten Lautenisten. Der Musiker setzt sich sehr für "sein" Instru- ment ein, und es ist ihm ein Anliegen, das Publikum und auch den Nachwuchs für die Laute zu begeistern. 
Auf der vorliegenden CD stellt er Werke von drei Lautenvirtuosen vor, die man im Umfeld Johann Sebastian Bachs verorten kann - jedenfalls zwei von ihnen: Über den großen Lautenisten Sylvius Leopold Weiss, der am Dresdner Hof seinen Wirkungskreis fand, ist in diesem Blog bereits ausführlich berichtet worden. Johann Kropfgans war einer seiner Schüler. 
Johann Friedrich Daube stammte aus dem Hessischen; er war zu- nächst Theorbist am Hofe Friedrichs II. in Berlin, und ging 1744 als Kammermusikus nach Stuttgart, später dann als Rath und Sekretär der Akademie der Wissenschaften nach Augsburg.  Er starb 1797 in Wien. Seine Werke stehen, bei aller Galanterie, der Frühklassik bereits ziemlich nahe. 
Kirchhof scheint aber seine Sonate zunächst Rudolf Straube, einem Schüler Bachs, zugeschrieben zu haben - und korrigiert dies zwar auf der Titel-Liste, nicht aber im Text für das Beiheft, von dem man sich zudem mehr versprochen hatte. Da gibt es wenig Information, statt dessen aber allerlei esoterisches Geschwafel. Doch wie schreibt Kirchhof? "Viel schöner ist es ja auch, als Hörer selbst die zarten musikalischen Andeutungen und geheimnisvollen emotionalen Aussagen zu entdecken." 
Nun denn. Doch auch beim Anhören dieser CD sind leider gewisse Unschärfen und ein Mangel an Präzision und an strukturellem Verständnis festzustellen. Fingerfertigkeit allein genügt halt nicht; man wünscht sich eine angemessene Gestaltung, und daran mangelt es in diesem Falle. Schade. 

Sonntag, 26. Februar 2012

Weiss: Lute Sonatas (Naxos)

Sylvius Leopold Weiß (1687 bis 1750) stammte aus Schlesien, vermutlich aus Grottkau. Sein Vater spielte Laute und Theorbe, und er unterwies auch seine Kinder in dieser Kunst. Sylvius Leopold Weiß muss ein Wunderkind gewe- sen sein; er soll schon im Alter von sieben Jahren vor Kaiser Leopold I. gespielt haben. Eine erste An- stellung fand er am Hof von Karl Philipp von Pfalz-Neuburg. Er reiste im Gefolge des polnischen Prinzen Alexander Sobieski nach Italien, was natürlich Auswirkungen auf seine Musik hatte, die sich ansonsten stark an französischen Vorbildern orientiert. 1717 spielte Weiß erstmals am Dresdner Hof vor; ein Jahr später wurde er Kammerlautenist Augusts des Starken. In Sachsen blieb Weiß bis an sein Lebensende; er schlug dafür sogar ein enorm hoch dotiertes Engagement in Wien aus. 
Mit Bach war Weiß offenbar gut bekannt. Johann Friedrich Reichardt berichtet, dass die beiden Musiker um die Wette improvisierten: "Wer die Schwierigkeiten der Laute für harmonische Ausweichungen und gut ausgeführte Sätze kennt, der muss erstaunen und kann es kaum glauben, wenn Augen- und Ohrenzeugen versichern, dass der große Dresdner Lautenist Weisse mit Sebastian Bach, der auch als Klavier- und Orgelspieler groß war, in die Wette phantasiert und Fugensätze ausgeführt hat." 
Sein Kollege Ernst Gottlieb Baron, am preußischen Hof angestellt, geriet beim Gedanken an Weiß geradezu ins Schwärmen: "Er ist der Erste gewesen, welcher gezeiget, daß man mehr könnte auf der Laute machen, als man sonsten nicht geglaubet", schrieb er 1727. "Und kann ich, was mein Vertu anbetrifft, aufrichtig versichern, daß es einerley, ob man einen künstlichen Organisten auf einem Clavier- cimbel seine Fantasien und Fugen machen, oder Monsieur Weißen spielen hört. In denen Harpeggio hat er so eine allgemeine Voll- stimmigkeit, in exprimirung derer Affecten ist er incomparable, hat eine stupende Fertigkeit, eine unerhörte Delicatesse und cantable Anmuth, und ist ein großer Extemporaneur, da er im Augenblicke, wenn es ihm beliebig, die schönsten Themata, ja gar Violinconcerte von ihren Noten wegspielt, und extraordinär sowohl auf der Lauten, als Tiorba den Generalbaß accompagnirt." 
Desto mehr verwundert es, dass Weiß' Werke eher zögerlich aus diver- sen Archiven zusammengetragen, ediert und eingespielt werden. Bei Naxos erscheint nun die erste Gesamteinspielung seiner Lauten- sonaten. Das Label konnte dafür Robert Barto gewinnen, der ganz offenkundig zu den besten Lautenisten unserer Zeit gehört. Denn wie er die teilweise enorm anspruchsvollen Werke zum Klingen bringt, das verlangt höchsten Respekt. Diese Aufnahmen sind herausragend, und ein Hörvergnügen vom ersten bis zum letzten Ton. Bravo! 

Donnerstag, 12. Januar 2012

Karl Nyhlin - Kellner & Weiss - Works for Lute (dB)

David Kellner (1670 bis 1748) stammt aus dem Dorf Liebert- wolkwitz bei Leipzig. Ebenso wie seine Brüder zog es den Sohn eines Lehrers in den Norden; er studier- te in Turku, was damals zu Schwe- den gehörte, und in Dorpat, wo er sich dann als Advocatus nieder- ließ. Er bewarb sich mehrfach erfolglos um Organistenstellen. Als 1700 der Große Nordische Krieg ausbrach, wurde er zum Militär eingezogen. Erst 1730 wurde er im Range eines Hauptmanns entlas- sen; doch bereits seit 1711 wirkte er als Glockenspieler und Organist in Stockholm. 
Kellner veröffentlichte 1747 in Hamburg die Sammlung XVI. Auser- lesene Lauten-Stücke, bestehend in Phantasien, Chaconnen, Ron- deau, Giga, Pastorel, Passe pied, Campanelle, Sarabande, Aria & Gavotte. Der Band hat 48 Seiten und enthält 17 Stücke für elfchörige Laute, notiert in französischer Tabulatur. 
Zur damaligen Zeit war allerdings bereits die 13chörige Laute im Gebrauch, und die letzten verbliebenen Lautenisten folgten eher dem galanten Stil. So dürften die hübschen Werke, die der schwedische Lautenist Karl Nyhlin auf dieser CD mustergültig vorstellt, wenig Beachtung gefunden haben. 
Nyhlin kombiniert zehn Stücke aus Kellners Sammlung mit der Sonata in g-Moll und einem Capriccio in D-Dur von Silvius Leopold Weiss (1686 bis 1750). Der war ein berühmter Virtuose, und ab 1718 am Dresdner Hof als Kammerlautenist angestellt. Er gehörte dort zu den bestbezahlen Musikern. Der Zufall wollte es, dass Kellners Stieftochter, die Sängerin Regina Gertrud Schwartz, in Hamburg Johann Ulrich von König heiratete, den späteren sächsischen Hofdichter, mit dem sie nach Dresden ging. Sie schickte Kellner nicht nur Briefe, sondern auch Noten und Bücher. So dürfte zumindest der Organist in Stockholm, der offenbar auch gern und versiert Laute spielte, die Werke seines Dresdner Kollegen gekannt haben. 

Sonntag, 2. Oktober 2011

Geld Macht Musik - Music for the Fugger Family (Coviello Classics)

Die Familie Fugger war nicht nur reich; sie pflegte auch einen Lebensstil, der einem Fürstenhaus durchaus angemessen gewesen wäre. So wurden die Fugger-Söhne selbstverständlich in den Künsten unterwiesen, und auf Kavalierstour geschickt. Dabei besuchten sie die Niederlassungen des Handels- hauses und übten sich in der jewei- ligen Landessprache. Anton Fug- ger, der Neffe von Jakob Fugger, genannte "der Reiche", forderte von seinen Söhnen darüber hinaus, dass sie "zu gepürender zeit musica, als singen, tantzen, fechten und dergleichen ehrlich kurzweil (...) lernen und ieben." 
Raymund Fugger, der Bruder Antons, sammelte neben Antiken auch Musikinstrumente - und sein Sohn Raymund d.J. erweiterte diese Kollektion zu einer der größten des 16. Jahrhunderts. Die Fugger erwarben zudem Musikdrucke und Manuskripte in ganz Europa, und bestellten in den besten Schreibstuben prachtvoll ausgestattete Sammelbände. Ihre Musikalienbibliothek bildet heute den Grund- stock der Musiksammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek und der Wiener Nationalbibliothek.
Die vorliegende CD stellt zwei Manuskripte vor, die wahrscheinlich durch Raymund d.J. in den Besitz der Familie Fugger gelangten. Sie befinden sich heute in Wien. Carmina quinque vocum aus der Werkstatt von Peter Imhoff alias Petrus Alamire im flämischen Me- chelen enthält durchweg Werke im fünfstimmigen Satz, zu Beginn des 16. Jahrhunderts hochmodern. Es wird vermutet, dass es sich um Bearbeitungen bekannter Vokalwerke für Consort handelt. 
Ein weiteres Manuskript von Lukas Wagenseil, der damals in Mün- chen wirkte, versammelt Musik aus dem Umkreis der habsburgischen Hofkapelle. Auf der CD erklingen zudem Stücke aus dem frühesten bekannten Tanzmusikdruck, einer Sammlung von Bartholomäus und Paul Hess, die 1555 in Breslau erschienen ist. Es spielt das Blockflö- tenconsort B-Five, gegründet 2003 in Barcelona - perfekt aufeinander abgestimmt und mit einer Klangsinnlichkeit, die begeistert. Drei Lie- der singt zudem Tenor Johannes Weiss. Die Musiker machen deutlich, dass die Familie Fugger nicht nur mit Geld und Macht umzugehen wusste.  

Dienstag, 9. August 2011

The Heart Trembles with Pleasure (BGS)

"Er ist der Erste gewesen, welcher gezeiget, daß man mehr könnte auf der Laute machen, als man sonsten nicht geglaubet. Und kann ich (...) aufrichtig versichern, daß es einerley, ob man einen künstli- chen Organisten auf dem Clavi- cembel seine Fantasien und Fugen machen, oder Monsieur Weissen spielen hört", berichtet Ernst Gott- lieb Baron 1727 über seinen Leh- rer und Freund. "In denen Harpeg- gio hat er eine so ungemeine Vollstimmigkeit, in exprimirung derer Affecten ist er incomparable, hat eine stupende Fertigkeit, eine unerhörte Delicatesse und Can- table Anmuth, und ist ein großer Extemporaneus, da er im Augen- blick, wenn es ihm beliebig, die schönsten Themata, ja gar Violin-Concerte von ihren Noten weg spielt, und extraordinair so wohl auf der Lauten, als Tiorba den General-Baß accompagnirt." 
Silvius Leopold Weiss (1687 bis 1750), der letzte der großen Barock-Lautenisten, war von 1718 bis zu seinem Tode als kurfürstlicher Kammer-Lautenist am Hofe Augusts des Starken und seines Nachfol- gers angestellt. Dort erfreute er sich höchster Wertschätzung - die sich auch in seinem exorbitant hohen Gehalt ausdrückte. 
Weiss stammte aus Schlesien, und wurde durch seinen Vater Johann Jacob Weiss, der ebenfalls Laute und Theorbe spielte, ausgebildet. Seiner erste Stelle erhielt er 1706 unweit von Breslau am Hofe von Karl Philipp von Pfalz-Neuburg. Er spielte aber auch am Hofe des Bruders seines Dienstherrn, Kurfürst Johann Wilhelm, in Düsseldorf. Als Begleiter des polnischen Prinzen Alexander Sobiesky, der seine Mutter, Königin Maria Casimira, besuchte, reiste er - vermutlich 1710 - nach Italien. Die Eindrücke, die er dabei gewonnen hat, prägten sein Werk maßgeblich. 
Wie die italienische Musik Weiss' Lautenspiel beeinflusste, das ist das große Thema dieser CD. Nigel North hat dafür Werke ausgewählt, die in dem sogenannten Londoner Manuskript überliefert sind (das eigentlich Johann Christian Anthoni von Adlersfeld gehörte, einem Mitglied der Prager Musikakademie). Den Reigen eröffnet die Ouver- ture in B-Dur. Sie kombiniert bereits die typische französische Form mit italienischen Klängen. Die Partita in g-Moll und die Sonate in
F-Dur
datiert North auf 1717, die Fantasie in c-Moll auf 1719. Sie wurde durch eine Bearbeitung für Gitarre durch Julian Bream sehr bekannt. Dieses Werk dürfte zu den letzten gehören, die Weiss für die elfsaitige Laute geschrieben hat - später spielte er ein 13saitiges Instrument, das er gemeinsam mit den Lautenbauer Thomas Edlinger entwickelt hat. Es sollte innerhalb kurzer Zeit zum neuen Standard werden. 
Die Suite in c-Moll hingegen ist 1706 in Düsseldorf entstanden; hier ist Weiss sozusagen "pur", noch ohne die Italien-Erfahrung, zu hören. Zu Abschluss wählte North eine Ciaconna aus einer weiteren Sonate, die die CD ruhig und harmonisch ausklingen lässt. 

Sonntag, 5. September 2010

Ayumi - Baroque Lute Duets (Carpe Diem)

"Es gibt nicht viele Aufnahmen von Barocklautenduos", schreibt Toyohiko Satoh im Beiheft zu dieser CD. Das liege u.a. an der modernen Besaitung mit metall- umsponnenen Nylonsaiten: "Die Basssaiten der Laute haben mit dieser Bespannung eine viel zu lange Ausklingzeit, was spätestens bei zwei Lauten zu einem uner- träglichen Durcheinander im Bass- bereich führt." Toyohiko Satoh und seine Tochter Miki spielen daher auf Darmsaiten.
Ohnehin scheint die Literatur, die für diese Besetzung zu finden ist, nicht gerade üppig bemessen zu sein. Satoh stellt fest, dass mit dem Wechsel von der Renaissance- zur Barocklaute französischer Stimmung im 17. Jahrhundert die Duette verschwinden, und erst im 18. Jahrhundert wieder in nennenswerter Anzahl erscheinen. "Für unser Repertoire sind aber nur wenige dieser Werke geeignet, da viele von ihnen nicht vollständig erhalten sind, andere zu viele Fehler enthalten, und meinem Empfinden nach nicht alle dieser Werke von hoher musikalischer Qualität sind", schätzt der Lautenist ein. 
Bei der Auswahl der Werke für diese CD hat er daher geradezu krimi- nalistischen Spürsinn entwickelt. Die Manuskripte der vier Lauten- duette befinden sich in London, Brüssel, Moskau und Warschau; oftmals sind sie zudem unvollständig. So ist zu einer Suite in d-Moll, die zumindest in Teilen von Sylvius Leopold Weiss stammen soll, nur eine Tabulaturstimme bekannt. Die andere hat Satoh rekonstruiert. Vollständig überliefert ist hingegen das Duetto in G-Dur von dem- selben Komponisten - ein ausnehmend hübsches Werk, in dem beide Partner vom Komponisten gleich behandelt werden. 
Über einen Komponisten namens Corigniani fanden sich keinerlei biographische Informationen - und Satoh vermutet, dass es sich um das Pseudonym eines deutschen Musikers handelt. Die CD enthält aus seiner Feder ein anmutiges und trotz der tiefen Lage auch erstaunlich klangvolles Concerto in B-Dur. Bei einem weiteren Werk ist die Spurensuche einfacher, denn der Autor selbst hilft dabei: Partie Polonaise en B / ij Traituite de C / A Deux Luths Pour Le Premiere / Faite á 2 violes et La Basse / Par L'Autheur Msr Melante - was, in anderer Reihenfolge, den Namen "Teleman" offenbart. Drei Sätze der Partie Polonaise erklingen zum Abschluss dieser CD; Telemann schrieb sie für Gambe, und so ergibt sich auch hier eine gewisse Beeinträchtigung durch die tiefe, nicht unbedingt lautengerechte Lage. 
Der Zuhörer, so er denn nicht gerade selbst Lautenist ist, wird sich dadurch vermutlich wenig beeindruckt zeigen. Denn es sind durch- weg charmante, musikalisch teilweise auch sehr anspruchsvolle Werke, die Satoh hier mit seiner Tochter gekonnt vorstellt. Bravi!