Johann Strauß war tot – und mit ihm war die Wiener Operette ins Grab gesunken. Da kam aus Berlin ein Oscar Straus 1870 bis 1954) – mit der Strauß-Dynastie nicht verwandt, auch wenn er in Wien zur Welt gekommen war – und servierte den Österreichern ein urkomisches, unglaublich freches und süffiges Werk im besten Offen- bach-Stil. Die Handlung – das Libretto stammte von dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Fritz Oliven, unter dem Pseudonym Rideamus – ist turbulent. Die lustigen Nibelungen parodieren die bekannte Sage vor- witzig, respektlos, und voll Anspielungen.
Die Wiener konnten damit so gar nichts anfangen. In Berlin hingegen, wo die Operette wenig später ebenfalls aufgeführt wurde, lachten sich die Leute schlapp. Sie jubelten über Kaiser Wilhelms II. Hornsignal, den preußi- schen Schneid, mit dem sich die Helden präsentieren, die Drachenblut- wurst – und die stämmigen Stabreime, mit denen so ganz nebenbei auch noch Richard Wagner durch den Kakao gezogen wurde. In den 90er Jahren hat das WDR Rundfunkorchester Köln mit dem WDR Rundfunk- chor und einem solide besetzten Solistenensemble unter der Leitung von Siegfried Köhler Straus' Lustige Nibelungen eingespielt. Die Aufnahme ist bei Capriccio erhältlich – und noch immer ein großer Spaß.
Posts mit dem Label WDR Rundfunkchor Köln werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label WDR Rundfunkchor Köln werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mittwoch, 5. Oktober 2016
Donnerstag, 5. Juni 2014
Hoffmann: Missa / Miserere (cpo)
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776 bis 1822) ist ohne Zweifel einer der ganz großen Schriftsteller der deutschen Romantik. Der Jurist und spätere preußische Kammergerichtsrat liebäugelte allerdings zeitlebens mit einer ganz anderen Muse. Nicht nur seine Figuren wie der Kapellmeister Johannes Kreisler bezeugen seine Leidenschaft für die Musik. Auch seine Namenswahl – eigentlich hatte Hoffmann die Vornamen Ernst Theodor Wilhelm – sowie viele eigene Kompositionen geben Auskunft darüber, wo er seine Vorbilder sah.
Hoffmann, obwohl selbst evangelisch, hat seine Kirchenmusik kurioserweise für den Gebrauch im katholischen Gottesdienst geschrieben. Entsprechend prächtig klingt sie auch, mitunter wie eine Kombination aus Mozart und Palestrina – doch es ist keine Kopie der großen Meister, es bleibt immer Hoffmann. Der Romantiker war ein versierter Komponist; man staunt, dass er mit seinen Werken zu Lebzeiten nicht mehr Erfolg hatte. Dass er musikalisch durchaus eigene Wege ging, zeigt nun eine CD aus dem Hause cpo. Sie enthält die Messe in d-Moll sowie das Miserere, in einer sehr schönen Einspielung mit einer handverlesenen Sängerriege sowie dem WDR Rundfunkchor und dem WDR Sinfonieorchester Köln unter Rupert Huber.
Hoffmann, obwohl selbst evangelisch, hat seine Kirchenmusik kurioserweise für den Gebrauch im katholischen Gottesdienst geschrieben. Entsprechend prächtig klingt sie auch, mitunter wie eine Kombination aus Mozart und Palestrina – doch es ist keine Kopie der großen Meister, es bleibt immer Hoffmann. Der Romantiker war ein versierter Komponist; man staunt, dass er mit seinen Werken zu Lebzeiten nicht mehr Erfolg hatte. Dass er musikalisch durchaus eigene Wege ging, zeigt nun eine CD aus dem Hause cpo. Sie enthält die Messe in d-Moll sowie das Miserere, in einer sehr schönen Einspielung mit einer handverlesenen Sängerriege sowie dem WDR Rundfunkchor und dem WDR Sinfonieorchester Köln unter Rupert Huber.
Mittwoch, 23. März 2011
Brahms: Ein deutsches Requiem; Klemperer (Ica Classics)
Majestätisch. Mir fällt kein anderes Wort ein, das diese Aufnahme ähnlich angemessen beschreiben könnte. Wenn das Ohr den ersten Schock überwunden und man sich an die Misstöne gewöhnt hat, die aus dem Stand der Aufnahmetech- nik Mitte der 50er Jahre herrühren, dann beginnt das Staunen.
Denn Otto Klemperer lässt Brahms' Werk wuchtig daherkommen, irdisch, ja erdverbunden - und konterkariert so den Hinweis auf die Wohnungen des Herrn Zebaoth, bei denen ja doch eher eine himmlisch-ideelle Bauart zu vermuten sein dürfte. Hier wird niemand vertröstet; diese Musik kommt über den Hörer mit enormer Energie, und plötzlich ist das Leid fort. Und man hört Brahms berühmtes Stück, als wäre es zum ersten Male; man hört plötzlich Instrumente mit Melodien, die einem nie zuvor aufgefallen sind. Und man freut sich an den exzellenten Sängern - Elisabeth Grümmer und der jugendliche Hermann Prey, die die Werkauffassung Klemperers kongenial aufnehmen und mittragen. Der Chorklang hingegen, so engagiert der Kölner Rundfunkchor sich auch in dieses Projekt hineinbegibt, ist nicht mehr das, was man sich heutzutage anhören möchte.
Einen Kontrast bietet Mozarts Serenata notturna in D-Dur, KV 239, die Semesterabschlussmusik für die Salzburger Studentenschaft aus dem Jahre 1776, in der, bei aller Grazie der Streicher, doch recht deutlich auch die Streiche der Paukanten zu vernehmen sind. Und weil noch ein bisschen Spielzeit übrig war, ergänzt das Label dieses Programm noch um gut zweieinhalb Minuten Brahms-Probenmit- schnitt. Auch das muss man einmal gehört haben.
Denn Otto Klemperer lässt Brahms' Werk wuchtig daherkommen, irdisch, ja erdverbunden - und konterkariert so den Hinweis auf die Wohnungen des Herrn Zebaoth, bei denen ja doch eher eine himmlisch-ideelle Bauart zu vermuten sein dürfte. Hier wird niemand vertröstet; diese Musik kommt über den Hörer mit enormer Energie, und plötzlich ist das Leid fort. Und man hört Brahms berühmtes Stück, als wäre es zum ersten Male; man hört plötzlich Instrumente mit Melodien, die einem nie zuvor aufgefallen sind. Und man freut sich an den exzellenten Sängern - Elisabeth Grümmer und der jugendliche Hermann Prey, die die Werkauffassung Klemperers kongenial aufnehmen und mittragen. Der Chorklang hingegen, so engagiert der Kölner Rundfunkchor sich auch in dieses Projekt hineinbegibt, ist nicht mehr das, was man sich heutzutage anhören möchte.
Einen Kontrast bietet Mozarts Serenata notturna in D-Dur, KV 239, die Semesterabschlussmusik für die Salzburger Studentenschaft aus dem Jahre 1776, in der, bei aller Grazie der Streicher, doch recht deutlich auch die Streiche der Paukanten zu vernehmen sind. Und weil noch ein bisschen Spielzeit übrig war, ergänzt das Label dieses Programm noch um gut zweieinhalb Minuten Brahms-Probenmit- schnitt. Auch das muss man einmal gehört haben.
Sonntag, 2. Mai 2010
Paganini: Konzerte für Violine und Orchester I- IV; Turban (Telos Music Records)
In Wien wurde er gefeiert, in Berlin mit Argwohn beäugt: Niccolò Pa- ganini, jener Virtuose, der einst Schubert zu der Bemerkung hin- riss, er habe einen Engel singen hören, galt den Deutschen als Teufelsgeiger. Und während einige Musiker wie Schumann oder Liszt in einen wahren Paganini-Taumel gerieten, sahen andere Kollegen seine Konzerte durchaus kritisch: "Seine linke Hand, die immer reine Intonation und seine G-Saite sind bewunderungswürdig", berichtet beispielsweise Louis Spohr 1830 in einem Brief. "In seinen Komposi- tionen und seinem Vortrag ist aber eine so sonderbare Mischung von höchst Genialem und Kindischem und Geschmacklosem, weshalb man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt." Diese Meinung erscheint nicht ganz abwegig; das wird der geneigte Hörer bestätigen, wenn er die vorliegende Einspielung von Paganinis Violinkonzerten I bis IV durch Ingolf Turban und das WDR Rundfunk- orchester Köln unter Lior Shambadal kennengelernt hat.
Der Solist spielt virtuos und zudem mit Verstand. So entdeckt er manches Detail, das andere gern übersehen. Das Konzert Nr. 1 op. 6, üblicherweise vorgetragen in D-Dur, beispielsweise belässt Turban in jener Tonart, in der die Orchesterstimmen ursprünglich notiert waren - in Es-Dur. Es ist bekannt, dass Paganini gern zu einem Trick griff, der seinem Instrument zu einem besonders strahlenden und erhabenen Klang verhalf. Das Phänomen beruht auf der sogenannten scordatura - und in diesem Falle wird die Violine um einen halben Ton höher gestimmt. Der Violinist aber benutzt Noten, in denen seine Partie einen halben Ton tiefer notiert ist, hier also in D-Dur. So löst Turban ein musikalisches Rätsel - und der Hörer wird sich über den enormen Zugewinn an klanglicher Brillanz freuen.
Ingolf Turban wagt sich zudem an eigene Kadenzen, die - bei aller Freude an artistischen Effekten - in erster Linie den dramatischen Gestus des musikalischen Materials nachvollziehen und sich so nicht in Zirkusmätzchen erschöpfen. Natürlich "geht" eine Phrase auch immer noch schneller, noch rasanter, mit noch mehr Doppelgriffen, Flageolett, Pizzicato und ähnlichem; allerdings geht ein olympischer Wettstreit um Komplexität und Geschwindigkeit am Wesen der Musik vorbei. Virtuosität ist eine Voraussetzung, aber nicht der Endzweck des Musizierens.
Paganini wusste offenbar beide Seiten zu verbinden. Enorme Finger- fertigkeit, clevere Ideen für immer neue Effekte, um ein nach Virtuo- sen süchtiges Publikum zu verblüffen - und ab und an, besonders in den langsamen Sätzen, ahnt man auch jene Tiefe der Empfindung, die Schubert seinerzeit so beeindruckt hat. Doch bevor man allzusehr ins Schwärmen gerät, setzt wieder das Orchester ein - oftmals leider unsensibel, brachial und viel zu laut. Natürlich hat Paganini den Rahmen um die funkelnden Soli mitunter ziemlich grob geschmiedet. Aber muss man den Kontrast gleich derart übertreiben?
Dienstag, 8. Dezember 2009
Handel: Alcina (Deutsche Grammophon)
Am 15. Mai 1959 wollte der WDR aus Köln live Händels Oper "Alcina" übertragen. Doch als die Proben begannen, bemerkten die Verantwortlichen, dass da mehr als ein Problem einer Lösung harrte. Denn Nicola Monti, der Startenor aus Mailand, hatte versehentlich die falsche Partie einstudiert - statt den Ruggiero, Liebhaber der Zauberin und Verlobter der Bradamante, hatte er den Oronte, Feldherr Alcinas, erarbeitet. Und die Sopranistin, die eigentlich die Titelrolle singen sollte, war ein Totalausfall.
Eine Umbesetzung war zwingend erforderlich, und sie erwies sich als Glücksgriff. Denn es sprangen zwei Sänger kurzfristig ein, die leider nie wieder gemeinsam auf einer Bühne standen: Joan Sutherland hatte die Alcina bereits gesungen, allerdings in englischer Sprache, so dass sie "nur noch" den italienischen Text lernen musste. Wie es aber Fritz Wunderlich gelungen ist, sich innerhalb von wenigen Tagen eine derart umfangreiche, anspruchsvolle Partie rundum überzeugend anzueignen, das verblüffte selbst Kritiker und Kollegen.
Komplettiert wurde das Ensemble seinerzeit durch Norma Procter als Bradamante, Jeanette van Dijck als Alcinas Schwester Morgana und Thomas Hemsley als Melisso, Lehrer der Bradamante, sowie den Kölner Rundfunkchor und die Cappella Coloniensis unter Ferdinand Leitner. Sie gehörte zu den Pionieren der historischen Aufführungs-praxis; die Cappella war das weltweit erste Orchester, das auf Originalinstrumenten musizierte und sich um eine stilistisch korrekte Interpretation bemühte.
Wie klingt nun dieses Dokument, das die Deutsche Grammophon im Archiv des Rundfunksenders ausgegraben hat? Erstaunlich modern, frisch und schwungvoll. Die Sänger sind durchweg exzellent, und die Live-Stimmung, die diese Aufnahme prägt, fasziniert bis heute. Denn statt des befürchteten Desasters ereignete sich letztendlich eine jener raren Sternstunden, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinreißen - und uns auch heute noch begeistern können, dem Mitschnitt sei Dank. Ein großer Wurf! Auf weitere Entdeckungen darf man gespannt sein.
Abonnieren
Posts (Atom)




