Sonntag, 30. Januar 2011

Beethoven: String Quartets (Virgin Classics)

Als Beethovens Streichquartett Nr. 13 in B-Dur 1826 zum ersten Mal erklang, schrieb der Kritiker der Allgemeinen musikalischen Zei- tung: "Aber den Sinn des fugirten Finale wagt der Referent nicht zu deuten: für ihn war es unverständ- lich, wie Chinesisch. Doch wollen wir damit nicht voreilig abspre- chen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren er- schien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird." 
Beethovens Verleger Artaria zeigte sich von dem Ende des Werkes ebenfalls wenig angetan, und drängte den Komponisten, noch einen gefälligeren Schluss zu liefern - was jener dann auch erledigte. Das ursprüngliche Finale publizierte er als Große Fuge op. 133. 
Der Geschmack des Publikums dürfte sich seitdem wenige geändert haben; die Musiker des Artemis Quartetts aber haben bei ihrer Gesamteinspielung der Beethovenschen Quartette für Virgin Classics die komplexe ursprüngliche Form bevorzugt.  Technisch bringt sie das nicht in Probleme. Natalia Prischepenko und Gregor Sigl, Violine, Friedemann Weigle, Viola und Eckart Runge, Violoncello, treiben das Streichquartettspiel zur Perfektion. 
Die Gattung, bei der - so Goethe - "vier vernünftige Leute sich unter- einander unterhalten", wird hier zur musikalisch ausgefeilten und durchgestylten Show. Das ist sehr beeindruckend, aber nicht immer überraschend, ja, mitunter auch ein bisschen zu glatt und zu gut abgestimmt. Hier hat jeder Effekt, jeder Gedanke seinen vorbestimm- ten Platz; die Suche nach Argumenten, nach der treffenden Formu- lierung erscheint bereits abgeschlossen, wenn der Zuhörer Platz genommen hat. 
Das ist Quartettspiel in Vollendung - aber wenn die Fetzen, die da geflogen kommen, in Wahrheit Designerfetzen sind, von genau kalkulierter Wirkung, wenn der Zuhörer nicht mehr den Eindruck hat, Zeuge eines kreativen Prozesses sein zu dürfen, dann finde ich das nicht sehr aufregend. Insofern mag ich mich den Elogen meiner Kritikerkollegen nicht so ganz anschließen. Exzellente Aufnahmen der Beethoven-Quartette gibt es auf dem Markt bereits einige; insofern ist auch ein weiteres Beethoven-Projekt nicht gerade eine Innovation. 

Bach in romantischer Manier (Genuin)

Die Romantiker haben Bach nicht nur wiederentdeckt und aus dem Zirkeln einiger weniger Einge- weihter, in denen seine Musik stets präsent blieb, vor ein breites Publikum gebracht. Wie sie ihn zugleich verwandelt, ihren Hör- gewohnheiten und Bedürfnissen angepasst haben, davon berichtet diese CD: Die junge japanische Geigerin Mayumi Hirasaki und die - zumal im Bereich des historisch informierten Musizierens - sehr versierte Cembalistin und Pianistin Christine Schornsheim stellen bei Genuin Bach-Bearbeitungen von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Ferdinand David und Friedrich Wilhelm Ressel vor. Bachs Ciaconna d-Moll für Violine solo BWV 1004/5 ist gleich drei Mal zu hören - und sie macht auch die Unterschiede deutlich. 
Während Schumann strikt systematisch vorging, und sich "seinen" Bach schrittweise erschuf, zeigt sich Gewandhauskapellmeister Mendelssohn gemeinsam mit seinem Ersten Geiger Ferdinand David sehr respektvoll, und orientiert sich bei seinen Klavierbegleitungen, die er für konkrete Konzerte schuf, stark an Bachs eigener Bearbei- tungspraxis. Als ein Kuriosum erscheint uns heute die Version der Ciaconna d-Moll für Violine solo mit der ergänzten Klavierbegleitung des Berliner Theatermusikers Ressel. Er "romantisierte" Bachs Werk konsequent, indem er dafür eine Begleitung schuf, die ein wahres Feuerwerk an pianistischen Effekten und Variationen abbrennt. Das klingt nach allem - nur nach Bach nicht mehr. 
Und weil die Straub-Violine, Röthenbach um 1800, gespielt mit einem Bogen von Luis Emilio Rodríguez, und der Pleyel-Flügel von 1848 gar so schön harmonieren, freut man sich noch über ein weiteres Stück, das zeigt, wie die Beschäftigung mit dem musika- lischen Erbe auch das eigene Schaffen beeinflusst hat: Der erste Satz aus Mendelssohns Sonate F-Dur für Violine und Klavier MWV Q 26 in der ersten Fassung von 1838 - ein grandioses, originär romantisches Werk. Schade, dass die anderen Sätze nicht dabei sind.