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Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Sonntag, 5. Oktober 2014

Carl Philipp Emanuel Bach: Rondos & Fantasias (Capriccio)

Christine Schornsheim, Professorin für historische Tasteninstrumente an der Musikhochschule München, hat zum 300 Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) eine CD mit Rondos und Fantasien eingespielt. Die Musikerin, die für ihre Aufnahmen bereits mit einer Vielzahl von Preisen geehrt wurde, hat sich dafür entschieden, „da mich gerade das fantasierende und im- provisatorische Element besonders interessiert“, so erläutert sich in einem Interview in dem sehr informativen Beiheft. Christine Schornsheim schätzt die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach offenbar sehr; seinen Personalstil fasst sie in zwei Worten zusammen: „Größte Vielfalt! Er verlangt dem Spieler eine hohe Virtuosität ab bei den Werken, die Elemente des Stur und Drang in sich vereinigen. Fast noch wesent- licher sind die empfindsamen Stücke oder Passagen, die wir eigentlich immer antreffen, und bei denen insbesondere das singende Spiel gefor- dert ist“, erläutert die Musikerin. „Ebenso zeigt er, dass er auch den bei seinem Vater erlernten kontrapunktischen Stil beherrscht.“ 
Diese Vielfalt, in den Rondos und Fantasien besonders frei gestaltet, bringt für einen „Clavieristen“ so manche Herausforderung mit sich – doch Schornsheim begeistert durch ihr souveränes Spiel. Spannend ist auch das Instrument, das sie für diese Einspielung ausgewählt hat. Es handelt sich dabei um einen Tangentenflügel, den Christoph Friedrich Schmahl 1801 in Regensburg angefertigt hat. Er befindet sich heute als Leihgabe der Universität Freiburg/Br. in der Sammlung historischer Tasteninstrumente im Schloss Bad Krozingen. Ob Bach diese sehr speziellen Instrumente überhaupt kannte, das lässt sich nicht sicher belegen. 
„Ich habe mich deswegen für einen Tangentenflügel entschieden, weil die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach in ihren Charakteren ausgespro- chen vielfältig ist“, erklärt Schornsheim. Es sei schwierig, diese nur auf einem der möglichen Instrumente Cembalo, Fortepiano oder Clavichord darzustellen: „Aus meiner Sicht ist das kennzeichnende eines Tangenten- flügels, dass er quasi alle Klangfarben besaiteter historischer Tasten- instrumente in sich vereinigt. Er kann sanft wie ein Clavichord klingen, auch das Cembalo kann fast imitiert werden, und der Klang eines frühen Fortepianos ist ebenso zu erzeugen.“ 

Samstag, 9. März 2013

Solosonaten und Trios von Leopold Mozart (Oehms Classics)

Johann Andreas Stein (1728 bis 1792) gehörte zu den führenden Instrumentenbauern seiner Zeit. Der Sohn eines Orgelbauers absolvierte seine Ausbildung bei Johann Andreas und Johann Heinrich Silbermann in Straßburg. Nach seiner Lehr- und Wanderzeit ließ er sich schließlich in Augsburg nieder. Dort gab es keinen Orgel- baumeister, und so hatte Stein gut zu tun. 
Dennoch beschäftigte sich der Instrumentenbauer auch mit dem Hammerklavier. Es war damals eine Innovation, und so fand Stein bald eine Lösung, die für das junge Instrument eine deutliche Verbesserung bedeutete: Er entwickelte die Prellmechanik weiter zur Prellzungenmechanik, die einen präziseren Anschlag ermöglichte. Leopold Mozart hatte 1763 den Klavierbauer 1763 aufgesucht, und "ein artiges Clavierl vom H. Stein in Augspurg gekauft, welches uns wegen dem exercitio auf der Reise grosse Dienste tut", schrieb er in einem Brief. 
1777, auf seiner Reise nach Paris, besuchte Wolfgang Amadeus Mo- zart den Klavierbauer. Er war von den Instrumenten sehr angetan, und spielte sie auch. Gekauft allerdings hat Mozart junior nie einen Hammerflügel aus dem Hause Stein; er bevorzugte die Instrumente des Wiener Instrumentenbauers Anton Walter, deren Mechanik noch moderner war und dem Solisten ein schnelleres Repetieren ermög- lichte. 
Als Stein 1992 starb, übernahmen sein Sohn und seine Tochter Anna-Maria gemeinsam die Werkstatt. Zwei Jahre später verlegten sie den Betrieb nach Wien. Daraus gingen zwei Werkstätten hervor: Matthäus Andreas Stein firmierte unter André Stein, und betreute unter anderem Beethovens Instrumente. Nannette baute zusammen mit ihrem Mann Johann Andreas Streicher Klaviere, die sich ebenfalls eines hervorragenden Rufes erfreuten. 
Von den Hammerflügeln, die Stein gebaut hat, sind nur wenige erhalten - ungefähr 15 Stück sollen es sein, und einen davon hat die Stadt Augsburg in ihrem Besitz. Er stammt aus dem Jahre 1785 und befindet sich im Augsburger Mozarthaus. Dieses Instrument spielt Christine Schornsheim, eine überaus renommierte Spezialistin für historische Tasteninstrumente und Professorin an der Münchner Musikhochschule, bei dieser Aufnahme. Was für ein Klang! Es ist ganz eindeutig kein Cembalo mehr, aber auch noch kein Klavier, wie wir das heute kennen. 
Schornsheim spielt, wie könnte es anders sein, an diesem Instrument die Solo-Sonaten für Hammerflügel von Leopold Mozart (1719 bis 1787). Ob diese Werke wie Steins Reiseflügel die Familie Mozart 1763 auf ihre große Konzertreise durch Westeuropa begleitete, wo der siebenjährige Wolfgang und seine Schwester dem Adel und gutsituier- ten bürgerlichen Musikliebhabern aufspielten, das kann nur vermutet werden. 
Christine Schornsheim gestaltet diese Sonaten sehr überlegt und gediegen. Auch bei den Triosonaten Leopold Mozarts gelingt es der Musikerin gemeinsam mit Rüdiger Lotter an der Violine und Sebastian Hess am Barock-Violoncello, jeden einzelnen Takt mit Leben zu erfüllen. Das ist gar nicht so einfach, denn diese Werke, die hier in Weltersteinspielung erklingen, erinnern eher an eine Klavier- sonate mit begleitender Violine, den Bass verstärkt durch das Violoncello - und mitunter hat man den Eindruck, dass es sich um Unterrichtswerke handelt. Die endlosen Wiederholungen so zu gestalten, dass sich der Hörer trotzdem keine Sekunde langweilt, das ist wahrlich große Kunst. 

Dienstag, 6. März 2012

Friedrich II "Der Grosse" und seine Hofkomponisten (Crystal Classics)

Friedrich II. (1712 bis 1786) engagierte für sein Orchester einige der besten Musiker seiner Zeit. Am Hof des Preußenkönigs wirkten unter anderem Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Joachim Quantz, die Brüder Graun und Franz Benda. Wer wissen will, welche Musik Friedrich schätzte, dem bietet diese Doppel-CD einen ersten Höreindruck. 
Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv von Capriccio; sie sind zumeist von hoher Qualität. Zu hören sind unter anderem Flötisten wie Eckart Haupt, Manfred Friedrich und Christoph Huntgeburth, Christine Schornsheim, Cembalo, sowie die Berliner Barock-Compagney, die Dresdner Barocksolisten und das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haen- chen. 

Freitag, 2. März 2012

Bach: Das Wohltemperirte Clavier; Schornsheim (Capriccio)

"Das Wohltemperierte Clavier hat Zeit meines bisherigen Lebens eine heilende Wirkung auf mich ausge- übt", berichtet Christine Schorns- heim. "Ging es mir nicht gut, habe ich mich an ein verfügbares Tasteninstrument gesetzt und Fugen gespielt. Die Kraft dieser Musik spendete mir innere Ruhe, reinigte die Seele und schärfte meinen Geist für das Wesentliche."
Nun hat sich die Musikerin, die seit vielen Jahren als Cembalistin tätig ist und nach ebenfalls vielen Jahren in Leipzig seit 2002 an der Münchner Musikhochschule unterrichtet, einen Herzenswunsch er- füllt: Sie hat Bachs monumentales Werk an dem berühmten Cembalo eingespielt, das Johannes Ruckers 1624 gebaut hat, und das sich nach seiner Restaurierung nunmehr in Colmar, im Musée d'Unterlinden, befindet. 
Dieses phantastische Instrument wurde hier im Blog an anderer Stelle bereits ausgiebig gewürdigt. Schornsheim setzt bei ihrer Bach-Inter- pretation ganz auf seine Klangmöglichkeiten, die sie ausgesprochen klug einsetzt. Sie spielt Bachs Präludien und Fugen klar strukturiert und transparent. Unter ihren Händen wird daraus hinreißend schöne Musik - dies ist ohne Zweifel die neue Referenzaufnahme, und sie wird diesen Status über einen sehr langen Zeitraum behalten. Gratulation! 

Sonntag, 30. Januar 2011

Bach in romantischer Manier (Genuin)

Die Romantiker haben Bach nicht nur wiederentdeckt und aus dem Zirkeln einiger weniger Einge- weihter, in denen seine Musik stets präsent blieb, vor ein breites Publikum gebracht. Wie sie ihn zugleich verwandelt, ihren Hör- gewohnheiten und Bedürfnissen angepasst haben, davon berichtet diese CD: Die junge japanische Geigerin Mayumi Hirasaki und die - zumal im Bereich des historisch informierten Musizierens - sehr versierte Cembalistin und Pianistin Christine Schornsheim stellen bei Genuin Bach-Bearbeitungen von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Ferdinand David und Friedrich Wilhelm Ressel vor. Bachs Ciaconna d-Moll für Violine solo BWV 1004/5 ist gleich drei Mal zu hören - und sie macht auch die Unterschiede deutlich. 
Während Schumann strikt systematisch vorging, und sich "seinen" Bach schrittweise erschuf, zeigt sich Gewandhauskapellmeister Mendelssohn gemeinsam mit seinem Ersten Geiger Ferdinand David sehr respektvoll, und orientiert sich bei seinen Klavierbegleitungen, die er für konkrete Konzerte schuf, stark an Bachs eigener Bearbei- tungspraxis. Als ein Kuriosum erscheint uns heute die Version der Ciaconna d-Moll für Violine solo mit der ergänzten Klavierbegleitung des Berliner Theatermusikers Ressel. Er "romantisierte" Bachs Werk konsequent, indem er dafür eine Begleitung schuf, die ein wahres Feuerwerk an pianistischen Effekten und Variationen abbrennt. Das klingt nach allem - nur nach Bach nicht mehr. 
Und weil die Straub-Violine, Röthenbach um 1800, gespielt mit einem Bogen von Luis Emilio Rodríguez, und der Pleyel-Flügel von 1848 gar so schön harmonieren, freut man sich noch über ein weiteres Stück, das zeigt, wie die Beschäftigung mit dem musika- lischen Erbe auch das eigene Schaffen beeinflusst hat: Der erste Satz aus Mendelssohns Sonate F-Dur für Violine und Klavier MWV Q 26 in der ersten Fassung von 1838 - ein grandioses, originär romantisches Werk. Schade, dass die anderen Sätze nicht dabei sind.