Posts mit dem Label Virgin Classics werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Virgin Classics werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 29. Juli 2013

Venezia - Opera Arias of the Serenissima (Virgin)

Als Antonio Vivaldi 1678 geboren wurde, war der Glanz von Venedig bereits am Verblassen. Die Sere- nissima hatte ihre Position als europäische Großmacht verloren. Doch gefeiert wurde in der Stadt des Dogen noch immer prachtvoll. Besucher aus ganz Europa schwärmten von der Musik, die in den Kirchen erklang – und von den Vorstellungen in den sechs Opernhäusern Venedigs. Sie befanden sich durchweg im Besitz der Patrizier, und wetteiferten miteinander um die spektakulärsten Aufführungen, die besten Komponisten und Musiker und die Stars unter den Sängern jener Zeit. 
In diese Zeit entführt uns eine CD, die Countertenor Max Emanuel Cencic gemeinsam mit dem Ensemble Il Pomo d'oro unter Riccardo Minasi für Virgin Classics eingespielt hat.„Mein Wunsch ist es, die Musik dieses alten Venedig neu zu erobern und die Emotionen und Farben einer Stadt heraufzubeschwören, die einst eine Weltmetro- pole war“, erklärt der Sänger. 
Das ist ihm bestens gelungen. Mit den ausgewählten Opernarien erinnert Cencic vor allem an die legendären Auftritte der Kastraten. Seine Stimme klingt betörend, und seine Technik ist makellos. Der Countertenor verbindet Virtuosität und Ausdrucksstärke; schier endlose, schwerelose Linien, grandiose Koloraturen und seine Stilsicherheit werden auch Kenner entzücken. Die Musiker um Riccardo Minasi sind ihm dabei versierte Begleiter. Bravi! 

Dienstag, 14. Mai 2013

Handel: Giove in Argo (Virgin Classics)

Man möchte meinen, dass das Werk von Georg Friedrich Händel mittlerweile veröffentlicht ist. Doch das ist ganz offensichtlich noch immer nicht der Fall. Die Noten zu seiner Oper Giove in Argo beispielsweise galten lange als verschollen; die Original- partitur war nicht überliefert, bekannt waren nur das gedruckte Libretto und einige Manuskript- fragmente. Es fehlten nahezu komplett die Secco-Rezitative für den zweiten und dritten Akt, und auch zwei Arien waren nicht aufzufinden - bis sie John H. Roberts im Jahre 2000 schließlich in Cambridge entdeckte. Damit war der Weg frei für die Rekonstruktion der Oper; eine wissenschaftliche Edition wird demnächst als Bestandteil der Hallischen Händel-Ausgabe erscheinen. 
"We should not expect Handel's Giove in Argo to conform to some modern ideal of musical drama, perfectly developed and peopled with subtle and distinctive characters. It was never intended to", schreibt Roberts in dem sehr informativen Beiheft. "Rather, it was conceived as a brilliant theatrical entertainment, and Handel filled it with arias an choruses of proven appeal, augmented by a goodly quantity of new music, as expressive and finely wrought as in his more fully original works. If it failed to please in May 1739, that was the result of a patchy cast and an audience increasingly indifferent to what Handel had to offer." 
Giove in Argo wurde 1739 nur zweimal aufgeführt. Das Missfallen des Publikums könnte freilich auch die Handlung erregt haben: Die Liebeshändel des Jupiter, der sich in die irdische Politik einmischt, um gleich zwei junge Damen zu vernaschen, sind zwar amüsant - aber für das Londoner Opernpublikum war das Sujet vielleicht doch zu gewagt. Am Hofe Augusts des Starken in Dresden, wo das Libretto von Antonio Maria Lucchini durch Antonio Lotti vertont worden war, war sie anlässlich der Vermählung des Kurprinzen aufgeführt worden. Dort nahm niemand Anstoß an den Verstrickungen des liebestollen Herrschers über die Götter - andere Länder, andere Sitten. 
Die Handlung aber ist in der Tat verwirrend. Denn die Helden dieser Oper sind zumeist inkognito unterwegs. Die Heldinnen sind Isis, die Tochter des Königs Inachus, und Calisto, die Tochter des Königs Lycaon. Er hat Inachus ermordet, um dessen Reich an sich zu bringen - und dafür hat ihm Isis Rache geschworen. Doch Lyacon ist selbst von Rebellen vertrieben worden, und irrt im Wald umher. Dort sucht ihn Calisto. Dabei begegnet sie Osiris, der wiederum seine geliebte Isis sucht - und sich als Hirte verkleidet hat. Als Hirte getarnt hat sich allerdings auch Jupiter an die beiden jungen Damen herangemacht, und versucht mit allerlei Intrigen, ihre Tugend zu bezwingen. Man kann sich vorstellen, welches Durcheinander er damit verursacht - zumal Calisto mittlerweile dem Gefolge Dianas angehört. Und die jungfräuliche Göttin schätzt es überhaupt nicht, wenn ihr Personal durch Affären abgelenkt ist. 
Händel-Experte Alan Curtis hat Giove in Argo wieder zum Klingen gebracht; bei Virgin Classics ist nun die Weltersteinspielung erschienen. Und dieser lauscht man gern - kein Wunder, denn es singt ein brillantes Solistenensemble: Ann Hallenberg als Isis, Karina Gauvin als Calisto, Theodora Baka als Diana, Anicio Zorzi Giustiniani als Jupiter, Vito Priante als Osiris und Johannes Weisser als Lycaon, das ist eine beeindruckende Besetzung mit reicher Barockmusik-Erfahrung. Die Sänger musizieren gemeinsam mit Curtis' Orchester Il Complesso Barocco, das sie stilsicher und temperamentvoll begleitet. Die Aufnahme ist von Anfang bis Ende gelungen - unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 24. Februar 2013

Bach: Keyboard concertos; Tharaud (Virgin Classics)

Wie spielt man ein Konzert für vier Klaviere? Alexandre Tharaud fand darauf eine clevere Antwort: "Vier Pianisten zusammenzubringen, die Bachs Musik aus der gleichen Geisteshaltung heraus spielen, ist so gut wie unmöglich", meint der Musiker. "Andererseits ist es müh- sam, dieses Werk einzuspielen, denn der erste Pianist befindet sich zwangsläufig in großer Entfer- nung zum vierten. Dank der Re-Recording-Technik habe ich die vier Soloparts allein gespielt. Ich konnte schnelle Tempi nehmen, die Vivaldis Geist näher sind, und bei jedem der vier Klaviere an den Farben arbeiten - wir hatten sie an vier unterschiedlichen Orten auf der Bühne aufgestellt - und somit die Schwere vermeiden, die häufig vier dicht beieinander stehende moderne Klaviere hervorbringen."
Leichtigkeit ist Tharaud ein gewichtiges Anliegen. Dem Pianisten gelingt das Kunststück, das Klangbild des Cembalos auf den Flügel zu transferieren. Das prägt die Musik auf dieser CD, die Johann Sebastian Bach wohl einst überwiegend für die Aufführungen des Collegium Musicum im Zimmermannischen Kaffeehaus zu Leipzig geschaffen hat.
Tharauds Spiel wirkt niemals hektisch. Sein Solopart erscheint federleicht und beschwingt, eher dahingetupft als mit breitem Pinsel gezeichnet, und zugleich mit einer berückenden Palette an Klangfar- ben. Das ausdrucksstarke Spiel des Solisten wird unterstützt durch das Ensemble Les Violons du Roi unter Bernard Labadie. Die Strei- cher musizieren ebenfalls auf modernen Instrumenten, aber im durch und durch barocken Geist. "Das Rückgrat dieses Programms", so Tharaud, "hat sich mit den vier Konzerten BWV 1052, 1054, 1056 und 1058 von selbst ergeben, da sie sich, wie ich meine, für das Klavier am besten eignen." So entstand eine grandiose Aufnahme, die durch ihre souveräne Klangsprache ebenso beeindruckt wie durch das berückende Zusammenspiel aller Beteiligten. Eine Referenz- aufnahme! 

Donnerstag, 31. Januar 2013

Vinci: Artaserse (Virgin Classics)

Wollte ein normales Stadttheater diese Oper aufführen - es hätte enorme Probleme mit der Besetzung. Denn Artaserse, ein Hauptwerk des heute nahezu vergessenen Leonardo Vinci (vermutlich 1696 bis 1730), wurde ausschließlich für Männerstimmen komponiert. Als die Oper während der Karnevalssaison 1730 am Teatro delle  Dame in Rom ihre umjubelte Uraufführung erlebte, war Sängerinnen das öffentliche Auftreten noch durch die Kirche verboten. Und so wurden auch die Frauenrollen durch Kastraten übernommen. 
Das hat zur Folge, dass nicht nur die Partien des Königs Artaserse und seines Freundes Arbace mit Sopran-Kastraten besetzt wurden. Auch die der beiden Damen Mandane und Semira, die Schwestern der Helden und jeweils verliebt in den Freund des Bruders, wurden durch Sopran-Kastraten gesungen. Die Partie des abtrünnigen Generals Megabise übernahm ein Alt-Kastrat. Einzig die Rolle des Verschwö- rers Artabano, Kommandant der königlichen Leibwache und Vater Arbaces, wurde für einen Tenor komponiert. Er hat somit kurioser- weise die tiefste Stimme in dieser Oper.  
Sämtliche Partien sind anspruchsvoll. Das ist kein Wunder, denn sie wurden für Stars der römischen Oper komponiert, für Sänger wie Giacinto Fontana, Giovanni Carestini und den damals weithin berühmten Tenor Francesco Tolve. Wie also bringt man diese Oper heute auf die Bühne? Parnassus Art Productions, ein Unternehmen aus Baden/Österreich, das wie ein klassischer Impresario Opern- inszenierungen organisiert, hat für Artaserse gleich fünf junge Coun- tertenöre engagiert. In Anlehnung an die ursprüngliche Tradition brachte diese Produktion, die durch Georg Lang und Max Emanuel Cencic bewerkstelligt wurde, einige der heutigen Stars dieses Stimmfachs gemeinsam auf die Bühne. Zu hören sind außerdem der Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano sowie das Ensemble Concerto Köln, das sich auf Barockmusik spezialisiert hat, und hier unter Leitung von Diego Fasolis musiziert.
Bei Virgin Classics erschien nun der Mitschnitt - und man muss sagen, dieser Artaserse war wirklich ein musikalisches Ereignis. Zu hören sind die Countertenöre Philippe Jaroussky in der Titelrolle, Max Emanuel Cencic als Mandane, Franco Fagioli als Arbace, Valer Barna-Sabadus als Semira und Juri Mynenko als Megabise. Tenor Daniel Behle hat die Partie des Artabano übernommen. Und obwohl er von Haus aus eigentlich kein Spezialist für "Alte" Musik ist, kommt er mit den Anforderungen erstaunlich gut zurande. So beeindruckt dieses Sängerensemble durch Virtuosität ebenso wie durch die Individu- alität der Sänger, die sich in Timbre und Technik faszinierend unterscheiden. Wer die Barockoper sowie den Klang der hohen Männerstimme schätzt, der sollte sich diese einzigartige Aufnahme unbedingt zulegen - es ist nicht damit zu rechnen, dass man diese Oper in nächster Zeit noch einmal anderweitig anhören kann. 

Donnerstag, 17. Januar 2013

Rolando Villazón sings Verdi (Virgin Classics)

Nahezu zeitgleich mit dem Album, das zuvor in diesem Blog vorge- stellt worden ist, erschien eine sehr ähnliche Auswahl mit Verdi-Arien bei Virgin Classics. Dieses Kuriosum beruht darauf, dass Rolando Villazón bis 2007 bei EMI Records unter Vertrag stand. 
In den Archiven dieses Labels befinden sich etliche Aufnahmen aus jenen Anfangsjahren, in denen der Sänger noch im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel war - und sie schonungslos zu Markte getragen hat. So hat Virgin Classics nun Arien daraus zusammengefasst, und man stellt fest, dass die Auswahl jener stark ähnelt, die auch die Deutsche Grammophon veröffentlicht hat. Wer möchte, der kann vergleichen. In jedem Falle wird der Hörer zwar feststellen, dass das Münchner Rundfunkorchester unter Marcello Viotti bzw. besonders unter Michel Plasson sowie das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Roma, unter Antonio Pappano in einer anderen Liga spielen. Und er wird frustriert fest- stellen, dass nach knapp 38 Minuten Schluss ist - und dass Virgin Classics auch beim Beiheft gespart hat. Das wiederum ist schade. 

Sonntag, 21. Oktober 2012

Liszt Lieder - Diana Damrau (Virgin Classics)

"Als weltbereisender Virtouse und Superstar seiner Zeit kannte Franz List die großen Bühnen der Welt und das Publikum. Seine Kompo- sitionen beeinflussten die Ent- wicklung der Musik enorm", stellt Diana Damrau im Beiheft zu dieser CD fest, "und auch als Lied-Kom- ponist stellt er die höchsten An- forderungen an seine Interpreten am Klavier und mit der Stimme. Die vielen Einflüsse und Eindrücke seines Lebens zeigen sich in seiner musikalischen Sprache und zeich- nen sein Liedwerk durch eine äußerst große Bandbreite aus. So klingen und sind in der Stilistik seine Petrarca-Sonette echt italie- nisch, seine deutschen Stücke (...) vollkommen deutsch und stehen den großen Meistern in nichts nach. Seine ungarischen Melodien sind echt den Zigeunern nachempfunden und in seinen französischen Mélodies kann man seine Erfahrungen der Pariser ,Salons' regelrecht einatmen."
Die Sängerin lässt sich von dieser Vielfalt inspirieren und mitreißen. Ohne Zweifel hat Diana Damrau ein Faible für Theatralik, und hier kann sie dieser Leidenschaft frönen, ähnlich wie auf der Opernbühne. Doch das Lied als Kunstform stellt andere Anforderungen; nicht zuletzt aufgrund seiner Intimität verlangt es vom Sänger wie auch vom Pianisten sehr viel gestalterische Detailarbeit. Diese Sorgfalt ist erkennbar Grundlage für die vorliegende CD. 
In Helmut Deutsch steht Damrau ein überaus renommierter und erfahrener Liedbegleiter zur Seite. Das zahlt sich aus. Sängerin und Pianist haben gemeinsam eine Interpretation vorgestellt, die ein würdiger Beitrag zum Liszt-Jubiläum ist - und eine hochwillkommene Ergänzung des Repertoires obendrein. Denn Liszts Lieder sind teil- weise so anspruchsvoll, dass selbst der Profi überlegen muss, ob und in welcher Fassung er diese Preziosen angehen will. Damrau und Deutsch haben sich der Herausforderung gestellt - und sie bravourös gemeistert. 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Drama Queens - Joyce DiDonato (Virgin Classics)

Kastraten waren einst die Stars der Opernbühne, und viele dieser Arien waren ihnen auf den Leib komponiert - auch wenn die Heldinnen Berenice, Octavia, Poppea, Cleopatra oder Rossane heißen. "Why do we adore these queens of the drama?", fragt Joyce DiDonato im Beiheft zu dieser CD. "The answer, for me, lies at the heart of why we love opera: we yearn to open hidden doors to the richest, most complex, utterly human and profoundly moving emotions that we may not be able to access when left to our own devices. The crazy plots and extreme circumstances of the operatic universe give us permission to unleash our often too-idle imagina- tions."
Die Heldinnen der barocken Opernbühne zeichneten sich durch Leidenschaft aus - und durch Konsequenz. So offenbarten sie mitunter in einer einzigen Arien einen ganzen Kosmos von Gefühlen, von der Raserei bis hin zur Melancholie. Die amerikanische Mezzosopranistin hat sich an diese emotionalen Achterbahnfahrten gewagt. Sie beeindruckt insbesondere dort mit schönem Ton, wo sie ruhige Passagen und lange Linien gestalten kann. Wo sie forciert, kommt oftmals ein Vibrato zum Vorschein, das mir hier weniger gefällt. Joyce DiDonato wird einmal mehr stilsicher vom Ensemble Il Complesso Barocco unter Alan Curtis begleitet. Die Musiker erweisen sich erneut als ausgesprochen versiert, und sie bringen neben viel Temperament auch so manche Klangfarbe ins Spiel. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Arie Geloso sospetto der Kaiserin Octavia aus Reinhard Keisers Oper Die römische Unruhe oder Die edelmütige Octavia
Erfreulich ist zudem die Tatsache, dass für dieses Album nicht nur bekannte Stücke ausgewählt wurden, wie Piangerò la sorte mia aus Händels Giulio Cesare oder Sposa, son disprezzata - hier korrekt Geminiano Giacomelli zugeschrieben, der die Arie 1734 für seine Oper Merope komponiert hat; überliefert wurde sie uns allerdings als Bestandteil von Vivaldis Pasticcio Bajazet. Für den Opernfreund hält diese CD viele Entdeckungen bereit. Und DiDonato begeistert durch ihre großartige Lust an Theatralik. "The Baroque drama queen apologises for nothing, hides nothing (unless it serves her purpose, of course), lays herself bare without filter, and trough glorious, magisterial vocal music gives us the permision to dare to do the same", meint die Sängerin. "Who needs therapy?" 

Sonntag, 27. Mai 2012

Duetti (Virgin Classics)

Solokantaten und Kammerduette, Kantaten für zwei Singstimmen, erfreuten sich zur Zeit des Barock höchster Beliebtheit. Sie gaben den Sängerstars jener Zeit die Möglich- keit, ihre Virtuosität vorzuführen - und zugleich erfreute sich ein sachkundiges Publikum an den ge- lungenen Melodien und komplexen musikalischen Strukturen, die die Komponisten einsetzten, um emotionale Ausnahmezustände in Klang umzusetzen. 
Das Ergebnis: Traumhaft schöne Musik, wie diese CD zeigt, für die William Christie zwei der derzeit weltbesten Countertenöre gewinnen konnte: Philippe Jaroussky, mit einer eher hell timbrierten, hohen Stimme, und Max Emanuel Cencic, der seine Karriere einst als Knabensopran bei den Wiener Sängerkna- ben startete, heute aber eher Mezzosopran singt. Seine Stimme ist voluminöser als die seines Kollegen, und klingt zudem etwas dunkler, gedeckter. 
So ergänzen sich die beiden Sänger wunderbar, wenn sie gemeinsam duetti da camera von Giovanni Bononcini, Duettkantaten von Bene- detto Marcello oder Alessandro Scarlatti wieder zum Klingen bringen, die man sonst sehr selten hört. Und natürlich ist jeder Sänger auch mit einer Solokantate zu erleben. Begleitet werden die Solisten durch einige Musiker des Ensembles Les Arts Florissants. 

Montag, 14. Mai 2012

Une fete Baroque! (Virgin Classics)

Rameau, Lully, Purcell und Händel - Werke dieser Komponisten wähl- te Emmanuelle Haim für das große Jubiläumsfest ihres Ensembles Concert d'Astrée. Auf dieser Doppel-CD liegt nun der Mitschnitt des barocken Festes vor, das das Orchester, dirigiert von seiner Gründerin, mit 24 (!) prominenten Sängerinnen und Sängern am 19. Dezember 2011 im Pariser Théatre des Champs-Elysées feierte. 
Der Mitschnitt vermittelt auch einen Eindruck von der Stimmung, die dieses musikalische Feuerwerk der Extraklasse zauberte. Das Publikum reagiert geradezu euphorisch - was allerdings auch kein Wunder ist, denn etliche Sänger lassen es regelrecht krachen. Das liegt nicht jedem der beteiligten Stars glei- chermaßen, doch der Jubel des Publikums zeigt deutlich, dass einige Sänger und Musiker gern auch ihr theatralisches Talent zur Geltung bringen. Die schönen Töne verstehen sich bei Künstlern wie Natalie Dessay, Patricia Petibon, Sandrine Piau, Anne Sofie von Otter, Pascal Bertin, Philippe Jaroussky oder Rolando Villazon ohnehin quasi von selbst. Was für eine Party! Hier wird mit Lust und Leidenschaft musiziert. Zum Abschluss erklingt schließlich Händels Hallelujah – begeistert mitgesungen auch im Saal. Wer die Doppel-CD erwirbt, der unterstützt ebenso wie das Publikum jenes denkwürdigen Abends das Révolution-Cancer-Programm, ein Krebs-Forschungsprojekt der Fondation Gustave Roussy. 

Donnerstag, 17. November 2011

Fauré: Complete Chamber Music for Strings and Piano (Virgin Classics)

"Bercé par cette musique dès mon enfance, c'est aux cotes de Gérard et de Michel que j'ai joué mes premières notes de Fauré il y a près de 20 ans. J aime à penser que, de génération en génération, nous nous transmettons des secrets liés aux compositeurs... 
Et c'est ensemble, avec également Nicholas, Gautier et les membres du Quatuor Ebène, que nous avons réalisé cette intégrale, portés par la meme passion: celle du partage de la musique de chambre de Ga- briel Fauré", schreibt Renaud Capucon. Für diese Gesamteinspielung der Kammermusik von Gabriel Fauré (1845 bis 1924) hat sich in der Tat ein illustres Ensemble formiert. Dazu gehören neben dem Quatuor Ébène - Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, Violine, Mathieu Herzog, Viola und Raphael Merlin, Violoncello - Renaud Capucon, Violine, Gérard Caussé, Viola, Gautier Capucon, Violoncello, Michel Dalberto und Nicholas Angelich, Klavier. 
Die Aufnahmen belegen eindrucksvoll, wie sich das Werk des großen französischen Komponisten entwickelt hat - von den Anfängen des jungen Fauré als Salonmusiker hin zum Spätwerk des ertaubten Komponisten, der im Alter eine Vorliebe für eine Kombination aus kühner Harmonik und strengem Kontrapunkt entwickelte. Diese Werke sind traumschön, aber die meisten davon erschließen sich nicht sofort. Gut, dass es nun diese Gesamtaufnahme auf fünf CD gibt - denn die ist so gelungen, dass man sie immer wieder anhören möchte. Bravi! 

Sonntag, 13. November 2011

Vivaldi: Farnace (Virgin Classics)

Keine andere Oper hat Vivaldi so oft vertont wie Farnace, die Geschichte des Pharnakes, König von Pontos, gegen den sowohl die Römer als auch die eigene Schwiegermutter zu Felde ziehen. Zum ersten Male erklang dieses Werk im Februar 1727 in Venedig. Im Herbst des gleichen Jahres wurde sie dort noch einmal aufge- führt, mit einigen Änderungen. Weitere Fassungen schuf Vivaldi 1730 für Prag, 1731 für Pavia, 1732 für Mantua, 1737 für Treviso und 1738 für Ferrara. Dorthin war der Musiker ausgewichen, weil in Venedig mittlerweile Hasse en vogue war. 
Vivaldi sollte in Ferrara in der Karnevalssaison zwei seiner Opern zur Aufführung bringen. Doch die erste war kein Erfolg, und so entschied sich das Theater, lieber kurzfristig ebenfalls eine Oper des "göttlichen Sachsen"  auf die Bühne zu bringen. Vivaldis Farnace blieb ungespielt - und wohl auch unvollendet. Denn die Partitur blieb erhalten. Sie befand sich in Vivaldis persönlicher Musikaliensammlung, enthält ziemlich viele Änderungen gegenüber der Version von 1731, die ebenfalls überliefert ist, und sie bricht nach den zweiten Akt ab. 
Auf der vorliegenden CD erklingt diese Oper nun zum ersten Male in der Fassung, die Vivaldi für Ferrara vorgesehen hatte. Frédéric Delaméa und Diego Fasolis haben den dritten Akt ergänzt. Farnace erweist sich als eine der schönsten Barockopern überhaupt; die Musik ist ungemein ausdrucksstark und  wird hier hervorragend interpre- tiert. Dazu trägt neben dem Ensemble I Barocchisti und dem Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano unter der Leitung Fasolis auch ein erstklassiges Solistenensemble bei. Max Emanuel Cencic singt die Titelrolle, Daniel Behle den Pompeo und Mary Ellen Nesi die Berenice sowie Ruxandra Donose und Ann Hallenberg Frau und Schwester des besiegten Königs, Karina Gauvin und Emiliano Gonza- lez Toro sind als Gilade und Aquilio, Feldherren der siegreichen Heere, zu hören. Und das ist, man muss es sagen, wirklich ein Erleb- nis. Bravi! 

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Mozart: Dissonances; Quatuor Ebène (Virgin Classics)

Mit dem Streichquartett beschäf- tigte sich Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) seit seiner ersten Italien-Reise 1770. Diese CD enthält KV 138, ein Werk aus dem Jahre 1772, dreisätzig ohne Menuett; Mozart nannte es Diver- timento
In der Auseinandersetzung mit den Quartetten Joseph Haydns perfek- tionierte Mozart seine eigenen; die Legende behauptet, dass er sie auch selbst gespielt haben soll, und zwar die Bratschenstimme, ge- meinsam mit Haydn und Carl Ditters von Dittersdorf, die die Violin- parts übernahmen, und mit Johann Baptist Vanhall am Violoncello. Haydn, den er sehr verehrte und schätzte, widmete Mozart 1785 sechs Streichquartette; davon hat das Quatuor Ebène zwei für diese CD eingespielt, die Quartette KV 421 und 465. 
Musikwissenschaftler und auch etliche Musiker unterstellen dem Komponisten gern, dies seien Stücke, die Mozarts Persönlichkeit spiegeln; sie wollen gar Verzweiflung, Lebensunlust und Seelenqual darin finden - doch Vorsicht! wir befinden uns im 18. und nicht im
19. Jahrhundert. Und da wäre ich mit solchen Befunden doch sehr vorsichtig; Mozart ist eben nicht Schumann - und das Genie kann auch aus purer Lust an der kniffligen Aufgabe zu Dissonanzen ge- griffen haben, um zu demonstrieren, wie sie sich in Wohlklang auf- lösen lassen. Schließlich hatte Widmungsträger Haydn bekannter- maßen Humor und Sinn für musikalische Scherze. Wir wissen es nicht; uns bleiben nur die Noten, und denen widmen sich Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, Violine, Mathieu Herzog, Viola und Raphael Merlin, Violoncello, mit Hingabe. 

Das Ergebnis aber klingt eher nach Beethoven als nach Haydn; die Interpretation erscheint wie in Marmor gemeißelt, und deshalb bin ich damit nicht ganz glücklich. Die Musiker vom Quatuor Ebène wollen "den Schleier (..) lüften" - und gehen davon aus, dass es sich "um absolut klassische Musik handelt". Kriterien: "Ausgewogenheit, Schlichtheit, Klarheit der Form, klar zu erfassende Tonarten, ein- fache Harmonik und Metrik" - also ich würde das so nicht unter- schreiben wollen. --
"Aus dem gleichen Heft stammend, (...) formieren sich diese beiden Quartette wie Schwarz und Weiß um den Begriff der Dissonanz, und sie enthalten so großartige harmonische Einfälle, dass man sich vorstellen kann, mit welcher Erregung sich Musiker zusammen- fanden, sie zu entdecken", schreibt das Quartett im Beiheft. Hört man KV 318 genau und achtet darauf, wird man entdecken, dass der junge Mozart schon hier die Dissonanz gekonnt benutzt, sozusagen als individuelle Würze einer handwerklich schon ziemlich perfekten Komposition. Dieses Konzept finde ich sehr spannend, und das macht auch diese CD zu einem Solitär. Toll! 

Sonntag, 14. August 2011

Alexandre Tharaud plays Scarlatti (Virgin Classics)

555 Sonaten soll Domenico Scar- latti (1685 bis 1757), der Sohn von Alessandro Scarlatti, für Cembalo komponiert haben - im Dienste der Infantin Maria Barbara von Portu- gal, die 1729 den späteren spani- schen König Ferdinand VI. heira- tete. Sie spielte dieses Instrument virtuos und komponierte selbst; auch ihr Gemahl soll der Musik leidenschaftlich zugetan gewesen sein.
In seinen Sonaten spiegelt er so- wohl die Klänge der iberischen Halbinsel - die von Zigeunern und orientalischen Einflüssen geprägte Volksmusik, Flamenco, Gitarren und Kastagnetten - als auch die Ele- ganz und die Melancholie des Hoflebens. Seine Werke sind eigenwillig, raffiniert, mitunter ungestüm. "Nach meinen CDs mit Bach, Couperin und Rameau schien es mir folgerichtig, auch ihren Zeitgenossen Domenico Scarlatti einzuspielen", erklärt Alexandre Tharaud in dem informativen Beiheft. "Von diesen vier Komponisten ist er meiner Meinung nach derjenige, dessen Musik dem Klavier am nächsten kommt. Sie war natürlich für Cembalo gedacht - die ersten Piano- fortes haben ihn offensichtlich nicht interessiert -, aber sie klingt auf einem modernen Klavier überzeugend." 
21 Sonaten hat der Pianist ausgewählt und auf einem Yamaha-Flügel eingespielt; 18 davon wurden letztendlich auf dieser CD veröffent- licht. Sie zeigen etliche Facetten von Scarlattis Werk. Tharaud spielt seinen Flügel knochentrocken, so dass im Klangbild zumeist die Nähe zum Cembalo erahnbar ist. Warum er nicht gleich dieses Instrument verwendet, erschließt sich insofern nicht. Davon abgesehen, ist die CD abwechslungsreich und anhörenswert.  

Dienstag, 12. Juli 2011

Bach: Goldberg Variations; Angelich (Virgin Classics)

Eigentlich wollte ich über diese Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen nichts schreiben. Denn sie beginnt als ein Ärgernis. Nicholas Angelich schert sich, so scheint es, nicht im Geringsten um alle Erkenntnisse der musikhisto- rischen Forschung. Seine Werkauf- fassung ist zutiefst romantisch. Und während der ersten Varia- tionen meint man, eine weitere Einspielung des berühmten Werkes vor sich zu haben, wie es schon viel zu viele gibt. 
Doch spätestens bei der Variatio 6 Canone all Unisuono a 1 clav. lauscht man gebannt. Denn diese CD erweist sich als atemberaubend gut durchdacht. Angelichs Interpretation setzt ganz auf Ruhe und Gelassenheit, auf Bachs Strukturen, und selbst dort, wo er ein zügiges Tempo wählt, wirken die Variationen nicht rasant, gehetzt und gequält, sondern spielerisch, tänzerisch. Alles entsteht aus Bachs Notentext heraus - Dynamik, Klangfarben, Nuancen, nichts erscheint aufgesetzt, willkürlich, als schmückendes Beiwerk. Jeder Ton, jedes Detail passt in den unerhörten Spannungsbogen, den Angelich hier aufbaut. Zugleich erfasst der Pianist Bachs Musik in einer Tiefe, die weit über alles hinausgeht, was der Markt üblicherweise bietet. Obwohl er einen modernen Konzertflügel spielt, hütet er sich davor, aufzuzeigen, was man mit diesem Instrument heute aus Bach machen könnte - im Gegenteil, er stellt den Bechstein ganz in den Dienst dieser Musik, und nutzt bewusst nur einen Teil der verfügbaren Klangmög- lichkeiten. So gelingt es ihm, Strukturen und Beziehungen hörbar zu machen, wie man das sonst nur bei wirklich guten Einspielungen an einem Cembalo erlebt. Angelich gestaltet seinen Bach nicht nur spannungsreich, sondern auch glasklar durchhörbar. Seine Inter- pretation mag romantisch sein - aber sie ist in sich jederzeit stimmig, und ungemein kurzweilig. 

Freitag, 8. Juli 2011

Brahms: Piano Concerto No. 2, Klavierstücke op. 76; Angelich (Virgin Classics)

"Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Ham- burg, dort in dunkler Stille schaffend, aber von einem treff- lichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in schwierigen Setzungen der Kunst, mir kurz vorher von einem verehrten be- kannten Meister empfohlen. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzei- chen an sich, die uns ankündigen: Das ist ein Berufener", schwärmte Robert Schumann 1853 in seiner Neuen Zeitschrift für Musik über den jungen Musiker, der sich kurz zuvor den Schumanns vorgestellt hatte.
Von "Grazien und Helden" freilich dürfte Johannes Brahms (1833 bis 1897) in seiner Jugend wenig gespürt haben. Sein Vater spielte in Hamburger Lokalen zum Tanz auf. Schon früh erkannte er, dass sein Filius ebenfalls musikalisch war, und so erhielt Brahms ab seinem siebenten Lebensjahr Klavierunterricht. Er begann seine Pianisten- laufbahn in Matrosenkneipen und Tanzlokalen.
Das Klavier sollte zeitlebens das von ihm bevorzugte Instrument bleiben. Bienenfleißig studierte Brahms die Werke der Kollegen - vor allem auch der bereits verstorbenen - und glich so aus, was ihm an Ausbildung versagt geblieben war. Als er sich an die ersten Orche- sterwerke wagte, suchte er den Rat erfahrener Kollegen und lernte von ihnen. Wer allerdings Brahms' Klavierwerke mit ihrer mitunter geradezu orchestralen Textur kennt, der wird sich das Zögern des Komponisten am ehesten mit seinem hohen Anspruch erklären. 
Die beiden Werke auf dieser CD zeigen den reifen Brahms - die Klavierstücke op. 76 entstanden 1870, das Konzert für Klavier Nr. 2 in B-Dur 1882. Nicholas Angelich spielt das Klavierkonzert im Dialog mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi - betont romantisch, sehr gediegen und reich an Klangfarben und Schattierungen. Ausgesprochen differenziert erklingen auch die Klavierstücke op. 76, vier extravagante Capricci nebst vier aus- drucksstarken Intermezzi. Angelich hat hörbar Vergnügen an diesen vertrackten Rhythmen und alles andere als simplen harmonischen Ideen. Man lauscht mit wachsender Begeisterung - eine Ausnahme-Aufnahme mit Tiefe und Kraft, wie man sie selten findet. 

Samstag, 4. Juni 2011

Vivaldi: Ercole sul Termodonte (Virgin Classics)

Man schreibt das 17. Jahrhundert. Ganz Italien ist vom Opernfieber befallen. Die soeben neu entstan- dene Gattung wird überall gefeiert. Überall? Nicht ganz. Denn in Rom durften Opern jahrzehntelang ausschließlich in geschlossener Gesellschaft erklingen. Der Kirchenstaat, der zumindest nach außen hin gern tugendhaft er- scheinen wollte, fand all diese Geschichten um Liebe, Lust, Leidenschaften und all die antiken Helden und Götter moralisch ziemlich bedenklich. Und dass Frauen singen, war in Rom damals gänzlich undenkbar. 
"Die kirchliche Dekadenz", so spottete seinerzeit ein Franzose, "lässt im Theater in Frauenrollen nur hübsche junge Burschen auftreten, für die teuflische Kesselflicker das Geheimnis gefunden haben, wie sich ihre hohen Stimmen erhalten lassen. Als Mädchen gekleidet, mit ihren Hüften, dem breiten Hintern, der weiblichen Brust, dem runden und fülligen Hals kann man sie tatsächlich für Mädchen halten." Doch auch die männlichen Helden wurden zumeist von Kastraten gesungen; für Tenöre und Bässe wurden nur selten bedeutende Partien geschrieben. 
Das sorgte in späteren Jahrhunderten für Verwirrung, denn mit dem Ende der grausigen Kastrationen verschwanden natürlich auch die Sopranisten und Altisten von den Bühnen; die Heldenpartien wurden nun durch Frauen gesungen, was mitunter ziemlich komisch wirkt, oder für "richtige" Männerstimmen transponiert, was auch gewisse Probleme mit sich bringt. 
Auch Vivaldis Oper Ercole sul Termodonte, die die bekannte Ge- schichte der Auseinandersetzung des Herkules mit den Amazonen erzählt, stellt heutzutage mit den teilweise extrem schwierigen Kastratenpartien die Frage nach der Besetzung. In diesem Falle wurde sie nach Stimmfach gelöst - und das ganz achtbar. Für diese Einspie- lung mit dem Orchester Europa Galante und dem Coro da Camera Santa Cecilia di Borgo San Lorenzo unter Fabio Biondi hat Virgin Classics ein wahres Star-Ensemble aufgeboten: Vivica Genaux, Joyce DiDonato, Patrizia Ciofi und Diana Damrau sind als Amazonen zu hören, Rolando Villazón ist als Ercole zu erleben, und Romina Basso, Philippe Jaroussky  und Topi Lehtipuu singen die Griechen in seiner Begleitung. Das hat sich durchaus gelohnt, denn mit einigen wenigen Einschränkungen ist die Aufnahme sehr gelungen. Selbst Villazón kommt mit den Anforderungen der "Alten" Musik erstaunlich gut zurecht. Und Diana Damrau ist eine ganz entzückende Martesia. 
Auch für die Rekonstruktion der Partitur war ein erheblicher Auf- wand erforderlich. Denn das Werk, das Vivaldi seinerzeit in Rom den Durchbruch als Opernkomponist brachte, war nur in Fragmenten erhalten. Glücklicherweise hatte der Maestro seinerzeit nicht jede Arie für jede Oper neu geschrieben. So stellten die Musiker, die versuchten, die Überreste zu ergänzen, bald fest, dass Vivaldi nahezu alle Arien auch anderweitig eingesetzt hat. Um sie erneut zu ver- wenden, wurden damals allerdings erhebliche Anpassungen vorge- nommen - einerseits im Hinblick auf dramaturgische Zusammen- hänge, andererseits mit Blick auf die Möglichkeiten der beteiligten Sänger. 
"Zwei wichtigen Faktoren haben wir zu verdanken, dass Vivaldis Ercole sul Termodonte in fast voller Länge wieder zugänglich gemacht werden kann", schreibt Fabio Biondi im Beiheft: "Zum einen ist das vollständige und authetische Libretto vorhanden, das 1723 für die Aufführung am Teatro Capranica in Rom benutzt wurde, zum anderen sind, verteilt auf Bibliotheken in Paris, Münster, Turin und anderen Orten, fast alle Arien in unterschiedlichen Quellen erhalten." Ein kritischer Apparat beschreibt die jeweiligen Funde und den Umgang mit diesem Material. Selbst den Text kann in dem sorgsam erstellten Beiheft mitlesen, wer möchte. Meine Empfehlung!  

Samstag, 19. März 2011

Monteverdi: Vespro della Beata Vergine; Pluhar (Virgin Classics)

Diese Aufnahme von Monteverdis Marienvesper wurde im April 2010 im großen Saal des Arsenals Metz aufgezeichnet. Das Ensemble L'Arpeggiata brachte in diesen mo- dernen Raum mit seinen historisie- renden Elementen historische Klänge, hier und dort behutsam modernisiert. Das beginnt schon bei der Entscheidung, die Antipho- nen zu streichen, um so den kon- zertanten Charakter dieser Inter- pretation zu betonen.
Die Besetzung ist vergleichsweise gigantisch - ein Dutzend Sänger, 18 Instrumentalisten. Von der Barockharfe bis zum Psalterium, und vom Zink über die Posaune bis hin zur Truhenorgel, Theorbe, Tiorbino, Erzlaute, Barockvioline, Viola, Violone - wobei ich auf den Bildern ganz eindeutig zwei der- artige Instrumente sehe, aber in der Besetzungsliste nur einen Namen finde - ist nahezu alles vertreten, was zu Monteverdis Zeiten gespielt worden ist. 
Ob der Komponist selber sein Werk jemals derart opulent ausgestattet aufführen konnte, darf freilich bezweifelt werden. Es kann sogar sein, dass er es nur durch die Orgel begleiten ließ. Dafür spricht, dass er es Papst Paul V. gewidmet hat - in Rom aber waren damals nur männ- liche Sänger vorhanden, und als Basso Continuo war ausschließlich die Orgel gebräuchlich. Dagegen spricht, dass er die Stelle, um der er sich mit diesem Werk bewarb, nicht erhalten hat - und in Venedig, wo er 1613 das Amt des Kapellmeisters am Markusdom erhielt, galten ganz andere Regeln. 
Leider setzt Christina Pluhar, die künstlerische Leiterin dieser Produktion, die große Musikantenschar wenig strategisch ein. So gibt es viel Fortissimo, und wenig Differenzierung. Das ist schade, denn es macht die Aufnahme beliebig. Unter dem Strich ist sie gut, aber nicht überragend; es gibt bereits bessere Einspielungen, und diese Qualität erreicht sie trotz der ohne Zweifel exzellenten Mitwirkenden nicht. 

Sonntag, 30. Januar 2011

Beethoven: String Quartets (Virgin Classics)

Als Beethovens Streichquartett Nr. 13 in B-Dur 1826 zum ersten Mal erklang, schrieb der Kritiker der Allgemeinen musikalischen Zei- tung: "Aber den Sinn des fugirten Finale wagt der Referent nicht zu deuten: für ihn war es unverständ- lich, wie Chinesisch. Doch wollen wir damit nicht voreilig abspre- chen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren er- schien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird." 
Beethovens Verleger Artaria zeigte sich von dem Ende des Werkes ebenfalls wenig angetan, und drängte den Komponisten, noch einen gefälligeren Schluss zu liefern - was jener dann auch erledigte. Das ursprüngliche Finale publizierte er als Große Fuge op. 133. 
Der Geschmack des Publikums dürfte sich seitdem wenige geändert haben; die Musiker des Artemis Quartetts aber haben bei ihrer Gesamteinspielung der Beethovenschen Quartette für Virgin Classics die komplexe ursprüngliche Form bevorzugt.  Technisch bringt sie das nicht in Probleme. Natalia Prischepenko und Gregor Sigl, Violine, Friedemann Weigle, Viola und Eckart Runge, Violoncello, treiben das Streichquartettspiel zur Perfektion. 
Die Gattung, bei der - so Goethe - "vier vernünftige Leute sich unter- einander unterhalten", wird hier zur musikalisch ausgefeilten und durchgestylten Show. Das ist sehr beeindruckend, aber nicht immer überraschend, ja, mitunter auch ein bisschen zu glatt und zu gut abgestimmt. Hier hat jeder Effekt, jeder Gedanke seinen vorbestimm- ten Platz; die Suche nach Argumenten, nach der treffenden Formu- lierung erscheint bereits abgeschlossen, wenn der Zuhörer Platz genommen hat. 
Das ist Quartettspiel in Vollendung - aber wenn die Fetzen, die da geflogen kommen, in Wahrheit Designerfetzen sind, von genau kalkulierter Wirkung, wenn der Zuhörer nicht mehr den Eindruck hat, Zeuge eines kreativen Prozesses sein zu dürfen, dann finde ich das nicht sehr aufregend. Insofern mag ich mich den Elogen meiner Kritikerkollegen nicht so ganz anschließen. Exzellente Aufnahmen der Beethoven-Quartette gibt es auf dem Markt bereits einige; insofern ist auch ein weiteres Beethoven-Projekt nicht gerade eine Innovation. 

Sonntag, 2. Januar 2011

Mozart: Piano Concertos 22 & 25; Fray (Virgin Classics)

"Lange habe ich mich an Mozart nicht so recht getraut. Zu einfach, zu kompliziert. Zu klar, zu rätsel- haft. Wie bei Bach habe ich immer wieder einmal Anlauf genommen", berichtet David Fray. Und nun hat er sich doch an zwei der Klavier- konzerte gewagt - KV 482 und KV 503, entstanden 1785 und 1786.
Im Beiheft psychologisiert der Pianist, dass sein Text fast schon wieder Poesie ist. Mozart freilich entschwindet in dieser Wortwolke - und mir will scheinen, er schmun- zelt dabei. Die CD lässt aufhorchen: Frays Werkauffassung? Peinlich romantisierend; sein Spiel ist eine einzige Spekulation - und bei den Kadenzen wählt er beim Klavierkonzert Nr. 22 in Es-Dur jene von Edwin Fischer, beim Klavierkonzert Nr. 25 in C-Dur die von Friedrich Gulda. Da staunt der Hörer, denn die sind ja doch von Grund auf unterschiedlich.
Sie werden allerdings in eine watteweiche Soundkulisse eingebettet, in der alles versackt. Es spielt das Philharmonia Orchestra unter Jaap van Zweden - und zu hören bekommt man eine Sammlung schöner Stellen. Das ist ja alles sehr nett, wirkt jedoch ziemlich unverbindlich und beliebig. Irgendwie fehlt diesem Mozart die Linie; man vermisst Geist und Witz, statt dessen gibt's den Versuch musikalischer Selbst- findung. Für eine CD ist mir das zu wenig.

Sonntag, 14. November 2010

Caldara in Vienna - Philippe Jaroussky (Virgin Classics)

"Certains d'entre vous connaissent déjà mon attachement à défendre des compositeurs ou interprètes dont l'importance n'est pas reconnue à sa juste valeur dans l'histoire de la musique", schreibt Philippe Jaroussky. "Après Carestini et Johann Christian Bach, il était donc parfaitement logique de m'arreter à un moment ou un autre de ma carrière sur le cas d'Antonio Caldara, un des compositeurs les plus respectés et prolixes de son temps (plus de 3000 oeuvres!)." Caldara, geboren 1670 in Venedig, war ein Schüler Giovanni Legrenzis. Er erhielt seine erste Stelle im Orchester des Markusdomes, und stellte mit 18 Jahren in seiner Heimatstadt seine erste Oper vor. 
Weitere Werke folgten; 1699 wurde Caldara maestro di cappella da chiesa e del teatro am Hofe Ferdinando Carlo di Gonzagas, des letzten Herzogs von Mantua. Als sein Dienstherr 1708 durch den Spanischen Erbfolgekrieg seinen Besitz verlor, ging er nach Rom, und wurde dort 1709 Händels Nachfolger als Kapellmeister von Francesco Maria Ruspoli. 1716 wurde Caldara Vizekapellmeister am Hof Karls VI. in Wien. Da Kapellmeister Johann Joseph Fux von der Gicht geplagt wurde, übertrug er einen wesentlichen Teil seiner Aufgaben auf Caldara. Der Kaiser, der selbst sehr gut Cembalo spielte, schätzte sein Schaffen, das italienische und deutsche Tradition miteinander verband - und bezahlte Caldara großzügig. 1736 starb der Musiker, 1740 der Kaiser. Die Nachgeborenen hatten ihre eigenen Favoriten. Caldaras Werke gerieten bald in Vergessenheit.
Sie sind aber in reichem Umfang erhalten und überliefert, so dass ihre Wiederentdeckung lediglich eine Frage des Engagements ist. Philippe Jaroussky hat nun gemeinsam mit dem Concerto Köln, das von Emmanuelle Haim am Cembalo geleitet wird, Forgotten Castrato Arias eingespielt. Am Hof in Wien sangen berühmte Kastraten, wie Gaetano Orsini und Felice Salimbeni - und Jaroussky hat in der Tat einige interessante Stücke ausgegraben, die technisch allerdings höchst anspruchsvoll sind. 
Jaroussky bewältigt alle Klippen mit Anstand. Der Countertenor hat eine weiche, bewegliche, nicht übermäßig voluminöse, in der Tiefe und in der Mittellage aber überzeugende und klangvolle Stimme. In der Höhe wird sie leider mitunter schrill. Das Concerto Köln begleitet den Sänger versiert und temperamentvoll; das Orchester setzt dabei durchaus eigene Akzente. Insbesondere auch die Holzbläser sind eine Freude.