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Samstag, 14. November 2015

Motetten der Hiller-Sammlung (Carus)

Johann Adam Hiller (1728 bis 1804), war ein musikalisches Phänomen. Nach einer Ausbildung am Gymna- sium in Görlitz, an der Dresdner Kreuzschule sowie dem anschließen- den Studium an der Universität in Leipzig wurde er 1754 zunächst Hauslehrer beim Grafen Brühl. Doch schon bald war er wieder in Leipzig: 1759 gründete er die erste deutsche Musikzeitschrift, Der musikalische Zeitvertreib. 1763 sorgte Hiller für die Wiederbelebung des wegen des Siebenjährigen Krieges zwischen- zeitlich eingestellten Großen Concerts. Er gründete eine Singschule, aus der berühmte Sängerinnen hervorgingen, sowie die Musikübende Gesellschaft, die zunächst im Apelschen Haus, später dann im Gewandhaus konzertierte. Damit war Hiller der erste Gewandhaus-Kapellmeister. Von 1789 bis 1801 wirkte Hiller zudem als Thomaskantor. 
Hiller hatte enormen Erfolg als Singspielkomponist. Er hatte eine klare Meinung, was gute Musik sei – und vertrat sie auch entschieden. So gab er ab 1776 eine mehrteilige Sammlung Vierstimmige Motetten und Arien von verschiedenen Componisten zum Gebrauche der Schulen und anderer Gesangsliebhaber heraus, zunächst vor allem interessante Werke der Komponistengeneration nach Bach; aus seiner Amtspraxis als Thomas- kantor dann 1791 noch ergänzt um ein sechstes und letztes Heft, das auch liturgische Stücke und Begräbniskompositionen enthielt. Sie stammten fast alle von Hiller. Ansonsten sind etliche Beiträge enthalten vom Dresdner Kreuzkantor Gottfried August Homilius und vom Magdeburger Musik- direktor Johann Heinrich Rolle, sowie Werke des früheren Thomaskantors Gottlob Harrer, von Homilius' Amtsvorgänger Theodor Christlieb Rein- hold, dem Dresdner Organisten Christoph Ludwig Fehre, Johann Gottfried Weiske und Christian Friedrich Penzel, Kantoren in Meißen und in Merseburg. Auch Carl Heinrich Graun, Kapellmeister am Hofe Friedrichs des Großen, ist darin vertreten. 
Die Motetten dieser Komponisten zeugen vom hohen Stand, den die Gattung – die zu Bachs Zeiten nur noch als Gelegenheitskomposition eine Rolle spielte – in der Kirchenmusik zu Hillers Zeiten wieder erlangt hatte. Im Gottesdienst ließ Bach Motetten aus dem Florilegium Portense singen; Hiller hingegen verbannte den „lateinischen Singsang, den Meister Bodenschatz zusammengeschleppt hat“, aus dem Gebrauch der Thomaner. Sein Urteil: „So schlecht und ohne Wahl auch diese Compilation gemacht, so fehlerhaft sie auch gedruckt ist. Resquiat in pace!“ Ein einziges Werk allerdings fand vor dem gestrengen Auge Hillers Gnade, eine Motette von Jacobus Gallus aus dem 16. Jahrhundert. Diese nahm Hiller, in überar- beiteter Form, in seine Kollektion auf. 
Auch das Sächsische Vocalensemble hat sie in seine Auswahl aus Hillers vierstimmigen Motetten und Arien aufgenommen, die jüngst bei Carus erschienen ist. Der renommierte Dresdner Kammerchor, 1996 von Matthias Jung gegründet, zeichnet sich durch seinen schlanken, wasser- klaren Chorklang aus. Die Sängerinnen und Sänger bieten absolute Präzision und beeindruckende klangliche Homogenität. Eines macht die CD deutlich: Mitteldeutschland, mit seiner reichen und vor allem auch breiten Musiktradition, ist immer wieder für Entdeckungen gut.

Montag, 16. Februar 2015

Sarri: Dixit Dominus / Missa (cpo)

Im Juni 1738 heirateten die sächsische Prinzessin Maria Amalia und Carlo IV., König von Neapel. Kurprinz Christian geleitete seine Schwester auf der beschwerlichen Reise in den Süden. Und im Gefolge der hohen Herrschaften befanden sich selbstverständlich auch Musiker, wie der Dresdner Hoforganist Giovanni Alberti Ristori oder Gottlob Harrer, der spätere Kapellmeister des Grafen Brühl. Johann Adolf Hasse, der seine Ausbildung in Neapel vollendet hatte, war seit 1733 Hof- kapellmeister in Dresden. Kurz und gut – die Verbindungen zwischen Italien und dem sächsischen Herrscherhaus waren eng. So kam auch manches ansprechende Musik- stück nach Dresden. 
Ein interessantes Beispiel dafür ist eine Missa von Domenico Sarri (1679 bis 1744), maestro di cappella am Hofe in Neapel, deren Partitur sich in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden befindet. Es erscheint ein wenig kurios, dass dieser Komponist, der in erster Linie für seine Opern gefeiert wurde, am sächsischen Hof, der ebenfalls verrückt nach italienischen Opern war, ausgerechnet mit Kirchenmusik zu hören gewesen ist. Komplettiert wird die CD durch Sarris Dixit Dominus. Eine Abschrift dieser Psalmvertonung wird in Prag im Archiv der Kirche St. Nikolaus aufbewahrt. 
Das Sächsische Vocalensemble unter Matthias Jung demonstriert mit dieser Aufnahme, dass es seinerzeit von der Oper in die Kirche musikalisch nicht unbedingt ein großer Schritt war. Die Solisten Anja Zügner und Maria Perlt, Sopran, Annekathrin Laabs, Mezzosopran, Andreas Post, Tenor und Wolf Matthias Friedrich, Bass, sparen daher nicht am Pathos. Das Sächsische Vocalensemble singt die Chöre engagiert, präzise und mit erfreulicher Textverständlichkeit. Und die Batzdorfer Hofkapelle musiziert einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Böhmische Weihnacht (Berlin Classics)

Ludwig Güttler engagiert sich seit vielen Jahren für das musikalische Erbe der sächsischen Hofkapelle. Und weil viele Musiker aus Böhmen in Dresden wirkten, liegt auch der Blick über die Landesgrenze nahe. In den Archiven, beispielsweise in Kremsier, fand Güttler so manche grandiose Komposition, die er dann in seine Programme aufgenommen hat. Im Jahre 2012 lud der Trompeter erstmals zu dem Konzert „Böhmische Weihnachten“ in die Dresdner Frauenkirche ein, deren Wieder- aufbau übrigens ebenfalls zu einem nicht geringen Anteil dem Drängen und dem beharrlichen Einsatz Güttlers zu verdanken ist. 
Von diesem Konzert stammt nicht nur die Idee, sondern auch ein Teil der Aufnahmen für dieses Album. Es erklingen Werke von Pavel Josef Vejva- novský, Romanus Weichlein, Gottfried Finger, Johann Georg Neruda, nach 1772 Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, August Kerzinger, Johann Heinrich Schmelzer oder Heinrich Ignaz Franz Biber. Ein Teil der Einspielungen stammt aus älteren Jahren, einige werden hier zum ersten Male veröffentlicht. Sehr hübsch ist beispielsweise Schmelzers Hirten- kantate Venite ocius, transeamus usque in Bethlehem. Eine Vielzahl prachtvoller Sonaten und auch ein Concerto bringen dem Weihnachtsfest den Glanz der Trompetenklänge. Güttler-Fans dürfen sich freuen. Die CD endet mit dem Kyrie und dem Gloria aus Bibers monumentaler Missa Alleluja. Diese mehrchörige Komposition, entstanden einst für den Salzburger Dom, setzt einen beeindruckenden, üppigen Schlusspunkt. 

Samstag, 7. Juni 2014

Homilius: Musik an der Dresdner Frauenkirche (Carus)

Zum 300. Geburtstag von Gott- fried August Homilius legt Carus eine Jubiläums-CD vor. Sie enthält eine Auswahl stimmungsvoller Aufnahmen aus Dresden, wo Ho- milius einst zunächst als Organist an der Frauenkirche und später dann als Kreuzkantor wirkte. Die Kruzianer sind zu hören, unter ihrem jetzigen Kantor Roderich Kreile und begleitet vom Dresdner Barockorchester. Die Virtuosi Saxoniae mit dem legendären Trompeter Ludwig Güttler musizieren gemeinsam mit dem Sächsischen Vocalensemble. Mitgewirkt haben zudem zahlreiche renommierte Vokal- und Instrumentalsolisten, wie beispielsweise Organist Friedrich Kircheis, der seit vielen Jahren gemeinsam mit Güttler konzertiert. 
Bei der Zusammenstellung der CD konnte Carus aus seinem reich- haltigen Fundus an Homilius-Aufnahmen schöpfen. Der Verlag und sein Label engagieren sich schon seit längerem stark für den Komponisten und sein Werk. Wenn man heute von einer Homilius-Renaissance spricht, dann ist diese Wiederentdeckung des wohl bedeutendsten protestantischen Kirchenmusikers zwischen Bach und Mendelssohn dem Hause Carus zu verdanken. 

Donnerstag, 17. März 2011

Hasse: Te Deum - Sacred Works (cpo)

Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) war einer der wenigen Komponisten, die in der Zeit zwischen Händel und Haydn überregional bekannt, ja berühmt waren. Hasse stammt aus Berge- dorf bei Hamburg, er gehörte einer weitverzweigten norddeutschen Organistenfamilie an, und wurde zunächst durch seinen Vater unterrichtet. 
1718 debütierte er als Tenor an der Hamburger Oper am Gänsemarkt, ein Jahr später erhielt er ein Enga- gement an der Braunschweiger Hofoper. 1722 reiste Hasse nach Italien: In Neapel nahm er Kompositionsunterricht bei Alessandro Scarlatti und Nicola Porpora. Dort schrieb er auch seine ersten Opern, die sehr erfolgreich waren. Für die Oper Artaserse, erstmals aufgeführt 1730 zum Karneval in Venedig, wurde Hasse weithin gefeiert. Dort lernte "Il divino Sassone"  zudem die als "La nuova Sirena" gefeierte Sängerin Faustina Bordoni kennen - und heiratete sie noch im gleichen Jahr.
Erfolgreich verlief auch ein Gastspiel 1731 in Dresden, wo Hasse seine Oper Cleofide uraufführte. Unter König August III. wirkte der Musiker dann 30 Jahre lang als Hofkapellmeister in Dresden, was sowohl der Kapelle als auch der Oper ausgezeichnet bekam. Hasse und seine Frau wurden großzügig alimentiert, und wenn sich der Hof in Warschau aufhielt, dann hatte das Ehepaar  die Gelegenheit auch zu längeren Auslandsreisen. Hasse hielt sich oft in Venedig auf, wo er seit 1735 ein Haus besaß, und mehrfach als maestro di coro am Ospedale degl'Incurabili wirkte. Auch nach Paris reiste Hasse 1750, auf Einla- dung des französischen Hofes. 
In Dresden endete die Ära Hasse mit dem Siebenjährigen Krieg. 1756 besetzte Friedrich II. von Preußen die Stadt, der Hasse sehr verehrt und oft gemeinsam mit ihm musiziert haben soll. Doch infolge des Kanonenbeschusses brannte am 19. Juli 1760 Hasses Wohnhaus ab, mitsamt den zum Stich vorbereiteten Abschriften seiner gesammel- ten Werke. Der Musiker ging mit seiner Familie nach Wien; unmittel- bar nach dem Tode des sächsischen Königs 1763 wurden die Sängerin und der Hofkapellmeister dann durch dessen Nachfolger entlassen. 
Im Januar 1771 erhielt Hasse von Maria Theresia den Auftrag, anläss- lich der Hochzeit von Erzherzog Ferdinand mit Prinzessin Maria Beatrice d'Este eine Festoper zu komponieren. Ruggiero, als Höhe- punkt des musikalischen Rahmenprogramms der Hochzeitsfeier- lichkeiten vorgesehen, fand aber weit weniger Beifall als das Werk eines Fünfzehnjährigen, das ebenfalls zum Fest erklang: Ascanio in Alba von Wolfgang Amadeus Mozart. Hasse soll daraufhin gesagt haben: „Dieser Knabe wird uns alle vergessen machen.“
Und damit behielt der Komponist Recht. Denn obwohl Hasse gemein- sam mit seinem Freund, dem Librettisten Pietro Metastasio, die Opera seria zur Blüte führte, wird heute faktisch nur noch seine Kirchenmusik gelegentlich aufgeführt. Die meisten dieser Werke schrieb Hasse für den Gottesdienst in der Katholischen Hofkirche zu Dresden.
So auch die Werke auf dieser CD, in deren Zentrum "das" Dresdner Te Deum steht, geschaffen von Hasse für die Weihe der neuen Hofkirche 1751. Es wird flankiert von einer Vertonung der Lauretanischen Litanei sowie Sub tuum praesidium, Tantum ergo und Regina coeli. Zu hören sind das Sächsische Vocalensemble sowie die Batzdorfer Hofkapelle unter Matthias Jung. Obwohl die Mitglieder dieses semi- professionellen Kammerchores durchweg exzellent singen, haben sie sich für diese Aufnahme Verstärkung geholt - Barbara Christina Steude, Sopran, Susanne Langner, Alt, Georg Poplutz, Tenor und Matthias Lutze, Bass. Ihre Stimmen passen sich in den Gesamtklang sehr schön ein, und die Batzdorfer Hofkapelle ergänzt den für Hasse typischen dezenten Orchesterpart. Eine Einspielung von beein- druckender Noblesse, die dieser Figuralmusik sehr gut gerecht wird.