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Montag, 30. November 2020

White Christmas - Calmus Ensemble (Carus)

 


Mit dem stimmungsvollen Weihnachtsprogramm von Calmus startet das Klassikblog in die Adventszeit. Das renommierte Leipziger Ensemble hat dafür eine Liedauswahl zusammengestellt, die die verschiedensten Himmelsrichtungen ebenso einschließt wie die unterschiedlichsten Musiktraditionen. Dennoch wirkt diese Liedfolge sehr harmonisch. Schaut man ins Beiheft, wird man allerdings feststellen, dass nur ein einziges Stück in diesem Jahr aufgenommen worden ist – alles andere war in anderem Kontext schon einmal zu hören. Macht nichts. Calmus erfreut alle Jahre wieder mit kreativen Arrangements und perfektem Ensemblegesang. Bravi! 

Sonntag, 6. September 2020

Schütz: Schwanengesang (Carus)

Der Residenzstadt Dresden war Heinrich Schütz (1585 bis 1672) eng verbunden. Und es waren auch Dresdner, die das Schaffen des langjährigen kursächsischen Hofkapellmeisters aus Archiven wieder zurück in das Bewusstsein der musikliebenden Öffentlichkeit gerückt haben. Heinrich Schütz, ein Schüler von Giovanni Gabrieli, gilt als „Vater der modernen deutschen Musik“. Ebenso wie Scheidt und Schein – deshalb bekannt als „die drei großen Sch“ der miktteldeutschen Musikgeschichte – integrierte er Innovationen aus Italien in die deutsche Musiktradition. Seine Kompositionen begeistern noch heute, denn Schütz ist Meister darin, Texte mit dem Medium Musik auszudeuten. 
Die Neue Schütz-Ausgabe begann in den 50er Jahren, die Werke des Komponisten aus quellenkritischer Perspektive wieder zugänglich zu machen. In den 60er Jahren entstand zudem eine ebenso exzellente wie umfangreiche Einspielung dieser eindringlichen und zumeist geistlichen Werke, getragen vom Dresdner Kreuzchor unter Leitung des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger und seines Nachfolgers Martin Fläming. Das wird kaum ein Zufall gewesen sein; die Kruzianer dürfte inmitten des real existierenden Sozialismus besonders der Bekenntnischarakter von Schütz‘ Musik inspiriert haben. Beteiligt an diesem Projekt war auch die Capella Fidicinia Leipzig, die auf historischen Instrumenten musizierte. 
Für damalige Verhältnisse war das außergewöhnlich. Veröffentlich wurde die Einspielung einst bei dem DDR-Label Eterna – man staunt noch heute darüber, wie unter dem Etikett der Pflege des kulturellen Erbes im Arbeiter- und Bauernstaat eine solche Edition möglich war. 
Dann war es der Musikhistoriker Wolfgang Steude, der sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, die Musik des Dresdner Hofes aus dem Vergessen wieder auf die Bühnen zu holen. Noch heute engagieren sich erfreulich viele Ensembles in der Elbestadt dafür. Steude baute das Dresdner Heinrich-Schütz-Archiv auf, und er war Mitherausgeber des Schütz-Jahrbuches. 
In jüngster Vergangenheit hat sich nun Hans-Christoph Rademann Schütz‘ Kompositionen zugewandt. Mit Blick auf die Veröffentlichung der Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die beim Carus-Verlag erscheint und aufführungspraktisch orientiert ist, hat der renommierte Chordirigent mit dem Dresdner Kammerchor sowie einem handverlesenen Kreis von Gesangs- und Instrumentalsolisten seine Schütz-Gesamteinspielung gestartet. Im Juni 2019 wurde diese mit der 20. und letzten Folge abgeschlossen. 
Mit diesem Projekt verwirklicht Rademann offensichtlich ein Herzensanliegen: „Als ich im Jahre 1975 als Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor Heinrich Schütz erstmals intensiv kennengelernt habe, hatte sich mir noch längst nicht erschlossen, welch ungeheurer Schatz diese Musik ist“, schreibt er im finalen Begleitheft. „Nun, nach Abschluss der Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor, unseren wunderbaren Solistinnen und Solisten sowie den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, bleiben ein ehrfürchtiges Staunen und eine große Dankbarkeit. Alle Mitwirkenden sind ungemein erfüllt und bereichert durch diese Meisterwerke.“ 
Schütz‘ Musik ist einzigartig. Niemand sonst hat Klang und Wort so eng miteinander verbunden: „Musik und Sprache erzeugen bei Schütz eine Welt der Bilder, die nicht nur unser Verstand aufnehmen kann“, formuliert Rademann. „So entsteht die Empfindung einer Klarheit, die man auch als eine Form der Wahrheit oder der Erkenntnis bezeichnen kann.“ 
Nach den Madrigalen und Hochzeitsmusiken, die in Folge 19 zu hören waren, versammelt die abschließende 20. Folge unter dem Titel „Psalmen und Friedensmusiken“ einerseits zum Teil großangelegte Gelegenheitskompositionen sowie Auftragswerke außerhalb des Dresdner Hofs. Andererseits erklingt sehr Persönliches wie beispielsweise der umfangreiche Klagegesang, mit dem Schütz den Tod seiner Frau Anna Magdalena betrauert. Wenn Georg Poplutz dieses Lied singt, meint man, den Komponisten selbst zu hören. 
Besonders erwähnt sei an dieser Stelle zudem die Einspielung des 119. Psalms, in Schütz‘ Todesjahr 1672 veröffentlicht, und das letzte Werk des Komponisten. Dieser sogenannte Schwanengesang, ist Schütz‘ musikalisches Testament. Auch bei diesem Werk ist Rademann eine Interpretation gelungen, die das enge Verhältnis zwischen Wort und Musik deutlich werden lässt. „Die Werke von Heinrich Schütz können uns das geben, was wir gerade in der heutigen Zeit so dringend benötigen: Konzentration, Fokussierung und Ruhe in uns selbst. Sie kann uns die Bibel neu nahebringen und verlebendigt das Wort“, so das Fazit von Hans-Christoph Rademann. „Ich wünsche Ihnen, den Hörerinnen und Hörern unserer Gesamtaufnahme, dass Sie dies für sich entdecken können.“  Dem ist nichts hinzuzufügen. Chapeau! 

Freitag, 20. Dezember 2019

Leipziger Disputation (Carus)

Und gleich noch einmal Musik aus der Zeit der Renaissance. Sie sollte ebenfalls beeindrucken – wenn auch in einem gänzlich anderen Umfeld: Vom 27. Juni bis zum 16. Juli 1519 trafen im Leipzig die führenden Vertreter der Reformation – Martin Luther, Andreas Karlstadt und Philipp Melanchton – auf Johannes Eck, einen ganz entschieden papsttreuen Theologen. Ihr mit aller Vehemenz geführtes Streitgespräch, bei dem wesentliche Unterschiede zwischen katholischer und reformatorischer Lehre offenbar wurden, ist als „Leipziger Disputation“ in die Geschichte eingegangen. 
Das von der Universität Leipzig organisierte Ereignis fand in Anwesenheit Herzogs Georg von Sachsen – ein entschiedener Gegner Luthers – in der Hofstube der Leipziger Pleißenburg statt. Nach der Begrüßung gingen alle Beteiligten zunächst gemeinsam zur Messe in die Thomaskirche, wo natürlich auch der Thomanerchor unter der Leitung des damaligen Thomaskantors Georg Rhau zu hören war. 
Welche Musik damals erklungen ist, mit dieser Frage haben sich nun zwei renommierte A-Cappella-Formationen aus Leipzig beschäftigt: Sowohl Amarcord als auch das Calmus Ensemble haben ihre Ursprünge im Thomanerchor. Miteinander gesungen hatten sie zuvor noch nie. Doch dieses Aufnahmeprojekt haben sie nun gemeinsam verwirklicht – und sie mussten sich zusätzlich Verstärkung dazuholen. 
Denn im Mittelpunkt des Programmes steht die Messe Et ecce terrae motus von Antoine Brumel (um 1460 bis nach 1513). Sie beruht auf den ersten sieben Tönen der gleichnamigen Oster-Antiphon, und gibt auch musikalisch einen Eindruck von diesem Erdbeben. Dieses Werk ist unglaublich kunstvoll, ebenso unglaublich in seiner Wirkung – und es ist zwölfstimmig, hohe Stimmen inklusive, so dass die beiden jeweils fünfköpfigen Ensembles noch die Sopranistinnen Anja Kellnhofer und Isabel Schicketanz mit vor die Mikrophone gebeten haben. 
Komplettiert wird die Messe auf der Carus-CD durch das ebenfalls zwölfstimmige Agnus Dei aus der Missa Tempore Paschali von Nicolas Gombert, sowie Werken von  Johann Walter Thomas Stoltzer, Cipriano de Rore, Josquin des Préz und gregorianischen Gesängen. Mehr als eine Stunde lang lauscht man gebannt dem Gesang, und die beiden Leipziger Vokalensembles geben dazu auch allen Anlass. Ob meditativ-schlichte Gregorianik oder die enorm komplexen Kompositionen von Brumel und Gombert – die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch ihren stets homogenen, traumhaft ausgewogenen Gesang, individuelles Gestaltungsvermögen und sagenhafte Präzision. Ein musikalisches Ereignis! 

Sonntag, 9. September 2018

Florilegium Portense (Carus)

In der Fürstenschule Pforta bei Naumburg war es einst üblich, dass die Schüler vor und nach dem Essen sowie zur Andacht Hymnen sangen. Diese Gesänge in lateinischer Sprache waren eher unkompliziert vierstimmig gesetzt; und beim Singen festigten die Schüler, ganz nebenher, ihre Lateinkenntnisse und sie erwarben ein Gefühl für Rhythmik und Versmaß dieser Sprache. 
Neben dem sogenannten „Kleinen Florilegium“ aus dem Jahre 1606, in dem diese Hymnen gesammelt waren, erschien 1603 noch eine weitere Sammlung geistlicher Gesänge mit dem Titel „Florilegium selectissimarum cantionum“. Diese „Blütenlese der ausgezeichnetesten Lieder“ hat Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) dann noch in zwei weiteren Ausgaben 1618 und 1621 komplettiert. 
Die Edition beruht auf einer Sammlung von Hymnen und Motetten aus Italien, Deutschland, Burgund und den Niederlanden, die teilweise schon Bodenschatz' Lehrer und Amtsvorgänger Sethus Calvisius zusammenge- stellt hatte. Er wirkte zwölf Jahre in „Schulpforta“, bevor er dann 1594 als Thomaskantor nach Leipzig zurückkehrte. 
Noch zu Bachs Zeiten bildete das Florilegium das Kernrepertoire der Thomaner. Erst Thomaskantor Johann Adam Hiller schaffte den „lateinischen Singsang“ ab, und ersetzte ihn durch deutschsprachige Motetten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aber wurde das Florilegium Portense an protestantischen Schulen und von Kantoreien in Mittel- und Norddeutschland genutzt. Heute singen auch die Thomaner wieder Stücke daraus. 
Dass dieser einstige Bestseller ansonsten aus dem Gebrauch gekommen ist, liegt mit daran, dass diese herrlichen Motetten bis zu zehnstimmig sind – was mittlerweile das Leistungsvermögen der meisten Chöre leider weit überschreitet. Das ist durchaus ein Verlust, wie diese CD aus dem Hause Carus zeigt. Das Vocal Concert Dresden hat unter Leitung von Peter Kopp gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden die Sammlung erkundet und zum 400. Jubiläum des Erstdruckes der zweiten Ausgabe, „Florile- gium Portense“, 1618 erschienen und wohl am weitesten verbreitet, Stücke aus allen vier Bänden eingespielt. 
Zu hören sind Werke von Orlando di Lasso, Agostino Agazzari, Giovanni Gabrieli, Hieronymus und Michael Praetorius, Hans Leo Hassler, Sethus Calvisius, Melchior Franck, und etlichen anderen. Auch Erhard Boden- schatz ist mit Quam pulchra es amica mea vertreten. Die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch einen runden, harmonischen Chorklang, aus dem die jeweiligen Solisten ebenso harmonisch heraustreten. Auch die Cappella Sagittariana bleibt dezent; oberstes Ziel ist Ausdruck, und dem ordnet sich alles unter. So ist dies eine außerordentlich gelungene CD, die einen guten Eindruck von der Schönheit jener altertümlichen Werke vermittelt. Meine Empfehlung! 

Freitag, 6. Juli 2018

Scheidt: Cantiones Sacrae (Carus)

Man staunt – doch bei den Werken von Samuel Scheidt (1587 bis 1654) sind offenbar noch immer Welt- ersteinspielungen möglich. Auf dieser CD jedenfalls sind etliche zu finden; und wer die Cantiones Sacrae selbst singen möchte: Die Notenausgaben sind ebenfalls bei Carus verfügbar. 
Ganz einfach allerdings dürfte das nicht werden. Scheidt lässt durchweg doppelchörig musizieren, mit zwei vierstimmigen Chören, die Stimmen gern auch auf einen hohen und einen tieferen Chor verteilt. Musiziert wird prachtvoll nach italienischem Vor- bild, und die Stimmumfänge, vor allem im Sopran und im Bass, werden dabei gehörig ausgereizt. 
Das Athesinus Consort Berlin, geleitet von Klaus-Martin Bresgott, hat damit keine Schwierigkeiten. Die Chorsänger, die vorzugsweise als Doppelquartett agieren, sind Profis, und sie bringen die notwendige Technik mit, um diese Motetten aufs Schönste zu präsentieren. Ergänzend erklingt zudem Die Stimme meines Freudes, eine zweiteilige Motette nach Texten des Hoheliedes und der Sprüche Salomos für zehn Stimmen und Violoncello von Frank Schwemmer (*1961). Dabei handelt es sich um ein Auftragswerk, das eigens für diese CD entstanden ist. Klangflächen und Rhythmisierung zeichnen dieses Werk aus, das einen spannungsvollen zeitgenössischen Kontrast zu Scheidts vom Kontrapunkt getragenen Kompositionen ergibt. 

Montag, 30. April 2018

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Mittwoch, 28. März 2018

Schütz: Johannespassion (Carus)

Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark. 
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt. 
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet. 

Montag, 12. Juni 2017

Luther Collage (Carus)

Luther-Choräle stehen im Mittelpunkt der neuen CD des Leipziger Calmus Ensembles. „Die Luther Collage ist die zweite CD, die wir zum 500jährigen Reformationsjubiläum vorlegen“, schreibt Bariton Ludwig Böhme. Das Album sei „eine in ihrer Besetzung sehr reduzierte, beinahe minimalistische Auseinandersetzung mit den Liedern Martin Luthers.“ 
Dem Kirchenjahr folgend, erklingen sieben Choräle, von Ein feste Burg ist unser Gott bis zu Verleih uns Frieden gnädiglich. Die Sänger haben diesen bekannten Melodien die unterschied- lichsten Versionen aus gut 600 Jahren Musikgeschichte zur Seite gestellt. Zu hören sind beispielsweise die (gregorianischen) Originale, Choralvor- spiele von Max Reger (1873 bis 1916) und von Carl Piutti (1846 bis 1902), und Chorsätze von Heinrich Schütz, Sethus Calvisius, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, oder auch zeitgenössischen Komponisten wie Gunnar Eriksson (*1936) oder Arvo Pärt (*1935). So entsteht rings um jedem Choral ein musikalischer Mikrokosmos, auf den Spuren Martin Luthers. 
Aufgenommen wurde diese Produktion in der Leipziger Thomaskirche. An diesem ganz besonderen Ort dürfen natürlich auch Werke Johann Sebastian Bachs nicht fehlen. Das Vokalquintett erweist sich dabei durch- aus als experimentierfreudig: „Wir übertragen den Luftstrom, der die vielen Register einer Orgel zum klangprächtigen Schwingen bringt auf unsere Stimmen und vokalisieren Orgelmusik“, so Böhme. „Wir reflektieren ebenso den katholischen Ursprung der Choräle, die Martin Luther aus dem Lateinischen in für jedermann verständliches Deutsch übertragen hat, indem wir gregorianische Gesänge einflechten, die lange vor Luthers Zeit entstanden.“ 
Und all das singt das Calmus Ensemble wirklich großartig. Auch technisch ist die Aufnahme ausgezeichnet; die besondere Atmosphäre jener Spät- sommernächte, in denen das Quintett in dem berühmten Kirchenraum gesungen hat, wird so tatsächlich hörbar. 

Samstag, 6. Mai 2017

Praetorius: Gloria sei dir gesungen (Carus)

Choralkonzerte von Michael Praetorius gehören in Konzert- programmen eher zu den Raritäten. Das Ensemble Gli Scarlattisti hat gemeinsam mit der Capella Principale unter der Leitung von Jochen M. Arnold dieses selten gespielte Repertoire erkundet, und einige dieser spannenden Musikstücke nun bei Carus auf CD veröffentlicht. 
Interessant sind die Choralkonzerte des Wolfenbütteler Komponisten aus mehreren Gründen. Zum einen sind sie Zeugnisse des Epochenwechsels von der Renaissance zum Barock, der in allen Bereichen der Kunst deutlich wurde – von der Architektur bis hin zur Musik. Zum anderen nimmt Praetorius in seinen Choralkonzerten Bezug auf die damals aktuellste Musik aus Italien. 
Es wird vermutet, dass er die Werke seiner italienischen Zeitgenossen über Heinrich Schütz kennengelernt haben könnte, mit dem er in Dresden zusammengetroffen ist. Denn selbst nach Rom oder Venedig gereist ist Michael Praetorius nicht. Er erkannte aber den hohen Wert der Innova- tionen aus dem Süden, übernahm Elemente dieses neuen Stils und inte- grierte sie in seine eigenen Werke. So kombinierte er, deutlich erkennbar im Spätwerk, italienische Stilmittel und protestantischen Choral – was die deutsche Kirchenmusik jener Zeit weithin geprägt hat. 
„Wir möchten mit der vorliegenden CD einen großen Querschnitt dieses Œuvres darstellen“, schreibt Jochen Arnold im Begleitheft. „das Haupt- augenmerk gilt dabei – angesichts des bevorstehenden Reformations- jubiläums – den choralbezogenen Werken, namentlich zu Luthers Kirchenliedern.“ So finden sich auf dieser CD auch insgesamt sechs Melodien Luthers, prachtvoll ausgestaltet durch Praetorius' Bearbeitung. Dazu kommen Choralkonzerte auf der Grundlage weiterer bekannter Lieder, wie Nun lob mein Seel, den Herren, Allein Gott in der Höh sei Ehr oder das Deutsche Magnificat, und als Rahmen stehen um das dramatur- gisch geschickt gebaute Programm zwei Konzerte nach populären Liedern von Philipp Nicolai, Wie schön leuchtet der Morgenstern sowie Wachet auf, ruft uns die Stimme

Samstag, 24. Dezember 2016

Euch ist ein Kindlein heut geborn (Carus)

„Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen, weil die lieben Engelein selber Musikanten sein“, reimte einst Martin Luther. Fünf Lieder des Reformators für die Adventszeit und das Weihnachtsfest sind auf dieser CD zu hören – in Bearbeitungen, die von den ersten Kantoren in der Reformationszeit selbst oder aber von der nachfolgen- den Musikergeneration geschaffen worden sind. 
Das Musterbeispiel eines evange- lisch-lutherischen Kantors war ohne Zweifel Johann Walter (1496 bis 1570). Er hatte in Leipzig studiert, und ging nach Torgau, um dort als Sänger und Komponist in der ernestinischen Hofkapelle zu wirken. Nach dem Tode seines Dienstherren, Kurfürst Friedrich der Weise, wurden die Hofsänger aber nicht weiter beschäftigt. Walter blieb dennoch in Torgau; 1526 gründete er die Stadtkantorei, um, ganz im Sinne Luthers, die neue Kirchenmusik aufführen zu können. Dazu kam 1530 noch ein Schulkanto- rat, in dem der Nachwuchs ausgebildet wurde. Damit schuf Johann Walter ein Vorbild, das in vielen anderen Städten kopiert wurde und Generationen von Kantoren prägte; nicht zuletzt durch sein Geystliches GesangkBuch- leyn wurde er quasi zum Urkantor der Reformation. 
Auf dieser CD ist er ebenso vertreten wie viele seiner Kollegen. Denn die Hamburger Ratsmusik unter Leitung von Simone Eckert stellt gemeinsam mit den Sopranistinnen Veronika Winter und Ina Siedlaczek und Tenor Jan Kobow die ausgewählten Lieder jeweils in sehr vielen verschiedenen Versionen vor. Jede Strophe wird anders gestaltet; es erklingen Werke der unterschiedlichsten Komponisten, in verschiedensten Besetzungen vor- getragen, vom schlichten Kantionalsatz bis hin zu komplexen mehrstim- migen Versionen, teilweise auch reinen Instrumentalsätzen. Das alles wird sehr klangschön vorgetragen; wer sich für die Anfänge der evangelischen Kirchenmusik interessiert, der sollte sich diese CD unbedingt anhören. Und auch sonst ist sie ein würdiger Auftakt zum Lutherjahr. 

Samstag, 3. September 2016

Danzi: Der Berggeist (Carus)

Der Berggeist Rübezahl mag Menschen nicht. Zur Strafe für sein rücksichtsloses Benehmen wurde seine Gattin, die mildtätige Nixen- königin Erli, in den Tiefschlaf versetzt – und aufwachen wird sie erst, wenn eine Jungfrau den Zauber löst. Was tun? Rübezahl versucht es mit guten Taten. Er bringt verirrte Wanderer wohlbehalten nach Hause, und übergibt der Tochter obendrein ein Säckel, das ein Vermögen ent- hält. 
Doch das Geld bringt Anne kein Glück, denn ihr Vater hält sich nun für einen reichen Mann, und will die Tochter mit dem Geldgeber verheiraten. Anne ist aber bereits verlobt – und gelobt ihrem Heinrich ewige Treue. Rübezahl hat alle Hände voll zu tun, die Verwicklungen zu lösen, die sich daraus ergeben. Und natürlich geht am Ende die Geschichte, die Franz Ignaz Danzi (1763 bis 1826) in seiner Oper Der Berggeist erzählt, gut aus. 
Danzi wuchs in Mannheim auf. Seine Ausbildung erhielt er durch den Vater, einen exzellenten Cellisten, und durch den berühmten Abbé Vogler. Als die kurfürstliche Hofkapelle nach München umzog, blieb er zunächst in Mannheim. 1784 wurde er in München Nachfolger seines Vaters in der Position des Solo-Cellisten, später stieg er zum Vize-Kapellmeister auf. Nach einer Zwischenstation in Stuttgart wirkte er ab 1812 als Hofkapell- meister in Karlsruhe. 
Auch wenn Danzi heute in erster Linie für seine Instrumentalmusik bekannt ist, war er doch der Oper sehr zugetan und auch ein passionierter Opernkomponist. Der Berggeist oder Schicksal und Treue wurde 1813 im Hoftheater Karlsruhe uraufgeführt. Danzi selbst nannte das Werk eine romantische Oper; allerdings ist diese, anders als beispielsweise Der Freischütz von Carl Maria von Weber, eher durch Ensembleszenen geprägt als durch Arien. Das Übersinnliche ist stets präsent. Und Danzi lässt seine Geister gern dramatisch vom Orchester umwittern, das, bei allen lieblichen Melodien, hier doch eher Farbe liefert. 
Frieder Bernius hat mit Kammerchor und Hofkapelle Stuttgart dieses Opus aus dem Archivstaub erweckt und sich an die Weltersteinspielung gewagt. Die Rollen – und das sind ziemlich viele! – sind solide mit jungen Sängern besetzt, darunter mit Vincent Frisch sogar ein Knabensopran. Fürs heutige Theater wäre die Oper eher nichts, fürchte ich – aber musikhistorisch bedeutsam ist das Werk ohne Zweifel. 

Dienstag, 3. Mai 2016

Bach: Kantaten für Sopran-Solo (Carus)

Mit dem L’Orfeo Barockorchester unter Michi Gaigg hat Dorothee Mields Bachs Kantaten für Solo-Sopran eingespielt. Etwas erstaunt wird man feststellen, dass der Komponist für diese Besetzung offenbar gar nicht viel geschrieben hat: Die Kantate Mein Herze schwimmt im Blut BWV 199 entstand 1714 für den Hofgottesdienst in Weimar. Sie nimmt Bezug auf das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner – insbesondere auf dessen Reue und Demut. 
Ich bin in mir vergnügt BWV 204, 1725 oder 1726 in Leipzig komponiert, singt nach einem Libretto von Christian Friedrich Hunold alias Menander das Lob der Zufriedenheit, die ein genügsamer Mensch gerade dann erlangen kann, wenn er „nicht reich und groß“ ist, und „nichts nach eitlen Dingen“ fragt. Wer der Auftraggeber dieser Gelegenheitskomposition war, ist nicht bekannt. Sie ist allerdings von üppigem Umfang – was angesichts des Themas dann doch schmun- zeln lässt. 
Das dritte Werk dieser Aufnahme ist die Huldigungsarie Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn BWV 1127, adressiert an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Gotha zu dessen 51. Geburtstag im Jahre 1713 – und durch den Bach Experten Michael Maul zufällig 2005 in Weimar entdeckt. Es ist ein hübsches Stück mit Ohrwurm-Potential; vier der zwölf Strophen sind hier zu hören. 
Dorothee Mields singt souverän, begleitet vom L'Orfeo Barockorchester mit einer Gelassenheit, die man sich von so manchem Alte-Musik-Ensemble wünschen würde. Alle Mitwirkenden haben sehr genau in ihre Noten geschaut; es wird mit Sorgfalt ausgeziert und zwar mit Präzision, aber generell in eher großen Bögen gestaltet. Den Musikern geht es bei dieser Aufnahme nicht um Geschwindigkeitsrekorde und um Originalität, und das ist auch sehr gut so. 

Dienstag, 26. April 2016

Schütz: Symphoniae Sacrae III (Carus)

Die Symphoniae sacrae III hat Heinrich Schütz (1585 bis 1672) im Jahre 1650 veröffentlicht; kurz darauf wies er seinen Dienstherrn, den sächsischen Kurfürsten Johann Georg II., in einem Memorial darauf hin, dass ihm die Kräfte schwinden, und bat, dieser möge ihn in „einen etwas geruhigeren Zustandt“ ver- setzen. Schütz war damals 65 Jahre alt, und ging daran, die Bilanz seines Lebens zu ziehen. 
In den Symphoniae sacrae. Tertia pars. bot er noch einmal auf, was Italien an Klangpracht aufzubieten hatte, ergänzt durch seine eigene unnachahmliche Kunst der Textaus- legung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem auch die Hofkapelle einen bedrückenden Niedergang erlebt hatte, so dass Schütz sich mit kleinsten Besetzungen begnügen musste, konnte er nun wieder für eine umfangreiche Schar Favoritsänger nebst konzertierenden Instrumenten, Kapellchor und Basso continuo komponieren. Mit musikalischen Mitteln stellt Schütz auch die bewährte Ordnung wieder her – das Werk beginnt mit Der Herr ist mein Hirte, und endet mit Nun danket alle Gott
Diesem herausragenden Werk hat sich Hans-Christoph Rademann mit seinem Dresdner Kammerchor und dem Dresdner Barockorchester nun im Rahmen der Schütz-Gesamteinspielung bei Carus zugewandt. Als Favoritsänger wirken mit Dorothee Mields, Ulrike Hofbauer und Isabel Jantschek, Sopran, Maria Stosiek, Mezzosopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus, Georg Poplutz und Tobias Mäthger, Tenor, sowie Martin Schicketanz, Bariton, und Felix Schwandtke, Bassbariton. Die Inter- pretation ist ausgesprochen farbenreich und nah am Text, das Ensemble musiziert gekonnt und ausgewogen. 

Freitag, 25. März 2016

Bach: Matthäus-Passion (Carus)

Bachs Matthäus-Passion hat Frieder Bernius mit seinen beiden Ensembles, dem Kammerchor Stuttgart und dem Barockorchester Stuttgart, für Carus neu eingespielt. Diese Edition gibt es in zwei Varianten – als normale CD im Jewel-Case, und als limitierte Deluxe-Ausgabe im SACD-Format. Die Notenedition, die die Grundlage dieser Aufnahme bildet, ist ebenfalls bei Carus erschienen. 
Die Matthäus-Passion gehört zu jenen Werken, die alle Jahre wieder von neuen Formationen mit mehr oder minder neuen Konzepten vorgestellt werden. Vergleicht man die Einspielung, die Bernius nun präsentiert, mit prägnanten Aufnahmen aus früheren Jahren, so wird man ziemlich enttäuscht sein: Glattpolierte Orchesterklänge, lieblos dahingeschluderte Da-capo-Arien, die gähnende Langeweile bereiten – so öde habe ich beispielsweise Ich will dir mein Herze schenken wirklich noch nie gehört – Chöre, die einfach nur laut sind statt eindrücklich, und, als Zugabe, satte Schlussritardandi bei fast jedem Stück. Einziger Lichtpunkt ist Tilman Lichdi in der Partie des Evangelisten. Schade drum! ich hatte mir von dieser exzellenten Besetzung wesentlich mehr erhofft. 

Mittwoch, 16. März 2016

Liszt: Geistliche Chormusik (Carus)

Kann man einen Chor auf- und abregeln, ähnlich wie eine Orgel, bei der man die Crescendo-Walze betätigt? Hans-Joachim Lustig demonstriert auf dieser CD mit seinem Kammerchor I Vocalisti, dass sich mit einem gut trainierten und aufmerksamen Ensemble derartige Klangeffekte durchaus erzielen lassen. Nicht nur dynamisch, sondern auch aus harmonischer Sicht überraschen die geistlichen Chor- werke von Franz Liszt (1811 bis 1886) mitunter. Der Komponist, der nach einem langjährigen Dasein als reisender Virtuose und Liebling der Salons im Alter zum Abbé mutierte, gab den frommen Gesängen mitunter kühne Gestalt – und ansonsten Ausdruck, Ausdruck, Ausdruck. Für heutige Ohren kann dabei durchaus gelegentlich die Kitschgrenze überschritten werden. 
I Vocalisti schwelgen in romantischen Klängen, begleitet von den Orga- nisten Sebastian Borleis und Nikolaj Budzyn, die sich in die Orgelpartien teilen. Zu hören ist die Furtwängler & Hammer-Orgel der Kirche St. Gor- gonius, Niederstöcken. Sie stammt aus dem Jahre 1912, und ist vollständig im Original erhalten. Das klangschöne Instrument wurde 2002 durch die Firma Orgelbau Bente restauriert, und für diese Einspielung passt es wirklich perfekt. Sehr hörenswert! 

Samstag, 5. März 2016

Romantic Moments For Male Choir (Carus)

Wer den ganz besonderen Klang des Männerchores schätzt, der sollte sich diese CD unbedingt anhören: Der Taipei Male Choir (TMC) hat in Zusammenarbeit mit Frieder Bernius eine Kollektion geistlicher Musik aus der Gründer- und Blütezeit der deutschen Männerchor-Bewegung zum Anfang des 19. Jahrhunderts eingespielt. 
Die Qualität dieser Aufnahme ist exquisit; der taiwanesische Männer- chor, der 1997 gegründet wurde und von Nieh Yen-Hsiang geleitet wird, gehört zu den besten Chören der Welt. Er wird zu vielen internationalen Chorfesten eingeladen, hat mit führenden Chorleitern zusammengearbeitet und ist mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden. 
Die Noten-Grundlage für die vorliegende CD lieferte das Paderborner Chor- buch aus dem Carus-Verlag. Selbst Kenner des Männerchor-Repertoires werden im Programm zahlreiche reizvolle Raritäten entdecken. Es beginnt mit Nun ist der laute Tag verhallt von Franz Abt, und enthält unter ande- rem Werke von Franz Liszt, Georg Joseph Abbé Vogler, Peter Cornelius, Carl Stein, Bernhard Klein, Gabriel Fauré und Conradin Kreutzer. 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Distler: Die Weihnachtsgeschichte (Carus)

Hugo Distler (1908 bis 1942) musste sein Leben lang um künstlerischen Freiraum ringen. Der Junge, von seiner Mutter im Alter von vier Jahren verlassen, wuchs bei seinen Groß- eltern auf. Sie kauften ihm ein Klavier und finanzierten ihm den Musik- unterricht sowie eine gute schulische Ausbildung. Durch die Inflation verarmten sie aber, so dass Distler 1925 nicht nur den Tod seiner Großmutter betrauern musste, sondern sich obendrein die private Musikschule nicht länger leisten konnte. Schließlich unterrichtete ihn sein Lehrer unentgeltlich. Nach dem Abitur studierte Distler am Leipziger Konservatorium. Als 1930 auch sein Großvater starb, der ihn trotz großer Armut finanziell unterstützt hatte, musste der junge Musiker aber seine Ausbildung abbrechen und sich eine Arbeit suchen – was zur Zeit der Weltwirtschaftkrise kein leichtes Unterfangen war. 
In dieser Situation half Distler sein Orgellehrer Günther Ramin; auf seine Vermittlung hin wurde Distler Organist derJakobikirche in Lübeck. Dort wirkte er gemeinsam mit Pastor Axel Werner Kühl, einem der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, und Kantor Bruno Grusnick, der mit seinem Lübecker Sing- und Spielkreis etliche Werke Distlers uraufführte. 1937 flüchtete der Musiker, nachdem es Ärger mit der Gestapo gegeben hatte, nach Stuttgart, wo er an der Musikhochschule unterrichtete und zudem Chor und Hochschulkantorei leitete. 1940 wurde er Professor an der Berliner Musikhochschule; im April 1942 übernahm er die Leitung des Berliner Staats- und Domchores. 
In seiner Arbeit erlebte er beständige Behinderungen und Zumutungen durch die Machthaber – vom HJ-Führer, der die Chorbuben zum Dienst befahl, sobald Chorproben angesetzt waren, bis hin zur vaterländischen „Thingspiel-Kantate“, die er in kürzester Frist mit Musik versehen sollte; ein Ansinnen, das Distler nicht abzuweisen wagte. Als er jedoch im Oktober 1942 zum sechsten Male einen Gestellungsbefehl erhielt, der sich diesmal auch nicht abwenden ließ, war es genug: Am 1. November 1942 nahm sich Hugo Distler das Leben. 
Seine Werke geben Zeugnis von Distlers tiefem Glauben. Eine Auswahl seiner Motetten sowie Die Weihnachtsgeschichte op. 10 aus dem Jahre 1933 hat das Athesinus Consort Berlin jetzt bei Carus veröffentlicht. Dort ist übrigens auch die Notenedition dazu verfügbar. 
Das Athesinus Consort Berlin, 1992 von Klaus-Martin Bresgott gegründet, besteht aus professionellen Sängern. Das Ensemble widmet sich mit großer Hingabe anspruchsvollen Projekten, von Musik der Spätrenaissance bis hin zur Uraufführung von Werken zeitgenössischer Komponisten. 
Aus dieser Erfahrung heraus hat sich das Athesinus Consort nun Distlers Werk zugewandt. Diese Musik klingt vertraut, aber die Stimmen sind nur scheinbar simpel geschichtet. Schon bald bemerkt man Bezüge zu großen Vorbildern – beispielsweise in der Motette Also hat Gott die Welt geliebet, die an eine Vertonung des gleichen Textes durch Heinrich Schütz (SWV 380) denken lässt, oder in ganz erstaunlichen Bicinien und Fugen, die alte Formen mit neuem musikalischem Inhalt präsentieren. 
Nicht ohne Grund gehörte Die Weihnachtsgeschichte schon zu Lebzeiten von Hugo Distler zu seinen beliebtesten Kompositionen. Sie ist eines der schönsten A-cappella-Werke des 20. Jahrhunderts für die Advents- und Weihnachtszeit und wird vom Athesinus Consort Berlin ausdrucksstark und engagiert vorgetragen. Und vielleicht trägt diese CD ja dazu bei, dass sich Chöre wieder öfter an Distlers Werke wagen – es lohnt, ganz ohne Zweifel.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Respighi: Lauda per la Natività del Signore (Carus)

Weihnachtliche Musik aus dem
20. Jahrhundert erklingt auf dieser CD mit dem Rundfunkchor Berlin. Hauptwerk dieser Einspielung ist der Lobgesang Lauda per la Natività del Signore von Ottorino Respighi. Klangprächtige Chorpassagen und Soli wechseln; zu hören sind neben den Chorsängern die koreanische Sopranistin Yeree Suh, Kristine Larissa Funkhauser, Mezzosopran, und der Tenor Krystian Adam, sowie das Polyphonia Ensemble Berlin und zwei Pianisten, deren Namen aller- dings nicht zu erfahren sind. Dieses fromme Werk aus den 20er Jahren, inspiriert von „Alter“ Musik, das Anklänge an gregorianische Gesänge mit impressionistischen Klängen kombiniert, dann wieder Formen aus Renaissance und Barock aufgreift, um sie aus dem Geist der Moderne zu spiegeln, wird dirigiert von Maris Sirmais. 

Begleitet wird Respighis Werk durch einige Kompositionen, die man mittlerweile fast als Klassiker der Moderne bezeichnen könnte: Die CD beginnt mit Es ist ein Ros entsprungen in der Version von Sven-David Sandström (*1942), die den berühmten Chorsatz von Michael Praetorius in einen Strom von Tönen und Akkorden einbettet – ein Effekt, als würde man ein vertrautes Bild durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch Maria durch ein Dornwald ging in einer Komposition von Heinrich Kaminski (11886 bis 1946) und Nun komm, der Heiden Heiland in der spannungs- vollen Fassung von Günter Raphael (1903 bis 1960) singt der Rundfunk- chor Berlin, dirigiert von Nicolas Fink. Zu hören sind zudem O magnum mysterium, das Erfolgswerk von Morten Lauridsen (*1943), und die wundervollen Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 

Freitag, 27. November 2015

O heilige Nacht (Carus)

Allenthalben hört man in der Weih- nachtszeit entweder amerikanische Hits, oder aber barocke Klänge. Dass auch die Romantik gelungene Musik zum Fest zu bieten hat, beweist diese CD mit dem exzellenten Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann. Bei ihren Kompositionen haben die Romantiker gern auf „alte“ Melodien zurückgegriffen. Das ist kein Wunder: In einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr zu Fuß oder per Kutsche, sondern zunehmend mit der Eisenbahn reisten, in der Fabriken und Wohnsiedlungen in großer An- zahl neu entstanden sind, und in der die Gaslaterne durch das elektrische Licht abgelöst wurde, hatten die Menschen das Gefühl, dass sich ihr Leben irrwitzig beschleunigt. Da ist die Besinnung auf Traditionen wie eine Rückversicherung; die Suche nach Wurzeln gibt Sinn und Sicherheit. 
Advents- und Weihnachtszeit sind ohnehin Zeiten der Rückschau und der Besinnung. Bei Singen der alten Lieder werden wir auch heute noch Teil einer jahrhundertealten Tradition; die Romantiker haben sich die Werke ihrer Vorfahren angeeignet, indem sie sie kreativ überformt haben. Dafür enthält die vorliegende CD viele Beispiele – man höre nur die Chorsätze des Thomaskantors Gustav Schreck (1849 bis 1918) oder jene vom Max Reger (1873 bis 1916). Ein gutes Drittel dieser romantischen Raritäten erklingen auf dieser CD in Weltersteinspielung; von den allermeisten Werken sind zudem bei Carus auch die Noten erhältlich.

Samstag, 14. November 2015

Motetten der Hiller-Sammlung (Carus)

Johann Adam Hiller (1728 bis 1804), war ein musikalisches Phänomen. Nach einer Ausbildung am Gymna- sium in Görlitz, an der Dresdner Kreuzschule sowie dem anschließen- den Studium an der Universität in Leipzig wurde er 1754 zunächst Hauslehrer beim Grafen Brühl. Doch schon bald war er wieder in Leipzig: 1759 gründete er die erste deutsche Musikzeitschrift, Der musikalische Zeitvertreib. 1763 sorgte Hiller für die Wiederbelebung des wegen des Siebenjährigen Krieges zwischen- zeitlich eingestellten Großen Concerts. Er gründete eine Singschule, aus der berühmte Sängerinnen hervorgingen, sowie die Musikübende Gesellschaft, die zunächst im Apelschen Haus, später dann im Gewandhaus konzertierte. Damit war Hiller der erste Gewandhaus-Kapellmeister. Von 1789 bis 1801 wirkte Hiller zudem als Thomaskantor. 
Hiller hatte enormen Erfolg als Singspielkomponist. Er hatte eine klare Meinung, was gute Musik sei – und vertrat sie auch entschieden. So gab er ab 1776 eine mehrteilige Sammlung Vierstimmige Motetten und Arien von verschiedenen Componisten zum Gebrauche der Schulen und anderer Gesangsliebhaber heraus, zunächst vor allem interessante Werke der Komponistengeneration nach Bach; aus seiner Amtspraxis als Thomas- kantor dann 1791 noch ergänzt um ein sechstes und letztes Heft, das auch liturgische Stücke und Begräbniskompositionen enthielt. Sie stammten fast alle von Hiller. Ansonsten sind etliche Beiträge enthalten vom Dresdner Kreuzkantor Gottfried August Homilius und vom Magdeburger Musik- direktor Johann Heinrich Rolle, sowie Werke des früheren Thomaskantors Gottlob Harrer, von Homilius' Amtsvorgänger Theodor Christlieb Rein- hold, dem Dresdner Organisten Christoph Ludwig Fehre, Johann Gottfried Weiske und Christian Friedrich Penzel, Kantoren in Meißen und in Merseburg. Auch Carl Heinrich Graun, Kapellmeister am Hofe Friedrichs des Großen, ist darin vertreten. 
Die Motetten dieser Komponisten zeugen vom hohen Stand, den die Gattung – die zu Bachs Zeiten nur noch als Gelegenheitskomposition eine Rolle spielte – in der Kirchenmusik zu Hillers Zeiten wieder erlangt hatte. Im Gottesdienst ließ Bach Motetten aus dem Florilegium Portense singen; Hiller hingegen verbannte den „lateinischen Singsang, den Meister Bodenschatz zusammengeschleppt hat“, aus dem Gebrauch der Thomaner. Sein Urteil: „So schlecht und ohne Wahl auch diese Compilation gemacht, so fehlerhaft sie auch gedruckt ist. Resquiat in pace!“ Ein einziges Werk allerdings fand vor dem gestrengen Auge Hillers Gnade, eine Motette von Jacobus Gallus aus dem 16. Jahrhundert. Diese nahm Hiller, in überar- beiteter Form, in seine Kollektion auf. 
Auch das Sächsische Vocalensemble hat sie in seine Auswahl aus Hillers vierstimmigen Motetten und Arien aufgenommen, die jüngst bei Carus erschienen ist. Der renommierte Dresdner Kammerchor, 1996 von Matthias Jung gegründet, zeichnet sich durch seinen schlanken, wasser- klaren Chorklang aus. Die Sängerinnen und Sänger bieten absolute Präzision und beeindruckende klangliche Homogenität. Eines macht die CD deutlich: Mitteldeutschland, mit seiner reichen und vor allem auch breiten Musiktradition, ist immer wieder für Entdeckungen gut.