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Samstag, 5. Februar 2022

Tormenti d'Amore (Querstand)

 

Einen ganz besonderen Schatz präsentieren die Musiker des Ensembles Capella Jenensis unter der musikalischen Leitung von Gerd Amelung, gemeinsam mit dem Countertenor Philipp Mathmann: Musikalien, die Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen bei seiner Reise nach Wien im Jahre 1724 für das Meininger Musikarchiv kopieren ließ. 

Aus dieser bedeutenden Kollektion von 107 Manuskripten mit insgesamt 297 Werken aus dem Wiener Musikleben jener Zeit sind einige Kompositionen auf dieser Doppel-CD zu hören, einige in Weltersteinspielung. So enthält das Programm vier Kantaten, von denen drei ausschließlich im Meininger Archiv überliefert worden sind. Außerdem erklingen zwei Sonaten Johann Adolf Hasses sowie zwei ebenfalls unter seinem Namen publizierte Sinfonien, bei denen Forscher jüngst feststellen konnten, dass sie der Kopenhagener Hofkapellmeister Paolo Scalabrini komponiert hat. 


Sonntag, 15. August 2021

Baroque Gender Stories (Deutsche Harmonia Mundi)


 Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin. 
Für heutige Verhältnisse erscheint das sicherlich irritierend, aber noch im 18. Jahrhundert war es auf der Opernbühne gängige Praxis, dass Kastraten als Königinnen oder Prinzessinnen auftraten, während Frauen in sogenannten Hosenrollen den Part von Helden oder Königen sangen. 

Die Lautten Compagney Berlin gibt gemeinsam mit Mezzosopranistin Vivica Genaux und Countertenor Lawrence Zazzo einen kleinen Einblick in das barocke Verwirrspiel. Auf diesem Album tauscht Vivica Genaux von Arie zu Arie mit Lawrence Zazzo die Rollen: Mal ist sie „primo uomo“ und er „prima donna“, mal umgekehrt. 

So besetzte Georg Friedrich Händel seinerzeit die Titelfigur seiner Oper Serse sowohl mit dem Kastraten-Superstar Caffarelli als auch mit einer Sängerin. Bei dieser Einspielung brilliert in der Partie des Perserkönigs die Mezzosopranistin, während der Countertenor die Rolle von Serses Braut Amastre übernimmt. Die beiden Sänger sind rundum fabelhaft; es ist ein großes Vergnügen, ihnen zuzuhören. 

Das Spiel mit den Geschlechterrollen lässt sich aber noch viel weiter treiben, denn es kommt vor, dass sich Männer als Frauen und Frauen als Männer verkleiden. Ein gutes Beispiel dafür gibt Semiramide riconosciuta, die Geschichte der Königin Semiramis, die als Mann verkleidet über Babylon herrscht. Dummerweise wird sie von ihrem einstigen Geliebten Scitalce erkannt. Auf diesem Album ist dieser Stoff in Vertonungen von Nicola Porpora und Giovanni Battista Lampugnani zu erleben. Johann Adolf Hasse hingegen zeigte in seiner Oper Achille in Sciro, wie sich der Held als Frau verkleidet, um nicht am Trojanischen Krieg teilnehmen zu müssen. 

Auch ansonsten wurde das Programm dieses Doppelalbums mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es finden sich ausgesprochene Raritäten, wie Ausschnitte aus fünf Vertonungen des Siroe – von Händel, Hasse, Baldassare Galuppi, Tommaso Traetta und Georg Christoph Wagenseil, oder Arien aus Orlando furioso von Antonio Vivaldi. Bei jeder Rolle ist in dem sehr informativen Beiheft zudem zu erfahren, wer sie zuerst gesungen hat. 

Ein grandioses Konzept, das zudem erstklassig umgesetzt wird. Denn Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney Berlin begleiten die beiden Sänger aufs Beste. Die Musiker gestalten die einzelnen Stücke absolut stilsicher, und sie reagieren dabei feinsinnig auf die teilweise sehr unterschiedlichen musikalischen Ideen der einzelnen Komponisten. Bravi!

Samstag, 18. Juli 2020

Farinelli - Cecilia Bartoli (Decca)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben. 
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“ 
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend! 

Montag, 18. November 2019

Hasse at Home (Deutsche Harmonia Mundi)

Zur Unterhaltung der Herrschaft in privatem Rahmen erklang einst die Kammermusik. Der kunstsinnige Adel wirkte sogar mit, wenn etwa Triosonaten oder Kammerkantaten vorgetragen wurden – so ist beispielsweise bekannt, dass Friedrich der Große, nachdem er Dresden im Siebenjährigen Krieg kampflos eingenommen hatte, gern mit Johann Adolph Hasse und seiner Ehefrau, der Sängerin Faustina Bordoni, musizierte. 
Werke, die damals erklungen sein könnten, hat das Ensemble Le Musiche Nove unter der Leitung von Claudio Osele auf dieser CD in einem attraktiven Programm zusammengefasst. Neben Kantaten und Arien, gesungen von Sopranistin Veronika Kralova, sind auch eine Flöten- und eine Cembalosonate sowie eine Sinfonia a violoncello solo zu hören. Dabei handelt es sich fast durchweg um Weltersteinspielungen. Die Noten- editionen dafür hat Claudio Osele nach Handschriften erstellt, die sich heute in Mailand, Wien und Berlin befinden. 
Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) schrieb gleich ein ganzes Kapitel Musikgeschichte. Geboren in Bergedorf bei Hamburg, war er in Neapel ebenso präsent wie in Dresden, Wien oder Venedig – und seine Musik war erstaunlich wandlungsfähig. Von frühen Werken, nach dem Vorbild seines Lehrers Alessandro Scarlatti, bis hin zu seinen immer noch innovativen letzten Kompositionen, beinahe schon im Stile der Frühklassik, reicht diese Entwicklung. 
Diese CD macht deutlich, dass Hasse stets herrliche Melodien geschaffen hat; er entführt seine Hörer in idyllische Landschaften, und lässt sie Leidenschaften und Emotionen direkt miterleben. Hasse war ein großer Meister der opera seria – und ihre Mittel verwendet er auch in seinen Konzertarien und Kammerkantaten. 

Dienstag, 21. Mai 2019

Hasse - C.P.E. Bach - Hertel: Cello Concertos (Chaconne)

Berliner werden das nicht gern lesen – aber dass die Stadt heute eine Musikmetropole ist, verdankt sie vor allem auch Künstlern aus Sachsen. Als der preußische Kronprinz Friedrich in den späten 1730er Jahren in Rheinsberg seine Hofkapelle gründete, engagierte er bedeutende Musiker aus Dresden und aus Leipzig. Italien schätzte der König ebenfalls – seinen Hofkapellmeister Graun sandte er dorthin, um Sänger für die Hofoper zu engagieren. 
In Dresden war dies schon sehr lange üblich; es wird daher nicht verblüffen, dass die beiden Hofkapellen sich auch im Repertoire sowie in der Aufführungspraxis sehr nahe standen. Zwar bevorzugte der König selbst die Flöte, doch aus dem Umfeld des Hofes sind auch schöne Konzerte für Violoncello überliefert. Vier Kompositionen stellen Alexander Rudin und das Ensemble Musica Viva, besser bekannt als Moskauer Kammerorchester, auf dieser CD vor. 
Das Cellokonzert von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) entstammt der exquisiten Kollektion des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn in Wiesentheid. Die Handschriften der drei anderen Konzerte sind aus der Sammlung von Johann Jakob Westphal, sie befinden sich heute im Brüsseler Konservatorium. Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), Kammercembalist Friedrich des Großen, schrieb drei Cellokonzerte. Davon ist nur das in a-Moll im Autograph erhalten. Entstanden ist es wahrscheinlich für Ignaz Frantiček Mara, einen böhmischen Violoncello-Virtuosen, der ebenfalls zum Kernpersonal der preußischen Hofmusik gehörte. 
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war ein Schüler von Franz Benda, dem Konzertmeister der preußischen Hofkapelle. Hertel musizierte später in der Hofkapelle von Strelitz, und wirkte als Hofkomponist in Schwerin. In seinen Werken spiegelt er den in Berlin damals üblichen Stil. Seine beiden Konzerte sind auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören. 
Musikalisch ist das alles originell und sehr gefällig; alle vier Konzerte sind dankbare Werke, in denen das Violoncello so recht singen kann. Und wer das Instrument gerne hört, dem bereiten Alexander Rudin und sein hervorragendes kleines Orchester mit dieser Aufnahme große Freude. Einfach genießen, es lohnt sich! 

Sonntag, 19. Mai 2019

Bach & Weiss (Audax)

Sylvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) war königlicher Kammerlautenist am Hofe August des Starken in Dresden. Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) war Thomaskantor in Leipzig. Die beiden Musiker kannten und schätzten sich; gut dokumentiert ist beispielsweise Weiss' Besuch 1739 bei seinem Kollegen in Leipzig. Begegnet sind sich beide aber möglicherweise schon viel früher: 1719 musizierte Weiss am Köthener Hof, wo Bach bis 1723 als Hofkapellmeister wirkte. 
Weiss war zudem mit Bachs Sohn Wilhelm Friedemann Bach befreundet, der 1733 Organist der Dresdner Sophienkirche wurde, und er unterstützte auch die Bewerbung Carl Philipp Emanuel Bachs als Cembalist am preußischen Hof. Insofern ist es eine ausgezeichnete Idee des Geigers Johannes Pramsohler und des Lautenisten Jadran Duncumb, Werke beider Musiker auf einer CD zu vereinen. 
Im Zentrum dieser Einspielung steht die Suite in A-Dur BWV 1025, die der Musikwissenschaft so manches Rätsel zu lösen gibt. Sie ist in zwei Handschriften überliefert; eine davon hat Bach begonnen, doch dann setzt eine andere Schreiberhand fort. Und am Ende der ersten Seite mit dem Beginn der Cembalo-Stimme ist dann auf einmal der Violinpart notiert; außerdem finden sich wohl Spuren von einem Streichbass, was auf eine Triosonate hindeuten könnte. Eine komplette Version hingegen bietet eine Abschrift, die Carl Philipp Emanuel Bach 1749 angefertigt hat. Der Cembalo-Part dort ist identisch mit einer Suonata in einem Dresdner Notenband, der ansonsten ausschließlich Kompositionen von Weiss enthält. 
„Spielt man jedoch die Lautensonate aus dem Dresdner Manuskript alleine, bleibt sie ein schwer verständliches Werk“, schreiben die beiden Musiker im Geleitwort zu dieser CD. „Es trägt die Markenzeichen von Weiss – mit den idiomatischen Tricks, die er benutzt und seine typischen harmonischen Sequenzen, die ganz anders als jene Bachs klingen. Wenn man sich Sätze wie Courante, Menuet und Sarabande ansieht, überrascht es aber, wie wenig sie von Weiss' üblichem Sinn für Humor und Virtuosität zeigen.“ 
Möglicherweise haben Bach und Weiss diese Suite gemeinsam geschaffen. Wir werden es aufgrund der Quellenlage sicherlich nicht mehr herausfinden, aber wir können uns an diesem Werk erfreuen – zumal dann, wenn es so versiert vorgetragen wird wie von diesen beiden exzellenten Musikern. Pramsohler und Duncumb präsentieren zudem jeweils noch ein weiteres Stück der beiden Komponisten: Von Sylvius Leopold Weiss erklingt die Suite in a-Moll für Laute, und von Bach die Partita II in d-Moll BWV 1004. 
Wer noch mehr Lautenmusik vom Dresdner Hof hören möchte, dem sei an dieser Stelle noch eine weitere CD empfohlen – Jadran Duncumb stellt, ebenfalls bei Audax, Werke von Weiss und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) vor. Brillante Lautenmusik, sehr gut gespielt. 

Freitag, 8. Juni 2018

Baroque Twitter (Deutsche Harmonia Mundi)

Nein, es geht ausnahmsweise einmal nicht um Mobiltelefone und Kurz- nachrichten. Die Imitation von Vogelgesängen gehört vielmehr zu den beliebten Sujets der Barockzeit. Dass es aber derart viele barocke Arien und Konzerte gibt, die vom Gezwitscher geprägt sind, das ist wirklich erstaunlich. 
In diesem Blog haben wir bereits mehrfach Alben vorgestellt, die sich den kunstvoll imitierten Vogel- gesängen widmen. Nuria Rial und Maurice Steger haben nun gemeinsam mit dem Kammer- orchester Basel eine CD eingespielt, die zu weiteren Entdeckungen einlädt. Die spanische Sängerin und der Flötenvirtuose begeistern mit einem sorgsam zusammengestellten Programm, das neben einigen bekannten Werken auch etliche Kostbarkeiten enthält, die bislang in Archiven geschlummert haben. 
So erklingen neben Arien von Andrea Stefano Fiorè, Leonardo Vinci, Francesco Gasparini, Pietro Torri, Tomaso Albinoni, Johann Adolf Hasse, Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti – teils mit, teils ohne Flötenpart – auch Sonaten und Konzerte von Francesco Mancini, Charles Dieupart und Antonio Vivaldi. 
Der schlanke, bewegliche Sopran von Nuria Rial harmoniert dabei aufs Beste mit dem Klang von Stegers Blockflöten. Und das Kammerorchester Basel, geleitet von seinem Konzertmeister Stefano Barneschi, ist den beiden Solisten ein kongenialer Partner. Hinreißend! 

Dienstag, 29. Mai 2018

Hasse: Arcadian Cantatas (Pan Classics)

Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) war einer der berühmtesten Opern- komponisten seiner Zeit, und Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi (1698 bis 1782), besser bekannt unter seinem Künstler- namen Metastasio, war der unangefochtene Star unter den Librettisten. Er schuf nicht nur mehr als 25 Texte für Opern, sondern auch Textvorlagen für ungezählte andere Werke. Besonders zur Geltung kam seine Kunst in der Kammerkantate – quasi eine Oper en miniature, bestimmt für die privaten Gemächer der Aristokratie, in der Virtuosen ihre Kunst auf höchstem Niveau demonstrierten. 
Hasse hat immer wieder Texte von Metastasio vertont. Die beiden Künstler waren befreundet, und sie waren wohl auch Geistesverwandte. Davon jedenfalls zeugen die berückend schönen Kammerkantaten, von denen diese CD eine Auswahl vorstellt. Für heutige Gemüter ist es etwas gewöhnungsbedürftig, die Seufzer und Klagelieder von verliebten Märchenbuch-Schäfern, beheimatet in einer Traumlandschaft, anzuhören – aber die Schönheit dieses Arkadien bezaubert noch immer. Und der italienische Countertenor Filippo Mineccia verfügt über Technik und Timbre, um diese Gesänge elegant vorzutragen. 
Das Ensemble Il gioco de' Matti begleitet ihn dabei nicht nur. Guilia Barbini, Traversflöte, Federico Toffano, Violoncello, Giulio Quirici, Theorbe, und Francesco Corti, Cembalo, gestalten musikalische Bilder von hoher Brillanz. Hinreißend! 

Mittwoch, 11. April 2018

Ludwig Güttler - Edition Europa (Berlin Classics)

In Vorbereitung auf den 75. Ge- burtstag, den Ludwig Güttler im Juni feiert, hat Berlin Classics nun eine Vier-CD-Box veröffentlicht. Sie fasst noch einmal Werke zusammen, die dem berühmten Trompeter besonders wichtig sind. Das liegt nicht allein an ihrer musikalischen Qualität. Ebenso bedeutsam findet Güttler einen ganz anderen Aspekt der Musik: Sie führt Europa zusammen – und das schon seit Jahrhunderten. 
Unbeeindruckt von politischen Ent- wicklungen, reisten Musiker durch die Lande. Sie lernten voneinander, sie korrespondierten miteinander, und sie tauschten ihre Werke aus. So spielte das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart unter anderem in Italien, in Paris und in London. „Reisen bereichern Persönlichkeit und Personalstil und wirken so auf die Arbeit des Komponisten an jedem Ort weiter“, unterstreicht Ludwig Güttler. Doch ein Musiker musste nicht unbedingt den mühsamen Weg über die Alpen antreten, um von seinen italienischen Kollegen zu lernen. 
Als Beispiel führt Güttler Johann Sebastian Bach an, der sich bekanntlich längere Zeit in Norddeutschland aufhielt – aber Vivaldis Konzerte mit Hilfe von Partituren erkundete, die sein Weimarer Dienstherr aus Italien mitgebracht hatte. Auch Georg Philipp Telemann war mit der italienischen Musik bestens vertraut, ohne jemals in Italien gewesen zu sein. Seine weiteste Reise führte nach Paris; seine erste Anstellung hatte er in Polen. All diese Eindrücke und Einflüsse spiegeln sich in seinen Werken. 
Gefördert wurde dieser Austausch durch den Adel Europas. In dem Bestreben, dem jeweiligen Hof Glanz zu verleihen und damit das eigene Renommée zu stärken, wetteiferten die Herrscher darum, die besten Musiker zu engagieren. Talente aus dem eigenen Land schickten sie zur Ausbildung bei berühmten Kollegen. So kam der Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel zu Antonio Vivaldi nach Venedig, und der Kontrabassist Jan Dismas Zelenka nach Wien, wo er Kontrapunkt und Komposition bei Johann Joseph Fux studierte. 
Musikalisch war Europa schon früh vereint – diese Botschaft vermittelt der Trompeter Ludwig Güttler mit einer Auswahl an Einspielungen, die viele Facetten des kulturellen Austausches hörbar werden lässt. Dabei reicht diese Edition von Bach und dessen Zeitgenossen Vivaldi, Telemann, Pisendel, Zelenka, Neruda und Hasse über Haydn und Mozart bis hin zu Antonín Dvořák, der freilich bis nach Amerika reiste. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Kapitel europäischer Geschichte. 

Dienstag, 9. Januar 2018

Cantata per Flauto (Tyxart)

„Singen ist das Fundament zur Music in allen Dingen. Wer die Composition ergreifft / muß in seinen Sätzen singen. Wer auf Instrumenten spielt / muß des Singens kündig seyn. Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein“, reimte einst Georg Philipp Telemann. Über Jahrhunderte betonten Musiker wie Musiktheoretiker, dass auch für Instrumentalisten die Imitation der menschlichen Stimme das Ideal darstellt.
Auf dieser CD singt nun Tabea Debus mit ihren Blockflöten. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. So beginnt die CD mit einer Cantata per Flauto von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783). Dieser beherrscht es in der Tat großartig, seine Stücke sanglich zu gestalten – kein Wunder, denn er war mit Faustina Bordoni verheiratet, einer berühmten Opernsängerin, für die Hasse auch komponierte.
Zwei Stücke von Adam Jarzębski erweisen sich als Diminuitionen, kunst- volle Auszierungen von Gesangsstücken. Außerdem bietet das Programm Variationen über ein Lied des englischen Lautenisten John Dowland von Jacob van Eyck, Konzerte von Domenico Natale Sarro und Georg Philipp Telemann, An Evening Hymn von Henry Purcell sowie zwei zeitgenössische Kompositionen von Calliope Tsoupaki und Thorsten Töpp. Diese lassen dann auch die Musiker singen.
Die junge Blockflötistin Tabea Debus musizierte bei diesem Aufnahme- projekt gemeinsam mit Hongxia Cui, Katrin Ebert, Kerstin Fahr, Barock- violine, Johanna Brückner, Barockviola, Lea Rahel Bader, Barockcello und Viola da gamba, Niklas Sprenger, Kontrabass, Kohei Ota, Theorbe und Barockgitarre sowie Johannes Lang, Cembalo und Orgel. Schon an dieser umfangreichen Liste ist zu ersehen, dass dieses Ensemble weit mehr leistet, als nur einen Continuo-Part. Sie machen diese CD ausgesprochen abwechslungs- und farbenreich; allerdings wünscht man sich gelegentlich etwas mehr Sensibilität von begleitenden Streichern, damit die Flöte gebührend zur Geltung kommt. 

Montag, 10. Oktober 2016

Serpent & Fire (Alpha)

Dido und Cleopatra, literarische Figuren, die noch nach Jahr- hunderten Maler, Dichter und Komponisten inspirierten, hat die Sopranistin Anna Prohaska zum Mittelpunkt dieser CD erkoren. Cleopatra war die letzte Königin des Pharaonenreiches. Um ihre Herrschaft zu sichern, verbündete sie sich mit den Römern, insbesondere mit Gaius Iulius Caesar und, nach dessen Ermordung, mit dem Feldherrn Marcus Antonius. Als dieser von Octavian geschlagen wurde, folgte sie mit ihm in den Tod; die Legende besagt, dass sie sich von einer Schlange beißen ließ. 
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont. 
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres! 

Mittwoch, 15. Juni 2016

Bach - Hasse (Accent)

„Opposites attract“, steht als Motto über dieser CD. Es ist jedoch ein Irrtum, wenn man annimmt, dass den Leipziger Thomaskantor und den Dresdner Hofkapellmeister nichts verbindet. Auch wenn Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) seinen Ruhm in erster Linie der italienischen Oper verdankte, so stammte er doch aus einer norddeutschen Organisten- dynastie – und hat ohne Zweifel ebenfalls die dementsprechende Ausbildung erhalten. 
Wer sein Werk kennt, der weiß, dass Hasse ein exzellenter Cembalist gewesen ist. Zu Recht ist er berühmt für die Eleganz seiner Musik, die auf vordergründige Virtuosität verzichtet, aber dennoch höchst effektvoll Stimmen in Szene zu setzen versteht, und zudem die Klangfarben der verschiedenen Instrumente gekonnt zur Geltung bringt. 
Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) hatte sich um die Hofkapell- meisterstelle ebenfalls beworben. Den Kurfürsten konnte er aber nicht überzeugen: Er war weder katholisch, noch hätte er seinem Dienstherrn mit italienischen Opern aufwarten können – und Hasse brachte aus dem Süden obendrein noch Ehefrau Faustina Bordoni mit, seinerzeit eine der berühmtesten Sängerinnen Europas. Bach hingegen war niemals in Italien; allerdings kannte er die italienische Musik sehr gut, er hatte wichtige Werke gründlich studiert. 
Hasses Musik schätzte Bach durchaus; er fuhr sogar nach Dresden, um dort in der Hofoper „hübsche Liederchen“ zu hören, wie er Hasses Arien genannt haben soll. Blockflötist Stefan Temmingh und Countertenor Benno Schachtner haben nun auf einer CD die Musik der beiden Zeitge- nossen nebeneinander gestellt. Es erklingen Instrumentalmusik und Kantaten bzw. Arien aus Kantaten von Bach und Hasse. Diese Kombina- tion erweist sich durchaus als reizvoll, denn sie gibt den beteiligten Musikern – unter dem Namen The Gentleman's Band wirken noch Wiebke  Weidanz an Cembalo, Lautenclavier und Truhenorgel sowie Domen Marinčíč, Viola da gamba und Violoncello, mit – Gelegenheit, ziemlich unterschiedliche Facetten von Barockmusik aufzuzeigen. 
Dabei sind einige Entdeckungen zu verzeichnen; vor allem das bislang einzige bekannte Werk von Hasse für Solo-Blockflöte, eine Cantata per flauto gänzlich ohne Sänger, ist in der Tat spektakulär. Stefan Temmingh berichtet im Beiheft, dass ihn der Musikwissenschaftler Johannes Pausch darauf aufmerksam gemacht und ihm das Manuskript zugeschickt habe. Musiziert wird, wie bei dieser Besetzung nicht anders zu erwarten, brillant. 

Samstag, 28. November 2015

Die Ludwig Güttler Edition - Die Highlights des sächsischen Barock (Berlin Classics)

Ludwig Güttler, geboren 1943 in Sosa im Erzgebirge, ist nicht nur ein grandioser Trompetenvirtuose. Er ist zudem unermüdlich in seinem Enga- gement, wo er dieses erforderlich sieht – sei es beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, oder aber bei der Wiederentdeckung des Repertoires der berühmten Dresdner Hofkapelle. 
Güttler hat in Leipzig bei Armin Männnel studiert, und war dann zunächst beim Händel-Festspiel- orchester in Halle/Saale engagiert, später dann als Solotrompeter an der Dresdner Philharmonie. Er unterrichtete an der Musikhochschule in Dresden sowie beim alljährlichen Internationalen Musikseminar in Weimar. Sein besonderes „Steckenpferd“ ist die Musik des 18. Jahrhun- derts. Mit der hochgestimmten Piccolotrompete spielt er Partien, die seinerzeit für Clarinbläser geschrieben worden waren. Auch für das Corno da caccia hat Güttler gemeinsam mit dem Leipziger Instrumentenbauer Friedbert Syhre eine Alternative geschaffen, die modernen Spielkomfort bietet; im Original soll das Corno da caccia allerdings obertonreicher geklungen haben. 
1985 gründete Ludwig Güttler das Ensemble Virtuosi Saxoniae, in dem vor allem Mitglieder der Dresdner Staatskapelle musizieren. Mit diesem Kammerorchester pflegt der Trompeter seitdem die europäische Musik- kultur des 18. Jahrhunderts, wie sie sich im Repertoire der sächsischen Hofkapelle widerspiegelt. Dabei hat er viele Werke wieder zugänglich gemacht, die in Vergessenheit geraten waren. 
Zum 30jährigen Bestehen dieses renommierten Ensembles hat Berlin Classics nun eine umfangreiche Edition zum günstigen Preis heraus- gebracht. Sie versammelt auf 25 CD alle wesentlichen Aufnahmen der Virtuosi Saxoniae, die in den Jahren nach 1990 enstanden sind. So erklingen die Brandenburgischen Konzerte und die Orchestersuiten von Bach, dazu eine Auswahl an Kantaten, die Johannes-Passion und natürlich das Weihnachtsoratorium. Dazu gib es geistliche Musik, beispielsweise von Johann Adolf Hasse, Johann David Heinichen oder Jan Dismas Zelenka, sowie eine Vielzahl origineller Konzerte aus dem Umfeld des Dresdner Hofes. 
Die Liste der Mitwirkenden ist lang und ausgesprochen illuster; sie reicht von Dagmar Schellenberger bis zu Christiane Oelze, und von Olaf Bär bis hin zu Peter Schreier, von Andreas Lorenz, Oboe, über Eckart Haupt, Flöte, bis hin zu Güttlers langjährigem Wegbegleiter Friedrich Kircheis an Orgel und Cembalo, und von den Hallenser Madrigalisten bis zum Concentus Vocalis Wien. 

Dienstag, 24. November 2015

Sospiri d'amanti (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Mandoline gilt heute weithin als ein Instrument für Freaks; lange Zeit hatte sie ihre Nische entweder in Folkbands, oder aber im Zupfinstru- mentenorchester. Dabei wurde die Mandoline einst sogar bei Hofe gespielt. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble Artemandoline unter der Leitung von Juan Carlos Muñoz gemeinsam mit der Sopranistin Nuria Rial Musik aus jener Zeit. 
Um 1750 stand die italienische Oper beinahe in ganz Europa hoch im Kurs – lediglich in Frankreich konnte sie sich nicht durchsetzen. Doch von Neapel bis Wien und von Madrid bis nach St. Petersburg dominierte Musik aus Italien. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich die Mandoline zu einem populären höfischen Instrument. Sie erklang in Konzerten und Serenaden ebenso wie in der Oper, in Kantaten, ja selbst in Oratorien. Man kann davon ausgehen, dass eine enorme Menge Gesangsstücke, die durch eine Mandoline begleitet werden, spätestens mit dem Beginn der Romantik dem Archivschlaf anheimgefallen sind.  
Das ist ein Verlust, wie diese CD beweist. Artemandoline hat für diese Aufnahme nicht nur zwei hinreißende, virtuose Concerti per mandolino von Carlo Arrigoni (1697 bis 1744) und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) herausgesucht, sondern auch jede Menge hörenswerte Arien von namhaften Komponisten von Johann Joseph Fux über Antonio Caldara, Georg Friedrich Händel bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart, überwie- gend in Weltersteinspielungen. Musiziert wird gekonnt und mit Hingabe; Nuria Rial begeistert mit ihrem strahlenden, schlank geführten Sopran bei exzellenter Textverständlichkeit. 

Sonntag, 18. Oktober 2015

del Signor Hasse - Works for Flute (Es-Dur)

Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) hat nicht nur für die Singstimme und für das Cembalo wundervolle Musik geschrieben. Er mochte offenbar auch die Flöte, wie diese CD zeigt – und in der Tat wurde kein anderes Instru- ment von Hasse mit derart vielen Konzerten und kammermusikali- schen Werken bedacht. Die Flötistin Imme-Jeanne Klett hat eine Auswahl getroffen und stellt auf ihrer zweiten CD bei Es-Dur gemeinsam mit den Musikern des Elbipolis Barock- orchesters Hamburg gekonnt einige der Konzerte und Sonaten vor. 
Erstmals auf CD zu hören sind dabei das Konzert in G-Dur, op. 3.7, die Sonate in d-Moll op. 1,11 sowie zwei Duo-Sonaten des englischen Kom- ponisten Robert Valentine (1674 bis nach 1735). Sie sind als Nr. 7 und Nr. 8 der VIII Sonates pour deux flutes im Jahre 1735 bei Le Cène in Amsterdam als Werke Hasses erschienen, aber sie waren bereits um 1720 in einem anderen Verlag publiziert worden – mit korrekter Autorenangabe. Valentine wirkte als Flötist, Oboist und Komponist in Rom; so musizierte er mehrfach im Palazzo Ruspoli. Es wird angenommen, dass er um 1730 nach England zurückgekehrt ist; belegen lässt sich das aber nicht, ebenso wenig wie andere Überlegungen, die den Musiker 1735 bei Locatelli in Amsterdam vermuten. Seine Duo-Sonaten sind wirklich Kabinettstück- chen; Imme-Jeanne Klett hat die beiden Werke mit Nele Lamersdorf eingespielt. 

Sonntag, 26. Juli 2015

La Dresda galante (Klanglogo)

Zwei sächsische Herrscher haben die Residenzstadt Dresden geprägt bis zum heutigen Tage: Friedrich August I. (1670 bis 1733), bekannt als August der Starke, orientierte sich am französischen Vorbild. Sein Sohn Friedrich August II. (1696 bis 1763) liebte die Kunst und Musik Italiens, die er auf seiner Kavalierstour kennengelernt hatte. Auf dieser Reise in den Jahren 1615/16 begleiteten ihn Dresdner Hofmusiker, und so lautete das Motto seiner Regierungszeit auch in der Hofkapelle „Venedig statt Versailles“. 
Musik aus jenem sagenhaften Augusteischen Zeitalter hat das Zürcher Barockorchester für diese CD zusammengetragen. Werke von Antonio Vivaldi, Johann Adolf Hasse, Wilhelm Friedemann Bach, Giovanni Alberto Ristori und Johann David Heinichen erklingen, wobei die Instrumentalisten von der Sopranistin Miriam Feuersinger unterstützt werden. Mit ihrer klaren Stimme kann die Sängerin herrliche weite Bögen gestalten; Koloraturen liegen ihr weniger. Die zwölf „Alte“-Musik-Spezialisten um Konzertmeisterin Renate Steinmann und den Cembalisten Jermaine Sprosse musizieren gekonnt und farbenreich. 

Freitag, 3. April 2015

Praetorius: Complete Organ Works (cpo)

Das Orgelwerk von Michael Praeto- rius (1571 bis 1621) stellt Friedhelm Flamme auf diesen beiden CD vor. Der Sohn eines Pfarrers wuchs in Torgau und Zerbst auf, und bereits 1585 begann er an der Viadrina in Frankfurt/Oder mit dem Studium der Theologie. Von 1587 bis 1591 war Praetorius dort Organist an der St. Marienkirche. 1594 wurde er Kammerorganist des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig und Lüneburg. Dieser residierte nicht nur in Wolfenbüttel, sondern auch auf Schloss Gröningen bei Halber- stadt, und ließ ab 1592 durch David Beck eine große Orgel in seiner Schlosskapelle errichten. Eingeweiht wurde sie 1596 durch einen „Organi- sten-Convent“, zu dem, teilweise aus großer Entfernung, immerhin 54 bedeutende Organisten anreisten. 
1604 wurde Praetorius zum Hofkapellmeister des Herzogs ernannt. Nach dem Tode seines Dienstherren im Jahre 1613 finden wir ihn am kursäch- sischen Hof in Dresden. Er reiste wahrscheinlich sehr viel – belegt sind Aufenthalte beispielsweise in Sondershausen, Kassel, Magdeburg, Nürnberg, Leipzig und Bayreuth. So wirkte der Musiker als Organisator, Dirigent, Musikberater und Diplomat an verschiedenen Orten. Außerdem komponierte er fleißig; überliefert sind zahlreiche Werke, sowohl Kirchen- musik als auch weltliche Klänge. Wie er daneben noch Unmengen an Briefen sowie sein dreibändiges Syntagma musicum, das als erstes Handbuch der Musikwissenschaft überhaupt gilt, schreiben konnte, das lässt uns heute sehr staunen. 
Wenn man Praetorius heute zumeist nur noch als Urheber des bekannten Chorsatzes zu Es ist ein Ros' entsprungen sowie vom Quempas-Singen kennt, dann ist das zu bedauern. Spätestens nach dem Anhören der vorliegenden Einspielung wird man sich auf die Suche nach weiteren Aufnahmen machen. Da dürfte so manche Überraschung warten. Denn der Komponist gehörte jener Musikergeneration an, die versuchte, den deutschen protestantischen Choral mit dem italienischen Madrigal zu verknüpfen, um dadurch eine wesentlich tiefgründigere Textausdeutung zu erzielen. Aus der Vokalmusik leitet Praetorius zudem die Formen für seine Orgelmusik ab; so entwickelt er aus der Choralbearbeitung die ebenso umfangreiche wie ausdrucksstarke Choralmotette. Schlichte homophone Sätze umstrickt er kreativ mit Kontrapunktik und figurativem Zierrat, und niemals gehen ihm dabei die Ideen aus. So wird die Orgelmusik dieses Großmeisters auch nie langweilig, egal, wie lang die Stücke sind. 
Flamme musiziert an der Treutmann-Orgel in der Klosterkirche St. Georg zu Grauhof. Dieses Instrument wurde 1737 von dem Magdeburger Orgelbauer Christoph Treutmann vollendet. Es vereint Elemente sowohl aus der nord- als auch der mitteldeutschen Tradition, und wurde 1989-92 durch die Firma Hillebrand, Altwarmbüchen bei Hannnover, grundlegend restauriert. Flamme nutzt die reiche Palette an Klangfarben, die ihm dieses Instrument zur Verfügung stellt, gekonnt. Und weil die wenigen erhaltenen Orgelwerke von Michael Praetorius die beiden Silberscheiben nicht ganz füllen, ergänzt der Organist das Programm noch durch die kleineren Orgelgesamtwerke von David Abel, Johann Bahr, Jakob Bölsche, Petrus Hasse I und II, Wilhelm Karges, Hieronymus Praetorius III, Andreas Werckmeister und Melchior Woltmann. Wer sich für norddeutsche Orgelmusik interessiert, der kommt an dieser Einspielung jedenfalls nicht vorbei. 

Montag, 1. Dezember 2014

Hasse: Bella, mi parto (MDG)

Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) gehörte einst zu den großen Stars, insbesondere der Opernwelt. Der Musiker, der aus Bergedorf bei Hamburg stammt, wurde 1718 als Tenor Mitglied des Ensembles der Hamburger Oper am Gänsemarkt. In Italien studierte er dann den aktuellen Opernstil sozusagen an der Quelle. Und als sein Lehrer Alessandro Scarlatti starb, gelang es ihm, die entstandene Lücke zu füllen: Innerhalb weniger Jahre wurde Hasse zu einem der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit.
Von Neapel und Venedig bis nach Dresden und von London bis Warschau erklang Hasses Musik. Selbst in Spanien waren seine Arien bekannt und beliebt; sie gehörten zu jenen Stücken, die der Kastrat Farinelli täglich für den schwermütigen König Philipp V. sang. Doch Hasse schuf nicht nur Opern. Seine Zeitgenossen schätzten ihn auch wegen seiner Instrumen- talmusik und seiner Kammerkantaten. 
Wer sie heute aufführen möchte, der steht allerdings vor dem Problem, dass nur wenige dieser Werke im Druck erschienen sind. Die meisten Kantaten Hasses sind nur in Form von Abschriften überliefert, verfasst von den unterschiedlichsten Kopisten und verstreut über halb Europa. 
Das Ensemble Musica Alta Ripa hat nun einige dieser Raritäten gekonnt bei Dabringhaus und Grimm eingespielt. Drei Solokantaten des Kompo- nisten für Altus trägt Kai Wessel vor; zudem erklingt ein wenig Kammer- musik. Besonders angetan hat es mir das charmante Konzert für Solo-Mandoline, zwei Violinen und Basso continuo. Auch wenn vermutet wird, dass Hasse diese Musik für das Musizieren im privaten Kreise geschrieben hat – es ist wundervolle Musik, und der Komponist sorgt geschickt dafür, dass der zarte Klang der Mandoline gebührend zur Geltung kommt. Sehr gelungen!  

Montag, 1. September 2014

Rokoko - Hasse Opera Arias (Decca)

Johann Adolf Hasse (1699 bs 1783) sei „the most natural, elegant and judicious composer of vocal music“, lobte einst Charles Burney, weitgereist und wohl der führende Musikschriftsteller seiner Generation. „Equally a friend of poetry and the voice, he discovers as much judgment as genius, in expressing words, as well as in accompanying those sweet and tender melodies, which he gives to the singer“, schwärmte Burney. „Always regarding the voice as the first object of attention in an theatre, he never suffocates it, by the learned jargon of a multiplicity of instruments and subjects; but is as careful of preserving its importance as a painter, of throwing the strongest light upon the capital figure of his piece.“ 
Zu Lebzeiten war Hasse ein Star, er wirkte in Italien sowie an den Höfen in Dresden und in Wien. Umso erstaunlicher ist es, dass der Komponist und seine Werke keine hundert Jahre später vergessen waren. In den letzten Jahren erst wird seine Musik schrittweise wiedentdeckt. Dazu trägt nun auch Countertenor Max Emanuel Cencic mit seiner CD Rokoko bei. Das Ensemble Armonia Atenea unter George Petrou begleitet den Sänger nicht nur bei virtuosen Arien, die Spezialisten für „Alte“ Musik haben zudem auch ein Mandolinenkonzert Hasses eingespielt. 

Donnerstag, 24. Juli 2014

El Maestro Farinelli (Deutsche Grammophon)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Farinelli, gehörte zu den großen Stars unter den Kastraten. Der Sänger war ein Schüler von Nicola Porpora. Er wurde in Italien ebenso gefeiert wie in Wien oder in London. 1737 reiste Farinelli nach Spanien. Dort sang er dann ausschließlich für den schwermütigen König Philipp V. Nach dem Tode des Monarchen 1746 machte ihn sein Nachfolger Ferdinand VI. zum künstlerischen Direktor der Theater an den Palästen in Madrid und in Aranjuez. Farinelli brachte das Musikleben bei Hofe in Schwung und auf den aktuellen Stand. 
Für diese CD hat Pablo Heras-Casado mit Unterstützung durch den französischen Musikwissenschaftler Olivier Fourés aus den wenigen noch erhaltenen Handschriften ein Programm zusammengestellt, das zeigt, was das bedeutete: Natürlich erklangen bei Hofe die Werke Porporas, doch auch Johann Adolf Hasse oder Niccoló Jommelli waren in den Programmen präsent. Hierzulande wenig bekannt ist José de Nebra (1702 bis 1768), ein Komponist, der viele Zarzuelas schrieb – die spanische Version der Oper. Auf der CD mit Werken vertreten sind zudem Nicola Conforto (1718 bis 1793), Francesco Corradini (um 1690 bis 1769), Tommaso Traetta (1727 bis 1779) und Juan Marcolini, ein Komponist, von dem man nicht viel mehr als den Namen weiß. Das Programm enthält zudem eine Kuriosität: Die Sinfonia Fandango Wq 178 von Carl Philipp Emanuel Bach beweist, dass spanische Musik um 1750 sogar in Preußen en vogue war. 
Und natürlich dürfen bei all den Orchesterwerken dann die Gesangs- stücke doch nicht ganz fehlen. Countertenor Bejun Mehta singt ein Duett aus einer Zarzuela von José de Nebra – wobei er beide Partien übernimmt – sowie eine jener Arien, die Farinelli einstmals all- abendlich für den depressiven Herrscher vorgetragen haben soll. Das Ensemble Concerto Köln musiziert unter Pablo Heras-Casado in bewährter Qualität.