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Sonntag, 30. Juni 2013

Mahler: Symphonies 2, 4, 7 & 9 / Das Lied von der Erde; Klemperer (EMI Classics)

„Gustav Mahler empfiehlt Herrn Klemperer als einen hervorragend guten und trotz seiner Jugend schon sehr routinierten Musiker, der zur Dirigentenlaufbahn prä- destiniert ist. - Er verbürgt sich für den guten Ausfall eines Versuches mit ihm als Kapellmeister und ist gern bereit, persönlich nähere Auskunft über ihn zu erteilen.“ Die Karte mit dieser Empfehlung trug Otto Klemperer (1885 bis 1973) ein Leben lang bei sich.
Sein großes Talent fiel schon früh auf. Aus heutiger Sicht kann man sich so etwas für eine studentische Aushilfe kaum vorstellen – aber Klemperer dirigierte breits mit 21 Jahren mehr als fünfzig Mal Offenbachs Orpheus in der Unterwelt in der berühmten Inszenierung durch Max Reinhardt. 1907 spielte er dann Gustav Mahler aus einem selbst angefertigten Klavierauszug der Auferstehungssinfonie vor. Der Komponist zeigte sich begeistert – und Klemperer standen plötzlich alle Türen offen.
1933 floh er in die USA. Als er 1946 aus dem Exil zurückkehrte, konnte der Dirigent an seine frühen Erfolge nicht anknüpfen: Der maestro galt als schwierig, als unberechenbar und exzentrisch. Walter Legge gewann den 67jährigen schließlich für das Label EMI. Damit begann eine künstlerische Partnerschaft, der wir einige groß- artige Aufnahmen verdanken. Denn das Philharmonia Orchestra kam mit dem Dirigenten gut zurecht. „Seine Absicht war, die Wahrheit zu finden“, erinnert sich der Produzent. „Musikalität, Rhythmus, solider Klang, feste Tempi, genaue Notenwerte und texturelle Klarheit waren alles, was er verlangte.“
Das prägte auch Klemperers Mahler-Einspielungen. Man wisse, ur- teilte 1967 der Kritiker Ronald Crichton, was man erwarten könne: „big outlines, rock-like rhythms, structure before detail, no lingering by the wayside, no attempt to soften or blend the crystal-clear and often searing orchestration“.
Klemperers Mahler-Verehrung war jedoch höchst selektiv, wie seine Werkauswahl zeigt. An erster Stelle steht nicht nur in dieser CD-Box die Sinfonie Nr. 2, auch als Auferstehungssinfonie bekannt – hier zu hören mit Elisabeth Schwarzkopf und Hilde Rössl-Majdan. Elisabeth Schwarzkopf ist auch die Solistin in der Sinfonie Nr. 4. Die zweite CD enthält zudem eine Auswahl an Orchesterliedern in einer Aufnahme mit Christa Ludwig aus dem Jahre 1964.
Eingespielt hat Klemperer zudem 1968 Mahlers siebente und 1967 die neunte Sinfonie. Den Abschluss der Sechs-CD-Box macht Das Lied von der Erde mit Christa Ludwig und mit dem legendären Tenor Fritz Wunderlich. Allein diese Besetzung würde ausreichen, um die Auf- nahme zu einer Kostbarkeit zu machen.

Freitag, 30. Juli 2010

Lehár: Die lustige Witwe / Das Land des Lächelns (EMI Classics)

Die Operette gilt gemeinhin als die kleine, etwas alberne Schwester der großen, gewichtigen Oper - doch oftmals erweist sich gerade die "leichte Muse" für die Musiker als eine schwierige Aufgabe.
Franz Lehár komponierte etliche Operetten, und er war damit nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er sie mit einem Augenzwinkern schrieb. Das Land des Lächelns beispielsweise holte einst das ferne China ins Stadttheater. Lehár lieferte den perfekten Soundtrack zum Traum des Bürgers von exotischen, fremden Welten - heute würde er wahrscheinlich Filmmusik schreiben. Und was bei dieser Operette die ironischen Zitate zur Chinoiserie, das ist bei der Lustigen Witwe der Tanz, der alle und alles überwältigt. Die Komödie um die schwer- reiche Hanna Glawari, die unbedingt einen Landsmann heiraten soll, damit ihr Vermögen im - ansonsten von der Pleite bedrohten - Lande bleibt, reiht Hit an Hit. Und bei der Orchestrierung bediente Lehár sich fröhlich bei den Innovationen, die zeitgleich im Konzertsaal und auf der "ernsthaften" Opernbühne ausprobiert wurden. 
Wenn solche Perlen des Repertoires dann noch mit einer erstklassi- gen Besetzung aufwarten, dann kann Operette durchaus zum Musik- erlebnis werden. So auch im Falle der vorliegenden CD-Box, die gleich zwei Höhepunkte des Genres zusammenfasst - in Einspielungen aus dem Jahre 1953, man mag es beim flüchtigen Hören kaum glauben, so frisch klingt nicht zuletzt das Philharmonia Orchestra unter Otto Ackermann. 
Und selbst die Sänger leisten sich kaum Manierismen, wie man sie heutzutage mitunter noch auf der Bühne erleben muss. Das wird nicht verwundern, denn das Ensemble ist wirklich erstklassig. Es singen Elisabeth Schwarzkopf (Lisa/Hanna Glawari), Nicolai Gedda (Prinz Sou-Chong/Camille de Rossilon), Erich Kunz (Gustl/Graf Danilo- witsch) und Emmy Loose (Mi/Valencienne) sowie Otakar Kraus, Anton Niessner und Josef Schmidinger. Das alles macht die Ein- spielung zum Ereignis. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, die beiden Operetten schon einmal in besseren Aufnahmen gehört zu haben.

Sonntag, 11. Juli 2010

Strauss: Capriccio (Naxos)

Eine grandiose Aufnahme von Ri- chard Strauss' Oper Capriccio, aufgenommen im Jahre 1958 - eigentlich eines der Kronjuwelen von EMI, erschienen nun bei Naxos in der Reihe Great Opera Recordings.
Strauss' letzte Oper gilt manchem als Langweiler: Keine süffigen Klänge, wie im Rosenkavalier. Auch das Textbuch sprüht nicht gerade vor Geist und Witz. Und die Handlung besteht überwiegend darin, dass Leute auf der Bühne herumlaufen und sich unterhalten. Es geht freilich um nichts geringe- res als um eine künstlerische Grundsatzfrage: Was ist wichtiger für das Gelingen einer Oper - das Libretto oder die Komposition? 
In diesem Falle ist die Frage einfach zu beantworten: Ein exzellentes Sängerensemble! Denn bei dieser Aufnahme singen die Sänger nicht nur ihre Partien; sie verkörpern - im Wortsinne - ihre Figuren, und sind zudem überwiegend ganz hervorragend zu verstehen. Die Be- setzung lässt keine Wünsche offen: Elisabeth Schwarzkopf als Gräfin, Nicolai Gedda als Musiker Flamand und Dietrich Fischer-Dieskau als Poet Oliver; dazu Eberhard Wächter als Graf und Hans Hotter als La Roche. Auch die kleineren Partien sind bestens besetzt; zu hören sind unter anderem Christa Ludwig, Anna Moffo und Karl Schmitt-Walter. Es spielt das Philharmonia Orchestra unter Wolfgang Sawallisch; kleiner Scherz am Rande: Der Dirigent ist auch zu hören - als Diener. Bariton.

Sonntag, 28. März 2010

Orff: Der Mond / Die Kluge (EMI Classics)

Zwei köstliche Stücke von Carl Orff nach Märchen der Gebrüder Grimm in wundervollen histori- schen Aufnahmen. Da ziehen vier Gesellen in die Fremde, und in einem Nachbarland erleben sie erstmals den Mond. Weil der so praktisch ist, beschließen die Burschen, ihn zu stehlen und mit nach Hause zu nehmen. Das gelingt auch. Doch dann beschließt jeder von ihnen, "sein" Viertel mit ins Grab zu nehmen.
In der Unterwelt aber ist das Licht nicht willkommen, denn es weckt die Toten auf und sorgt für Unruhe - bis schließlich Petrus höchstselbst die Ordnung wieder herstellt. Orff nutzt die Geschichte, um allerhand Trubel zu inszenieren; es hat da neben den vier Burschen und dem Petrus noch einen Erzähler in bester Evangelisten-Tradition (sehr hörenswert: Rudolf Christ), schwungvolle Musik und großartige Chöre. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1957. Es singen der Philharmonia Chorus and Children's Chorus, und es spielt bei beiden Werken das Philharmonia Orchestra unter Wolfgang Sawallisch.
Die Rolle des Erzählers übernimmt in Die Kluge das Volk, bestehend vor allem aus drei Vagabunden. Die Besetzung ist erstklassig. So ist als clevere Bauerntochter Elisabeth Schwarzkopf zu hören, ihren Vater singt Gottlob Frick. Prolog und Epilog spricht Orff höchstpersönlich - in seiner Gegenwart wurde 1956 Die Kluge eingespielt, so dass man davon ausgehen darf, dass die Aufnahme seinen Intentionen entspricht. Das Märchen ist bekannt. Auffällig ist, dass die scheinbar naiv erzählte Geschichte ziemlich schrill orchestriert ist - und dass Orff den König ziemlich bissig charakterisiert. Das Werk wurde 1943 in Frankfurt uraufgeführt. So harmlos wie Der Mond erscheint es nicht.