Da wir gerade bei Martin Rummel und seinem Engagement für Cello-Lehrwerke sind, folgt gleich noch eine weitere CD des renommierten Cellisten, der derzeit übrigens als Rektor der School of Music an der Universität Auckland in Neuseeland tätig ist: Eine Aufnahme mit den 20 Etüden op. 11 von Joseph Merk aus dem Jahre 2008 hat Rummel kürzlich bei seinem Label Paladino Music wiederveröffentlicht.
Einige Werke von Joseph Merk (1795 bis 1852), darunter die Fleurs d'Italie, eine Folge von Fantasien über Motive aus Opern Donizettis und Verdis, hatte Rummel gemeinsam mit dem Pianisten Roland Krüger bereits für Naxos eingespielt. Die Etüden sind für Zuhörer sicherlich ein wenig mühsamer als Valses brillantes, aber man wird feststellen, dass Merk selbst diese Übungsstücke, an denen Musiker ihre Technik schulen, erstaunlich ansprechend und auch abwechslungsreich gestaltete.
Ursprünglich wollte Merk Geiger werden. Doch dann biss ihn ein Hund so unglücklich, dass er den linken Arm nicht mehr korrekt benutzen konnte. Und so wechselte er zum Violoncello. Unterrichtet wurde der junge Musiker von Philipp Schindlöcker, dem Solocellisten der Hofoper. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde Merk ebenfalls in dieses Orchester aufge- nommen; später wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, Kammervirtuo- se und Professor am Wiener Konservatorium.
Er gab Konzerte in Österreich, in Deutschland und Italien, aber in erster Linie blieb der Cellist Wien verbunden. Der Kritiker Eduard Hanslick schrieb über Merk, er sei als „fleißiger Concertgeber unermüdlich und stets von der Sympathie des Publikums getragen.“ Auch als Musikpäda- goge war Merk ziemlich erfolgreich – und für den Gebrauch im Unterricht schrieb er zwei Bände Etüden. Die 20 Etüden op. 11 sind vermutlich in den 1820er Jahren entstanden und Franz Schubert, mit dem Merk befreundet war, gewidmet.
Außerhalb Wiens gerieten sie „rasch in Vergessenheit, obwohl darin die klassische Logik des Violoncellospiels nach Jean Louis Duport doku- mentiert ist“, bedauert Rummel. Mit seiner Einspielung sowie einer Notenedition bei Bärenreiter will er das ändern: „Besonders diese 20 Etüden verdienen einen Standardplatz in der Ausbildung eines jeden Cellisten.“
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Dienstag, 1. Mai 2018
Donnerstag, 11. Januar 2018
Popper: High School of Violoncello Playing op. 73 (Paladino Music)
Wenn man diese Aufnahmen hört, dann will man es kaum glauben: Was Martin Rummel hier spielt, das sind Etüden – und zwar hochgradig vertrackte. David Popper (1843 bis 1913) gehört zu den besten Cellisten aller Zeiten. Er begann seine Karriere als Orchestermusiker; 1868 wurde er Solocellist der Wiener Philharmoniker. Doch schon bald waren seine Konzertverpflichtungen so umfangreich, dass er diese Stelle wieder aufgab.
Auch als Komponist war Popper sehr erfolgreich; doch nachdem er dann an die Königliche Akademie für Musik in Budapest berufen wurde, konzentrierte er sich vor allem darauf, seine Studenten zu unterrichten, und sie bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten. Zu diesem Zweck schrieb er in den Jahren 1901 bis 1905 jene 40 Etüden, die dann als Hohe Schule des Violoncellospiels op. 73 bekannt geworden sind.
„Sie sind die erste Sammlung von Etüden für unser Instrument,die den neuen Anforderungen des Repertoires und der konstanten Verbesserung der Spieltechnik in jener Zeit gerecht werden“, erläutert Rummel, der übrigens auch die Neuausgabe dieser Werke bei Bärenreiter als Herausgeber betreut hat. „Die Großtat besteht aus meiner Sicht darin, sich in jeder Etüde auf ein oder zwei technische Schwierigkeiten zu konzentrieren (..) Dieselbe kompositorische und instrumentale Geschicklichkeit, die Popper in vielen seiner für das Konzertleben geschriebenen Stücke zur Erzeugung von musikalischen oder virtuosen Effekten beweist, nützt er in der Hohen Schule des Violoncellospiels an vielen Stellen, alles möglichst vertrackt oder unbequem zu schreiben – lediglich das Ziel im Auge, den Spieler möglichst umfassend mit allen denkbaren Schwierigkeiten, die weniger celloerfahrene Komponisten ausbrüten könnten, zu konfrontieren.“
Auch als Komponist war Popper sehr erfolgreich; doch nachdem er dann an die Königliche Akademie für Musik in Budapest berufen wurde, konzentrierte er sich vor allem darauf, seine Studenten zu unterrichten, und sie bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten. Zu diesem Zweck schrieb er in den Jahren 1901 bis 1905 jene 40 Etüden, die dann als Hohe Schule des Violoncellospiels op. 73 bekannt geworden sind.
„Sie sind die erste Sammlung von Etüden für unser Instrument,die den neuen Anforderungen des Repertoires und der konstanten Verbesserung der Spieltechnik in jener Zeit gerecht werden“, erläutert Rummel, der übrigens auch die Neuausgabe dieser Werke bei Bärenreiter als Herausgeber betreut hat. „Die Großtat besteht aus meiner Sicht darin, sich in jeder Etüde auf ein oder zwei technische Schwierigkeiten zu konzentrieren (..) Dieselbe kompositorische und instrumentale Geschicklichkeit, die Popper in vielen seiner für das Konzertleben geschriebenen Stücke zur Erzeugung von musikalischen oder virtuosen Effekten beweist, nützt er in der Hohen Schule des Violoncellospiels an vielen Stellen, alles möglichst vertrackt oder unbequem zu schreiben – lediglich das Ziel im Auge, den Spieler möglichst umfassend mit allen denkbaren Schwierigkeiten, die weniger celloerfahrene Komponisten ausbrüten könnten, zu konfrontieren.“
Samstag, 3. Januar 2015
Chopin: Complete Etudes; Rittner (MDG)
„Die technische Fertigkeit, die Präzision eines Automaten, wird jetzt als das Höchste gepriesen und gefeiert“, so schrieb einst Heinrich Heine. „Wie Heuschreckenscharen kommen die Klaviervirtuosen jeden Winter nach Paris, weniger um Geld zu erwerben, als vielmehr um sich hier einen Namen zu machen, der ihnen in anderen Ländern desto reichlicher eine pekuniäre Ernte verschafft.“
Wer Klavier spielen lernt, der übt dieses an Trainingsstücken, soge- nannten Etüden, die üblicherweise dafür komponiert worden sind, dem Schüler jeweils über eine bestimmte technische Klippe zu helfen. Das können Werke großer Meister sein, ein gutes Beispiel dafür gibt Clementis Gradus ad parnassum. Es können aber auch peinliche Klimpereien sein, die man absolviert, wie man Turn- übungen eben hinter sich bringt.
Frédéric Chopin gehörte zu den ersten Musikern, die Etüden öffentlich spielten. Eine neue Gattung entstand – die Konzertetüde, mit der ein Solist seine technische Meisterschaft demonstrieren kann. Chopin allerdings versah seine Werke obendrein mit einem Fünkchen Poesie, und begeisterte damit sein Publikum in den Pariser Salons. All seine Nachfolger, und davon gab es eine Menge, mussten sich an diesem Vorbild messen lassen.
Hardy Rittner hat sämtliche Etüden Chopins bei Dabringhaus und Grimm eingespielt. Das schließt auch die Trois nouvelles Etudes von 1893 mit ein; sie sind offenbar für den Unterricht entstanden und längst nicht so eindrucksvoll wie ihre brillanten Schwestern, die Etudes op. 10 und op. 25. Diese lässt Rittner funkeln und leuchten; er scheut kein Pathos, und kann auch zupacken, wo dies angebracht ist. Obwohl Chopin die Instrumente von Pleyel bevorzugte, hat Rittner für diese Einspielung einen Flügel des Wiener Klavierbauers Conrad Graf aus dem Jahre 1835 ausgewählt. Ein baugleiches Instrument hatte Chopin während seiner Aufenthalte in Wien gespielt und sehr gelobt. Und noch ein anderes Argument, so Rittner, spricht für den ausgewählten Flügel: „Seine dynamische Bandbreite, die trotz der konservativen Bauweise überraschend viel Brillanz und Klangvolumen ermöglicht“, erläutert der Pianist. „Gleichzeitig lassen sich durch das Vorhandensein eines Moderator- sowie Doppel-Moderator-Pedals, worüber viele andere Instrumente dieser Zeit schon lange nicht mehr verfügen, auch zarteste Farben höchst individuell gestalten.“
Wer Klavier spielen lernt, der übt dieses an Trainingsstücken, soge- nannten Etüden, die üblicherweise dafür komponiert worden sind, dem Schüler jeweils über eine bestimmte technische Klippe zu helfen. Das können Werke großer Meister sein, ein gutes Beispiel dafür gibt Clementis Gradus ad parnassum. Es können aber auch peinliche Klimpereien sein, die man absolviert, wie man Turn- übungen eben hinter sich bringt.
Frédéric Chopin gehörte zu den ersten Musikern, die Etüden öffentlich spielten. Eine neue Gattung entstand – die Konzertetüde, mit der ein Solist seine technische Meisterschaft demonstrieren kann. Chopin allerdings versah seine Werke obendrein mit einem Fünkchen Poesie, und begeisterte damit sein Publikum in den Pariser Salons. All seine Nachfolger, und davon gab es eine Menge, mussten sich an diesem Vorbild messen lassen.
Hardy Rittner hat sämtliche Etüden Chopins bei Dabringhaus und Grimm eingespielt. Das schließt auch die Trois nouvelles Etudes von 1893 mit ein; sie sind offenbar für den Unterricht entstanden und längst nicht so eindrucksvoll wie ihre brillanten Schwestern, die Etudes op. 10 und op. 25. Diese lässt Rittner funkeln und leuchten; er scheut kein Pathos, und kann auch zupacken, wo dies angebracht ist. Obwohl Chopin die Instrumente von Pleyel bevorzugte, hat Rittner für diese Einspielung einen Flügel des Wiener Klavierbauers Conrad Graf aus dem Jahre 1835 ausgewählt. Ein baugleiches Instrument hatte Chopin während seiner Aufenthalte in Wien gespielt und sehr gelobt. Und noch ein anderes Argument, so Rittner, spricht für den ausgewählten Flügel: „Seine dynamische Bandbreite, die trotz der konservativen Bauweise überraschend viel Brillanz und Klangvolumen ermöglicht“, erläutert der Pianist. „Gleichzeitig lassen sich durch das Vorhandensein eines Moderator- sowie Doppel-Moderator-Pedals, worüber viele andere Instrumente dieser Zeit schon lange nicht mehr verfügen, auch zarteste Farben höchst individuell gestalten.“
Freitag, 24. Mai 2013
Chopin Études - Jan Lisiecki (Deutsche Grammophon)
Der kanadische Pianist Jan Lisiecki spielt Chopin schon sehr lange. Als er sechs Jahre alt war, gab ihm seine Klavierlehrerin eine erste Etüde. Mit 13 Jahren spielte er in Warschau zur Eröffnung des Festivals Chopin i Jego Europa das f-Moll-Konzert, ein Jahr später das e-Moll-Konzert. „These are works I could play in the middle of the night and feel extremly comfor- table with – every note has its place“, sagt der junge Musiker, dessen Familie ursprünglich aus Polen stammt. Nun hat er für die Deutsche Grammophon die 12 Étu- des op. 10 und die 12 Études op. 25 eingespielt. Die meisten Kritiker feiern ihn dafür; es fiel sogar das Wort „Genie“.
Das erscheint etwas übertrieben – aber die CD ist in der Tat sehr gelungen. Hört man Lisiecki, dann fällt erst auf, wie bemüht originell und wie unmusikalisch so manche andere Aufnahme ist. Bei dem jungen Pianisten hingegen steht nicht Virtuosität, sondern die Musik an sich im Mittelpunkt. Lisiecki strebt nicht nach Geschwindigkeits- rekorden, er spielt Chopin klar strukturiert, durchhörbar und geradezu altmodisch beseelt. Gern zitiert Lisiecki den Komponisten: „Every single note had to sing; and after all the work, the goal should be simplicity – because, for Chopin, that was the crowning reward of art. Those two remarks reflect the essence of his music – pure beauty. That’s why I love Chopin’s works.“ Und das hört man auch. Unbedingte Empfehlung!
Montag, 31. Oktober 2011
Chopin: Scherzi - Etudes - Mazurkas (Supraphon)
Der tschechische Pianist Ivan Moravec hat 1989 in den USA Chopins Scherzi sowie zwei Etüden und vier Mazurken für das Label Dorian eingespielt. Die Aufnahmen fanden im Saal der Troy Savings Bank statt - einem Raum, der nach dem Urteil von Fachleuten über die beste Akustik in Amerika verfügt. Die Liste der Pianisten, die dort musizierten, ist lang und sehr beachtlich.
Dennoch sind es das Können und die überragende Persönlichkeit des Prager Musikers, die diese CD so einzigartig machen. Viele Jungstars haben, zumal im Chopin-Jubiläumsjahr, Aufnahmen dieser und anderer Werke von Chopin vorgelegt. Natürlich ist ihre Technik brillant, doch wer Moravec hört, der erkennt, dass Fingerfertigkeit zwar eine notwendige, aber lang keine hinreichende Voraussetzung dafür ist, diese Stücke gut zu spielen.
Bei Moravec hat man den Eindruck, dass Chopins Musik unter seinen Händen neu entsteht. Er spielt jedes Stück mit einer Hingabe und Innigkeit, die atemlos lauschen lässt. Dabei gelingt es ihm stets, über dem Moment, der Improvisation und dem musikalischen Detail nicht den Blick auf die Struktur, auf den großen dramatischen Bogen zu verlieren. Das ist ganz große Klavierkunst. Und es ist schön, dass das tschechische Label Supraphon diese grandiose Aufnahme nun wieder zugänglich macht.
Dennoch sind es das Können und die überragende Persönlichkeit des Prager Musikers, die diese CD so einzigartig machen. Viele Jungstars haben, zumal im Chopin-Jubiläumsjahr, Aufnahmen dieser und anderer Werke von Chopin vorgelegt. Natürlich ist ihre Technik brillant, doch wer Moravec hört, der erkennt, dass Fingerfertigkeit zwar eine notwendige, aber lang keine hinreichende Voraussetzung dafür ist, diese Stücke gut zu spielen.
Bei Moravec hat man den Eindruck, dass Chopins Musik unter seinen Händen neu entsteht. Er spielt jedes Stück mit einer Hingabe und Innigkeit, die atemlos lauschen lässt. Dabei gelingt es ihm stets, über dem Moment, der Improvisation und dem musikalischen Detail nicht den Blick auf die Struktur, auf den großen dramatischen Bogen zu verlieren. Das ist ganz große Klavierkunst. Und es ist schön, dass das tschechische Label Supraphon diese grandiose Aufnahme nun wieder zugänglich macht.
Freitag, 31. Dezember 2010
Chopin: Etudes; Backhaus (Profil)
"Nicht nur die Mutter, sondern alle meine sieben Geschwister spielten Klavier", erinnerte sich Wilhelm Backhaus (1884 bis 1969). "Während die älteren Schwestern und Brüder übten, hörte ich ihnen aufmerksam zu und als ich dann ein Kinderklavier erhielt, ein kleines Instrument mit sieben Tönen, studierte ich mir ganz allein einfache Melodien ein, die ich auf dem großen Klavier nachzuspielen versuchte, was mir auch keinerlei Mühe verursachte. Noch bevor ich in die Schule kam, hatte ich lesen gelernt, anhand einer bebilderten Lesefibel, und nun war ich auch in der Lage, mir durch sogenannte musikalische Unterrichtsbriefe die Notenkenntnis anzueignen. Als ich also mit sechseinhalb Jahren Klavierunterricht erhielt, war ich bereits über die Anfangsgründe hinaus. Ich spielte ohne Schwierigkeit vom Blatt und ein besonderes Vergnügen bereitete es mir, Transponierungen vorzunehmen, also statt Cis-, C-Dur zu spielen und dergleichen."
Der Leipziger Musikverleger Erst Wilhelm Fritzsch war auf das Talent des Jungen aufmerksam geworden, und brachte Backhaus zu seinem Schwager, Professor Alois Reckendorf vom Leipziger Konserva- torium, der den Knaben prüfte - und sich dann dazu bereit erklärte, ihn zu unterrichten. Mit zehn Jahren wurde Backhaus offiziell Student des Konservatoriums; mit 14 Jahren beendete er die Schule und wechselte nach Frankfurt/Main, wo er bei Eugen d'Albert weiter lernte, und wohl auch bei Alexander Siloti. Im Oktober 1899 gab er in Leipzig seinen ersten eigenen Klavierabend. Viele weitere Konzerte weltweit folgten - bis zu 134 pro Saison zählte Backhaus einmal, "aber ich sträube mich mit Händen und Füßen dagegen, jemals wieder in die Nähe dieser Ziffer zu kommen".
1928 spielte Wilhelm Backhaus die Études op. 10 und op. 25 von Frédéric Chopin ein. Das Label Profil Edition Günter Hänssler hat nun, quasi zum Finale des Chopin-Jahres 2010, ein Remastering dieser legendären Uralt-Aufnahme vorgelegt - ein Weihnachtsgeschenk für alle, die Chopins Musik lieben. Denn Backhaus' Interpretation dieser Konzertetüden kann es mühelos mit allen anderen Aufnahmen aufnehmen, die der Musikmarkt derzeit bietet. Der Pianist spielt die schwierigen Werke flüssig und präzise, ausdrucksstark und mit einer Noblesse, die beeindruckt. Kaum zu glauben, aber dies bleibt wohl auch nach mehr als 80 Jahren die Referenzaufnahme. Grandios!
Sonntag, 25. Juli 2010
Andersen: Etudes and Salon Music (Naxos)
Der dänische Flötist Carl Joachim Andersen (1847 bis 1909) muss ein Phänomen gewesen sein. Ausgebil- det von seinem Vater, trat er im Alter von 13 Jahren erstmals öffentlich auf. Er war zunächst Erster Flötist im Musikvereins-Orchester Kopenhagen unter Niels Gade, spielte ab1868 in der König- lichen Hofkapelle und ging dann erst nach St. Petersburg, später nach Berlin. Dort war er Soloflötist an der Königlichen Oper. 1882 ge- hörte er zu den Gründungsmitglie- dern des Berliner Philharmonischen Orchesters, die der Soloflötist mitunter auch dirigierte.
Nachdem er krankheitsbedingt seine Stellung bei den Berliner Phil- harmonikern aufgeben musste, kehrte Andersen nach Kopenhagen zurück. Dort war er als Dirigent tätig und gründete zudem eine Orchesterschule, um seine reichen Erfahrungen an den Musikernach- wuchs weiterzugeben.
Die Flötistin Kyle Dzapo hat sich intensiv mit Leben und Werk ihres berühmten Kollegen beschäftigt; sie ist nicht nur mit seiner Biogra- phie bestens vertraut, sondern auch mit seiner Musik. Sie spielt die schwierigen Werke - es sind immerhin die Glanznummern eines der besten Flötisten seiner Zeit - technisch rundweg überzeugend und mit schönem, silbrigen Ton. Bei einigen Stücken wird sie begleitet von Matthew Mazzoni am Klavier.
Andersen hat eine Vielzahl von Etüden geschrieben, die noch heute von wohl jedem angehenden Flötisten gespielt werden. In seinem nicht übermäßig umfangreichen Werk finden sich zudem diverse Virtuosenstücke, Salonmusik sowie Bearbeitungen, wie beispielsweise acht Opern-Transkriptionen op. 45.
Dzapo hat für diese CD Musikstücke ausgesucht, die einen repräsen- tativen Überblick über sein Schaffen geben. Sie beginnt mit Cesare Ciardis Le carnaval russe, mit den Kadenzen Andersens. Dieses Stück hatte der Soloflötist beim ersten Konzert der Berliner Philharmoniker am 17. Oktober 1892 gespielt. Seine Fähigkeit, zu einem eigentlich schlichten Thema ausgesprochen virtuose Variationen zu erfinden, zeigen auch zwei der Schwedischen Polska-Lieder op. 50 von Isidor Dannström, transkribiert von Andersen, sowie seine Fantasie zu Themen aus Mozarts Don Giovanni aus den Opern-Transkriptionen.
Die Mühle, Legende und Tarantella aus seinen Acht Vortragsstücken demonstrieren aber, dass er auch ein großer Meister der musikalischen Charakterstücke war; seine Miniaturen offenbaren Virtuosität und Witz. Die 24 Großen Etüden, op. 15, sind weit mehr als Fingerübungen. Es sind Kabinettstückchen für Profi-Flötisten, in der Tradition der Études brillantes - rasant, voller harmonischer Über- raschungen und gespickt mit technischen Schwierigkeiten. Ähnliches gilt auch für die Deuxième morceau de concert, op. 61, mit der Dzapo das Programm beendet.
Sonntag, 31. Januar 2010
Chopin Schumann Etüden - Ragna Schirmer (Berlin Classics)
Champagner und Schwarzbrot vereint diese CD - die prickelnden, hochvirtuosen Läufe von Frédéric Chopin und die ebenfalls extrem anspruchsvollen, aber weit weniger gefälligen Studien von Robert Schumann. Beide Musiker sind 1810 geboren, beide waren exzellente Pianisten, und beide versuchten, die Grenzen des Instrumentes kompositorisch und spieltechnisch zu erkunden.
Ihre Zeitgenossen mochten dem nicht unbedingt folgen. So bezeichnete der Kritiker Ludwig Rellstab Chopins Etüden op.10 als Missgeburten, und empfahl, sie nur im Beisein eines Arztes aufzuführen. Und Clara Schumann zeigte sich von den "Etudes Symphoniques pour le Pianoforte" op. 13 ihres Mannes ebenfalls wenig angetan - wegen der hohen Schwierigkeiten der Etüden, die aber beim Publikum wenig Eindruck machten, und sich daher nicht zum Bravourstück eigneten.
Aus den vielen Fassungen der Sinfonischen Etüden, die als Variatio- nen zu einem Thema von Ignaz Ferdinand Freiherr von Fricken entstanden sind, hat Ragna Schirmer einen Gesamtzyklus gestaltet. Berlin Classics präsentiert nun beide Etüdensammlungen auf einer CD. Eine brillante Idee, nicht nur des Jubiläums wegen, sondern auch deshalb, weil die Einspielungen musikalische Zusammenhänge aufzeigen, die man so nicht vermutet hätte.
Schirmer macht deutlich, dass die rasanten Tonleitern und funkelnden Arpeggien Chopins den sanglicher und grüblerischer wirkenden Variationen Schumanns nicht nur in ihrer musikalischen Struktur mitunter ziemlich nahe stehen.
Die halsbrecherischen Schwierigkeiten stellen die Wahl-Hallenserin an keiner Stelle vor Probleme. Souverän gestaltend reiht sie die Stücke aneinander, und lässt vergessen, dass sie in erster Linie zum Üben geschrieben wurden - und nicht fürs Konzertpodium.
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