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Samstag, 28. Juli 2018

Kozeluch: Cantata for the Coronation of Leopold II (Naxos)

Als Kaiser braucht man starke Nerven. Das wird bestätigen, wer die Huldi- gungskantate Heil dem Monarchen angehört hat, die Leopold Anton Koželuch (1747 bis 1818) anlässlich der Krönung von Leopold II. 1791 in Prag geschaffen hat. Sie hat ohne Zweifel ihre Längen, aber was tut man nicht alles zum Zwecke der Repräsen- tation. Außerdem war übrigens im Rahmen der Feierlichkeiten Mozarts Oper La clemenza di Tito erklungen. 
Koželuch war 1778 aus Prag nach Wien gegangen, wo er als Pianist sehr erfolgreich war, und bald als Musiklehrer der Prinzessin Elisabeth am kaiserlichen Hofe ein und aus ging. 1792 wurde er durch Kaiser Franz II., den Nachfolger Leopolds II., zum Kammerkapellmeister und Hofkomponisten ernannt. 
Die „Krönungs-Cantate“ hatte Koželuch auf Ersuchen der böhmischen Stände komponiert. Den Text schrieb August Gottlieb Meißner (1753 bis 1807), Professsor an der Prager Universität, Insidern vielleicht bekannt als Librettist, oder aber als Erfinder des Genres Kriminalgeschichte. Das Opus wurde dann von 200 Sängern und Musikern feierlich im Prager National-Theater aufgeführt. 
Wer also sollte berufener sein, diese Kantate wiederzuentdecken, als das Prager Sinfonieorchester FOK unter Leitung von Marek Štilec und ein handverlesenes Sängerensemble aus der Goldenen Stadt. Solisten sind Kristýna Vylíčová, Sopran, sowie Tomáš Kořínek und Josef Moravec, Tenor. Am Cembalo zu hören ist Filip Dvořák. Insgesamt ist die Besetzung freilich heute bescheidener als einst 1791; man staunt aber, welche Wucht die Chöre haben, obwohl die Martinů Voices in Kammerchorbesetzung agieren. 

Dienstag, 16. Mai 2017

Ivan Moravec - Twelfth night recital (Supraphon)

„Dieser junge Mann braucht meine Stunden nicht, er muss nur spielen“, soll Arturo Benedetti Michelangeli einst gesagt haben, nachdem er den jungen Ivan Moravec zu einem Meisterkurs eingeladen hatte. Wer den Prager Pianisten schätzt, oder ihn überhaupt noch nicht gehört hat, dem sei an dieser Stelle eine außer- gewöhnliche Aufnahme empfohlen. Es ist der Mitschnitt eines Konzertes, das Moravec 1987 im Prager Rudolfinum gegeben hatte. 
28 Jahre lang lagen die Bänder unge- nutzt im Archiv von Supraphon. Irgendwann wunderte sich ein Mitarbeiter des Labels darüber, erfährt man aus dem Beiheft. Er prüfte die Aufnahme, und fand sie technisch einwand- frei, und künstlerisch rundum überzeugend. Glücklicherweise ist es ihm mit beharrlichem Einsatz gelungen, Professor Moravec dazu zu bewegen, die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Mitschnittes zu erteilen. 
Wenige Tage, nachdem der Pianist zugestimmt hatte, ist er dann gestorben. So erschien die Aufnahme, die eigentlich als Geschenk zu seinem 85. Geburtstag vorgesehen war, letztendlich als musikalischer Nachruf auf einen Musiker, dem es um Wahrhaftigkeit ging, und nicht darum, ein Star zu sein. 
Ivan Moravec war überaus selbstkritisch und sehr zurückhaltend bei der Freigabe von Aufnahmen und Konzertmitschnitten. Entsprechend schmal ist seine Diskographie. Das macht diese Doppel-CD umso wertvoller, zumal der Pianist selbst anmerkte, er habe manche der Werke nie besser aufgenommen, als sie an diesem 6. Januar 1987 zu hören waren  in einem ganz normalen Abonnementkonzert. 
Auf dem Programm standen Musikstücke, die Konventionen in Frage stellten, unter anderem die Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903 von Johann Sebastian Bach, eine Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart, die Mondscheinsonate op. 27 von Ludwig van Beethoven – mit dem Untertitel „quasi una fantasia“, nicht nur formal seinerzeit ein kühnes Experiment – sowie Werke von Frédéric Chopin. Als Zugabe spielte Moravec zudem noch Clair de lune aus der Suite bergamasque von Claude Debussy. 
Das Klavierspiel von Ivan Moravec ist ein Ereignis; er musiziert gänzlich uneitel, auf der Suche nach dem Kern eines jeden Werkes, und nach dem angemessenen Ausdruck, dabei überhaupt nicht interessiert an vorder- gründiger Virtuosität und Brillanz. Seine exzellente Technik war für den Pianisten ein Werkzeug, Mittel zum Zweck, und nichts, was er stolz der Welt präsentieren wollte. Was er mit dieser Haltung und mit beharrlicher Arbeit am Detail erreichte, das ist atemberaubend. In seiner Interpretation wird jede Passage zu purer Poesie; jede Tonleiter wirkt beseelt, und noch die banalste Wendung hat plötzlich ein Ziel. Ganz große Klavierkunst. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Chopin: Nocturnes; Moravec (Supraphon)

Ivan Moravec, geboren 1930 in Prag, gehört zu den ganz großen Pianisten. Und seine Aufnahme der Nocturnes von Frederic Chopin aus den 60er Jahren hat ohne Zweifel Musikgeschichte geschrie- ben. Erfreulicherweise ist sie nun bei Supraphon, mit Sorgfalt re- mastert, wieder zugänglich.
"Diese Platte hatte ein besonders merkwürdiges Schicksal", be- richtet der Musiker im Beiheft der Doppel-CD. "Es handelt sich um eine Aufnahme für Alan Silver, den Präsidenten der renommierten Connoiseur Society, und sie wurde an zwei Orten eingespielt: In New York und in Wien. Ein Klavier zu fin- den, das mich in jeder Hinsicht zufriedenstellt, das einen lebendigen, aber zugleich reichen Klang mit einer gewissen Tiefe besitzt, ist schrecklich schwer. Eines habe ich in New York gefunden. Es war ein etwas älterer Steinway, den man in die Kapelle der Columbia-Uni- versität gebracht hatte. Den Rest der Aufnahme machte ich dann in Wien im Mozart-Saal. (..) Ich spielte auf einem Bösendorfer Imperial Grand (..). Alan Silver regte mich allerdings in Wien zunächst dadurch auf, dass er wohl eine ganze Stunde nach dem Ort suchte, an dem er dieses Klavier aufstellen wollte. Er ging durch den Saal und klatschte - er probierte aus, wo der Klang am besten war und am längsten anhielt. Schließlich stellte er das Klavier in die unmög- lichste Ecke und ließ mich hören, wie es klang. Und ich musste ihm Recht geben. Noch heute wundere ich mich über die Länge des Tons."
Doch nicht nur dies, auch die Klangähnlichkeit der beiden Instru- mente erscheint verblüffend. Moravec räumt selbst ein, dass selbst er nicht mehr bei jedem Stück sicher sagen kann, ob er es auf dem Stein- way oder auf dem Bösendorfer gespielt hat. In seiner Interpretation vermeidet er das Ungefähre, Unpräzise - "Zuckersaft", wie er es nennt, lehnt der Pianist entschieden ab. Moravec setzt auf Struktur und Eleganz. Sein Chopin hat stellenweise geradezu klassisches Format, strikt wie Beethoven. Doch überraschenderweise bringt das den Nocturnes beeindruckende Tiefe, und lässt sie nicht süßlich-leidend, sondern eher sehr geheimnisvoll klingen. Bei Moravec findet man jenen Funken, der aus einer handwerklich exzellenten eine grandiose Aufnahme macht. Ich finde, sie ist eine der besten Chopin-Inter- pretationen überhaupt; auch nach 50 Jahren noch hat sie Referenz- status. 

Montag, 31. Oktober 2011

Chopin: Scherzi - Etudes - Mazurkas (Supraphon)

Der tschechische Pianist Ivan Moravec hat 1989 in den USA Chopins Scherzi sowie zwei Etüden und vier Mazurken für das Label Dorian eingespielt. Die Aufnahmen fanden im Saal der Troy Savings Bank statt - einem Raum, der nach dem Urteil von Fachleuten über die beste Akustik in Amerika verfügt. Die Liste der Pianisten, die dort musizierten, ist lang und sehr beachtlich. 
Dennoch sind es das Können und die überragende Persönlichkeit des Prager Musikers, die diese CD so einzigartig machen. Viele Jungstars haben, zumal im Chopin-Jubiläumsjahr, Aufnahmen dieser und anderer Werke von Chopin vorgelegt. Natürlich ist ihre Technik brillant, doch wer Moravec hört, der erkennt, dass Fingerfertigkeit zwar eine notwendige, aber lang keine hinreichende Voraussetzung dafür ist, diese Stücke gut zu spielen. 
Bei Moravec hat man den Eindruck, dass Chopins Musik unter seinen Händen neu entsteht. Er spielt jedes Stück mit einer Hingabe und Innigkeit, die atemlos lauschen lässt. Dabei gelingt es ihm stets, über dem Moment, der Improvisation und dem musikalischen Detail nicht den Blick auf die Struktur, auf den großen dramatischen Bogen zu verlieren. Das ist ganz große Klavierkunst. Und es ist schön, dass das tschechische Label Supraphon diese grandiose Aufnahme nun wieder zugänglich macht.