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Sonntag, 15. August 2021

Baroque Gender Stories (Deutsche Harmonia Mundi)


 Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin. 
Für heutige Verhältnisse erscheint das sicherlich irritierend, aber noch im 18. Jahrhundert war es auf der Opernbühne gängige Praxis, dass Kastraten als Königinnen oder Prinzessinnen auftraten, während Frauen in sogenannten Hosenrollen den Part von Helden oder Königen sangen. 

Die Lautten Compagney Berlin gibt gemeinsam mit Mezzosopranistin Vivica Genaux und Countertenor Lawrence Zazzo einen kleinen Einblick in das barocke Verwirrspiel. Auf diesem Album tauscht Vivica Genaux von Arie zu Arie mit Lawrence Zazzo die Rollen: Mal ist sie „primo uomo“ und er „prima donna“, mal umgekehrt. 

So besetzte Georg Friedrich Händel seinerzeit die Titelfigur seiner Oper Serse sowohl mit dem Kastraten-Superstar Caffarelli als auch mit einer Sängerin. Bei dieser Einspielung brilliert in der Partie des Perserkönigs die Mezzosopranistin, während der Countertenor die Rolle von Serses Braut Amastre übernimmt. Die beiden Sänger sind rundum fabelhaft; es ist ein großes Vergnügen, ihnen zuzuhören. 

Das Spiel mit den Geschlechterrollen lässt sich aber noch viel weiter treiben, denn es kommt vor, dass sich Männer als Frauen und Frauen als Männer verkleiden. Ein gutes Beispiel dafür gibt Semiramide riconosciuta, die Geschichte der Königin Semiramis, die als Mann verkleidet über Babylon herrscht. Dummerweise wird sie von ihrem einstigen Geliebten Scitalce erkannt. Auf diesem Album ist dieser Stoff in Vertonungen von Nicola Porpora und Giovanni Battista Lampugnani zu erleben. Johann Adolf Hasse hingegen zeigte in seiner Oper Achille in Sciro, wie sich der Held als Frau verkleidet, um nicht am Trojanischen Krieg teilnehmen zu müssen. 

Auch ansonsten wurde das Programm dieses Doppelalbums mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es finden sich ausgesprochene Raritäten, wie Ausschnitte aus fünf Vertonungen des Siroe – von Händel, Hasse, Baldassare Galuppi, Tommaso Traetta und Georg Christoph Wagenseil, oder Arien aus Orlando furioso von Antonio Vivaldi. Bei jeder Rolle ist in dem sehr informativen Beiheft zudem zu erfahren, wer sie zuerst gesungen hat. 

Ein grandioses Konzept, das zudem erstklassig umgesetzt wird. Denn Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney Berlin begleiten die beiden Sänger aufs Beste. Die Musiker gestalten die einzelnen Stücke absolut stilsicher, und sie reagieren dabei feinsinnig auf die teilweise sehr unterschiedlichen musikalischen Ideen der einzelnen Komponisten. Bravi!

Dienstag, 16. Februar 2021

Handel: Serse (Deutsche Grammophon)

 


Ein exzellentes Sängerensemble, Sinn für dramatische Effekte und dazu ein Faible für die Sinnlichkeit barocker Klangwelten – das bietet diese Neueinspielung der Oper Serse von Georg Friedrich Händel. Die Titelrolle singt Franco Fagioli. Und wie! Vom populären Ombra mai fu bis hin zur nicht minder berühmten Wutarie Crude furie gibt der argentinische Countertenor der ganzen Palette an Affekten musikalischen Ausdruck. Franco Fagioli lässt uns Händels barockes Spektakel neu hören. Und auch das italienische Barockensemble Il Pomo d’Oro trägt unter Leitung von Maxim Emelyanchev zum Hörvergnügen bei. Hinreißend! 

Donnerstag, 26. Januar 2012

18. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Ein Fest herrlicher Stimmen - das war erneut die Operngala, die im vergangenen Jahr zum achtzehn- ten Mal Spenden für die Deutsche Aids-Stiftung gesammelt hat. Vivica Genaux, Simone Kermes, Kristin Lewis, Adrianne Pieczonka, Anna Smirnova, Francesco Demu- ro, Alex Esposito, Teodor Ilincai, Dalibor Jenis und Antonio Poli sangen Arien, die jedem Opern- freund vertraut sind. Auch ein Duett erklingt - das Blumenduett aus Lakme von Léo Delibes, gesungen von Simone Kermes und Vivica Genaux. So bezaubernd, ja geradezu deliziös habe ich diesen Uralthit noch nie gehört. Und natürlich sind die beiden Sängerinnen auch solo noch einmal zu erleben - da warten echte Überraschungen, soviel sei verraten. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin musizierte präzise unter Generalmusikdirektor Donald Runniges, und auch der Chor der Deutschen Oper Berlin, geleitet von William Spaulding, ließ sich eindrucksvoll hören.
Durch die Gala führte mit frechen, aber sehr treffenden Kommentaren zur Handlung der jeweiligen Oper Max Raabe. Er erinnerte zudem liebevoll an seinen Vorgänger Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, der diese Operngala viele Jahre lang moderiert hat, und ihr bis zu seinem Tod im August 2011 eng verbunden blieb. 
Das große Engagement aller Beteiligten für diese Operngala ist noch beim Anhören der Aufzeichnung nachvollziehbar; hier wird eine Atmosphäre spürbar, die beeindruckt und begeistert. Das zeigt sich auch in Details wie dem ausgesprochen liebevoll gestalteten dicken Beiheft zu dem Mitschnitt dieses rundum gelungenen Abends, den Naxos kürzlich auf zwei CD vorgelegt hat. Wer diese Aufnahme erwirbt, der kann sich nicht nur an wundervoller Musik erfreuen, er unterstützt damit auch die Deutsche Aids-Stiftung. So tut man zugleich sich und anderen etwas Gutes. Und daher: Gleich doppelt meine Empfehlung! 

Samstag, 4. Juni 2011

Vivaldi: Ercole sul Termodonte (Virgin Classics)

Man schreibt das 17. Jahrhundert. Ganz Italien ist vom Opernfieber befallen. Die soeben neu entstan- dene Gattung wird überall gefeiert. Überall? Nicht ganz. Denn in Rom durften Opern jahrzehntelang ausschließlich in geschlossener Gesellschaft erklingen. Der Kirchenstaat, der zumindest nach außen hin gern tugendhaft er- scheinen wollte, fand all diese Geschichten um Liebe, Lust, Leidenschaften und all die antiken Helden und Götter moralisch ziemlich bedenklich. Und dass Frauen singen, war in Rom damals gänzlich undenkbar. 
"Die kirchliche Dekadenz", so spottete seinerzeit ein Franzose, "lässt im Theater in Frauenrollen nur hübsche junge Burschen auftreten, für die teuflische Kesselflicker das Geheimnis gefunden haben, wie sich ihre hohen Stimmen erhalten lassen. Als Mädchen gekleidet, mit ihren Hüften, dem breiten Hintern, der weiblichen Brust, dem runden und fülligen Hals kann man sie tatsächlich für Mädchen halten." Doch auch die männlichen Helden wurden zumeist von Kastraten gesungen; für Tenöre und Bässe wurden nur selten bedeutende Partien geschrieben. 
Das sorgte in späteren Jahrhunderten für Verwirrung, denn mit dem Ende der grausigen Kastrationen verschwanden natürlich auch die Sopranisten und Altisten von den Bühnen; die Heldenpartien wurden nun durch Frauen gesungen, was mitunter ziemlich komisch wirkt, oder für "richtige" Männerstimmen transponiert, was auch gewisse Probleme mit sich bringt. 
Auch Vivaldis Oper Ercole sul Termodonte, die die bekannte Ge- schichte der Auseinandersetzung des Herkules mit den Amazonen erzählt, stellt heutzutage mit den teilweise extrem schwierigen Kastratenpartien die Frage nach der Besetzung. In diesem Falle wurde sie nach Stimmfach gelöst - und das ganz achtbar. Für diese Einspie- lung mit dem Orchester Europa Galante und dem Coro da Camera Santa Cecilia di Borgo San Lorenzo unter Fabio Biondi hat Virgin Classics ein wahres Star-Ensemble aufgeboten: Vivica Genaux, Joyce DiDonato, Patrizia Ciofi und Diana Damrau sind als Amazonen zu hören, Rolando Villazón ist als Ercole zu erleben, und Romina Basso, Philippe Jaroussky  und Topi Lehtipuu singen die Griechen in seiner Begleitung. Das hat sich durchaus gelohnt, denn mit einigen wenigen Einschränkungen ist die Aufnahme sehr gelungen. Selbst Villazón kommt mit den Anforderungen der "Alten" Musik erstaunlich gut zurecht. Und Diana Damrau ist eine ganz entzückende Martesia. 
Auch für die Rekonstruktion der Partitur war ein erheblicher Auf- wand erforderlich. Denn das Werk, das Vivaldi seinerzeit in Rom den Durchbruch als Opernkomponist brachte, war nur in Fragmenten erhalten. Glücklicherweise hatte der Maestro seinerzeit nicht jede Arie für jede Oper neu geschrieben. So stellten die Musiker, die versuchten, die Überreste zu ergänzen, bald fest, dass Vivaldi nahezu alle Arien auch anderweitig eingesetzt hat. Um sie erneut zu ver- wenden, wurden damals allerdings erhebliche Anpassungen vorge- nommen - einerseits im Hinblick auf dramaturgische Zusammen- hänge, andererseits mit Blick auf die Möglichkeiten der beteiligten Sänger. 
"Zwei wichtigen Faktoren haben wir zu verdanken, dass Vivaldis Ercole sul Termodonte in fast voller Länge wieder zugänglich gemacht werden kann", schreibt Fabio Biondi im Beiheft: "Zum einen ist das vollständige und authetische Libretto vorhanden, das 1723 für die Aufführung am Teatro Capranica in Rom benutzt wurde, zum anderen sind, verteilt auf Bibliotheken in Paris, Münster, Turin und anderen Orten, fast alle Arien in unterschiedlichen Quellen erhalten." Ein kritischer Apparat beschreibt die jeweiligen Funde und den Umgang mit diesem Material. Selbst den Text kann in dem sorgsam erstellten Beiheft mitlesen, wer möchte. Meine Empfehlung!  

Dienstag, 16. November 2010

Hasse: Sanctus Petrus et Sancta Maria Magdalena (Oehms Classics)

Diese CD, von Oehms Classics kürzlich vorgelegt, gehört eigent- lich in die Tage vor dem Osterfest. Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783), Dresdner Hofkapellmeister zur Zeit Augusts des Starken, ver- tonte in seinem Oratorium einen fiktiven Dialog, der die Gefühle von Petrus, Maria Magdalena, Maria, der Mutter des Jüngers Jakobus, Maria Salome, Mutter der Jünger Johannes und Jakobus, und Joseph von Arimatäa angesichts des Kreuzestodes Jesu offenbart. 
Gesungen wurden seinerzeit alle Partien von Frauenstimmen, beglei- tet von Streichern und Continuo. Denn dieses Werk ist für das Ospe- dale degl'Incurabili in Venedig entstanden, an dem Hasse nachweis- lich einige Jahre lang als maestro di cappella tätig war. In der Lagu- nenstadt gab es vier derartige Einrichtungen, die zu Hasses Zeiten bereits Internate waren, an denen Mädchen vor allem auch musika- lisch ausgebildet wurden. Ihre Darbietungen waren weithin berühmt. So berichtete Johann Wolfgang von Goethe 1786 über ein Konzert in der Kirche der Mendicanti: "Die Frauenzimmer führten ein Oratorium hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhörer, die Musik sehr schön, und herrliche Stimmen."
Auch Hasse hat derartige Werke komponiert. Da in der Passionszeit keine Opern aufgeführt werden durften, hörten die Venezianer statt dessen Oratorien. Oftmals verknüpften sie einen Psalm wie das Miserere mit einer vorangestellten Handlung - Hasses Werk ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Und die Solistinnen müssen ziemlich gut gesungen haben, denn die Partien, die er für seine Schützlinge schrieb, sind keineswegs einfach. 
Die Struktur des Oratoriums erscheint unkonventionell; Hasse löst sich aus der Abfolge von Rezitativ und Arie, und sucht nach anderen Formen, die die Textaussage besser transportieren. So beginnt das Oratorium mit einer raffinierten Sinfonia, die in ein kunstvoll ausge- arbeitetes Accompagnato-Rezitativ übergeht, in der Petrus um Jesus weint und sein eigenes Versagen beklagt. Ein großes Terzett steht im Mittelpunkt des Werkes. Es vereint die Klage der drei Marien - wobei sie eigentlich nur wenig gemeinsam singen; solistische Abschnitte und Ritornelle haben weitaus größeren Raum. Ein umfangreiches Duett singen zudem Maria Magdalena und Petrus. Es ist ein Stück der Trauer und der Klage, das zum Miserere hinführt. Doch zuvor tritt Joseph von Arimatäa ein und erinnert die Trauernden daran, dass Jesus begraben werden muss. Seine virtuose Arie verweist zudem auf den Opfertod Jesu als Voraussetzung für das ewige Leben. 
Doch die Frauen zögern noch, zum Kreuz zurückzukehren - zumal Petrus nicht mit ihnen gehen kann. Er bittet sie schließlich, Psalm 51 mit ihm zu sprechen - was das Stichwort für den Chor ist. Im Miserere konzentriert Hasse abschließend die ganze Pracht der venezianischen Kirchenmusiktradition - und führt sie weiter; manche Abschnitte erinnern bereits an Mozart. 
Die vorliegende Aufnahme entstand im November 2008 im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Zu hören sind Chor und Orchester dieses Musikfestivals unter Michael Hofstetter. Für die Besetzung der Solopartien wurde eine ebenso salomonische wie klangvolle Lösung gefunden: Die drei Marien werden von Kirsten Blaise und Heidrun Kordes, Sopran, sowie Vivica Genaux - mit einem wundervollen dunkel timbrierten Mezzosopran - gesungen. Petrus singt der junge Schweizer Countertenor Terry Wey, den Joseph Jacek Laszczkowski, ein polnischer Sänger, der sowohl als lyrischer Tenor als auch als Sopran auftreten kann. Diese Stimmen harmonieren sehr gut miteinander, und so erweist sich diese Einspielung als Dokument eines musikalischen Ereignisses, das nicht nur Hasse-Fans begeistern wird. Bravi!