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Sonntag, 15. August 2021

Baroque Gender Stories (Deutsche Harmonia Mundi)


 Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin. 
Für heutige Verhältnisse erscheint das sicherlich irritierend, aber noch im 18. Jahrhundert war es auf der Opernbühne gängige Praxis, dass Kastraten als Königinnen oder Prinzessinnen auftraten, während Frauen in sogenannten Hosenrollen den Part von Helden oder Königen sangen. 

Die Lautten Compagney Berlin gibt gemeinsam mit Mezzosopranistin Vivica Genaux und Countertenor Lawrence Zazzo einen kleinen Einblick in das barocke Verwirrspiel. Auf diesem Album tauscht Vivica Genaux von Arie zu Arie mit Lawrence Zazzo die Rollen: Mal ist sie „primo uomo“ und er „prima donna“, mal umgekehrt. 

So besetzte Georg Friedrich Händel seinerzeit die Titelfigur seiner Oper Serse sowohl mit dem Kastraten-Superstar Caffarelli als auch mit einer Sängerin. Bei dieser Einspielung brilliert in der Partie des Perserkönigs die Mezzosopranistin, während der Countertenor die Rolle von Serses Braut Amastre übernimmt. Die beiden Sänger sind rundum fabelhaft; es ist ein großes Vergnügen, ihnen zuzuhören. 

Das Spiel mit den Geschlechterrollen lässt sich aber noch viel weiter treiben, denn es kommt vor, dass sich Männer als Frauen und Frauen als Männer verkleiden. Ein gutes Beispiel dafür gibt Semiramide riconosciuta, die Geschichte der Königin Semiramis, die als Mann verkleidet über Babylon herrscht. Dummerweise wird sie von ihrem einstigen Geliebten Scitalce erkannt. Auf diesem Album ist dieser Stoff in Vertonungen von Nicola Porpora und Giovanni Battista Lampugnani zu erleben. Johann Adolf Hasse hingegen zeigte in seiner Oper Achille in Sciro, wie sich der Held als Frau verkleidet, um nicht am Trojanischen Krieg teilnehmen zu müssen. 

Auch ansonsten wurde das Programm dieses Doppelalbums mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es finden sich ausgesprochene Raritäten, wie Ausschnitte aus fünf Vertonungen des Siroe – von Händel, Hasse, Baldassare Galuppi, Tommaso Traetta und Georg Christoph Wagenseil, oder Arien aus Orlando furioso von Antonio Vivaldi. Bei jeder Rolle ist in dem sehr informativen Beiheft zudem zu erfahren, wer sie zuerst gesungen hat. 

Ein grandioses Konzept, das zudem erstklassig umgesetzt wird. Denn Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney Berlin begleiten die beiden Sänger aufs Beste. Die Musiker gestalten die einzelnen Stücke absolut stilsicher, und sie reagieren dabei feinsinnig auf die teilweise sehr unterschiedlichen musikalischen Ideen der einzelnen Komponisten. Bravi!

Samstag, 18. Juli 2020

Farinelli - Cecilia Bartoli (Decca)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben. 
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“ 
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend! 

Freitag, 3. Mai 2019

Porpora / Costanzi: 6 Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Über das Violoncello wird gern gesagt, dass es mit seinem warmen, farbenreichen Klang hervorragend in der Lage sei, die menschliche Stimme zu imitieren. Als Solo-Instrument tritt es in der Mitte des 17. Jahrhun- derts erstmals in Erscheinung; hundert Jahre später hatte sich das Cello bereits anstelle der Gambe durchgesetzt. 
Sechs Sonaten aus jenen frühen Tagen stellt Adriano Maria Fazio nun bei Brilliant Classics vor. Entstanden sind sie einst als Gemeinschaftswerk – Nicola Porpora (1686 bis 1768), ungemein erfolgreich vor allem als Opernkomponist und Gesangspäda- goge, schuf sie offenbar zusammen mit Giovanni Battista Costanzi (1704 bis 1778). Dieser wirkte in Rom; er stand in den Diensten des kunst- liebenden Kardinals Pietro Ottoboni, und spielte exzellent Violoncello. Er komponierte auch selbst; Costanzi schrieb Kantaten, Oratorien und andere Kirchenmusik. 
In den sechs Violoncello-Sonaten spiegeln sich sowohl Costanzis Virtuosität als auch die theatralische Sangeskunst der italienischen Barockoper. Adriano Fazio legt nun die erste Gesamteinspielung dieser hochinteressanten Raritäten vor. Der junge Cellist wird dabei von einer international besetzten Continuo-Gruppe begleitet. 

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Porpora: Christmas Oratorio (Sony)

Es muss nicht immer das Weihnachtsoratorium von Bach sein. Auf dieser CD präsentiert Sony eine Alternative aus Italien, so ganz anders als das gewohnte Weihnachts- programm: Il Verbo in carne von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) wurde 1747 oder 1748 in Neapel uraufgeführt und wohl erst kürzlich vom Kammerorchester Basel wiederentdeckt. Auf dieser CD erklingt eine Art Kurzzusammen- fassung dieses Werkes, das eigentlich mehr als zwei Stunden dauert. 
Es erzählt die Weihnachtsgeschichte mit Hilfe von allegorischen Figuren: Anstelle von Hirten und Engeln treten in diesem Oratorium Giustizia, Pace und Verità auf, gesungen von Rober- ta Invernizzi, Terry Wey und Martin Vanberg. So diskutieren im ersten Teil des Oratoriums Frieden und Gerechtigkeit über die menschliche Gesellschaft, die doch recht schlecht funktioniert – trotz aller Bibelworte, die eigentlich anderes vorhersagen. 
Mit Blick auf die Krippe beschließen die beiden dann, hinabzusteigen, und die Verhältnisse zu verbessern. Im zweiten Teil erfahren sie von der Wahrheit, wie das neugeborene Kind aufgenommen wird. Nach einer wunderbaren Arie, in der der Friede beschreibt, wie das Kind weint, beschließen Gerechtigkeit und Frieden, sich zu küssen, und gemeinsam mit der Wahrheit dafür einzutreten, dass das, was das Kind den Menschen verheißt, Wirklichkeit wird. 
Verpackt ist diese Handlung in sehr viel schöne Musik; nicht umsonst war Porpora einer der besten Gesangslehrer jener Zeit – und ein gefragter Opernkomponist. So ist Il Verbo in carne ausgesprochen kunstvoll gestaltet, und noch immer hörenswert. Dem Kammerorchester Basel unter der Leitung von Riccardo Minasi gelingt hier wirklich eine Wiederent- deckung; allerdings wäre es schön, wenn man dieses Meisterwerk der neapolitanischen Schule bald auch komplett anhören könnte. 

Dienstag, 24. Juli 2018

Porpora: Opera Arias (Decca)

Sein neues Album hat Countertenor Max Emanuel Cencic komplett dem Schaffen von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) gewidmet. Der Musiker, dessen 250. Todestag 2018 ansteht, gehörte zu den ganz großen Stars seiner Zeit. Er kam in Neapel zur Welt, wo er von 1696 bis 1706 seine Ausbildung an einem Konser- vatorium absolvierte. Danach wirkte er als Kapellmeister beim Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Kommandanten der kaiserlichen Truppen in Neapel. 1708 stellte Porpora seine erste Oper Agrippina vor – viele weitere sollten folgen. Nur Leonardo Vinci, Antonio Scarlatti und Johann Adolph Hasse waren seinerzeit in Italien als Opernkompo- nisten ähnlich populär wie Porpora, der mit dem Textdichter Metastasio ein echtes „Dreamteam“ bildete. 
Und auch die Sänger strömten in Scharen herbei. 1715 hatte Porpora begonnen, am Conservatorio Sant'Onofrio Gesangsschüler zu unterrichten. Dabei war er unglaublich erfolgreich; schon bald galt er als bester Gesangslehrer Europas. Zu seinen Schülern gehörten Kastraten wie Farinelli und Caffarelli. 
Ab 1725 lehrte er in Venedig. 1733 ging Porpora nach London, wo er die Opera of the Nobility leitete, das Konkurrenzunternehmen zu Händels legendärer Operntruppe. Nach vier Spielzeiten waren beide pleite, und so musste sich Porpora neue Gönner suchen. Er versuchte sein Glück in Wien, wo er aber keine Anstellung erhielt, so dass er nach Italien zurückkehrte. 
1745 reiste er dann im Gefolge des venezianischen Botschafters nach Dresden. Dort wurde er 1748 Gesangslehrer der Prinzessin Maria Antonia Walpurgis von Bayern, der kunstsinnigen Ehefrau des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, und Hofkapellmeister. Allerdings wurde er damit zum Rivalen Hasses – der sich letztendlich behaupten konnte. 
Porpora ging 1752 in Pension und zurück nach Wien, wo er Gesangsunterricht gab. Er wohnte im Michaelerhaus, wo auch Metastasio eine Wohnung hatte – und wo der junge Joseph Haydn lebte, der von Porpora lernte, indem er dessen Schüler auf dem Klavier begleitete. Ab 1759 allerdings blieben die Zahlungen des sächsischen Hofes aus, eine Folge des Siebenjährigen Krieges. 
1760 erhielt Porpora die Stelle eines maestro di capella am Conservatorio di Santa Maria di Loreto in Neapel. Er versuchte sich auch noch einmal als Opernkomponist, aber die Zeit der opera seria war wohl vorbei. 1761 gab er alle seine Anstellungen auf; über den Rest seiner Tage, die der einstmals gefeierte Gesangslehrer unter vergleichsweise armseligen Bedingungen verbracht haben dürfte, schweigen die Archive. 
Die Arien, die Porpora geschrieben hat, waren für die besten Sänger jener Zeit bestimmt. Wie es damals Brauch war, hat der Komponist sie so auf den Solisten zugeschnitten, dass sie seine Stärken und Vorzüge betonten, und Schwächen kaschierten. Die Sänger konnten damit ihre Virtuosität effektvoll unter Beweis stellen. 
Wer diese Werke heute singen will, der hat es schwer. Zum einen sind sie für eine andere Stimme maßgeschneidert. Zum anderen unterscheidet sich die Ausbildung eines Sängers heute deutlich von jener, die es vor 300 Jahren bei Gesangslehrern wie Porpora gab. Schier endlose Koloraturen, die in rasantem Tempo, aber trotzdem mit der Präzision eines Uhrwerkes gesungen werden müssen, und raffinierte, improvisierte Auszierungen stehen heute eher nicht mehr im Mittelpunkt des Studiums. 
Max Emanuel Cencic hat, begleitet von der Armonia Atenea unter George Petrou, das Abenteuer dennoch gewagt, und ein komplettes Album mit Arien Porporas veröffentlicht, sieben davon sind in Weltersteinspielung zu hören. Die Oper Germanico in Germania hatte er zuvor bereits aus der Mottenkiste der Musikgeschichte – wohin Irrtum und Beckmesserei den gesamten Kastratengesang einst entsorgt wissen wollten – zurück an die frische Luft geholt. 
Nun also folgen vierzehn handverlesene Arien, wobei sich in seinem Programm eher besinnliche Stücke ebenso finden wie höchst virtuose. Insider werden schnell feststellen, dass Cencic sein Recital mit exakt derselben Arie beginnt, die Franco Fagioli 2014 bei seinem Porpora-Album an den Anfang gesetzt hatte. (Und bei diesem musikalischen Kräftemessen hat der Kollege eindeutig das Nachsehen.) 
„Wie können wir die großen Kastraten nachahmen? Das lässt sich kaum festlegen, aber diese Stimmen waren die Seele von Porporas Musik“, wird Cencic im Beiheft zitiert. „Ich habe die Arien für diese Aufnahme fast instinktiv nach meinem Gefühl für das Richtige ausgewählt. Man kann einen Komponisten dieser Qualität nicht in einem Album erfassen, und jedes Stück ist ein Juwel für sich. Auch wenn die Technik überall herausgestellt wird – Sprünge, schnelle Skalen, Triller, lange Phrasen – scheint doch Porporas besondere und äußerst fesselnde melodische Begabung überall durch.“ 
Zum Teil sind die Koloraturen und Verzierungen aberwitzig anspruchsvoll; mir persönlich gefällt Cencics Gesang allerdings am besten, wo er große Bögen gestalten kann, mit betörender Süße oder ergreifendem Lamento. Der Farbenreichtum dieser Produktion ist ohnehin hinreißend – auch das Viril-Metallische, umtost von Pauken und Trompeten, hat darin seinen Platz. Das Athener Barockorchester ist immer präsent, und geleitet den Sänger sicher auch durch die schwierigsten Passagen. 

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Royal Christmas - Joy to the world (K&K)

„Authentic Classical Concerts zu veröffentlichen, heisst für uns, herausragende Aufführungen und Konzerte für die Nachwelt festzuhalten und zu vermitteln“, erläutern Andreas Otto Grimminger und Josef-Stefan Kindler im Beiheft zu dieser CD die Absichten ihres Labels K&K: „Denn Künstler, Publikum Werk und Raum treten in einen intimen Dialog, der in Form und Ausdruck – in seiner Atmosphäre – einmalig und unwiderbringlich ist. Diese Symbiose, die Spannung der Aufführung dem Hörer in all ihren Facetten möglichst intensiv erlebbar zu machen, indem wir die Konzerte direkt in Stereo-Digital HD aufzeichnen, sehen wir als Ziel, als Philosophie unseres Hauses.“ 
„Royal Christmas – Joy to the World“ lautet das Motto eines solchen Konzertes, das am 14. Dezember 2014 in der Schlosskirche Bad Homburg stattgefunden hat. In diesem wunderbaren Raum haben vier Musiker des Ensembles Nel Dolce weihnachtliche Musik vorgestellt, wie sie in London zur Zeit des Hochbarock vor der königlichen Familie hätte erklingen können. 
Ausgewählt wurden dafür fast durchweg Stücke von Musikern, die entweder in England lebten, oder aber aus anderen Ländern Europas nach London gingen, um dort zumindest zeitweise zu wirken. Zu hören sind unter anderem Werke von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und seinem Rivalen Nicola Antonio Porpora, John Dowland und, natürlich, Arcangelo Corelli. Heinrich Ignaz Franz Biber von Bibern allerdings war nie in London – was aber seine Sonate Die Geburt Christi aus den Mysteriensonaten nicht weniger hörenswert macht. 
Stephanie Buyken, Blockflöten und Gesang, Olga Piskorz, Violine, Harm Meiners, Violoncello und Flora Fabri musizieren inspiriert und perfekt aufeinander abgestimmt. Die Mitglieder des 2003 gegründeten Barockensembles Nel Dolce haben gemeinsam Kammermusik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studiert, und danach diverse Meisterkurse bei Spezialisten für „Alte“ Musik absolviert. Sie haben sich insbesondere der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts verschrieben. 

Freitag, 21. Oktober 2016

Porpora: Aminta - Pastoral Cantatas (Pan Classics)

Wölkchen, Schäfchen, Blümchen und Bächlein sind die Kulisse dieser Kammerkantaten, Nymphen und Hirten die handelnden Personen, Liebe, vor allem verschmähte oder aber betrogene Liebe, das wichtigste Thema. Wer jetzt entsetzt die Augen aufreißt angesichts dieser vermeintli- chen Banalitäten, der sollte trotzdem weiterlesen. Denn Schäferspiele waren einst ein wichtiges Ritual des Adels. Von Versailles bis Moskau und von Neapel bis Dresden hüpften kostümierte Höflinge durch die Hecken, auf der Suche nach dem Goldenen Zeitalter und dem ach-so-idyllischen Leben der einfachen Leute. 
Auch die Kammerkantaten jener Zeit spiegelten die Vorliebe für jene fiktive Landlust. Aus dem umfangreichen Schaffen von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) sind etwa 130 cantate da camera überliefert – zwölf davon, nach Texten von Pietro Metastasio, erschienen sogar gedruckt; sie waren zudem in Abschriften in Europa weit verbreitet. Das Ensemble Stile Galante, geleitet von Stefano Aresi, hat im Castello Albani im italienischen Urgnano fünf Kammerkantaten des Komponisten für Altstimme einge- spielt, die nicht in dieser Kollektion enthalten sind. Die Mezzosopranistin Marina De Liso hat sich an die teilweise technisch extrem anspruchsvollen Werke herangewagt. Sie zeigen exemplarisch Porporas enormes Können als Komponist; diese Kammerkantaten neigen, bei allem Landidyll, oftmals auch zu Drama. Sie sind musikalisch nicht weniger faszinierend und komplex als die Opern jener Tage. 

Dienstag, 23. Februar 2016

Max Emanuel Cencic - Arie Napoletane (Decca)

Arien der neapolitanischen Schule präsentiert Max Emanuel Cencic auf seinem neuen Solo-Album bei dem Label Decca. Der Countertenor singt Werke von Alessandro Scarlatti, Nicola Porpora, Leonardo Leo, Leo- nardo Vinci und Giovanni Battista Pergolesi. Dabei wird er vom Ensemble Il Pomo d'Oro unter Leitung von Maxim Emelyanychev ebenso präzise wie temperamentvoll begleitet. 
Ein ganz erheblicher Anteil dieser Stücke, die ursprünglich für Kastraten komponiert worden sind, ist auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören. In den Koloraturen erscheint die Stimme von Cencic mittlerweile fast ein wenig zu schwer und zu dramatisch; dafür kann er in den lyrischen Stücken mit rundem Klang, perfekter Phrasierung und souveräner Gestaltung beeindrucken. 
Und als Zugabe bieten auch die Musiker eine Weltpremiere: Das Cembalo- konzert in D-Dur von Domenico Auletta (1723 bis 1753), das Solo über- nimmt Maxim Emelyanychev. Man lauscht erstaunt – aber dieses Werk klingt schon sehr nach Klassik. 

Donnerstag, 24. Juli 2014

El Maestro Farinelli (Deutsche Grammophon)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Farinelli, gehörte zu den großen Stars unter den Kastraten. Der Sänger war ein Schüler von Nicola Porpora. Er wurde in Italien ebenso gefeiert wie in Wien oder in London. 1737 reiste Farinelli nach Spanien. Dort sang er dann ausschließlich für den schwermütigen König Philipp V. Nach dem Tode des Monarchen 1746 machte ihn sein Nachfolger Ferdinand VI. zum künstlerischen Direktor der Theater an den Palästen in Madrid und in Aranjuez. Farinelli brachte das Musikleben bei Hofe in Schwung und auf den aktuellen Stand. 
Für diese CD hat Pablo Heras-Casado mit Unterstützung durch den französischen Musikwissenschaftler Olivier Fourés aus den wenigen noch erhaltenen Handschriften ein Programm zusammengestellt, das zeigt, was das bedeutete: Natürlich erklangen bei Hofe die Werke Porporas, doch auch Johann Adolf Hasse oder Niccoló Jommelli waren in den Programmen präsent. Hierzulande wenig bekannt ist José de Nebra (1702 bis 1768), ein Komponist, der viele Zarzuelas schrieb – die spanische Version der Oper. Auf der CD mit Werken vertreten sind zudem Nicola Conforto (1718 bis 1793), Francesco Corradini (um 1690 bis 1769), Tommaso Traetta (1727 bis 1779) und Juan Marcolini, ein Komponist, von dem man nicht viel mehr als den Namen weiß. Das Programm enthält zudem eine Kuriosität: Die Sinfonia Fandango Wq 178 von Carl Philipp Emanuel Bach beweist, dass spanische Musik um 1750 sogar in Preußen en vogue war. 
Und natürlich dürfen bei all den Orchesterwerken dann die Gesangs- stücke doch nicht ganz fehlen. Countertenor Bejun Mehta singt ein Duett aus einer Zarzuela von José de Nebra – wobei er beide Partien übernimmt – sowie eine jener Arien, die Farinelli einstmals all- abendlich für den depressiven Herrscher vorgetragen haben soll. Das Ensemble Concerto Köln musiziert unter Pablo Heras-Casado in bewährter Qualität. 

Mittwoch, 18. Dezember 2013

I Viaggi di Faustina (Glossa)

Faustina Bordoni (1697 bis 1781) gehörte zu den großen Stars ihres Jahrhunderts. Die Sopranistin wurde in ganz Europa gefeiert. Neapel war die erste Station ihrer Karriere, die sie bis nach London sowie – an der Seite ihres Gatten, des mindestens ebenso berühmten Komponisten Johann Adolph Hasse – nach Dresden führte. 
Mit dieser CD, die  Arien aus den frühen Jahren der Diva enthält, startet Glossa eine Reihe, die den großen Stimmen Italiens im 17. und 18. Jahrhundert gewidmet ist. Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und mit zeitgenössischen Doku- menten illustriert. 
Erstaunt wird der Hörer feststellen, dass die große Faustina eigentlich ein Mezzosopran war. Da die Komponisten jener Zeit eigens für die Sängerin Arien maßgeschneidert haben, dürfen wir zudem davon ausgehen, dass sie offenbar nicht über einen besonders großen Stimmumfang verfügte und das Publikum eher mit Rasanz und Geläufigkeit als mit schönem Ton und Ausdrucksstärke begeistert hat. Wenn durch das Label damit geworben wird, Roberta Invernizzi könne als Reinkarnation der großen Sängerin gelten, dann ist das also leider ein zweischneidiges Kompliment. Begleitet wird die Sängerin temperamentvoll durch das Ensemble I Turchini unter Leitung von Antonio Florio. 

Montag, 5. August 2013

Porpora: Cantatas (Accord)

Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) war einer der großen Stars seiner Zeit. Er bildete etliche Kastraten aus, beispielsweise Farinelli und Caffarelli, und galt als bester Gesangslehrer Europas. Wie kein anderer verstand es Porpora, seine Schüler in den Olymp der Gesangskunst zu führen. Er legte größten Wert auf eine exzellente Atemtechnik sowie auf die makellose Reinheit des Tones, und trainierte seine Zöglinge so, dass sie jeder denkbaren technischen Herausforderung gewachsen waren. 
Porporas Arien waren daher oftmals Schaustücke, die es den Sängern ermöglichten, ihre Virtuosität effektvoll zu demonstrieren. Er kom- ponierte sie speziell für den jeweiligen Künstler, um dessen Stärken geschickt herauszustreichen. Das macht es fast unmöglich, diese Gipfelwerke der Gesangskunst heute noch aufzuführen. Kastraten gibt es nicht mehr, und auch die Ausbildung der Sänger heute dürfte sich erheblich von der unterscheiden, die Porpora einst vermittelt hat. 
Wie schwierig es ist, diesen anspruchsvollen Werken gerecht zu werden, zeigt die vorliegende Aufnahme. Der polnische Countertenor Artur Stefanowicz hat gemeinsam mit der Cembalistin Dorota Cybulsky-Amsler sowie Serge Saitta, Traversflöte, Simon Heyrick, Barockvioline, und Denis Severin, Barock-Violoncello, vier Kantaten des Komponisten eingespielt. Zwei davon entstammen einem Zyklus von zwölf Kantaten, die Porpora 1735 seinem Mäzen Frederic, Prince of Wales, gewidmet hat – gesungen hat sie seinerzeit Farinelli. Zwei weitere Kantaten dürften bereits in Neapel entstanden sein, wo Porpora nach seiner Ausbildung zunächst als Kapellmeister im Dienst des Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt stand, bevor dann am Conservatorio Sant'Onofrio als Gesanglehrer wirkte. 
Diese Werke verlangen dem Sänger buchstäblich alles ab – sowohl schöne Töne als auch virtuose Koloraturen, in denen die Stimme beinahe wie ein Instrument wirkt, endlos lange Phrasen und musi- kalische Linien stehen neben anspruchsvollen, rasanten Auszie- rungen. Dazu braucht es Technik, Technik, Technik – und eine ganz besondere Stimme; tausende Knaben wurden zur Zeit Porporas in Italien zum Sänger gedrillt, doch am Ende gab es nur einen Farinelli. Artur Stefanowicz singt ohne Zweifel grundsolide, aber diese Werke bringen ihm hörbar an Grenzen. Es tut mir leid, aber mich begeistert diese Aufnahme nicht. 

Donnerstag, 23. Mai 2013

Julia Lezhneva - Alleluia (Decca)

Dieses Debütalbum verdankt seine Entstehung einem Zufall: Ein Executive Producer des Labels Decca erlebte die russische Sopranistin Julia Lezhneva in einem Konzert, in dem sie Mozarts Exultate, jubilate gesungen hat. Er war davon sehr angetan, und er- mutigte die Sängerin, die Motette für eine CD einzuspielen.
„I liked the idea of waiting to record opera arias until I had more experience with them on stage“, zitiert das Beiheft die junge Sängerin. Das ist tief gestapelt. Denn Lezhneva hat nach ihrem Stu- dium am Moskauer Konservatorium bereits im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit Juan Diego Flórez zur Eröffnung des Rossini-Opern- festivals in Pesaro gesungen. Für ihr Debüt in Brüssel wählte sie die Opernwelt 2011 zum Nachwuchssänger des Jahres. Lezhneva hat in Salzburg gesungen, in London, New York, Berlin, Wien und in Paris. Sie hat mit einer Vielzahl renommierter Orchester gearbeitet, und zahlreiche Preise in Wettbewerben gewonnen. Und sie hat in Meisterkursen bei etlichen berühmten Sängerkollegen gelernt.
Statt Opernarien also hat Lezhneva für ihr Debütalbum In furore iustissimae irae und Saeviat tellus inter rigores ausgewählt, in jeder Hinsicht höchst anspruchsvolle Motetten von Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel. Komplettiert wird das Programm durch die Weltersteinspielung der Motette In caelo stella clare aus der Feder von Nicola Porpora. Mozarts Exultate, jubilate präsentiert sie strah- lend, taufrisch und von Freude erfüllt. Ihre Höhe ist atemberaubend; in der Tiefe klingt sie eher dunkel, aber dabei erstaunlich kraftvoll. 
Wenn sie allerdings behauptet, sie hätte den Koloraturgesang, den sie auf dieser CD zelebriert, nicht etwa geübt, sondern dieser habe sich ganz natürlich ergeben, so ist das erneut tief gestapelt – solche Triller, Skalen und Staccati singt niemand „ganz natürlich“. Und gerade die russische Gesangsschule steht eigentlich nicht in dem Ruf, reihen- weise Barock-Spezialisten hervorzubringen. Die 23jährige Sängerin aber beeindruckt durch perfekten barocken Ziergesang. Zur Seite steht ihr dabei das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini – erfahrene Spezialisten, die sich gekonnt und mit gehöri- gem Temperament einbringen. Bravi! 

Sonntag, 27. Mai 2012

Duetti (Virgin Classics)

Solokantaten und Kammerduette, Kantaten für zwei Singstimmen, erfreuten sich zur Zeit des Barock höchster Beliebtheit. Sie gaben den Sängerstars jener Zeit die Möglich- keit, ihre Virtuosität vorzuführen - und zugleich erfreute sich ein sachkundiges Publikum an den ge- lungenen Melodien und komplexen musikalischen Strukturen, die die Komponisten einsetzten, um emotionale Ausnahmezustände in Klang umzusetzen. 
Das Ergebnis: Traumhaft schöne Musik, wie diese CD zeigt, für die William Christie zwei der derzeit weltbesten Countertenöre gewinnen konnte: Philippe Jaroussky, mit einer eher hell timbrierten, hohen Stimme, und Max Emanuel Cencic, der seine Karriere einst als Knabensopran bei den Wiener Sängerkna- ben startete, heute aber eher Mezzosopran singt. Seine Stimme ist voluminöser als die seines Kollegen, und klingt zudem etwas dunkler, gedeckter. 
So ergänzen sich die beiden Sänger wunderbar, wenn sie gemeinsam duetti da camera von Giovanni Bononcini, Duettkantaten von Bene- detto Marcello oder Alessandro Scarlatti wieder zum Klingen bringen, die man sonst sehr selten hört. Und natürlich ist jeder Sänger auch mit einer Solokantate zu erleben. Begleitet werden die Solisten durch einige Musiker des Ensembles Les Arts Florissants. 

Samstag, 26. Mai 2012

Porpora Cantatas (Hyperion)

Das Ölgemälde von Philip Mercier, das wir als Coverbild dieser CD sehen,  hängt in der National Por- trait Gallery in London. Es zeigt ein Konzert auf einer Freilichtbühne in Kew Gardens um 1733, mit über- aus illustren Musikern: Die Mando- line spielt Prinzessin Caroline Eli- sabeth, am Violoncello sehen wir Frederick Louis, den Prinzen von Wales, und am Cembalo seine Schwester Anne, die zukünftige Prinzessin von Oranien. Dem Vortrag lauscht mit einem Buch in der Hand Prinzessin Amelia Sophie. Die Szene erscheint durchaus realistisch. 
Friedrich Ludwig, der älteste Sohn des britischen Königs Georgs II. August, war ein leidenschaftlicher Musikfreund. Er förderte die Opera of the Nobility (und machte damit Händel und seinem King's Theatre das Leben schwer), und er spielte mit Begeisterung Cello. Besonders gern musizierte er offenbar gemeinsam mit dem Kastraten Farinelli, der sang und sich dabei auch am Cembalo begleitete. Er kam 1734 nach London, wo er in einer Truppe um seinem früheren Lehrer Nicola Antonio Porpora, zu der auch Senesino gehörte, mit Händels Ensemble konkurrierte. Drei Jahre später waren beide Opern-Unter- nehmen pleite, und der Sänger zog weiter.
Für Farinelli dürften vermutlich die vorliegenden Kantaten Porporas entstanden sein. Sie beruhen auf Texten Metastasios, sind erstmals 1735 im Druck erschienen und Prince Frederick of Wales gewidmet. Die Kantaten nutzen die virtuosen Gesangskünste der Sänger, aber sie sind keine akrobatischen Nummernprogramme. Countertenor Iestyn Davies hat hörbar Vergnügen an den Einfällen Proporas, und seinem Gesang lauscht man zunehmend mit Begeisterung. Denn dies ist eine schöne Stimme, die sehr klug und blitzsauber geführt ist. Davies wird begleitet vom Ensemble Arcangelo unter Leitung von Jonathan Cohen, der obendrein den markanten Cello-Part übernimmt. Eine Entdeckung! und vielleicht können die Musiker ja demnächst mit einer weiteren CD auch die ersten sechs Kantaten dieser Sammlung vorstellen - das erscheint doch sehr lohnend.

Freitag, 4. Juni 2010

Patricia Petibon: Rosso (Deutsche Grammophon)

Die französische Sopranistin Patricia Petibon singt Arien des italienischen Barock. Ihre Auswahl umfasst einige "Hits" des Genres, wie Händels Lascia ch'io pianga - aber auch eine ganze Reihe von Raritäten. Und es ist schön, dass Petibon nicht nur die bekannten Namen wie Händel, Vivaldi, Scarlatti und Stradella ins Spiel bringt, sondern auch Stücke von Komponisten ausgesucht hat, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind, wie Antonio Sartorio, Nicola Porpora oder Benedetto Marcello. 
Ihre Auswahl ermöglicht es ihr zudem, ein breites Spektrum an Emotionen zu zeigen. Da finden sich Trauer und Verzweiflung neben Wut und Aggression, leidenschaftliche Liebe und laszive Verführung neben ordinärer Selbstdarstellung, Sehnsucht und Erfüllung neben Enttäuschung und mörderischer Rachsucht.
All diesen Gefühlen verleiht die Sängerin mit ihrer Stimme Ausdruck. Sie wird perfekt geführt, und erlaubt Petibon den Einsatz einer weiten Skala an Nuancen und Klangfarben. Sie verfügt über ein berückendes Pianissimo ebenso wie über ein enormes Stimmvolumen, so dass sie sogar nahezu ohne Vibrato und ohne zu forcieren im Bedarfsfalle gewaltig an Lautstärke zulegen kann. Sie kann geheimnisvoll-dunkel klingen, schlicht und gerade heraus, hell und strahlend oder metallisch-spitz, und sie bewegt sich dabei mit einer Sicherheit durch die Register, dass der Zuhörer nur staunen kann. 
Petibon gestaltet all ihre Partien mit großer Intelligenz und zugleich mit beeindruckender Empathie. Dabei ist es ihr vollkommen egal, ob ihre Töne "schön" sind, wenn sie nur stimmig sind. Selbst das Augen- zwinkern singt sie mit, immer im Wettstreit mit dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon, das bereits einige Stars glatt an die Wand gespielt hat. Was für ein Sinn für Theatralik! Auf der Bühne dürfte diese Sängerin eine furiose Erscheinung sein. Und dass der Deutschen Grammophon kein gescheiterer Titel als "Rosso" für diese CD eingefallen ist, das kann sie verkraften.