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Dienstag, 11. Dezember 2018

Feliz Navidad - Rolando Villazon (Deutsche Grammophon)

Spanisch, Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch – in allen Sprachen, die er selbst fließend spricht, singt Rolando Villazón auf dieser CD Weihnachtslieder. Das war für ihn eine Herzensangelegenheit: „Sobald im Winter der Weihnachts- baum in unserem Haus steht und wir als Familie zusammen sind, hören wir Weihnachtsmusik. Das hat bei uns Tradition“, erläutert der populäre Tenor. „Nun sind meine Kinder mittlerweile älter und mir ist bewusst geworden, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie nicht mehr zu Hause wohnen werden. Deshalb wollte ich selbst Weihnachtslieder aufnehmen – als Musik für meine Kinder und für alle anderen Menschen.“ 
Feliz Navidad ist zugleich eine kleine Reise durch unterschiedliche Weihnachtskulturen. Man spürt, dass Villazón, als französischer Sänger, der aus Mexiko stammt, dieses Fest ganz besonders schätzt. „Je mehr wir Weihnachten aufbauschen, Luxus anhäufen oder zu Weihnachten in erster Linie in die Shoppingmalls strömen, desto mehr entfernen wir uns von der eigentlichen Botschaft des Festes“, unterstreicht der Sänger. Und so singt er für uns die alten Lieder, begleitet von James Hayto, Gitarre, Chris Pearson, Bassgitarre, Sam Vincent, Kontrabass, Darran Muller, Schlagzeug, den Apollo Voices sowie dem Slovak National Symphony Orchestra unter Leitung von Allan Wilson. Entstanden ist diese Produktion mit hohem Aufwand und in gut einem halben Dutzend Studios. 
Für die deutschen Fans besonders attraktiv: Stille Nacht, heilige Nacht – jener Weihnachtshit, der vor nunmehr 200 Jahren am Heiligabend in Oberndorf bei Salzburg von einem Dorfschullehrer, der zugleich die Orgel spielte, und einem Hilfspfarrer erdacht und zur Gitarre gesungen wurde, weil die Not groß und das dortige Orgelchen kaputt war. Und vielleicht auch Leise rieselt der Schnee, das Villazón gemeinsam mit Popsänger Sasha vorträgt. 

Montag, 22. August 2016

Mozart: Le nozze di Figaro (Deutsche Grammophon)

Bei der Deutschen Grammophon ist nun die vierte Aufnahme der von Rolando Villazón und Yannick Nézet-Séguin initiierten Mozart-Opern-Reihe erschienen – sieben sind ins- gesamt geplant. Nach Don Giovanni, Così fan tutte und Die Entführung aus dem Serail ist nun Le Nozze di Figaro zu hören, aufgezeichnet im Juli 2015 in Kooperation mit dem Festspielhaus Baden-Baden. 
Die Oper wurde konzertant, in italie- nischer Sprache, ungekürzt und in der von Mozart vorgegebenen Abfolge aufgeführt; somit erklingt Le nozze di Figaro auch im Mitschnitt in voller Länge. Auf den drei CD gibt es daher einiges zu entdecken; Rolando Villazón beispielsweise, der den Musikmei- ster Basilio singt, ist hier mit der Arie In quegli anni in cui val poco zu erleben, die üblicherweise gestrichen wird. Was er aus der eher peinlichen Erzählung macht, das ist schon große Komödie. 
Sonya Yoncheva übernahm wohl recht kurzfristig anstelle von Diana Damrau die Rolle der Gräfin. Die Leidenschaft, mit der sie ihre Figur ausstattet, überrascht beinahe ein wenig – und ihre Technik ist eine Offenbarung, jede Phrase ein Genuss. Fabelhaft ist auch Christiane Karg in der Partie der Susanna; keck und beweglich in den Rezitativen, schlank und silbrig in den Arien. Man fragt sich allerdings einmal mehr, was sie an diesem Figaro findet, den Luca Pisaroni hier ziemlich rauhbeinig auftreten lässt. Dafür gestaltet Thomas Hampson seinen Grafen Almaviva enorm differenziert; man spürt seine Liebe zum Liedgesang. Allein die Koloraturen wollen ihm nicht recht gelingen. Klanglich sind sich Herr und Diener verblüffend ähnlich. 
Als Cherubino ist Angela Brower zu hören, als Marcellina Anne Sofie von Otter, als Bartolo Maurizio Muraro, als Barbarina Regula Mühlemann, als Richter Don Curzio Jean-Paul Fouchécourt und als Gärtner Antonio Philippe Sly. Ein besonderes Lob verdient hat das Vocalensemble Rastatt, das die Chorpassagen hinreißend interpretiert. 
Die Instrumentalisten können leider nicht ebenso überzeugen. Das Chamber Orchestra of Europe lässt unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin in der Ouvertüre die Sektkorken knallen – doch Rasanz allein ersetzt noch keine Raffinesse. Das zeigt sich auch im weiteren Verlauf des Abends, wo das Orchester zwar historisch informiert, aber insgesamt doch sehr brav aufspielt. Man freut sich auf prickelnden Champagner, doch dann gibt's lauwarmen Schaumwein. Eine Referenzaufnahme ist das nicht; schade. 

Samstag, 28. November 2015

Wiener Sängerknaben - Frohe Weihnachten (Deutsche Grammophon)

„Frohe Weihnachten“ heißt das neue Weihnachtsalbum der Wiener Sängerknaben – ganz schlicht und einfach. Die Jungs – aus dem tradi- tionsreichen Knabenchor heißt es ausscheiden, sobald der Stimmbruch kommt – singen mit gut geschulten, hellen, fokussierten Stimmen. Sie können sich solistisch ebenso hören lassen wie in der Gruppe, und sie begleiten die beiden Stargäste dieser Aufnahme, die russischen Sopra- nistin Aida Garifullina sowie Tenor Rolando Villazón, ebenso routiniert, wie sie Joy to the world anstimmen. 
Die Wiener Sängerknaben präsentieren gemeinsam mit dem Ensemble phil Blech Wien und der Band Wiener Wunder Allerlei amerikanische Weih- nachtsklassiker wie Rudolph the Red-Nosed Reindeer, Let it snow oder Jingle Bells. Mit der Schubert-Akademie oder aber gleich gänzlich a cappella singen sie europäische Klassiker, von The first Nowell bis Es ist ein Ros' entsprungen. Am schönsten aber klingen sie, wenn sie Weih- nachtslieder aus ihrer Heimat Österreich singen. Es wird scho glei dumpa ist der heimliche Hit dieser CD – zum Niederknien, ehrlich. Ziemlich grauslig finde ich hingegen die Version von Happy Christmas (War Is Over), dieser Song von John Lennon und Yoko Ono passt weder inhaltlich noch musikalisch auf dieses Album, das ansonsten recht gelungen ist. 

Dienstag, 18. August 2015

Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Deutsche Grammophon)

„Bei Mozart ist man immer Teil des Ganzen, wie ein Instrument, das seinen Part hat, aber ohne die Partner nicht existieren kann“, so äußerte sich Rolando Villazón kürzlich in einem Interview. Der Tenor beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Opern und Arien von Wolfgang Amadeus Mozart. In dem Langzeitprojekt erarbeitet er sich alle großen Tenorpartien des Kompo- nisten. Was in Salzburg mit Il re pastore und Lucio Silla begann, das findet seine Fortsetzung mittlerweile mit konzertanten Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden. Auf CD erschienen sind bereits Don Giovanni und Cosi fan tutte; nun folgte Die Entführung aus dem Serail
Einmal mehr musiziert das Chamber Orchestra of Europe unter Yannick Nézet-Séguin – und erneut erweist sich dieses Orchester als ein Glücksgriff; es spielt brillant, und folgt sensibel jedem Wink seines Dirigenten. Die Chöre singt mit Schwung das Vocalensemble Rastatt. Diana Damrau und Anna Prohaska überzeugen als Konstanze und Blonde. Man kann hier zwei ziemlich moderne junge Damen erleben: Prohaska gestaltet ihre Zofe sehr überzeugend, mit Leidenschaft und einer Durchsetzungsfähigkeit, die alles Unglück auf Distanz hält. Franz-Josef Selig gibt einen köstlich komischen Osmin; dem Fräuleinwunder, das ihm eigentlich als Sklavin geschenkt wurde, ist dieser Palastaufseher nicht gewachsen. Damraus grandioser Koloratursopran wirkt mitunter schon fast dramatisch; sie macht das Ringen der entführten Konstanze hörbar, die schwer zu kämpfen hat, dem Bassa Selim zu widerstehen. Den spricht Thomas Quasthoff, gekonnt und sehr kultiviert, doch mit seinen Drohungen weit weniger überzeugend als in seinem Werben. Das nimmt der Figur leider eine Dimension. Den Belmonte singt Rolando Villazón, seinen Diener Pedrillo der junge Tenor Paul Schweinester. Trotz aller Tonmeisterkunst: Nicht jeder Ton ist Gold, der da glänzen sollte. Dennoch gefällt mir die Einspielung, weil sie so wunderbar theatralisch ist. Die Handlung ist hier nicht nur Vorwand für einige der schönsten Arien der Opernhistorie; die Beteiligten gestalten insbesondere auch die Dialoge und Ensembles mit enormer Spielfreude, was tatsächlich hörbar ist. Bravi!

Samstag, 1. März 2014

Mozart: Concert Arias; Villazón (Deutsche Grammophon)

Nicht alle Arien von Wolfgang Amadeus Mozart sind so bekannt, dass man die Melodien mitpfeifen könnte. Das mag zum einen daran liegen, dass nicht alle Opern des Komponisten gleichermaßen populär sind. Einige hat er ohnehin niemals fertiggestellt. Zum anderen aber hat Mozart auch Einlage-Arien für Opern anderer Komponisten geschrieben. Es gab damals regelrechte „Koffer-Arien“, maßgeschneidert als Bravour- stücke für berühmte Solisten, damit sich die reisenden Sänger vor dem Publikum von ihrer besten Seite präsentieren konnten. Arien sind auch speziell für Konzerte entstanden. 
„Als ich in einem Münchner Musikgeschäft nach Partituren von Don Giovanni und Così fan tutte suchte, fiel mir eine Ausgabe von Mozarts Konzert-Arien für Tenor in die Hände“, berichtet Rolando Villazón. „Damals kam mir sofort die Idee, sie einzuspielen. Als ich dann einige Zeit später, im Mai 2011, die Titelrolle in Massenets Werther am Royal Opera House in London übernahm, fragte ich den Dirigenten Antonio Pappano, ob er Lust habe, diese Stücke mit mir aufzunehmen.“ 
Pappano hatte – und so entstand dann die vorliegende CD mit dem London Symphony Orchestra und zehn Arien, die so abwechslungs- reich sind wie das Leben selbst. Darunter findet sich Mozarts aller- erstes Vokalwerk überhaupt, das er 1765 während seines Aufenthal- tes in London geschrieben hat – damals war er neun Jahre alt – wie eine Huldigung an einen Erzbischof oder eine Arie, mit der Mozart einen Sänger für sich einnehmen wollte. Komische Stücke sind darunter, leidenschaftliche und erhabene. Es sind überwiegend Werke des jungen Mozart; doch sie sind durchweg ausdrucksstark und an- spruchsvoll. 
Villazón hat Vergnügen an den Einfällen Mozarts. Hörbar wird dies insbesondere bei Con ossequio, con rispetto, wo der Sänger lautstark mit Komplimenten um sich wirft – und beiseite halblaut das aus- spricht, was seine Figur wirklich denkt. Stimmlich gefällt er mir am besten dort, wo Villazón ganz schlicht singt, ohne Hochdruck und ohne Verdi-Pathos. Das London Symphony Orchestra begleitet inspiriert. 

Samstag, 5. Oktober 2013

Anna Netrebko - Verdi (Deutsche Grammophon)

Die Deutsche Grammophon legt zum 200. Geburtstag Giuseppe Verdis ein neues Album mit Starsopranistin Anna Netrebko vor. Sie singt, neben berühmten Arien und Szenen beispielsweise aus Macbeth und Il Trovatore, auch weniger bekannte Stücke, darunter eine Szene aus Verdis Frühwerk Giovanna d'Arco. Begleitet wird die Sängerin durch das Orchestra Teatro Regio Torino unter Gianandrea Noseda. Über den „Luxus-Sopran“ - so zitiert das Label die „Opera News“ - mag man geteilter Meinung sein; die Stimme der Netrebko reißt mich jedenfalls immer noch nicht vom Stuhl. Aber sie wagt sich offenbar zunehmend an Partien, die nicht in erster Linie schöne Töne, sondern vor allem Ausdrucksvermögen fordern. 
Auf dieser CD gestaltet sie Figuren, die allesamt einen Knacks weg- haben. Das gilt nicht nur für den Wahnsinn einer Lady Macbeth. „Da gibt es diese wundervolle Arie der Elena aus I Vespri Siciliani“, zitiert das Beiheft Netrebko, „die über zweieinhalb Oktaven führt und dabei so eindringlich von Schmerz und Kraft erzählt. Oder jene der Elisabetta aus Don Carlo: Man hört, wie die großen kraftvollen Gefühle in ihr noch einmal aufleben, um gegen Ende im Pianissimo zu verklingen. Wir haben es hier mit einer Frau zu tun, in der jedes Gefühl bereits zu Lebzeiten abgestorben ist.“ Es gehört wenig Phan- tasie dazu, vorherzusagen, dass sich diese Silberscheibe verkaufen wird wie geschnitten Brot. Anna Netrebko sei der Erfolg gegönnt. Denn die Sängerin ist eine großartige Botschafterin der klassischen Musik, die viele Menschen für die Oper begeistert. 

Donnerstag, 17. Januar 2013

Rolando Villazón sings Verdi (Virgin Classics)

Nahezu zeitgleich mit dem Album, das zuvor in diesem Blog vorge- stellt worden ist, erschien eine sehr ähnliche Auswahl mit Verdi-Arien bei Virgin Classics. Dieses Kuriosum beruht darauf, dass Rolando Villazón bis 2007 bei EMI Records unter Vertrag stand. 
In den Archiven dieses Labels befinden sich etliche Aufnahmen aus jenen Anfangsjahren, in denen der Sänger noch im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel war - und sie schonungslos zu Markte getragen hat. So hat Virgin Classics nun Arien daraus zusammengefasst, und man stellt fest, dass die Auswahl jener stark ähnelt, die auch die Deutsche Grammophon veröffentlicht hat. Wer möchte, der kann vergleichen. In jedem Falle wird der Hörer zwar feststellen, dass das Münchner Rundfunkorchester unter Marcello Viotti bzw. besonders unter Michel Plasson sowie das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Roma, unter Antonio Pappano in einer anderen Liga spielen. Und er wird frustriert fest- stellen, dass nach knapp 38 Minuten Schluss ist - und dass Virgin Classics auch beim Beiheft gespart hat. Das wiederum ist schade. 

Villazón Verdi (Deutsche Grammophon)

Auch in diesem Jahr feiert die Musikwelt wieder etliche Jubiläen. So gehört nicht viel Phantasie dazu, vorherzusagen, dass 2013 eine Wagner-Woge über uns hereinbrechen wird. Und im Oktober 1813 wurde der italie- nische Komponist Giuseppe Verdi geboren - Grund genug, schon vor dem Jahreswechsel die ersten CD auf den Markt zu bringen. Ein Album mit Arien von Verdi legt beispielsweise die Deutsche Grammophon vor. Das Label hat Rolando Villazón zu seinem "Verdi-Botschafter" ernannt.
Der mexikanisch-französische Sänger ist derzeit ohne Frage der be- kannteste Verdi-Tenor. Er hat für dieses Album eine sehr persönliche Auswahl aus dem enorm umfangreichen Werk des Komponisten getroffen - und folgt zugleich seinem Lebensweg von den frühesten Werken bis zur letzten Arie, die Verdi je für Tenor geschrieben hat. So kann sich der Musikfreund neben den bekannten Hits aus den Opern Rigoletto und La Traviata auch über einige Arien freuen, die weniger häufig zu hören sind. 
Den Sänger begleitet das Orchestra Teatro Regio Torino unter Gian- andrea Noseda. Bei aller stimmlichen Malaise, die Villazón in den letzten Jahren verfolgt wie ein schwarzer Schatten, ist diese CD dennoch gelungen. Das liegt nicht zuletzt mit daran, dass Villazón klug ausgewählt hat und die großen Helden vemeidet. Auch wenn ihm das sicher nicht leicht fällt - aber der Tenor gibt hier nicht mehr stets 150 Prozent. Das Publikum dürfte auch mit hundert Prozent recht zufrieden sein; und für die eine oder andere Stelle, wo es doch zu hören ist, dass diese Stimme gelitten hat, entschädigt eine insgesamt intelligentere Stimmführung. Wenn Villazón auf den Volldampf-Ge- sang verzichtet, dann kommt mitunter eine Eleganz zum Vorschein, die durchaus ausbauwürdig erscheint.  Hoffen wir, dass sich ein Sänger mit einem solchen Potential zügeln kann - und sich in Zukunft nicht mehr verheizen lässt. Wir drücken beide Daumen! 

Sonntag, 15. Juli 2012

Mozart: Don Giovanni (Deutsche Grammophon)

Rolando Villazón singt Mozart - und wie! Nie zuvor habe ich die Partie des Don Ottavio nobler ge- hört, stolzer und männlicher. So, wie Villazón sie singt, erweist sie sich als Gegenentwurf zur wüsten Vitalität des Don Giovanni, der seinen Status offenbar nur dazu einsetzt, Weiber zu vernaschen. Dabei bedeutet ihm die Liste alles, und das Erlebnis längst nichts mehr. Ildebrando d'Arcangelo stimmt die ihm auferlegten Balz- gesänge mit einer Gleichgültigkeit und Eiseskälte an, die die finale Höllenfahrt des Don Giovanni nur zu plausibel werden lassen. Mit einem grandiosen Solistenensemble startete das Festspielhaus Baden-Baden 2011 in einen Mozart-Zyklus, den die Deutsche Grammophon auch in den kommenden Jahren auf CD dokumentieren wird.
Leporello, hier gesungen von Luca Pisaroni, bewundert zwar seinen Herren, grenzt sich jedoch mehr und mehr von ihm ab. Pisaronis Bassbariton ist so geschmeidig und präsent wie die Figur. Neben diesem Diener wirkt der Herr mitunter, pardon, wie ein zwar viriler, aber schon etwas räudiger Straßenköter neben einem gut gepflegten Rassehund. Nun ja. Möglicherweise fasziniert ja gerade das die Da- menwelt.

Vitali Kowaljow singt einen Komtur, der die gespenstische Statue auch akustisch erlebbar werden lässt. Konstantin Wolff glaubt man den Bauern-Bräutigam Masetto. Mit glockenreiner Stimme zeichnet Mojca Erdmann ihm zur Seite die Zerlina - ein Bräutchen, das sich in sein Schicksal fügt und die Männer zu nehmen sowie sich zu wehren weiß, bei aller Unschuld erstaunlich durchsetzungsfähig. 
Diana Damrau singt die Donna Anna. Diese Partie passt sehr gut zu ihrer Stimme. Die Koloraturen blitzen, und auch die Verstörtheit der jungen Frau, die in ihrem eigenen Hause überfallen wird, gestaltet sie mit großer Intensität. Die Szene, in der sie den Mörder ihres Vaters an der Stimme erkennt, ist für mich der absolute Höhepunkt dieser Aufnahme.  
Die Donna Elvira der Joyce DiDonato ist schier rasend vor Liebe und Wut. Wie eine Furie verfolgt sie den Mann, der sie verführt hat und nun gar nicht daran denkt, mit ihr vor den Altar zu treten. 
Doch noch viel beeindruckender als Arien und Rezitative sind bei dieser Aufnahme die Ensembles. Sie sind durchweg mit großer Sorg- falt abgestimmt, und es erweist sich zudem, dass all die Stars stimm- lich faszinierend miteinander harmonieren. Wie sie sich zurück- nehmen und gemeinsam musizieren, dem Dirigenten Yannick Nézet-Séguin folgend, da lauscht man wirklich gern. Den Begeisterungs- stürmen mancher Kritikerkollegen, die in Nézet-Séguin ein absolutes Ausnahmetalent erkannt haben wollen, kann ich mich allerdings nicht anschließen. Was er mit dem Mahler Chamber Orchestra hören lässt, das unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem, was man auch an so manchem deutschen Opernhaus unter solider Leitung erleben könnte. 

Montag, 14. Mai 2012

Une fete Baroque! (Virgin Classics)

Rameau, Lully, Purcell und Händel - Werke dieser Komponisten wähl- te Emmanuelle Haim für das große Jubiläumsfest ihres Ensembles Concert d'Astrée. Auf dieser Doppel-CD liegt nun der Mitschnitt des barocken Festes vor, das das Orchester, dirigiert von seiner Gründerin, mit 24 (!) prominenten Sängerinnen und Sängern am 19. Dezember 2011 im Pariser Théatre des Champs-Elysées feierte. 
Der Mitschnitt vermittelt auch einen Eindruck von der Stimmung, die dieses musikalische Feuerwerk der Extraklasse zauberte. Das Publikum reagiert geradezu euphorisch - was allerdings auch kein Wunder ist, denn etliche Sänger lassen es regelrecht krachen. Das liegt nicht jedem der beteiligten Stars glei- chermaßen, doch der Jubel des Publikums zeigt deutlich, dass einige Sänger und Musiker gern auch ihr theatralisches Talent zur Geltung bringen. Die schönen Töne verstehen sich bei Künstlern wie Natalie Dessay, Patricia Petibon, Sandrine Piau, Anne Sofie von Otter, Pascal Bertin, Philippe Jaroussky oder Rolando Villazon ohnehin quasi von selbst. Was für eine Party! Hier wird mit Lust und Leidenschaft musiziert. Zum Abschluss erklingt schließlich Händels Hallelujah – begeistert mitgesungen auch im Saal. Wer die Doppel-CD erwirbt, der unterstützt ebenso wie das Publikum jenes denkwürdigen Abends das Révolution-Cancer-Programm, ein Krebs-Forschungsprojekt der Fondation Gustave Roussy. 

Samstag, 4. Juni 2011

Vivaldi: Ercole sul Termodonte (Virgin Classics)

Man schreibt das 17. Jahrhundert. Ganz Italien ist vom Opernfieber befallen. Die soeben neu entstan- dene Gattung wird überall gefeiert. Überall? Nicht ganz. Denn in Rom durften Opern jahrzehntelang ausschließlich in geschlossener Gesellschaft erklingen. Der Kirchenstaat, der zumindest nach außen hin gern tugendhaft er- scheinen wollte, fand all diese Geschichten um Liebe, Lust, Leidenschaften und all die antiken Helden und Götter moralisch ziemlich bedenklich. Und dass Frauen singen, war in Rom damals gänzlich undenkbar. 
"Die kirchliche Dekadenz", so spottete seinerzeit ein Franzose, "lässt im Theater in Frauenrollen nur hübsche junge Burschen auftreten, für die teuflische Kesselflicker das Geheimnis gefunden haben, wie sich ihre hohen Stimmen erhalten lassen. Als Mädchen gekleidet, mit ihren Hüften, dem breiten Hintern, der weiblichen Brust, dem runden und fülligen Hals kann man sie tatsächlich für Mädchen halten." Doch auch die männlichen Helden wurden zumeist von Kastraten gesungen; für Tenöre und Bässe wurden nur selten bedeutende Partien geschrieben. 
Das sorgte in späteren Jahrhunderten für Verwirrung, denn mit dem Ende der grausigen Kastrationen verschwanden natürlich auch die Sopranisten und Altisten von den Bühnen; die Heldenpartien wurden nun durch Frauen gesungen, was mitunter ziemlich komisch wirkt, oder für "richtige" Männerstimmen transponiert, was auch gewisse Probleme mit sich bringt. 
Auch Vivaldis Oper Ercole sul Termodonte, die die bekannte Ge- schichte der Auseinandersetzung des Herkules mit den Amazonen erzählt, stellt heutzutage mit den teilweise extrem schwierigen Kastratenpartien die Frage nach der Besetzung. In diesem Falle wurde sie nach Stimmfach gelöst - und das ganz achtbar. Für diese Einspie- lung mit dem Orchester Europa Galante und dem Coro da Camera Santa Cecilia di Borgo San Lorenzo unter Fabio Biondi hat Virgin Classics ein wahres Star-Ensemble aufgeboten: Vivica Genaux, Joyce DiDonato, Patrizia Ciofi und Diana Damrau sind als Amazonen zu hören, Rolando Villazón ist als Ercole zu erleben, und Romina Basso, Philippe Jaroussky  und Topi Lehtipuu singen die Griechen in seiner Begleitung. Das hat sich durchaus gelohnt, denn mit einigen wenigen Einschränkungen ist die Aufnahme sehr gelungen. Selbst Villazón kommt mit den Anforderungen der "Alten" Musik erstaunlich gut zurecht. Und Diana Damrau ist eine ganz entzückende Martesia. 
Auch für die Rekonstruktion der Partitur war ein erheblicher Auf- wand erforderlich. Denn das Werk, das Vivaldi seinerzeit in Rom den Durchbruch als Opernkomponist brachte, war nur in Fragmenten erhalten. Glücklicherweise hatte der Maestro seinerzeit nicht jede Arie für jede Oper neu geschrieben. So stellten die Musiker, die versuchten, die Überreste zu ergänzen, bald fest, dass Vivaldi nahezu alle Arien auch anderweitig eingesetzt hat. Um sie erneut zu ver- wenden, wurden damals allerdings erhebliche Anpassungen vorge- nommen - einerseits im Hinblick auf dramaturgische Zusammen- hänge, andererseits mit Blick auf die Möglichkeiten der beteiligten Sänger. 
"Zwei wichtigen Faktoren haben wir zu verdanken, dass Vivaldis Ercole sul Termodonte in fast voller Länge wieder zugänglich gemacht werden kann", schreibt Fabio Biondi im Beiheft: "Zum einen ist das vollständige und authetische Libretto vorhanden, das 1723 für die Aufführung am Teatro Capranica in Rom benutzt wurde, zum anderen sind, verteilt auf Bibliotheken in Paris, Münster, Turin und anderen Orten, fast alle Arien in unterschiedlichen Quellen erhalten." Ein kritischer Apparat beschreibt die jeweiligen Funde und den Umgang mit diesem Material. Selbst den Text kann in dem sorgsam erstellten Beiheft mitlesen, wer möchte. Meine Empfehlung!  

Freitag, 17. Dezember 2010

Bryn Terfel - Carols & Christmas Songs (Deutsche Grammophon)

"Die Weihnachtsfeste meiner Kindheit auf einem Bauernhof in Nordwales waren idyllisch. Ständig gab es Geselligkeiten mit Familie und Freunden, man führte wundervolle Krippenspiele auf, und verschneite Wiesen wurden zu weihnachtlichen Spielplätzen. Auch das fröhliche gemeinsame Singen von Liedern unterschied- lichster musikalischer Richtungen gehörte dazu", erinnert sich Bryn Terfel. "Im Hintergrund ist die Musik stets gegenwärtig und wichtiger Teil dieser festlichen Zeit. Wie begeistert war ich bei der Aussicht, einige dieser herrlichen Lieder aufzunehmen, vor allem da ich wusste, dass auch das walisische Liedgut zum Programm gehö- ren würde." 
Denn bei dieser Einspielung handelt es sich um eine ganz besondere Doppel-CD: Auf der ersten Silberscheibe gibt's internationales Lied- gut, inklusive einiger Überraschungen - so singt Tenor Rolando Villazón gemeinsam mit dem Bassbariton ein entspanntes El Naci- miento. Die zweite ist die Welsh Bonus Disc, mit Liedern in Terfels geliebter Muttersprache, und ebenfalls mit diversen Gästen, wie dem Nidus Children's Choir, der Sopranistin Gwawr Edwards und den Only Men Aloud oder Caryl Parry Jones & Band. Die exzellente Harfenistin Catrin Finch ist auf beiden CD zu hören, wie auch der Chor Cordydd und das Orchestra of the Welsh National Opera unter Tecwyn Evans.
Leider hat das Label bei durchaus dafür erstklassigen Spezialisten "marktgängige" Arrangements anfertigen lassen. Sie sorgen vom ersten bis zum letzten Lied für einen kaufhauskompatiblen Einheits- sound. Beim Publikum wird das sicherlich ankommen - aber man fragt sich, wie diese Lieder mit etwas weniger Streicherteppich hätten klingen können.

Sonntag, 3. Januar 2010

Puccini: La Bohème (Deutsche Grammophon)

"La Bohème" dürfte wohl die populärste Oper Puccinis sein. Entsprechend oft wurde sie eingespielt. Es gehört mittlerweile Mut dazu, neben die vielen vorhandenen Interpretationen eine weitere zu stellen. Einen Grund dafür sollte es schon geben, und das sollte sinnvollerweise nicht ausschließlich der Name eines aktuellen Opernsternchens sein.
Auch reicht es - selbst im Multimedia-Zeitalter - nicht aus, wenn die Sänger rein optisch-schauspielerisch als Idealbesetzung ihrer Rollen durchgehen könnten. Was also könnte die Deutsche Grammophon bewogen haben, diese CD auf den Markt zu bringen? Das Vertrauen auf das schlechte Gedächtnis und das noch schlechtere Gehör der Leute?
Man höre und vergleiche: Mit der Intensität einer Mirella Freni oder einer Maria Callas (deren stärkste Partie die Mimi freilich nicht war) kann eine Anna Netrebko nicht annähernd mithalten, vom Gesang gleich ganz zu schweigen. Und was Netrebko unterm System fehlt, das lässt Rolando Villazón als Rodolfo überm System vermissen. Beide wirken angestrengt und etwas orientierungslos. Die comprimari sind ebenfalls wenig glücklich besetzt. Und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks musiziert unter Bertrand de Billy derart farb-, saft- und ideenlos - es ist ein Trauerspiel, man mag gar nicht hinhören.

Donnerstag, 12. November 2009

Händel: Arien; Rolando Villazón (Deutsche Grammophon)


Ein klassisch-lyrisch ausgebildeter Tenor, der bisher vor allem durch Aufnahmen "unter Volldampf" aufgefallen ist, singt Händel? Doch spätestens beim dritten Stück, "Pastorello d'un povero armento" aus der Oper "Rodelinda", wird der Zuhörer begeistert nicken. Denn hier ist Leichtigkeit gefordert - und das tut Villazóns Stimme hörbar gut.
Diese CD zeigt, welche enormes Potential dieser Sänger hat - und welch wundervolles Piano. Das ist in der Tat eine große Überraschung. Denn in Arien aus "Serse", aus "La Ressurrezione" und aus "Tamerlano" klingt sein Tenor schlank und strahlend. Ausdruck und Intensität sind Villazóns Stärken. So erzeugt die Sterbeszene des Bajazet, ohnehin eine der berückendsten Partien der  Operngeschichte überhaupt, beim Hörer Gänsehaut. Dazu trägt auch das Orchester seinen Part bei. Die Gabrieli Players unter Paul McCreesh musizieren souverän, und geleiten den Sänger mit ihrer ausgeprägten Klangsprache.
Vielleicht sollte Villazón generell das Fach wechseln, und sich stärker der Alten Musik zuwenden. Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass dieses Repertoire ihm liegt - und seiner Stimme gut tut, was man von den bisherigen Arien-Alben leider nicht uneingeschränkt behaupten konnte.

Samstag, 27. Juni 2009

"cielo e mar" - Rolando Villazón (Deutsche Grammophon)

Ein Tenor zwischen Himmel und Bruchlandung. Villazón kann offenbar nur Volldampf. Und er sucht sich ein ebenso atemberaubendes wie strapaziöses Repertoire für dieses erste Solo-Recital bei der Deutschen Grammophon aus: Große Arien, große Gefühle, große Linien, höchste Ansprüche. Wenn dieser Sänger nicht so sympathisch wäre, dann würde man wohl die Schultern zucken - schon wieder eine Sternschnuppe, und der Musikmarkt ist daran ja nicht gerade arm. So wünscht man sich, dass eine gute Fee kommt und Villazón zu mehr Effizienz verhilft, zu einer Gesangstechnik, die uns diese schöne Stimme bewahrt. Denn das ist sie, ohne jeden Zweifel.