Posts mit dem Label Il Complesso Barocco werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Il Complesso Barocco werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 30. Oktober 2016

Mitologia (Deutsche Harmonia Mundi)

Dies ist die letzte Händel-Aufnahme des Alte-Musik-Spezialisten, Cembalisten und Dirigenten Alan Curtis, der im Juli 2015 in Florenz verstorben ist. Georg Friedrich Händel nutzte die Mythen der Antike, in Fortführung einer noch jungen Tradition, als Grundlage für Kantaten, Serenaden und Opern. Librettisten, Komponisten und auch das Publikum schätzte die alten Geschichten, weil sie nicht nur diverse Tugenden, sonder vor allem auch menschliche Schwächen aufs Schönste ins Licht rücken. 
Übermäßiger Ehrgeiz, Eitelkeit, Eifersucht und weibliche List, männliche Prahlerei und Aufschneiderei, mehr oder minder subtile Rache – all das findet sich in den alten Sagen um Götter und Helden. Und natürlich ließ sich auch so manche Huldigung an reale Herrscher, oder die gut zahlende Kundschaft, geschickt ins klassische Gewand kleiden. 
Die renommierte Sopranistin Christiane Karg und die italienische Altistin Romina Basso haben gemeinsam mit Curtis' Ensemble Il Complesso Barocco ein hinreißendes Programm mit Instrumentalstücken, Arien und Szenen aus solchen Opern und Kantaten eingespielt. Man kann dem berückenden Gesang des Orfeo lauschen, oder der Wahnsinnsszene der Dejanira, die feststellen muss, dass der Zentaur Nessus sie betrogen hat. Denn das Gewand, mit dem sie die Liebe ihres Herkules zurückerobern wollte, hat diesem einen schrecklichen Tod beschert. Auch beispielsweise Semele oder Dafne, Partenope, Cupido sowie natürlich Minerva und Giove höchstpersönlich gehören zum singenden Personal – und gesungen wird hier vorzüglich. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 14. Mai 2013

Handel: Giove in Argo (Virgin Classics)

Man möchte meinen, dass das Werk von Georg Friedrich Händel mittlerweile veröffentlicht ist. Doch das ist ganz offensichtlich noch immer nicht der Fall. Die Noten zu seiner Oper Giove in Argo beispielsweise galten lange als verschollen; die Original- partitur war nicht überliefert, bekannt waren nur das gedruckte Libretto und einige Manuskript- fragmente. Es fehlten nahezu komplett die Secco-Rezitative für den zweiten und dritten Akt, und auch zwei Arien waren nicht aufzufinden - bis sie John H. Roberts im Jahre 2000 schließlich in Cambridge entdeckte. Damit war der Weg frei für die Rekonstruktion der Oper; eine wissenschaftliche Edition wird demnächst als Bestandteil der Hallischen Händel-Ausgabe erscheinen. 
"We should not expect Handel's Giove in Argo to conform to some modern ideal of musical drama, perfectly developed and peopled with subtle and distinctive characters. It was never intended to", schreibt Roberts in dem sehr informativen Beiheft. "Rather, it was conceived as a brilliant theatrical entertainment, and Handel filled it with arias an choruses of proven appeal, augmented by a goodly quantity of new music, as expressive and finely wrought as in his more fully original works. If it failed to please in May 1739, that was the result of a patchy cast and an audience increasingly indifferent to what Handel had to offer." 
Giove in Argo wurde 1739 nur zweimal aufgeführt. Das Missfallen des Publikums könnte freilich auch die Handlung erregt haben: Die Liebeshändel des Jupiter, der sich in die irdische Politik einmischt, um gleich zwei junge Damen zu vernaschen, sind zwar amüsant - aber für das Londoner Opernpublikum war das Sujet vielleicht doch zu gewagt. Am Hofe Augusts des Starken in Dresden, wo das Libretto von Antonio Maria Lucchini durch Antonio Lotti vertont worden war, war sie anlässlich der Vermählung des Kurprinzen aufgeführt worden. Dort nahm niemand Anstoß an den Verstrickungen des liebestollen Herrschers über die Götter - andere Länder, andere Sitten. 
Die Handlung aber ist in der Tat verwirrend. Denn die Helden dieser Oper sind zumeist inkognito unterwegs. Die Heldinnen sind Isis, die Tochter des Königs Inachus, und Calisto, die Tochter des Königs Lycaon. Er hat Inachus ermordet, um dessen Reich an sich zu bringen - und dafür hat ihm Isis Rache geschworen. Doch Lyacon ist selbst von Rebellen vertrieben worden, und irrt im Wald umher. Dort sucht ihn Calisto. Dabei begegnet sie Osiris, der wiederum seine geliebte Isis sucht - und sich als Hirte verkleidet hat. Als Hirte getarnt hat sich allerdings auch Jupiter an die beiden jungen Damen herangemacht, und versucht mit allerlei Intrigen, ihre Tugend zu bezwingen. Man kann sich vorstellen, welches Durcheinander er damit verursacht - zumal Calisto mittlerweile dem Gefolge Dianas angehört. Und die jungfräuliche Göttin schätzt es überhaupt nicht, wenn ihr Personal durch Affären abgelenkt ist. 
Händel-Experte Alan Curtis hat Giove in Argo wieder zum Klingen gebracht; bei Virgin Classics ist nun die Weltersteinspielung erschienen. Und dieser lauscht man gern - kein Wunder, denn es singt ein brillantes Solistenensemble: Ann Hallenberg als Isis, Karina Gauvin als Calisto, Theodora Baka als Diana, Anicio Zorzi Giustiniani als Jupiter, Vito Priante als Osiris und Johannes Weisser als Lycaon, das ist eine beeindruckende Besetzung mit reicher Barockmusik-Erfahrung. Die Sänger musizieren gemeinsam mit Curtis' Orchester Il Complesso Barocco, das sie stilsicher und temperamentvoll begleitet. Die Aufnahme ist von Anfang bis Ende gelungen - unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Drama Queens - Joyce DiDonato (Virgin Classics)

Kastraten waren einst die Stars der Opernbühne, und viele dieser Arien waren ihnen auf den Leib komponiert - auch wenn die Heldinnen Berenice, Octavia, Poppea, Cleopatra oder Rossane heißen. "Why do we adore these queens of the drama?", fragt Joyce DiDonato im Beiheft zu dieser CD. "The answer, for me, lies at the heart of why we love opera: we yearn to open hidden doors to the richest, most complex, utterly human and profoundly moving emotions that we may not be able to access when left to our own devices. The crazy plots and extreme circumstances of the operatic universe give us permission to unleash our often too-idle imagina- tions."
Die Heldinnen der barocken Opernbühne zeichneten sich durch Leidenschaft aus - und durch Konsequenz. So offenbarten sie mitunter in einer einzigen Arien einen ganzen Kosmos von Gefühlen, von der Raserei bis hin zur Melancholie. Die amerikanische Mezzosopranistin hat sich an diese emotionalen Achterbahnfahrten gewagt. Sie beeindruckt insbesondere dort mit schönem Ton, wo sie ruhige Passagen und lange Linien gestalten kann. Wo sie forciert, kommt oftmals ein Vibrato zum Vorschein, das mir hier weniger gefällt. Joyce DiDonato wird einmal mehr stilsicher vom Ensemble Il Complesso Barocco unter Alan Curtis begleitet. Die Musiker erweisen sich erneut als ausgesprochen versiert, und sie bringen neben viel Temperament auch so manche Klangfarbe ins Spiel. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Arie Geloso sospetto der Kaiserin Octavia aus Reinhard Keisers Oper Die römische Unruhe oder Die edelmütige Octavia
Erfreulich ist zudem die Tatsache, dass für dieses Album nicht nur bekannte Stücke ausgewählt wurden, wie Piangerò la sorte mia aus Händels Giulio Cesare oder Sposa, son disprezzata - hier korrekt Geminiano Giacomelli zugeschrieben, der die Arie 1734 für seine Oper Merope komponiert hat; überliefert wurde sie uns allerdings als Bestandteil von Vivaldis Pasticcio Bajazet. Für den Opernfreund hält diese CD viele Entdeckungen bereit. Und DiDonato begeistert durch ihre großartige Lust an Theatralik. "The Baroque drama queen apologises for nothing, hides nothing (unless it serves her purpose, of course), lays herself bare without filter, and trough glorious, magisterial vocal music gives us the permision to dare to do the same", meint die Sängerin. "Who needs therapy?" 

Samstag, 31. Juli 2010

Händel: Berenice, Regina d'Egitto (Virgin Classics)

Der Earl of Shaftesbury berichtete, er habe am 12. Mai 1737 einer Probe von Händels Oper Berenice beobachtet, und "ein unsägliches Vergnügen empfunden": "Der erste Akt ist durchweg in einem gefälli- gen Stil gehalten, voller vorzügli- cher eleganter Arien und recht neu. Der zweite Akt ist mehr dem großen Geschmack verpflichtet und kann (...) zu Recht erhaben genannt werden. (...) Der dritte beginnt mit einem kurzen, aber guten Vorspiel, und dieser Akt ist eine Mischung aus dem großen und dem gefälligen Stil." Händel gehe es besser, so der Earl, "aber nicht gut genug, um das Cembalo selber zu spielen, der junge Smith soll das für ihn übernehmen."  Was war geschehen? 
1737 war nicht das Glückjahr das Komponisten. Zwar hatte die Opera of the Nobility zwei ihrer Stars, den Kastraten Senesino und die Cuzzoni, sowie ihren musikalischen Leiter Porpora verloren. Händel trat mit einem gewagten Programm an, um den Konkurrenten vom Markt zu fegen - doch am Ende dieser musikalischen Fehde waren beide Operngesellschaften pleite. Und im April hatte der Komponist obendrein einen Schlaganfall erlitten, der wohl vorübergehend seinen rechten Arm lähmte.
Man glaubt es kaum, aber Berenice wurde nach ihrer Uraufführung am 18. Mai 1737 noch zwei- oder dreimal wiederholt - und verschwand dann fast vollkommen aus dem Repertoire. Dabei ist das Werk wirklich hörenswert. Die Musik ist erstaunlich heiter, wenn man das Sujet bedenkt, ideenreich und schwungvoll. Die Handlung freilich beschränkt sich auf kuriose Verwicklungen, wie sie entstehen, wenn Menschen nicht miteinander, sondern ausschließlich übereinander oder gar nicht reden. So dauert es fast drei Stunden, bis sich die beiden Paare endlich sortiert haben: Berenice verzichtet auf Demetrio zugunsten ihrer Schwester Selene, die dieser ohnehin liebt, und beugt sich der Staatsraison. Denn Rom fordert ihre Verheiratung mit dem eigenen Heiratskandidaten Alessandro.
Händels Musik freilich erzählt, das dies keine glückliche Entscheidung gewesen sein kann. Und in der Tat - die historische Berenike wurde wenige Tage nach der Hochzeit von ihrem Mann ermordet, der wiederum dafür vom erzürnten ägyptischen Volk gelyncht wurde. Dem Publikum jener Zeit dürfte das bekannt gewesen sein. 
Die vorliegende Aufnahme entstand anlässlich einer konzertanten Aufführung der Oper im November 2009 am Théatre des Champs Elysées in Paris. Es singen Klara Ek (Berenice), Ingela Bohlin (Alessandro), Franco Fagioli (Demetrio), Romina Basso (Selene), Mary-Ellen Nesi (Arsace), Vito Priante (Aristobolo) und Anicio Zorzi Giustiniani (Fabio); es spielt Il Complesso Barocco unter Alan Curtis. Dieses Ensemble ist durchweg ausgewogen besetzt; wer Händel liebt, dem sei an dieser Stelle ein ungetrübtes Hörvergnügen angekündigt.

Samstag, 13. Februar 2010

Handel: Ezio (Deutsche Grammophon)

Händels Oper Ezio war kein Publikumserfolg. Nach ihrer Premiere 1732 wurde sie nur viermal gespielt, und verschwand dann im Nirwana der Archive und Bibliotheken. Diese Einspielung mit Il Complesso Barocco unter Alan Curtis lässt ahnen, warum. 
Metastasio, der Autor des Librettos, sah Rezitative als Träger des Geschehens und Arien als Werkzeuge der Reflektion. Der Komponist und Operndirektor Händel jedoch, der wusste, dass die Briten lange Rezitative nicht schätzen, strich Metastasios Werk kräftig zusammen - mit dem Ergebnis, dass das Drama teilweise unverständlich wurde.
Der Kenner mag sich an der Musik erbauen - der erste Akt aber zieht sich dennoch hin; und Händels Star Senesino in der Titelrolle blieb der große Auftritt mit einer eindrucksvollen Arie verwehrt. Seine große Stunde kam erst im dritten Akt, mit der bravourösen Arie "Se la mia vita". Für Fulvia, die Tochter des Verschwörers Massimo, die den Feldherrn liebt und ihn nur retten kann, wenn sie ihren Vater denunziert, schuf Händel eine grandiose Szene am Rande des Wahnsinns. Und das sozusagen letzte Wort erhielt mitnichten der siegreiche und rehabilitierte Ezio, sondern dessen subalterner Freud Varo, dem Händel kurz vor dem Finale eine beeindruckende Arie mit obligater Trompete schrieb. Zum ersten Male bekam ein Bassist eine große Partie, abseits der traditionell für diese Stimmlage vorgesehenen Väter und Priester.
Mit solchen Innovationen aber dürfte der Komponist sowohl den Kastraten als auch das Publikum verärgert haben; da nützt auch die wundervolle sprechende Musik nichts, die selbst viele der weniger ansprechenden Arien begleitet. Das Werk hat seine Längen, und nicht alle Abschnitte wirken gleichermaßen inspiriert. 
Das gilt auch für diese Einspielung der Oper. Ann Hallenberg singt den Ezio, mit androgynem Timbre. Sonia Prina als römischer Kaiser Valentinian erlaubt sich für meinen Geschmack zuviel Vibrato. Karina Gauvin brilliert als Fulvia. Anicio Zorzi Giustiniani ist ein zorniger, verbitterter Massimo. Nicht gerade eine Traumrolle für einen Tenor. Durch seine Virtuosität überzeugt der Bassist Vito Priante als Varo - er lässt ahnen, für welch beeindruckende Stimme seinerzeit diese Partie entstanden ist.