„Ich habe kürzlich einen magischen musikalischen Moment erlebt“, berichtet Elisabeth Leonskaja: „Zwei großartige Musiker, Christian Fergo und Raoul Morat, spielten Schubert auf zwei Gitarren. Ich habe mich in Schuberts Zeit zurückversetzt gefühlt und glaubte, Klaviere aus seiner Zeit zu hören. Das war ein Augenblick voller magischer Klänge.“
„Wir hatten schon immer das Gefühl, dass die Gitarre in Schuberts Musiksprache unbewusst mitklingt“, schreibt das schweizerisch-dänische Gitarrenduo – und hat sich auf die Spurensuche begeben. „Wir begannen mit einem Arrangement seiner Moments Musicaux“, so die Musiker. „Um noch weiter in diese Welt vorzudringen, entschlossen wir uns, Nachbildungen von Gitarren aus Schuberts Zeit zu spielen, die genau die Klangqualitäten besitzen, die Schubert in den Wiener Musikkreisen gehört haben würde.“
Das Ergebnis dieser musikhistorischen Erkundung ist auf dieser CD zu erleben. Neben den Moments musicaux erklingen auch drei Impromptus sowie eine Auswahl aus den Valses sentimentales. Es ist schon erstaunlich, wie sehr Schuberts Kompositionsweise, beispielsweise seine Vorliebe für die rasante Repetition gebrochener Akkorde, der Gitarre zupass kommt. Das zeigt übrigens auch noch eine andere Einspielung, die schon einige Jahre alt ist: Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin, von Konrad Ragossnig einst für das Instrument bearbeitet, und mit Peter Schreier als Liedersänger, gehört zu meinen absoluten Favoriten.
Die CD des Gitarrenduos Morat-Fergo ist ebenfalls ein großer Wurf: Kluge Arrangements, perfekt gespielt; und auch die historischen Wiener Gitarren – mit immerhin neun Saiten! – kommen klanglich bestens zur Geltung. Hinreißend schön, unbedingt anhören!
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Sonntag, 14. April 2019
Donnerstag, 10. August 2017
Late Piano Works by Franz Schubert (Genuin)
„Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten“, so zitiert das Beiheft zu dieser CD Alfred Brendel, „komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich selbst in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.“
Nami Ejiri nähert sich auf ihrer Genuin-CD diesem Phänomen. Sie hat dafür drei späte Werke von Franz Schubert (1797 bis 1828) ausgewählt. Das Allegretto c-Moll (D 915) ist ein Albumblatt, welches der Komponist im Mai 1827 seinem Freunde Ferdinand Walcher mit auf eine Reise nach Venedig gab. Es ist erfüllt vom Abschiedsschmerz. Die vier Impromptus op. 90 (D 899) erscheinen ebenfalls wie musikalische Stimmungsbilder.
Die Klaviersonate in B-Dur (D 960) ist Schuberts letzte, entstanden im September 1828, und so vielschichtig wie das Leben selbst. Aufbegehren steht hier neben Resignation, Ironie neben Melancholie, Schönheit neben Düsternis. Nami Ejiri fasziniert mit ihrem sensiblen Klavierspiel. Die junge Musikerin gehört nicht zu den Tastendonnerern; sie erkundet Stücke eher zurückhaltend, spielt sehr präzise und durchdacht. Folgt man ihrer Interpretation, kann man selbst die bekannten Impromptus neu entdecken. Ihr Schubert ist von überraschender Klarheit und auch Leuchtkraft – und wo es erforderlich ist, fehlt auch die Dramatik nicht. Sehr gelungen!
Nami Ejiri nähert sich auf ihrer Genuin-CD diesem Phänomen. Sie hat dafür drei späte Werke von Franz Schubert (1797 bis 1828) ausgewählt. Das Allegretto c-Moll (D 915) ist ein Albumblatt, welches der Komponist im Mai 1827 seinem Freunde Ferdinand Walcher mit auf eine Reise nach Venedig gab. Es ist erfüllt vom Abschiedsschmerz. Die vier Impromptus op. 90 (D 899) erscheinen ebenfalls wie musikalische Stimmungsbilder.
Die Klaviersonate in B-Dur (D 960) ist Schuberts letzte, entstanden im September 1828, und so vielschichtig wie das Leben selbst. Aufbegehren steht hier neben Resignation, Ironie neben Melancholie, Schönheit neben Düsternis. Nami Ejiri fasziniert mit ihrem sensiblen Klavierspiel. Die junge Musikerin gehört nicht zu den Tastendonnerern; sie erkundet Stücke eher zurückhaltend, spielt sehr präzise und durchdacht. Folgt man ihrer Interpretation, kann man selbst die bekannten Impromptus neu entdecken. Ihr Schubert ist von überraschender Klarheit und auch Leuchtkraft – und wo es erforderlich ist, fehlt auch die Dramatik nicht. Sehr gelungen!
Montag, 11. Juli 2016
Schubert: Four Impromptus - Sonata in G (Avi-Music)
„Diese Werke begleiten mich seit meiner frühesten Jugend – natur- gemäß hat mein ,Verhältnis' zu ihnen einige Wandlungen durchlaufen, wird es in der Zukunft hoffentlich auch weiterhin tun“, schreibt Sheila Arnold im Beiheft zu dieser CD. „Die vorliegende Momentaufnahme spiegelt aber neben den Einflüssen des Lebens, durch menschliche und literarische Begegnungen, insbe- sondere meine Erfahrungen mit historischen Instrumenten wider.“
Die Pianistin hat die Impromptus D 899 und die Sonate für Klavier G-Dur D 894 von Franz Schubert (1797 bis 1828) auf einem Steinway D einge- spielt – dem Standard-Konzertflügel. Sie musiziert aber so farbenreich und so differenziert, dass man mitunter meint, ein Fortepiano zu hören.
„Seien es die hörbaren Registerwechsel, die Klarheit der Bassregion, die bisweilen zu einer unerhört grollenden und präsenten Lesart führen muss, der seelenvolle Klang, die präzise und minutiöse Setzung der Artikulationszeichen, die klaren Bezeichnungen der Dynamik und nicht zuletzt das relativ schnelle Verklingen des einzelnen Tones“, schildert Arnold Details ihres Spiels, die sie aus der Beschäftigung mit dem Hammerflügel herleitet. „Diese Erfahrungen ziehen auch Konsequenzen der Pedalisierung, des Timings oder der Tempowahl nach sich.“
Die Pianistin liest tiefgreifende existenzielle Konflikte aus dem Notentext heraus, die sie im Beiheft sehr gelungen erläutert. „Gerade in der Subjek- tivität liegt das Herz dieser Musik“, betont Sheila Arnold. Die Form ist nur noch Hülle: „Das Assoziative, das Fragmentarische, die innere Zerrissen- heit, die Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Scheinwelt, zwischen Leben und Tod, das Erleben der Natur als Projektion des Innenlebens“, beschreibt die Musikerin, was die Werke Schuberts kenn- zeichnet: „Keine Affektenlehre mehr, sondern Psychogramm.“ Daran orientiert sich auch ihr Klavierspiel. Es singt, und es poltert, es murmelt und grollt, mal überirdisch schwebend, mal irdisch zornig. Sehr hörens- wert!
Die Pianistin hat die Impromptus D 899 und die Sonate für Klavier G-Dur D 894 von Franz Schubert (1797 bis 1828) auf einem Steinway D einge- spielt – dem Standard-Konzertflügel. Sie musiziert aber so farbenreich und so differenziert, dass man mitunter meint, ein Fortepiano zu hören.
„Seien es die hörbaren Registerwechsel, die Klarheit der Bassregion, die bisweilen zu einer unerhört grollenden und präsenten Lesart führen muss, der seelenvolle Klang, die präzise und minutiöse Setzung der Artikulationszeichen, die klaren Bezeichnungen der Dynamik und nicht zuletzt das relativ schnelle Verklingen des einzelnen Tones“, schildert Arnold Details ihres Spiels, die sie aus der Beschäftigung mit dem Hammerflügel herleitet. „Diese Erfahrungen ziehen auch Konsequenzen der Pedalisierung, des Timings oder der Tempowahl nach sich.“
Die Pianistin liest tiefgreifende existenzielle Konflikte aus dem Notentext heraus, die sie im Beiheft sehr gelungen erläutert. „Gerade in der Subjek- tivität liegt das Herz dieser Musik“, betont Sheila Arnold. Die Form ist nur noch Hülle: „Das Assoziative, das Fragmentarische, die innere Zerrissen- heit, die Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Scheinwelt, zwischen Leben und Tod, das Erleben der Natur als Projektion des Innenlebens“, beschreibt die Musikerin, was die Werke Schuberts kenn- zeichnet: „Keine Affektenlehre mehr, sondern Psychogramm.“ Daran orientiert sich auch ihr Klavierspiel. Es singt, und es poltert, es murmelt und grollt, mal überirdisch schwebend, mal irdisch zornig. Sehr hörens- wert!
Mittwoch, 2. Mai 2012
Schubert: Wanderer Fantasy, Impromptus opp. 90 & 142 (Avi-Music)
"Soll doch der Teufel dieses Zeug spielen", soll Franz Schubert - der nicht gerade als schwacher Pianist galt - einst gesagt haben, als er feststellte, dass ihm seine Fantasie C-Dur, bekannt auch als Wanderer-Fantasie, technisch ziemlich an- spruchsvoll geraten war. Das Fina- le klingt mit seinen Oktav- und Akkordpassagen, Tremoli und Fluten von Arpeggien schon nach Liszt. Und dieser war in der Tat von dem Werk schwer beein- druckt; es gehörte zu seinen Paradestücken, und beeinflusste auch Liszts kompositorisches Schaffen.
Viviana Sofronitzkaja, die Tochter des legendären Wladimir Sofro- nitzki, hat jetzt die Wanderer-Fantasie auf einem Fortepiano einge- spielt. Das Hammerklavier ist ein Nachbau aus der Werkstatt Paul McNultys; das Original, angefertigt 1819 von dem berühmten Wiener Klavierbauer Conrad Graf (1782 bis 1824), befindet sich auf Schloss Kozel bei Pilsen. Dieses Instrument klingt klar und schlank, nicht so voluminös wie moderne Flügel, und sein Bass ist auch nicht so dominant. Sofronitzkaja nutzt die Eigenheiten des Hammerklaviers geschickt, um zwischen Dramatik und biedermeierlicher Innerlichkeit zu vermitteln.
So vereint diese Aufnahme die Stärken des Originalklanges und die pianistische Brillanz der Solistin, die sich durchaus nicht scheut, Akzente zu setzen und Virtuosität herauszustellen - allerdings nicht als Pose, sondern stets Schubert und seinem großen Werk zugewandt. So hört man auch die in zwei Vierergruppen überlieferten Impromp- tus neu. Eine spannende CD, die Maßstäbe setzt.
Viviana Sofronitzkaja, die Tochter des legendären Wladimir Sofro- nitzki, hat jetzt die Wanderer-Fantasie auf einem Fortepiano einge- spielt. Das Hammerklavier ist ein Nachbau aus der Werkstatt Paul McNultys; das Original, angefertigt 1819 von dem berühmten Wiener Klavierbauer Conrad Graf (1782 bis 1824), befindet sich auf Schloss Kozel bei Pilsen. Dieses Instrument klingt klar und schlank, nicht so voluminös wie moderne Flügel, und sein Bass ist auch nicht so dominant. Sofronitzkaja nutzt die Eigenheiten des Hammerklaviers geschickt, um zwischen Dramatik und biedermeierlicher Innerlichkeit zu vermitteln.
So vereint diese Aufnahme die Stärken des Originalklanges und die pianistische Brillanz der Solistin, die sich durchaus nicht scheut, Akzente zu setzen und Virtuosität herauszustellen - allerdings nicht als Pose, sondern stets Schubert und seinem großen Werk zugewandt. So hört man auch die in zwei Vierergruppen überlieferten Impromp- tus neu. Eine spannende CD, die Maßstäbe setzt.
Samstag, 24. März 2012
Chopin: 4 Ballades - 4 Impromptus; Katz (Oehms Classics)
Werke von Frédéric Chopin, ge- spielt von Amir Katz? Das macht neugierig. Und wie schon bei seiner Aufnahme der Nocturnes, setzt sich der Pianist auch bei dieser Einspielung der vier Balla- den und vier Impromptus über so manche Konvention hinweg, und sucht seine ureigenste Lesart.
Wie er Chopin hier spielt, das passt erstaunlich gut - seine Balladen-Interpretationen erscheinen weniger virtuos als poetisch, und die Impromptus wirken tatsächlich wie improvisiert. Eine schöne CD, das muss man Katz lassen - doch man würde sich freuen, wenn er sich gelegentlich auch einmal der Literatur abseits vom romantischen Mainstream widmen würde. Man mag die vielen Aufnahmen kaum mehr anhören, die immer wieder die gleichen bekannten Werke reproduzieren. Warum kümmert sich eigentlich keiner um die Komponisten, die nicht Schumann, Schubert, Mendelssohn, Brahms und Chopin heißen?!
Wie er Chopin hier spielt, das passt erstaunlich gut - seine Balladen-Interpretationen erscheinen weniger virtuos als poetisch, und die Impromptus wirken tatsächlich wie improvisiert. Eine schöne CD, das muss man Katz lassen - doch man würde sich freuen, wenn er sich gelegentlich auch einmal der Literatur abseits vom romantischen Mainstream widmen würde. Man mag die vielen Aufnahmen kaum mehr anhören, die immer wieder die gleichen bekannten Werke reproduzieren. Warum kümmert sich eigentlich keiner um die Komponisten, die nicht Schumann, Schubert, Mendelssohn, Brahms und Chopin heißen?!
Sonntag, 12. September 2010
Franz Schubert - Herbstblätter (Gramola)
Die fallenden Blätter auf dem Cover dieser CD sind kein Zufall: Es er- klingen Werke, die Franz Schubert (1797 bis 1828) in seinem letzten Lebensjahr geschaffen oder zu- mindest veröffentlicht hat. Charlotte Baumgartner stellt die Sechs Moments musicaux D 780 neben die Vier Impromptus D 935, die Zwölf Grazer Walzer D 924 und den Grazer Galopp C-Dur D 925.
Dass Schubert kein Kind von Trau- rigkeit war, zeigen insbesondere diese letzteren Werke. "In Grätz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene Weise, mit und neben einander zu seyn", resümierte der Komponist nach seinem Besuch, im September 1827. "Besonders werde ich nie die freundliche Herberge (...) vergessen, wo ich seit langer Zeit die vergnüglichsten Tage ver- lebt habe." Bei der Familie Pachler wurde der Komponist erfreut empfangen.
Karl Pachler, Advokat und Brauereibesitzer, führte ein ziemlich großes Haus - und das meint nicht nur die Anzahl der Zimmer. Denn die Familie war für ihre Gastfreundschaft ebenso berühmt wie für ihren Salon. Die Dame des Hauses, Marie Leopoldine Pachler, war eine exzellente Pianistin, die bereits Beethoven sehr geschätzt hatte.
Es wird vermutet, dass die Walzer und der Galopp im Hause Pachler komponiert wurden. Schubert war bekannt dafür, dass er gern Tanz- vergnügen vom Klavier aus begleitete, und stundenlang die Musik dazu improvisierte. Die besten Einfälle brachte er zu Papier, so dass wir uns heute noch daran erfreuen können.
Bekannter aber sind die Moments musicaux sowie die Impromptus, die wohl jedermann "im Ohr hat", wie es so schön bildhaft heißt. Leider bemüht sich die Pianistin Charlotte Baumgartner gerade bei diesen kleinen Charakterstücken um eine ausgefeilte Gestaltung, und tut für mein Empfinden dabei des Guten ein wenig zu viel. Insbeson- dere dort, wo sie romantisierend aus dem Metrum tritt, wirkt das wie Zuckerguss - und den hat der arme Schubert doch wirklich nicht verdient.
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