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Freitag, 9. Juli 2021

Paul Badura-Skoda - Franz Schubert (Arcana)

 


Sämtliche Klaviersonaten von Franz Schubert (1787 bis 1828), eingespielt von Paul Badura-Skoda (1927 bis 2019), bringt eine schön gestaltete CD-Box des Labels Arcana dem Klassikfreund ins Haus. Man ist beinahe geneigt, dies als musikalisches Vermächtnis des legendären Tastenkönners zu betrachten. Denn diese Aufnahmen aus den Jahren 1991 bis 1996 sind einzigartig, ja, magisch; niemand spielt Schubert so sensibel wie Badura-Skoda. 

Es gibt ohnehin kaum einen anderen Pianisten, der sich so vehement für das Werk von Franz Schubert eingesetzt hat. Der österreichische Klaviervirtuose war Schuberts Musik zeitlebens besonders verbunden. Immer wieder hat er sich intensiv mit den Kompositionen seines Landsmannes auseinandergesetzt. 

Dazu hat Badura-Skoda die verfügbaren Quellen mit Sorgfalt studiert; Einblick in seine Erkenntnisse gibt der Pianist in dem umfangreichen und hochinteressanten Beiheft zu dieser CD-Box (Texte leider ausschließlich in Englisch). Denn er schrieb zu jeder Sonate Anmerkungen nieder, die neben vielen Fakten immer auch seine ganz persönliche Sicht auf das Werk spiegeln. Seine Expertise und sein Mut waren so groß, dass er es wagte, einige fragmentarisch hinterlassene Sonatensätze zu komplettieren. Über das Ergebnis kann man nur staunen. 

Außerdem legte Paul Badura-Skoda großen Wert darauf, mit seinen Interpretationen die Klangwelt zu erschließen, die Schubert seinerzeit umgab. Deshalb nutzte er für diese Gesamteinspielung ausschließlich Instrumente, die der Komponist gekannt und geschätzt hat – zu hören sind Hammerklaviere von Donath Schöfftos (Wien, um 1810), Georg Hasska (Wien, um 1815), Conrad Graf (Wien, 1823/1826) sowie Johann Michael Schweighofer (Wien, um 1846). Das besondere Klangbild der historischen „Fortepianos“ lässt Schuberts Werke ungewohnt und neu klingen. 

So wirken beispielsweise die Bässe viel klarer, und Details werden hörbar, die der moderne Konzertflügel mit seinem ausgeglichenen Klang weit weniger deutlich werden lässt. Eine Offenbarung! Denn bei aller Noblesse haben Badura-Skodas Interpretationen stets auch Tiefe. Schubert bleibt selbst in größter Heiterkeit und Ausgelassenheit seltsam melancholisch; inmitten all der beschwingten Ländler und der schönen Melodien lauert finster der Abgrund. Wenn ich mich für eine Einspielung entscheiden müsste, dann wäre es ganz klar diese. 


Sonntag, 6. September 2020

Joseph Haydn - Four Sonatas (Genuin)

Klaviersonaten von Joseph Haydn (1732 bis 1809) widmet sich Brigitte Meyer auf dieser Genuin-CD. Die Schweizer Pianistin entstammt wie Friedrich Gulda und Martha Argerich der Wiener Talentschmiede des großen Lehrers Bruno Seidlhofer. Für diese Einspielung wählte sie vier sehr unterschiedliche Klaviersonaten aus dem umfangreichen Gesamtwerk Haydns aus. 
Die D-Dur-Sonate Hob. XVI:24 orientiert sich am Vorbild Carl Philipp Emanuel Bachs – aber Haydn führt dieses in einzigartiger, impulsiver Weise weiter. „Ich spüre hier immense Lebensfreude“, so Meyer, „und um die auszudrücken, muss man über die Technik verfügen, um beispielsweise auch schnellere Tempi wählen zu können. Für mich fordert die Sonate in D-Dur viel Phantasie vom Interpreten.“ 
Die Sonate in As-Dur Hob XVI:46 hingegen sei weit detaillierter ausgearbeitet: „Haydn schafft hier eine eigene Sprache, mit fließender Harmonie und großer rhythmischer Lebendigkeit“, schreibt die Pianistin im Beiheft. „Seine kühne und oft überraschende Art mit Harmonien umzugehen, ist für den Interpreten aufschlussreich und äußerst inspirierend.“ 
Die beiden Sonaten in C-Dur und Es-Dur Hob. XVI:50 und 52 komponierte Haydn anlässlich seiner Reise nach London 1794/95. Es sind virtuose Werke, bestimmt für den Vortrag auf englischen Instrumenten, kühn und modern. 
Brigitte Meyer findet für jedes der vier so verschiedenen Werke einen eigenen Ausdruck. Auf dem modernen Fazioli-Flügel musiziert sie fein nuanciert, sehr elegant, dabei kraftvoll und mit Esprit. Hinreißend musiziert, ich habe jeden Ton genossen. Das ist ein sehr interessanter Beitrag zum Beethoven-Jubiläumsjahr. 

Montag, 30. Juli 2018

Kozeluch: Complete Keyboard Sonatas 12 (Grand Piano)

Und da wir gerade bei Leopold Koželuch (1747 bis 1818) waren: Christopher Hogwood hat gemeinsam mit Ryan Mark in mühevoller, jahrlanger Arbeit eine Gesamtedition der Klaviersonaten des Komponisten erstellt. Sie ist bei Bärenreiter erschienen. Der neuseeländische Pianist Kemp English hat diese Edition seit 2010 mit dem kritischen Blick des Praktikers begleitet, und parallel die Weltersteinspielung übernommen. Die zwölfte und letzte CD ist nun bei Grand Piano erschienen. 
Hört man diese Aufnahmen, so wird verständlich, dass der Komponist, heute nahezu vergessen, von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt wurde – sogar mehr als Mozart. Seine Klaviersonaten reichen von gefälligen Stücken, die gut klingen, aber ebenfalls gut in der Hand liegen, bis hin zu Werken, die man eher Schubert und Beethoven zutrauen würde. Das ganze Wiener Klavier-Universum jener Zeit findet seinen Widerhall in diesen Stücken. 
Kemp English hat zudem für jedes dieser Werke ein passendes Instrument ausgewählt. Das ist ein anspruchsvolles Unterfangen, denn auch der Klavierbau entwickelte sich damals rasant. „I play two reproduction fortepianos after the foremost Viennese builder Anton Walter c. 1795 (..)“, erläutert der Pianist im Beiheft. „For the pre 1780 sonatas I use an original harpsichord by Longman and Broderip (built by Thomas Culliford) dating from 1785. (..) As many of Koželuch's sonatas were published in London by Longman and Broderip this seemed an ideal choice. The other two instruments used are a pianoforte by Joseph Kirkmann (c. 1789) (..) and a Viennese fortepiano by Johann Fritz (c. 1815).“ 
Auf dieser CD sind drei dieser Instrumente zu hören – op. 47 spielt English am Cembalo, op. 48 und 49 am Kirkmann-Piano, und bei op. 50 erklingt das Pianoforte von Johann Fritz. 
So bietet die CD, neben stilistisch höchst unterschiedlichen Stücken, auch ein beeindruckendes Kaleidoskop an Klangfarben. Die historischen Instrumente sind doch immer wieder für eine Überraschung gut – und das Klavierwerk von Koželuch ist schon an sich eine Entdeckung. Sehr hörenswert! 

Freitag, 29. Juni 2018

Haydn: Sonaten in Moll (Oehms Classics)

Der Pianist Bernd Glemser, vielfach mit Preisen geehrt, Sieger in zahlreichen Wettbewerben, gilt als Klaviermagier. Dass er zu Recht in diesem Ruf steht, beweist diese Einspielung aus dem Hause Oehms Classics mit Klaviersonaten von Joseph Haydn. Glemser hat für diese Studioaufnahme die Sonaten in Moll ausgewählt – es sind nur fünf; die Wiener Klassik hat Moll-Tonarten generell selten verwendet. 
Doch Haydn ist auch in diesem Falle immer für eine Überraschung gut, wie der Pianist mit dieser CD beweist. Denn wer bei diesen Stücken Seufzen, Klagen und Schwermut erwartet, der wird sich wundern, wie federleicht der Komponist auch in Moll zu agieren wusste. Mit seinem technisch perfekten Klavierspiel arbeitet Glemser die Qualitäten dieser Klaviersonaten heraus. Ganz vortrefflich. 

Freitag, 11. Mai 2018

Antonio Piricone - Fortepiano De Meglio 1826 (Ayros)

Eine ganz besonders gelungene Klaviermusik-CD hat Antonio Piricone bei Ayros Raritas veröffentlicht. Der italienische Pianist hat dafür ein Programm zusammengestellt, das eigentlich ziemlich unspektakulär wäre – wenn er es auf dem derzeit gebräuchlichen Standardinstrument eingespielt hätte. 
Er wählte dafür aber keinen Steinway D, sondern einen Hammerflügel nach Wiener Vorbild, den Carlo de Meglio im Jahre 1826 in Neapel angefertigt hat. Dieses Instrument wiederum hat Ugo Casiglia 2002 in Palermo sorgsam restauriert und exzellent spielbar gemacht. 
Und der Hammerflügel-Klang ist tatsächlich unbeschreiblich schön. Der de Meglio kann mit der Lautstärke moderner Konzertflügel nicht mithalten. Aber dafür bietet er in Piano unendlich viele Nuancen. Das gilt auch für den Klang des Fortepianos, der mit seinem verblüffenden Farbenreichtum eine sehr viel stärkere Differenziertheit ermöglicht. 
Piricone nutzt diese Stärken des historischen Instrumentes großartig. Die Einspielung lädt dazu ein, Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven völlig neu zu entdecken. Aber auch die Werke von Muzio Clementi (1752 bis 1832) und Giacomo Gotifredo Ferrari (1763 bis 1842) bieten so manche Überraschung. Hinreißend! Unbedingt anhören. 

Sonntag, 29. Oktober 2017

William Youn plays Mozart Sonatas Vol. 5 (Oehms Classics)

Auch für seine fünfte CD mit Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart hat William Youn wieder ein ebenso abwechslungs- reiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt. Er kombiniert die virtuose Klavierso- nate D-Dur, KV 284, die charmante Klaviersonate C-Dur, KV 309, und die ausdrucksstarke c-Moll Fantasie KV 475 nebst der in der gleichen Tonart stehenden Sonate KV 457. Ob diese beiden Stücke wirklich zusammengehören, weiß man nicht. In sein Werkverzeichnis schrieb Mozart die Werke separat und mit einem guten halben Jahr Abstand ein. Erschienen aber sind sie erstmals 1785 gemeinsam bei Artaria, unter dem Titel Fantaisie et Sonate Pour le Forte-Piano composées pour Madame Therese de Trattnern par le Maître de Chapelle W. A. Mozart. Youn stellt sie nebeneinander; so kann sich jeder selbst ein Urteil bilden. 
Der Pianist, geboren in Korea, aufgewachsen in Amerika, und nach seinem Studium in Hannover nun zu Hause in München, begeistert erneut durch sein feinsinniges Werkverständnis und seine exzellente Klaviertechnik, die ihm ein überaus ausdrucksvolles Musizieren ermöglicht. So ist auch diese CD wieder rundum gelungen und faszinierend; William Youn gelingt es einmal mehr, mit seinem poetischen Spiel Maßstäbe zu setzen. Bravo! 

Donnerstag, 10. August 2017

Late Piano Works by Franz Schubert (Genuin)

„Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten“, so zitiert das Beiheft zu dieser CD Alfred Brendel, „komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich selbst in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.“ 
Nami Ejiri nähert sich auf ihrer Genuin-CD diesem Phänomen. Sie hat dafür drei späte Werke von Franz Schubert (1797 bis 1828) ausgewählt. Das Allegretto c-Moll (D 915) ist ein Albumblatt, welches der Komponist im Mai 1827 seinem Freunde Ferdinand Walcher mit auf eine Reise nach Venedig gab. Es ist erfüllt vom Abschiedsschmerz. Die vier Impromptus op. 90 (D 899) erscheinen ebenfalls wie musikalische Stimmungsbilder. 
Die Klaviersonate in B-Dur (D 960) ist Schuberts letzte, entstanden im September 1828, und so vielschichtig wie das Leben selbst. Aufbegehren steht hier neben Resignation, Ironie neben Melancholie, Schönheit neben Düsternis. Nami Ejiri fasziniert mit ihrem sensiblen Klavierspiel. Die junge Musikerin gehört nicht zu den Tastendonnerern; sie erkundet Stücke eher zurückhaltend, spielt sehr präzise und durchdacht. Folgt man ihrer Interpretation, kann man selbst die bekannten Impromptus neu entdecken. Ihr Schubert ist von überraschender Klarheit und auch Leuchtkraft – und wo es erforderlich ist, fehlt auch die Dramatik nicht. Sehr gelungen!

Scarlatti: Sonatas (MDG)

Domenico Scarlatti (1685 bis 1757) wirkte viele Jahre seines Lebens als persönlicher Musicus der María Bárbara von Portugal. Die Prinzessin, die von klein auf eine exzellente Erziehung erhielt, war sehr musikalisch. 1729 heiratete sie den spanischen Thronfolger, und wurde an der Seite Ferdinands IV. zur Regentin. 
Scarlatti folgte seiner Schülerin nach Spanien. Für seine Dienstherrin komponierte er 555 (!) Cembalo-Sonaten – abwechslungsreiches Repertoire für eine ausgesprochen talentierte Musikerin mit Sinn für Kapriolen. Denn eines sind diese Werke mit Sicherheit nicht: langweilig. In seinen Sonaten scherte sich Scarlatti keinen Deut um Konventionen. So finden sich kühne Modulationen und ungewöhnliche Akkordbrechungen neben weiten Sprüngen, schnellen Repetitionen, Handüberkreuzungen und anderen technischen Herausforderungen, die Virtuosen offenbar auch heute noch Vergnügen bereiten. 
Eri Mantani jedenfalls hat für ihr erstes Album bei dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm eine reizvolle persönliche Auswahl aus dem umfangreichen Gesamtwerk Scarlattis zusammengestellt. Die japanische Pianistin musiziert auf dem hauseigenen Steinway-Konzertflügel „Manfred Bürki“ aus dem Jahr 1901. Sie zelebriert Scarlattis folkloristische Zitate und bringt mit ihrem virtuosen Klavierspiel südländisches Flair auch in einen verregneten Sommer. Wie beispielsweise imitiert man auf dem Piano eine Gitarre? Die Antwort ist hier zu hören. Und auch das Klangbild dieser Aufnahme ist, wie stets bei MDG, atemberaubend. 

Sonntag, 19. Februar 2017

Haydn: Piano Sonatas; Becker (Avi-Music)

„Seit meiner Kindheit begeistern mich Haydns Klaviersonaten“, schreibt Markus Becker. Der Pianist, der als Professor an der Hochschule für Mu- sik, Theater und Medien Hannover lehrt, kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er über diese scheinbar doch so unkomplizierten Werke von Joseph Haydn nachdenkt. „Es ist nicht Beethovens Kraft und Dramatik, auch nicht Mozarts traumwandlerische Schönheit. Haydn schreibt zutiefst menschliche Musik mit einer Grundhaltung, die dem romantischen Humorbegriff sehr nahekommt: ein Abbild unseres Lebens mit allen Schönheiten, Abgründen, Hoffnungen, Verlusten, Dramen, Freuden – getragen von Leidenschaft und Ironie.“ 
Und auch wenn das Notenbild auf den ersten Blick wenig geheimnisvoll ausschaut, mahnt Markus Becker, seien diese Sonaten doch keineswegs einfach zu spielen. Haydns Sonaten, bedauert der Professor, „wurden reduziert auf die Funktion als geistreicher Unterrichtsstoff. Dabei wurde völlig überhört, wie differenziert und nuancenreich Haydn zu Werke geht.“ 
Becker hat die Sonaten deshalb mit großer Sorgfalt gearbeitet. Das lohnt sich: Wenn man diese CD anhört, wird man Haydn neu entdecken – humorvoll, ideenreich, einen Komponisten, der ebenso durch exquisite Melodien begeistert wie durch unerwartete Wendungen und musikalische Überraschungen. „Vielleicht ist Haydn mehr noch als die großen Kollegen auf gute Interpreten angewiesen: ohne Klangfantasie, Gespür für musika- lische Rhetorik und Phrasenbildung ist diese Musik nicht zu gestalten“, meint der Pianist. „Vor allem die Fähigkeit, das Klangbild von einem Mo- ment auf den anderen zu verändern, das Stimmverhältnis neu zu balancie- ren, wird vom Haydn-Spieler verlangt.“ Markus Becker demonstriert am klingenden Beispiel, wie er sich das vorstellt, und man möchte diesen frischen, so gar nicht musealen Haydn immer wieder hören - und, bitte, bald mehr davon! 

Sonntag, 6. November 2016

William Youn plays Mozart Sonatas Vol. 4 (Oehms Classics)

Auf dieser CD hat William Youn vier Klaviersonaten zusammengefasst, die zwar zu sehr unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, sich aber ebenso durch Virtuosität wie durch Individualität auszeichnen. Die beiden Klaviersonaten KV 281 und 283 gehören zu jenen sechs frühen Werken, die Mozart 1775 unmittelbar nach der Uraufführung seiner Oper La finta giardiniera, wahrscheinlich noch in München, geschrieben hat. 1783 entstanden ist die Sonate KV 333, vermutet wird, dass sie in Linz komponiert wurde – im Umfeld der Linzer Sinfonie KV 425. KV 576 hingegen ist Mozarts letzte Klaviersonate. Geschaffen wurde sie für Prinzessin Friederike, die Tochter des preußi- schen Königs Friedrich Wilhelm II. – eigentlich wollte Mozart für sie, wie er betonte, sechs „leichte Klavier-Sonaten“ komponieren. Doch dann wurde daraus ein Werk, das nicht nur technisch überaus anspruchsvoll geraten ist, sondern auch musikalisch viel zu bieten hat. 
William Youn erweist sich einmal mehr als ein exzellenter Mozart-Inter- pret. Er spielt brillant, wo Brillanz gefragt ist – und sehr poetisch, wo Mozart empfindsam wird. Seine Technik ist atemberaubend. Nichts passiert hier zufällig oder im Affekt; jede Phrase wird sorgsam vom ersten bis zu letzten Ton gestaltet. Diese Gesamtaufnahme setzt schon jetzt Maßstäbe. Und man darf gespannt darauf sein, welches Repertoire der junge Pianist für seine nächsten Projekte auswählen wird. Wer so durchdacht und souverän musiziert, dem steht die Welt offen. Bravo! 

Samstag, 16. Juli 2016

William Youn plays Mozart Sonatas Vol. 3 (Oehms Classics)

William Youn hat bei Oehms Classics seine dritte CD mit Mozart-Klavier- sonaten veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine kleine Sensation, denn bei der Klaviersonate A-Dur
KV 331 – eben der mit dem berühmten Finalsatz Alla Turca – verwendet er eine neue Notenedition von Wolf-Dieter Seiffert aus dem G. Henle Verlag. Sie weicht in wesentlichen Punkten von bisherigen Ausgaben ab. Das liegt daran, dass sich die Quellenlage entscheidend verbessert hat: Im Jahre 2014 wurde in Budapest eine Doppelseite entdeckt, die wesentliche Teile des Werkes enthielt, handschriftlich notiert von Wolf- gang Amadeus Mozart. 

Was der Komponist auf diesem Notenblatt fixiert hatte, das unterschied sich sehr deutlich von der Erstausgabe, bisher der Ausgangspunkt für alle kritischen Editionen. Und man konnte feststellen, dass die Sonate nicht, wie bisher angenommen, 1778 in Paris, sondern erst 1783 in Salzburg oder in Wien zu Papier gebracht wurde – ein Jahr nach der Uraufführung von Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail, das beim Publikum hervorragend angekommen war. Auf dieser CD ist nun die Klaviersonate mit den Anklängen an die Janitscharenmusik erstmals in der neuen Version zu hören. 
Eingerahmt wird dieses Werk von den Klaviersonaten C-Dur KV 279 und F-Dur KV 533. William Youn erweist sich als ein idealer Mozart-Interpret, mit einer exzellenten Technik und einem Gespür für den perfekten Fluss der Musik. Sein Spiel bestätigt einmal mehr, wie wichtig gerade bei Mozart die Wahl der richtigen Tempi und eine gewisse Leichtigkeit im Vortrag ist. Der koreanische Pianist, der bei Karl-Heinz Kämmerling studiert hat, leistet hier Großes – bravo! 

Sonntag, 31. Januar 2016

Hummel: Piano Sonatas, Volume 1 (Centaur)

Johann Nepomuk Hummel (1778 bis 1837), geboren in Bratislava, war der berühmteste Pianist seiner Zeit und außerdem ein überaus erfolgreicher Klavierlehrer. Zu seinen Schülern gehören Felix Mendelssohn Bartholdy, Ferdinand Hiller, Adolf Henselt, Friedrich Silcher und Sigismund Thalberg. Außerdem beeinflusste er den jungen Chopin, dessen Freund und Mentor er war. 
Hummel kam als Kind nach Wien, weil sein Vater Kapellmeister an Emanuel Schikaneders Theater auf der Wieden wurde. Wolfgang Amadeus Mozart unterrichtete den Knaben kostenlos, und nahm ihn sogar für zwei Jahre in seinen Haushalt auf. Bereits als Teenager, von 1788 bis 1793, ging Johann Nepomuk Hummel mit seinem Vater auf Konzertreisen, die ihn bis nach Dänemark und England führten. 
Wieder in Wien, erhielt Hummel Unterricht im Fach Komposition bei Johann Georg Albrechtsberger und Antonio Salieri. Auch Joseph Haydn schätzte und förderte Hummel; als Fürst Nikolaus II., ein großer Mäzen, nach 1803 in Esterházy Theater und Oper wieder etablierte, waren Haydn und Hummel dort für die Musik zuständig. Allerdings hatte sich der Fürst finanziell übernommen; er musste seine Hofhaltung drastisch verkleinern, und ging 1813 nach Italien. 
Hummel heiratete 1813 in Wien die Sängerin Elisabeth Röckel, eine enge Vertraute Beethovens, die dieser auch gern zur Frau genommen hätte. Mit Beethoven war Hummel, bei allem Wettbewerb, offenbar befreundet; in späteren Jahren ließ er ihm immer wieder finanzielle Unterstützung zukommen. Zeitgenossen berichteten, dass Hummel generell sozial sehr engagiert und dabei sehr bescheiden war. 
1816 ging Hummel als Hofkapellmeister nach Stuttgart, 1819 wurde er Hofkapellmeister in Weimar, wo er auch Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach unterrichtete, die spätere Königin von Preußen und deutsche Kaiserin. Er ging weiterhin auf Konzertreisen und komponierte. Hummel hat unter anderem sechs Klavierkonzerte, acht Klaviersonaten, diverse Klavier- und Kammermusik sowie Opern, Ballette und Singspiele und etliche geistliche Werke geschaffen. 1828 veröffentlichte Hummel eine Klavierschule, die dreibändige Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel
Seine Musik ist heutzutage allerdings wenig zu hören. Die Auffassung, dass neben Mozart und Beethoven noch weitere Komponisten gearbeitet haben, die ebenfalls Interesse verdienen, setzt sich erst allmählich durch. Diese CD, auf der Antonio Pompa-Baldi drei der Klaviersonaten Hummels vorstellt, wird ganz sicher dazu beitragen. Denn die Musik des Komponi- sten ist elegant, abwechslungsreich und anspruchsvoll. Mittlerweile ist Teil 2 dieser Einspielung erschienen. Leider musiziert Pompa-Baldi auf einem Steinway D; ich bin fest davon überzeugt, dass Hummels Klavier- musik auf einem Hammerflügel noch wesentlich besser zur Wirkung kommt.

Dienstag, 3. März 2015

Kalkbrenner: 3 Piano Sonatas op. 1 (Dynamic)

Friedrich Kalkbrenner (1785 bis 1849) war ein gefeierter Klavier- virtuose. Sein Vater, selbst ein renommierter Kapellmeister, sorgte dafür, dass der junge Musiker eine sorgfältige Ausbildung erhielt. So lernte Kalkbrenner ab 1798 am Pariser Konservatorium bei Louis Adam, 1802 zog er nach Wien um, wo er unter anderem ein Schüler von Johann Georg Albrechtsberger war. Drei Jahre später begann er mit solistischen Auftritten; er ging nach Paris und war dort als Klavierlehrer und Pianist erfolgreich. Von 1814 bis 1823 lebte Kalkbrenner in England; nach Konzerten in Deutschland und Österreich kehrte er dann 1825 nach Paris zurück. Auch in den 1830er Jahren ging er mehrfach auf Konzertreisen durch Europa. Er galt als größter Pianist seiner Zeit; allerdings hatte er offenbar wenig Lust, mit Nachwuchsmusikern wie Franz Liszt oder Sigismund Thalberg um die Wette zu spielen. Und so verabschiedete sich Kalkbrenner, der reich geheiratet hatte, beizeiten sehr weitgehend aus dem Konzertleben. 1849 fiel er dann einer Cholera-Epidemie zum Opfer. 
Kalkbrenner war auch als Komponist produktiv, sein Werkverzeichnis umfasst knapp 200 Opusnummmern. Dabei handelt es sich zumeist um Stücke für das Klavier. Auf dieser CD ist sein Opus 1 zu hören – drei Klaviersonaten, entstanden wohl um 1807. Es sind Jugendwerke des Musikers, die etliche schöne Momente haben, aber auch Längen. Mitunter sind sie von unglaublicher Bravheit, wirken fast wie Etüden. Luigi Gerosa spielt sie leider auch so. Musikhistorisch mag das ja interessant sein. Aber wer diese Sonaten nicht kennt, der hat nichts verpasst; es hat in diesem Falle schon seinen Grund, dass diese Musik bisher noch niemand auf CD eingespielt hatte. 

Montag, 23. Februar 2015

Beethoven: Diabelli-Variationen; Schiff (ECM New Series)

Nach seiner vielfach preisgekrönten Einspielung sämtlicher Klavier- sonaten von Ludwig van Beethoven bei ECM hat sich András Schiff nun erneut bedeutenden Werken des Komponisten zugewandt: Er spielt die Diabelli-Variationen – gleich zweimal, ergänzt um seine letzten Klaviersonate op. 111 bzw. um die späten Bagatellen op. 126, auf zwei grundverschiedenen Instrumenten. „Der Bechstein-Flügel von 1921 repräsentiert eine längst vergessene Welt. Wilhelm Backhaus hat ihn oft gespielt und mit ihm Aufnahmen gemacht“, erläutert der Pianist seine Entscheidung. „Und es sei daran erinnert, dass Bechstein Arthur Schnabels bevorzugte Marke gewesen ist. Schnabels Klavierton – gerade bei Beethoven und Schubert – war immer mein Vorbild. Der Bechstein-Flügel hilft mir, diesem Ideal näherzu- kommen.“ Und mit dem Hammerflügel des Wiener Klavierbauers Franz Brodmann „sind wir direkt an der Quelle“, begeistert sich Schiff. „Wien im Jahr 1820: Das sind Ort und Zeit der Komposition. Dieses Instrument hier ist ein Original, keine moderne Kopie, und es ist in perfektem Zustand. An ihm klingt die Musik frischer, kühner und unendlich viel zarter.“ 
Bei diesem Hammerklavier unterscheiden sich die Register klanglich deutlich. Und die tiefere Stimmung – auf 430 statt 442 oder mehr Hertz – „klingt für die Ohren viel angenehmer und obertonreicher“, schwärmt der Pianist. „Die Dynamik wirkt differenzierter: Während die Lautstärke wesentlich zurückgenommen wird, gelingen die leisen und leisesten Passagen mit Hilfe der Verschiebung und des Moderators magisch und geheimnisvoll.“ Das Instrument gibt durch das Verklingen des Tones dem Pianisten eine Orientierung bei der Wahl der die Tempi. Schiff zeigt zudem mit seiner sorgsam an der Handschrift ausgerichteten Interpretation exemplarisch, welch enorme Bedeutung Beethovens Anweisungen zum Pedalgebrauch haben. „Sie zu ignorieren, ist Ausdruck höchster Arroganz, eine Verfälschung der Musik“, kritisiert der Pianist. Und wenn man sie beachtet, dann ergibt sich klanglich tatsächlich ein Unterschied. 
Es sind ohnehin faszinierende Klangwelten, die Schiff hier vorstellt. Der historische Hammerflügel beeindruckt mit seinem unendlichen Farben- reichtum. Der Bechstein hingegen klingt sehr ausgeglichen, warm und sanft. Schiff stellt sich jeweils auf die Eigenheiten des Instrumentes ein; so unterscheiden sich die beiden Aufnahmen mitunter doch erstaunlich. Ich würde freilich keiner von beiden den Vorzug geben wollen, beide Varianten möchte man gleichermaßen immer wieder hören. Ob das Fans des Einheits-Steinways auch so empfinden werden, das darf bezweifelt werden. Aber einen Hörversuch sollte man in jedem Falle starten – es lohnt sich! 

Dienstag, 9. Dezember 2014

Claudius Tanski, piano - Mozart, Beethoven, Schubert (MDG)

Claudius Tanski, Professor am Salz- burger Mozarteum, gilt als Klang- magier. Auf dieser CD widmet er sich drei Sonaten, eine in C-Dur, zwei in c-Moll, allesamt Gipfelwerke der Klavierliteratur. 
Die Gipfeltour beginnt Tanski mit der Sonate KV 457 von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie ist in der Tat ein Solitär. Ohnehin hat Mozart offenbar nur zwei Klaviersonaten in Moll komponiert. Diese hier zeichnet sich nicht nur durch eine ganz erstaunliche Auswahl an Tonarten, sondern zudem durch einen einzigartigen Umgang mit dem Hauptthema aus. 
Die Sonate in c-Moll op. 111 von Ludwig van Beethoven ist dessen letzte. Sie gilt als Opus summum, und darüber, was der Meister in den beiden Sätzen dieses Werkes zum Ausdruck bringen wollte, haben sich nicht nur Musiker, sondern auch beispielsweise der Schriftsteller Thomas Mann ausführlich geäußert. Der unbeschwerte Umgang mit der Gattung freilich war nach diesen Höhepunkten dahin. Die Romantiker hatten anderes im Sinn, und die Sonatenhauptsatzform, zum Maß aller Dinge erhoben, verhinderte eine allzu kreative Weiterentwicklung. 
Franz Schubert hat, wie Beethoven, zahlreiche Sonaten geschrieben. Er setzte dabei allerdings oftmals eher auf Klang und Melodie statt auf formale Finessen. Seine Sonate in C-Dur D 840 wurde nie vollendet, was ihr später den Beinamen „Reliquie“ eintrug. Die beiden fertiggestellten Sätze sind beeindruckend, zwei weitere ließ der Komponist unfertig liegen. Tanski hat sich entschieden, die „Reliquie“ in diesem Zustand zu akzeptieren. Wie seinerzeit Swjatoslaw Richter, verstummt er dort, wo Schubert die Arbeit abgebrochen hat.

Samstag, 1. November 2014

Beethoven: Concerto 5 "Emperor", Sonata op. 111; Freire, Chailly (Decca)

„Er ist ein wunderbarer Konzert- partner“, begeistert sich Nelson Freire für Riccardo Chailly. „Er macht kleine Gesten, die sehr wichtig sind, und er achtet auf die kleinsten Details. Das hilft mir enorm. Und wenn ich mich entschließe, etwas aus einer sponta- nen Laune heraus zu versuchen, dann ist er immer da – man hat das Gefühl, er macht die Musik wirklich von Augenblick zu Augenblick. Es ist nichts festgelegt, sondern die Dinge geschehen spontan.“ 
Auch das Gewandhausorchester Leipzig schätzt der Pianist sehr. Im Jahre 2006 haben die Musiker gemeinsam zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms eingespielt. Das Album war seinerzeit sehr erfolgreich und gewann mehrere Preise. Im März 2014 war Freire erneut zu Gast im Leipziger Gewandhaus; auf dem Programm stand diesmal das letzte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven, das fünfte Klavierkonzert in
Es-Dur, bekannt unter dem Namen „Emperor“. 

Diese Einspielung ist ein bewegendes Dokument einer langjährigen künstlerischen Partnerschaft – der Pianist, der Dirigent und das Orchester harmonieren bestens miteinander. Das macht diese CD einzigartig. Das Album enthält zudem die Klaviersonate in c-Moll Op. 111. Es ist die 32. und letzte Klaviersonate Beethovens; sie gilt als mystisches Opus, gewidmet den letzten Dingen - Diesseits und Jenseits, männliches und weibliches Prin- zip, irdisches Ringen und himmlische Gnade. Von all den Spekulationen um den Kern dieses Werkes offenbar unbeeindruckt, hat Freire sie im Fe- bruar diesen Jahres im Teldex Studio in Berlin eingespielt. Der Brasilianer, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, musiziert mit Leidenschaft. Allerdings scheint ihn die Live-Situation zu beflügeln, das Leipziger Konzert wirkt deutlich inspirierter. Das ist erfreulich, denn Freire will bis 2016 gemeinsam mit Chailly und dem Gewandhausorchester alle Klavier- konzerte Beethovens für Decca einspielen. Auf die Fortsetzung darf man also bereits gespannt sein. 

Donnerstag, 18. September 2014

Mozart: Complete Clavier Sonatas (Accent)

Arthur Schoonderwoerd ist ein Magier des Klanges, ein Besessener auf der Suche nach Perfektion und nach Wahrhaftigkeit. Nach den Klavierkonzerten hat er nun bei Accent auch die Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart einge- spielt. Dabei hat er nicht nur ganz genau auf den Notentext geschaut; um herauszufinden, wie Mozart seine Werke wirklich gespielt haben wollte, hat der Musiker auch eine Vielzahl von historischen Quellen studiert, die Auskunft über die Aufführungspraxis der damaligen Zeit geben. 
Das Ergebnis überrascht gleich mehrfach. Da wäre zum einen der unge- wohnte Klang, der sich daraus ergibt, dass Schoonderwoerd mit Akribie nach dem jeweils passenden Instrument gesucht hat. Zu Mozarts Leb- zeiten existierte eine ganze Schar von auch klanglich höchst verschiedenen Tasteninstrumenten. Das „Clavier“ erlebte damals eine rasante Fortent- wicklung, die vom Cembalo bis zum Flügel führte, an dem damals sehr unterschiedliche Konstruktionsprinzipien erprobt wurden. So wurden beispielsweise zum Anschlagen der Töne kleine Hämmerchen aus Holz benutzt – zunächst „nackt“, dann mit Leder bespannt, oder aber mit Filz. Selbst die Mechaniken unterscheiden sich sehr. Damit klingen die Instrumente nicht nur anders, sie bringen spieltechnisch zudem auch Stärken und Schwächen mit – was das Konzertieren auf historischen Tasteninstrumenten zu einer reizvollen, aber auch anspruchsvollen Aufgabe macht. Es gibt nicht sehr viele Solisten, die sich dieser Herausforderung mit Hingabe widmen. Schoonderwoerd demonstriert aber mit dieser Aufnahme, dass sich die sorgfältige Erkundung jener fernen Klangwelten lohnt. 
Für die Werke Mozarts wählte er gleich vier Nachbauten historischer „Claviere“ aus. Zu hören ist auf CD 1 ein Tangentenflügel, angefertigt von William Jurgenson nach einem Instrument der Regensburger Klavierbauer Spaeth & Schmahl (um 1770). Von Jurgenson stammt auch der Nachbau eines unbelederten Hammerflügels nach einem Vorbild, das um 1780 in Augsburg in der Werkstatt von Johann Andreas Stein geschaffen worden ist. Es erklingen zudem ein bundfreies Clavichord, nach einem norddeut- schen Instrument (um 1780) gefertigt von Jorsi Potvlieghe, und der Nachbau eines Hammerflügels mit lederbezogenen Hämmerchen, gebaut von Paul Poletti und Gerard Tuinman nach einem Vorbild von Anton Walter (um 1790). 
Wer Mozarts Klaviersonaten gut kennt, der wird noch einen anderen Überraschungseffekt erleben. Denn auch bei der Interpretation hält Schoonderwoerd die eine oder andere Variante bereit, abseits der Hörgewohnheiten. Ein umfangreicher Text im Beiheft begründet, warum sich der Musiker mitunter sogar gegen die Mozart-Urtext-Werkausgabe entscheidet. Das ist wahrlich spannend und zeigt, dass der akribische Blick auf den Notentext letzten Endes doch immer wieder lohnt. Bravo! 

Sonntag, 7. September 2014

Johann Christian Bach: Six Sonatas op. 17 (Brilliant Classics)

Vier Söhne Johann Sebastian Bachs sind selbst Musiker geworden und haben eigene Werke hinterlassen. Aus aktuellem Anlass rückt derzeit das Schaffen von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) ein wenig in den Fokus der Aufmerk- samkeit. Doch nicht nur der „Ham- burger“ Bach gehörte zu den Vätern der Wiener Klassik. Sein Halbbruder Johann Christian Bach (1735 bis 1782), der „Londonder“ Bach, beein- druckte einst den jungen Mozart nachhaltig – und schrieb damit quasi indirekt Musikgeschichte. 
Über den Lebensweg des Komponisten, der auch ein gefragter Musikpäda- goge war und die Königsfamilie unterrichtete, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Der jüngste Sohn von Johann Sebastian Bach wandte sich dem Hammerklavier zu, und war einer der ersten Virtuosen auf dem damals noch ziemlich neuen Instrument. Seine Sechs Sonaten op. 5 aus dem Jahr 1766 gelten als eines der ersten Werke, die explizit dafür geschrieben worden sind. Fortepiano-Spezialist Bart van Oort hat diese frühe Klaviermusik für Brilliant Classics eingespielt. Dabei verwendete er ein Instrument, das Chris Maene nach einem Vorbild aus der Werkstatt des renommierten Wiener Klavierbauers Anton Walter, um 1795, angefertigt hat. In England waren zu Lebzeiten Johann Christian Bachs allerdings eher Tafelklaviere gebräuchlich. Namhafte Londoner Klavierbauer dieser Zeit waren Johannes Zumpe, Burkhart Tschudi und John Broadwood. 
Der genutzte Hammerflügel soll aber, so van Oort, den damaligen Instru- menten klanglich sehr nahe kommen. Mitunter tönt er beinahe wie ein Cembalo, manchmal erinnert der Klang auch an eine Harfe – es war noch ein weiter Weg von diesen frühen Hammerklavieren bis hin zum moder- nen Konzertflügel. Van Oort musiziert gekonnt, und entlockt dem „histo- rischen“ Instrument die erstaunlichsten Klangfarben und Schattierungen.
Beim Anhören dieser Einspielung wird man feststellen, dass der „Londo- ner“ Bach den jungen Mozart enorm beeinflusst hat. Denn stilistisch stehen sich die Werke der beiden unverkennbar nahe. Das gilt vielleicht noch stärker für die Sechs Sonaten op. 17, die auf einer weiteren CD vorliegen. Bachs Musik ist sehr elegant; die Sonaten sind zudem sehr abwechslungsreich angelegt, sowohl was die verwendeten Formen sowie den Ausdruck betrifft. Diese Werke sind wirklich sehr hörenswert und nicht nur aufgrund ihrer Bedeutung für die Musikgeschichte interessant. 

Freitag, 3. Januar 2014

Grand Piano Masters - Carnaval (KuK)

Diese CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes mit Rolf Plagge im Laienrefektorium des Klosters Maulbronn aus dem Jahr 2006. Der Pianist begann sein Programm mit der Klaviersonate KV 332 von Wolfgang Amadeus Mozart, mit einer Interpretation voll Esprit und Heiterkeit. Dass er aber die Kontraste liebt, verrät schon das zweite Stück, die Klaviersonate
op. 42 von Franz Schubert, ein Werk voll Düsternis und Unruhe. 

Komplettiert wurde die Auswahl durch Carnaval von Robert Schumann. Der Klavierzyklus, entstan- den in den Jahren 1834/35, ist ein musikalisches Vexierbild, und reflektiert nicht zuletzt Schumanns Beziehung zu seiner ersten Verlobten Ernestine von Fricken. Die österreichische Pianistin, die er im Hause Wieck kennenlernte, kam aus Asch – welche Buchstaben Schumann freudig auch in seinem Namen vorfand, und als A-Es-C-H bzw. Es-C-H-A vielfach in Carnaval spiegelt. 
Kuriosum am Rande: Als sich herausstellte, dass die junge Frau kei- neswegs eine steinreiche Baronin, sondern lediglich eine Adoptiv- tochter war, die kein Erbe erwarten durfte, wirkte dies wie eine eisige Dusche auf den Bräutigam – der die Verlobung dann auch rasch wieder löste. Dieses Wechselspiel der Gefühle findet durchaus ein Echo im Klavierspiel Plagges, der ganz auf Ausdruck setzt. Carnaval bietet dazu alle Möglichkeiten, von tänzerischer Eleganz bis hin zum wuchtigen, leidenschaftlichen Ausbruch. Verglichen mit den braven Interpretationen, die man sonst so erlebt, wirkt diese Aufnahme geradezu altväterlich; in ihrer Emotionalität erinnert sie an Einspie- lungen großer Pianisten früherer Generationen. Das hat schon was. 

Dienstag, 17. Dezember 2013

Beethoven: Piano Sonatas Vol. 10; Korstick (Oehms Classics)

Zum Abschluss seiner Gesamtein- spielung der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven hat Michael Korstick sich an die Hammer- klaviersonate gewagt – einen Solitär der Klavierliteratur, noch immer eine Herausforderung für Pianisten. Das liegt zum einen daran, dass ein moderner Konzert- flügel eben kein Hammerklavier ist, und es nicht ganz einfach ist, das Klangbild, das Beethoven im Sinn hatte, auf einen Steinway zu übertragen. 
Zum anderen weisen die Tempo-Angaben des Komponisten darauf hin, dass die Große Sonate für das Hammerklavier op. 106 möglicherweise eher für den Kopf als für die Finger eines Musikers geschrieben worden ist. Korstick aber will das Werk zum Klingen bringen; also nimmt er die Quellen ernst – und gelangt in den schnellen Sätzen zu einer aberwitzig rasanten Ausführung; für das Adagio sostenuto hingegen benötigt er fast 29 Minuten, doppelt so lange wie die meisten seiner Kollegen. Dabei lässt er allerdings einen Spannungsbogen entstehen, den man kaum für möglich hält. Der Zuhörer fühlt sich gebannt, ja, und beglückt auch – bis dann die Schlussfuge herbeieilt, hier tatsächlich als Allegro risoluto, dramatisch, erregt und dennoch präzise gespielt bis in die letzte Nuance. 
Einmal mehr erweist sich Korstick als ein großartiger Pianist, der „seinen“ Beethoven hervorragend kennt, der alle Details wohlüberlegt gestaltet, sich aber dennoch nicht darin verliert. Das machen auch die kleineren Werke deutlich, die es freilich neben der Hammerklaviersonate schwerhaben. Grandios! Das ist eine jener seltenen Aufnahmen, an denen sich alle anderen Interpretationen messen lassen müssen.