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Samstag, 6. Juli 2019

Mozart: Piano Quartets K. 493 & K. 478 (Challenge)

Gleich drei Mitglieder der Familie Kuijken musizieren im gleichnamigen Quartett: Veronika Kuijken ist am Klavier zu hören, ihr Vater Sigiswald Kuijken spielt Violine und ihre Schwester Sara Kuijken Viola. Michel Boulanger übernahm den Violoncello-Part; lange Jahre saß hier Wieland Kuijken am Pult, doch der Bruder und Onkel musste nun altersbedingt passen. 
Subtil, perfekt aufeinander abgestimmt und mit wunderbarer Kantilene interpretiert das Kuijken-Quartett die Klavierquartette KV 493 und 478 von Wolfgang Amadeus Mozart. „Die beiden Klavierquartette, entstanden 1785 und 1786, sind allumfassend; sie verbinden den Reiz eines Miniatur-Klavierkonzertes einerseits und das Geheimnis und die Intimität der himmlischsten Kammermusik andererseits. Mozart schuf diese Gattung praktisch neu“, schreibt Veronika Kuijken im Beiheft der CD. „Seine Behandlung dieser vier Instrumente als gleichwertige Partner hatte es in der Tat zu seiner Zeit so noch nicht gegeben. Die Stille, (..) die ich im langsamen Satz des zweiten Klavierquartetts erfahre, ist wie Balsam, während mich die intensive Ausdruckskraft der beiden ersten Sätze sprachlos macht.“ Auch der Zuhörer erfreut sich an dem sensiblen Spiel der vier Musiker – das Album bietet Mozart so recht zum Genießen. 

Sonntag, 14. April 2019

Franz Schubert - A Sentimental Moment (Challenge Classics)

„Ich habe kürzlich einen magischen musikalischen Moment erlebt“, berichtet Elisabeth Leonskaja: „Zwei großartige Musiker, Christian Fergo und Raoul Morat, spielten Schubert auf zwei Gitarren. Ich habe mich in Schuberts Zeit zurückversetzt gefühlt und glaubte, Klaviere aus seiner Zeit zu hören. Das war ein Augenblick voller magischer Klänge.“ 
„Wir hatten schon immer das Gefühl, dass die Gitarre in Schuberts Musiksprache unbewusst mitklingt“, schreibt das schweizerisch-dänische Gitarrenduo – und hat sich auf die Spurensuche begeben. „Wir begannen mit einem Arrangement seiner Moments Musicaux“, so die Musiker. „Um noch weiter in diese Welt vorzudringen, entschlossen wir uns, Nachbildungen von Gitarren aus Schuberts Zeit zu spielen, die genau die Klangqualitäten besitzen, die Schubert in den Wiener Musikkreisen gehört haben würde.“ 
Das Ergebnis dieser musikhistorischen Erkundung ist auf dieser CD zu erleben. Neben den Moments musicaux erklingen auch drei Impromptus sowie eine Auswahl aus den Valses sentimentales. Es ist schon erstaunlich, wie sehr Schuberts Kompositionsweise, beispielsweise seine Vorliebe für die rasante Repetition gebrochener Akkorde, der Gitarre zupass kommt. Das zeigt übrigens auch noch eine andere Einspielung, die schon einige Jahre alt ist: Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin, von Konrad Ragossnig einst für das Instrument bearbeitet, und mit Peter Schreier als Liedersänger, gehört zu meinen absoluten Favoriten. 
Die CD des Gitarrenduos Morat-Fergo ist ebenfalls ein großer Wurf: Kluge Arrangements, perfekt gespielt; und auch die historischen Wiener Gitarren – mit immerhin neun Saiten! – kommen klanglich bestens zur Geltung. Hinreißend schön, unbedingt anhören! 

Dienstag, 8. Januar 2019

Purcell: Dido and Aeneas (Challenge Classics)

Henry Purcells Oper Dido und Aeneas faszinierte Fabio Bonizzoni seit vielen Jahren: „Der Charme dieser Oper liegt darin, dass sie alles beinhaltet, wie Cervantes’ Don Quixote. Jegliche Lebenserfahrung liegt darin -- Liebe, Hass, Tod, Traum, Verzweiflung, unschuldiges und durchtriebenes Spiel“, sagt der Dirigent. „Ich möchte Purcells ,Zeichen' auf meine eigene Weise übersetzen und zeigen, wie lebendig, modern und zeitgemäß diese Oper ist.“ 
Mit seinem Ensemble La Risonanza hat Bonizzoni daher die alte Geschichte von der Königin Dido, die sich in Aeneas verliebt, der bei seiner Flucht aus dem zerstörten Troja nach Karthago gelangt ist, neu eingespielt. Der Inhalt ist rasch erzählt: Eine Zauberin, die Dido übel gesonnen ist, sorgt mit Hilfe einer Geister- erscheinung dafür, dass Aeneas nach Italien aufbricht. Dido bringt sich um – doch zuvor singt sie eine Klage, die mit das Ergreifendste ist, was die Musikgeschichte zu bieten hat. Raffaella Milanesi singt die Dido, Stefanie True ihre Vertraute Belinda, Richard Helm den Aeneas und Iason Marmaras die Zauberin. 
Den wahrscheinlich wichtigsten Part in dieser Oper aber hat der Chor. Denn er ist immer präsent, und er spiegelt die Handlung und die Gefühle der Protagonisten: Der Chor feiert Dido als erfolgreiche Königin, der Chor feiert ihre Liebe zu Aeneas, der Chor ist Zeuge der gehässigen Zaubereien, und der Chor streut dann Rosenblätter auf Didos Grab. Der Coro Costanzo Porta unter Leitung von Antonio Greco macht das großartig. 
Als Zugabe gibt es dann The Love of Mars and Venus, vertont einst von John Eccles und Gottfried Finger – von dem aber nur die songs sowie der Textauszug überliefert sind, denn diese wurden im 17. Jahrhundert publiziert. Bonizzoni hat diese Masque behutsam rekonstruiert. Und man wundert sich, warum diese alten Stücke heute nur noch von spezialisierten Ensembles aufgeführt werden. Das ist wirklich schade: „Dido lehrt uns, dass es keiner Spezialeffekte bedarf“, betont Bonizzoni: „Das Leben selbst ist ein Spezialeffekt, eine wunderbare Reise erwachsen aus Tragödie und Freude, Liebe und Hass.“ 

Sonntag, 30. Dezember 2018

Mayr: Psalms from Sacri Concentus 1681 (Challenge Classics)

„Ich komme aus den Bergen und ich liebe steinige Wege!“, schreibt Gunar Letzbor in seinem Geleitwort zu dieser Aufnahme. Als Geiger dürfte er auch mit den Mühen der Ebene ver- traut sein, denn eine Voraussetzung dafür, das Instrument exzellent zu spielen, ist jahrelanges beharrliches Üben – mit viel Geduld, Fortschritten und Rückschlägen. Die Ausbildung eines Sängers verläuft ähnlich; sie beginnt traditionell schon im Kindesalter. „Ich danke dem lieben Gott, dass er in St. Florian ein Sängerknaben-Institut bis zum heutigen Tag hat bestehen lassen“, meint Letzbor. „Wir konnten mit AAA schon von Anfang an mit diesen Knabenstimmen musizieren, ein Privileg!“ 
Auf dieser CD erklingen Psalmkonzerte von Rupert Ignaz Mayr (1646 bis 1712), die Sänger, Solovioline und Basso continuo gleichermaßen fordern. Mayr stammte aus Oberösterreich und erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich in Passau. Als Violinist musizierte er in Freising, Eichstätt, Regensburg und Passau. 1685 ging Mayr nach München, wo er in der kurfürstlichen Hofkapelle musizierte. Der Kurfürst schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Paris zu Jean-Baptiste Lully. Ansonsten orientierte sich die Musik am Münchner Hof aber an italienischen Vorbildern. 
1706 wurde Mayr in Freising zum fürstbischöflichen Hofkapellmeister ernannt. In diesem Amt komponierte er neben Kirchen- und Instrumen- talmusik offenbar auch für das Schultheater. In seinen Werken erinnert er an Zeitgenossen wie Johann Caspar von Kerll, Johann Philipp Krieger oder die österreichischen Musiker um Heinrich Ignaz Franz Biber. 
Diese CD mit Psalmvertonungen zeigt, dass Mayr auch protestantische Einflüsse durchaus nicht ignorierte. Insbesondere das Geistliche Konzert fand er interessant, wie seine äußerst anspruchsvollen Psalmkompo- sitionen aus den Sacri Concentus 1681 belegen. Es singen Fabian Winkelmaier, Knabensopran der St. Florianer Sängerknaben, Alois Mühlbacher, Sopran, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied des renommierten Knabenchores, der nun schon seit vielen Jahren erfolgreich von Franz Farnberger geleitet wird, Markus Forster, Alt, Markus Miesenberger, Tenor, und Gerd Kenda, Bass. Ebenso individuell wie die Sänger agieren auch die Musiker von Ars Antiqua Austria und Gunar Letzbor, der die Solo-Violine spielt und das Ensemble leitet. 

Dienstag, 19. Juni 2018

Ghosts - Chopin Preludes Op. 28 (Challenge)

Nino Gvetadze hat für Challenge Classics Werke von Frédéric Chopin (1810 bis 1849) eingespielt. Ausgewählt hat sie dafür neben den Préludes op. 28 die Étude in es-Moll op. 10 Nr. 6, drei Walzer sowie das Scherzo Nr. 2 in b-Moll op. 31. 
Die Préludes deutet sie als klingende autobiographische Zeugnisse: „Trough the medium of these works, he revealed his deepest fears and sorrows, but also the beauty and integrity of his heart“, schreibt die georgische Pianistin in einem Geleitwort, das im Beiheft nachzulesen ist. 
Ihr Programm sieht sie als eine „Geisterreise“; mich würde allerdings etwas weniger Poesie im geschriebenen Text und dafür mehr im Klavierspiel sehr erfreuen. Sobald der Notentext etwas dichter wird, vermisse ich bei dieser Einspielung Klarheit und Struktur. Insbesondere die linke Hand liefert für mein Empfinden zuviel Geisterschweben im Ungefähren. Schade! 

Freitag, 15. September 2017

Mozart: Peasant Wedding and Toy Symphony; Koopman (Challenge)

„Dies ist eine besondere CD. Noch nie zuvor spielte das Amsterdam Baroque Orchestra Musik, in der Drehleier, Psalterium, Dudelsack und Kinderpfeifen erklangen. Diese Aufnahme hat uns sehr viel Spaß bereitet“, berichtet Ton Koopman im Beiheft. 
Diese Freude überträgt sich beim Anhören – soviel Musizierlust macht einfach gute Laune. Und so kann man hier fröhlich der Bauernhochzeit lauschen sowie der Cassatio ex G mit der berühmten Kindersinfonie, allesamt von Leopold Mozart. Ergänzt haben die Musiker dieses unterhaltsame Programm noch durch die Sinfonie in Es-Dur KV 16 – die erste Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, komponiert 1764 in London -, die Fuge aus dem Gallimathias musicum KV 32, und die bekannten Variationen über das französische Lied Ah, vous dirai-je maman K 265. Letzteres wird vorgetragen von Tini Mathot auf einem Hammerklavier von Andreas Stein aus dem Jahre 1803. Großartig, bravi! 

Sonntag, 26. März 2017

Ferdinand Fischer - From Heaven on Earth (Challenge)

„Als ich vor einigen Jahren das Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich besuchte, um die dort verwahrten Lauten zu sehen, konnte ich noch nicht ahnen, dass dieser Besuch mein Leben als Laute spielender Musiker von Grund auf verändern würde“, berichtet Hubert Hoffmann im Geleitwort zu dieser CD. Der Lautenist schaute sich nicht nur die Instrumente an, er sichtete auch das Notenarchiv  – und dabei fand er in einigen Tabulaturbüchern Variationssätze, die ihn faszinierten: „Diese waren liebevoll kalligrafisch in winzigen Buchstaben niedergeschrieben und setzten für ihre Realisie- rung beträchtliches spieltechnisches Vermögen voraus.“ 
Hoffmann stellte fest, dass diese Werke Pater Ferdinando Fischer (1652 bis 1725) niedergeschrieben hat, der einst im Kloster lebte – seine Laute übri- gens ist erhalten geblieben, im Beiheft sieht man sie im Bild. Die Stücke, die Fischer notiert hat, seien  in keinem der vielen anderen Lautenmanu- skripte jener Zeit zu finden. „Es handelte sich also um Unikate“, so Hoffmann – und je mehr sich der Lautenist mit dieser Musik beschäftigte, desto stärker wurde in ihm der Wunsch, sie dem Publikum vorzustellen. „Da ich zudem über ein sehr außergewöhnliches elfchöriges Instrument aus der Werkstatt Andreas von Holst verfüge, welches für die Wiedergabe dieser Musik wie geschaffen schien, war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Plan diese wirklich ,neuen Lautenfrüchte' auf einer CD zu präsentieren“, schreibt Hoffmann. 
In den Galaxy Studios zu Mol/Belgien – einem der stillsten Aufnahme- räume ganz Europas, wie der Lautenist berichtet – ist dann diese Einspielung entstanden. Die drei Partiten zeigen uns Pater Fischer als einen Musiker von hoher technischer Brillanz, ausgezeichneter Repertoirekenntnis und ganz erstaunlicher Originalität. Fischer kennt offenbar die französischen Vorbilder und schätzt sie, aber er kopiert sie nicht. Man kann vermuten, dass es ihm weniger darum ging, mit seinem Lautenspiel zu beeindrucken, dass ihm vielmehr an einer musikalischen Meditation gelegen war. Denn Fischer liebte die Variation, insbesondere die Passacaglia, und er legte wenig Wert auf üppige Verzierungen. 
Hoffmann entführt uns in diese musikalische Welt, manchmal versonnen, mitunter auch galant – aber immer sehr eigen. Der Zuhörer darf sich auf eine Entdeckung freuen, sehr schön eingespielt und vor allem auch exzellent aufgenommen. Das klingt, als säße der Lautenist direkt vor einem im Zimmer, unglaublich! 

Montag, 2. Januar 2017

Röntgen: Alle Lust will Ewigkeit (Challenge Classics)

Julius Röntgen (1855 bis 1932), entfernt verwandt mit dem berühmten Physiker, kam in Leipzig zur Welt. Sein Vater war Konzertmeister am Gewandhaus, und seine Mutter, eine Pianistin, entstammte der Musiker- dynastie Klengel – kein Wunder also, dass das Kind ebenfalls schon früh die Musikerlaufbahn einschlug. 
Neben Eltern, Großeltern und Haus- lehrern unterrichtete den kleinen Julius kein geringerer als Carl Reinecke, Leiter des Gewandhaus- orchesters sowie Lehrer am Leipziger Konservatorium. Röntgen studierte schließlich in München Klavier bei Franz Lachner, einem Freund Franz Schuberts. Nach einigen Jahren, die er zumeist auf Konzertreisen verbracht haben dürfte, überlegte Röntgen dann, ob er sich in Wien oder in den Niederlanden niederlassen sollte. 
Schließlich entschied er sich 1878 für eine Stelle als Klavierlehrer an einer privaten Musikschule in Amsterdam – womit er aber dauerhaft nicht zufrie- den war, da er die Qualität der Schüler ungenügend fand. 1884 gründete er daher gemeinsam mit Frans Coenen und Daniel de Lange das Amster- damsch Conservatorium. Er spielte Konzerte, und er wirkte auch an der Planung des Concertgebouws mit; die Leitung des Orchesters aber traute man ihm dann nicht zu. Und so komponierte er weiter Kammermusik, unterrichtete seine Schüler – und musizierte. Röntgen war unter anderem Klavierbegleiter des Sängers Julius Stockhausen und dessen Schülers Johannes Messchaert, des berühmten Geigers Carl Flesch, und des noch viel bekannteren Cellisten Pablo Casals. 
Reisen führten ihn quer durch Europa; so spielte der Pianist regelmäßig in Wien, aber auch nach Nordeuropa zog es Röntgen. Im norwegischen Bergen besuchte er seinen Freund Edvard Grieg, und in Dänemark machte er gern Urlaub und pflegte etliche Freundschaften. 1920 wurde der Musiker niederländischer Staatsbürger. 1924 ging Röntgen in den Ruhestand, und zog sich nach Bilthoven bei Utrecht zurück, wo ihm einer seiner Söhne einen schicken Landsitz errichtete. Das Haus macht seinem Namen Gaudeamus alle Ehre. Dort schuf Röntgen noch eine Vielzahl von Kom- positionen, vom Lied bis zur Sinfonie, und er wurde von zahlreichen Musikerkollegen besucht. 
In den letzten Jahren wurden, insbesondere durch das Engagement des Labels cpo, die Sinfonien von Julius Röntgen wiederentdeckt. Eine Auswahl aus seinem (ebenfalls sehr umfangreichen) Liedschaffen haben nun Robbert Muuse und Micha van Weers bei Challenge Classics vorge- stellt. Der Bariton und die Pianistin pflegen in ihrer langjährigen musika- lischen Partnerschaft nicht nur das gängige Liedrepertoire; sie suchen auch ständig nach weniger bekannten Werken, die aufführenswert sind.
Die Lieder von Julius Röntgen sind auf den Punkt gefasste Textvertonungen mit einem ausgesprochen sprechenden Klavierpart – und einige von ihnen sind sogar überaus witzig. Den Komponisten inspirierten nicht nur Klassiker wie Goethe und Nietzsche, sondern auch alte nieder- ländische Volkslieder, asiatische Texte oder aber der schräge Humor von Christian Morgenstern. Auf dieser CD sind unter anderem einige Galgen- lieder und Palmström-Lieder zu hören – Robbert Muuse und Micha van Weers scheinen besonders die ironische Seite an Röntgen zu schätzen, der aber alles auszudrücken verstand, vom Pathos bis zum wilden Gelächter. In diesem Werk gibt es ohne Zweifel noch viel zu entdecken; mit dieser Aufnahme haben Robbert Muuse und Micha van Weers eine Türe geöffnet, hinter der noch so mancher Schatz schlummert. Grandios!

Sonntag, 30. Oktober 2016

Pro Contra! Works for Bassoon & Contrabassoon (Challenge Classics)

Das Fagott und sein tieferer Bruder, das Kontrafagott, sind die Leiden- schaft von Simon Van Holen. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn diese Instrumente sind quasi die Kellerkinder der modernen Musik: Zwar werden sie im Orchester benö- tigt. Aber Musik wird schon seit der Wiener Klassik nur noch ausnahms- weise für sie komponiert. Im Barock war dies anders; damals schätze man Klangfarben, Abwechslung und war in der Gestaltung von Konzerten wie in der Kammermusik offenbar deutlich experimentierfreudiger. 
Simon Van Holen hat trotzdem nicht Vivaldis Fagottkonzerte eingespielt, sondern nach Werken gesucht, die für das moderne Fagott geschrieben worden sind und seine Möglichkeiten konsequent nutzen. Dabei hat er, neben einer klangschönen Sonate für Fagott und Violoncello (?) KV 292 von Wolfgang Amadeus Mozart und dem aparten Quartett für Fagott, zwei Violen und Violoncello op. 46 Nr. 1 von Franz Krommer, auch drei zeit- genössische Werke ausgewählt. 
Von Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) stammt, so Van Holen, das erste Musikstück für Kontrafagott solo überhaupt. Es heißt Baßnachtigall, stammt aus dem Jahre 1922, und trieft nur so von Sarkasmus – was aber Schulhoff, Schüler von Max Reger, nicht daran hinderte, trotzdem grandiose Musik zu schreiben. Simon Van Holen spielt dieses virtuose Stück hinreißend, und er zeigt auf dieser CD exemplarisch, dass ein Fagott weit mehr ist als eine zusätzliche Bass-Stimme im Orchester. 
Dazu nutzt er auch das zweite Stück für Kontrafagott, ein Concertino von Kees Olthuis (*1940), das das ultratiefe Blasinstrument kombiniert mit einem Streichquintett erklingen lässt. Jean Françaix (1912 bis 1997) scheint sich um musikalische Moden erfreulich wenig geschert zu haben. Sein Divertissement für Fagott und – in diesem Falle – Streichquintett ist in der Tat unterhaltsam – und ziemlich eigenwillig. Man staunt, wenn man dann liest, dass diese prickelnde Musik im Jahre 1942 entstanden ist. 
Entstanden ist diese CD, weil Simon Van Holen 2013 den Prix de Salon, eine Auszeichnung des Business-Netzwerkes des Royal Concertgebouw Orchestra, erhalten hat, welche die Karriere junger Orchestermusiker voranbringen soll. Kollegen aus dem Orchester haben auch an der Ein- spielung mitgewirkt – zu hören sind Sylvia Huang und Mirelys Morgan Verdecia, Violine, Frederik Boits und Martina Forni, Viola, Honorine Schaeffer, Violoncello und Pierre-Emmanuel de Maistre, Kontrabass. 

Donnerstag, 29. September 2016

Vivaldi: The Four Seasons (Challenge Classics)

„Warum Vivaldi? Warum die Vier Jahreszeiten und warum gerade jetzt? Diese Fragen stellen sich sicherlich viele Freunde, die den Werdegang von Ars Antiqua Austria seit Jahren mitverfolgt haben“, schreibt Gunar Letzbor im Beiheft zu dieser CD. „Die Verlockung, seine Musik auf unsere Konzertprogram- me zu setzen, war sicherlich immer groß. Allein sein Name garantiert viele Besucher und erleichtert Ver- handlungen mit Konzertveran- staltern“, räumt der Geiger ein. 
Dagegen spricht, dass die Musik des berühmten Venezianers heutzutage allgegenwärtig ist. Die vier Jahreszei- ten sind derzeit wohl das am häufigsten aufgenommene Werk der Musik- geschichte. Und um in diesem Wust an Einspielungen wahrgenommen zu werden, entwickeln Musiker einen geradezu olympischen Ehrgeiz: „Wer spielt eigentlich die Läufe (..) am schnellsten? Wer kratzt, quietscht, heult, säuselt, klopft und donnert daselbst am extremsten? Wer hier punkten will, muss alles Bisherige überbieten“, ätzt Letzbor. „Es ist wie bei einer Sportveranstaltung. Da zählen Millimeter und Hundertstel- sekunden!“ 
Auf der CD hat Ars Antiqua Austria Die vier Jahreszeiten mit dem Violin- konzert in d-Moll von František Jiránek (1698 bis 1778) gekoppelt. Der Zusammenhang ergibt sich über den Widmungsträger – „Signor Venceslao Conte di Marzin“, Graf Wenzel Morzin, dem Vivaldi verbunden war, und dem er Die vier Jahreszeiten widmete. Jiránek, Sohn von Bediensteten des Grafen, schickte dieser im Jahre 1624 zur Ausbildung nach Venedig, wo er drei Jahre lernte – bei Vivaldi oder aber in dessen Umfeld. Nach Prag zurückgekehrt, musizierte er wieder in der Kapelle des Grafen. 1637, nach dem Tode seines Dienstherren, ging er nach Dresden, wo er in der Kapelle des Grafen Brühl wirkte. Er verbrachte des Rest seines Lebens in der sächsischen Residenzstadt. Überliefert sind von ihm ausschließlich Instrumentalwerke, wobei die Geige klar im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Das Konzert auf dieser CD kombiniert auf eine ausgesprochen reizvolle Weise böhmische und italienische Einflüsse. Mir persönlich gefällt auch die Interpretation dieser Entdeckung weit besser als das Resultat von Letzbors Auseinandersetzung mit den Vier Jahreszeiten. Denn der Versuch, Vivaldis berühmte Violinkonzerte frisch und unver- braucht klingen zu lassen, führt letzten Endes auch Letzbor und das Ensemble Ars Antiqua Austria ins Extrem. Diese Musik einfach Musik sein zu lassen, und weder ins Sportive noch ins Theatralische zu übertreiben, das muss enorm schwierig sein. 

Dienstag, 30. August 2016

Ton Koopman at the Zacharias Hildebrandt Organ (1726) Lengefeld in the Erzgebirge (Challenge Classics)

Instrumente, vor allem auch Orgeln, haben ihre Geschichte. In der Kirche zum Heiligen Kreuz im erzgebirgi- schen Lengefeld wurde, so ist es Rechnungen im Pfarrarchiv zu ent- nehmen, 1620/21 zum ersten Male ein solches Instrument aufgestellt. Doch schon 1660/61 wird dieses gegen ein anderes ausgetauscht, angefertigt von einem Leipziger Orgelbauer, wahrscheinlich Christoph Donat. 1726 lassen Pfarrer und Patron die Orgel erneut ersetzen – ein größeres Instrument soll her, mit 22 Registern. Den Auftrag erhält Zacharias Hildebrandt, ansässig in Liebertwolkwitz bei Leipzig. Es ist sein drittes Instrument; und er lässt sich etwas einfallen, um die vielen Orgel- pfeifen auf engstem Raum unterzubringen: Anstatt sie, wie gebräuchlich, hintereinander anzuordnen, teilt er das Hauptwerk und bringt es zu beiden Seiten des Mittelwerkes unter. Der Prospekt wurde dementsprechend, und ebenso ungewöhnlich, in fünf zur Mitte hin ansteigende Türme gegliedert und prachtvoll farbig gestaltet. 
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation. 
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein. 
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen. 
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21. 
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.

Montag, 25. Juli 2016

Piffarissimo (Challenge Classics)

Ein Papst und zwei Gegenpäpste, Streitereien und bewaffnete Ausein- andersetzungen – als Sigismund von Luxemburg König wurde, sah er es als seine vordringliche Aufgabe, Ordnung und Frieden in Europa wiederherzustellen. Nach zähen Verhandlungen, in denen unter anderem der Ort der Zusammenkunft ausgehandelt wurde, trafen sich 1414 alle Beteiligten in Konstanz. 
Dem Konzil gelang es schließlich im Jahre 1418, das Abendländische Schisma zu überwinden und mit Martin V. einen neuen, von allen akzeptierten Papst zu wählen. Wenn aber damals ein Herrscher anreiste, um seinesgleichen zu treffen, dann führte er im Gefolge auch seine besten Musiker mit – man will ja beeindrucken. „Item pfiffer, prusuner, bögger, saitenspiler (..), dero was ccclxv“, berichtet Ulrich von Richenthal. Die drei Posaunisten und vier Pfeifer im Gefolge des Earls von Warwick, Richard Beauchamps, schildert der Chronist, „prusonettend überainander mit dry stimmen, als man gewonlich singet“
Mit dieser CD wandelt das Ensemble Capella de la Torre auf den Spuren dieses Ereignisses. Stilecht spielen die Musiker um Katharina Bäuml Melodien jener Zeit auf Instrumenten, wie sie einst in Konstanz erklungen sind. Dabei stellen sie Unterschiede in der Musizierpraxis einzelner Länder heraus, und improvisieren um die Wette – hinreißend! 

Samstag, 12. März 2016

The Last Words of Christ (Challenge Classics)

Das Ebonit Saxophone Quartet wurde 2011 am Konservatorium Amsterdam gegründet. Die Mitglieder des Ensembles – Simone Müller, Sopransaxophon, Dineke Nauta, Altsaxophon, Johannes Pfeuffer, Tenorsaxophon, und Pauline Marta Kulesza, Baritonsaxophon – haben alle in der Klasse von Arno Bornkamp studiert. Mittlerweile sind die jungen Musiker erfolgreich in der künstle- rischen Praxis angekommen, und haben bereits etliche Preise gewonnen; in der Saison 2016/17 werden sie als Preisträger des Wettbewerbes „Dutch Classical Talent“ auf eine Konzertreise durch die Niederlande gehen. 
Für ihre Debüt-CD bei Challenge Classics haben vier Bläser Abschnitte aus Joseph Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze mit Musik aus dem 20. Jahrhundert kombiniert. Es sind Einzelsätze aus Werken von Max Reger, Anton Webern, Jean Sibelius und Dmitri Schostakowitsch, die in Gestus und Gestaltung zu Haydns berühmten Quartettsätzen passen. Die Arrangements dafür haben sie überwiegend selbst geschaffen. 
Im Original ist vorgesehen, dass der Priester vor jedem Musikstück eines der sieben letzten Worte Jesu spricht. Um den Charakter dieser Medita- tionsmusik zu unterstreichen, haben die Musiker beschlossen, diese Texte ebenfalls vortragen zu lassen – leider haben sie auch die Meditation dazu gleich mit ausformuliert. Und die Sopranistin Claron McFadden interpre- tiert diese nun nicht mehr so prägnanten Sprechtexte mit einer Theatralik und einem Pathos, das bei mir, ich gebe es ungern zu, eher einen Lach- anfall auslöst als Andacht. 
Musiziert wird allerdings prächtig. Ob der Saxophon-Sound dieses Ensembles wirklich zu den Haydn-Quartettsätzen passt, das ist Geschmackssache – mir ist er zu hell und zu wenig dramatisch. Aber das Nachtlied op. 138 Nr. 3 von Max Reger klingt wunderbar, und auf die Idee, anstelle des Haydnschen Erdbebens das Allegro-Allegretto aus Schostakowitschs siebentem Streichquartett zu spielen, muss man erst einmal kommen. 

Montag, 22. Februar 2016

Muffat: Florilegium Primum 1695 (Challenge Classics)

Das Ensemble Salzburg Barock ist der historischen Aufführungspraxis verpflichtet und widmet sich der Wiederentdeckung musikalischer Schätze aus der reichen Tradition Salzburgs sowie der Kammermusik des 17. Jahrhunderts. Es wurde 1999 von dem Geiger Jochen Grüner in Bremen gegründet, hat aber mittler- weile seinen  Sitz in Österreich. Die Musiker waren bereits an etlichen Einspielungen bei dem Label cpo beteiligt. Angekündigt ist nun eine größer angelegte CD-Veröffentli- chung bei Challenge Records mit süddeutscher Barockmusik des 17. Jahrhunderts, nebst musikwissen- schaftlicher Edition. 
Die erste Aufnahme des Ensembles für Challenge Classics galt nun dem Florilegium Primum von Georg Muffat ( 1653 bis 1704) aus dem Jahre 1695. Mit diesem Opus, das fünfzig einzelne „Blumen“ – überwiegend Tanzsätze –  in sieben Suiten bündelt, den Fasciculi, bedankt sich der Komponist nach seinem Wechsel von Salzburg nach Passau bei seinem neuen Dienstherrn, Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg. Dieser habe durch seine „sothane Gnadenreiche erwärm- und Befeuchtigung so viel reiffende Krafft disen Blumen mitgetheilet, daß sie durch häufige Vermehrung zu Büschlein erwachsen, und zu einem Bund worden seyn.“ 
Kathrin Tröger und Jochen Grüner, Violine, Clarissa Miller und Lothar Haass, Viola, Günter Holzhausen, Violone und Veronika Braß, Cembalo, präsentieren die Suiten, die hörbar französischer Tradition entstammen, versiert, aber mit erstaunlich breitem Strich. Ein bisschen mehr Esprit und deutlich mehr Mut zum Rhythmus könnten sie meiner Ansicht nach schon vertragen. 

Dienstag, 11. August 2015

Biber: Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes (Challenge Classics)

Für eine Interpretation der berühmten Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) ist Ars Antiqua Austria das ideale Ensemble. Die Musiker um Gunar Letzbor spielen seit vielen Jahren österreichische Barockmusik, die durch vielerlei Einflüsse geprägt wurde. Und für diese beeindruckenden Werke finden sie den perfekten Gestus. Die Sonaten vereinen höfische Klangpracht, tänzerische Ausgelassenheit und rasante Virtuosität – und Ars Antiqua Austria zelebriert all dies mit Leidenschaft und Musizierlust. So ist dem Ensemble eine hinreißende Einspielung gelungen. Bravi!

Sonntag, 10. Mai 2015

Bach: Constantin Emanuel sings from Schemellis Gesangbuch (Challenge Classics)

Liedern aus Schemellis Gesangbuch widmet Ton Koopman seine jüngste CD. Georg Christian Schemelli (um 1680 bis 1762) lernte 1695 bis 1700 an der Leipziger Thomasschule. 1707 wurde er Kantor in Treuenbrietzen, 1727 Hofkantor in Zeitz, wo er bis zu seinem Ruhestand wirkte. Bekannt ist er als Herausgeber eines Gesang- buches, zu dem auch Johann Sebastian Bach Beiträge lieferte – doch ist nicht sicher festzustellen, welche. Zwar sind sämtliche Lieder im Bach-Werkeverzeichnis gelistet. Neuere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass nur die Lieder BWV 452, 478 und 505 tatsächlich von Bach stammen. Es wird angenommen, dass er bei anderen zumindest den bezifferten Bass hinzugefügt hat. 
Koopman schert sich um diese Debatte wenig. Er verweist darauf kurz im Beiheft, und wählt dann aus, was er lohnend findet, und was zu seinem jungen Sänger passt: Constantin Emanuel sei „één van de zeer weinige jongenssopranen die het epitheton ornans ,schattig' vorbij is, en die muzikaal iets te vertellen heeft“, lobt der Organist und Musikwissen- schaftler. Der junge Sänger klingt in der Tat nicht mehr „niedlich“, und er singt immer noch in Sopranlage, obwohl er bereits 15 Jahre alt ist. Das ist heute selten; zu Bachs Zeiten aber war das normal. 
Es wird nicht verblüffen, dass die längere sängerische Ausbildung, nicht durch den Stimmbruch unterbrochen, den Jungen das Singen schwieri- gerer Partien ermöglicht. Constantin Emanuel singt sehr ordentlich, auch wenn sein Timbre nicht immer angenehm ist. Seine Phrasierung ist intelligent, und – was ich besonders erfreulich finde – jedes Wort ist zu verstehen.  
Die Lieder, die auf dieser CD zu hören sind, waren für die häusliche An- dacht bestimmt; dennoch sind es eher kleine Arien als schlichte Choräle. Man mag sich also vorstellen, was unsere Altvorderen, die ihren Zeit noch nicht an Fernseher und Smartphones verschwendeten, einstmals zum Gebet und zum Zeitvertreib zu Hause musizierten. Und damit es nicht zuviel Gesang wird, spielt Koopman auf dieser CD nach einigen Liedern stets ein kurzes Orgelstück.

Montag, 6. April 2015

Bach: Matthäus-Passion Mendelssohn version 1841 (Challenge Classics)

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) erhielt schon als Schüler eine Abschrift von Bachs Partitur der Matthäuspassion. 70 Jahre nach dem Tod des großen Komponisten waren seine Werke nur noch Insidern bekannt. Zwar hatte die Berliner Sing-Akademie damals einige Chöre aus der Matthäuspassion im Repertoire. Aber ihr Direktor Carl Friedrich Zelter war der Meinung, das ganze Stück sei zu schwierig, um öffentlich aufgeführt zu werden. 
Der junge Mendelssohn war da anderer Auffassung. Und so begann er, ein Konzert vorzubereiten. Dazu bearbeitete er Bachs Werk – zum einen, um es den verfügbaren Instrumenten anzupassen, zum anderen, um den Fokus stärker auf das eigentliche Passionsgeschehen zu richten. So kürzte er kräftig, und änderte auch in der Partie des Evangelisten etliches, weil er befürchtete, dass seine Zeitgenossen Bachs Melodik eher befremdlich finden werden. Und weil er dem Sopran alle Arien gestrichen hatte, es aber in dem Solistenensemble gleich drei Sopranistinnen gab, übertrug er kurzerhand zwei Arien und ein Rezitativ vom Alt auf die hohe Stimmlage. In dieser Fassung wurde die Matthäuspassion 1829 erstmals wieder aufgeführt. Es war das erste Mal, dass dieses Werk nach Bachs Tod erklang – so erfolgreich, dass die Leute in anderen deutschen Städten diese Musik ebenfalls wieder hören wollten. 
1841, da war Mendelssohn bereits Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig, führte er die Matthäuspassion noch einmal in der Thomaskirche auf, Bachs langjähriger Wirkungsstätte. Die Version, die dort erklang, war weniger stark bearbeitet als die Berliner. In Leipzig wurde die Orgel als Begleitinstrument für die großen Chöre, alle Choräle und einige Arien genutzt; die Rezitative wurden von einem Kontrabass und zwei Celli begleitet. Die in Vergessenheit geratenen Oboeninstrumente wurden durch Klarinetten oder Bassetthörner ersetzt. 
In dieser Mendelssohn-Fassung aus dem Jahre 1841 hat nun Jan Willem de Vriend mit dem Chor Consensus Vocalis und dem Netherlands Symphony Orchestra die Matthäuspassion bei Challenge Classics vorgelegt. Das Solistenensemble ist mit Jörg Dürmüller, Evangelist und Tenor-Arien, Marcos Fink in der Partie des Jesus, Judith van Wanroij, Sopranm Helena Rasker, Alt und Maarten Koningsberger, Bass, gut besetzt. Generell ist diese Aufnahme, auch wenn sie wiederum für unsere Ohren mitunter etwas seltsam klingt, sehr ausgewogen und gelungen. Kurioserweise ist es die Welt-Ersteinspielung der Mendelssohn-Fassung – die ins Archiv entschwand, nachdem Bachs Musik beim Publikum wieder angekommen war. 

Mittwoch, 28. Januar 2015

Bach: Six Partitas for harpsichord (Challenge Classics)

Ton Koopman gilt in Sachen Barockmusik zu Recht als Experte. Der engagierte Musiker hat bereits etliche aufsehenerregende Editionen vorgelegt. Darunter sind nicht nur die Werke Buxtehudes und die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Auch das komplette Orgelwerk des einstigen Thomaskantors hat Koopman bereits eingespielt. Jetzt setzte er sich ans Cembalo, und widmete sich den Sechs Partiten aus dem ersten Buch der Clavierübung ein. Er spielt sie wohlüberlegt, ausbalanciert und klar strukturiert. Die auch klanglich hervorragende Aufnahme setzt einen weiteren Glanz- punkt in Koopmans Diskographie. 

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Buxtehude: Opera Omnia - Vocal Works; Koopman (Challenge Classics)

Ton Koopman verdanken wir viele bedeutende musikalische Entdek- kungen und Einspielungen. Erinnert sei hier an seine Gesamtaufnahmen des Orgelwerkes sowie der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat – glücklicherweise – Koopmans Aufmerksamkeit auf einen weiteren Komponisten gelenkt, von dem Bach sehr viel gelernt hat: Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). 
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November. 
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule. 
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter. 
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert. 
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters. 
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit  Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte. 

Montag, 23. Juni 2014

C.P.E. Bach: 6 organ sonatas (Challenge Classics)

Ton Koopman spielt die Orgel- sonaten von Carl Philipp Emanuel Bach. Was für ein Glücksfall! Denn der Cembalist und Organist hat sich auch mit dem Werk seines Vaters und etlicher Zeitgenossen intensiv beschäftigt. Seine Gesamt- einspielung der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach gehört mit zu meinen absoluten Favoriten, weil Koopman dort tiefgreifendes Studium, technische Präzision und Perfektion und zugleich eine geradezu umwerfende Musikalität in wunderbarer Weise vereint. 
Wenn er nun also die Orgelsonaten des zweitältesten Bach-Sohnes vorträgt, dann versucht Koopman nicht, sie mit der romantischen Brille zu lesen. Sie klingen ohnehin „modern“ genug. Der Organist weiß er um die Tradition, aus der diese Werke erwachsen sind, und macht dies auch hörbar. Einmal mehr setzt Koopman mit seiner Aufnahme die Referenz, an der sich in Zukunft alle Nachfolger messen lassen müssen. Und er spielt das Instrument, für das zumindest vier der sechs Orgelsonaten entstanden sind: Anna Amalia, die jüngste Schwester von Friedrich dem Großen besaß eine Orgel des Orgel- bauers Peter Migendt. Sie wurde 1755 im Berliner Stadtschloss aufgestellt. Die Prinzessin spielte dieses Instrument selber. Es besaß einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Tonumfang – während, so Koopman, der höchste Ton der Orgeln seinerzeit d''' oder c''' war, reichte die Klaviatur dieser Orgel bis zum f''' – und Bach nutzt diese Spanne in seinen Orgelsonaten auch aus. 
Durch einen Zufall überstand diese sogenannte Amalien-Orgel Kriege und Nachkriegswirren; seit den 50er Jahren befindet sie sich in der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst. Und nach einer sorgsamen Restaurierung 2007 ist nun auch ihr originaler Klang wieder zu hören.