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Montag, 15. Mai 2017

Sacred Salterio (Christophorus)

Das Psalterium ist ein Musikinstru- ment mit einer langen Geschichte. Seinen Ursprung hatte es wohl im Orient; es gilt als Urform von Zither, Hackbrett, Harfe und auch diversen Tasteninstrumenten, soweit sie mit Saiten ausgestattet sind. Das Psalter besteht aus einem Resonanzkörper, über den Saiten gespannt sind. Anfänglich wurden sie mit den Fingern oder einem Plektrum gezupft, später, so beim Hackbrett oder beim Clavichord, auch mit Hämmerchen angeschlagen. Eine weitere Version, das Streichpsalter, wird mit einem Bogen gestrichen. 
Das Salterio war noch im 18. Jahrhundert eines der bevorzugten Instru- mente des italienischen Adels. Selbst Antonio Vivaldi komponierte für das Salterio; auch Leonardo Vinci, Giovanni Paisiello und viele andere schrieben Musik für das Instrument. Niccolò Jommelli schuf sogar eine Sinfonia di salterio con violini a basso.  
Und mit den adeligen Damen hielt das Salterio Einzug auch in den Klöstern. Zwar untersagte Papst Benedikt XIV. im Jahr 1749 allzu profane Klänge im kirchlichen Raum. Aber wie man in der Kirchenmusik am Wiener Hof nicht auf Pauken und Trompeten verzichten mochte, so blieb das Salterio bei den Nonnen ein geschätztes Instrument. 
Franziska Fleischanderl stellt auf dieser CD mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto und der Sängerin Miriam Feuersinger eine Auswahl an Musik- stücken aus dem Benediktinerinnenkloster San Lorenzo in San Severo vor. Die Nonnen haben insbesondere in der Karwoche beeindruckende Kompositionen für Sopran, Salterio und Orgel in ihre Andachten mit einbezogen. Als Beispiele erklingen die Lezzione Seconda von Domenico Merola, eine Lamentazione Seconda per il Giovedi Santo la Sera aus dem Jahre 1781, deren Urheber nicht bekannt ist, und die Lezzione Terza del Venerdi Santo von Gennaro Manna sowie ein Atto di dolore nach einem Gebet von Pietro Metastasio, komponiert möglicherweise von Salvatore Fighera. 
Gesungen wurden diese Stücke einst wahrscheinlich von einem Kastraten, das jedenfalls legt eine Widmung nahe, die sich im Manuskript fand. Es ist virtuose Musik, die mit ihren großen Spannungsbögen von Miriam Feuer- singer berückend vorgetragen wird. Franziska Fleischanderl musiziert auf einem originalen Salterio, das 1725 in Rom von Michele Barbi gebaut worden ist. Sie erkundet die Spieltechniken, die damals üblich gewesen sind – was sowohl das Zupfen als auch das Anschlagen der Saiten einschließt. Es ist ihr zu danken, dass sie mit ihrem Engagement ein vergessenes Instrument wieder zurück in das Musikleben bringen möchte. Es lohnt sich durchaus; klangschön jedenfalls ist das Salterio. Unterstützt wird sie dabei durch Jonathan Pesek, Violoncello, und Deniel Perer, Truhenorgel. 

Samstag, 17. Dezember 2016

Zelenka: Lamentationes Jeremiae Prophetae (Supraphon)

Zwischen all die weihnachtlichen Pretiosen will ich an dieser Stelle eine CD einfügen, die im Jahreslauf eigentlich an eine ganz andere Stelle gehört – in die Woche vor dem Osterfest nämlich: Die Lamenta- tiones Jeremiae Prophetae ZWV 53 gehören zu den frühesten Kompo- sitionen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Ich fand diese Aufnahme so gelungen, dass ich die CD aber nicht bis ins Frühjahr liegen lassen wollte. 
Entstanden sind diese Werke für Gottesdienste am Dresdner Hof während der Karwoche. Ihren Platz haben die Klagelieder des Propheten Jeremias in der Matutin am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag; am Dresdener Hof wurden die Karmetten offensichtlich jeweils am Vor- abend gehalten. 
Zelenka hat seine Vertonungen augenscheinlich nicht vollendet; die dritte Lesung wird daher auf dieser CD als gregorianischer Gesang vorgetragen. Die beiden ersten allerdings sind beeindruckend. Sie verbinden geistliche Kontemplation und emotionale Dramatik, Eindringlichkeit und Abwechs- lung. An den beiden ersten Tagen wechseln sich Alt, Tenor und Bass in den Soloparts ab, begleitet von Oboen, Streichern und Continuo. Am dritten Tage aber setzt der Komponist in der ersten Lamentatio zwei Flöten und zwei Violoncelli, in der zweiten Solovioline, Chalumeau und Fagott ein – und die Tonarten wechseln vom Moll ins Dur: Christus liegt bereits im Grabe, der entrückte Klang von Flöten und Chalumeau symbolisiert Klage und Tod. Die eigentlichen Verse werden als Rezitativ vorgetragen; kunst- voll gestaltet sind aber die Sätze, die den vorangehenden hebräischen Buchstaben ausrufen, sowie der abschließende Ruf Jerusalem convertere
Jana Semerádová hat die Lamentationes mit ihrem Ensemble Collegium Marianum geradezu mustergültig eingespielt. Als Solisten zu hören sind Damien Guillon, Alt, Daniel Johannsen, Tenor, und Tomáš Král, Bass. 

Dienstag, 19. Juni 2012

Lamentarium (Destino Classics)

"Quod non fecerunt barbari, fece- runt Barberini", ätzte ein Spottvers über das Adelsgeschlecht, das - zu Geld und damit auch zu Macht gelangt - sogar einen Papst stellte. Urban VIII., auf dem Stuhl Petri von 1623 bis 1644, prägte Rom aber nicht nur durch seine Bauwut, der Teile des Kolosseums sowie die Bronzeplatten auf dem Dach des Pantheons zum Opfer fielen (was die Römer mit dem obigen Spruch kommentierten). Die Barberini waren auch große Kunstmäzene, und der Musik sehr zugetan. So bereicherten sie Buchbestand und Musikaliensammlung des Vatikans; insbesondere Kardinal Francesco Barberini, ein Neffe des Papstes, trug eine umfangreiche Bibliothek zusammen, die später Bestandteil der vatikanischen Bibliothek wurde. 
Aus diesem Corpus stammt ein großer Teil der Werke, die auf der vorliegenden CD zu hören sind. Sie stammen von Luigi Rossi (1597 bis 1653), Marco Marazzoli (1602 bis 1662), Marc'Antonio Pasqualini (1614 bis 1691) und Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665) - und sind zumeist Lamenti, eindrucksvolle Klagegesänge, die zu jener Zeit groß in Mode waren. Nadine Balbeisi, Sopran, und Theodora Baka, Mezzo- sopran, singen diese wundervollen Werke ausdrucksstark und mit schlank geführter, vibratoarmer Stimme. Das passt hier großartig. Und die drei Instrumentalstücke geben den Musikern von Atalante um Erin Headley Gelegenheit, zu zeigen, dass ein Gambenconsort, fallweise ergänzt um Lirone, Cembalo, Arpa Doppia und Chitarrone, weitaus mehr ist als "nur" ein Continuo-Ensemble. 

Freitag, 18. Mai 2012

Zelenka: Responsoria pro hebdomada sancta (Accent)

1722 erhielt Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745), Kontrabassist der Dresdner Hofkapelle, den Auftrag, Musik für die Karwoche zu kompo- nieren. Der Musiker, der 1710 aus Prag an den sächsischen Hof ge- kommen war, hatte sich von 1716 bis 1719 zu Studienzwecken beim kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux in Wien aufgehalten, wo er sicherlich auch dem Kur- prinzen aufgespielt haben wird, der um Erzherzogin Maria Josepha freite. Nach der Hochzeit sorgte die Kurprinzessin dafür, dass die Kirchenmusik in Dresden prächtiger wurde, so, wie sie das von Wien her gewohnt war. 
Zelenka schuf also die Musik für drei besondere Gottesdienste am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag, die aus der klösterlichen Tradition stammen, wo sie in den frühen Morgenstunden abgehalten worden sind. Um der Bequemlichkeit willen wurden sie aber später auf den Nachmittag verlegt. Jede dieser Metten bestand aus drei Nokturnen, in denen jeweils drei Psalmen gesungen wurden, gefolgt von jeweils drei Lesungen mit darauf folgenden Antwortgesängen, den sogenannten Responsorien. 
Die Lesungen der ersten Nokturn stammen aus den Klageliedern des Propheten Jeremias, in der zweiten Nokturn aus dem Kommentar des Heiligen Augustinus zu dem Psalmen und in der dritten Nokturn aus den Briefen des Neuen Testamentes. Zelenka schrieb zunächst die sechs Lamentationes Ieremiae Prophetae ZWV 53, und im Jahr darauf vervollständigte er das Werk durch die Responsoria pro hebdomada sancta ZWV 55. Ergänzt wurde das Werk bereits 1722 durch das Miserere d-Moll ZWV 56, das an allen drei Tagen gesungen wurde. Vorgesehen war zudem, die noch fehlenden Abschnitte der Lamentatio zu ergänzen - doch das geschah dann nicht mehr, denn schon 1724 drängte die Aufführung italienischer Oratorien die Metten in den Hintergrund. 
Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 haben unter Leitung von Václav Luks einen Teil der Lamentationes sowie die vollständigen Responsoria auf zwei CD mustergültig eingespielt. Den Sängern und Musikern ist es geradezu exemplarisch gelungen, den Klangeindruck zu rekonstruieren, den diese großangelegten kirchenmusikalischen Werke 1722/23 vermittelt haben sollten. Dass Luks Sängerinnen einsetzt statt falsettierender Schauspieler, wie es seinerzeit am Dresdner Hof gehalten worden sein dürfte, dafür wird ihm der heutige Zuhörer dankbar sein. Das Ensemble ist im übrigen exzellent, meine Empfehlung!