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Samstag, 10. Juli 2021

Telemann: Miriways (Pentatone)


 Für seine Oper Miriways (1728) wählte Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) als Schauplatz die Provinz Kandahar. Sie gehörte einst zu Persien, was aber 1722 auf einem Schlachtfeld bei Isfahan von den Afghanen besiegt worden war. Zeitungen in ganz Europa berichteten darüber, und die Leser zeigten sich fasziniert. 

Der Orient erschien verlockend, und das Exotische war in Mode – also wurde es auch auf die Opernbühne gebracht. Johann Samuel Müller, eigentlich Lehrer, aber auch ein gefragter Textdichter, nutzte das Geschehen im fernen Osten als Grundlage für ein Libretto, und Telemann schuf dazu eine Musik, die so fernöstlich klingt, wie es seinerzeit in Hamburg die Phantasie hergab. 

Auch Bühne und Kostüme waren sicherlich dementsprechend gestaltet – und Telemanns Oper um Miriways, den Fürsten von Candahar, Sophi, den Sohn des abgesetzten Schahs, und allerlei Intrigen, Ränke und Liebschaften am Hofe war damals ganz sicher ein Erfolg. Heute ist das Werk selten zu hören, was eigentlich schade ist, denn es hat schöne Melodien zu bieten, dazu interessante Charaktere, und die Handlung, in der es um Liebe, Pflicht und Wahrhaftigkeit geht, kann auch heute noch den Geist der Aufklärung verbreiten – denn darum geht es, und mag das Gewand noch so exotisch sein. 

Zum Telemann Festival Hamburg 2017 wurde Telemanns Werk in der Elbmetropole aufgeführt. Auf zwei CD präsentiert Pentatone nun einen Mitschnitt des Konzertes mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Bernard Labadie, aufgezeichnet durch den NDR in der Laeiszhalle. Es muss ein Ereignis gewesen sein; denn das Ensemble beeindruckt mit farbenreichem, ausdrucksstarkem Musizieren, und die Sänger sind ebenfalls hervorragend. Zu hören sind unter anderem André Morsch (Miriways), Robin Johannsen (Sophi), Sophie Karthäuser (Bemira), Lydia Teuscher (Nisibis) und Michael Nagy (Murzah). Vom ersten bis zum letzten Ton barockes Hörvergnügen, grandios! Bravi! 


Samstag, 2. Januar 2021

Bach: Entfliehet, ihr Sorgen (Deutsche Harmonia Mundi)


 Zwei weitere Kantaten von Johann Sebastian Bach hat Alexander Grychtolik rekonstruiert und mit seinem Ensemble Deutsche Hofmusik eingespielt. Für beide Werke, die in Bachs Leipziger Zeit entstanden sind, waren bislang nur Texte vorhanden. Um sie wieder aufführen zu können, suchte der Cembalist und Dirigent daher nach anderen Werken des Komponisten, die als Parodievorlage für solche Gelegenheitskompositionen gedient haben könnten – oder nach Arien und Chören, in denen Bach selbst seinerzeit musikalische Ideen wiederverwendet hat. 

Denn weltliche Kantaten wurden für den jeweiligen Anlass geschrieben – war das Fest vorbei, gab es keinen Grund, sie nochmals aufzuführen. Zur Krönung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II., der 1734 in Krakow als August III. auch polnischer König wurde, lieferte Bach einem unbekannten Auftraggeber für eine Huldigung in Leipzig die Kantate Blast Lärmen, ihr Feinde! Verstärket die Macht (BWV 205a). Sie spielt mit ihrem Titel auf den soeben siegreich beendeten Thronfolgekrieg an, der nach dem Tode August des Starken um die polnische Königskrone ausgefochten wurde. Als Vorlage für diese Kantate diente das Dramma per musica „Der zufriedengestellte Aeolus“ (BWV 205), das dafür mit einem neuen Text versehen wurde. 

Die Schäferkantate Entfliehet, ihr Sorgen (BWV 249a), erklungen 1725 als Tafelmusik zum Geburtstag von Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels auf Schloss Neu-Augustusburg, gilt als weltliche Urfassung des Osteroratoriums BWV 249. Mit dem Libretto begann zudem die Zusammenarbeit zwischen Bach und seinem Textdichter Picander. 

Allerdings fehlten dieser Geschichte über zwei Schäferinnen, die auf ihrem Weg zum Geburtstagsfest des Herzogs zwei Hirten treffen, bislang Rezitative. Diese wurden daher durch Grychtolik stilsicher ergänzt. Und wer das Osteroratorium kennt, mit all seinen Seltsamkeiten, der wird beim Anhören dieser CD all das verstehen, was ihm bei der „Recyclingversion“ musikalisch seltsam vorgekommen ist. Was für eine Offenbarung! Musiziert wird zudem exzellent. Solisten der Aufnahme sind Miriam Feuersinger, Sopran, Elvira Bill, Alt, Daniel Johannsen, Tenor und Stephan MacLeod, Bass. 


Sonntag, 6. August 2017

Telemann: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Confessio Augustana ist wohl das wichtigste Dokument, das auf dem Reichstag in Augsburg 1530 unter- zeichnet wurde. Darin beschrieben die lutherischen Reichsstände die Grundsätze ihres Glaubens. Diese Schrift, die weitgehend aus der Feder von Philipp Melanchthon stammt und vor allem auch die Gemeinsam- keiten mit der katholischen Kirche betont, gehört noch heute zum Inventar der lutherischen Kirchen. 
Der 200. Jahrestag der Augsburger Konfession, jenes „unerschrockenen Bekenntnisses der lautern Evangelischen Lehre“, so Georg Philipp Telemann, wurde auch in Hamburg aufwendig gefeiert. Im Festgottesdienst erklangen gleich zwei Kantaten, die Telemann als Musikdirektor der Hansestadt eigens für diesen Anlass komponiert hatte. 
Die pragmatischen Hamburger feierten lediglich einen Tag, nämlich am 25. Juni, praktischerweise ohnehin ein Sonntag. Infolgedessen wurde in allen Kirchen gleichzeitig musiziert – was bedeutete, dass Telemann natürlich zuvor auch die Proben für die Festgottesdienste in allen fünf Hauptkirchen zu leiten hatte, und dann gar nicht allen Aufführungen selbst beiwohnen konnte. 
Er selbst schreibt von mehr als hundert Personen in den Proben – was uns heute einen interessanten Einblick in das Musikleben jener Zeit gibt; denn die Kantaten gelten als „groß besetzt“. Und man muss bedenken, dass sich die hundert Mitwirkenden ja noch auf fünf Kirchen verteilten. Überliefert sind leider nur die „Poesien zur Music, welche daselbst am Großen Jubel-Feste (..) musicalisch aufgeführet“, denn Telemann ließ sie drucken. Die Festkantaten selbst gelten als verschollen. 
Zwei kleinere Werke, die in St. Katharinen erklungen sind, veröffentlichte der Musiker: Die Solokantaten  Sey tausendmahl willkommen ( TVWV 13: 9a) und Du bleibest dennoch unser Gott (TVWV 13: 9b) hat das Ensemble Concerto Melante, geleitet von Konzertmeister Raimar Orlovsky, nun bei dem Label Deutsche Harmonia Mundi in Weltersteinspielung vorgestellt. Dass es bei Telemann noch viel zu entdecken gibt, beweisen die Musiker auch mit drei hinreißenden Instrumentalstücken in ihrem Programm: Zu hören sind, ebenfalls in Weltersteinspielungen, die zwei Triosonaten TWV 42:e7 und 42:e8, beide zu finden in den Notenbeständen des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner, und das Quartett TWV 43:G13. 
Gleich fünfmal zu hören ist auf der CD Luthers Choral Ein feste Burg ist unser Gott – vierfach in musikalischen Bearbeitungen von Johann Walther, sowie in Form einer vierstimmigen Motette, die Telemann für die akademische Feier des Hamburger Johanneums zum „Jubel-Fest“ 1730 geschrieben hat. Es singen Robin Johannsen, Sopran, Alexander Seidel, Altus, Holger Marks, Tenor, und Wolf Matthias Friedrich, Bass. 
Concerto Melante – wer gern mit Buchstaben spielt, der sieht auf den ersten Blick, dass der Name des Ensembles aus dem des Komponisten hervorgegangen ist (wobei aber leider ein „n“ verloren ging) – leistet mit diesem Album einen Beitrag sowohl zum Telemann-Jubiläum als auch zum Reformationsjahr. Telemann, der nicht nur ein exzellenter Musiker und Komponist, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann war, hätte das mit Sicherheit gefallen.

Freitag, 28. Juli 2017

Telemann. Reformations-Oratorium 1755 (Sony)

Abseits vom musikalischen Main- stream immer wieder vergessene Schätze zu heben, dafür ist Reinhard Goebel inzwischen bekannt. Im Laufe seines anspruchsvollen Musiker- lebens ist dem früheren Geiger, der mittlerweile ebenso verdienstvoll als Dirigent tätig ist, so manche Ent- deckung gelungen. 
Um es gleich zu sagen: Diese Welt- ersteinspielung gehört dazu, und sie gehört sowohl unter den Aufnahmen zum diesjährigen Reformations-Jubiläum als auch zum Telemann-Jubiläum zum Besten, was zu finden ist. Das Oratorium Holder Friede, heil'ger Glaube schrieb Georg Philipp Telemann im Jahre 1755 für die Feierlichkeiten zum Gedenken an den 200. Jahrestag der Unterzeichnung des Augsburger Religionsfriedens. 
Anders als Telemann seinerzeit in Hamburg, standen Goebel bei dieser Co-Produktion von Sony mit dem Bayerischen Rundfunk herausragende Kräfte zur Verfügung. Die vier allegorischen Figuren Der Friede, Die Andacht, Die Religion und Die Geschichte sind mit der jungen Sopranistin Regula Mühlemann, Tenor Daniel Johannsen, Bariton Benjamin Appl und Bass Stephan MacLeod erstklassig besetzt. Dazu gesellen sich der exzellen- te Chor des Bayerischen Rundfunk sowie die Bayerische Kammerphilhar- monie. 
Mit diesem überragenden Ensemble gelingt es Goebel ohne Schwierig- keiten, die Qualitäten des wiederentdeckten Oratoriums herauszuarbeiten. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut – und diese hier ist ganz besonders gelungen. Unbedingt anhören! 

Samstag, 17. Dezember 2016

Zelenka: Lamentationes Jeremiae Prophetae (Supraphon)

Zwischen all die weihnachtlichen Pretiosen will ich an dieser Stelle eine CD einfügen, die im Jahreslauf eigentlich an eine ganz andere Stelle gehört – in die Woche vor dem Osterfest nämlich: Die Lamenta- tiones Jeremiae Prophetae ZWV 53 gehören zu den frühesten Kompo- sitionen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Ich fand diese Aufnahme so gelungen, dass ich die CD aber nicht bis ins Frühjahr liegen lassen wollte. 
Entstanden sind diese Werke für Gottesdienste am Dresdner Hof während der Karwoche. Ihren Platz haben die Klagelieder des Propheten Jeremias in der Matutin am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag; am Dresdener Hof wurden die Karmetten offensichtlich jeweils am Vor- abend gehalten. 
Zelenka hat seine Vertonungen augenscheinlich nicht vollendet; die dritte Lesung wird daher auf dieser CD als gregorianischer Gesang vorgetragen. Die beiden ersten allerdings sind beeindruckend. Sie verbinden geistliche Kontemplation und emotionale Dramatik, Eindringlichkeit und Abwechs- lung. An den beiden ersten Tagen wechseln sich Alt, Tenor und Bass in den Soloparts ab, begleitet von Oboen, Streichern und Continuo. Am dritten Tage aber setzt der Komponist in der ersten Lamentatio zwei Flöten und zwei Violoncelli, in der zweiten Solovioline, Chalumeau und Fagott ein – und die Tonarten wechseln vom Moll ins Dur: Christus liegt bereits im Grabe, der entrückte Klang von Flöten und Chalumeau symbolisiert Klage und Tod. Die eigentlichen Verse werden als Rezitativ vorgetragen; kunst- voll gestaltet sind aber die Sätze, die den vorangehenden hebräischen Buchstaben ausrufen, sowie der abschließende Ruf Jerusalem convertere
Jana Semerádová hat die Lamentationes mit ihrem Ensemble Collegium Marianum geradezu mustergültig eingespielt. Als Solisten zu hören sind Damien Guillon, Alt, Daniel Johannsen, Tenor, und Tomáš Král, Bass. 

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Bach: Luther-Kantaten (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Luther-Jahr hat soeben begon- nen – und schon sind die ersten CD auf dem Markt, die den Reformator und sein Erbe feiern. Ein sehr gelungenes Projekt präsentiert nun das Label Deutsche Harmonia Mundi: Christoph Spering hat das Reformationsjubiläum zum Anlass genommen, die dreizehn „Luther-Kantaten“ von Johann Sebastian Bach neu einzuspielen. 
Das ist wahrlich eine würdige Form des Gedenkens: „Ich wünsche gewiß von Herzen, daß Jedermann die göttliche und vortreffliche Gabe, die Musik, sich einloben und angepriesen sein ließe. Wiewohl ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften gleichsam überschüttet, daß ich weder Anfang, noch Ende, noch ein Maß meiner Rede finden kann; und bei der großen Menge des Lobes muß ich doch ein nüchterner und armseliger Lobredner derselben sein“, verkündete einst der Reforma- tor. Martin Luther, der im Jahre 1517 seine berühmten Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre genagelt haben soll, mit den bekannten Folgen, hat nicht nur die Bibel übersetzt, viele theologische Streitschriften verfasst und unzählige Briefe in alle Himmelsrichtungen geschickt. 
Luther wollte eine singende Kirche – und er hat daher Lieder für das Kirchenvolk geschrieben. Mitunter hat er einfach bekannten Melodien einen neuen Text gedichtet, der den Glauben, wie Luther ihn verstanden haben wollte, auf den Punkt bringt. Manchmal hat er aber auch ein komplettes Lied geschrieben; wie das bekannte Vom Himmel hoch da komm ich her. So sind mehr als 30 deutsche Kirchenlieder entstanden, die in Gesangbüchern abgedruckt und verbreitet wurden; etliche davon werden noch heute im Gottesdienst gesungen. Dazu trugen auch die Kirchenmusi- ker um „Urkantor“ Johann Walter sowie der nachfolgenden Generationen bei. Die Kantoren der evangelischen Kirche schätzten Luthers Lieder hoch und hielten sie über die Jahrhunderte in Chor- und Orgelsätzen, Bearbei- tungen und in Neuvertonungen präsent. 
In dieser Tradition stand auch die Familie Bach. Mit Luthers Chorälen, wie Nun komm, der Heiden Heiland, Ein feste Burg ist unser Gott oder Mit Fried und Freud ich fahr dahin ist Johann Sebastian Bach in Thüringen aufgewachsen. Sie gehörten ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen seines musikalischen Schaffens wie etwa die Regeln des Kontrapunktes. 
Spering hat aus den mehr als 200 überlieferten Bach-Kantaten jene herausgesucht, die sich durch einen besonders engen Bezug zu Luthers Kirchenliedern auszeichnen. Einige davon hat Bach bereits in Mühlhausen und in Weimar komponiert; die meisten aber entstammen dem sogenann- ten Choralkantaten-Jahrgang, den Bach 1724/25 in seinem zweiten Leipziger Amtsjahr geschaffen hat. Mit einer Besetzung aus überwiegend jungen Vokalsolisten sowie seinen beiden Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester hat Spering Bachs Kantaten erkundet. 
Dafür hat er die Quellen sorgsam studiert, und dann für jedes einzelne Werk eine individuelle Interpretation erarbeitet. Im Beiheft wird kurz und nachvollziehbar erläutert, aus welchen Gründen Spering jeweils seine Entscheidungen getroffen hat. Oberster Grundsatz war, den Verstand zu gebrauchen – und Dogmen zu meiden. So besetzt Spering in den beiden früheren Kantaten Christ lag in Todes Banden (BWV 4; 1707) und Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61; 1714) sämtliche Stimmen solistisch. Ansonsten orientiert sich die Besetzung in Chor und Orchester bei den Leipziger Kantaten an den Vorschlägen, die Bach in seiner Denkschrift „Kurtzer, iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ von 1730 äußerte. Darin wünschte er sich für die Figuralmusik neben den Concertisten noch acht Ripienisten, also zusätzliche Sänger, die in den Chören die Solisten unterstützen. 
Die Choräle sieht Christoph Spering als wesentliche Stücke, die die Gemeinde in die Kantaten mit einbeziehen. Das Publikum soll über den Text nachdenken – und deshalb wählt der Dirigent bewusst gemächliche Tempi, und lang ausgehaltene Fermaten als Ruhepunkte. Auch bei den Secco-Rezitativen setzt Spering ganz eigene Akzente; sie werden in einigen Kantaten nicht mit kurz angestoßenem und verklingendem Basston begleitet, sondern mit einem bleibenden, solide im Raum stehenden Generalbass-Fundament untersetzt – und zwar mit einem satten 16-Fuß-Fundament. Das klingt zunächst etwas altmodisch, aber es hat seine Reize, und ist durchaus eine Überlegung wert. 
Auch die Orgel rückt Christoph Spering wesentlich stärker in den Mittel- punkt, als man das üblicherweise gewohnt ist: „Johann Sebastian Bach war nicht nur von seiner Ausbildung, sondern auch von seinem Selbst- verständnis her in erster Linie Organist“, begründet der Dirigent seine Entscheidung im Beiheft. Dazu passt eine kleine Truhenorgel, wie sie in der historischen Aufführungspraxis derzeit üblich ist, in der Tat schlecht. Und so darf bei dieser Einspielung die Orgel deutlich hervortreten. Sie bleibt trotzdem Continuo – aber ein markantes, interessantes. Das verwendete Instrument, über das man leider nichts erfährt, entspreche in seinen Dimensionen ungefähr dem Brustwerk des Leipziger Exemplars zu Bachs Zeiten, so Spering. Die Orgel wird mitunter durch ein Cembalo ergänzt; allerdings geschieht dies ebenfalls nicht durchgängig, sondern wohlüberlegt in ausgewählten Kantaten, was den Klang sehr reizvoll auffächert. 
Die Vier-CD-Box hält also musikalisch so manche Überraschung bereit. Ein würdiger Auftakt zum Luther-Jahr – und ein spannender Beitrag zur Weiterentwicklung einer historischen Aufführungspraxis, die leider derzeit gelegentlich aus dem Blick verliert, dass Regeln kein Selbstzweck sind. Wenn aber ein Konzept zur reinen Lehre erstarrt, dann kann Provokation nur voranbringen. 

Donnerstag, 11. Februar 2016

C.P.E. Bach: Die Israeliten in der Wüste (Deutsche Harmonia Mundi)

Einer der Höhepunkte des Bachfestes Leipzig 2014 war die Aufführung des Oratoriums Die Israeliten in der Wüste von Carl Philip Emanuel Bach (1714 bis 1788) mit den Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester unter der Leitung von Christoph Spering. 
Ein Mitschnitt dieses Konzertes liegt nun auf CD vor – und er macht noch einmal deutlich, was für ein Ereignis diese Aufführung in der Nikolaikirche warDie Kölner würdigten damit den 300. Geburtstag des berühmtesten der Bach-Söhne. Carl Philipp Emanuel Bach wirkte zunächst als Cembalist am Hofe Friedrichs des Großen; 1768 wurde er dann als Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Die Israeliten in der Wüste entstand 1768/69 als Auftragskomposition zur Einweihung der neu errichteten Lazarus-Kirche in Hamburg. Das Werk zeigt zunächst das in der Wüste herumirrende, murrende Volk Israel – durstig, entmutigt und auf Moses nicht besonders gut zu sprechen. Doch Moses erbarmt sich, und fleht in einer grandiosen Arie zu Gott, der auch prompt das ersehnte Wasser aus einem Felsen am Berg Horeb fließen lässt. Das ist der Wendepunkt des Oratoriums. Nach dem Wunder Gottes folgt aber nicht schlicht ein finaler Dankeschor, sondern eine komplette zweite Hälfte voll Reflektion und Lobpreis. Und letztendlich stimmt in Form einer Choralstrophe auch die Christenheit mit ein. Moses selbst hat zuvor auf den kommenden Erlöser verwiesen. Getragen wird die Handlung zudem von ausdrucksstarken Chören, nebst zwei Solistinnen, die quasi aus der Volksmasse hervortreten, und einem Tenor, im ersten Teil Aaron, im zweiten schlicht „Eine Stimme“, der wie ein Moderator bemüht ist, das Geschehen zu lenken. 
Bach merkte an, dass sein Oratorium „nicht just bey einer Art von Feyerlichkeit, sondern zu allen Zeiten, in und außer der Kirche“ gespielt werden könne. Auch Händel hatte seine Werke weniger für den kirchlichen Gebrauch als vielmehr für den Konzertsaal geschrieben – ein Trend, der geistliche Musik in völlig neue Räume und Wirkungszusammenhänge bringen sollte. 
Spering allerdings belässt Bachs Opus im kirchlichen Raum. Mit seinem exzellenten Chor und dem Neuen Orchester, ebenfalls bestens besetzt mit Experten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, interpretiert er das Oratorium unter Verwendung der neuesten textkritischen Partitur- ausgabe. Er hat einen ausgesprochen wachen Sinn für musikalische Strukturen – und er schaut zugleich genauestens auf Details. So gibt die Neuausgabe Einblick in die Musizierpraxis jener Jahre, insbesondere auf die Auszierung von Da-capo-Arien: „Denn in die Neuausgabe ist zum Beispiel auch das überlieferte Stimmheft der 2. Sopranistin eingegangen, in das Carl Philipp Emanuel Bach selbst diese Verzierungen eingetragen hatte“, erläutert Christoph Spering im Beiheft zu dieser CD. Nach diesem Vorbild hat Spering gemeinsam mit dem Solistenensemble – Anja Petersen, Sarah Maria Sun, Daniel Johannsen und Johannes Weisser – auch für die anderen Partien die entsprechende Ornamentierung erarbeitet. Gesungen wird sehr präzise, und man staunt, wieviel Wirkung das bringt. 
„Bei meiner Interpretation habe ich mich übrigens bewusst nicht auf die Verhältnisse der Hamburger Kirchenmusik zur Carl Philipp Emanuel Bachs Zeit bezogen, sondern eine mittelgroße Besetzung gewählt, mit der man alle Ausdrucksmöglichkeiten des Werkes farbiger zeichnen kann“, schreibt der Dirigent. All das macht diese Aufnahme abwechslungsreich. Spering gelingt es, Empfindsamkeit nicht gefühlig werden zu lassen; Kon- templation und Spannung sind ja bekanntlich kein Gegensatz. Unbedingt anhören! 

Freitag, 18. September 2015

Bach: Messe in h-Moll (Carus)

Gibt es eine „wahre“ h-Moll-Messe? Hans-Christoph Rademann, neuer Leiter der Internationalen Bach- akademie Stuttgart, hat sich gemeinsam mit dem Bachforscher Uwe Wolf auf die Suche nach dem „unverfälschten“ Werk begeben. Entstanden ist die „große catho- lische Messe“, wie sie Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel nannte, über einen langen Zeitraum. Bach begann seine Arbeit an diesem Werk, um nach dem Tode Augusts des Starken 1733 seinen neuen Landesherrn, den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, damit zu beeindrucken, auf dass ihn derselbige im Gegenzug mit einem Hoftitel ehre. Ein Stimmensatz von Kyrie und Gloria befindet sich daher in der Musikaliensammlung des kursächsischen Hofes, heute im Bestand der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. 
In seinen letzten Lebensjahren schließlich hat der Komponist das Opus noch einmal überarbeitet und durch Hinzufügung von Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei von einer Kyrie-Gloria-Messe zu einer Missa tota erweitert. Dazu hat er Teile aus anderen Werken übernommen und bearbeitet; einige Abschnitte hat er auch gänzlich neu geschrieben. Als Bach starb, hatte er die h-Moll-Messe fertiggestellt. Die autographe Partitur befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin. 
Das Manuskript besaß einst Carl Philipp Emanuel Bach; er setzte sich aktiv für die Verbreitung des Werkes ein, aber er hat auch sehr viel hineinge- schrieben, wo ihm Stellen unleserlich, unverständlich oder undeutlich erschienen. Musikwissenschaftlern ist es in mühevoller Arbeit gelungen, diese Eingriffe zu identifizieren und weitgehend den ursprünglichen Notentext zu edieren. Dabei war es sehr hilfreich, dass es eine große Anzahl von Abschriften gibt – der Bach-Schüler Johann Philipp Kirn- berger beispielsweise besaß eine, Prinzessin Anna Amalia von Preußen ebenfalls, und Baron Gottfried van Swieten, österreichischer Gesandter am preußischen Hof, erwarb in Berlin eine Kopie, die später in Wien Haydn, Mozart und auch Beethoven aufmerksam studierten. 
Bach selbst hat dieses Werk in seinen meisten Teilen wohl niemals auf- geführt. Erst die Romantiker holten die h-Moll-Messe aus der Schublade. Im 19. Jahrhundert wurzelt die Aufführungstradition dieses Werkes – und danach klingen auch die meisten Einspielungen noch heute; man höre nur die alte Aufnahme mit der Gächinger Kantorei unter ihrem Begründer Helmuth Rilling. Sein Nachfolger Rademann hat nun vieles geändert. So hat er den Chor erheblich verkleinert und auf einen schlanken, transparenten Klang eingeschworen. War man von den Gächingern bisher eher Breitwand-Bach in großer Besetzung gewohnt, so wird man nun erfreut feststellen, dass Leichtigkeit und Eleganz die neue Einspielung prägen. Dazu tragen auch die Musiker des Freiburger Barockorchesters bei, die ihren Part mit Präzision und Spielfreude gestalten. 
Die Aufnahme basiert auf der aktuellen Notenedition aus dem Carus-Verlag; sie beruht nicht allein auf dem Berliner Partiturautographen, sondern bewertet in jenen Teilen, die Bach einst für den Kurfürsten geschaffen hat, den Dresdner Stimmensatz als den von Bach am weitesten ausgearbeiteten Notentext und somit als Hauptquelle. Das bringt einige reizvolle Veränderungen mit sich, beispielsweise im Domine Deus und im Quoniam
Die erste CD ermöglicht es, die h-Moll-Messe als Kyrie-Gloria-Messe in der Fassung von 1733 anzuhören. Auf der zweiten CD erklingt dann nicht nur jener umfangreiche Rest, um den der alte Bach sein Werk später ergänzt hat. Zu hören sind auch jene Alternativfassungen aus der Partitur, die sie sich stark von der frühen Version unterscheiden, sowie eine ursprüngliche Variante von Sanctus und Pleni sunt coeli aus dem Jahre 1724. Damit hat diese Aufnahme in jedem Falle einen hohen musikhistorischen Wert. Auch wenn man darüber, welches nun die „wahre“ h-Moll-Messe ist, auch weiterhin auf so manchem Kolloquium wird diskutieren können. 

Mittwoch, 22. April 2015

Bach: Markus-Passion (Rondeau)

Dass Johann Sebastian Bach eine Markus-Passion geschrieben hat, ist schon seit längerem bekannt. Den Text dazu hat Christian Friedrich Henrici, besser bekannt unter seinem Pseudonym Picander, Bachs wichtig- ster Textdichter, neben anderen in seinen Ernst-, Schertzhafften und Satyrischen Gedichten veröffentlicht. Doch die Musik dazu ist leider verloren. Aus Picanders Druck ist zudem das Datum der Uraufführung zu erfahren – es war Karfreitag, der 23. März 1731. Bekannt ist zudem, dass eine weitere Aufführung 1735 in Delitzsch bei Leipzig stattgefunden hat. 
Im Jahre 2009 wurde in der Russischen Nationalbibliothek in St. Peters- burg ein weiterer, bislang unbekannter Textdruck der Markus-Passion entdeckt. Er enthält das Libretto einer Spätfassung aus dem Jahr 1744. Daran wird erkennbar, dass Bach auch diese Passion offenbar mehrfach überarbeitet hat. Denn diese Version enthält unter anderem den Text zweier neuer Arien, sowie eine Vielzahl von kleineren Änderungen. 
1873 erkannte Wilhelm Rust bei der Arbeit an der Bach-Gesamtausgabe, dass der Komponist für fünf Sätze der Markus-Passion BWV 247 Teile der Trauer-Ode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 umgearbeitet hat. Einige Chorsätze aus der Trauer-Ode hatte er zuvor bereits in die Trauerkantate BWV 244a für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen inte- griert. Das sogenannte Parodieverfahren, bei dem vorhandene Musik mit einem neuen Text versehen und musikalisch angepasst in einem neuen Werk wiederverwendet wird, war zu Bachs Zeiten üblich. Bach wäre vermutlich sehr erstaunt gewesen, zu erfahren, dass in späteren Jahrhun- derten, die das Originalgenie als Maß aller Dinge verehrten, diese Stücke als zweitrangig und minderwertig angesehen wurden. 
Wenn aber Bach selbst seine Werke solcherart recycliert hat – warum dann nicht den Versuch wagen, die verschollenen Klänge wiederzubeleben? Und so haben Musikwissenschaftler in den überlieferten Stücken des Thomas- kantors akribisch nach passenden Teilen gesucht, um sie zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für die Spätfassung der Markus-Passion hat der Cembalist Alexander Grychtolik, ein erfahrener Spezialist für historische Aufführungspraxis, eine Rekonstruktion gewagt. Sie wurde nun durch die Knabenkantorei Basel und das Capriccio Barockorchester unter Markus Teutschbein aufgeführt; als Solisten wirkten mit Gudrun Sidonie Otto, Sopran, Terry Wey, Altus, Daniel Johannsen, Tenor – ein großartiger Evangelist! –, Hanno Müller-Brachmann, Bass – Jesus und Stephan MacLeod, Bass – Arien. Die Ersteinspielung ist bei Rondeau erschienen. 
Sie ist durchaus hörenswert; allerdings hat Bach selbst seine Musik meist recht radikal verändert, wenn er sie für ein neues Werk genutzt hat. Insofern erscheint es diskussionswürdig, ob man eine derartige Rekon- struktion überhaupt wagen kann. Denn bleibt man nahe am erhaltenen Notentext, wird man Bach möglicherweise nicht wirklich gerecht. Je mehr man sich aber von der Überlieferung entfernt, desto spekulativer wird es – und jeder Versuch, aus heutiger Perspektive Bach zu imitieren, muss zwangsläufig scheitern. Gott würfelt nicht.

Dienstag, 26. März 2013

Bach: St. Matthew Passion (Naxos)

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) hat, wie es seinerzeit üblich war, musikalisches Material durchaus auch mehrfach ver- wendet. Dabei hat er nicht nur Instrumentierungen geändert, er hat die Musik vorhandener Werke bei Bedarf zudem in neue Stücke integriert. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist der Chor Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompe- ten!, der zum ersten Male in einer Glückwunschkantate 1733 zum Geburtstag der sächsischen Kurfürstin erklungen ist, aber - mit geändertem Text - eher als Eingangschor zum Weihnachtsoratorium jedermann präsent ist. Das ist nachvollziehbar, denn Pauken und Trompeten, musikalische Insignien höfischer Pracht und Macht, passen auch zur Feier der Geburt Christi. 
Nun hat allerdings Sören Johannsen, Organist und Musikdirektor an der Christianskirche in Kopenhagen, Bachs Matthäus-Passion für Trompete und Orgel arrangiert. Seine Version enthält fast die Hälfte der originalen Musik. Die Sätze, die zwischen Eingangschor und Schlusschor erklingen, folgen der chronologischen Reihenfolge. Die dänische Trompeterin Dorthe Zielke hat diese Bearbeitung gemein- sam mit Johannsen bei Naxos eingespielt.
Unterstützt wurde sie dabei zudem von Ulla Miilmann, Flöte, Pelle Gravers Nielsen, Oboe und Johannes Söe Hansen, Violine. Sie alle musizieren makellos. Insbesondere Zielke begeistert mit ihrem klangschönen, perfekten Trompetenspiel. Wer die Kombination aus Orgel und Trompete schätzt, der dürfte von dieser CD sehr angetan sein. 
Wer aber die Matthäus-Passion kennt, dem wird diese Aufnahme eher Unbehagen bereiten. Denn der Klang der Trompete und die Passions- geschichte, sie gehören nicht zusammen. Die Trompete ist das Instru- ment der Macht und der festlichen, repräsentativen Inszenierung. Die Passion aber berichtet von Schwäche, Leiden und Tod. Die Erbarme dich-Arie oder der Schlusschor Wir setzen uns mit Tränen nieder auf der Trompete geblasen - das ist ein Widerspruch in sich. 

Samstag, 29. Oktober 2011

Haydn ...out of Hainburg (Gramola)

Das Ensemble Dolce Risonanza erwirbt sich zunehmend einen Namen durch Entdeckungen am Rande des üblichen Wiener Reper- toires. Das gilt auch für diese CD, eingespielt im September 2010 in der Stadtpfarrkirche Hainburg, unweit von Wien. 
Warum Hainburg an der Donau? Weil Joseph und wohl auch Mi- chael Haydn dort einen Teil ihrer Kindheit verbracht und ihre mu- sikalische Ausbildung begonnen haben. In Hainburg lebte Thomas Haydn, der Großvater der bekannten Musiker. Er gehörte zu den we- nigen Bürgern, die bei der Einnahme der kleinen Stadt 1683 durch die Türken nicht erschlagen oder verschleppt worden sind. Sein Sohn Mathias erlernte ebenfalls das Wagnerhandwerk, ging anschließend auf Gesellenreise, und ließ sich nach seiner Rückkehr in dem einige Kilometer entfernten Dorf Rohrau nieder. 
Enkel Joseph kam 1738 nach Hainburg, wo er beim Schulmeister wohnte und ersten Unterricht erhielt. "Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe, daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam", berichtete der Komponist später seinem Biographen über diese Jahre. Denn 1740 reiste Hofkapellmeister Georg von Reutter durch die Lande, auf der Suche nach talentiertem Chornachwuchs für den Stephansdom. So kam der achtjährige Haydn als Sängerknabe nach Wien; einige Jahre später folgte ihm sein Bruder Michael nach. Die Ausbildung, die beide dort erhielten, ermöglichte ihnen ein vergleichsweise sorgen- freies Leben; hungern jedenfalls mussten die Musiker nie wieder. 
Diese CD ist aber nicht nur den Haydn-Brüdern gewidmet; die Musiker um Florian Wieninger erinnern auch an einige ihrer Zeitgenossen - und das Programm, das wohl in erster Linie Wieninger zusammenge- stellt hat, erweist sich bald als sehr attraktiv. Es dominiert selbstver- ständlich die Orgel, ein ausgesprochen klangschönes Instrument aus der Werkstatt der Firma Pirchner, Steinach am Brenner, aus dem Jahre 1982. Sie beginnt mit einem Präludium nebst Fuge von Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809). Darauf folgt ein Salve Regina a quattro voci ma Soli, 2 Violini, Viola, Basso ed organo concertato von Joseph Haydn, ein melodienseliges Paradestück, hörenswert gesungen von Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander. 
Die Sonata sexta K 366 von Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) demonstriert exemplarisch, wie seinerzeit eine Triosonate in ein Orgelwerk verwandelt wurde - ein gängiges Verfahren, das Fux freilich besonders virtuos beherrschte. Nicht umsonst war er der Kompositionslehrer einer ganzen Musikergeneration. Sein Lehrwerk Gradus ad Parnassum schätzte auch Haydn sehr, und verwendete es seinerseits im Unterricht. 
Von Michael Haydn stammen Präludium, Versetten und Cadenza zum Magnificat V. toni, MH 176. Dieses Werk, das uns heute etwas sonderbar erscheint, beruht auf der klösterlichen Tradition, den gregorianischen Gesang der Mönche versweise mit einem kurzen Orgelstück abwechseln zu lassen, das erklingt, während der Priester den entsprechenden Text laut betet. Ah! Jesu recipe, MH 131, eine ziemlich umfangreiche Arie für Sopran, zwei Violinen, Bass und konzertierende Orgel zeigt gleich im Anschluss, dass der Komponist nicht nur meditative Musik, sondern auch virtuose Bravourstückchen zu schreiben verstand. 
Bekannt sind die Stücke für die Flötenuhr von Joseph Haydn; Organist Anton Holzapfel lässt es sich nicht nehmen, drei dieser hübschen Miniaturen vorzutragen. Die große Überraschung aber ist das Finale dieser CD - ein Concerto per l'organo con 2 violini e basso von Hof- kapellmeister Reutter. Instrumentalmusik muss in der katholischen Kirchenmusik einst breite Einsatzmöglichkeiten und große Bedeutung gehabt haben; sie verschwand jedoch aus dem Gottesdienst mit der Aufklärung, die Nüchternheit und Funktionalität forderte. Die belieb- testen Werke aber gingen nicht verloren; damals wurde aus so man- chem Orgel- ein Clavier-Konzert. Erkennbar ist ein solcher Wechsel aus dem sakralen in den profanen Raum oftmals daran, dass diese Stücke nicht den vollen Tonumfang ausnutzen, wie ihn Cembalo oder Hammerklavier anbieten. So wurde auch jenes bedeutende Werk Reutters als Orgelkonzert identifiziert, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgefunden wurde. 
Wieninger und den Musikern von Dolce Risonanza ist dafür zu dan- ken, dass sie mit dieser CD eine kirchenmusikalische Tradition vor- stellen, die außerordentlich reich gewesen sein muss, aber leider im Gottesdienst keinen Platz mehr hat. Die schönen Stücke sollten daher nun rege im Kirchenkonzert erklingen; sie sind eindeutig zu hochwer- tig dafür, ungespielt im Archiv einzustauben.