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Dienstag, 12. September 2017

Pandolfi Mealli: Sonate, Roma 1669 (Tactus)

Es gibt kaum jemanden, der über das Leben von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli ähnlich viel weiß wie Fabrizio Longo. Als Andrew Manze in den 90er Jahren die Violinsonaten des Komponisten erstmals einspielte, meinte er, es gebe Gründe für den Argwohn, „ein gewitzter Musikwissenschaftler habe Pandolfi an einem regnerischen Mittwoch erfunden“ – denn außer den alten Drucken hat Pandolfi Mealli kaum eine Spur hinterlassen, so schien es. 
Mittlerweile hat Fabrizio Longo aber etliche Quellen aufgespürt, und den Lebensweg des Musikers nachvollzogen. Er soll 1624 in Montepulciano in der Toskana als Domenico Pandolfi zur Welt gekommen sein. Seine Ausbildung erhielt er wohl bei seinem Stiefbruder aus der ersten Ehe seiner Mutter, dem Kastraten Giovan Battista Mealli, in Venedig. Dann finden wir den Musiker 1660 in Diensten des Habsburger Hofes in Innsbruck. 1675 war er auf Sizilien tätig, wo er in der Kirche einen Kapellkollegen, den Kastraten Giovannino Marquett, ermordete und dann über Frankreich nach Spanien entfloh. In Madrid wirkte er ab April 1678, wobei er zwischenzeitlich mehrfach auch nach Rom gereist sein soll. Seine Spur verliert sich 1687; es wird daher vermutet, dass er in diesem Jahr verstorben sein könnte. 
Nur wenige seiner Werke sind überliefert und wurden mittlerweile eingespielt. Es sind kühne Kompositionen, technisch wie musikalische aberwitzig anspruchsvoll. Die Noten von op. 3 und 4 sind bei Walhall inzwischen verfügbar. Fabrizio Longo hat nun ein weiteres Opus des Komponisten ediert, die Sonate cioé Balletti, Sarabande, Correnti, Passacagli, Capriccetti, & vna Trombetta, a vno, e dui Violini, im Druck erstmals erschienen 1669 in Rom. Dabei handelt es sich in erster Linie um Tanzsätze, und sie sind eher schlicht gestaltet, verglichen mit den kapriziösen Werken Pandolfi Meallis aus früheren Jahren. 
Leider ist Longo der Versuchung erlegen, diese Musik auch gleich selbst einzuspielen. Das hätte er besser sein lassen sollen. Die CD, die bei Tactus erschienen ist, lässt staunen: Eine so miese Qualität habe ich wirklich lange nicht mehr gehört. Das hätte wohl jedes Laienensemble besser hinbekommen. Die Aufnahme ist sowohl musikalisch als auch akustisch unterirdisch. Zum Gruseln. Schade! 

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Merulo: Toccate d'intavolatura d'organo (Tactus)

Claudio Merulo (1533 bis 1604) war ein bedeutender Organist der Spätrenaissance. Er wirkte zunächst 1556 am Dom von Brescia, doch nicht einmal ein Jahr später bewarb er sich erfolgreich um die Anstellung als zweiter Organist am Markusdom in Venedig. Als der erste Organist, Annibale Padovano, 1565 an den Hof des Erzherzogs nach Graz ging, wurde er sein Amtsnachfolger. 
Im Jahre 1584 trat Merulo in die Dienste des Herzogs von Parma. Er wurde Hoforganist, dazu Organist im Dom zu Parma, und 1591 erhielt er zusätzlich noch die Stelle des Organisten an der Basilika Santa Maria della Steccata in Parma. Der Musiker starb im Jahre 1604 und wurde mit einem Staatsbegräbnis feierlich im Dom neben Cipriano de Rore beigesetzt. 
Die Werke von Claudio Merulo zeigen deutlich, wie stark sich seine Orgelmusik bereits von der Vokalmusik seiner Zeit unterscheidet. Seine Toccaten gelten als früheste Beispiele für den Stylus phantasticus, der nicht zuletzt die Orgelmusik Norddeutschlands beeinflusst und beflügelt hat. Wer Merulos Orgelwerke kennenlernen möchte, der kann sie bequem zu Hause in einer exzellenten Aufnahme anhören: Bei Tactus hat Francesco Tasini, Professor für Orgelspiel und Orgelkomposition am Konservatorium Ferrara, auf drei CD Merulos Toccate d'intavolatvra d'organo vollständig eingespielt. 
Er hat dafür zwei bedeutende Orgeln aus jener Zeit ausgewählt – ein Instrument, das Baldassare Malamini (um 1540 bis 1614) 1596 auf der Evangelienseite der Basilika San Petronio in Bologna errichtet hat, und eine Orgel von Graziadio Antegnati (1525 bis nach 1590), die dieser 1565 für die Epistelseite der Basilika Santa Barbara in Mantua gebaut hat, die Hofkirche der Familie Gonzaga. Diese Instrumente sind beide nach umfangreicher Restauration in einem hörbar exzellenten Zustand. Und im Beiheft listet Tasini sorgsam auf, welche Register er für welches Orgelstück ausgewählt hat. So kann man beides genießen – den schönen Klang der historischen Instrumente, und die Orgeltoccaten von Claudio Merulo, die Tasini sorgsam nach zeitgenössischen Anweisungen interpretiert hat. So demonstriert er insbesondere die hohe Kunst der Verzierung, die Merulo meisterhaft beherrschte, und den Farbenreichtum dieser zauberhaften Musik. 

Montag, 27. Januar 2014

Luca Marenzio e il suo tempo (Tactus)

Luca Marenzio (um 1553 bis 1599) wird seitens der Musikgeschichts- schreibung, gemeinsam mit Gesualdo und Monteverdi, als Vollender des Madrigals geführt. Seine Werke waren in ganz Europa verbreitet. Sie wurden bewundert und nachgeahmt. Ob John Dowland, Hans Leo Hassler oder Johann Hermann Schein – sehr viele Musiker haben von diesem Vorbild gelernt. 
Wie Marenzio in seiner Melodie- linie und im Rhythmus den Text aufgreift und ihn zugleich auslegt, mit welcher Eleganz er gestaltet und wie lässig und gekonnt er dabei die musikalischen Mittel einsetzt, das beeindruckt noch heute. Eine Aufnahme des Labels Tactus sei an dieser Stelle empfohlen, das Anhören lohnt sich: Sopranistin Angela Alesci sowie die Lautenisten Domenico Cerasani und Massimo Lonardi haben auf dieser CD einige Madrigale, Villanellen und auch eine Canzonetta von Marenzio eingespielt, umgeben von Lauten- musik seiner Zeitgenossen. Das sorgt auch klanglich für Abwechslung. In dem sehr informativen Beiheft – aber leider nur in englischer und italienischer Sprache – finden sich ausführliche Notizen zu den einzelnen Stücken. 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Wagner: Organ Transcriptions by Edwin Henry Lemare (Tactus)

Die Musik von Richard Wagner hat viele Organisten zu Transkriptionen angeregt. So haben Théodore Dubois, Franz Liszt und Sigfrid Karg-Elert Wagner-Klänge für die Orgel bearbeitet. 
Auf dieser CD präsentiert Giulio Mercati, Leiter des Festival Orga- nistico Lauretano, an der Orgel der berühmten Kirche zu Loreto die Version, die Edwin Henry Lemare (1865 bis 1934) geschaffen hat. Lemare war ein berühmter briti- scher Organist, der allerdings auch sehr unstet war und seine Anstellungen immer wieder aufgab, um auf Konzertreisen zu gehen. Er komponierte für die Orgel eine Vielzahl von Stücken, und bearbeitete zudem bekannte Werke anderer Meister für sein Instrument. 
Wenn man hört, wie er Wagner auf der Orgel erklingen lässt, dann stellt man zum einen erfreut fest, dass diese Arrangements die komplexen musikalischen Strukturen kongenial erfassen und wiedergeben. Zum anderen aber muss man bemerken, dass Wagners Opern sich hervorragend dazu eignen, auf der Orgel wiedergegeben zu werden. Und das ist wirklich eine Überraschung. 

Dienstag, 20. Dezember 2011

Meneghetti: Sonate e Concerti per violino (Tactus)

"Scrisse musica, ma le di lui opere andarono smarrite, per lo che non si può attribuirgli quella lode che forse si è meritata", notierte Andrea Alverà 1827 in seinem Giornale biografico di Vicenza über Gaetano Meneghetti. "Nella esecuzione era fra i migliori d'Ita- lia. Emulo del Tartini, suonava per eccellenza il violino. Fu classico direttore d'orchestra ed abilissimo organista. Lustro e decoro dell'ar- te sua, visse onorato, e compì in età avanzata la sua mortale car- riera." In den Chroniken der Stadt Vicenza finden sich auch Angaben über weitere Mitglieder der Familie Meneghetti, die angesehene Musiker waren - darunter Antonio, der Vater Gaetanos, sowie sein Sohn Giovanni (1730 bis 1794).
Einige Werke aus dem Schaffen Gaetano und Giovanni Meneghettis sind als Manuskripte erhalten. Enrico Zavonello, der Gründer und Leiter des Archicembalo Ensembles, hat diese Quellen erschlossen und mit "seinen" Musikern sechs Sonaten von Gaetano sowie eine Sonate und ein Concerto von Giovanni Meneghetti eingespielt. Für die Solopartie konnte er Giovanni Guglielmo gewinnen, der bereits das komplette Werk für Violine von Giovanni Tartini eingespielt hat, und sich auch diesen wiederentdeckten Werken mit Engagement widmet. Das lohnt sich auch, denn es handelt sich durchaus um kleine Kostbarkeiten, musikalische Juwelen mit einer Vielzahl attraktiver Facetten, die ganz individuell funkeln und strahlen. Die Herren Meneghetti müssen exzellente Geiger gewesen sein - und leiden- schaftliche obendrein. Es wäre durchaus erfreulich, wenn aus den Archiven noch weitere Stücke dieser Musiker den Weg zurück auf die Bühne finden würden.

Freitag, 11. November 2011

Rota: Opere per flauto e pianoforte (Tactus)

Nino Rota (1911 bis 1979) wurde in erster Linie durch seine Filmmusik berühmt. Er schuf jedoch auch Opern, Bühnen- und Ballettmusi- ken, Konzerte für die verschieden- sten Instrumente und jede Menge Kammermusik. 
Seine Flötenmusik haben Roberto Fabbriciani und Luisella Botteon, Flöte sowie Massimiliano Dame- rini, Klavier, für das Label Tactus eingespielt. Und man muss sagen: Phantastisch! Das sind Werke, die man nicht nur gern anhört, sondern man wünscht sich augenblicklich die Noten, um diese lebendige, ausdrucksstarke Musik nachspielen zu können. Meine unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 10. April 2011

Durante: Vespro breve, Miserere (Tactus)

Über Kindheit und Jugend Fran- cesco Durantes (1684 bis 1755) wissen wir so gut wie nichts. Vermutet wird, dass ihn nach dem Tode seines Vaters 1699 sein Onkel Angelo Durante mit nach Neapel nahm. Er war primo maestro und Rektor des Conservatorio di Sant'Onofrio; sein Neffe Francesco jedenfalls erhielt dort bis 1705 Unterricht im Violinspiel, in Kon- trapunkt und Komposition. In diesem Jahr präsentierte er in Neapel sein erstes und einziges Werk für die Bühne; den Rest seines Lebens scheint er ausschließlich für Kirche und Kammer komponiert zu haben. Das war keinesfalls selbstverständlich, war doch die Oper damals das Maß aller Dinge, und die Italiener waren geradezu verrückt nach Opern. 
1728 wurde Durante Nachfolger des Cembalisten Gaetano Greco als primo maestro am Conservatorio dei Poveri di Gesú Cristo. 1742 folgte er Nicola Porpora in gleicher Funktion am Conservatorio di Santa Maria di Loreto. Er muss diese Schule hervorragend geführt haben, denn daraus sind zahlreiche Musiker hervorgegangen, deren Namen bis heute bekannt sind. 1745 wurde er zusätzlich primo maestro am Conservatorio di Sant'Onofrio; im Wettbewerb um den Posten des Hofkapellmeisters unterlag er im gleichen Jahr Giuseppe de Majo. 
Diese CD stellt eine Vespro breve a quattro con violini e basso conti- nuo vor, sowie ein fünfstimmiges Miserere, das Durante 1754 für die Kirche San Nicolò in Bari geschrieben hat. Es sind ausgesprochen expressive Werke, die der Komponist mit großer Sorgfalt und nach der damals neuesten Mode gestaltet hat. Das ist nicht gerade einfach zu singen - und das Ensemble vocale Il Dodicino ist dieser Herausfor- derung leider nicht durchweg gewachsen. Da sind viele unschöne Töne zu hören; knapp daneben ist aber doch vorbei. Es begleitet das Ensemble strumentale Sagittario unter Giovanni Acciai, die Orgel spielt Davide Pozzi. 

Sonntag, 30. Mai 2010

Vivaldi: Concerti per fagotto, archi e continuo (Tactus)

Vivaldi schrieb mehr Konzerte für Fagott als beispielsweise für Flöte oder Oboe. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn das Instrument erklang seinerzeit fast ausschließ- lich als Teil des Basso continuo; verwendete es ein Komponist bei einer Arie als obligates Instru- ment, dann war das schon fast ein Ereignis. 
Musikwissenschaftler mögen rät- seln, wieso fast 40 Fagottkonzerte Vivaldis überliefert sind - wir dürfen uns über sieben davon freuen, denn Roberto Giaccaglia, Solofagottist am Teatro La fenice in Venedig, hat sie gemeinsam mit dem Ensemble Respighi für Tactus eingespielt. Und wie es aussieht, ist die Weiterführung dieser Aufnah- men geplant. 
Das erscheint durchaus lohnenswert, denn Vivaldis Konzerte für Fagott, Streicher und Basso continuo sind hübsche kleine musika- lische Kabinettstücke. Auch wenn Vivaldi selber Geiger war, wusste er offensichtlich doch genau um die Grenzen und Möglichkeiten des Instrumentes, das damals noch etwas anders aussah als heute - und auch anders klang. Die Musik, die er dafür schuf, ist teilweise hochvirtuos. Die langsamen Sätze sind sanglich, und oft elegisch bis melancholisch eingefärbt. 
Auch Giaccaglia und das Ensemble Respighi spielen sehr hörenswert, so dass man sich auf die Fortsetzung dieser Reihe freuen darf.

Sonntag, 7. März 2010

Marco Enrico Bossi: Complete piano trios (Tactus)

Dass im Italien des 19. Jahr- hunderts nicht nur Opern komponiert wurden, beweist die vorliegende CD.
Marco Enrico Bossi (1861 - 1925) war in erster Linie ein berühmter Organist, der auf seinen Konzert- reisen in ganz Europa, aber auch in den USA musizierte und den Kontakt zu vielen seiner Kollegen pflegte, so zu César Franck, Marcel Dupré oder Karl Straube. Er unterrichtetet zudem an den Konservatorien von Neapel, Venedig, Bologna und Rom. 
Bossi starb auf hoher See, auf der Rückfahrt von Konzerten in New York und Philadelphia. Er schrieb natürlich in erster Linie Stücke für Orgel. Doch auch für andere Besetzungen komponierte er. So macht uns diese CD bekannt mit seinen Klaviertrios. Es sind kraftvolle Werke in bester spätromantischer Tradition. Sie werden präsentiert vom Schubertrio - Giulio Giurato, Pianoforte, Roberto Noferini, Violine und Andrea Noferini, Violoncello.