Der Residenzstadt Dresden war Heinrich Schütz (1585 bis 1672) eng verbunden. Und es waren auch Dresdner, die das Schaffen des langjährigen kursächsischen Hofkapellmeisters aus Archiven wieder zurück in das Bewusstsein der musikliebenden Öffentlichkeit gerückt haben. Heinrich Schütz, ein Schüler von Giovanni Gabrieli, gilt als „Vater der modernen deutschen Musik“. Ebenso wie Scheidt und Schein – deshalb bekannt als „die drei großen Sch“ der miktteldeutschen Musikgeschichte – integrierte er Innovationen aus Italien in die deutsche Musiktradition. Seine Kompositionen begeistern noch heute, denn Schütz ist Meister darin, Texte mit dem Medium Musik auszudeuten.
Die Neue Schütz-Ausgabe begann in den 50er Jahren, die Werke des Komponisten aus quellenkritischer Perspektive wieder zugänglich zu machen. In den 60er Jahren entstand zudem eine ebenso exzellente wie umfangreiche Einspielung dieser eindringlichen und zumeist geistlichen Werke, getragen vom Dresdner Kreuzchor unter Leitung des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger und seines Nachfolgers Martin Fläming. Das wird kaum ein Zufall gewesen sein; die Kruzianer dürfte inmitten des real existierenden Sozialismus besonders der Bekenntnischarakter von Schütz‘ Musik inspiriert haben. Beteiligt an diesem Projekt war auch die Capella Fidicinia Leipzig, die auf historischen Instrumenten musizierte.
Für damalige Verhältnisse war das außergewöhnlich. Veröffentlich wurde die Einspielung einst bei dem DDR-Label Eterna – man staunt noch heute darüber, wie unter dem Etikett der Pflege des kulturellen Erbes im Arbeiter- und Bauernstaat eine solche Edition möglich war.
Dann war es der Musikhistoriker Wolfgang Steude, der sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, die Musik des Dresdner Hofes aus dem Vergessen wieder auf die Bühnen zu holen. Noch heute engagieren sich erfreulich viele Ensembles in der Elbestadt dafür. Steude baute das Dresdner Heinrich-Schütz-Archiv auf, und er war Mitherausgeber des Schütz-Jahrbuches.
In jüngster Vergangenheit hat sich nun Hans-Christoph Rademann Schütz‘ Kompositionen zugewandt. Mit Blick auf die Veröffentlichung der Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die beim Carus-Verlag erscheint und aufführungspraktisch orientiert ist, hat der renommierte Chordirigent mit dem Dresdner Kammerchor sowie einem handverlesenen Kreis von Gesangs- und Instrumentalsolisten seine Schütz-Gesamteinspielung gestartet. Im Juni 2019 wurde diese mit der 20. und letzten Folge abgeschlossen.
Mit diesem Projekt verwirklicht Rademann offensichtlich ein Herzensanliegen: „Als ich im Jahre 1975 als Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor Heinrich Schütz erstmals intensiv kennengelernt habe, hatte sich mir noch längst nicht erschlossen, welch ungeheurer Schatz diese Musik ist“, schreibt er im finalen Begleitheft. „Nun, nach Abschluss der Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor, unseren wunderbaren Solistinnen und Solisten sowie den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, bleiben ein ehrfürchtiges Staunen und eine große Dankbarkeit. Alle Mitwirkenden sind ungemein erfüllt und bereichert durch diese Meisterwerke.“
Schütz‘ Musik ist einzigartig. Niemand sonst hat Klang und Wort so eng miteinander verbunden: „Musik und Sprache erzeugen bei Schütz eine Welt der Bilder, die nicht nur unser Verstand aufnehmen kann“, formuliert Rademann. „So entsteht die Empfindung einer Klarheit, die man auch als eine Form der Wahrheit oder der Erkenntnis bezeichnen kann.“
Nach den Madrigalen und Hochzeitsmusiken, die in Folge 19 zu hören waren, versammelt die abschließende 20. Folge unter dem Titel „Psalmen und Friedensmusiken“ einerseits zum Teil großangelegte Gelegenheitskompositionen sowie Auftragswerke außerhalb des Dresdner Hofs. Andererseits erklingt sehr Persönliches wie beispielsweise der umfangreiche Klagegesang, mit dem Schütz den Tod seiner Frau Anna Magdalena betrauert. Wenn Georg Poplutz dieses Lied singt, meint man, den Komponisten selbst zu hören.
Besonders erwähnt sei an dieser Stelle zudem die Einspielung des 119. Psalms, in Schütz‘ Todesjahr 1672 veröffentlicht, und das letzte Werk des Komponisten. Dieser sogenannte Schwanengesang, ist Schütz‘ musikalisches Testament. Auch bei diesem Werk ist Rademann eine Interpretation gelungen, die das enge Verhältnis zwischen Wort und Musik deutlich werden lässt. „Die Werke von Heinrich Schütz können uns das geben, was wir gerade in der heutigen Zeit so dringend benötigen: Konzentration, Fokussierung und Ruhe in uns selbst. Sie kann uns die Bibel neu nahebringen und verlebendigt das Wort“, so das Fazit von Hans-Christoph Rademann. „Ich wünsche Ihnen, den Hörerinnen und Hörern unserer Gesamtaufnahme, dass Sie dies für sich entdecken können.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Chapeau!
Und gleich noch einmal Musik aus der Zeit der Renaissance. Sie sollte ebenfalls beeindrucken – wenn auch in einem gänzlich anderen Umfeld: Vom 27. Juni bis zum 16. Juli 1519 trafen im Leipzig die führenden Vertreter der Reformation – Martin Luther, Andreas Karlstadt und Philipp Melanchton – auf Johannes Eck, einen ganz entschieden papsttreuen Theologen. Ihr mit aller Vehemenz geführtes Streitgespräch, bei dem wesentliche Unterschiede zwischen katholischer und reformatorischer Lehre offenbar wurden, ist als „Leipziger Disputation“ in die Geschichte eingegangen.
Das von der Universität Leipzig organisierte Ereignis fand in Anwesenheit Herzogs Georg von Sachsen – ein entschiedener Gegner Luthers – in der Hofstube der Leipziger Pleißenburg statt. Nach der Begrüßung gingen alle Beteiligten zunächst gemeinsam zur Messe in die Thomaskirche, wo natürlich auch der Thomanerchor unter der Leitung des damaligen Thomaskantors Georg Rhau zu hören war.
Welche Musik damals erklungen ist, mit dieser Frage haben sich nun zwei renommierte A-Cappella-Formationen aus Leipzig beschäftigt: Sowohl Amarcord als auch das Calmus Ensemble haben ihre Ursprünge im Thomanerchor. Miteinander gesungen hatten sie zuvor noch nie. Doch dieses Aufnahmeprojekt haben sie nun gemeinsam verwirklicht – und sie mussten sich zusätzlich Verstärkung dazuholen.
Denn im Mittelpunkt des Programmes steht die Messe Et ecce terrae motus von Antoine Brumel (um 1460 bis nach 1513). Sie beruht auf den ersten sieben Tönen der gleichnamigen Oster-Antiphon, und gibt auch musikalisch einen Eindruck von diesem Erdbeben. Dieses Werk ist unglaublich kunstvoll, ebenso unglaublich in seiner Wirkung – und es ist zwölfstimmig, hohe Stimmen inklusive, so dass die beiden jeweils fünfköpfigen Ensembles noch die Sopranistinnen Anja Kellnhofer und Isabel Schicketanz mit vor die Mikrophone gebeten haben.
Komplettiert wird die Messe auf der Carus-CD durch das ebenfalls zwölfstimmige Agnus Dei aus der Missa Tempore Paschali von Nicolas Gombert, sowie Werken von Johann Walter Thomas Stoltzer, Cipriano de Rore, Josquin des Préz und gregorianischen Gesängen. Mehr als eine Stunde lang lauscht man gebannt dem Gesang, und die beiden Leipziger Vokalensembles geben dazu auch allen Anlass. Ob meditativ-schlichte Gregorianik oder die enorm komplexen Kompositionen von Brumel und Gombert – die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch ihren stets homogenen, traumhaft ausgewogenen Gesang, individuelles Gestaltungsvermögen und sagenhafte Präzision. Ein musikalisches Ereignis!
Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit.
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat.
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade!
Die Symphoniae sacrae III hat Heinrich Schütz (1585 bis 1672) im Jahre 1650 veröffentlicht; kurz darauf wies er seinen Dienstherrn, den sächsischen Kurfürsten Johann Georg II., in einem Memorial darauf hin, dass ihm die Kräfte schwinden, und bat, dieser möge ihn in „einen etwas geruhigeren Zustandt“ ver- setzen. Schütz war damals 65 Jahre alt, und ging daran, die Bilanz seines Lebens zu ziehen.
In den Symphoniae sacrae. Tertia pars. bot er noch einmal auf, was Italien an Klangpracht aufzubieten hatte, ergänzt durch seine eigene unnachahmliche Kunst der Textaus- legung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem auch die Hofkapelle einen bedrückenden Niedergang erlebt hatte, so dass Schütz sich mit kleinsten Besetzungen begnügen musste, konnte er nun wieder für eine umfangreiche Schar Favoritsänger nebst konzertierenden Instrumenten, Kapellchor und Basso continuo komponieren. Mit musikalischen Mitteln stellt Schütz auch die bewährte Ordnung wieder her – das Werk beginnt mit Der Herr ist mein Hirte, und endet mit Nun danket alle Gott.
Diesem herausragenden Werk hat sich Hans-Christoph Rademann mit seinem Dresdner Kammerchor und dem Dresdner Barockorchester nun im Rahmen der Schütz-Gesamteinspielung bei Carus zugewandt. Als Favoritsänger wirken mit Dorothee Mields, Ulrike Hofbauer und Isabel Jantschek, Sopran, Maria Stosiek, Mezzosopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus, Georg Poplutz und Tobias Mäthger, Tenor, sowie Martin Schicketanz, Bariton, und Felix Schwandtke, Bassbariton. Die Inter- pretation ist ausgesprochen farbenreich und nah am Text, das Ensemble musiziert gekonnt und ausgewogen.