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Sonntag, 6. September 2020

Schütz: Schwanengesang (Carus)

Der Residenzstadt Dresden war Heinrich Schütz (1585 bis 1672) eng verbunden. Und es waren auch Dresdner, die das Schaffen des langjährigen kursächsischen Hofkapellmeisters aus Archiven wieder zurück in das Bewusstsein der musikliebenden Öffentlichkeit gerückt haben. Heinrich Schütz, ein Schüler von Giovanni Gabrieli, gilt als „Vater der modernen deutschen Musik“. Ebenso wie Scheidt und Schein – deshalb bekannt als „die drei großen Sch“ der miktteldeutschen Musikgeschichte – integrierte er Innovationen aus Italien in die deutsche Musiktradition. Seine Kompositionen begeistern noch heute, denn Schütz ist Meister darin, Texte mit dem Medium Musik auszudeuten. 
Die Neue Schütz-Ausgabe begann in den 50er Jahren, die Werke des Komponisten aus quellenkritischer Perspektive wieder zugänglich zu machen. In den 60er Jahren entstand zudem eine ebenso exzellente wie umfangreiche Einspielung dieser eindringlichen und zumeist geistlichen Werke, getragen vom Dresdner Kreuzchor unter Leitung des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger und seines Nachfolgers Martin Fläming. Das wird kaum ein Zufall gewesen sein; die Kruzianer dürfte inmitten des real existierenden Sozialismus besonders der Bekenntnischarakter von Schütz‘ Musik inspiriert haben. Beteiligt an diesem Projekt war auch die Capella Fidicinia Leipzig, die auf historischen Instrumenten musizierte. 
Für damalige Verhältnisse war das außergewöhnlich. Veröffentlich wurde die Einspielung einst bei dem DDR-Label Eterna – man staunt noch heute darüber, wie unter dem Etikett der Pflege des kulturellen Erbes im Arbeiter- und Bauernstaat eine solche Edition möglich war. 
Dann war es der Musikhistoriker Wolfgang Steude, der sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, die Musik des Dresdner Hofes aus dem Vergessen wieder auf die Bühnen zu holen. Noch heute engagieren sich erfreulich viele Ensembles in der Elbestadt dafür. Steude baute das Dresdner Heinrich-Schütz-Archiv auf, und er war Mitherausgeber des Schütz-Jahrbuches. 
In jüngster Vergangenheit hat sich nun Hans-Christoph Rademann Schütz‘ Kompositionen zugewandt. Mit Blick auf die Veröffentlichung der Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die beim Carus-Verlag erscheint und aufführungspraktisch orientiert ist, hat der renommierte Chordirigent mit dem Dresdner Kammerchor sowie einem handverlesenen Kreis von Gesangs- und Instrumentalsolisten seine Schütz-Gesamteinspielung gestartet. Im Juni 2019 wurde diese mit der 20. und letzten Folge abgeschlossen. 
Mit diesem Projekt verwirklicht Rademann offensichtlich ein Herzensanliegen: „Als ich im Jahre 1975 als Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor Heinrich Schütz erstmals intensiv kennengelernt habe, hatte sich mir noch längst nicht erschlossen, welch ungeheurer Schatz diese Musik ist“, schreibt er im finalen Begleitheft. „Nun, nach Abschluss der Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor, unseren wunderbaren Solistinnen und Solisten sowie den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, bleiben ein ehrfürchtiges Staunen und eine große Dankbarkeit. Alle Mitwirkenden sind ungemein erfüllt und bereichert durch diese Meisterwerke.“ 
Schütz‘ Musik ist einzigartig. Niemand sonst hat Klang und Wort so eng miteinander verbunden: „Musik und Sprache erzeugen bei Schütz eine Welt der Bilder, die nicht nur unser Verstand aufnehmen kann“, formuliert Rademann. „So entsteht die Empfindung einer Klarheit, die man auch als eine Form der Wahrheit oder der Erkenntnis bezeichnen kann.“ 
Nach den Madrigalen und Hochzeitsmusiken, die in Folge 19 zu hören waren, versammelt die abschließende 20. Folge unter dem Titel „Psalmen und Friedensmusiken“ einerseits zum Teil großangelegte Gelegenheitskompositionen sowie Auftragswerke außerhalb des Dresdner Hofs. Andererseits erklingt sehr Persönliches wie beispielsweise der umfangreiche Klagegesang, mit dem Schütz den Tod seiner Frau Anna Magdalena betrauert. Wenn Georg Poplutz dieses Lied singt, meint man, den Komponisten selbst zu hören. 
Besonders erwähnt sei an dieser Stelle zudem die Einspielung des 119. Psalms, in Schütz‘ Todesjahr 1672 veröffentlicht, und das letzte Werk des Komponisten. Dieser sogenannte Schwanengesang, ist Schütz‘ musikalisches Testament. Auch bei diesem Werk ist Rademann eine Interpretation gelungen, die das enge Verhältnis zwischen Wort und Musik deutlich werden lässt. „Die Werke von Heinrich Schütz können uns das geben, was wir gerade in der heutigen Zeit so dringend benötigen: Konzentration, Fokussierung und Ruhe in uns selbst. Sie kann uns die Bibel neu nahebringen und verlebendigt das Wort“, so das Fazit von Hans-Christoph Rademann. „Ich wünsche Ihnen, den Hörerinnen und Hörern unserer Gesamtaufnahme, dass Sie dies für sich entdecken können.“  Dem ist nichts hinzuzufügen. Chapeau! 

Dienstag, 31. Dezember 2019

Monteverdi: Madrigali Libri i - IX (Brilliant Classics)

Auf zwölf CD bietet diese Box die Möglichkeit, sämtliche Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) anzuhören, sehr schön gesungen vom Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld. 
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Für die Musikgeschichte gilt dies als ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. Ein Beiheft ergänzt die Edition durch eine Fülle von Informationen zu jedem Madrigalbuch und zu den beteiligten Musikern. 
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten beeindrucken durch einen stets ausgewogenen, harmonisch abgestimmten Ensembleklang. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings auf musikalischen Ausdruck besonderen Wert legt, der wird mit dieser Box nicht vollends zufriedengestellt. Dramatik kommt hier leider zu kurz. Schade. 

Dienstag, 14. Mai 2019

Amor, Fortuna et Morte (Pan Classics)

Auf dieser CD spürt das Ensemble Profeti della Quinta unterschiedli- chen Entwicklungen des italienischen Madrigals nach. Dazu haben sie ein Programm zusammengestellt, das neben Werken von Cipriano de Rore (1515/16 bis 1565) Kompositionen von Luzzasco Luzzaschi (1545 bis 1604), Carlo Gesualdo (1566 bis 1613), Scipione Lacorcia (um 1590 bis 1620), Giovanni Girolamo Kapsber- ger (um 1580 bis 1651) und Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) enthält. 
Ori Harmelin, Renaissancelaute und Erzlaute, sorgt mit zwei Instrumentalstücken für eine Atempause im ansonsten recht turbulenten musikalischen Geschehen. Denn die Madrigale jener Zeit erweisen sich als anspruchsvolle Kompositionen, die die Spielräume des theoretisch Zulässigen mitunter ziemlich verwegen ausloten. 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Monteverdi: Madrigali (Brilliant Classics)

Monteverdi XL ist nun vollständig: Mit einer Neueinspielung der Libri V und VI schließt das Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld seine Gesamtauf- nahme der Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) ab. 
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. 
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten singen wirklich hinreißend. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings nicht nur schöne Töne, sondern vor allem auch Ausdrucksstärke wünscht, der wird eine andere Aufnahme auswählen müssen. 

Dienstag, 9. Mai 2017

...und weil die Music lieblich ist (Deutsche Harmonia Mundi)

Zwei Veröffentlichungen, ein Bändchen mit Tänzen und eines mit Vokalmusik, und ein Eintrag im Kirchenbuch – das sind die Spuren, die von Balthasar Fritsch überliefert sind. Man kennt weder das Geburts- datum noch den Sterbetag des Komponisten; über seinen Lebensweg ist nur bekannt, dass er in Leipzig wirkte. 
Es wird vermutet, dass er in der Messestadt zwischen 1570 und 1580 geboren worden ist. Belegt ist das jedoch nicht. Aktenkundig ist aber, dass Fritsch 1608 Taufpate für einen Sohn des Leipziger Ratsmusikers Wilhelm Kaufmann war. Seine Primitae Musicales, eine Sammlung mit zwölf Pavanen und 21 Galliarden, datiert 1606 in Frankfurt/Main, widmete er den Herzögen Adolf Friedrich I. und Johann Albrecht II. von Mecklenburg. Das Brüderpaar habe, so besagt die Widmung, während seiner Studien in Leipzig bei Fritsch Instrumental- unterricht erhalten. 
Seine zweite Publikation, Newe teutsche Gesanng nach Art der Welschen Madrigalien mit 5 Stimmen, gedruckt 1608 in Leipzig, ist fünf Adeligen gewidmet, die offenbar seine Schüler und recht spendabel waren. Möglicherweise waren es Kommilitonen, und Fritsch hat nach 1608 die Stadt verlassen – wir wissen es nicht; in den Leipziger Archiven jedenfalls konnten Musikhistoriker in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten seinen Namen nicht mehr aufspüren.  
Seine Kompositionen allerdings verweisen auf einen Musiker von einigem Rang. Fritsch beherrschte sein Handwerk. Das Ensemble Musicke & Mirth hat gemeinsam mit der Sängerin Ulrike Hofbauer auf dieser CD eine Aus- wahl an Werken des Komponisten in Weltersteinspielung veröffentlicht. Diese Aufnahme ist rundum gelungen und von faszinierender Klang- schönheit. Dem Gambenquartett lauscht man wirklich gern, und Ulrike Hofbauer gestaltet die „Gesänge“ sehr ansprechend. Mit ihrem schlanken Sopran singt sie von Liebe und vom Abschied, von Geduld und von weltlichen Gelüsten – und von der lieblichen Musik, die das ganze Leben verschönern kann. 

Samstag, 5. März 2016

Monteverdi: Il pianto della Madonna (Glossa)

Dass Komponisten wie Claudio Monteverdi nicht nur geistliche, sondern vor allem auch weltliche Sujets gestalteten, grämte einige feinsinnige Gläubige sehr. So meinte der Benediktinermönch Angelo Grillo, der im Kloster Montecassino lebte,und von Monteverdi die Stimmbücher des Sesto libro di madrigali als Geschenk erhalten hatte, die Musik des Komponisten sei „alla nostre orecchie parte della beatudine umana e similitudine della celeste“, Teil der menschlichen Glückseligkeit also und ähnlich der himmlischen Wonne. 
Da die Zeitgenossen solche Werke auch in der Kirche aufführen und anhören wollten, griffen sie zur sogenannten Kontrafaktur: Die originalen Texte wurden durch lateinische ersetzt, die für die Kirchenmusik passten – und schon war aus einem weltlichen Stück, das Liebesschmerz beklagte, ein geistliches geworden, das Christi Tod und Wunden besang. 
Ein Experte für solche Umarbeitungen war Aquilino Coppini, der Rhetorik an der Universität von Pavia lehrte und sich brillant darauf verstand, die Struktur der italienischen Verse sowie den rhetorischen Gestus der Musik aufzugreifen und sie mit neuem Inhalt zu versehen. Er veröffentlichte drei Sammlungen mit dem Titel Musica tolta da i madrigali di Claudio Monteverdi (..) fatta spirituale, wobei er insbesondere Werke aus dem vierten und fünften Madrigalbuch zu geistlichen Motetten umformte. 
Einige Beispiele dafür hat die Compagnia del Madrigale auf dieser CD zusammengetragen, ergänzt durch originär geistliche Werke Monteverdis – und das berühmteste Beispiel für eine Kontrafaktur, der Pianto della Madonna, die Klage Marias über den Tod Christi, das letzte Werk aus Monteverdis Selva morale e spirituale, eine Variante des berühmten Lamento d'Arianna. Die famosen Sänger haben den Text, wie er in der Fassung für Solostimme zu finden ist, dem polyphonen Original unterlegt – mit überraschendem Effekt; das Werk schient an Eindrücklichkeit eher noch zu gewinnen. 

Montag, 25. Januar 2016

Steffens: Die Musik und ein guter Wein (cpo)

Johann Steffens (um 1560 bis 1616) war der Sohn eines Itzehoer Stadt- rates. Heinrich Steffens erkannte seine musikalische Begabung, und ließ Johann dementsprechend ausbilden. Berichtet wird, er sei zudem „bey einem orgellmacher gewesen, davon er gelernet, daß er die Stimmen der orgell woll umbziehen kann“
Graf Heinrich von Rantzau, der dänische Statthalter, der auf Schloss Breitenburg nahe Itzehoe residierte, schrieb dem jungen Musiker 1589 einen Empfehlungsbrief für seine Bewerbung um die vakante Organistenstelle an St. Lamberti zu Lüneburg. Allerdings hatte auch die Herzogin Dorothea von Brauschweig-Lüneburg einen Kandidaten für diese Stelle vorgeschlagen – und so erhielt der Sohn des Celler Hofpredigers den begehrten Posten. 
Zwei Jahre später übernahm Steffens die Dienstpflichten von Jost Funcke, dem Organisten an St. Johanni in Lüneburg, und 1595 wurde er dann endlich fest angestellt. In der langen Reihe der Kantoren und Organisten an St. Johannis in Lüneburg steht er damit als Vorgänger unter anderem von Christian Flor und Georg Böhm. 
Auf dieser CD erklingen Tanzsätze Steffens’, die ein interessantes Zeugnis davon geben, wie englische Consort-Musik in Deutschland gespielt und weiterentwickelt worden ist, neben fünfstimmigen weltlichen Vokalkom- positionen. Veröffentlicht hat sie Sohn Heinrich im Jahre 1618 unter dem Titel Newe Teutsche Weltliche Madrigalia und Balletten So wol mit lebendigen Stimmen/ als auff allerhandt Musicalischen Instrumenten und Seytenspielen gantz lieblich zu gebrauchen. Ähnlich wie die italienischen Vorbilder und die Scherz-, Trink- und Liebeslieder Hans Leo Haßlers sprühen sie, mitunter etwas derb, vor Lebensfreude. Himlische Cantorey und Hamburger Ratsmusik unter der Leitung von Simone Eckert betonen allerdings diese grobe Seite nicht. Sie zeigen auf, dass Steffens eine Menge zu bieten hat – Eleganz, Witz, Ausdrucksstärke, gelegentlich auch Doppelbödigkeit. Eine wichtige Einspielung, die uns einen Komponisten nahe bringt, der von seinen Zeitgenossen hoch geachtet wurde – und aus heutiger Sicht ebenfalls keineswegs zweite Wahl ist.

Freitag, 8. Mai 2015

Gesualdo: Responsoria (Glossa)

„Nell'Uffizio del Giovedi Santo e dei due giorni seguenti vi è un tal misto di lugubre e di affettuoso, che sente di superna consolazione, e di un santo salutevole orrore riempiesi l'anima de chi attentamente e divotamente vi assiste“, schreibt Abt Antonio Mazzinelli über die Gottesdienste am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Die Tenebrae werden in der Nacht gefeiert – und nach jedem Psalm wird auf einem speziellen Leuchter eine Kerze gelöscht, bis zum Schluss nur noch eine einzige leuchtet. Sie wird nach dem Benedictus brennend hinter dem Altar aufgestellt, und symbolisiert die Auferstehung Christi. 
Der Gottesdienst ist eine einzige Klage. Es wird kein Hymnus gesungen, und kein Segen gespendet. Die Stimmung der Karwoche, die Abt Mazzinelli so treffend beschreibt, gibt keine andere Komposition so bewegend wieder, wie die 1611 veröffentlichten Tenebrae-Responsorien Gesualdos. Um es gleich vorweg zu sagen: Der Compagnia del Madrigale ist mit dieser Einspielung ein großer Wurf gelungen. 
Das Ensemble ergänzt Gesualdos Responsoria mit geistlichen Madrigalen bedeutender Zeitgenossen des Komponisten – Luca Marenzio, Pietro Vinci, Luzzasco Luzzaschi und Giovanni de Macque. Außerdem erklingen einige zusätzliche Werke von Gesualdo, so dessen einziges geistliches Madrigal oder aber seine Vertonung des Psalm 30 („In te Domine speravi“). „Nonostante si tratti di musica liturgica, nella nostra lettura abbiamo cercato di evidenziare l'aspetto madrigalistico“, schreibt Tenor Giuseppe Maletto im Beiheft. „Il linguaggio utilizzato da Gesualdo in queste splendide pagine è senza dubbio quello del madrigale. La differenza è nel tema. Non si tratta di pene d'amore di giovane amanti. Tormento, sofferenza, sangue, morte, nei responsori sono reali, tangibili.“ Und daher wagten die sechs Sängerinnen und Sänger der Compagnia del Madrigale eine Interpretation, die nicht in erster Linie auf Schönklang, sondern ganz auf Intensität und auf Ausdruck setzt. Den Hörer erfreut dennoch die perfekte Klangbalance der Stimmen, die hervorragend aufeinander abgestimmt erklingen. Und natürlich wird auch blitzsauber gesungen – was bei den kühnen harmonischen Rückungen Gesualdos schwierig genug ist. 
In meiner persönlichen Hitliste der Gesualdo-Einspielungen hat sich die Compagnia del Madrigale mit dieser Drei-CD-Box einen Platz ganz weit an der Spitze gesichert – unmittelbar hinter der legendären Aufnahme mit dem Hilliard-Ensemble, die in den 90er Jahren bei ECM erschienen ist. Und die Musik des Fürsten von Venosa ist unbeschreiblich grandios. Wer bisher der Meinung war, Renaissanceklänge seien etwas für Nostalgiker – hier haben sie geradezu Urgewalt; unbedingt anhören! 

Dienstag, 17. Februar 2015

Love and loss (Hyperion)

Die Liebe und der Verlust – das ist ein klassisches Thema aller Kunst. Es hat Maler und Bildhauer ebenso inspiriert wie Dichter und Kompo- nisten. Es ist daher eine kluge Idee, dieses Pärchen zum Motto einer CD zu machen, zumal, wenn es um Werke aus den Madrigalbüchern 6, 7 und 8 von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geht. In seinen Kompositio- nen kann man heute noch den Weg von der Polyphonie der Renaissance hin zum monodischen Stil der Barockmusik nachvollziehen. Der Musiker bezeichnete diese beiden Möglichkeiten, Musik zu gestalten, als prima bzw. seconda pratica. Seine Madrigale zeigen uns unüberhörbar: Monteverdi war Ausdrucksstärke wichtiger als die althergebrachten Regeln. 
Mit seinem Werk, darunter waren auch einige der ersten Opern überhaupt, gehört Monteverdi zu den Vätern der modernen Musik in Europa. Sein Schaffen kann man gar nicht hoch genug schätzen – und seine Madrigale sind in jeder Hinsicht höchst anspruchsvoll. Das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat bei Hyperion eine Auswahl davon eingespielt. In einem zentralen Stück dieses Albums, dem grandiosen Combattimento di Tancredi e Clorinda, singt zudem James Gilchrist. Der Tenor, von Haus aus eigentlich Mediziner, hat sehr viel Erfahrung im Bereich der „Alten“ Musik. Er gestaltet seine Partie versiert, und begeistert mit exzellenter Textverständlichkeit. Aber stimmlich bringt ihn das Stück im genere con- citato mitunter an Grenzen; die Vokalisten von Arcangelo sind ebenfalls nicht durchweg ein Vergnügen. Die Instrumentalisten hingegen sind eine Wucht – man höre nur das erste Stück, Volgendo il ciel, mit den fröhlich dahintanzenden Blockflöten, oder die eingeschobene Ciaccona von Tarquinio Merula. 
Monteverdis Werke sind offenbar eine Herausforderung für Sänger; insbesondere die Abschnitte, in denen nach ellenlangen Noten urplötzlich rasante Läufe folgen, sind wohl nicht ohne weiteres zu bewältigen. Die Auszierungspraxis der damaligen Zeit ist aus heutiger Sicht ohnehin nicht ganz einfach nachzuvollziehen. So prächtig wie diese Musik ist – wahrscheinlich sollte man dieses Repertoire dennoch den Spezialisten überlassen. Nur mit Engagement allein wird es nicht gelingen, Monteverdi adäquat aufzuführen.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Marenzio: Primo Libro di Madrigali (Glossa)

Die Compagnia del Madrigale hat bei Glossa eine Aufnahme des ersten Madrigalbuches von Luca Marenzio (vermutlich 1553 bis 1599) veröffent- licht. Es ist 1580 in Venedig erschienen, und war Kardinal Luigi d'Este gewidmet, dem Dienstherrn des Musikers. Die prächtigen Gesänge lassen erahnen, wie glanzvoll und wie luxuriös damals in Rom die Herrschenden lebten und vor allem feierten. Kardinäle und Fürsten förderten Künste und Wissenschaften – und die Künstler und Forscher wiederum mehrten mit ihren Werken das Ansehen ihrer Mäzene. In seinem Erstling präsentiert sich Marenzio als ein ebenso versierter wie ehrgeiziger Komponist. Er legte größten Wert auf eine expressive Vertonung seiner Texte, die den Sinn der Worte verdeutlicht und zugleich ihren affektiven Gehalt vermittelt. 
Die sechs Sängerinnen und Sänger der Compagnia del Madrigale tragen Marenzios Madrigale gekonnt und ausgesprochen farbenreich vor. Sie blasen den Staub von der alten Pracht, und entführen den Zuhörer in ein längst vergangenes goldenes Zeitalter. Il Primo Libro de Madrigali wird auf dieser CD ergänzt durch die Sestine Mentre ti fui si grato aus der Publikation Dolci affetti, die 1582 von sechs Musikern gemeinsam herausgegeben wurde. An dem Gemeinschaftswerk beteiligte sich auch Marenzio. Abschließend erklingt zudem Donna bel e crudel, das früheste bekannte Werk des Komponisten. Da davon nur canto und alto überliefert sind, hat der Musikwissenschaftler James Chater die fehlenden Stimmen – quinto sowie Tenor und Bass – rekonstruiert. So könnte es also geklungen haben.

Donnerstag, 6. März 2014

Monteverdi: Heaven and Earth (Vivat)

Die Liebe in all ihren Facetten steht im Mittelpunkt des Monteverdi-Programmes, das das King's Con- sort auf dieser CD präsentiert. Es enthält etliche bekannte Stücke, ist abwechslungsreich, und wird vom Instrumentalensemble gekonnt begleitet. Zu hören sind dabei eine Vielzahl von Instrumenten, von der Violine bis zur Doppelharfe und von der Posaune bis zur Orgel. Somit ist auch ein breites Spek- trum an Klangfarben verfügbar – was den affektbetonten Vortrag der Sänger wirkungsvoll unter- streicht. 

Montag, 27. Januar 2014

Luca Marenzio e il suo tempo (Tactus)

Luca Marenzio (um 1553 bis 1599) wird seitens der Musikgeschichts- schreibung, gemeinsam mit Gesualdo und Monteverdi, als Vollender des Madrigals geführt. Seine Werke waren in ganz Europa verbreitet. Sie wurden bewundert und nachgeahmt. Ob John Dowland, Hans Leo Hassler oder Johann Hermann Schein – sehr viele Musiker haben von diesem Vorbild gelernt. 
Wie Marenzio in seiner Melodie- linie und im Rhythmus den Text aufgreift und ihn zugleich auslegt, mit welcher Eleganz er gestaltet und wie lässig und gekonnt er dabei die musikalischen Mittel einsetzt, das beeindruckt noch heute. Eine Aufnahme des Labels Tactus sei an dieser Stelle empfohlen, das Anhören lohnt sich: Sopranistin Angela Alesci sowie die Lautenisten Domenico Cerasani und Massimo Lonardi haben auf dieser CD einige Madrigale, Villanellen und auch eine Canzonetta von Marenzio eingespielt, umgeben von Lauten- musik seiner Zeitgenossen. Das sorgt auch klanglich für Abwechslung. In dem sehr informativen Beiheft – aber leider nur in englischer und italienischer Sprache – finden sich ausführliche Notizen zu den einzelnen Stücken. 

Donnerstag, 19. Juli 2012

Gesualdo: Madrigals Book 3 / Madrigals Book 4 (Naxos)

Das Ensemble Delitiae Musicae setzt seine Gesualdo-Einspielung bei Naxos fort; erschienen sind jetzt Aufnahmen des dritten und vierten Madrigalbuches. Die beiden CD zeigen erneut, wie einzigartig die Werke dastehen, die Carlo Gesualdo (1566 bis 1613) geschaffen hat. Dieser Komponist ist nicht nur aufgrund seiner kühnen musikalischen Ideen eine Legende. Don Carlo, Fürst zu Venosa und der letzte seines Stammes, wurde in erster Linie durch ein brutales Verbrechen berühmt: 1590 gab er vor, zur Jagd auszureiten. Doch am Abend kehrte die Jagdgesellschaft unvermittelt zurück, und sie ertappte Gesualdos Ehefrau mit ihrem Liebhaber. Beide wurden umgebracht, und wohl auch ein Kind. Trotz erneuter Heirat scheint Gesualdo danach nicht mehr recht glücklich geworden zu sein.
Gesualdo veröffentlichte insgesamt sieben Sammlungen mit Madriga- len. Sechs davon sind überliefert. Bei Naxos kann man jetzt den Wer- ken des Komponisten lauschen, die 1595 und 1596 als Il terzo libro de'madrigali und Il quarto libro de'madrigali in Ferrara veröffent- licht wurden. Wie bereits ihre Vorgänger, zeigen auch sie jene eigen- tümliche Melodik und Harmonik, die Gesualdos Werke so unver- wechselbar macht. 

Anders als professionelle Musiker jener Zeit war ihr Schöpfer nicht einem Mäzen verpflichtet; Beifall und wirtschaftlicher Erfolg konnten Gesualdo egal sein, denn Musik war für ihn Zeitvertreib und nicht Broterwerb. Das Schloss, in dem er wohnte, gehörte ihm, und dazu auch umfangreiche Ländereien in Süditalien. So konnte der Prinz auch bei der Auswahl der Texte ganz seinem persönlichen Geschmack folgen.
Delitiae Musicae, geleitet von Marco Longhini, nutzt für die Inter- pretation der Gesualdo-Madrigale eine Urtext-Edition, die Longhini gemeinsam mit Rosaria Chiodini erstellt hat. Bei dieser Aufnahme werden alle Stimmen von Männern gesungen - Carmen Leoni, die einzige Frau in diesem Ensemble, spielt das Cembalo. Die Sänger agieren perfekt aufeinander abgestimmt, vom Timbre bis zu gestal- terischen Feinheiten. Klanglich erinnern diese CD an die Gesualdo-Interpretationen des Hilliard Ensembles; in der Qualität reichen Delitiae Musicae daran allerdings nicht ganz heran.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Banchieri:Il studio dilettevole / Il metamorfosi musicale (Stradivarius)

Hört man diese witzigen Stücke, wird man staunen. Denn ihr Schöpfer Adriano Banchieri (1568 bis 1634) war ein Mönch. Banchieri stammt aus Bologna. Und eigent- lich hieß er Tommaso, doch als er 1587 in den Benediktinerorden eintrat, nahm er den Namen Adriano an. Er wirkte als Organist, Komponist und Musiktheoretiker. Seine Madrigalbücher sind offen- bar direkte Vorläufer des Musik- theaters. 
Sie erzählen Geschichten, ja, es gibt sogar einen Erzähler, doch statt Arien erklingen dann Madrigale. Diese freilich haben es in sich; sollten die Mönche sie gesungen haben, dann waren sie nicht nur höchst geübte Sänger, sondern sie dürften dabei auch eine Menge Spaß gehabt haben. Denn Banchieris Madrigale sind musikalische Kostbarkeiten ganz besonderer Art. Diese urkomischen Kabinett- stückchen fordern von den Sängern Charakterisierungskunst und beständige Registerwechsel. Die Voraussetzung dafür ist eine virtuose Gesangstechnik sowohl mit Brust- als auch mit Kopfstimme. 
Die vorliegende Aufnahme fasst zwei weniger bekannte Werke zusammen - Il studio dilettevole, besser bekannt als Il Terzo Libro delle Canzonette a tre voci, und Il metamorfosi musicale, Quarto Libro delle Canzonette a tre voci, aus den Jahren 1600 bzw. 1601. Die Musiker des Ensembles Delitiae Musicae unter Leitung von Marco Longhini zelebrieren diese köstlichen Scherze mit Hingabe. 
Sie können sich das auch leisten, denn die Sänger - Alessandro Car- mignani, Paolo Costa und Marcello Vargetto - sind wirklich brillant. Sie fisteln, näseln, brummen und tönen, wie es gerade passt, und zeigen dabei eine geradezu ansteckende Musizierlust. So wird auch der Zuhörer diese CD genießen. Denn bei aller Theatralik und allem Klamauk - in erster Linie hat Banchieri wundervolle Musik kompo- niert. Und diese wird hier höchst solide vorgetragen. Bravi! 

Samstag, 23. April 2011

Striggio: Mass in 40 Parts (Decca)

Alessandro Striggio d.Ä. (1536/37 bis 1592) war der natürliche Sohn und Erbe eines Aristokraten aus Mantua. 1559 ging er an den Hof von Herzog Cosimo I. de Medici in Florenz. Sein gehobener sozialer Rang ermöglichte ihm eine Doppel- karriere als Musiker und Diplomat. Beides war eng miteinander ver- knüpft. So reiste er 1567 im Winter quer durch Europa, um Maximilian II., dem neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Namen seines Herrn eines seiner Werke, die Missa Ecco si beato giorno, zu präsentierten. Striggio traf den Kaiser in Brünn und berichtete, dieser sei entzückt gewesen. 
Der Komponist reiste weiter nach München, wo die Messe für Herzog Albert V. erklang - sehr wahrscheinlich unter der Leitung von Orlan- do di Lasso - und ging dann anschließend nach Paris, wo er eine außerliturgische Aufführung vor dem jungen Charles IX. und seiner Mutter Catherine de Medici, einer Kusine Cosimos, leitete. Brieflich bat er dann seinen Dienstherrn, noch England aufsuchen zu dürfen, was ihm offenbar auch gestattet wurde. 
Auch dort scheint er sein Werk vorgestellt zu haben. Ein Zeitgenosse, der die Aufführung möglicherweise miterlebt hat, berichtet, diese Musik - "whence the Italians obteyned the name to be called Apices of the world" - habe eine himmlische Harmonie verbreitet. Und ein Herzog habe gefragt, ob es nicht auch in England jemanden gebe, der ein solches Werk zu schaffen in der Lage sei. Thomas Tallis solle sich doch daran versuchen - was der auch tat, indem er Spem in alium schrieb, eine ebenfalls 40stimmige Motette, die zwar einige der italienischen Kompositionstechniken adaptiert, aber zugleich den Kontrapunkt, den Striggio sorgsam meidet, geradezu meisterhaft einsetzt. Dadurch entstehen außerordentlich faszinierende Disso- nanzen - und Tallis gelang so ein Kunstwerk, das dem Vorbild des italienischen Kollegen mindestens ebenbürtig ist. 
Etliche Werke Striggios sind überliefert, darunter sieben Bücher mit Madrigalen sowie die Madrigalkomödie Il cicalamento delle donne al bucato. Sein gleichnamiger Sohn schrieb später übrigens das Libretto zu Monteverdis Orfeo. Robert Hollingworth hat nun mit dem Ensem- ble I Fagiolini für das Label Decca eine hochinteressante Auswahl der Werke Alessandro Striggios eingespielt. Sie beginnt mit der Motette Ecce beatam lucem, die im April 1591, wohl im Dom von Florenz, päpstlichen Gesandten zu Ehren im Rahmen eines aufwendigen Spek- takels erstmals aufgeführt wurde. Dabei scheinen - wie im Theater - maskierte und kostümierte Sänger und Instrumentalisten dank Wolkenmaschinen durch den Raum "geschwebt" zu sein. Und wie man hört, verstand man sich nicht nur in Venedig trefflich auf die Gestal- tung von mehrchörigen Gesängen. 
Aus dem erfolgreichen Werk wurde dann in zwei Schritten die Paro- diemesse Missa Ecco si beato giorno, ein ganz erstaunliches Musik- stück, teilweise sogar sechzigstimmig. Sie galt als verloren, doch dann wurden vor einiger Zeit die Stimmbücher in Paris entdeckt. So er- klingt sie hier auf dieser CD als Weltersteinspielung, gefolgt von einigen Madrigalen Striggios, die übrigens erneut zeigen, wie im
16. Jahrhundert Musik zur Repräsentation und als Mittel der Politik genutzt wurde. 
Als zusätzliche kleine Kostbarkeit enthält die CD ein kurzes Stück von Vincenzo Galilei, mit dem Striggio befreundet war. Und natürlich wird Tallis' Spem in alium vorgetragen, erstmals nach einer neuen Edition von Hugh Keites. Die Besetzung und die Verteilung der einzel- nen Stimmen hat Hollingworth klug überlegt; zu dem gigantischen Solistenensemble - Chor kann man diese Formation nicht wirklich nennen - kommen ganze Scharen an Instrumentalisten, die durchweg historisch korrekt streichen, blasen und zupfen. Das Ergebnis klingt grandios. Diese CD ist ein Ereignis - und wohl dem, der technisch so ausgestattet ist, dass er die räumlichen Effekte, die durch die Mehr- chörigkeit zustande kommen, wahrnehmen und genießen kann. 


Freitag, 5. November 2010

Magdalena Kozená: Lettere Amorose (Deutsche Grammophon)

Lettera amorosa lautet der Titel eines Madrigals von Claudio Mon- teverdi. Um es vorwegzunehmen: Dieses berühmte Lied singt Magda- lena Kozená auf dieser CD nicht. Die Liebesbriefe gelten vielmehr ihrer Erinnerung: "Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen und wollte mich wieder darauf zu- rückbesinnen", so die Sängerin, die bereits als Sechsjährige im Kinder- chor der Philharmonie Brno ihre musikalische Ausbildung begann. "Weil diese Stücke keine großen technischen Hürden beinhalten, kommt man näher an den Kern dieser Musik heran. Das ist unwahrscheinlich befreiend: Man singt zum eigenen Vergnügen." 
Monteverdi ist auch dieser CD nur mit einem Madrigal vertreten - es erklingt das bekannte Si dolce è tormento. Gemeinsam mit den Musi- kern des Ensembles Private Musicke um Pierre Pitzl stellte Magdalena Kozená ansonsten eine Auswahl von Werken meist wenig bekannter Monteverdi-Zeitgenossen für diese Aufnahme zusammen - die aber zum Teil melodisch wie harmonisch erstaunlich modern wirken. 
Die Spannbreite dieser Stücke ist erstaunlich groß. Da findet sich neben Felici gl'animi von Girolamo Kapsberger - einem fröhlichen Loblied auf das Landleben - und etlichen Liebesliedern unter ande- rem auch die Canconetta spirituale sopra alla nanna von Tarquinio Merula, ein Wiegenlied der Jungfrau Maria, in dem sie wie in einer Vision das Leiden und die Wunden Christi beklagt, um schließlich dennoch das Kind in den Schlaf zu singen. 
Der Mezzosopranistin liegt dieses Repertoire ausgesprochen gut, und Private Musicke begleitet abwechslungsreich auf Nachbauten histo- rischer Instrumente - von der Barockgitarre nach Stradivari über Viola da gamba, Lirone, Colascione, Theorbe und Violone bis hin zur arpa doppia, einer Harfe, die beidseitig mit Saiten bespannt war und so dem Harfenisten deutlich mehr Möglichkeiten gab als die zuvor üblichen einfachen Instrumente. Lustigerweise sind diese "Original- instrumente" allerdings auf 440 Hertz gestimmt - was man wohl als Tribut an die Sängerin sehen muss, die üblicherweise eher Strauss oder Mozart singt als Alte Musik. Bis auf einige forcierte Töne, wo Kozená die Stimme zu sehr ins Opernfach timbriert, ist diese Ein- spielung aber rundum gelungen. Sie überzeugt nicht zuletzt durch ihre Intimität und stimmige Gestaltung. Brava!

Montag, 25. Oktober 2010

Gesualdo: Madrigals Book 1 (Naxos)

Die Madrigale von Carlo Gesualdo sind nicht nur aufgrund ihrer kühnen musikalischen Gestaltung eine Legende. Ihr Schöpfer, Don Carlo, war Fürst zu Venosa, und er wurde in erster Linie durch ein brutales Verbrechen berühmt - durch den Mord an seiner ersten Ehefrau Maria d'Avalos, deren Liebhaber und wohl auch einem Kind. 
Vier Jahre später veröffentlichte er Il Primo Libro de'Madrigali, seine erste Sammlung mit Madri- galen. Sechs weitere folgten; im Alter wandte sich der Fürst jedoch auch in seinen Kompositionen zunehmend der Religion zu. Davon freilich ist in seinen frühen Werken wenig zu spüren. Sie preisen die Liebe in allen Variationen, die die Dichtkunst der damaligen Zeit dafür erfunden hatte - und mit jener eigentümlichen Melodik und Harmonik, die seine Werke so unverwechselbar macht.
Das Ensemble Delitiae Musicae, geleitet von Marco Longhini, hat für das Label Naxos die fünfstimmigen Madrigale nach dem Urtext ein- gespielt. Dabei werden alle Stimmen von Männern gesungen - die einzige Frau in diesem Ensemble sitzt am Cembalo. In ihrer Perfektion und ihrem Timbre erinnert diese Aufnahme sehr an das Hilliard Ensemble, das vor vielen Jahren jenes Werk vorgestellt hat, mit dem Gesualdo verstummte: Die Tenebrae, Musik zum Karfreitag.