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Donnerstag, 19. März 2020

Time stands still - Cantus Thuringia (Deutsche Harmonia Mundi)

Time stands still, diesen Titel eines Liedes von John Dowland wählte Cantus Thuringia zum Motto eines stimmungsvollen Albums mit Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. 
In kleiner Besetzung lässt das Ensemble Songs, Anthems und Ayres von altenglischen Meistern erklingen. Die Einspielung beginnt mit O Lord, in thee is all my trust von Thomas Tallis, ganz schlicht und klar. 
„Dieses Stück gibt die Richtung vor“, erklärt Christoph Dittmar, Alto, der das Ensemble als primus inter pares leitet. „Reinheit und Schlichtheit sind hier programmatisch.“  
Die Musiker Silvia Müller, Blockflöte, Christoph Sommer, Laute und Theorbe, Dietrich Haböck, Viola da gamba und Mikhail Yarzhembovskiy, Cembalo und Orgel, begleiten nicht nur den Gesang. Sie stellen auch einige Instrumentalstücke vor, die das Programm abrunden – eine Suite von Matthew Locke, ein Pasticcio aus Werken Henry Purcells sowie zwei Lautenwerke von John Dowland. 
Time stands still, das zentrale Werk der CD, steht auch wie eine Schwelle zwischen Kompositionen, die sich zuvor der himmlischen und danach eher der irdischen Liebe zuwenden. Die Zeit hält zudem den Atem an, wenn sich Silvia Müller mit der Blockflöte zu den Sängern gesellt, ihre Linien ganz im Stil der damaligen Zeit auszierend. 
Eine sehr reizvolle Option; Cantus Thuringia hat eigens dafür „Stücke ausgewählt, bei denen die Blockflöte diminuierend (..) hinzutritt, mal als Ober-, mal als Mittelstimme – zumal dieses Instrument in England und bis ins 18. Jahrhundert hinein äußerst beliebt war“, so Dittmar. „An einigen Höfen waren sogar ganz Blockflötenensembles fest engagiert.“ 

Montag, 28. Oktober 2019

Freimaurermusik (Berlin Classics)

Die Aura des Geheimnisvollen begleitet die Freimaurerei von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Bekannt ist, dass viele Logen die Musik schätzten und förderten. Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass offenbar von den Freimaurern selbst auch gesungen wurde. Der Musik, die Logenbrüder dafür schufen, widmet sich das Ensemble Vocal Concert Dresden unter Leitung von Peter Kopp auf der vorliegenden CD. Die Herren des renommierten Kammerchores werden dabei vom Dresdner Instrumental-Concert auf zeitgenössischen Instrumenten stilecht begleitet; so erklingt beispielsweise ein Hammerklavier anstelle eines modernen Flügels. Das sorgt für ein faszinierendes Flair, und auch die Sänger schaffen es, so schlicht zu singen, dass man vermeint, tatsächlich Freimaurer zu hören. Die meisten der eingespielten Werke sind zudem außerhalb der Zeremonien, für die sie seinerzeit entstanden sind, noch nie erklungen. 

Sonntag, 6. Oktober 2019

Rheinberger: Liederbuch für Kinder (Ars Produktion)

Dass Josef Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) nicht nur Orgelmusik und geistliche Chorwerke geschaffen hat, sondern unter anderem auch eine Menge Lieder für die Solostimme, das ist wenig bekannt. Clemens Morgenthaler, Professor für Gesang am Vorarlberger Landeskonservatorium Feldkirch, will dies ändern. Der Bassbariton, der auch an der Musikhochschule Trossingen unterrichtet, hat mit Studierenden daher Rheinbergers Liederbuch für Kinder op. 152 erarbeitet und eingespielt. 
Die 30 Lieder sind im Dezember 1887 entstanden. Sie schildern in schlichter Form Situationen und Begebenheiten, wie sie Kinder erleben, vom Aufstehen am Morgen bis zum nicht immer konfliktfreien Kinderspiel. Verse und Melodie sind deshalb einfach gehalten. Philipp Heiß verdeutlicht am Klavier oftmals mit Klangmalerei Stimmung und Umfeld; so hört man Vogelgesang oder etwa das Drehen eines Spinnrades. 
Für die Sängerinnen Julia Großsteiner, Petra Tschabrun, Eva-Maria Heinzle, Lea Müller, Victoria Türtscher, Anna Welte, Mirjam Fässler und Sarah-Lena Eitrich war diese Weltersteinspielung keine einfache Aufgabe. Denn diese Lieder mit ihrer kindlich-naiven Gestaltung fordern Schlichtheit und Eindringlichkeit statt vordergründiger sängerischer Brillanz. Die Studierenden müssen mit schlanker Stimme singen, quasi kindlich, um den Zauber wirken zu lassen, der in der Tat auf diesen Melodien liegt. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich sie Rheinbergers Lieder erfassen und gestalten. 
Die freundlichen Weisen könnte man sich gut auch von noch jüngeren Stimmen gesungen vorstellen. So müssten sie hinreißend klingen, wenn sie von den geschulten Stimmen des Chornachwuchses beispielsweise des Rundfunkkinderchores Leipzig gesungen werden. 

Dienstag, 30. April 2019

Bach: St Mark Passion (MDG)

1731, am Karfreitag, wurde in Leipzig die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach erstmals aufgeführt. Dies wissen wir, weil uns ein Abdruck des Textes überliefert ist. Er stammt, wie auch das Libretto der Matthäus-Passion, von Christian Friedrich Henrici, bekannter unter seinem Pseudonym Picander. Aus dem Jahre 1744 ist ein weiterer Textdruck vorhanden; ein Vergleich ergibt, dass Bach sein Werk für diese Aufführung überarbeitet und um zwei Arien ergänzt hat. 
Die Texte sind vor allem deshalb für uns heute so interessant, weil von Bachs Markus-Passion keine einzige Note auf uns gekommen ist. Weder die Partitur noch irgendeine Stimme war aufzuspüren. Bekannt ist allerdings, dass Bach etliche seiner Kompositionen mehrfach verwendete; das sogenannte Parodieverfahren wurde seinerzeit viel genutzt. Dabei erhielt eine Arie oder ein Chor einfach einen neuen Text – fertig! 
Die Bach-Forschung hat daher akribisch geprüft, welche Werke des Komponisten zu Picanders Texten passen könnten. Und sie hat festgestellt, dass der Eingangs- und der Schlusschor sowie drei Arien wahrscheinlich in der Trauerode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 zu finden sind. Mit aufmerksamem Blick konnten so vier der acht Arien sowie die meisten Choräle identifiziert werden. 
Es hat zudem etliche Versuche gegeben, die fehlenden Teile zu ergänzen – modern, historisierend oder unter Rückgriff auf originale Musik von Bach und seinen Zeitgenossen. Kirchenmusikdirektor Andreas Fischer, Kantor und Organist an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, legt auf dieser Doppel-CD nun seine Version vor. Dieser Fassung liegen durchweg und ausschließlich Kompositionen Bachs zugrunde, auch bei den Rezitativen. 
Sie haben in diesem Passionsoratorium besonderes Gewicht, weil der Gang der Handlung nur selten durch Arien unterbrochen wird. Ähnlich bedeutend sind aber die Choralstrophen; sie beziehen die Gemeinde in das Heilsgeschehen quasi mit ein. Und es sind ziemlich viele – eine dankbare Aufgabe für die Hamburger Cantorey St. Catharinen. 
Für sein Experiment konnte Andreas Fischer zudem das renommierte Ensemble Bell' arte Salzburg gewinnen, das von der Geigerin Annegret Siedel geleitet wird. Der Zuhörer darf sich darüber freuen; man lausche nur den Gambenpartien, die von den Musikern wirklich großartig gespielt werden. Und auch das Solistenquintett ist mit Katherina Müller, Jan Börner, Matthias Bleidorn, Manfred Bittner und Richard Logiewa überzeugend besetzt. 

Montag, 30. April 2018

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Dienstag, 10. April 2018

Rediscovered Treasures from Dresden (Deutsche Harmonia Mundi)

Der Geiger Robin Peter Müller hat sich mit dem La Folia Barock- orchester an ein außergewöhnliches Projekt gewagt: Die Musiker haben eine komplette CD mit Konzerten veröffentlicht, deren Komponisten unbekannt sind. Chapeau! Denn dieses Album ist wirklich sehr interessant und hörenswert. Die ausgewählte Musik hat durchaus Qualität, auch wenn der Komponist anonym bleibt. 
Was? Man weiß nicht, wer diese Musik komponiert hat?? Aber wie soll man sie dann würdigen – gilt doch seit der Romantik der Künstler als zwar begnadete, aber zumeist auch tragische Figur. Denn der faire Ausgleich für überdurchschnittliche Begabung ist beständiges Leiden. Wer daran zweifelt, der lese nur, was die Zeitung mit den vier Buchstaben tagtäglich über Stars und Sternchen berichtet. 
Das Genie, so das romantische Konzept, ringt seine Werke seiner Seele und auch seiner Biograpie ab, und bei einem großen Künstler wird daher traditionell auch irgend ein großes Defizit vermutet. So entstehen Legenden; man denke nur an die Geschichte vom ewig notleidenden Mozart, der zum Schluss an unbekannter Stelle in einem Armengrab verscharrt worden sei. 
Dass Musiker noch im Barock mitunter ziemlich umfangreich aus Werken von Kollegen zitierten, oder bestimmte Stücke immer wieder neu verwendeten – man denke beispielsweise an Händels Arien oder an Bachs Kantaten – passt aber nicht so recht in dieses Konzept vom Originalgenie. Auch Anonymität verstört, denn in diesem Falle fehlt die enge Verknüp- fung von Urheber und Werk. 
Bei der Erschließung von Archivbeständen sind Werke, die sich nicht einem Komponisten zuordnen lassen, daher ein wenig benachteiligt. Das gilt auch für die Notenbibliothek, die einst in dem berühmten „Schranck No:2“ gefunden wurde und sich heute in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden befindet. Sie stammt zum großen Teil aus dem Nachlass des Konzertmeisters Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), und enthält eine gewaltige Anzahl von Notenhand- schriften. 
In den Fächern 1 bis 28 befanden sich Werke von Adam bis Zipoli, sorg- sam alphabetisch geordnet. Es folgen drei Fächer mit Sammelhandschrif- ten, ein Fach, dessen Inhalt leider verloren gegangen ist, und dann, in den Fächern 33 bis 40, folgen die Anonyma. Einiges davon konnte die Musikwissenschaft mittlerweile Komponisten zuordnen. Doch es warten noch immer genug Rätsel in diesem Notenbestand – und wer sich damit befassen will, der muss heute auch nicht mehr nach Dresden reisen, über dicken Findbüchern grübeln, und dann darauf warten, im Lesesaal in den Originalen blättern zu dürfen, unter dem wachen Blick des Aufsichts- personals. Heute sind all diese Handschriften im Internet zugänglich, jederzeit und für jedermann. 
Ein wenig wundert man sich da schon, dass nicht mehr Musiker daran gehen, diese Schätze zu heben. Dass sich die Mühe lohnt, zeigt diese CD, die übrigens durchweg Weltersteinspielungen enthält. Bei der Auswahl habe man „zwei Tage lang sämtliche Concerti aus den Handschriften mit dem ganzen Ensemble“ einfach durchgespielt, berichtet Müller. Für fünf Konzerte haben sich die Musiker dann entschieden. 
Das La Folia Barockorchester musiziert mit Präzision und Temperament. Mein persönlicher Favorit ist das Concerto à 5 obligati in F-Dur. Es ist sehr wahrscheinlich zur Zeit August des Starken entstanden. Konzertmeister war damals der Flame Jean Baptiste Woulmyer. Der Amtsvorgänger Pisendels orientierte sich am französischen Vorbild – nachfolgende Generationen schauten eher nach Italien.  

Donnerstag, 12. November 2015

Fantasia italiano per clarinetto e piano (Ambitus)

Klarinettist Rolf Weber und die Pianistin Kazue Tsuzuki sind ein eingespieltes Team. Sie musizieren nicht nur gemeinsam in Gassen- hauer-Trio München, sie haben zusammen auch bereits eine CD mit romantischen Raritäten eingespielt. Nun ist bei Ambitus ihre zweite CD erschienen – mit vier ausgesprochen hörenswerten Fantasien zu Motiven aus Opern, und einer Sonate
Die Namen der Komponisten der ausgewählten Werke werden wahrscheinlich nur wenigen Spezialisten bekannt sein – die Melodien, die sie  als Grundlage nutzten, sind aber dafür umso vertrauter. So verwendete der grandiose Klarinettenvirtuose Iwan Müller (1784 bis 1854) Cavantinen aus populären Opern von Gioacchino Rossini. Domenico Mirco (1820 bis 1866), Spross einer berühmten Klarinettisten- dynastie, schrieb seine Fantasie über Rossinis Oper Mosè in Egitto, und Donato Lovreglio (1841 bis 1907) schuf eine Fantasie über Verdis La Traviata. Den Reigen beschließt Giacomo Setccioli (1868 bis 1925) mit einer Sonate, zu der der Komponist durch ein stimmungsvolles Gedicht inspiriert wurde. 
Auch wenn die Solisten aus der Schweiz und aus Japan stammen, und nun in München wirken – Weber als Soloklarinettist im Orchester des Staats- theaters am Gärtnerplatz, Tsuzuki als Pianistin und als Lehrbeauftragte an der Musikhochschule – zeigen sie hier jedoch jede Menge italienisches Temperament. Weber entlockt seiner Klarinette zudem Töne, die sind so farbenreich und so seidenweich, auch in der Höhe, niemals unkontrolliert schrill oder gepresst – es ist der absolute Traumklang! Diese CD möchte man immer wieder anhören. Bravi! 

Sonntag, 5. April 2015

Schütz: Matthäuspassion (Carus)

Rechtzeitig zum Osterfest erschien jüngst bei Carus die Matthäuspassion von Heinrich Schütz (1585 bis 1672). Es handelt sich dabei um ein spät, im Jahre 1666, entstandenes Werk. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Schütz bereits vom Dresdner Hof nach Weißenfels zurückgezogen, wo er aber, umsorgt von seiner ebenfalls betagten Schwester, noch immer Gewichtiges komponierte. Dazu gehört ohne Zweifel auch die Matthäuspassion – obzwar sie auf uns heute, im Vergleich zu Bachs Vertonung desselben Bibeltextes, zunächst ziemlich altmodisch und fremd wirkt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Schütz' Passionen durchweg A-cappella-Werke sind – in der Passionszeit hatten seinerzeit die Instrumente zu schweigen. 
Irritierend wirkt auf den heutigen Zuhörer auch die Tatsache, dass in diesem Musikstück auf weiten Strecken psalmodiert wird. Dieses Gestaltungsmittel, bei dem der Text rhythmisch frei fast durchgehend auf einem Ton rezitiert wird, ist uralt. Doch wenn man genauer hinschaut, dann steckt schon in der Wahl des Rezitationstones ein theologisches Programm: Schütz wählte g-dorisch, und damit eine Kirchentonart, die auf Heil und Auferstehung verweist. Und auch sonst erkennt man bald, wie subtil dieses Werk gestaltet wurde. Hier ist kein einziger Ton nur Ornament. In der Reduktion auf das Wesentliche, dem Verzicht auf Opulenz, entfaltet Schütz' Musik eine enorme Kraft und Ausstrahlung. 
Der Dresdner Kammerchor stellt sich nun dieser Herausforderung, und meistert sie ganz hervorragend. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Georg Poplutz in der Partie des Evangelisten und Felix Rumpf in der Rolle des Jesus. Sie deklamieren ihren Text ausdrucksstark und präzise; Schütz wäre darüber ganz sicher erfreut gewesen. Doch auch all die kleineren Soli sind exzellent besetzt, und der Chor singt grandios, mit blitzsauberer Intonation und beeindruckender Lebendigkeit. Der Text, ganz wichtig, ist stets zu verstehen. 
Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann agiert auch in den drei weiteren Stücken mit Präzision und jener erfreulichen Sing- kultur, die das Ensemble kennzeichnet. Unterstützt werden die Sänger durch Margret Baumgartl und Karina Müller, Violine, Sarah Perl, Violone und Ludger Rémy an der Truhenorgel. Hervorzuheben ist insbesondere die Litania SWV 458, ein beeindruckender, fast zehnminütiger Wechselge- sang. Er wird von der Sopranistin Ulrike Hofbauer und dem Dresdner Kammerchor so gelungen gestaltet, dass der Zuhörer wie gebannt lauscht. Heinrich Schütz hat die Deutsche Litanei Martin Luthers übrigens dreimal vertont. Den Menschen, die damals – nicht zuletzt durch den Dreißigjäh- rigen Krieg – Leid, Not und Seuchen nur zu gut kannten, muss dieser Text aus der Seele gesprochen haben. 

Dienstag, 3. März 2015

Donaufahrt (Genuin)

An der schönen blauen Donau, da lebte einst so mancher talentierte Komponist. Rie Koyama, eine exzellente Fagottistin, hat für ihre zweite Genuin-CD gemeinsam mit dem Pianisten Clemens Müller das musikalische Idiom der ehemaligen k.u.k.-Staaten erkundet. 
Die beiden Musiker haben dabei einige faszinierende Werke entdeckt. Nicht alle davon sind, zugegebener- weise, im Original für das Fagott entstanden. Doch warum soll man nicht aus einer Sonate für Horn und Klavier in F-Dur, die Ludwig van Beethoven seinerzeit für den brillanten böhmischen Hornisten Johann Wenzel Stich – bekannter unter seinem Künstlernamen Giovanni Punto – geschrieben hat, ein Werk für Fagott und Klavier machen? Schließlich hat Beethoven selbst seine Sonate auch für das Violoncello bearbeitet. 
Das Andante e Rondo ongarese hat Carl Maria von Weber seinerzeit selbst für Fagott bearbeitet. Entstanden ist die charmante, theatralische Musik allerdings nicht an der Donau, sondern in Stuttgart. Weber schrieb es für seinen Bruder, der im nahen Ludwigsburg seine Brötchen als Bratscher verdiente. 
In Ersteinspielung erklingt das Morceau de Salon für Fagott und Klavier op. 230 von Johann Wenzel Kalliwoda. Der Prager Geiger spielte zunächst im Orchester des Prager Opernhauses. 1822 wurde er Hofkapellmeister in Donaueschingen, dort, wo aus Brigach und Breg die Donau entsteht. Kalliwodas Salonstück wirkt wie eine Kreuzung aus böhmischem Volkstanz und Mendelssohns Liedern ohne Worte; angerichtet wird es von Koyama mit einer Prise virtuosem Spielvergnügen, man höre nur das Finale. 
Glaubt man einem Brief Wolfgang Amadeus Mozarts an seinen Vater, dann hat der 25jährige eines seiner schönsten Kammermusikwerke in einer knappen Stunde zu Papier gebracht. Und weil die Sonate für Violine und Klavier G-Dur KV 379 so effektvoll und rundum gelungen ist, wagen sich Koyama und Müller an eine Fagott-Version. Hier können sich die Musiker bestens präsentieren. Das gilt nicht nur für die rasanten Passagen. Die Kantilene von Rie Koyama hat Schmelz und mitunter einen derart hell eingefärbten Ton, dass man beinahe vergisst, dass hier ein Instrument zu hören ist, das oftmals nur den Continuo-Part mitspielen darf.  
Den Abschluss dieses mitreißenden Programmes bildet die Fantaisie Pastorale Hongroise op. 26 von Franz Doppler, ursprünglich entstanden für Flöte und Orchester. Der Komponist, der zu den Mitbegründern der ungarischen Musikkultur des 19. Jahrhunderts gehörte, zündet in diesem Werk ein wahres Feuerwerk. Das lässt sich erstaunlicherweise auch auf dem Fagott spielen, wie Koyama beweist. Was für ein Temperament! Und ein Bravo auch an Clemens Müller, der die junge Musikerin sehr versiert begleitet.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Müller: Concertos for clarinet and orchestra / Duo concertante (MDG)

Über Leben und Werk von Iwan Müller (1786 bis 1845) wurde in diesem Blog bereits ausführlich berichtet. Der Klarinettenvirtuose war bereits vor seinem 20. Geburtstag Mitglied der Hofkapelle des russischen Zaren in St. Petersburg. Müller engagierte sich sehr für die Weiterentwicklung der Klarinette. So warb er auf Tourneen quer durch Europa für seine Clarinette omni- tonique; seine Aktivitäten scheiterten allerdings, als eine hochkarätig besetzte Kommission des Pariser Conservatoire 1812 die Innovation ablehnte. Die Experten wollten die Klangfarben der herkömmlichen Instrumente erhalten – und Müllers Klarinettenfabrik war damit bankrott. Der Musiker ging wieder auf Konzertreisen; seine letzten Lebensjahre verbrachte Müller als Kammermusikus im Dienst der Fürsten von Schaumburg-Lippe in Bückeburg. 
Friederike Roth, die Klarinettistin des Berolina Ensembles, stellt auf dieser CD einige der Werke vor, mit denen Müller einst dem Publikum und den Kollegen die Möglichkeiten seines Instrumentes exemplarisch aufgezeigt hat. Dem Zuhörer wird dies einiges Vergnügen bereiten. Denn die Klarinettenkonzerte von Iwan Müller erweisen sich als Bravourstücke, die sich eher am Vorbild des Belcanto als am sinfonischen Konzert des 19. Jahrhunderts orientieren. Der Virtuose demonstrierte, dass er mit seiner Klarinette ebenso flexibel agieren konnte wie ein Sänger. Besonders deutlich wird dies im Duo concertante Es-Dur op. 23, einem brillanten Zwiegesang, der klingt, als entstammte er der Feder von Rossini. Auf ein Cantabile folgt eine Cabaletta voll Witz und Esprit. Friederike Roth musiziert hier gemeinsam mit Johannes M. Gmeinder. Begleitet werden die Solisten vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Evan Christ. 

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Thomas Quasthoff - Mein Weihnachten (Deutsche Grammophon)

Dass Thomas Quasthoff seine Karriere als Lied- und Opernsänger beendet hat, das heißt wohl nicht, dass das Publikum von ihm nichts mehr hören wird. So ganz mag der Bariton das Singen offenbar nicht lassen. Auf dieser CD ist er mit vier weihnachtlichen Jazz-Standards zu hören. Die cool-beschwingten Songs trägt er gemeinsam mit Frank Chastenier, Klavier, Dieter Ilg, Bass, Wolfgang Haffner, Schlagzeug und Percussion und Bruno Müller, E-Gitarre, vor. Mit den vier Musikern hatte er bereits das Album Tell It Like Is It aufgenommen. Die Arrangements sind klar und reduziert: „Mir geht es in diesem Album um diese zurückgelehnte Gelassenheit“, meint Quasthoff, „dieses Spiel mit der Fluffigkeit, die Reduktion aufs Wesentliche, den Sound unserer Jazz-Band.“ 
Und auch sonst ist diese CD ein Stück weit gekennzeichnet durch die Rückkehr zu den Wurzeln. Denn Quasthoff startete seine Laufbahn als Radiomoderator und Sprecher beim NDR. Mit seiner markanten Stimme spricht er nun Gedichte, die unsere deutsche Weihnacht aus sehr unter- schiedlichen Perspektiven betrachten. Eine sehr persönliche CD, die sich wohltuend vom allgemeinen Kommerzgedudel abhebt. Rundum gelungen! 

Montag, 7. April 2014

Müller: Souvenir de Dobbéran (Naxos)

Iwan Müller (1786 bis 1854) ver- danken wir, zumindest indirekt, bedeutende Klarinettenkonzerte. Denn der Virtuose, der schon als Teenager Mitglied der Hofkapelle des Zaren war, entwickelte das Instrument entscheidend weiter. Er verbesserte den Klappen- mechanismus, indem er die Löcher mit Leder anstatt Filz abdichtete, und stattete die Klarinette mit 13 Klappen aus. Diese Clarinette omnitonique beeindruckte Musikerkollegen wie Heinrich Baermann (1784 bis 1847) oder Johann Simon Hermstedt (1778 bis 1846) sehr; sie ließen sich ähnliche Exemplare bauen. Und Komponi- sten wie Weber und Spohr nutzten die neuen Klangmöglichkeiten in Werken, die bis heute zur Literatur gehören. 
Müller reiste durch Europa, er konzertierte und präsentierte sein Instrument. Dafür schrieb er sich auch Musik, die seinerzeit spektakulär war – wie ein Klarinettenquartett, das die Tonart e-Moll verwendet. Es wäre auf einem herkömmlichen Instrument damals wohl nicht spielbar gewesen. Auch in seiner Salonmusik im Belcanto-Stil nutzte Müller die neuen Möglichkeiten aus. Sein heute noch bekanntestes Stück heißt Souvenir de Dobbéran. Entstanden ist es im Sommer 1824 in Bad Doberan, seinerzeit Europas führendes Heil- und Seebad. Es ist ein Stück voll Licht, Luft und Seligkeit – eben ganz Sommerfrische; außerdem soll es die erste musikalische Ansichts- karte überhaupt sein. 
Klarinettistin Friederike Roth musiziert gemeinsam mit dem Berolina Ensemble sowie dem Klarinettisten Wenzel Fuchs und, bei einigen Stücken, Erika le Roux am Klavier. Eine gelungene CD, die man rund- um genießen kann. 

Montag, 3. März 2014

Schütz: Kleine geistliche Konzerte I (Carus)

„Anempfohlen sei, man möge sich beim Hören in Ruhe auf einige wenige der ‚Kleinen geistlichen Konzerte‘ beschränken, vielleicht vier oder fünf – dazwischen sei genügend Raum für nachklingen- de Stille“, empfiehlt Ludger Rémy in einem Geleitwort zu dieser CD. „Denn jedes Concert ist mehr als nur reine Musik: Es ist Verkündi- gung.“ 
Es ist dies die erste CD der neuen Schütz-Gesamteinspielung bei Carus, an der Hans-Christoph Rademann nicht mitgewirkt hat. Das hat der Aufnahme nicht gut getan. Festzustellen ist: Dem Ensemble hier fehlt es klar an Führung. Denn die Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz beziehen ihre Ausdrucksstärke gerade aus der untrennbaren Verknüpfung von Text und Musik, sie sind Exegese mit musikalischen Mitteln. 
Dazu allerdings muss der Hörer zu allererst den Text verstehen. Das fällt nicht leicht, wenn die Instrumente die Sänger übertönen. Zu hö- ren sind hier zudem Verzierungen, die das Wort nicht unterstreichen, sondern verwischen. An solchen kleinen Details stellt man fest, dass es dieser Interpretation an Sorgfalt und Tiefgründigkeit mangelt. Empfehlen kann ich die CD daher leider nicht; mittlerweile sind eine ganze Reihe ausdrucksstärkerer Aufnahmen auf dem Markt, und wer es nostalgisch möchte, dem sei beispielsweise die „originale“ Besetzung mit Knabenstimmen aus dem Dresdner Kreuzchor ans Herz gelegt. Sie singen mit jener Eindringlichkeit, die man bei den Profis hier vermisst. Von einer „Luxusbesetzung“, so wirbt das Label, darf man wohl mehr erwarten als saubere Töne. 

Montag, 27. Januar 2014

Stölzel: Quadri di Dresda e Bruxelles (cpo)

Der legendäre Schrank II im No- tenarchiv der Dresdner Staats- kapelle enthielt neben Werken von Johann Adolf Hasse, Johann Friedrich Fasch, dem kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux, Antonio Vivaldi und Arcangelo Corelli, Händel, Telemann und Locatelli auch Musik von Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749). Der Komponist, der aus Grünstäd- tel im Erzgebirge stammte und nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn bis nach Italien führten, schließlich als Kapellmeister in Gotha seine Lebensaufgabe fand, war zu Lebzeiten hoch geachtet – und wurde dann erstaunlicherweise vergessen. 
Das Label cpo engagiert sich schon seit einiger Zeit, um die Aufmerk- samkeit von Musikern und Publikum auf die Werke Stölzels zu lenken und sie so aus dem Archivschlaf zu erwecken. Nach seinem Weih- nachtsoratorium und der Brockes-Passion sind nun auch die Quadri di Dresda e Bruxelles auf CD erhältlich. In diesen neun Quartetten, geistreich nach italienischem Vorbild gearbeitet, konzertieren Violine, Oboe, Horn, Fagott und Cembalo sehr abwechslungsreich miteinander und um die Wette. Sämtliche Melodieinstrumente, einschließlich Horn, sind daran gleichermaßen beteiligt; selbst der Basso continuo tritt gelegentlich mit exponierten Passagen hervor. So erhält jeder Musiker die Möglichkeit, sowohl solistisch als auch im Ensemblespiel zu brillieren. 
Die Mitglieder von Epoca Barocca präsentieren Stölzels Werke auf originalen Instrumenten. Alessandro Piqué, Oboe, Thomas Müller, Horn, Veit Scholz, Fagott, Verena Schoneweg, Violine und Michael Beringer am Cembalo überzeugen sowohl in den schnellen, virtuosen Abschnitten als auch in den langsamen Mittelsätzen, deren aparte Melodik ein ganz besonderes Vergnügen bereitet. Wundervolle Musik – gern mehr davon! 

Samstag, 29. Dezember 2012

Weihnachtssingen (Rondeau)

Einen Knabenchor gab es an der Lübecker Marienkirche schon zu Zeiten Franz Tunders und seines Nachfolgers Dieterich Buxtehude. Neu begründet wurde diese Tradition dann 1948 unter dem Dach der Gesellschaft zur Beför- derung gemeinnütziger Tätigkeit von 1789 e.V. Heute lädt die Lübecker Knabenkantorei an St. Marien jedes Jahr in der Advents- zeit zum Weihnachtssingen ein - und diese Konzerte der jungen Sänger locken alljährlich tausende Zuhörer in die herrliche Backsteinkirche. 
Eine Auswahl der Werke, die dort typischerweise erklingen, hat das Leipziger Label Rondeau Production im Sommer dieses Jahres mit den Lübeckern aufgezeichnet. Dr. Bernd Schwarze liest die Geschich- te, die ebenfalls zum Weihnachtssingen gehört - es ist nicht die biblische Weihnachtsgeschichte, sondern eine höchst gegenwärtige, und, so will es die Tradition: Pastor Schwarze schreibt in jedem Jahr eine neue Geschichte. 
Die Chorknaben und die jungen Männer bewegen sich während des Konzertes durch den Raum. Die Kantorei durchwandert die Kirche, so dass alle Zuhörer den Chorgesang einmal aus der Nähe erleben können. Auch der Marienorganist Johannes Unger wandert, denn in der Bürgerkathedrale gibt es zwei große Orgeln, und zum Weihnachts- singen erklingen sie beide. 
So geleiten nicht nur die Orgelklänge, sondern auch das Instrument von Johanna Maier, Soloharfenistin des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt, die jungen Sänger. Der Chor singt unter Leitung von Marienkantor Michael D. Müller traditionelle und zeitgenössische Weihnachtsmusik - überwiegend, aber nicht nur Weihnachtslieder, viele davon in anspruchsvollen modernen Sätzen. Die Knabenkanto- rei erweist sich als gut studiert, aber sie könnte durchaus noch mehr Kraft und Ausstrahlung entwickeln. Naja, vielleicht im nächsten Jahr. Denn da öffnen sich wieder in der Vorweihnachtszeit die Tore von
St. Marien zum Weihnachtssingen. 

Sonntag, 25. November 2012

Handel: Messiah (Tafelmusik)

Aufnahmen von Händels Messias gibt es viele. Diese hier setzt auf Rhetorik - und man horcht gleich beim ersten Solo des Tenors Rufus Müller auf: Ganz offenkundig sind sich Sänger, Instrumentalisten und Dirigent in Sachen Gestaltung einig. Wer regelmäßig "echte" Konzerte besucht, der weiß, das dies keinesfalls selbstverständlich ist. 
Die Solopartien sind mit Karina Gauvin, Robin Blaze, Rufus Müller und Brett Polegato sehr hörenswert besetzt; in diesem Solistenquar- tett schwächelt einzig die Sopranistin ein wenig. Vielleicht liegt es an der starken Orientierung am Text, dass Gauvin eher erdverbunden-dramatisch klingt als engelhaft ätherisch. 
Das Tafelmusik Baroque Orchestra überzeugt durch sein exzellentes Zusammenspiel mit den Sängern, und durch eine Leichtigkeit und Beschwingtheit, die auch Händel ganz sicher begeistert hätte. Im Zentrum dieses Oratoriums aber steht eigentlich der Chor, in diesem Falle der Tafelmusik Chamber Choir unter Ivars Taurins. Das Ensem- ble ist für einen Kammerchor ziemlich groß, doch es singt phäno- menal. Die Stimmen sind enorm beweglich, klangschön und von einer berückenden Ausstrahlung. Wer auf der Suche nach einer Messias-Einspielung für die Feiertage ist - diese hier gehört zu den absoluten Favoriten. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 22. Januar 2012

Schütz: Musikalische Exequien (Carus)

Trauermusiken von Heinrich Schütz hat Hans-Christoph Rade- macher für CD 3 der Schütz-Ge- samteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor zusammengestellt. Dabei wird das exzellente Dresdner Ensemble zusätzlich durch junge Solisten unterstützt, die dennoch durchweg sehr viel Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik mit- bringen: Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp und Matthias Lutze singen Soli mit Strahlkraft, fügen sich aber ebenso selbstverständlich ins Ensemble ein. Der Dresdner Kammerchor musiziert erneut auf höchstem Niveau; an Violone und Orgel lassen sich Matthias Müller und Ludger Rémy hören. So gelingt Rademann eine Hochglanz-Auf- nahme, die in ihrer Perfektion schon fast wieder ein bisschen langwei- lig ist. Spannend ist allerdings das Repertoire - man staunt, doch diese CD enthält vier Weltersteinspielungen. Ganz offensichtlich gibt es in Schütz' Werk noch immer einige Perlen zu entdecken, die bei aller Schütz-Renaissance bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit be- kommen haben. 

Dienstag, 2. August 2011

Bach Family: Chamber music for two flutes (Nimbus)

"Irgend ein witziger Kopf cha- rakterisiert die drey Brüder Bach, als Künstler sehr treffend also: Als Künstler: Friedemann Bach (der hallische) ist Meister im Hell-Dunkel, Emanuel (der hamburgi- sche) im Grau in Grau, Christian (der Londoner) in vielfarbigen Blumenstücken nach der Natur", schrieb 1799/1800 ein anonymer Autor in der Allgemeinen Musika- lischen Zeitung: "Vielleicht könnte sie auch so als Künstler und eini- germaßen auch als Menschen - was sich ja ohnehin nur in der Idee trennen lässt - von einander un- terscheiden: Friedemann wollte in Arbeiten nur sich Genüge leisten, Emanuel mehr Kennern und Liebhabern, Christian mehr Liebhabern und Virtuosen. Friedem. stieß daher von sich, Eman. interessierte, Christ. wurde beliebt. Friedem. blieb roh, Eman. kultivirt, Christ. polirt. Friedem. darbte deshalb, Eman. hatte genug, Christ. bekam zum Verschwenden. (...) Friedem. fand fast nur Feinde, Eman. viel Freunde, Christ. noch mehr Gesellen. Friedem. achtete den mittleren Bruder mäßig, verachtete den jüngern; Eman. achtete den ältern hoch, den jüngern mäßig; Christ. lachte beyde aus." 
Johann Christoph Friedrich, den "Bückeburger Bach", ließ der unbe- kannte Musikkritiker bei dieser Betrachtung gleich außen vor; er war ein versierter Klaviervirtuose, und seine Werke befanden schon seine Zeitgenossen für zu gefällig-höfisch. Sein Sohn Wilhelm Friedrich Ernst Bach ging bereits mit 18 Jahren zu seinem erfolgreichen Onkel nach London, und wurde ebenfalls ein gefeierter Pianist. Er war der letzte Bach, der in der Musikgeschichte eine Rolle spielte. 
Diese CD versammelt Kammermusik für zwei Flöten, die von den Bach-Söhnen sowie dem Enkel Wilhelm Friedrich Ernst komponiert worden ist. Die Trios sind stilistisch, in ihrer Besetzung wie in ihren technischen Anforderungen höchst unterschiedlich. Es handelt sich aber durchweg um gehobene Hausmusik für Kenner und Liebhaber. Sämtliche Stücke sind klangschön. Doch sie zeigen auch, dass selbst im Hause Bach lang nicht alles vom Genie umkränzt war, was da auf Notenpapier gelangte. 
Die Flötisten Hansgeorg Schmeiser und Jan Ostrý musizieren gemein- sam mit der Bratschistin Eszter Haffner, Othmar Müller am Violon- cello und Ingomar Rainer, Cembalo. Sie spielen harmonisch zusam- men, wie aus einem Atem, und machen so die mitunter etwas zur Länge neigenden "Selbstspiel-Stücke" auch zu einem Hörvergnügen.  

Dienstag, 5. April 2011

Mendelssohn: Elias (Naxos)

Felix Mendelssohn Bartholdy, hochdramatisch: Das Wort Orato- rium ist für Elias zu schwach. Dieses Werk, ein regelrechtes Bibliodrama, schuf Mendelssohn nach einer Textkompilation aus dem Buch der Könige, geschrieben von seinem Freund Julius Schub- ring, Pastor in Dessau.
Der Komponist war von den Orga- nisatoren des Festivals gebeten worden, bei den Festspielen 1846 in Birmingham die künstlerische Leitung zu übernehmen - und dort ein neues Werk vorzustellen. Die Direktion lehnte er ab, den Komposi- tionsauftrag allerdings akzeptierte er - und so erklang der Elias erstmals am 26. August 1846 in Birmingham. Das Werk sorgte für Furore; 1847 folgten weitere Aufführungen in London, und nach Leipzig zurückgekehrt, begann Mendelssohn dann mit den Proben für die deutsche Uraufführung. Sie wurde schließlich von Niels Wilhelm Gade geleitet, denn Mendelssohn war am 4. November 1847 nach mehreren Schlaganfällen gestorben. 
Im englischen Sprachraum blieb der Elias immer beliebt; in Deutsch- land ist er es heute wieder - wohl jeder Chor freut sich darüber, dieses Werk singen zu dürfen. Die Anleihen bei Bach, für dessen Passionen sich Mendelssohn sehr eingesetzt hatte, sind unüberhörbar. Dennoch ist der Elias ganz Romantik - in seinen expressiven Chören ebenso wie in den mitreißenden Ensembles, den oftmals wuchtigen, machtvollen Partien der Solisten und der Klangsprache des Orchesters. 
In der vorliegenden Aufnahme mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Jun Märkl steht die Dramatik klar im Vordergrund. Der Chor erweist sich als überaus stimmstark; doch auch die fünf Solisten, auf die hier die ursprünglich sechs wesentli- chen Solopartien verteilt sind, singen sehr hörenswert - allen voran Ruth Ziesak mit ihrem kristallklaren Sopran, Claudia Mahnke mit einem wunderschönen, dunkel timbrierten Mezzo, Luise Müller als "Knaben"sopran, sowie der Bassist Ralf Lukas als fulminanter Elias, und Christoph Genz, Tenor. Immer wieder sind auch Chorsolisten zu hören; leider erfährt hier man keine Namen. 

Sonntag, 26. Dezember 2010

Albinoni: Sonate da Chiesa - Opera Quarta (Genuin)

"Wenn ein Komponist für das eigene Instrument mehrere Stücke geschrieben hat, empfindet man eine gewisse Sympathie, die dann in Dankbarkeit übergeht", erläu- tert Jaime González, Professor für Oboe an der Hochschule der Künste in Bern, die Auswahl der Werke für diese CD. "Deshalb wollte ich mich bei Albinoni bedanken für die wunderschönen Oboenkonzerte Op. 7 und Op. 9 und dabei zeigen, wie gut die Musik ist, die er komponiert hat." 
Tomaso Giovanni Albinoni (1671 bis 1751) war der Sohn eines vene- zianischen Spielkartenmachers. Er erlernte ebenfalls diesen Beruf, und als er 1694 seine erste Oper und die erste Sammlung von Trio- sonaten vorstellte, bezeichnete er sich als dilettante veneto. Schon bald schuf er mehrere Opern jährlich, und entschied sich endgültig für den Musikerberuf. In diesem war er recht erfolgreich; so erhielt er, insbesondere in den 1720er Jahren, Aufträge aus ganz Europa. Albinoni komponierte in erster Linie Opern, Kantaten und Instru- mentalmusik. Nicht alles, was unter seinem Namen kursiert, stammt auch von ihm. Das berühmte Adagio für Orgel und Streicher beispielsweise hat sein Biograph Remo Giazotti 1958 aus einer Triosonate "rekonstruiert".
Die Sonate da Chiesa auf dieser CD werden in den Werklisten als "Pseudo-op.4" geführt. Zumindest bei einem dieser Werke ist die Autorschaft umstritten; darüber freilich findet sich kein kritisches Wort. Auch soll der Druck aus dem Jahre 1708 stammen - das Beiheft verweist ihn allerdings kommentarlos auf 1704. Darüber staunt man dann doch. Und es wäre auch interessant gewesen, im Beiheft der CD einen Hinweis auf die Quelle für die Sonata da Camera in C-Dur zu finden, die abschließend erklingt.
Werke, die ursprünglich für Violine bestimmt waren, auf der Oboe zu spielen, ist in der Barockzeit durchaus üblich gewesen. Einige Passa- gen werden dadurch technisch eine Herausforderung, aber genau dort ist González am besten. Asa Akerberg, Barockcello, Thomas C. Boysen, Barockgitarre und Theorbe, und Martin Müller, Cembalo, erweisen sich als versierte Besetzung für den Basso continuo. Musiziert wird wirklich hörenswert, und die Aufnahme sei daher hier gern empfohlen.