Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit.
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat.
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade!
Posts mit dem Label Rémy werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rémy werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 30. April 2018
Mittwoch, 28. März 2018
Schütz: Johannespassion (Carus)
Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark.
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt.
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet.
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt.
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet.
Montag, 14. November 2016
Fasch: Overture Symphonies (cpo)
Bereits zum zweiten Male widmen sich Les Amis de Philippe dem Schaffen von Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758), insbesondere dessen Ouvertüren. Enthielt die erste CD groß besetzte Werke, die für den Dresdner Hof entstanden sind, so hat sich das Ensemble, das unter der Leitung von Ludger Rémy bereits etliche Raritäten der mitteldeutschen Musikgeschichte aufgespürt und aufgeführt hat, nun den Ouvertüren-Sinfonien des Zerbster Hofkapell- meisters zugewandt.
Entstanden sind diese Musikstücke als Weiterentwicklung der Gattung Ouvertüre, die Fasch lange Jahre sehr erfolgreich pflegte – mehr als 80 solcher Suiten sind überliefert. Sie wurden nicht nur am Anhalt-Zerbster Hof geschätzt, sondern offenbar auch in Dresden, wo Konzertmeister Johann Georg Pisendel in seiner Musikalien- sammlung über etliche dieser Werke seines alten Freundes aus Leipziger Studientagen verfügte.
Um 1740 allerdings kam die traditionelle Orchestersuite, die nach einer Einleitung eine Folge von Tänzen aneinanderreihte, aus der Mode: „Nur ist, wegen der guten Wirkung welche die Ouvertüren thun, zu bedauern, daß sie in Deutschland nicht mehr üblich sind“, schrieb Johann Joachim Quantz 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiére zu spielen.
Fasch reagierte darauf, indem er französische Ouverture und italienische Sinfonie, nach dem Vorbild Vivaldis, miteinander verknüpfte. Das Ergeb- nis ist hinreißend; auf die Ouvertüre lässt Fasch einen expressiv-galanten langsamen Mittelsatz folgen, mitunter ergänzt durch ein weiteres Stück im Stile antico, bevor dann, wie in einer italienischen (Opern-)Sinfonie, ein flottes Allegro zum Finale erklingt. Professor Manfred Fechner, der die Aufführungspartituren für diese CD aus Dresdner Handschriftenbeständen erarbeitet hat, stellt in seinem Geleitwort im Beiheft fest, dass insbesondere die Mittelsätze in ihrer Klangsprache sehr innovativ sind und weit in die Zukunft weisen.
Zuhörern, die sich weniger für Musikgeschichte interessieren, bietet diese CD in jedem Falle erlesene Unterhaltung. Faschs Musik ist ausgesprochen abwechslungsreich und beeindruckt mit einer enormen Vielfalt an Ideen und Klangfarben. Sie wird durch Les Amis de Philippe elegant vorgestellt. Ludger Rémy, dem Cembalisten und Leiter dieses Ensembles, noch nach- träglich herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Fasch-Preis, der seit 1993 für besondere Verdienste um Popularisierung bzw. Erfor- schung des Lebens und der Werke des Komponisten verliehen wird.
Entstanden sind diese Musikstücke als Weiterentwicklung der Gattung Ouvertüre, die Fasch lange Jahre sehr erfolgreich pflegte – mehr als 80 solcher Suiten sind überliefert. Sie wurden nicht nur am Anhalt-Zerbster Hof geschätzt, sondern offenbar auch in Dresden, wo Konzertmeister Johann Georg Pisendel in seiner Musikalien- sammlung über etliche dieser Werke seines alten Freundes aus Leipziger Studientagen verfügte.
Um 1740 allerdings kam die traditionelle Orchestersuite, die nach einer Einleitung eine Folge von Tänzen aneinanderreihte, aus der Mode: „Nur ist, wegen der guten Wirkung welche die Ouvertüren thun, zu bedauern, daß sie in Deutschland nicht mehr üblich sind“, schrieb Johann Joachim Quantz 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiére zu spielen.
Fasch reagierte darauf, indem er französische Ouverture und italienische Sinfonie, nach dem Vorbild Vivaldis, miteinander verknüpfte. Das Ergeb- nis ist hinreißend; auf die Ouvertüre lässt Fasch einen expressiv-galanten langsamen Mittelsatz folgen, mitunter ergänzt durch ein weiteres Stück im Stile antico, bevor dann, wie in einer italienischen (Opern-)Sinfonie, ein flottes Allegro zum Finale erklingt. Professor Manfred Fechner, der die Aufführungspartituren für diese CD aus Dresdner Handschriftenbeständen erarbeitet hat, stellt in seinem Geleitwort im Beiheft fest, dass insbesondere die Mittelsätze in ihrer Klangsprache sehr innovativ sind und weit in die Zukunft weisen.
Zuhörern, die sich weniger für Musikgeschichte interessieren, bietet diese CD in jedem Falle erlesene Unterhaltung. Faschs Musik ist ausgesprochen abwechslungsreich und beeindruckt mit einer enormen Vielfalt an Ideen und Klangfarben. Sie wird durch Les Amis de Philippe elegant vorgestellt. Ludger Rémy, dem Cembalisten und Leiter dieses Ensembles, noch nach- träglich herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Fasch-Preis, der seit 1993 für besondere Verdienste um Popularisierung bzw. Erfor- schung des Lebens und der Werke des Komponisten verliehen wird.
Sonntag, 5. April 2015
Schütz: Matthäuspassion (Carus)
Rechtzeitig zum Osterfest erschien jüngst bei Carus die Matthäuspassion von Heinrich Schütz (1585 bis 1672). Es handelt sich dabei um ein spät, im Jahre 1666, entstandenes Werk. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Schütz bereits vom Dresdner Hof nach Weißenfels zurückgezogen, wo er aber, umsorgt von seiner ebenfalls betagten Schwester, noch immer Gewichtiges komponierte. Dazu gehört ohne Zweifel auch die Matthäuspassion – obzwar sie auf uns heute, im Vergleich zu Bachs Vertonung desselben Bibeltextes, zunächst ziemlich altmodisch und fremd wirkt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Schütz' Passionen durchweg A-cappella-Werke sind – in der Passionszeit hatten seinerzeit die Instrumente zu schweigen.
Irritierend wirkt auf den heutigen Zuhörer auch die Tatsache, dass in diesem Musikstück auf weiten Strecken psalmodiert wird. Dieses Gestaltungsmittel, bei dem der Text rhythmisch frei fast durchgehend auf einem Ton rezitiert wird, ist uralt. Doch wenn man genauer hinschaut, dann steckt schon in der Wahl des Rezitationstones ein theologisches Programm: Schütz wählte g-dorisch, und damit eine Kirchentonart, die auf Heil und Auferstehung verweist. Und auch sonst erkennt man bald, wie subtil dieses Werk gestaltet wurde. Hier ist kein einziger Ton nur Ornament. In der Reduktion auf das Wesentliche, dem Verzicht auf Opulenz, entfaltet Schütz' Musik eine enorme Kraft und Ausstrahlung.
Der Dresdner Kammerchor stellt sich nun dieser Herausforderung, und meistert sie ganz hervorragend. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Georg Poplutz in der Partie des Evangelisten und Felix Rumpf in der Rolle des Jesus. Sie deklamieren ihren Text ausdrucksstark und präzise; Schütz wäre darüber ganz sicher erfreut gewesen. Doch auch all die kleineren Soli sind exzellent besetzt, und der Chor singt grandios, mit blitzsauberer Intonation und beeindruckender Lebendigkeit. Der Text, ganz wichtig, ist stets zu verstehen.
Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann agiert auch in den drei weiteren Stücken mit Präzision und jener erfreulichen Sing- kultur, die das Ensemble kennzeichnet. Unterstützt werden die Sänger durch Margret Baumgartl und Karina Müller, Violine, Sarah Perl, Violone und Ludger Rémy an der Truhenorgel. Hervorzuheben ist insbesondere die Litania SWV 458, ein beeindruckender, fast zehnminütiger Wechselge- sang. Er wird von der Sopranistin Ulrike Hofbauer und dem Dresdner Kammerchor so gelungen gestaltet, dass der Zuhörer wie gebannt lauscht. Heinrich Schütz hat die Deutsche Litanei Martin Luthers übrigens dreimal vertont. Den Menschen, die damals – nicht zuletzt durch den Dreißigjäh- rigen Krieg – Leid, Not und Seuchen nur zu gut kannten, muss dieser Text aus der Seele gesprochen haben.
Irritierend wirkt auf den heutigen Zuhörer auch die Tatsache, dass in diesem Musikstück auf weiten Strecken psalmodiert wird. Dieses Gestaltungsmittel, bei dem der Text rhythmisch frei fast durchgehend auf einem Ton rezitiert wird, ist uralt. Doch wenn man genauer hinschaut, dann steckt schon in der Wahl des Rezitationstones ein theologisches Programm: Schütz wählte g-dorisch, und damit eine Kirchentonart, die auf Heil und Auferstehung verweist. Und auch sonst erkennt man bald, wie subtil dieses Werk gestaltet wurde. Hier ist kein einziger Ton nur Ornament. In der Reduktion auf das Wesentliche, dem Verzicht auf Opulenz, entfaltet Schütz' Musik eine enorme Kraft und Ausstrahlung.
Der Dresdner Kammerchor stellt sich nun dieser Herausforderung, und meistert sie ganz hervorragend. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Georg Poplutz in der Partie des Evangelisten und Felix Rumpf in der Rolle des Jesus. Sie deklamieren ihren Text ausdrucksstark und präzise; Schütz wäre darüber ganz sicher erfreut gewesen. Doch auch all die kleineren Soli sind exzellent besetzt, und der Chor singt grandios, mit blitzsauberer Intonation und beeindruckender Lebendigkeit. Der Text, ganz wichtig, ist stets zu verstehen.
Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann agiert auch in den drei weiteren Stücken mit Präzision und jener erfreulichen Sing- kultur, die das Ensemble kennzeichnet. Unterstützt werden die Sänger durch Margret Baumgartl und Karina Müller, Violine, Sarah Perl, Violone und Ludger Rémy an der Truhenorgel. Hervorzuheben ist insbesondere die Litania SWV 458, ein beeindruckender, fast zehnminütiger Wechselge- sang. Er wird von der Sopranistin Ulrike Hofbauer und dem Dresdner Kammerchor so gelungen gestaltet, dass der Zuhörer wie gebannt lauscht. Heinrich Schütz hat die Deutsche Litanei Martin Luthers übrigens dreimal vertont. Den Menschen, die damals – nicht zuletzt durch den Dreißigjäh- rigen Krieg – Leid, Not und Seuchen nur zu gut kannten, muss dieser Text aus der Seele gesprochen haben.
Montag, 3. März 2014
Schütz: Kleine geistliche Konzerte I (Carus)
„Anempfohlen sei, man möge sich beim Hören in Ruhe auf einige wenige der ‚Kleinen geistlichen Konzerte‘ beschränken, vielleicht vier oder fünf – dazwischen sei genügend Raum für nachklingen- de Stille“, empfiehlt Ludger Rémy in einem Geleitwort zu dieser CD. „Denn jedes Concert ist mehr als nur reine Musik: Es ist Verkündi- gung.“
Es ist dies die erste CD der neuen Schütz-Gesamteinspielung bei Carus, an der Hans-Christoph Rademann nicht mitgewirkt hat. Das hat der Aufnahme nicht gut getan. Festzustellen ist: Dem Ensemble hier fehlt es klar an Führung. Denn die Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz beziehen ihre Ausdrucksstärke gerade aus der untrennbaren Verknüpfung von Text und Musik, sie sind Exegese mit musikalischen Mitteln.
Dazu allerdings muss der Hörer zu allererst den Text verstehen. Das fällt nicht leicht, wenn die Instrumente die Sänger übertönen. Zu hö- ren sind hier zudem Verzierungen, die das Wort nicht unterstreichen, sondern verwischen. An solchen kleinen Details stellt man fest, dass es dieser Interpretation an Sorgfalt und Tiefgründigkeit mangelt. Empfehlen kann ich die CD daher leider nicht; mittlerweile sind eine ganze Reihe ausdrucksstärkerer Aufnahmen auf dem Markt, und wer es nostalgisch möchte, dem sei beispielsweise die „originale“ Besetzung mit Knabenstimmen aus dem Dresdner Kreuzchor ans Herz gelegt. Sie singen mit jener Eindringlichkeit, die man bei den Profis hier vermisst. Von einer „Luxusbesetzung“, so wirbt das Label, darf man wohl mehr erwarten als saubere Töne.
Es ist dies die erste CD der neuen Schütz-Gesamteinspielung bei Carus, an der Hans-Christoph Rademann nicht mitgewirkt hat. Das hat der Aufnahme nicht gut getan. Festzustellen ist: Dem Ensemble hier fehlt es klar an Führung. Denn die Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz beziehen ihre Ausdrucksstärke gerade aus der untrennbaren Verknüpfung von Text und Musik, sie sind Exegese mit musikalischen Mitteln.
Dazu allerdings muss der Hörer zu allererst den Text verstehen. Das fällt nicht leicht, wenn die Instrumente die Sänger übertönen. Zu hö- ren sind hier zudem Verzierungen, die das Wort nicht unterstreichen, sondern verwischen. An solchen kleinen Details stellt man fest, dass es dieser Interpretation an Sorgfalt und Tiefgründigkeit mangelt. Empfehlen kann ich die CD daher leider nicht; mittlerweile sind eine ganze Reihe ausdrucksstärkerer Aufnahmen auf dem Markt, und wer es nostalgisch möchte, dem sei beispielsweise die „originale“ Besetzung mit Knabenstimmen aus dem Dresdner Kreuzchor ans Herz gelegt. Sie singen mit jener Eindringlichkeit, die man bei den Profis hier vermisst. Von einer „Luxusbesetzung“, so wirbt das Label, darf man wohl mehr erwarten als saubere Töne.
Samstag, 30. März 2013
Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte; Rademann (Carus)
Ein illustres Ensemble versammel- te sich im April 2012 in der Stadt- kirche zu Radeberg, um bedeuten- de Werke von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) einzuspielen: Mit Die Sieben Worte Jesu am Kreuz, der Lukaspassion sowie der Welt- ersteinspielung des Geistlichen Konzertes Erbarm dich mein, o Herre Gott setzt der Dresdner Kammerchor unter Leitung von Hans-Christoph Rademann die Gesamteinspielung der Werke des Komponisten mit der nunmehr sechsten CD fort. Die exzellenten Chorsänger, aus deren Reihen auch ein großer Teil der solistischen Partien besetzt werden konnte, wurden ergänzt durch Ulrike Hofbauer, Sopran, und Jan Kobow, Tenor. Den Instrumentalpart übernahmen The Sirius Viols - ein Gambenensemble um Hille Perl - sowie Lee Santana, Theorbe, und Ludger Rémy, Orgel. Die Qualitäten dieser Musiker zu rühmen, das hieße Eulen nach Athen tragen.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.
Dienstag, 4. Dezember 2012
Zachow: Christmas Cantatas (Quintone)
Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712) entstammte einer weitverzweigten mitteldeutschen Musikerfamilie. Geboren wurde er in Leipzig, wo er wohl auch die Lateinschule besuchte. 1675 nahm sein Vater, der Kunstgeiger Hein- rich Zachow, allerdings eine Stelle als Stadtpfeifer im nahegelegenen Eilenburg an.
Wir wissen nicht, wer Zachow unterwiesen hat - doch seine Ausbildung muss hervorragend gewesen sein, denn bereits 1684 wurde der junge Musiker zum Organisten der Hallenser Marienkirche gewählt. In diesem Amt war er nicht nur für das Orgelspiel, sondern auch für die Figuralmusik zuständig. In der Gemeinde muss man Zachow sehr geschätzt haben, denn er erhielt trotz seiner Jugend sehr bald ein ziemlich üppiges Gehalt. Zusätzliche Einnahmen brachten ihm seine Schüler. Der bekannteste von ihnen war Georg Friedrich Händel. Er wurde von Zachow im Clavier- und Orgelspiel sowie im Fach Komposition unterwiesen. Auch auf Geige und Oboe soll Händel Unterricht erhalten haben.
Es ist bekannt, dass Zachow eine umfangreiche Sammlung von Musikalien aufgebaut und zu Unterrichtszwecken verwendet hat. Auch davon hat Händel wohl sehr profitiert. Er äußerte sich stets respektvoll und dankbar über seinen Lehrer, und soll zudem nach Zachows Tod dessen Witwe mehr als einmal finanziell unterstützt haben.
Ludger Rémy, der sich seit vielen Jahren für vergessene mittel- deutsche Musik einsetzt und schon so manche Entdeckung vorgestellt hat, bringt gemeinsam mit der Sopranistin Constanze Backes, dem Kammerchor Capella Frisiae und den Instrumentalisten der Accade- mia Amsterdam auf dieser CD nun einige Werke Zachows wieder zum Klingen. Die vier Weihnachtskantaten erweisen sich als hörenswert. Es sind solide gearbeitete Kantaten - und sie stehen dem geistlichen Konzert eines Heinrich Schütz näher als den Kantaten der Bach-Zeit, obwohl die Chöre teilweise an die des frühen Bach erinnern. "Ik was getroffen door de unieke instrumentale bezetting van de kerkcanta- tes", begeistert sich Onno Verschoor, der Gründer und Leiter der Accademia Amsterdam, für Zachows Werke. "Heel bijzonder, nederig bijna, zijn ook de vocale solisten. Zij horen bij het koor. Zachow maakte er nog geen sterren van. Je hoort dat ook op deze cd: De solisten komen akoestisch uit de Capella Frisiae."
Um die Klangwelt, die Zachow seinerzeit in Halle an der Saale er- schaffen hat, für den modernen Hörer nachvollziehbar zu machen, haben sich die Musiker eine Orgel gesucht, die ähnlich klingt wie weiland jene in St. Marien. Gefunden haben sie dieses Instrument, erbaut von Arp Schnitger zwischen 1693 und 1712, in der Pelster- gasthuiskerk in Groningen. Es hat einen Stimmton von 465 Hertz - und schon dieser Chorton sorgt für einen charakteristischen Klang.
Auch die Tatsache, dass Zachow in der Figuralmusik auf die Stadtpfeifer und ihr Instrumentarium zurückgreifen musste, setzt interessante Akzente. So verwendet der Komponist in der Kantate Herr wenn ich nur Dich habe erstmals die Harfe als Soloinstrument. Überliefert wurde sie übrigens, weil Händel sie im Unterricht abge- schrieben hat.
Wir wissen nicht, wer Zachow unterwiesen hat - doch seine Ausbildung muss hervorragend gewesen sein, denn bereits 1684 wurde der junge Musiker zum Organisten der Hallenser Marienkirche gewählt. In diesem Amt war er nicht nur für das Orgelspiel, sondern auch für die Figuralmusik zuständig. In der Gemeinde muss man Zachow sehr geschätzt haben, denn er erhielt trotz seiner Jugend sehr bald ein ziemlich üppiges Gehalt. Zusätzliche Einnahmen brachten ihm seine Schüler. Der bekannteste von ihnen war Georg Friedrich Händel. Er wurde von Zachow im Clavier- und Orgelspiel sowie im Fach Komposition unterwiesen. Auch auf Geige und Oboe soll Händel Unterricht erhalten haben.
Es ist bekannt, dass Zachow eine umfangreiche Sammlung von Musikalien aufgebaut und zu Unterrichtszwecken verwendet hat. Auch davon hat Händel wohl sehr profitiert. Er äußerte sich stets respektvoll und dankbar über seinen Lehrer, und soll zudem nach Zachows Tod dessen Witwe mehr als einmal finanziell unterstützt haben.
Ludger Rémy, der sich seit vielen Jahren für vergessene mittel- deutsche Musik einsetzt und schon so manche Entdeckung vorgestellt hat, bringt gemeinsam mit der Sopranistin Constanze Backes, dem Kammerchor Capella Frisiae und den Instrumentalisten der Accade- mia Amsterdam auf dieser CD nun einige Werke Zachows wieder zum Klingen. Die vier Weihnachtskantaten erweisen sich als hörenswert. Es sind solide gearbeitete Kantaten - und sie stehen dem geistlichen Konzert eines Heinrich Schütz näher als den Kantaten der Bach-Zeit, obwohl die Chöre teilweise an die des frühen Bach erinnern. "Ik was getroffen door de unieke instrumentale bezetting van de kerkcanta- tes", begeistert sich Onno Verschoor, der Gründer und Leiter der Accademia Amsterdam, für Zachows Werke. "Heel bijzonder, nederig bijna, zijn ook de vocale solisten. Zij horen bij het koor. Zachow maakte er nog geen sterren van. Je hoort dat ook op deze cd: De solisten komen akoestisch uit de Capella Frisiae."
Um die Klangwelt, die Zachow seinerzeit in Halle an der Saale er- schaffen hat, für den modernen Hörer nachvollziehbar zu machen, haben sich die Musiker eine Orgel gesucht, die ähnlich klingt wie weiland jene in St. Marien. Gefunden haben sie dieses Instrument, erbaut von Arp Schnitger zwischen 1693 und 1712, in der Pelster- gasthuiskerk in Groningen. Es hat einen Stimmton von 465 Hertz - und schon dieser Chorton sorgt für einen charakteristischen Klang.
Auch die Tatsache, dass Zachow in der Figuralmusik auf die Stadtpfeifer und ihr Instrumentarium zurückgreifen musste, setzt interessante Akzente. So verwendet der Komponist in der Kantate Herr wenn ich nur Dich habe erstmals die Harfe als Soloinstrument. Überliefert wurde sie übrigens, weil Händel sie im Unterricht abge- schrieben hat.
Samstag, 30. Juni 2012
Vivaldi: The Pisendel Sonatas (Genuin)
Der Geiger Johann Georg Pisendel (1685 bis 1755) gehörte zu einer Gruppe von Musikern, die Kur- prinz Friedrich August, den Sohn Augusts des Starken, auf seiner Kavalierstour begleiteten. Sie spielten für den Kurprinzen - und hatten zugleich die Gelegenheit zur persönlichen Weiterbildung. So holte sich Pisendel in Venedig bei Antonio Vivaldi nicht nur Ideen für sein Violinspiel, er nahm bei dem renommierten Kollegen offenbar auch Unterricht im Fach Komposition. Davon berichtet uns der Entwurf eines Violinkonzertes mit schwungvollen Korrekturen durch Vivaldi, der sich im Bestand der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden be- findet.
Unter den Schätzen aus Pisendels Musikaliensammlung, die im legen- dären "Schrank II" überliefert worden sind, befinden sich auch sechs Concerti für Violine, Streicher und Basso Continuo sowie fünf Sona- ten für Violine und Basso continuo, fatto per Maeostro Pisendel Del Viualdi. Die Handschriften der Sonaten, wie sie die Bibliothek 1982 in einer Faksimile-Ausgabe veröffentlicht hat, bildeten die Grundlage für die vorliegende CD. Wer freilich meint, man müsse nur dem No- tentext getreu musizieren, dann würde auch der korrekte Vivaldi erklingen, der irrt. Annette Unger, Professorin für Violine an der Dresdner Musikhochschule, wagt sich an den Violinpart, den sie durch individuelle virtuose Auszierung - wie zu Pisendels Zeiten üb- lich - ganz schön in Schwung bringt. Ihr sekundieren Michael Pfaen- der am Violoncello und Ludger Rémy am Cembalo, beides ausge- wiesene Spezialisten für "Alte" Musik. Man staunt, was die beiden aus dem Continuo-Part machen. Eine sehr hörenswerte Aufnahme, die zudem eine Lücke im Repertoire schließt.
Unter den Schätzen aus Pisendels Musikaliensammlung, die im legen- dären "Schrank II" überliefert worden sind, befinden sich auch sechs Concerti für Violine, Streicher und Basso Continuo sowie fünf Sona- ten für Violine und Basso continuo, fatto per Maeostro Pisendel Del Viualdi. Die Handschriften der Sonaten, wie sie die Bibliothek 1982 in einer Faksimile-Ausgabe veröffentlicht hat, bildeten die Grundlage für die vorliegende CD. Wer freilich meint, man müsse nur dem No- tentext getreu musizieren, dann würde auch der korrekte Vivaldi erklingen, der irrt. Annette Unger, Professorin für Violine an der Dresdner Musikhochschule, wagt sich an den Violinpart, den sie durch individuelle virtuose Auszierung - wie zu Pisendels Zeiten üb- lich - ganz schön in Schwung bringt. Ihr sekundieren Michael Pfaen- der am Violoncello und Ludger Rémy am Cembalo, beides ausge- wiesene Spezialisten für "Alte" Musik. Man staunt, was die beiden aus dem Continuo-Part machen. Eine sehr hörenswerte Aufnahme, die zudem eine Lücke im Repertoire schließt.
Sonntag, 22. Januar 2012
Schütz: Musikalische Exequien (Carus)
Trauermusiken von Heinrich Schütz hat Hans-Christoph Rade- macher für CD 3 der Schütz-Ge- samteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor zusammengestellt. Dabei wird das exzellente Dresdner Ensemble zusätzlich durch junge Solisten unterstützt, die dennoch durchweg sehr viel Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik mit- bringen: Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp und Matthias Lutze singen Soli mit Strahlkraft, fügen sich aber ebenso selbstverständlich ins Ensemble ein. Der Dresdner Kammerchor musiziert erneut auf höchstem Niveau; an Violone und Orgel lassen sich Matthias Müller und Ludger Rémy hören. So gelingt Rademann eine Hochglanz-Auf- nahme, die in ihrer Perfektion schon fast wieder ein bisschen langwei- lig ist. Spannend ist allerdings das Repertoire - man staunt, doch diese CD enthält vier Weltersteinspielungen. Ganz offensichtlich gibt es in Schütz' Werk noch immer einige Perlen zu entdecken, die bei aller Schütz-Renaissance bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit be- kommen haben.
Freitag, 6. Januar 2012
Bach: Six Suites BWV 1007 - 1012; Rémy (Celestial Harmonies)
Ludger Rémy, international präsent als Dirigent "Alter" Musik sowie als Spezialist für historisch korrektes Musizieren auf Cembalo und Hammerklavier, spielt Bach. Das wäre nicht weiter erwähnens- wert, wenn der Musiker nicht zugleich ein Tabu gebrochen hätte: Rémy spielt Bachs Cello-Suiten auf dem Cembalo.
Und obwohl bekannt ist, dass Bach selbst eine Menge seiner Werke für Cembalo bearbeitet hat, und dass er beispielsweise Teile seiner Par- titen und Sonaten für Violine solo für Laute oder Clavier arrangiert hat, sieht der Musiker die Notwendigkeit, sich dafür in dem Beiheft umfangreich zu rechtfertigen.
So erzählt der Gründer des Ensembles Les Amis de Philippe, seit 1998 zudem Professor für Alte Musik an der Musikhochschule Dresden, in einem "Märchen", er habe bei der Suche nach Archivalien auf den Spuren der Gebrüder Graun im Pfarrarchiv einer sorbischen Gemein- de schon vor Jahren Fragmente der Suiten für Violoncello solo ge- funden - sieben doppelseitig beschriebene Blätter, die seiner Meinung nach beweisen, dass die Cellosuiten aus einem Werk für Tasteninstru- ment entstanden sind. Rémy hoffte, diese legendäre Urschrift ander- weitig aufspüren zu können. Das ist ihm bislang leider nicht gelungen. "Nun aber, 11 Jahr später und fünf Jahre nach meiner Entdeckung, lege ich hiermit eine aus den Südbrandenburger Fragmenten und den überlieferten Cellosuiten erstellte Fassung der Werke vor, die vermutlich einer Urschrift recht nahe kommt."
Dazu hat Rémy einerseits Bachs eigene Bearbeitungspraxis sorgsam studiert. Andererseits hat er sich gründlich mit musikhistorischen Quellen auseinandergesetzt, die zeigen, wie andere Cembalovirtuosen zur Zeit Bachs eine solche Aufgabe gelöst haben. "Unter gar keinen Umständen sollte den Adaptationen der Klang einer simplen Über- tragung anhaften, sondern es sollte Musik entstehen, die es zwar schon gab, die nun aber sehr speziell dem neuen Instrument Cemba- lo und seiner Klangwelt entspräche: nicht Cellosuiten sollten hörbar werden, sondern Cembalosuiten", beschriebt Rémy sein Ziel: "Es sollte nicht Bach als hehre Idee dominieren, sondern Bach auf dem Cembalo."
Diese Mimikry ist Rémy ziemlich perfekt gelungen, auch wenn man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob es nicht doch Carl Philipp Emanuel Bach ist, den man da hört. In jedem Falle hat sich der Musiker an ein hochinteressantes Experiment gewagt, und dafür eine sehr achtbare Lösung gefunden. Rémy lässt sich auf einem Clavicem- balo hören, das der Bremer Cembalobauer Martin Skowroneck nach deutschen Vorbildern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen hat. Er bringt das Instrument zum Singen - was für ein Cembalo, dessen Saiten ja gezupft werden, nicht eben typisch ist - und beeindruckt auch sonst mit seinem klugen, aber keineswegs emo- tionslosen Spiel. Ich finde das Experiment auf dieser Doppel-CD kühn, aber in jeder Hinsicht geglückt - und kann diese schöne Aufnahme nur empfehlen.
Und obwohl bekannt ist, dass Bach selbst eine Menge seiner Werke für Cembalo bearbeitet hat, und dass er beispielsweise Teile seiner Par- titen und Sonaten für Violine solo für Laute oder Clavier arrangiert hat, sieht der Musiker die Notwendigkeit, sich dafür in dem Beiheft umfangreich zu rechtfertigen.
So erzählt der Gründer des Ensembles Les Amis de Philippe, seit 1998 zudem Professor für Alte Musik an der Musikhochschule Dresden, in einem "Märchen", er habe bei der Suche nach Archivalien auf den Spuren der Gebrüder Graun im Pfarrarchiv einer sorbischen Gemein- de schon vor Jahren Fragmente der Suiten für Violoncello solo ge- funden - sieben doppelseitig beschriebene Blätter, die seiner Meinung nach beweisen, dass die Cellosuiten aus einem Werk für Tasteninstru- ment entstanden sind. Rémy hoffte, diese legendäre Urschrift ander- weitig aufspüren zu können. Das ist ihm bislang leider nicht gelungen. "Nun aber, 11 Jahr später und fünf Jahre nach meiner Entdeckung, lege ich hiermit eine aus den Südbrandenburger Fragmenten und den überlieferten Cellosuiten erstellte Fassung der Werke vor, die vermutlich einer Urschrift recht nahe kommt."
Dazu hat Rémy einerseits Bachs eigene Bearbeitungspraxis sorgsam studiert. Andererseits hat er sich gründlich mit musikhistorischen Quellen auseinandergesetzt, die zeigen, wie andere Cembalovirtuosen zur Zeit Bachs eine solche Aufgabe gelöst haben. "Unter gar keinen Umständen sollte den Adaptationen der Klang einer simplen Über- tragung anhaften, sondern es sollte Musik entstehen, die es zwar schon gab, die nun aber sehr speziell dem neuen Instrument Cemba- lo und seiner Klangwelt entspräche: nicht Cellosuiten sollten hörbar werden, sondern Cembalosuiten", beschriebt Rémy sein Ziel: "Es sollte nicht Bach als hehre Idee dominieren, sondern Bach auf dem Cembalo."
Diese Mimikry ist Rémy ziemlich perfekt gelungen, auch wenn man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob es nicht doch Carl Philipp Emanuel Bach ist, den man da hört. In jedem Falle hat sich der Musiker an ein hochinteressantes Experiment gewagt, und dafür eine sehr achtbare Lösung gefunden. Rémy lässt sich auf einem Clavicem- balo hören, das der Bremer Cembalobauer Martin Skowroneck nach deutschen Vorbildern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen hat. Er bringt das Instrument zum Singen - was für ein Cembalo, dessen Saiten ja gezupft werden, nicht eben typisch ist - und beeindruckt auch sonst mit seinem klugen, aber keineswegs emo- tionslosen Spiel. Ich finde das Experiment auf dieser Doppel-CD kühn, aber in jeder Hinsicht geglückt - und kann diese schöne Aufnahme nur empfehlen.
Sonntag, 4. Dezember 2011
Gebel: Christmas Cantatas Vol. 2 (cpo)
Über den Lebensweg des Rudol- städter Hofkapellmeisters Georg Gebel d.J. (1709 bis 1753) wurde in diesem Blog bereits im vergan- genen Jahr ausführlich berichtet, als hier die erste Veröffentlichung seiner Kantaten zur Weihnachts- zeit vorgestellt wurde. Nun sind bei cpo zwei weitere Kantaten erschienen, die Ludger Rémy mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe und den Solisten Veronika Winter, Britta Schwarz, Gesine Ad- ler, Andreas Post und Matthias Vieweg eingespielt hat. Sie sind wahrscheinlich zu Neujahr sowie am ersten Sonntag nach Epiphanias 1748 erstmals in Rudolstadt erklun- gen.
Es sind "klassische" zweiteilige Kantaten, jeweils vor der Predigt und nach der Predigt aufzuführen, mit prächtigen Chören, Rezitativen und Arien, und überaus beredter, stimmungsvoller Musik. Sie werden durch die Musiker und Sänger um Rémy höchst ansprechend präsen- tiert.
Es ist schade, dass die Wiederentdeckung derart qualitätvoller Kom- positionen, die jahrhundertelang im Archiv verborgen lagen, nur mit Hilfe von Sponsoren möglich ist. Es ist aber sehr erfreulich, dass speziell in Thüringen das musikalische Erbe der zahlreichen kleinen Höfe, die sich in dieser Region früher befunden haben, noch immer mit großem Engagement gepflegt wird. Bravi!
Es sind "klassische" zweiteilige Kantaten, jeweils vor der Predigt und nach der Predigt aufzuführen, mit prächtigen Chören, Rezitativen und Arien, und überaus beredter, stimmungsvoller Musik. Sie werden durch die Musiker und Sänger um Rémy höchst ansprechend präsen- tiert.
Es ist schade, dass die Wiederentdeckung derart qualitätvoller Kom- positionen, die jahrhundertelang im Archiv verborgen lagen, nur mit Hilfe von Sponsoren möglich ist. Es ist aber sehr erfreulich, dass speziell in Thüringen das musikalische Erbe der zahlreichen kleinen Höfe, die sich in dieser Region früher befunden haben, noch immer mit großem Engagement gepflegt wird. Bravi!
Samstag, 5. Februar 2011
Carl Philipp Emanuel Bach: Hamburger Quartalsmusiken (cpo)
1768 wurde Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) der Nachfol- ger seines verstorbenen Paten Georg Philipp Telemann als städti- scher Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. In dieser Funktion war er unter anderem für die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen der Hanse- stadt zuständig - ein Amt, ver- gleichbar jenem seines Vaters als Thomaskantor in Leipzig.
Der "Berliner Bach" war zuvor fast 30 Jahre lang als Cembalist am Hofe Friedrichs II. von Preußen angestellt. Dort hatte er in erster Linie "Claviermusik" geliefert, und mit seinen Kompositionen durch- aus Musikgeschichte geschrieben. Nun galt es, Werke zum Gebrauch im Gottesdienst zu schreiben - und der "Hamburger Bach", wie Carl Philipp Emanuel dann auch genannt wurde, bewältigte auch diese Aufgabe mit Bravour.
Das jedenfalls belegt diese Doppel-CD mit Quartalsmusiken, die zu den höchsten Kirchenfesten - Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Michaelis - in genau festgelegter Reihenfolge in allen fünf Haupt- kirchen aufgeführt wurden. Sie gingen weit über den Umfang der "normalen" Kantate hinaus. Bach wurde für diese Werke nicht extra bezahlt - und lieferte sogenannte Pasticci, in denen er Einzelsätze aus bereits vorhandenen Werken neu arrangierte und kombinierte, und sie gegebenenfalls durch neukomponierte Sätze ergänzte.
Die meisten dieser Werke sind nicht überliefert. Die hier eingespielten zeigen exemplarisch, wie Bach Musik um- und überarbeitete, an einen sich wandelnden Geschmack und auch an Hamburger Gegebenheiten anpasste. So scheint damals nur ein kleines Vokalensemble zur Ver- fügung gestanden haben, und eine Gruppe von etwa 14 Instrumenta- listen, die bei festlichen Anlässen durch drei Trompeter und einen Pauker aufgestockt wurde. Diese Bedingungen vollzieht Ludger Rémy, Professor für Alte Musik an der Hochschule für Musik in Dresden, mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe nach. Zum Bach- fest 2009 in Leipzig stellten die Musiker die vier Quartalsstücke Nun danket alle Gott H 805, Herr, nun lehr uns zu tun H 817, Siehe! Ich begehre deiner Befehle H 812 und Ehre sei Gott in der Höhe H 811 im Konzert vor, dem Jahreslauf folgend.
Man kann sagen, dass beide Ensembles ihre Namen zu Recht tragen. Die Himlische Cantorey, lediglich im Doppelquartett besetzt mit Veronika Winter und Hanna Zumsande, Sopran, Anne Bierwirth und Anne-Beke Sontag, Alt, Henning Kaiser und Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig sowie Ralf Grobe, Bass, singt sehr erfreulich; die Stimmen sind durchweg schlank und beweglich, und ihr Gesamtklang wirkt homogen und harmonisch. Das Ensemble Les Amis de Philippe, gegründet von Rémy 1994, widmet sich in wechselnder Besetzung der Musik Carl Philipp Emanuel Bachs und seiner Zeitgenossen. Auch diesen Musikern zu lauschen, ist ein Vergnügen; und die Aufnahme beweist einmal mehr, dass sich die Arbeit an den handschriftlichen Quellen durchaus lohnt. In den Archiven scheinen noch immer zahlreiche Schätze zu schlummern, und es ist wunderbar, dass hier wieder eine derartige Perle ausgegraben wurde.
Der "Berliner Bach" war zuvor fast 30 Jahre lang als Cembalist am Hofe Friedrichs II. von Preußen angestellt. Dort hatte er in erster Linie "Claviermusik" geliefert, und mit seinen Kompositionen durch- aus Musikgeschichte geschrieben. Nun galt es, Werke zum Gebrauch im Gottesdienst zu schreiben - und der "Hamburger Bach", wie Carl Philipp Emanuel dann auch genannt wurde, bewältigte auch diese Aufgabe mit Bravour.
Das jedenfalls belegt diese Doppel-CD mit Quartalsmusiken, die zu den höchsten Kirchenfesten - Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Michaelis - in genau festgelegter Reihenfolge in allen fünf Haupt- kirchen aufgeführt wurden. Sie gingen weit über den Umfang der "normalen" Kantate hinaus. Bach wurde für diese Werke nicht extra bezahlt - und lieferte sogenannte Pasticci, in denen er Einzelsätze aus bereits vorhandenen Werken neu arrangierte und kombinierte, und sie gegebenenfalls durch neukomponierte Sätze ergänzte.
Die meisten dieser Werke sind nicht überliefert. Die hier eingespielten zeigen exemplarisch, wie Bach Musik um- und überarbeitete, an einen sich wandelnden Geschmack und auch an Hamburger Gegebenheiten anpasste. So scheint damals nur ein kleines Vokalensemble zur Ver- fügung gestanden haben, und eine Gruppe von etwa 14 Instrumenta- listen, die bei festlichen Anlässen durch drei Trompeter und einen Pauker aufgestockt wurde. Diese Bedingungen vollzieht Ludger Rémy, Professor für Alte Musik an der Hochschule für Musik in Dresden, mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe nach. Zum Bach- fest 2009 in Leipzig stellten die Musiker die vier Quartalsstücke Nun danket alle Gott H 805, Herr, nun lehr uns zu tun H 817, Siehe! Ich begehre deiner Befehle H 812 und Ehre sei Gott in der Höhe H 811 im Konzert vor, dem Jahreslauf folgend.
Man kann sagen, dass beide Ensembles ihre Namen zu Recht tragen. Die Himlische Cantorey, lediglich im Doppelquartett besetzt mit Veronika Winter und Hanna Zumsande, Sopran, Anne Bierwirth und Anne-Beke Sontag, Alt, Henning Kaiser und Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig sowie Ralf Grobe, Bass, singt sehr erfreulich; die Stimmen sind durchweg schlank und beweglich, und ihr Gesamtklang wirkt homogen und harmonisch. Das Ensemble Les Amis de Philippe, gegründet von Rémy 1994, widmet sich in wechselnder Besetzung der Musik Carl Philipp Emanuel Bachs und seiner Zeitgenossen. Auch diesen Musikern zu lauschen, ist ein Vergnügen; und die Aufnahme beweist einmal mehr, dass sich die Arbeit an den handschriftlichen Quellen durchaus lohnt. In den Archiven scheinen noch immer zahlreiche Schätze zu schlummern, und es ist wunderbar, dass hier wieder eine derartige Perle ausgegraben wurde.
Samstag, 18. Dezember 2010
Georg Gebel d.J.: Christmas Cantatas Vol. 1 (cpo)
Georg Gebel d.J., geboren 1709, wurde von seinem Vater, dem Breslauer Organisten Georg Gebel d.Ä., schon in frühestem Alter im Spiel von Tasteninstrumenten und im Komponieren unterwiesen. Der Knabe hatte Talent - und wurde ähnlich wie Mozart als Wunderkind vorgeführt. Gebel senior legte allerdings auch größten Wert auf eine solide schulische Ausbildung seines Sohnes, und schickte ihn anstatt auf Konzertreisen ans Gymnasium.
Nach einer ersten Anstellung als Kapellmeister in Oels wurde Gebel 1735 für die Privatkapelle des sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl engagiert. Dort wirkte er bis 1746 als Komponist und Cembalist. Dann ging er nach Rudolstadt, wo er zunächst Konzert- meister und 1750 schließlich Kapellmeister wurde. Bei Hofe war seine Arbeit geachtet und derart gefragt, dass der fleißige Gebel sich buch- stäblich zu Tode komponierte. Er starb 1753, trotz Kur und aller Fürsorge der Herrschaft, infolge eines Burn-out-Syndroms, wie man heute sagen würde - noch keine 44 Jahre alt.
Neben zwei nahezu komplett erhaltenen Kirchenkantaten-Jahrgängen von 1747/48 und 1750/51 und zwei Passionsmusiken soll Gebel zwölf Opern, mehr als hundert Sinfonien und Partiten sowie Cembalo- konzerte komponiert haben. Überliefert sind 144 Kirchenkantaten, ein Weihnachts- und ein Neujahrsoratorium sowie die Johannes-Passion; sie befinden sich im Musikalienbestand Hofkapelle Rudol- stadt des Thüringischen Staatsarchivs Rudolstadt auf Schloss Heidecksburg.
Die Wiederentdeckung dieses Werkes begann 2004 mit der Einspie- lung der Oratorien, die als Sensation gefeiert wurden. Ludger Rémy stellt nun mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe zwei Kantaten Gebels vor. Es sind "große", zweiteilige Werke, geschrieben für den Gottesdienst am zweiten Weihnachtsfeiertag und am Sonntag nach Weihnachten 1747. Von Weihnachtsstimmung ist darin allerdings keine Spur - die Kantaten nehmen Bezug auf den gesteinigten Märtyrer Stephanus, dessen Gedenktag der 26. Dezember ist, und auf Galater 3, verkündend in musikalisch kühner Weise die Befreiung vom Gesetz Mose durch Christus. Man hört und staunt, und wundert sich, dass solch eine Handschrift in Vergessenheit geraten konnte.
Es singen Veronika Winter, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Andreas Post, Tenor und Matthias Vieweg, Bass, verstärkt in den Chören durch Cantus Wettinianus Dresden - Anna Moritz, Sopran, Inga Phillipp, Alt, Jörg Mall, Tenor und Falk Joost, Bass. Musiziert wird historisch fundiert sowie mit großem Engagement. Das Ergebnis ist sensationell - eine Entdeckung, der hoffentlich weitere folgen werden.
Abonnieren
Posts (Atom)












