Wer bei den beiden Werken,die auf dieser CD zu hören sind, meint, er hätte diese Musik doch schon ander- weitig gehört, der hat vollkommen recht. Die Messe des pêcheurs de Villerville haben Gabriel Fauré und André Messager gemeinsam geschaffen. Der Komponist und sein Schüler waren in dem Fischerdorf des öfteren zu Gast; 1881 schufen sie ein Werk, das von Dorfbewohnern zusammen mit Sommergästen in der Dorfkirche aufgeführt wurde, begleitet von Harmonium und einer Geige. Die Kollekte, die dabei eingesammelt wurde, kam den Fischern und ihren Familien zugute.
Im darauffolgenden Jahr waren deutlich mehr Musiker anwesend, was dazu führte, dass die Instrumentalbegleitung der verfügbaren Besetzung angepasst wurde. Auf dieser CD musizieren Eva Ludwig, Flöte, Nikolaus Kolb, Oboe, Sharon Kam, Klarinette, Birte Päplow und Saskia Rohde, Violine, Johanna Held, Viola, Ute Sommer, Violoncello, Heinrich Lade- mann, Kontrabass, und Ulfert Smidt, Orgel.
Im Jahre 1907 verwendete Fauré diese Musik noch einmal: Die Messe basse ist ohne jeden Zweifel eine Variante der Fischermesse – noch schlichter und vielleicht sogar edler als das Original, das einst in der Sommerfrische entstanden ist.
Im Parodieverfahren verwandelte 1746/47 Johann Sebastian Bach das Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi in eine Vertonung von Psalm 51. Er brachte die Musik des Italieners, die ihn inspirierte, vor seine Gemeinde – indem er sie für den evangelischen Gottesdienst tauglich machte.
Für Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 wagte Bach aber weit mehr als nur die behutsame Anpassung auf einen neuen Text. Er veränderte Pergolesis Musik mit der offenkundigen Absicht, den Psalmtext musika- lisch auszudeuten. Dies zog stellenweise doch recht deutliche Eingriffe nach sich. So ersetzte Bach lange Notenwerte durch Melismen und überarbeitete auch die Begleitung umfangreich. Allerdings bleibt das Original immer präsent; Bach hat es, bei aller Umdeutung, ausgesprochen respektvoll behandelt.
Der Mädchenchor Hannover singt die beiden Werke sehr hörenswert. Chorleiterin Gudrun Schröfel führt die jungen Sängerinnen mit sicherer Hand – und auch ungemein stilsicher. So erhält jedes Musikstück seinen individuellen Charakter. Faurés Messe des pêcheurs de Villerville erklingt eindringlich und innig, BWV 1083 klar akzentuiert und affektgeladen. Die Soli singen Ania Vegry, Sopran, und Mareike Morr, Alt; das Arte Ensemble musiziert gemeinsam mit dem Marktkirchenorganisten Ulfert Smidt. Eine gelungene Kombination zweier Raritäten.
Dass man Brahms' Liebeslieder-Walzer nicht nur solistisch, sondern auch mit einem Chor aufführen kann, dürfte zum raschen Erfolg der 1869 bzw. 1874 komponierten Werke beigetragen haben – auch wenn der Komponist davon anfangs gar nicht begeistert gewesen sein soll. Es klingt wie ein Treppenwitz der Musikge- schichte, dass Brahms' Verleger diese Stücke zunächst überhaupt nicht als Vokalwerke veröffentlichen wollte, so dass sie dann nach einigen Ausein- andersetzungen als mit Gesang ad libitum erschienen sind. Eine Version für Klavier zu vier Händen ohne Singstimmen lieferte Brahms später übri- gens nach; sie weicht in vielen Details vom Original ab.
Am Klavier wirken bei dieser Aufnahme Markus Bellheim und Haruhi Sato. Jörg Straube hat mit dem Norddeutschen Figuralchor, einem semipro- fessionellen Kammerchor, die Liebeslieder-Walzer überwiegend chorisch, mitunter aber auch solistisch besetzt – was sich, zumal in der zweiten Serie mit den oft ein- und zweistimmigen Stücken, als ein echter Gewinn erweist. Kompliment an Ania Vegry, Sopran, Andreas Post, Tenor, und Guido Ruland, Bariton. Denn so leichtfüßig, wie die meisten dieser Lieder daherkommen, ist das mit einem Chor doch schwer umzusetzen. Selbst diese exzellente Sängerschar hat mit den flotten Tempi mitunter Probleme, die bei solistischer Besetzung eben nicht auftreten.
Die hohe Qualität des Vokalensembles zeigt sich aber in den ergänzenden A-cappella-Werken. Man höre nur das Abendständchen aus op. 42, oder aber die Fünf Gesänge op. 104. In diesen bis zu sechsstimmigen Liedern zeigt sich Brahms auf dem Höhepunkt seines Schaffens – und der Nord- deutsche Figuralchor kann sein ganzes Können aufbieten.