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Mittwoch, 25. Dezember 2013

Freue dich, du Tochter Zion (Carus)

Es muss nicht immer Bach sein, meint Holger Speck – und präsen- tiert mit dem Vocalensemble Rastatt sowie dem Barockorche- ster Les Favorites eine beachtliche Auswahl frühbarocker Advents- und Weihnachtsmusiken. Es sind zumeist wenig bekannte Werke von Komponisten wie Johann Hermann Schein, Andreas Hammerschmidt, Johannes Eccard oder Michael Praetorius. 
Und mit Also hat Gott die Welt geliebt von Johann Rosenmüller sowie O anima mea von Christoph Bernhard sind sogar zwei Welt- ersteinspielungen darunter. Der Chor singt die alten Stücke hinreißend. Und auch die Solisten Maria Bernius und Felicitas Erb, Sopran, sowie Tenor Jan Kobow sowie die Instrumentalisten sorgen für eine große Portion Klangpracht und Feststimmung. Bravi! 

Dienstag, 25. Dezember 2012

Uns ist ein Kind geboren (Carus)

Einmal mehr haben sich der Tenor Hans Jörg Mammel und das auf Barockmusik spezialisierte Orche- ster L'arpa festante gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und das, was sie in den Tiefen der Notenschränke aufgespürt haben, legen sie dem Publikum auf den Gabentisch: Konzerte und Arien zur Weihnacht, durchweg Raritä- ten; man staunt, aber dennoch erklingen nur zwei dieser Werke, die so selten zu hören sind, hier in Weltersteinspielung. 
Es handelt sich dabei um Kompositionen des Schütz-Meisterschülers Christoph Bernhard (1628 bis 1692). Im Kontrast dazu erklingen zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die pietisti- sche Gedankenwelten in barocke Klänge einbetten. Das Ergebnis möchte man beinahe eine protestantische Oper nennen: "Göttlichs Kind, lass mit Entzücken / dich doch an mein Herze drücken, / deine Schönheit nimmt mich ein"
Berückend sind die beiden Concerti von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), in denen der Tenor gleichberechtigt neben diversen Instrumentalisten mit Generalbass-Begleitung konzertiert. Der Tho- maskantor hat hier das italienische Vorbild beachtlich weiterent- wickelt - und nannte seine eigenen Musikstücke dennoch bescheiden Opella nova, was wohl als "neue Werklein" zu übersetzen ist. 
Die Musiker von L'arpa festante präsentierten jeweils eine Sonate von Pavel Josef Vejvanovský (vermutlich 1633 bis 1693) und Johann Heinrich Schmelzer (vermutlich 1623 bis 1680). Gesang und Basso continuo kombiniert Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) in Natus est Jesus. Der Komponist, im Elsass geboren, wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater an der Stiftskirche und in der Hofkapelle musizierte. Böddecker begann seine künstlerische Laufbahn als Gesangslehrer und Organist an einer Lateinschule; er wirkte unter anderem am Darmstädter Hof, als Organist am Straßburger Münster, und als Stiftsorganist in Stuttgart. 
Auch Melchior Schildt (1592/93 bis 1667) war Organist. Er war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, der nicht nur als Orpheus von Amsterdam, sondern auch als deutscher Organistenmacher galt. Schildt war unter anderem Hoforganist bei Christian IV. von Däne- mark, und folgte dann seinem Vater nach als Organist der Markt- kirche von Hannover. Auf dieser CD erklingt das einzige überlieferte Vokalwerk Schildts, ein Choralkonzert über Ach mein herzliebes Jesulein
Die CD beschließt das Laudate pueri Dominum ZWV 81 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Der Komponist, der am Dresdner Hof für die (katholische) Kirchenmusik zuständig war, hat Psalm 113 mit der angemessenen Klangpracht vertont. Man lauscht dem Sänger wie auch den Musikern gern. Sie sind technisch versiert, und gestalten diese "Alte" Musik mit sehr viel Sorgfalt und Hingabe. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, glanzvolles Weihnachtsalbum, das ohne Zweifel zu den besten Editionen des Jahres gehört. Bravi! 

Donnerstag, 7. Juni 2012

Mayr: Samuele (Naxos)

Für die Feierlichkeiten zur Einset- zung eines neuen Bischofs 1821 in Bergamo schuf Giovanni Simone Mayr (1763 bis 1845) sein Orato- rium Samuele. Das Libretto stammt von Bartolomeo Merelli; die Handlung schildert die Beru- fung Samuels zum Propheten - ein nettes Thema für ein Huldigungs- oratorium. 
Auch wenn der Komponist aus Niederbayern stammt und seine Ausbildung am Jesuitenkolleg in Ingolstadt startete, so trägt diese Musik doch unverkennbar italienischen Charakter. Nach etlichen Jahren, die Mayr überwiegend damit beschäftigt war, Opern zu komponieren, entschied er sich 1802, die Nachfolge seines einstigen Lehrers Carlo Lenzi als maestro di capella an der Kathedrale von Bergamo anzutreten. Drei Jahre später wurde er Direktor der Chor- schule an dieser Kathedrale, und in dieser Position verblieb er bis an sein Lebensende. 
Mayr hat 70 Opern und gut 600 Werke geschaffen, die der geistlichen Musik zuzurechnen sind. Es ist sehr erfreulich, dass der lang vergesse- ne Komponist nun zunehmend wieder entdeckt wird. Dazu trägt auch diese CD bei. Franz Hauk hat Samuele mit dem von ihm 2003 gegrün- deten Simon Mayr Chor und dem georgischen Kammerorchester Ingolstadt eingespielt. Zu hören sind zudem als Solisten Andrea Lauren Brown und Susanne Bernhard, Sopran, Rainer Trost, Tenor und Jens Hamann, Bass. Die Aufnahme ist gelungen, die Soli singen sehr ordentlich, und der Chor agiert kraftvoll. Eine Entdeckung! 

Montag, 18. April 2011

Bernhard: Geistliche Harmonien (Christophorus)

Als Christoph Bernhard (1627 bis 1692) im Jahre 1664 in der Hanse- stadt eintraf, um seine Tätigkeit als Director musices und Kantor an den Hamburgischen Hauptkirchen aufzunehmen, wurde er von den Honoratioren mit ungewöhlichen Ehren empfangen: "Die vornehm- sten der Stadt fuhren ihm, mit
6 Kutschen, biß Bergedorff, zwo Meilen entgegen"
, berichtet Jo- hann Mattheson 
1740 in seiner Grundlage einer Ehren-Pforte. Beeindruckt widmete Bernhard Hamburgs Stadtvätern 1665 sein Opus primum, die Geistlichen Harmonien, Zwanzig deutsche Con- certen von 2. 3. 4. und  5. Stimmen
Die Begeisterung, mit der dieser Kapellmeister in der Hansestadt empfangen wurde, ist nachvollziehbar. Denn Bernhard, Sohn eines Schiffers aus Danzig, war bereits in frühester Jugend in der nord- deutschen Tradition unterwiesen worden. 1649 ging er als Altist an den Dresdner Hof. Zwei Studienreisen führten ihn nach Italien, doch viel wichtiger als die kurze Zeit bei Carissimi erscheint die Tatsache, dass Bernhard Meisterschüler und Protege von Heinrich Schütz war. 1655 wurde Bernhard Vizekapellmeister, doch am Hofe von Kurfürst Johann Georg II. hatten die Italiener klar das Sagen. So ging der Musiker schließlich nach Hamburg, wo er die Kirchenmusik zu den großen Festtagen leitete, und gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Matthias Weckmann das Collegium musicum zu großem Ansehen führte. 
Nach Weckmanns Tod 1674 kehrte Bernhard dann nach Dresden zurück. Dort wirkte er erneut als Vizekapellmeister, und darüber hinaus als Erzieher und Musiklehrer der Prinzen Johann Georg und Friedrich August. 1681 wurde Bernhard endlich zum Hofkapell- meister ernannt. Und das blieb er, bis zu seinem Tode 1692.
Seinem Opus primum folgte allerdings kein Opus secundum; eine zweite derartige Sammlung hat Bernhard zeitlebens nicht wieder veröffentlicht. Einige Einzelwerke aber sind gedruckt und überliefert. So beauftragte beispielsweise Heinrich Schütz seinen Schüler, eine Motette für seine Beerdigung zu komponieren. Auch für Johann Rist schuf Bernhard eine Begräbnismotette. Viel wichtiger aber als all seine Kompositionen wurden für die Nachwelt seine musiktheore- tischen Schriften. Sie gelten bis heute als bedeutende musikhisto- rische Quelle, weil sie Auskunft über die Kompositionslehre von Heinrich Schütz geben - den schon seine Zeitgenossen als saeculi sui musicus excellentissimus priesen.
In seinen Geistlichen Harmonien vertont Bernhard - ähnlich wie Schütz in den Kleinen geistlichen Konzerten - zumeist biblische Texte. Er folgt dabei den Regeln, die ihm Schütz vermittelt hat, ergänzt aber auch um neue Ideen, die er in Italien kennengelernt hat. Anders als im Werk seines Lehrers ist hier nicht überall mehr das Wort der Herrscher über die Musik. Und im letzten Konzert, dem Dialogus vom vielerlei Samen, vollzieht er bereits den Übergang zur Kantate. Denn hier finden sich erstmals eingeschobene Arien, die den biblischen Dialog mit Reflexionen unterbrechen. 
1995 hat Christian Brembeck diese Werke mit den von ihm 1992 gegründeten Ensembles Parthenia Vocal & Baroque für Christophorus eingespielt. Sie sind nicht ganz so auf den Text konzentriert wie die von Schütz; dieser Eindruck mag freilich auch mit daran liegen, dass die beiden Sängerinnen ausschließlich schöne Töne produzieren - kann schon sein, dass diese Flut von Vokalen auch Konsonanten hat; zu hören sind sie meistens nicht. Bei den Herrn hingegen findet sich Mut zur Gestaltung. So gelingt manch hörenswertes Stück. Von der Intensität freilich, mit der beispielsweise die Kruzianer unter Mauersberger Schütz' Kleine geistliche Konzerte gesungen haben, ist diese Aufnahme weit entfernt. Schade. 

Sonntag, 5. Dezember 2010

Baroque Christmas in Hamburg (cpo)

Im 17. Jahrhundert war Hamburg eine Musikmetropole von europä- ischem Rang. In der reichen Han- sestadt wirkten zahlreiche bedeu- tende Musiker der unterschiedlich- sten Provenienz, und sie bescher- ten dem "norddeutschen" Barock einen Farben- und Formenreich- tum, der seinesgleichen sucht.
Aus dem reichen Fundus der Organisten- und Kantorenmusik der damaligen Zeit schöpft das Bremer Barock Consort, ein Ensemble von Studierenden und Absolventen derHochschule für Künste Bremen unter Leitung von Manfred Cordes. Musiziert wird sehr achtbar und solide. So erklingen auf dieser CD Werke des Organisten Hieronymus Praetorius und seines Sohnes Jacob Praetorius, der ebenfalls in Hamburg als Organist wirkte. Er war wie Heinrich Scheidemann und Samuel Scheidt, von denen gleichfalls Werke auf dieser CD vorgestellt werden, ein Schüler des Amsterdamer "Organistenmachers" Jan Pieterszon Sweelinck. Stadtkantor Thomas Selle ist mit zwei Werken vertreten; auch sein Nachfolger Christoph Bernhard und Johann Philipp Förtsch, der als Kantoreisänger nach Hamburg kam, aber eigentlich Arzt war, werden mit prachtvollen Werken einbezogen. Auch Matthias Weckmann ist zu hören; allerdings will mich die Zuschreibung der Toccata primi toni an Bernhard nicht recht überzeugen - dieses Werk klingt gar zu typisch nach Weckmann. Die CD endet mit Christoph Bernhards Kantate Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren - eine hochkomplexe Vertonung des Nunc dimittis, die an Schütz denken lässt.
Auffällig ist, dass all diese Werke auf Pauken und Trompeten ver- zichten. Möglicherweise ist dies auf die traditionelle Zurückhaltung des Bürgertums der Hansestadt zurückzuführen, das seinen Reichtum fleißig mehrte, aber eher nicht zeigte.