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Dienstag, 13. Dezember 2016

Weihnachten in Leipzig (Deutsche Grammophon)

Weihnachtsmusiken „made in Leip- zig“ hat die Deutsche Grammophon auf dieser CD versammelt – und wie man sieht, hat die Stadt an der Pleiße so einiges zu bieten. Da wären, natürlich, an erster Stelle Johann Sebastian Bach und der Thomaner- chor. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass seinerzeit auch die Leipziger Universität eine Ausbil- dungsstätte war, aus der viele berühmte Musiker hervorgegangen sind – so haben Johann David Heinichen und Georg Philipp Telemann in Leipzig studiert. Sie sind mit festlichen Orchesterstücken auf dieser CD vertreten. 
1843, im Jahre des hundertsten Jubiläums des Gewandhausorchesters, wurde auf Initiative des damaligen Gewandhauskapellmeisters, Felix Mendelssohn Bartholdy, das Conservatorium für Musik in Leipzig gegründet. An dieser ältesten Musikhochschule Deutschlands lernten und wirkten viele bedeutende Musiker; diese CD erinnert ganz besonders an Max Reger (1873 bis 1916), der dort als Professor lehrte. Sie erinnert aber auch an Gustav Schreck (1849 bis 1918), Absolvent des Konservatoriums und Thomaskantor seit 1893, und an Erhard Mauersberger, Thomaner unter Schreck, ebenfalls Absolvent des Konservatoriums und Thomas- kantor von 1961 bis 1972. Zu hören sind auf der CD Vokalsätze von diesen Komponisten, gesungen vom Thomanerchor unter Georg Christoph Biller. 
Die Chorsätze von Michael Praetorius (1571 bis 1621) und Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629) sowie dem Zwickauer Kantor Cornelius Freundt (um 1535 bis 1591) haben nicht unmittelbar etwas mit der Stadt Leipzig zu tun; allerdings gehören sie zum Repertoire der Thomaner, und vom Publikum werden sie geliebt. Insofern haben sie zu Recht einen Platz auf dieser stimmungsvollen CD, die viele Facetten des Leipziger Musiklebens aufleuchten lässt. 

Dienstag, 5. Mai 2015

Brahms: Violin Concerto; Kavakos (Decca)

Auf seinem zweiten Album bei Decca spielt Leonidas Kavakos das Violinkonzert von Johannes Brahms. Es ist ein Werk, das dem Komponisten eher wie eine Sinfonie geraten ist. An die Musiker stellt dieses Konzert zwar enorme Anforderungen, aber es gibt ihnen zugleich wenig Gelegenheiten, ihre Virtuosität publikumswirksam zu demonstrieren. Erst im Finale darf der Solist wirklich loslegen. Ob dieses Konzert wohl auch so erfolgreich geworden wäre, wenn es nicht seinerzeit Joseph Joachim uraufgeführt hätte, darüber kann man spekulieren. Brahms' Geigerfreund jedenfalls hatte eine Menge erfolgreicher Schüler, und so wird das Brahms-Konzert bis zum heutigen Tage sehr viel gespielt. 
Kavakos hatte das Gewandhausorchester Leipzig an seiner Seite – eine bessere Partnerschaft kann man sich für dieses Konzert wohl kaum wünschen; die Leipziger musizieren auch hier wunderbar. Im Beiheft kann man nachlesen, dass der Solist und Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly sich für diese Interpretation an den Metronomzahlen orientierten, die weiland Joachim für das Konzert notierte und die sich in seinem Nachlass fanden. Man wird dann erstaunt feststellen, dass der Maestro mit seinen Musikern zwar oftmals ein flottes Tempo wählt, der Solist allerdings ebenso häufig ganz eigene Tempi spielt. Ein Hörvergnügen ist das nicht. 
Die CD wird komplettiert durch Béla Bartóks Rhapsodien in der Fassung für Violine und Klavier Nr. 1 BB 94 und Nr. 2 BB 96 sowie durch Brahms' Ungarische Tänze Nr 1, 2, 6 und 11 in einer Bearbeitung von Joseph Joachim. Kavakos wird dabei am Klavier begleitet durch Péter Nagy. Mir persönlich ist der Bartók in dieser Aufnahme zu wenig Wirtshaus, und auch der Brahms könnte mehr Feuer vertragen. Schade. 

Samstag, 1. November 2014

Beethoven: Concerto 5 "Emperor", Sonata op. 111; Freire, Chailly (Decca)

„Er ist ein wunderbarer Konzert- partner“, begeistert sich Nelson Freire für Riccardo Chailly. „Er macht kleine Gesten, die sehr wichtig sind, und er achtet auf die kleinsten Details. Das hilft mir enorm. Und wenn ich mich entschließe, etwas aus einer sponta- nen Laune heraus zu versuchen, dann ist er immer da – man hat das Gefühl, er macht die Musik wirklich von Augenblick zu Augenblick. Es ist nichts festgelegt, sondern die Dinge geschehen spontan.“ 
Auch das Gewandhausorchester Leipzig schätzt der Pianist sehr. Im Jahre 2006 haben die Musiker gemeinsam zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms eingespielt. Das Album war seinerzeit sehr erfolgreich und gewann mehrere Preise. Im März 2014 war Freire erneut zu Gast im Leipziger Gewandhaus; auf dem Programm stand diesmal das letzte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven, das fünfte Klavierkonzert in
Es-Dur, bekannt unter dem Namen „Emperor“. 

Diese Einspielung ist ein bewegendes Dokument einer langjährigen künstlerischen Partnerschaft – der Pianist, der Dirigent und das Orchester harmonieren bestens miteinander. Das macht diese CD einzigartig. Das Album enthält zudem die Klaviersonate in c-Moll Op. 111. Es ist die 32. und letzte Klaviersonate Beethovens; sie gilt als mystisches Opus, gewidmet den letzten Dingen - Diesseits und Jenseits, männliches und weibliches Prin- zip, irdisches Ringen und himmlische Gnade. Von all den Spekulationen um den Kern dieses Werkes offenbar unbeeindruckt, hat Freire sie im Fe- bruar diesen Jahres im Teldex Studio in Berlin eingespielt. Der Brasilianer, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, musiziert mit Leidenschaft. Allerdings scheint ihn die Live-Situation zu beflügeln, das Leipziger Konzert wirkt deutlich inspirierter. Das ist erfreulich, denn Freire will bis 2016 gemeinsam mit Chailly und dem Gewandhausorchester alle Klavier- konzerte Beethovens für Decca einspielen. Auf die Fortsetzung darf man also bereits gespannt sein. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Mendelssohn: A Midsummer Night's Dream (Decca)

Einmal mehr hat das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy aufge- führt. Bei dem Label Decca sind nun Mitschnitte der Konzerte aus dem Juni 2013 erschienen. Und wer romantische Orchesterklänge schätzt, dem sei diese CD ernsthaft empfohlen. Das Programm beginnt mit der Weltersteinspielung der Ouvertüre zu Ruy Blas – das war ein Theaterstück von Victor Hugo; Mendelssohn schätzte es gar nicht, er hat dieses Auftragswerk wohl auch eher widerwillig geschrieben und nie publiziert. 
Bekannt ist hingegen seine Musik zu Shakespeares Komödie Ein Sommernachtstraum. Das sind fünf stimmungsvolle Stücke, inklusive Waldesrauschen, Feenzauber, Übermut und Kapriolen. Das Gewand- hausorchester bezaubert mit seinem farbigen Klang und einer Transparenz, die beispielsweise die Holzbläser hinreißend zur Geltung kommen lässt. Mendelssohns berühmte Schauspielmusik wird ergänzt durch seine zwei ersten Klavierkonzerte. Hier ist als Solist Saleem Ashkar zu hören. Der Pianist musiziert einfühlsam, doch auch hin- reichend brillant und stets im Dialog mit dem Orchester. Schade nur, dass Chaillys Tage in Leipzig gezählt sind; er wechselt 2017 als Musikdirektors an das Teatro alla Scala in Mailand. 

Freitag, 18. Januar 2013

Viva Verdi - Ouvertures & Preludes (Decca)

Die Beziehung zwischen dem Komponisten Giuseppe Verdi und der Mailänder Scala war nicht ganz unkompliziert. Zwar erlebten auf der Bühne des renommierten Opernhauses fünf seiner sieben frühen Opern ihre Premiere. Doch dann vergingen 24 Jahre, in denen der maestro in der Scala über- haupt nicht präsent war. Als er dann wieder dort erschien, diri- gierte er Opern, die er andernorts schon vorgestellt hatte. Doch so ganz schien er der Sache nicht zu trauen, denn er hat seine Werke eigens  für diese Aufführung über- arbeitet. 
Riccardo Chailly kann dies egal sein, denn das Orchestra Filharmo- nica della Scala spielt Verdi heutzutage so routiniert wie jedes andere professionelle Orchester auf der Welt - vielleicht aber mit einem Fünkchen mehr Herzblut. Diese Aufnahme, die mit der Sinfonia aus I vespri siciliani beginnt und mit der Sinfonia aus La forza del destino endet, unterstreicht den Sinn des Komponisten für das Dramatische. Auch wenn die Ouvertüren und Vorspiele des Komponisten formal erstaunlich unterschiedlich sind, so sind sie doch stets geniale Lösungen der Aufgabe, das Publikum auf das folgende Werk einzu- stimmen. Chailly präsentiert seine Auswahl gemeinsam mit den Musikern mit Vergnügen an den dramaturgischen Kunstkniffen Verdis, mit Sinn für Theatralik und Freude an der Melodie. Eine würdige Ouvertüre zum Verdi-Jahr 2013. 

Dienstag, 5. Juni 2012

Gershwin: Rhapsody in Blue (Decca)

"Io sento Gershwin vicino al genio di Stravinskij, per cultura timbri- ca, nell'orchestrazione, e per la continua ricerca di un mondo ritmico diverso", sagt Riccardo Chailly. "Con Stefano Bollani abbiamo cercato di recuperare questo rigore della forma, molto più di quanto non avvenga nelle consuetudini della tradizione esecutiva." 
Der Gewandhauskapellmeister wagt ein Experiment: Er lässt "sein" Orchester, normalerweise beschäf- tigt mit Brahms, Mahler oder Mendelssohn, gemeinsam mit den renommierten Jazzpianisten Stefano Bollani spielen. Auf dem Pro- gramm dieses Konzertes im Januar 2010 standen ausschließlich Werke von George Gershwin (1898 bis 1937). Chailly wählte dafür die Rhapsody in Blue, und zwar in der Jazzband-Version, orchestriert durch Ferde Grofé, Catfish Row, eine sinfonische Suite in fünf Teilen nach Gershwins Oper Porgy and Bess, das Klavierkonzert in F-Dur sowie den Ragtime Rialto Ripples, eines der frühen Werke des Kom- ponisten. 
Dabei balancieren die Musiker zwischen der strikten Orientierung an der Form und dem Überschwang der Freiheit, dem Pulsschlag des Blues und der Jazz-Improvisation. Das Orchester folgt dem Pianisten und dem Dirigenten hochprofessionell, mit Sinn für Nuancen, Klang- farben und obendrein mit einer gehörigen Portion Schwung und Spielfreude. Man glaubt es kaum, doch dieses Konzert hat in Leipzig stattgefunden.  Der Mitschnitt ist zudem technisch hervorragend gelungen - und so wird auch mancher Scherz am Rande hörbar. Diese CD ist grandios; mir fehlen die passenden Superlative. Unbedingt anhören! es lohnt sich. 

Samstag, 4. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium - Chailly (Decca)

Bachs Weihnachtsoratorium in einem Mitschnitt vom Januar 2009 - aufgezeichnet wurde das sogenannte Große Concert des Gewandhausorchesters Leipzig, und dass ausgerechnet Bach dort gespielt wurde, das ist eine Sensation. Denn das gewaltige Werk erklang in der Messestadt erstmals 1634/35 - wie vom Komponisten vorgesehen, jeweils eine Kantate in sechs Gottes- diensten vom ersten Weihnachts- feiertag bis zum Epiphaniasfest, bekannter wohl als Dreikönigstag.
Ob es zu Bachs Lebzeiten noch einmal aufgeführt worden ist, das ist nicht sicher festzustellen. Nach dem Tode des Komponisten erbte Carl Philipp Emanuel Bach Partitur und Originalstimmen. Einzelne Teile führte Johann Theodor Mosewius in den 1840er Jahren mit der Breslauer Singakademie auf. Am 17. Dezember 1857 erklang das Weihnachtsoratorium zum ersten Male wieder "komplett" - allerdings aus Rücksicht auf die Sänger um einen Halbton tiefer, und aus Rück- sicht auf das Publikum drastisch gekürzt - im Konzerthaus der Sing-Akademie zu Berlin. Geleitet hat diese denkwürdige Aufführung, die die Wiederentdeckung des Werkes einleitete, Eduard Grell. War es zunächst weniger bekannt als Bachs Passionen, so erlebte das Weihnachtsoratorium im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung sowie der Debatten um die historisch korrekte Aufführungspraxis eine Renaissance. Aus dem Gottesdienst allerdings ist das "WO" weitgehend verschwunden; sein Platz ist heute üblicher- weise in der Adventsmusik, wo es auf zwei Abende aufgeteilt Kantor und Kirchenchor zum Schwitzen und den Profis ein Zubrot bringt, und für volle Kirchen sorgt.
Wenn Riccardo Chailly Bachs großartigem Werk einen Platz im Großen Concert einräumt, dann ist er nach Carl Reineke, der 1861 einige Ausschnitte im Gewandhaus dirigierte, der erste Gewandhaus- kapellmeister, der das Weihnachtsoratorium in Leipzigs traditions- reichen Konzertsaal holt. Und er macht es konsequent zu einem Konzertstück - mit kammermusikalischem Zugriff, teilweise atem- beraubenden Tempi, sauber gesetzten Akzenten. In den Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens stellt Chailly nicht etwa die Erzählung des Evangelisten, sondern vielmehr die Arien der Altistin, die er offenbar als Stimme Mariens deutet. Dabei gelingen ihm Momente von berückender Intimität.
Mit welcher Zartheit er etwa die Sinfonia dahintupft, das ist grandios. Sie wirkt wie ein Echo aus der Himmelskantorei, eher nicht wie gemeinsames Musizieren von Menschen und Engeln. Die Oboen klingen hier nicht wie bäuerliche Instrumente, grob und laut, sondern süß und schmeichelnd. Und auch der Chor ist eine Wucht - der Dresd- ner Kammerchor, gegründet 1985 von Hans-Christoph Rademann, einstudiert von seinem ersten Dirigenten Jörg Genslein, folgt Chaillys Dirigat, als könnte er Gedanken lesen. 
Als Solisten sind auf dieser CD zu hören Carolyn Sampson, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Martin Lattke, Tenor - als sehr achtbarer Evangelist - und Wolfram Lattke, Tenor, mit einer preisverdächtigen Version der Arie Frohe Hirten, ach eilet, sowie Konstantin Wolff, Bass - naja, eigentlich ja wohl mehr Bariton. 
Chailly kennt und liebt "seinen" Bach. Und es gelingt ihm, einen ganz eigenen Zugang zu dieser Musik zu finden, was - zumal in Leipzig - nicht ganz einfach sein dürfte. Aber diese Version mit ihrem Esprit und ihrer tänzerischen Leichtigkeit, mit ihrer Balance zwischen den innigen und den dramatischen Momenten mag man immer wieder hören. Bravi!

 

Dienstag, 23. März 2010

Bach: Matthäus-Passion; Chailly (Decca)

Auch wenn die Leipziger zu Bachs Lebzeiten wenig mit dem Werk anfangen konnten - wer heute im Musikleben der mitteldeutschen Messestadt zu den führenden Köpfen zählt, der kommt um die Matthäus-Passion nicht herum. Bachs monumentale Passions- musik aber ist mittlerweile in derart vielen Varianten auf CD erhältlich, dass es schwierig erscheint, noch eine weitere Einspielung auf den Markt zu bringen. 
Als Referenzaufnahme gilt zumal die Aufnahme von 1970 mit dem Thomanerchor und den Kruzianern sowie dem Gewandhausorchester Leipzig unter den Gebrüdern Mauersberger, mit solchen Solisten wie Peter Schreier oder Theo Adam. Gewandhaus-Kapellmeister Riccardo Chailly hat das Werk dennoch mit seinen Musikern im vergangenen Jahr für das Label Decca erneut eingespielt. Das ist, wie schon gesagt, mutig - doch das Ergebnis vermag zu überzeugen; ich halte diese Aufnahme insgesamt für gelungen. 
Das Gewandhausorchester musiziert auf modernen Instrumenten, und in gar nicht so kleiner Besetzung. Chailly entschied sich für eine Interpretation, die sich einerseits streng an barocken Traditionen orientiert: Die Musik wird zum Medium im Dienste des Wortes, sie transportiert den Text und legt ihn zugleich aus. Andererseits erinnert Chailly hier und dort durchaus auch an die romantische Wiederentdeckung des Werkes - musiziert wird mit Leidenschaft, ab und zu auch einem Schnörkelchen und ausgesprochen häufigen Abweichungen vom Grundtempo. 
Die Tempi sind durchgängig flott gewählt; ob das sein muss, darüber ließe sich trefflich streiten. Allein in diesem Falle funktioniert dieses Konzept erstaunlich gut. Schon der Eingangschor zieht den Zuhörer mitten hinein in ein Geschehen, das wie ein Strudel alles in eine Richtung zwingt, und kein Entrinnen zulässt - bis schließlich der Schlusschor erklingt, alles vorbei ist, und auch die Gemeinde "mit Tränen" vor dem Grab Christi sitzt, wo sie der Auferstehung harrt. 
Die Solistenriege ist fast durchweg sehr jung und solide, aber nicht überragend besetzt. Bach war seinerzeit noch in der Lage, die Matthäus-Passion ausschließlich mit seinen Thomanern aufzuführen. Chailly nahm, und das ist eine kluge Entscheidung, den Tölzer Knabenchor hinzu. Die beiden Knabenchöre unterscheiden sich im Klang deutlich. Zwar verfügen die Thomaner in den Männerstimmen über ein profundes Fundament. Aber darüber schwebt ein Klang, den man - positiv formuliert - "ätherisch" nennen könnte. Die Gäste singen ebenfalls perfekt; aber sie klingen frischer, obertonreicher, und insgesamt deutlich runder. So wird die Doppelchörigkeit zum Erlebnis.

Dienstag, 19. Januar 2010

Brahms: Violin Concerto / Double Concerto (Deutsche Grammophon)


Brahms' Violinkonzert in D-Dur
op. 77 wurde 1879 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt, dirigiert vom Komponisten, und mit Joseph Joachim als Solisten. Es ist nur logisch, dass sich Vadim Repin für seine Einspielung dieses Konzertes ebenfalls für das Gewandhaus-orchester entschieden hat: "Zu der ganz eigenartigen Klangfarbe dieses Orchesters passt wunderbar Vadims ebenfalls sehr eigene Tongebung auf seiner Guarneri-del-Gesù-Violine mit ihrer unglaublichen Strahlkraft", bestätigt Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly. Der norwegische Cellist Truls Mork, der gemeinsam mit Repin im Doppelkonzert für Violine und Violoncello a-Moll op. 102 konzertiert, fügt sich in diesen "sächsischen" Ton mit seinen warmen Streicherklängen und den ebenso präzisen wie melodiösen Bläsern ebenfalls perfekt ein.
Das ist wichtig, weil in beiden Werken die Solisten, quasi als gleichberechtigter Partner des Orchesters, im beständigen Dialog mit den Tutti stehen. Alle Beteiligten setzen auf diese musikalische Struktur - und so gelingt eine wunderbare, harmonische Aufnahme, die uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Samstag, 9. Januar 2010

Bach: Brandenburgische Konzerte (Decca)


Von einem Leipziger Kapellmeister wird fast zwangsläufig erwartet, dass er Lokalheroen wie Mendels- sohn, Schumann und, vor allem, Bach dirigiert. Riccardo Chailly stellt sich dieser Tradition, und präsentiert dieser Tage im Gewandhaus Bachs Branden- burgische Konzerte. Später werden noch die Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium folgen. Und dank Decca können sich alle diese Musik aus der mitteldeut- schen Messestadt ins Wohnzimmer holen.
Nun ist das Gewandhausorchester aber kein Barock-Schnellboot, sondern eher ein musikalischer Supertanker, geprägt durch Beethoven, Brahms und Bruckner. Wenn ein derartiger Klangkörper gegen zarte Blockflötenklänge aufspielt, dann lässt das Schlimmes befürchten.
Doch die Katastrophe bleibt aus. (Auch wenn Originalklang-Puristen das möglicherweise anders sehen werden!) Die alten Stücke und ein modernes Sinfonieorchester - das muss kein unüberwindbarer Gegensatz sein. Und das liegt wohl in erster Linie am klugen Konzept des Gewandhauskapellmeisters: Chailly wählt zumeist flotte Tempi; er setzt auf Schwung und auf klare Akzente. So gelingt ihm eine Interpretation im Geiste Mendelssohns; ein Leipziger Bach mit romantischen Wurzeln, durchaus verblüffend - und überraschend akzeptabel.