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Dienstag, 29. Dezember 2020

Leclair: Concerti per Violino (Glossa)


 Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) gilt als Gründer der französischen Violinschule. Wie kaum ein anderer wusste er italienische Virtuosität mit kantablem Spiel und dem Streben nach schönem Ton, ganz nach französischem Geschmack, zu verbinden. Über den Lebensweg des Musikers, der eigentlich Korbmacher hätte werden sollen, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Als Geiger muss er ein Ereignis gewesen sein; in seinen Werken lässt sich noch heute nachvollziehen, dass er über eine exzellente Technik verfügte. 

Auf dieser CD mit dem La Cetra Barockorchester Basel stellt sich Leila Schayegh den spieltechnischen Herausforderungen in den Konzerten Leclairs. Die Schweizer Barockgeigerin beeindruckt durch ihre ebenso temperamentvolle wie klangschöne Interpretation. Mit ihrer Einspielung, die inzwischen in einer weiteren CD eine Fortsetzung fand, zeigt Leila Schayegh, wie reizvoll und hörenswert doch Leclairs Violinkonzerte sind. Musiziert wird mit fundiertem historischen Wissen ebenso wie mit Spielfreude und einer gehörigen Portion Eleganz. Bravi!

Montag, 7. Dezember 2020

Lost Concertos for Anna Maria (Glossa)


 Nicht wenige Komponisten haben ihren Platz in der Musikgeschichte durch Partnerschaften mit herausragenden Virtuosen gefunden. Im Falle von Antonio Vivaldi waren dies die Mädchen und Frauen, die im Orchester des Ospedale della Pietà musizierten. Sie kamen bereits im Säuglingsalter in dieses Waisenhaus, und die meisten von ihnen blieben ein ganzes Leben lang dort. 

Waren die figli begabt, wurden sie in den coro aufgenommen und erhielten dann eine erstklassige musikalische Ausbildung. Die Gottesdienste und Konzerte in der Kapelle der Pietà waren eine Attraktion; die musizierenden Mädchen hatten ein Publikum, das aus ganz Europa anreiste, um ihnen zuzuhören. 

Wie die Virtuosinnen hießen, für die Vivaldi seine Werke schrieb, und wie sie lebten, das lässt sich meist nur aus den alten Verwaltungsakten rekonstruieren. Anna Maria (1696 bis 1782), die Lieblingsschülerin Vivaldis, ist da eine Ausnahme. Denn auch wenn sie selbst das Ospedale wohl niemals verlassen hat, reichte ihr Ruf weit über die Grenzen Venedigs hinaus, und in vielen Reiseberichten jener Zeit wird ihr technisch versiertes und ausdrucksvolles Spiel gepriesen. 

Ein elegant in rotes Leder gebundenes Stimmbuch ist erhalten geblieben, aus dem sie musiziert hat; darin findet sich der Konzertmeisterpart für insgesamt 31 Violinkonzerte. 26 dieser Werke hat Antonio Vivaldi komponiert. Doch für einige dieser Kompositionen fehlen die anderen Stimmen. Sechs dieser Werke, die bislang nicht aus anderen Quellen komplettiert werden konnten, hat der Dirigent Federico Maria Sardelli nun rekonstruiert. 

Möglich wurde dies, weil seinerzeit neben der Solo-Stimme zur besseren Orientierung stets auch der Bass notiert wurde. Außerdem hat Sardelli Vivaldis Konzerte sorgfältig studiert, und sich bei der Wiederherstellung der verlorenen Stimmen an ihnen orientiert. Die Lösungen, die er letztendlich gefunden hat, überzeugten nicht nur den renommierten Vivaldi-Forscher Michael Talbot, der seine Gedanken dazu in dem sehr informativen Beiheft zu Papier gebracht hat. 

Auch das breite Publikum kann nun diese rekonstruierten Konzerte genießen, denn der Barockgeiger Federico Guglielmo hat diese mit dem Ensemble Modo Antiquo unter Leitung Sardellis bei Glossa eingespielt. Was für ein kühnes Projekt - und es ist rundum gelungen, Gratulation! Man darf wohl davon ausgehen, dass diese rekonstruierten Konzerte ihren Platz im Konzertleben finden werden. Die drei Doppelkonzerte für Orgel und Violine beispielsweise sind echte Repertoireschätze. 


Dienstag, 24. November 2020

Concertos 4 Violins (Berlin Classics)

 


Violinkonzerte von Antonio Vivaldi gehören zu den Allzeit-Lieblingsstücken sowohl des Publikums als auch der Virtuosen. Neben den populären „Vier Jahreszeiten“ schuf der Komponist allerdings auch Werke, die weit seltener zu hören sind. Die Konzerte für vier Violinen aus der Sammlung L’ Estro Armonico gehören zu diesen Raritäten. Auf dieser CD aus dem Hause Berlin Classics haben die Konzertmeister des renommierten Alte-Musik-Ensembles Concerto Köln noch einige weitere Musikstücke hinzugefügt, die ähnlich hohe Ansprüche an die Kunstfertigkeit der Virtuosen stellen. 

Evgeny Sviridov ist Solist im Concerto E-Dur op.11 Nr. 9 von Francesco Antonio Bonporti, der junge spanische Geiger Jesús Merino Ruiz interpretiert das Concerto in g-Moll op. 3 Nr. 6 von Pietro Castrucci. Das komplette Solistenquartett spielt zudem im Concerto in a-Moll op. 7 Nr. 11 von Giuseppe Valentini, und im Concerto in F-Dur op. 4 Nr. 12 von Pietro Antonio Locatelli. Letzteres erweist sich als ein funkensprühend brillantes Stück, in dem die „quattro violini obbligati“ so raffiniert miteinander konzertieren, dass der Zuhörer mitunter glaubt, nur ein Instrument zu hören. 

Es ist ohnehin faszinierend, wie harmonisch Mayumi Hirasaki, Shunske Sato, Evgeny Sviridov, Jesús Merino Ruiz als Gast und die anderen Mitglieder des Ensembles Concerto Köln miteinander musizieren. Aufgewachsen und ausgebildet rund um den Globus, bringen die Musiker hier all ihr Können und ihre Leidenschaft zusammen, um mit sehr viel Musizierlust ihr Publikum zu begeistern. Das Ergebnis ist ein Album der Extraklasse, und es vermag auch klanglich-technisch rundum zu überzeugen. 


Mittwoch, 27. November 2019

Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar: Concerti (Audite)

Bislang war es nur Insidern bekannt – doch diese CD zeigt es unüber- hörbar: In der langen Reihe der musizierenden Monarchen, von König David bis hin zu Friedrich II. und Kaiser Leopold I., gebührt Johann Ernst IV. von Sachsen-Weimar (1696 bis 1715) ein Ehrenplatz. 
Der Prinz war der jüngste Sohn von Herzog Johann Ernst III. Doch sein Vater, wohl nicht nur der Kunst, sondern auch dem Alkohol zugeneigt und mit seinem Bruder Herzog Wilhelm Ernst in andauerndem Zwist lebend, starb bereits 1707. Und während in der Weimarer Wilhelmsburg streng und fromm regiert wurde, gingen im Roten Schloss, wo Johann Ernst und sein Halbbruder Ernst August heranwuchsen, die Musiker aus und ein. So kam 1708 der Mühlhäuser Hoforganist Johann Sebastian Bach als Hoforganist nach Weimar, und er unterrichtete gemeinsam mit seinem Vetter, dem Stadtorganisten Johann Gottfried Walther, und mit dem Primarius der Weimarer Hofkapelle Gregor Christoph Eylenstein die beiden Prinzen. 
Auf seiner Kavalierstour durch Belgien und die Niederlande lernte Johann Ernst IV. unter anderem die Concerti op. 3 von Antonio Vivaldi kennen, 1711 in Amsterdam unter dem Titel L'Estro armonico im Druck erschienen. Der Prinz blieb einige Monate an der Universität Utrecht – und brachte dann eine umfangreiche Kollektion an Musikalien mit nach Weimar, wo sie auch der junge Bach mit großem Interesse studierte. 
Nach seiner Rückkehr im Juli 1713 komponierte der junge Herzog „19 Instrumental-Stücke in der Zeit von ¾ Jahren“, so schreibt Johann Gottfried Walther. Da freilich plagte den Prinzen bereits eine Geschwulst, gegen die die ärztliche Kunst jener Tage nichts ausrichten konnte. Und so starb der Herzog dann, im Alter von gerade einmal achtzehn Jahren. Bei einem Kuraufenthalt im Hessischen aber lernte er zuvor Georg Philipp Telemann kennen, der dem Prinzen sechs Violinsonaten widmete. 
Außerdem veröffentlichte Telemann 1718 in einem prachtvollen Druck sechs Violinkonzerte von Johann Ernst. Zwei weitere wurden als Stimmensätze verschenkt und blieben so erhalten. Und Bach hat nicht nur Konzerte von Vivaldi und Marcello, sondern auch vier Konzerte von Johann Ernst für Tasteninstrument bearbeitet. Eines davon, ein Doppelkonzert für zwei Violinen nach BWV 984 und 595, hat Gernot Süßmuth für diese Einspielung rekonstruiert. 
In seiner Debüt-Aufnahme widmet sich das auf historischen Instrumenten spielende Thüringer Bach Collegium unter seiner Leitung den Konzerten des Prinzen mit faszinierender Spielfreude. Der Zuhörer kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Denn diese Werke von Johann Ernst von Sachsen-Weimar haben Qualität. Sie imitieren zudem nicht einfach das italienische Vorbild; bei aller „Vivaldimania“ wird durchaus eine eigene musikalische Handschrift erkennbar. Und man staunt darüber, wie gut dieser Prinz seinerzeit Geige gespielt hat. Denn die Konzerte sind anspruchsvoll, ja mitunter sogar virtuos – und Johann Ernst hat sie für sich selbst komponiert. 
Das Thüringer Bach Collegium musiziert ebenso stilkundig und feinfühlig wie lebendig. Mit dieser CD erweist das Ensemble einem Herrscher seine Reverenz, der  ein ausgezeichneter Musiker war. Was für ein Verlust, dass Johann Ernst IV. so jung gestorben ist... 

Samstag, 4. Mai 2019

Seitz: Concertos for Violin and Piano Nos. 6-10 and Op. 25 (Naxos)

Schülerkonzerte von Friedrich Seitz (1848 bis 1918) kennt wohl jeder, der irgendwann Geige spielen gelernt hat. Die Biographie des Musikers ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen. Seitz war nicht nur ein gefragter Virtuose, sondern auch ein geschickter Musikpädagoge; er hat noch Geigenschüler unterrichtet, als er selbst auf das Konzertpodium schon verzichtet hatte. 
Mit dieser CD komplettieren die Geigerin Hyejin Chung und der Pianist Warren Lee ihre Gesamt- aufnahme von Seitz' Schüler-Violinkonzerten. Sie stellen höchst unterschiedliche technische Anforderungen, bei steigendem Schwierigkeitsgrad. Musikalisch sind sie ebenfalls interessant gestaltet, und diese Einspielung zeigt, dass sie den jungen Solisten in der Tat alle Möglichkeiten bieten, sich ansprechend zu präsentieren. 
Hyejin Chung und Warren Lee lassen Seitz' Unterrichtswerke wie kleine Juwelen funkeln – mit vielen klanglichen Facetten, sorgsam gestaltet, und mit Charme vorgetragen. Schade, dass diese Edition nun schon komplett ist.

Samstag, 9. März 2019

Bach - Avi Avital (Deutsche Grammophon)

Avi Avital spielt das Violinkonzert in a-Moll BWV 1041 und die rekonstru- ierten Violinkonzerte BWV 1052R und 1056R von Johann Sebastian Bach. Die Tatsache an sich wäre kaum eine Schlagzeile wert, wenn der israelische Musiker ein Geiger wäre. Doch er ist ein Mandolinist – und wie er diese bekannten Werke vorträgt, das ist schier atemberaubend. 
„This recording is a dream come true“, sagte der Musiker in einem Interview, das man im Beiheft nachlesen kann. „Bach's music has always been a dominant part of my musical life. It is the absolute nature of Bach's music that has given me the freedom to offer these interpretations on the mandolin. This music goes far beyond any given instrument.“ 
So ergänzt Avital dann auch das Programm durch die Flötensonate BWV 1034, die bekannte Partita Nr. 2 BWV 1004 und das Prélude aus der Cello-Suite BWV 1007; die beiden letzteren Stücke erklingen auf der zweiten CD, die damit freilich etwas arg schlank geraten ist. Doch dafür enthält die Edition dann eine Bonus-DVD, noch einmal mit dem Violinkonzert und der Flötensonate
Diese CD-Edition finde ich aus zwei Gründen überaus erfreulich. Zum einen zeigt Avi Avital immer wieder, dass man mit einer Mandoline phantastisch musizieren kann – wenn man sie derart virtuos beherrscht. Nichts scheint unmöglich; so gespielt, erweist sich die Mandoline als ein höchst achtbares Instrument, absolut klassiktauglich. 
Zum anderen bläst Avital mit dieser Einspielung eine dicke Staubschicht von unserem Bild des langjährigen Leipziger Thomaskantors. Bach war gewiss ein frommer Mann – aber er war offenbar auch sehr lebenslustig. Zwar kam Bach nie nach Italien. Seine weiteste Reise führte ihn aus dem Thüringischen nach Lübeck zu Buxtehude. Aber dennoch hat Bach Werke italienischer Komponisten geschätzt und aufmerksam studiert. 
Das Schaffen des Meisters hat dies durchaus beeinflusst: Avital zeigt, wie italienisch Bachs Musik ist. Der Klang der Mandoline macht dies besonders deutlich. Und der enormen Musizierlust des Virtuosen, der brillant gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam sowie Shalev Ad-El, Cembalo, und Ophira Zakai, Theorbe, zusammenwirkt, kann man sich kaum entziehen. Das ist einfach grandios – eine Aufnahme, die mich rundum begeistert! 

Montag, 4. März 2019

Violin Concertos from Darmstadt (Audax)

Virtuose Violinkonzerte, die von und für Johann Jakob Kress (um 1685 bis 1728) geschrieben wurden, präsen- tiert Johannes Pramsohler. Der Geiger, der aus Walderbach in der Oberpfalz stammte, erhielt seine Ausbildung in Oettingen und wurde 1712 Kammermusiker am Darm- städter Hof. 
Seinem Dienstherrn, Landgraf Ernst Ludwig, war es 1709 bereits gelungen, Christoph Graupner als Hofkapellmeister zu engagieren. Er begeisterte sich insbesondere für die Oper, und wollte in seiner Residenz musikalisch ebenso glänzen, wie er das aus Hamburg kannte. Allerdings setzten die Finanzen der Begeisterung enge Grenzen; mehrfach blieb der Landgraf auch seinen Musikern die Bezahlung schuldig, so dass Kress schließlich um seine Entlassung bat. 
Die aber verweigerte ihm sein Dienstherr, und ernannte ihn statt dessen zum Konzertmeister, verbunden mit einer Gehaltserhöhung. Kress blieb in Darmstadt bis an sein Lebensende; ähnlich wie Graupner übrigens, der eigentlich 1722 Thomaskantor werden sollte, aber ebenfalls nicht gehen durfte. Auch wenn wir dieses Verfahren nicht unbedingt fair finden – es zeigt aber, dass Ernst Ludwig die Musiker für unverzichtbar ansah, und sie unbedingt behalten wollte. 
Hört man diese Einspielung, dann wird auch klar, warum: Kress war ganz offenbar ein ausgezeichneter Geiger, und stand wohl auch mit etlichen Kollegen im Austausch. So wurde Georg Philipp Telemann, seinerzeit unweit von Darmstadt in Frankfurt/Main tätig, nicht nur Taufpate für Kress' Sohn. Er scheint auch für Kress komponiert zu haben, wie das Konzert nahelegt, das Pramsohler auf dieser CD vorstellt. 
Johann Friedrich Fasch wiederum reiste 1714 nach Darmstadt, wo er länger als drei Monate durch Christoph Graupner und Vizekapellmeister Gottfried Grünewald unterrichtet wurde. Er blieb der Kapelle verbunden, und schickte immer wieder Kompositionen. In der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt fand sich ein anspruchsvolles Violinkonzert, das Kress ganz sicher gespielt hat. Prächtig erscheint auch die Ouvertüre von Vizekapellmeister Johann Samuel Endler. Er war selbst Geiger, wurde nach Kress' Tod zunächst Konzertmeister, und später Graupners Nachfolger. 
Die beiden Konzerte, die Kress selbst komponiert hat, wirken in diesem Umfeld vergleichsweise unspektakulär. Pramsohler musiziert bei diesem Projekt gemeinsam mit den Darmstädter Barocksolisten; mit Ausnahme des Telemann-Konzertes handelt es sich durchweg um Weltersteinspie- lungen. Die Aufnahme ist daher interessant. Sie enttäuscht aber durch einen Mangel an gestalterischer Raffinesse. Hier zeigt sich, dass es mitunter eben doch klug sein kann, einen Kapellmeister einzubeziehen. 

Donnerstag, 20. September 2018

Vivaldi: The Folk Seasons (Alba)

Dass auch Musiker aus dem hohen Norden italienische Leidenschaft entwickeln können, beweist diese CD: Das finnische Ensemble Barocco Boreale hat die berühmten Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi eingespielt – und das Programm dann gleich noch durch die Konzerte RV 114, RV 522 und RV 511 komplettiert. Die Solisten, Kreeta-Maria Kentala und Siiri Virkkala, musizieren gekonnt, aber für meinen Geschmack erstaunlich brav. Farbe bringt allerdings das begleitende Ensemble, das nicht nur die üblichen Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente, sondern obendrein allerlei Über- raschungen bereit hält – neben Harfe, Psalterium und Kantele erklingen so auf der CD auch Vogelpfeifen. Nette Idee! 

Samstag, 8. September 2018

Vivaldi - La Venezia di Anna Maria (Berlin Classics)

Dies ist keine gewöhnliche Vivaldi-Einspielung: Mit dem Album „La Venezia di Anna Maria“ erinnern Midori Seiler und das Concerto Köln an Anna Maria dal Violin. Als Findelkind kam sie in Venedig ins Ospedale della Pietà. Im Waisenhaus wuchs sie auf, und dort erhielt sie eine ausgezeichnete Ausbildung. Fleiß und Talent machten Anna Maria zu einer Violinvirtuosin von europäischem Rang. 
Es gab damals wenig Möglichkeiten für eine Frau, im Musikerberuf tätig zu werden. Umso interessanter ist der Einblick, den diese CD in das Repertoire gibt, das den erstklassigen Ensembles der vier venezianischen Ospedali seinerzeit zu einem derart exzellenten Ruf verholfen hat. Kaum ein Besucher der Stadt jedenfalls dürfte damals darauf verzichtet haben, den Mädchen und Frauen zuzu- hören, wenn sie in der Kirche musizierten. 
Obwohl Anna Maria (vermutlich 1696 bis 1782) nach heutigen Maßstäben ein Star war, ist über sie als Person erstaunlich wenig bekannt. Wir wissen, dass sie zwei Mal eine jeweils bessere Geige erhielt; ab 1720 wurde sie zudem maestra genannt – sie begann also, selbst zu unterrichten. 1721 hörte Johann Christoph Nemeitz ihr Spiel und meinte, dass die Geigerin „von Virtuosen unseres Geschlechts wenig ihres gleichen hat“. Zeitgenos- sen schrieben sogar Lobgedichte auf sie. 
Dennoch blieb die Musikerin ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà. Antonio Vivaldi, ihr Lehrer und Mentor, komponierte fast 30 Concerti per Anna Maria. Eine große Anzahl davon findet sich in ihrem „Spielbuch“, ihrer Notenkollektion, die Midori Seiler zu dieser Einspielung inspirierte. 
Die Geigerin, die seit 2017 wieder als Professorin an der Musikhochschule in Weimar lehrt, hat gemeinsam mit Concerto Köln für dieses Projekt vier Concerti per Anna Maria von Vivaldi ausgewählt – RV 260, RV 308, RV 270a und RV 248 – und dazu die Konzerte RV 120, RV 158 sowie die Sinfonia in F-Dur RV 140. 
Komplettiert wird das Programm durch ein Concerto a Quattro in g-Moll von Baldassare Galuppi und ein Concerto in B-Dur von Tomaso Albinoni. Concerto Köln gestaltet den Orchesterpart, wo es sich anbietet, durch den Einsatz von Blasinstrumenten farbig. Dies scheint auch in Venedig seiner- zeit üblich gewesen zu sein. Auch zwei Harfen sind dazu aufgeboten; die Orchestrierung übernahm Lorenzo Alpert, Fagottist und künstlerischer Leiter des Ensembles. Midori Seiler ist mit dem Orchester seit vielen Jahren vertraut. Diese enge Verbundenheit prägt auch die Aufnahme. Sie zeigt enorme künstlerische Reife, fernab jeder Oberflächlichkeit, Effekt- hascherei und Eitelkeit. Faszinierend. 

Mittwoch, 21. März 2018

Bach meets Vivaldi - Lautten Compagney Berlin ( K&K)

Wenn man diese Aufnahme aus der Edition Kloster Maulbronn angehört hat, weiß man, warum das Sprich- wort sagt, der Himmel hänge voller Geigen. Die Lautten Compagney Berlin war am 26. Mai 2017 zu Gast in der Klosterkirche – und spielte gemeinsam mit Julia Schröder unter dem Titel „Bach meets Vivaldi“ einige der schönsten Violinkonzerte überhaupt. 
Das Programm beginnt mit dem berühmten Doppelkonzert in d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach, als Solisten sind Birgit Schnurpfeil, die Konzertmeisterin der Lautten Compagney, und Julia Schröder zu hören. Die Freiburger Violinprofessorin spielt auch die Soloparts der beiden anderen Bach-Konzerte BWV 1041 und 1042. Im Programm wechseln sie sich ab mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi. Und hier sind zunächst alle Streicher Solisten, denn das Concerto in h-Moll RV 580 für vier (!) Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo aus der Sammlung L'Estro Armonico hält für alle Beteiligten höchst anspruchsvolle Aufgaben bereit. 
Das Concerto in d-Moll RV 565 für zwei Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo gestalten Birgit Schnurpfeil und Matthias Hummel. Es ist sehr interesssant, diese Werke neben Bachs Konzerten zu hören, denn dieser hat sich mit Vivaldis Musik sehr eingehend beschäftigt – das Konzert RV 565 hat Bach sogar für die Orgel bearbeitet (BWV 596). 
Das g-Moll-Konzert RV 157 folgt noch der ursprünglichen Idee der damals neuen Gattung, ein Streicherorchester mit Basso continuo musizieren zu lassen. Das gelingt traumhaft. Und daher sollen an dieser Stelle auch die weiteren Mitwirkenden benannt werden: Daniela Gubatz, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Magdalena Schenk-Bader, Violine/Viola, Ulrike Becker, Violoncello, Alf Brauner, Kontrabass, Johannes Gontarski, Laute und Elina Albach, Cembalo. 
Musiziert wird durchweg kammermusikalisch und in historischer Aufführungspraxis – engagiert, sehr präzise, aber auch ausgesprochen lustvoll, lebendig und abwechslungsreich. Kurzum: Es war ein rundum gelungenes Konzert. Und es wurde in gewohnt exzellenter Qualität mitgeschnitten. Unbedingt anhören, diese Aufnahme ist wirklich hinreißend! 

Montag, 8. Januar 2018

Seitz: Concertos for Violin and Piano Nos. 1-5 (Naxos)

Friedrich Seitz (1848 bis 1918), Sohn eines Landwirtes aus Günthersleben bei Gotha, erlernte das Geigenspiel in Sondershausen bei Karl Wilhelm Uhlrich und in Dresden bei Hofkon- zertmeister Johann Christoph Lauterbach. 1869 begann er seine Laufbahn als Geiger am Sonders- häuser Hoforchester – das damals von Max Bruch geleitet wurde. 
1876 wurde er Konzertmeister in Magdeburg, wo er auch eine Musik- schule gründete. Ab 1884 war er zudem Dirigent des Dessauer Hoforchesters. 
Seitz gehört außerdem zu den prägenden Persönlichkeiten in der Geschichte der Bayreuther Festspiele nach Richard Wagner: Ab 1888 wirkte er als Konzertmeister des Festspielorchesters auf dem grünen Hügel. Auch als reisender Violinvirtuose war der Musiker sehr gefragt. 1908 trat er schließlich wegen eines Nervenleidens in den Ruhestand, wobei er auch weiterhin komponierte und Violinunterricht gab. Seine bekannteste Geigenschülerin war übrigens Filmdiva Marlene Dietrich. 
Für den Unterricht schrieb Friedrich Seitz eine ganze Reihe von Konzerten für Violine und Klavier. Sie werden noch heute von Violinpädagogen rege genutzt, denn sie bieten schöne Melodien, und solistische Aufgaben von höchst unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. So kann der Lehrende seinem Geigenschüler aus den Seitz-Konzerten immer wieder ein Pensum zuweisen, dass zu dessen Leistungsstand gewissermaßen maßgeschneidert passt. 
Wer Geige spielen gelernt hat, der kennt daher üblicherweise Seitz' Schülerkonzerte – und sie sind der Grund dafür, dass der Name dieses Geigers noch heute präsent ist. Wie charmant diese Werke klingen können, wenn sie Könner spielen, das zeigt eine Einspielung aus dem Hause Naxos: Geigerin Hyejin Chung stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Pianisten Warren Lee die ersten fünf Seitz-Konzerte vor, und sie präsentiert die kleinen Kostbarkeiten liebevoll und mit schönem Ton. 

Freitag, 27. Oktober 2017

Henryk Szeryng plays Nardini, Vieuxtemps, Ravel, Schumann (Hänssler Classic)

Noch einmal eine CD, auf der Henryk Szeryng zu hören ist – und was für ein Programm! Der Geiger hat diese Aufnahmen in den Jahren 1955 und 1957 im Baden-Badener Musikstudio mit dem Sinfonieorchester des SWR unter seinem legendären Leiter Hans Rosbaud eingespielt. Der Hörer darf sich über das e-Moll-Konzert von Pietro Nardini (1722 bis 1793) freuen, das hier in romantischer Bearbeitung erklingt. Darauf folgen das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op. 31 von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881), und die ausgesprochen virtuose Konzert-Rhapsodie Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Abschließend ist das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann (1810 bis 1856) zu hören, für das sich Szeryng sehr eingesetzt hat. „Ich kenne die Bedenken gegen dieses Stück“, meinte der Geiger einst, „aber ich billige sie nicht. Man sagt, es sei spröd und undankbar für den Solisten. Ich gebe zu, dass es nicht so geigerisch ist wie andere Konzerte, und dass auch die Instrumentierung nicht immer ganz glücklich ist. Aber es hat wunder- bare Melodien. (..) Wenn das musikalische Material gut ist, dann sollte man einem Komponisten auch einmal dadurch huldigen, dass man seine Schwächen verdeckt.“ 
Technische Schwierigkeiten scheint Szeryng so gar nicht zu kennen. Sein Spiel ist stets makellos, dabei stark im Ausdruck, und sein Geigenton ist kraftvoll, klar und strahlend. Diese alten Aufnahmen aus dem SWR-Archiv, sorgfältig digital überarbeitet, sind wirklich vom ersten bis zum letzten Takt ein Genuss. 

Montag, 16. Oktober 2017

Bériot: Violin Concertos Nos. 4, 6 and 7 (Naxos)

Charles-Auguste de Bériot (1802 bis 1870) gilt als der Begründer der modernen franko-belgischen Geigenschule. Er selbst hat in Paris bei Giovanni Battista Viotti studiert, und bei Pierre Baillot. Im Anschluss an seine Ausbildung startete er eine überaus erfolgreich Virtuosen- karriere. Ab 1843 unterrichtete Bériot dann als Professor am Brüsseler Konservatorium, bis ihn schließlich 1852 ein Augenleiden zwang, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Sein berühmtester Schüler war Henri Vieuxtemps. 
Wie seinerzeit üblich, hat Bériot auch komponiert, vorzugsweise natürlich Musik für sein Instrument. Naxos hat in den vergangenen Jahren begonnen, das Werk des Geigers schrittweise und mit verschiedenen Mitwirkenden auf CD vorzustellen. So erklingen hier die Violinkonzerte Nr. 4, 6 und 7 sowie die Scène de ballet op. 100, das wahrscheinlich bekannteste Stück Bériots, und das Air Varié Nr. 4 „(Montagnard“) op. 5. 
Diese Musikstücke zeichnen sich dadurch aus, dass der Komponist – auch wenn er natürlich die perfekte Beherrschung der Technik voraussetzt – nicht vordergründig die Virtuosität herausstellt; es sind Werke mit Seele, keine Zirkusnummern. Die junge japanische Geigerin Ayana Tsuji präsentiert sie sensibel, voll Eleganz und mit schönem Ton. Unterstützt wird sie dabei vom Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice unter Leitung von Michael Halász. 

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Bach: Violin Concertos / Vivaldi: The Four Seasons (Eloquence)

Und da wir gerade über Salvatore Accardo geschrieben haben – bei Eloquence sind jüngst gleich ein halbes Dutzend CD bzw. Doppel-CD erschienen, die berühmte Einspie- lungen des Geigers wieder zugänglich machen. Die Aufnahmen machen zugleich deutlich, wie sehr die Ansichten von Musikern darüber, wie eine Partitur zu interpretieren ist, Veränderungen unterliegen – man ist mitunter beinahe geneigt, es „Moden“ zu nennen. Man höre nur, mit welcher Sorgfalt Accardo Bach spielt. Da wird jeder Ton zu hundert Prozent geformt, jede Phrase aufmerksam gestaltet. Entsprechend langsam sind die Tempi gewählt; doch selbst im Vivace gibt es keine in Rasanz verschwim- menden Tonleitern, keine verhuschten Figurationen. Accardo lässt seine Geige singen – eine Kunst, die man heutzutage suchen kann. Die Bach-Aufnahmen mit dem Chamber Orchestra of Europe entstanden 1985, darunter sind interessante Adaptionen von Cembalokonzerten, teils durch Accardo selbst. 
Kombiniert sind Bachs Konzerte auf einer Doppel-CD mit den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Accardos Aufnahme dieser Konzerte mit den I Solisti di Napoli verdankt ihren aufsehenerregenden Klang nicht zuletzt legendären Violinen: Der Musiker spielte 1987 in seinem Konzert auf dem Cremona Festival, bei dem dieser Live-Mitschnitt entstanden ist, gleich drei Geigen von Antonio Stradivari. Zu hören sind im Frühling die Il Cremonese aus dem Jahre 1715, einst ein Instrument von Joseph Joachim und nun der Stadt Verona gehörend, im Sommer die Le Reynier (1727), im Herbst die Firebird ex Saint Exupéry (1718), und im Winter schließlich noch einmal die Le Reynier. Dieses Instrument wird auch als Hart ex Francescatti bezeichnet; es befand sich damals, wie auch die Firebird, im Besitz von Salvatore Accardo. Es ist faszinierend, wie der Geiger es versteht, die individuellen Vorzüge der drei Instrumente voll zur Geltung zu bringen und für seine Interpretation zu nutzen. 

Paganini: Violin Concertos 1 & 2 (SWR Music)

Das Werk von Niccolò Paganini hat Salvatore Accardo, geboren 1941 in Turin, schon früh fasziniert: Bereits als 13jähriger spielte der Geiger, ein Schüler von Luigi d'Ambrosio und Yvonne Astruc, öffentlich die 24 Capricci op. 1 – und zwar alle. Im Laufe seiner Karriere hat Accardo dann auch sämtliche Violinkonzerte Paganinis im Konzert gespielt, und mehrfach eingespielt, inklusive der rekonstruierten. 
Im Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden sind einige Aufnahmen entstanden, die nun nach einem digitalen Remastering der SWR-Originalbänder aus den Jahren 1961 bis 1970 auf CD veröffentlicht worden sind. Zu hören sind das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6, die Caprice a-Moll op. 1 Nr. 24, die Variationen über God Save the King, mit Maria Bergmann am Klavier, und das Violin- konzert Nr. 2 h-Moll op. 7, bekannt als La Campanella. Die Orchester- introduktion im Kopfsatz des ersten Konzertes wurde sehr stark gekürzt; das war damals nicht unüblich, zumal Paganini seinen Orchestersatz bewusst einfach gehalten hatte. Insofern hält sich der Verlust in Grenzen. Das damalige Sinfonieorchester des Südwestfunks in Baden-Baden wurde von Ernest Bour geleitet, einem Dirigenten, der offenbar akkurates Musi- zieren mit einer großen Portion Eleganz zu verbinden wusste.

Donnerstag, 29. September 2016

Vivaldi: The Four Seasons (Challenge Classics)

„Warum Vivaldi? Warum die Vier Jahreszeiten und warum gerade jetzt? Diese Fragen stellen sich sicherlich viele Freunde, die den Werdegang von Ars Antiqua Austria seit Jahren mitverfolgt haben“, schreibt Gunar Letzbor im Beiheft zu dieser CD. „Die Verlockung, seine Musik auf unsere Konzertprogram- me zu setzen, war sicherlich immer groß. Allein sein Name garantiert viele Besucher und erleichtert Ver- handlungen mit Konzertveran- staltern“, räumt der Geiger ein. 
Dagegen spricht, dass die Musik des berühmten Venezianers heutzutage allgegenwärtig ist. Die vier Jahreszei- ten sind derzeit wohl das am häufigsten aufgenommene Werk der Musik- geschichte. Und um in diesem Wust an Einspielungen wahrgenommen zu werden, entwickeln Musiker einen geradezu olympischen Ehrgeiz: „Wer spielt eigentlich die Läufe (..) am schnellsten? Wer kratzt, quietscht, heult, säuselt, klopft und donnert daselbst am extremsten? Wer hier punkten will, muss alles Bisherige überbieten“, ätzt Letzbor. „Es ist wie bei einer Sportveranstaltung. Da zählen Millimeter und Hundertstel- sekunden!“ 
Auf der CD hat Ars Antiqua Austria Die vier Jahreszeiten mit dem Violin- konzert in d-Moll von František Jiránek (1698 bis 1778) gekoppelt. Der Zusammenhang ergibt sich über den Widmungsträger – „Signor Venceslao Conte di Marzin“, Graf Wenzel Morzin, dem Vivaldi verbunden war, und dem er Die vier Jahreszeiten widmete. Jiránek, Sohn von Bediensteten des Grafen, schickte dieser im Jahre 1624 zur Ausbildung nach Venedig, wo er drei Jahre lernte – bei Vivaldi oder aber in dessen Umfeld. Nach Prag zurückgekehrt, musizierte er wieder in der Kapelle des Grafen. 1637, nach dem Tode seines Dienstherren, ging er nach Dresden, wo er in der Kapelle des Grafen Brühl wirkte. Er verbrachte des Rest seines Lebens in der sächsischen Residenzstadt. Überliefert sind von ihm ausschließlich Instrumentalwerke, wobei die Geige klar im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Das Konzert auf dieser CD kombiniert auf eine ausgesprochen reizvolle Weise böhmische und italienische Einflüsse. Mir persönlich gefällt auch die Interpretation dieser Entdeckung weit besser als das Resultat von Letzbors Auseinandersetzung mit den Vier Jahreszeiten. Denn der Versuch, Vivaldis berühmte Violinkonzerte frisch und unver- braucht klingen zu lassen, führt letzten Endes auch Letzbor und das Ensemble Ars Antiqua Austria ins Extrem. Diese Musik einfach Musik sein zu lassen, und weder ins Sportive noch ins Theatralische zu übertreiben, das muss enorm schwierig sein. 

Donnerstag, 11. August 2016

Vivaldi: Complete Concertos & Sonatas Opp. 1-12 (Brilliant Classics)

Zwölf seiner Werke hat Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) zu Lebzeiten drucken lassen – Konzerte, Sonaten und Triosonaten für Violine, Oboe und Flöte. Es sind berühmte Sammlungen darunter: Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione mit den bekannten Vier Jahreszeiten, L'Estro Armonico, La Stravaganza und La Cetra. Diese Notenausgaben waren sehr gefragt und weit verbreitet; sie bewirkten, dass Vivaldis Musik in ganz Europa große Beachtung fand. 
Federico Guglielmo hat mit seinem Ensemble L'Arte dell'Arco zwischen 2010 und 2014 diese Werke Vivaldis komplett neu eingespielt. An diesem Projekt beteiligt waren zudem der Cellist Francesco Galligioni, der Oboist Pier Luigi Fabretti und der Flötist Mario Folena. Musiziert wird historisch-informiert, aber ohne Manieris- men; zwar sind die Tempi zumeist flott und die Artikulation ist energisch und pointiert, doch es wird nicht übertrieben, und am olympischen Wettstreit mit dem Ziel schneller-krasser-individueller beteiligt sich Guglielmo erfreulicherweise nicht. Den Musikern war es vielmehr wichtig, einen homogenen Klangeindruck zu erzielen. 
Das Ergebnis ist eine grundsolide, zeitlos gültige Interpretation, die dennoch nicht langweilig wird. Als Notenmaterial nutzten die Musiker ausschließlich die neuesten kritischen Ausgaben des Istituto Italiano Antonio Vivaldi der Fondazione Giorgio Cini in Venedig; einige Varianten sind hier daher in Ersteinspielung zu hören. Im Beiheft finden sich ausführliche Erläuterungen von Federico Guglielmo zu den einzelnen Werken. Die Box mit immerhin 20 (!) CD enthält als Bonus sechs Cello-Sonaten Vivaldis, die 1740 ohne Opuszahl in Paris veröffentlicht worden sind. 

Donnerstag, 5. Mai 2016

Mozart: Violin Concertos Nos: 2 & 5, Sinfonia Concertante (Hänssler Classic)

Die zweite Folge seiner Neueinspie- lungen der Mozart-Violinkonzerte bei dem Label Hänssler Classic hat Frank Peter Zimmermann nunmehr veröffentlicht. Dabei ergänzt er die Konzerte Nr. 2 in D-Dur KV 211 und Nr. 5 in A-Dur KV 219 durch die Sinfonia Concertante Es-Dur KV 364. Zum Zeitpunkt der Aufnahme spielte Zimmermann noch „seine“ Stradivari, die „Lady Inchiquin“. Mittlerweile musste der Musiker dieses Instrument zurückgeben; es gehörte der WestLB, und Abwickler Portigon war mit den fünf Millionen Euro, die der Geiger als Kaufpreis angeboten hatte, wohl nicht zufrieden. 
Der Klang dieser Geige ist in der Tat einzigartig – Zimmermanns Mozart wirkt wie vom Sonnenlicht umglänzt. Das gibt der Musik eine ganz eigene Aura; diese Aufnahme ist wirklich phänomenal. Bei der Sinfonia Concer- tante musiziert Antoine Tamestit als Partner gemeinsam mit Zimmermann – auf einer Viola von Antonio Stradivari, der ältesten noch existierenden, aus dem Jahre 1672. Radoslaw Szulc, Konzertmeister des Kammer- orchesters des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, spielt zudem die Wilhelmj-Stradivari aus dem Jahr 1725. Dieses Zusammen- treffen ist ganz gewiss nicht alltäglich, doch die Einspielung ist in erster Linie deshalb großartig, weil alle Beteiligten grandios musizieren – und das gilt nicht nur für die Solisten. Hinreißend! 

Mittwoch, 27. April 2016

Vivaldi: La Stravaganza (MDG)

Das Barockensemble Armonioso aus dem italienischen Asti veröffentlicht sein Debütalbum bei Dabringhaus und Grimm – und was für eines! Die Musiker um Francesco Cerrato haben dafür die zwölf Violinkonzerte op. 4 von Antonio Vivaldi ausgewählt, bekannt unter dem Titel La Strava- ganza
Auch wenn der Einsatz eines Kontra- basses bei diesem Opus nicht un- umstritten ist, so zelebrieren die Musiker die Extravaganzen des Venezianers mit hinreißender Spiel- freude, und perfekt aufeinander abgestimmt. Man glaubt es kaum, aber Armonioso wurde erst 2012 gegründet. Und in La Stravaganza fordert Vivaldi nicht nur vom Solo-Geiger vollen Einsatz. Harmonische Kühnheiten sind ebenso zu meistern wie technische Herausforderungen; gern fügt Vivaldi zur Solo-Violine weitere Soloinstrumente hinzu, oder gibt einzelnen Stimmgruppen unge- wöhnliche Aufgaben. 
Diese Konzerte sind daher unglaublich abwechslungsreich, aber sie haben Vivaldis Zeitgenossen auch sehr verwirrt und sind bis heute weniger populär als beispielsweise ihr Vorgänger L'Estro armonico. Bei Armonioso sind die kapriziösen Werke in besten Händen. Und die Aufnahme selbst klingt so prägnant, als säße der Zuhörer vor dem kleinen Orchester. 

Dienstag, 29. März 2016

Vivaldi: L'Estro Armonico (Channel Classics)

1711 veröffentlichte Antonio Vivaldi bei Estienne Roger in Amsterdam zwölf Violinkonzerte unter dem Titel L'Estro Armonico. Dieses Opus 3 machte den Musiker endgültig berühmt – und inspirierte viele seiner Kollegen. So arrangierte Johann Sebastian Bach etliche dieser Konzer- te für Tasteninstrumente. Auch heute noch spielen Musiker die Werke gern: „Vivaldi hat mich vor allem stets als wunderbare Unterhaltung berührt“, schreibt Rachel Podger im Beiheft zu dieser CD. „Seine musikalischen Formen und Figurationen scheinen dazu geschaffen, sowohl zu gefallen als auch zu überraschen.“ 
Die Geigerin musiziert hier gemeinsam mit dem Ensemble Brecon Baroque, das sie 2007 für das Brecon Baroque Festival gegründet hat. Zu den Mit- wirkenden gehören bei dieser Aufnahme zwei ihrer Schüler, die mittler- weile selbst sehr erfolgreich ihre Projekte verfolgen – die Geiger Johannes Pramsohler und Bojan Čičić. Sabine Stoffer komplettiert die Riege der Instrumentalisten, die insbesondere mit den Konzerten für vier Violinen beeindruckt. Das sind noch immer Raritäten, die leider nur selten zu hören sind. Und man freut sich über den Schwung und die Intensität, mit der das Ensemble Vivaldis Musik vorträgt. Sehr gelungen!