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Dienstag, 21. April 2015

Ries: Der Sieg des Glaubens (cpo)

„Mein Oratorium ist so aufge- nommen worden, daß das ganze Haus gezittert hat – es ist das größte und effektvollste Werk, was ich geschrieben habe, aber die Aufnahme hätte ich mir so nicht denken können, alles war rein toll, und wahrer Jubel herrschte überall“, berichtete Ferdinand Ries (1784 bis 1838) nach der Uraufführung in einem Brief an seinen Bruder Joseph. Dabei war der Komponist zunächst nicht sehr begeistert, als er den Auftrag erhielt, ein Oratorium für das Niederrheinische Musikfest in Aachen 1829 zu schreiben. Das Libretto lieferte der im Rheinland geschätzte Johann Baptist Rosseau, der wie Ries und sein Jugendfreund Beethoven aus Bonn stammte. 
Der Sieg des Glaubens hat, ähnlich wie beispielsweise Haydns Jahres- zeiten, keinerlei Bezug zur Bibel. Rosseau verzichtet zudem auf eine durchgehende Handlung; sein Text erscheint als philosophischer Diskurs über die Macht des Glaubens und die Kraft der Gnade. Den Chören der Gläubigen wird dabei ein Chor der Ungläubigen entgegengesetzt, der sich auf Kampf und Eisen beruft. Er hat eher wenig zu sagen – doch um ihn zum Einlenken zu bringen, bedarf es eines Wunders. Und so schweben denn der Engel des Glaubens und der Seraph der Liebe, umgeben von Harfen- klängen, zur Erde hernieder. 
Ries entrinnt der Kitschgefahr durch seine kraftvolle Musik und eine Vielzahl von gekonnt formierten Ensembles. Man hört es schon, dass der Komponist ein Schüler Beethovens war.  Die Rheinische Kantorei, das Solistenqartett Christiane Libor, Wiebke Lehmkuhl, Markus Schäfer und Markus Flaig sowie Das Kleine Konzert haben nun unter Hermann Max Der Sieg des Glaubens erstmalig seit 1829 wieder aufgeführt. Es ist kaum zu glauben, doch dieses Oratorium scheint seit der Aachener Premiere tatsächlich nicht mehr erklungen zu sein. 

Montag, 1. April 2013

Ruhm und Glück (Rondeau)

Auch nachdem er 1723 sein neues Amt als Thomaskantor angetreten hatte, blieb Johann Sebastian Bach seinem früheren Dienstherrn doch als Hofkapellmeister verbunden. Und zu besonderen Anlässen lieferte er weiterhin Musik für den Köthener Hof. 
So schrieb er, wahrscheinlich 1725, zum Geburtstag der jungen Fürstin, die Glückwunschkantate Steigt freudig in die Luft BWV 36a. Für diese musikalische Gratulation an Prinzession Charlotte Friederike Amalie von Nassau-Siegen, die zweite Gemahlin von Fürst Leopold, griff Bach sehr weitgehend auf seine Kantate Schwingt freudig euch empor BWV 36c zurück. 
Genau anders herum verfuhr er offenbar bei der 1718 zum Geburtstag  des Fürsten komponierten Glückwunsch-Serenata Der Himmel dacht’ auf Anhalts Ruhm und Glück BWV 66a - sie formte er später, 1724, um zur Osterkantate Erfreut euch, ihr Herzen BWV 66. Das ist ein glücklicher Umstand, denn eigentlich sind die Noten dieser musikali- schen Geburtstagspräsente verloren. Die Textbücher aber blieben erhalten, und Alexander Ferdinand Grychtolik hat damit die beiden Werke rekonstruiert. 
Zu den Köthener Bachfesttagen 2012 sind sie erstmals wieder erklun- gen, und der Mitschnitt ist nun bei Rondeau auf CD erschienen. Es sind ausgesprochen repräsentative Geburtstagsständchen, muss man sagen. Fürst Leopold wird gar durch Fama, die Göttin des Ruhms, und durch die Glückseligkeit höchstselbst gepriesen. Gudrun Sidonie Otto, Wiebke Lehmkuhl, Hans Jörg Mammel und Carsten Krüger sowie die Mitteldeutsche Hofmusik unter ihrem Gründer Alexander Grychtolik lassen erahnen, wie es seinerzeit geklungen haben mag, als die Sänger und die Musiker der Hofkapelle zu den Feierlichkeiten aufspielten. Gewünscht haben sich die Leute vor fast 300 Jahren übrigens nichts anderes als heute: Gesundheit, Glück und ein langes Leben. 

Dienstag, 26. April 2011

Hasse: Requiem in C (Carus)

"Die Frauen bekränzten ihn mit Blumen, die Dichter feierten ihn in Sonetten, und wo er sich sehen ließ, empfingen ihn jubelnde Zurufe", berichtet eine Geschichte des Hoftheaters zu Dresden über Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783). Es war Hasse, der gemein- sam mit seinem Berliner Kollegen Graun die italienische Oper zu erster Blüte führte. Doch mit dem Verschwinden der opera seria von der Bühne gerieten diese Komponi- sten so gründlich in Vergessenheit, dass man sich nicht genug darüber wundern kann.
"Wir sind in der glücklichen Lage, gemeinsam mit dem Dresdner Barockorchester und anderen Künstlern immer wieder sächsische Musikschätze von Weltgeltung zu heben und den wertvollen Dresd- ner Kunstsammlungen ,klingende Exponate' von außerordentlicher Güte zur Seite zu stellen", schreibt Hans-Christoph Rademann. Der Gründer und künstlerische Leiter des Dresdner Kammerchores engagiert sich seit vielen Jahren für die Wiederentdeckung der Werke des sächsischen Barocks. In diesem Falle handelt es sich um das Requiem in C, von Hasse 1763 komponiert für die Beisetzung seines langjährigen Dienstherrn Friedrich August II. Dieses Werk wurde in Dresden bis 1850 alljährlich am Todestag dieses Kurfürsten und polnischen Königs zum Gedenken aufgeführt.
"Der Musik Johann Adolf Hasses zu begegnen, heißt für uns immer wieder über die einzigartige Verbindung von Schlichtheit und Vir- tuosität, Eleganz und Bescheidenheit zu staunen", so Rademann. Bei dieser Aufnahme werden "seine" Sänger vom Dresdner Barock- orchester begleitet, in dem Alte-Musik-Spezialisten gemeinsam mit Musikern der Dresdner Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie musizieren. Seit 20 Jahren pflegen sie erfolgreich das Erbe der Hof- kapelle Augusts des Starken, die zu Hasses Zeiten eine der besten in Europa war. 
Rademann ist es gelungen, für dieses Projekt exzellente Sänger zu gewinnen. Zu hören sind Johanna Winkel und Marie Luise Werneburg, Sopran, Wiebke Lehmkuhl und Marlen Herzog, Alt, Colin Balzer, Tenor und Cornelius Uhle, Bass. Die jungen Sängerinnen und Sänger, die aus dem Chor heraus solistische Aufgaben übernehmen, können es dabei durchaus mit ihren etablierten Kollegen aufnehmen. 
Zusammen mit dem Miserere in c, das Hasse ursprünglich für die Mädchen des Ospedale degli Incurabili  in Venedig geschaffen und in einer Fassung für den Dresdner Hof für gemischten Chor bearbeitet hatte, erklang das Requiem  im Rahmen des Musikfestes Erzgebirge 2010. Die entsprechenden Konzerte in der St. Marienkirche Marien- berg wurden aufgezeichnet, und nun erschien der Mitschnitt bei Carus. Eine kluge Entscheidung des Labels, denn sowohl das Orchester als auch die Sänger sind überragend. Rademann gelingt eine Hasse-Interpretation, die schwerlich zu übertreffen sein wird. Diese CD ist vom ersten bis zum letzten Ton ein Genuss. 

Dienstag, 14. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium; Max (cpo)

Viel und vieles wurde geschrieben über das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Darauf verweist auch Hermann Max im Beiheft zu der vorliegenden Super Audio-Doppel-CD. Leider begibt er sich in seinem Text ziemlich rasch ins Reich der Spekulation - dabei bietet Bachs Notentext doch so viel interessantes; ob Bach "modern" komponieren wollte, erscheint mir angesichts dieses gewaltigen Werkes hingegen eher eine von jenen Fragen, wie sie heute vorzugsweise die Kollegen vom Boulevard stellen.
Warum also noch eine weitere Einspielung des Weihnachtsorato- riums, das im CD-Regal schon in etlichen Aufnahmen zu finden ist - und einige davon sind ja gar nicht schlecht. Das innovative Aufzeich- nungsverfahren mag sicher für einige Technikfreaks ein Kaufargu- ment sein. Doch ist die neue Aufnahme besser als ihre Vorgänger? Bringt sie neue Ideen, zeigt sie Strukturen auf, ist sie von besonderer musikalischer Qualität? 
Neugierig startet man den Player - und erschrickt sofort über die Dominanz und den ungewohnt flachen Klang der Pauken. Willkommen im Reich der historical correctness. Nun ja - die Rheinische Kantorei ist bei dieser Interpretation gerade einmal mit 16 Sängerinnen und Sängern besetzt. Und das Barockorchester Das Kleine Konzert spielt ebenfalls mit schlanker Besetzung, wobei aber das Continuo jeweils mit Violoncello, Violone, Fagott, Orgel und Cembalo vergleichsweise üppig ausgestattet ist. 
Die Chöre nimmt Max zügig, aber nicht flüchtig. Der Chor singt ge- schmeidig, und hat keine Mühe, diesen Tempi zu folgen. Veronika Winter, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass, singen klangschön und solide, aber nicht umwer- fend. Am meisten beeindruckt mich Jan Kobow dort, wo er die Partie des Evangelisten singt. Die Arien sind ansonsten durchweg sehr konventionell gestaltet; insbesondere bei der Wahl der Tempi ist Max von beeindruckender Inkonsequenz (Beispiel: Frohe Hirten - die Aufforderung, zu eilen, dürfte ganz sicher niemand ernst nehmen, wenn sie so lässig-tänzerisch vorgetragen wird). Vom Orchester sind leider nicht nur schöne Töne zu hören - Originalklang hin, Barock- musik her, das ist keine Entschuldigung, Profis müssen das bringen. Tut mir leid, aber diese Aufnahme kann ich nicht empfehlen.

Samstag, 4. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium - Chailly (Decca)

Bachs Weihnachtsoratorium in einem Mitschnitt vom Januar 2009 - aufgezeichnet wurde das sogenannte Große Concert des Gewandhausorchesters Leipzig, und dass ausgerechnet Bach dort gespielt wurde, das ist eine Sensation. Denn das gewaltige Werk erklang in der Messestadt erstmals 1634/35 - wie vom Komponisten vorgesehen, jeweils eine Kantate in sechs Gottes- diensten vom ersten Weihnachts- feiertag bis zum Epiphaniasfest, bekannter wohl als Dreikönigstag.
Ob es zu Bachs Lebzeiten noch einmal aufgeführt worden ist, das ist nicht sicher festzustellen. Nach dem Tode des Komponisten erbte Carl Philipp Emanuel Bach Partitur und Originalstimmen. Einzelne Teile führte Johann Theodor Mosewius in den 1840er Jahren mit der Breslauer Singakademie auf. Am 17. Dezember 1857 erklang das Weihnachtsoratorium zum ersten Male wieder "komplett" - allerdings aus Rücksicht auf die Sänger um einen Halbton tiefer, und aus Rück- sicht auf das Publikum drastisch gekürzt - im Konzerthaus der Sing-Akademie zu Berlin. Geleitet hat diese denkwürdige Aufführung, die die Wiederentdeckung des Werkes einleitete, Eduard Grell. War es zunächst weniger bekannt als Bachs Passionen, so erlebte das Weihnachtsoratorium im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung sowie der Debatten um die historisch korrekte Aufführungspraxis eine Renaissance. Aus dem Gottesdienst allerdings ist das "WO" weitgehend verschwunden; sein Platz ist heute üblicher- weise in der Adventsmusik, wo es auf zwei Abende aufgeteilt Kantor und Kirchenchor zum Schwitzen und den Profis ein Zubrot bringt, und für volle Kirchen sorgt.
Wenn Riccardo Chailly Bachs großartigem Werk einen Platz im Großen Concert einräumt, dann ist er nach Carl Reineke, der 1861 einige Ausschnitte im Gewandhaus dirigierte, der erste Gewandhaus- kapellmeister, der das Weihnachtsoratorium in Leipzigs traditions- reichen Konzertsaal holt. Und er macht es konsequent zu einem Konzertstück - mit kammermusikalischem Zugriff, teilweise atem- beraubenden Tempi, sauber gesetzten Akzenten. In den Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens stellt Chailly nicht etwa die Erzählung des Evangelisten, sondern vielmehr die Arien der Altistin, die er offenbar als Stimme Mariens deutet. Dabei gelingen ihm Momente von berückender Intimität.
Mit welcher Zartheit er etwa die Sinfonia dahintupft, das ist grandios. Sie wirkt wie ein Echo aus der Himmelskantorei, eher nicht wie gemeinsames Musizieren von Menschen und Engeln. Die Oboen klingen hier nicht wie bäuerliche Instrumente, grob und laut, sondern süß und schmeichelnd. Und auch der Chor ist eine Wucht - der Dresd- ner Kammerchor, gegründet 1985 von Hans-Christoph Rademann, einstudiert von seinem ersten Dirigenten Jörg Genslein, folgt Chaillys Dirigat, als könnte er Gedanken lesen. 
Als Solisten sind auf dieser CD zu hören Carolyn Sampson, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Martin Lattke, Tenor - als sehr achtbarer Evangelist - und Wolfram Lattke, Tenor, mit einer preisverdächtigen Version der Arie Frohe Hirten, ach eilet, sowie Konstantin Wolff, Bass - naja, eigentlich ja wohl mehr Bariton. 
Chailly kennt und liebt "seinen" Bach. Und es gelingt ihm, einen ganz eigenen Zugang zu dieser Musik zu finden, was - zumal in Leipzig - nicht ganz einfach sein dürfte. Aber diese Version mit ihrem Esprit und ihrer tänzerischen Leichtigkeit, mit ihrer Balance zwischen den innigen und den dramatischen Momenten mag man immer wieder hören. Bravi!