Franz Liszt widmete sich ihnen ebenso wie Robert Franz, Ralph Vaughan Williams ebenso wie György Kurtág, Wilhelm Kempff ebenso wie Charles Francois Gounod und Sergej Rachmaninoff wie Ferruccio Busoni: Die Choralvor- spiele von Johann Sebastian Bach haben Generationen von Pianisten fasziniert und beschäftigt. Die Liste ließe sich noch lang fortsetzen – so hat beispielsweise auch Max Reger Klaviertranskriptionen ausgewählter Bach-Choralvorspiele geschrieben und veröffentlicht.
Seltsamerweise ist diese althergebrachte Form der Auseinandersetzung mit musikalischem Material großer Komponisten zwischenzeitlich in Verruf geraten: Die Transkription, ein ebenso legitimes wir lehrreiches Verfahren, Werke zu erkunden und sie an veränderte Aufführungsbedingungen anzupassen, gilt seit der Romantik als minderwertig, als des Genies nicht würdig.
Dabei zeigt diese CD, dass das Ergebnis dieses schöpferischen Prozesses durchaus originell und in gewisser Weise auch original sein kann: Für ihr Genuin-Debüt hat Christine Neumann ein Programm mit Klavier- transkriptionen Bach’scher Choräle, Chöre und Arien zusammengestellt; bei einigen Werken für Klavier zu vier Händen musiziert sie gemeinsam mit Anja Kleinmichel. Und natürlich hat sie selbst auch einige dieser Bearbei- tungen erstellt.
Mit ihrem Spiel macht Neumann deutlich, dass diese Werke durchaus auch ohne Text sehr beredt sein können – Bach ohne Worte; das funktioniert selbst für Hörer, die von Chorälen gar keine Ahnung haben. „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart“, notierte der Thomaskantor einst als Randnotiz in seiner Handbibel. Da darf es gern auch spätromantisch tönen, denn der moderne Konzertflügel bietet gänzlich andere Gestaltungsmöglichkeiten als die Orgel oder das Cembalo. Neumann zeigt mit ihrer CD, dass viele Wege zum Wort führen.
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Donnerstag, 10. Dezember 2015
Sonntag, 21. Dezember 2014
Wie schön leucht' uns der Morgenstern (Berlin Classics)
„Im Choral fühle ich mich einer nicht nennbaren, aber doch erheblichen Zahl an Generationen verbunden“, erklärt Ludwig Güttler im Interview. „Wir meinen spüren zu können, dass die Menschen früher schon so empfunden, gelitten und gedacht haben wie wir heute. Es macht uns noch ein Stück verwandter mit unseren Ahnen. Und es gibt wenige Dinge, die so gemeinschaftsbildend sind wie ein gemeinsamer Gesang.“ Das gilt ganz besonders für das Weihnachtsfest, wo in den Kirchen neben bekannten Weihnachtsliedern auch stets die althergebrachten Melo- dien erklingen. Auf dieser CD erklingen Choräle in den unterschiedlichsten Varianten – im barocken Gewand, oder im romantischen Arrangement, im Chorgesang oder aber von Bläsern vorgetragen, eingebettet in festliche Bläsermusik. Edel Classics hat dafür Auszüge aus bereits erschienenen Einspielungen neu zusammengestellt. Es wirken mit Ludwig Güttler, Orga- nist Friedrich Kircheis, das Ensemble Concentus Vocalis Wien und der Thüringische Akademische Singkreis, die Virtuosi Saxoniae, das Blech- bläserensemble Ludwig Güttler und das Trompetenensemble Mathias Schmutzler.
Samstag, 4. Mai 2013
Telemannisches Gesangbuch (Carus)
"Mit Chorälen wuchs ich in mei- nem Elternhaus auf", berichtet Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. "Viele Liedtexte haben sich meinem Gedächtnis einge- prägt. Häufig Grund zur Freude und Zuversicht, haben sie ebenso als Trost und Halt in traurigen Stunden meine Seele vor dem Verstummen bewahrt. Die Liebe zu den Chorälen, die meine Eltern mir ins Herz pflanzten, rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit zu."
Durch eine zufällige Begegnung am Rande eines Konzertes wurde der Cellist und Gambist auf das Fast allgemeine Evangelisch-Musicalische Lieder-Buch aufmerksam, das Georg Philipp Telemann 1730 in Hamburg veröffentlicht hat. Darin hat Telemann sehr viele bekannte Choräle zusammengetragen, wie Ein feste Burg, Nun danket alle Gott oder Befiehl du deine Wege. Sein erklärtes Ziel war es, ein im ganzen deutschen Sprachraum verwend- bares Gesangbuch zu schaffen. Dazu stellte er vielfach die ursprüng- lichen Weisen der alten Gesänge wieder her, und versah die Choral- melodien zudem mit einem bezifferten Bass nebst Anleitung zum Generalbass-Spiel und zum Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen.
Außerdem wählte Telemann Tonarten, die bequem zu singen sind, und zwar sowohl im Chor- als auch im Kammerton - auf der CD ist zu hören, was es bedeutet, wenn die Orgel im Chorton mit 465 Hertz gestimmt ist, und ein Cembalo im Kammerton bei 415 Hertz. Das war für den Gebrauch eines solchen Gesangbuches aber wichtig, weil danach nicht nur in der Kirche zur Orgel gesungen wurde, sondern auch daheim in der häuslichen Andacht.
Und weil Fritzsch vom Telemannischen Gesangbuch so fasziniert war, hat er sich Mitstreiter gesucht und 30 der mehr als 2000 Lieder aus diesem Sammelband für Carus eingespielt. Es ist kaum zu glauben, aber dieser musikalische Schatz war bislang nicht auf Tonträger zu- gänglich. Bei dieser CD handelt es sich verblüffenderweise um eine Weltersteinspielung.
Klaus Mertens setzt ganz auf das Wort. So gelingt ihm eine eindrück- liche, ausdrucksstarke Interpretation. Der Bassbariton wird begleitet von Thomas Fritzsch an Viola da gamba, Violoncello und Basse de Violon, Stefan Maass, Laute, und Michael Schönheit an Orgel und Cembalo. Einige Choräle singt Mertens gemeinsam mit dem Stutt- garter Knabensopran Vincent Frisch. In dem Kontrast wird zugleich hörbar, dass es nichts schwierigeres gibt, als ein scheinbar banales Strophenlied solide zu singen und zu gestalten. Wer den Knaben neben dem erfahrenen Sänger erlebt hat, der ahnt, wie groß diese Kunst ist.
Durch eine zufällige Begegnung am Rande eines Konzertes wurde der Cellist und Gambist auf das Fast allgemeine Evangelisch-Musicalische Lieder-Buch aufmerksam, das Georg Philipp Telemann 1730 in Hamburg veröffentlicht hat. Darin hat Telemann sehr viele bekannte Choräle zusammengetragen, wie Ein feste Burg, Nun danket alle Gott oder Befiehl du deine Wege. Sein erklärtes Ziel war es, ein im ganzen deutschen Sprachraum verwend- bares Gesangbuch zu schaffen. Dazu stellte er vielfach die ursprüng- lichen Weisen der alten Gesänge wieder her, und versah die Choral- melodien zudem mit einem bezifferten Bass nebst Anleitung zum Generalbass-Spiel und zum Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen.
Außerdem wählte Telemann Tonarten, die bequem zu singen sind, und zwar sowohl im Chor- als auch im Kammerton - auf der CD ist zu hören, was es bedeutet, wenn die Orgel im Chorton mit 465 Hertz gestimmt ist, und ein Cembalo im Kammerton bei 415 Hertz. Das war für den Gebrauch eines solchen Gesangbuches aber wichtig, weil danach nicht nur in der Kirche zur Orgel gesungen wurde, sondern auch daheim in der häuslichen Andacht.
Und weil Fritzsch vom Telemannischen Gesangbuch so fasziniert war, hat er sich Mitstreiter gesucht und 30 der mehr als 2000 Lieder aus diesem Sammelband für Carus eingespielt. Es ist kaum zu glauben, aber dieser musikalische Schatz war bislang nicht auf Tonträger zu- gänglich. Bei dieser CD handelt es sich verblüffenderweise um eine Weltersteinspielung.
Klaus Mertens setzt ganz auf das Wort. So gelingt ihm eine eindrück- liche, ausdrucksstarke Interpretation. Der Bassbariton wird begleitet von Thomas Fritzsch an Viola da gamba, Violoncello und Basse de Violon, Stefan Maass, Laute, und Michael Schönheit an Orgel und Cembalo. Einige Choräle singt Mertens gemeinsam mit dem Stutt- garter Knabensopran Vincent Frisch. In dem Kontrast wird zugleich hörbar, dass es nichts schwierigeres gibt, als ein scheinbar banales Strophenlied solide zu singen und zu gestalten. Wer den Knaben neben dem erfahrenen Sänger erlebt hat, der ahnt, wie groß diese Kunst ist.
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