"Und so steckt dieser ganze Zyklus bis in die winzigsten Details voller Kontraste und unerwarteter Far- ben, welche die Spannung erhal- ten. Tatsächlich darf man bei Schubert niemals der ersten Asso- ziation vertrauen - und vielleicht ist er eben deshalb der Aller- größte", begeistert sich Thomas Oliemans für das Liedwerk des Komponisten. Der niederländische Bariton hat bei Etcetera gemein- sam mit dem Pianisten Malcolm Martineau den Schwanengesang von Franz Schubert eingespielt.
Man hört den beiden gern zu, weil sie Hörgewohnheiten in Frage stellen, und ihre Interpretation auf eine detailgenaue Analyse des Notentextes gründen. Oliemans singt mit sonorer Tiefe und strahlen- der, warmer Höhe, exzellenter Textverständlichkeit. Seine Liedge- staltung ist wohlüberlegt und präzise, getragen vom souveränen Klavierspiel Martineaus. Dieser Schwanengesang gefällt mir, weil es nicht die hundertste Kopie ist, sondern eines der wenigen Originale. Bravi!
Posts mit dem Label Etcetera werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Etcetera werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 2. März 2013
Montag, 12. November 2012
Johann Christoph Bach: Arie variate & Lamenti (Etcetera)
"Dies ist der große und ausdrük- kende Componist", notierte Carl Philipp Emanuel Bach über seinen Vorfahren. Und der Jenaer Musiker Johann Jakob Syrbius berichtet, Johann Christoph Bach sei nicht nur ein "recht Miracul von einem Organisten", ihn habe auch beispielsweise Johann Pachelbel "über 1000 andere aestimiret".
Wer die vorliegende CD angehört hat, der wird ihm darin zustimmen. Sie gibt Einblick in das schmale überlieferte Werk des Komponisten. Die zwei Arie variate und eine Sarabanda variata sowie die Lamenti Ach, dass ich Wassers gnug hätte und Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt lassen aufhorchen. Johann Christoph Bach, der als Organist in Eisenach wirkte, verstand offenbar sein Handwerk - und hatte kühne musikalische Ideen, die bis zum heutigen Tage begeistern.
Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war der Sohn des Arnstädter Organisten Heinrich Bach. An Tasteninstrumenten dürfte ihn sein Vater unterrichtet haben; es wird zudem vermutet, das ihn im Fach Komposition Kantor Jonas de Fletin unterwiesen hat, ein Schüler von Heinrich Schütz. 1663 wurde Johann Christoph Bach Organist der Schlosskapelle in der thüringischen Residenzstadt; zwei Jahre später ging er als Stadtorganist nach Eisenach. 1667 heiratete er er eine Arnstädter Bürgertochter. Das Paar hatte sieben Kinder; die vier Söhne wurden durchweg Organisten. Die Eisenacher Georgenkirche verdankte Johann Christoph Bach, der die Disposition erarbeitete und sich viele Jahre für den Neubau einsetzte, eine beeindruckende Orgel. Das Instrument, das lange das größte in Thüringen war, wurde von 1697 bis 1707 durch Georg Christoph Stertzing erbaut. Hinter dem Prospekt befindet sich heute eine Schuke-Orgel aus dem Jahre 1982.
Mario Martinoli spielt die Variationenwerke Johann Christoph Bachs auf einem Cembalo aus der Werkstatt von Keith Hill, Manchester /Michigan. Dabei handelt es sich um die Kopie eines Instrumentes des Amsterdamer Clavierbauers Johannes Bull aus dem Jahre 1765. Sein Klang passt exzellent zu den überwiegend ziemlich brillanten Variationen, die vom hohen Stand der Cembalo-Musik seinerzeit in Mitteldeutschland zeugen.
Die beiden Lamenti für Solo-Gesang, Solo-Violine und begleitendes Gambenconsort erinnern in ihrer deklamatorischen Eindringlichkeit, die in erster Linie die Auslegung der biblischen Texte mit den Mitteln der Musik zum Ziel hat, an Werke von Heinrich Schütz. Es ist, insbe- sondere in dem Lamento für Bass, schier unglaublich, wie ausdrucks- stark Bach diese Musik gelungen ist. Ingrid Alexandre, Mezzosopran, und Salvo Vitale, Bass, gestalten im Dialog mit der Violine von Anais Chen ergreifende Klagegesänge. Das Ensemble Il Concerto delle Viole bettet gemeinsam mit Martinoli die kunstvolle Klage in einen archaisch wirkenden Teppich aus Gamben- und Orgelklängen ein. Das ist grandiose Musik, die neugierig macht auf ähnliche Entdeckungen - aber vielleicht finden sich ja im Laufe der Zeit in Archiven doch noch Werke des Thüringer Komponisten.
Wer die vorliegende CD angehört hat, der wird ihm darin zustimmen. Sie gibt Einblick in das schmale überlieferte Werk des Komponisten. Die zwei Arie variate und eine Sarabanda variata sowie die Lamenti Ach, dass ich Wassers gnug hätte und Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt lassen aufhorchen. Johann Christoph Bach, der als Organist in Eisenach wirkte, verstand offenbar sein Handwerk - und hatte kühne musikalische Ideen, die bis zum heutigen Tage begeistern.
Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war der Sohn des Arnstädter Organisten Heinrich Bach. An Tasteninstrumenten dürfte ihn sein Vater unterrichtet haben; es wird zudem vermutet, das ihn im Fach Komposition Kantor Jonas de Fletin unterwiesen hat, ein Schüler von Heinrich Schütz. 1663 wurde Johann Christoph Bach Organist der Schlosskapelle in der thüringischen Residenzstadt; zwei Jahre später ging er als Stadtorganist nach Eisenach. 1667 heiratete er er eine Arnstädter Bürgertochter. Das Paar hatte sieben Kinder; die vier Söhne wurden durchweg Organisten. Die Eisenacher Georgenkirche verdankte Johann Christoph Bach, der die Disposition erarbeitete und sich viele Jahre für den Neubau einsetzte, eine beeindruckende Orgel. Das Instrument, das lange das größte in Thüringen war, wurde von 1697 bis 1707 durch Georg Christoph Stertzing erbaut. Hinter dem Prospekt befindet sich heute eine Schuke-Orgel aus dem Jahre 1982.
Mario Martinoli spielt die Variationenwerke Johann Christoph Bachs auf einem Cembalo aus der Werkstatt von Keith Hill, Manchester /Michigan. Dabei handelt es sich um die Kopie eines Instrumentes des Amsterdamer Clavierbauers Johannes Bull aus dem Jahre 1765. Sein Klang passt exzellent zu den überwiegend ziemlich brillanten Variationen, die vom hohen Stand der Cembalo-Musik seinerzeit in Mitteldeutschland zeugen.
Die beiden Lamenti für Solo-Gesang, Solo-Violine und begleitendes Gambenconsort erinnern in ihrer deklamatorischen Eindringlichkeit, die in erster Linie die Auslegung der biblischen Texte mit den Mitteln der Musik zum Ziel hat, an Werke von Heinrich Schütz. Es ist, insbe- sondere in dem Lamento für Bass, schier unglaublich, wie ausdrucks- stark Bach diese Musik gelungen ist. Ingrid Alexandre, Mezzosopran, und Salvo Vitale, Bass, gestalten im Dialog mit der Violine von Anais Chen ergreifende Klagegesänge. Das Ensemble Il Concerto delle Viole bettet gemeinsam mit Martinoli die kunstvolle Klage in einen archaisch wirkenden Teppich aus Gamben- und Orgelklängen ein. Das ist grandiose Musik, die neugierig macht auf ähnliche Entdeckungen - aber vielleicht finden sich ja im Laufe der Zeit in Archiven doch noch Werke des Thüringer Komponisten.
Donnerstag, 10. November 2011
Sweelinck: Choral Works (Etcetera)
Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) gehörte zu den einflussreich- sten Musikern seiner Zeit - nicht nur deshalb, weil der "Orpheus von Am- sterdam" mit seinen Improvisatio- nen auf Orgel und Cembalo Besucher aus ganz Europa begeisterte. Er wirkte als Organist an der Oude Kerk in Amsterdam, und bildete zudem offenbar ganze Heerscharen von Schülern aus. Dazu gehörten unter anderem Johann Praetorius, Gott- fried und Samuel Scheidt, Heinrich Scheidemann, und viele andere mehr. Über diese Musiker und ihre Schüler prägte der "hamburgische Organistenmacher" die sogenannte Norddeutsche Orgelschule ganz entscheidend.
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke.
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung.
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi!
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke.
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung.
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi!
Donnerstag, 25. August 2011
Schubert: Schubertiade - Nachtmusik (Etcetera)
"Schubert, Assmayer, Mozatti und ich verabredeten uns, jeden Don- nerstag abends ein neues, von uns komponiertes Männerquartett bei dem uns dann freundlich bewirte- ten Mozatti zu singen", berichtet Anselm Hüttenbrenner in einem Brief. "Einmal kam Schubert ohne Quartett, schrieb aber, da er so- gleich von uns einen kleinen Ver- weis erhielt, sogleich eines in un- serer Gegenwart; Schubert ach- tete dieser Gelegenheitsstücklein sehr wenig."
Dennoch hat der Komponist enorme Mengen an Musik für den Haus- gebrauch des aufstrebenden Bürgertums geschaffen - etwa Werke für Klavier zu vier Händen, oder Tänze. So schrieb Franz Schubert (1797 bis 1828) trotz seiner kurzen Schaffenszeit etwa 500 Tänze für Klavier - überwiegend Ländler, Deutsche Tänze, Walzer. Unterhaltung im Dreivierteltakt, und dennoch keine Massenprodukte, sondern Perlen des Repertoires - jeder einzelne Tanz, und sei er auch noch so kurz, ein Zeugnis musikalischer Kreativität, in Rhythmik und Harmonik ausgesprochen originell.
Schuberts Klavierlieder haben seit Jahren ihren festen Platz auf den Konzertpodien. Seine gut 140 mehrstimmigen Lieder hingegen finden sich in der Regel nur im Programm von Laien(Männer-)chören. Das Orpheon Ensemble, zwölf junge Solisten aus ganz Europa, hervorge- gangen aus den Collegium Vocale Gent, hat sich der Tradition dieser Liedertafeln verschrieben. So widmen die Sänger ihre erste CD dem Schaffen Schuberts, denn ihn sehen sie als den Stammvater des Liedes für Männerchor. Unter der Leitung von Daniel Reuss singen sie liebe- voll - das Wort sei mir an dieser Stelle verziehen - in perfekter chori- scher Einheit, sorgfältig einstudiert und bis ins Detail abgestimmt, Schubert, den König des romantischen Liedes.
Und wie es auch zu den Schubertiaden sicherlich üblich war, erklin- gen zwischendurch Schuberts Tänze, vorgetragen von dem renom- mierten Fortepiano-Spezialisten Jan Vermeulen auf einem leider nicht näher bezeichneten Instrument, das den Originalklang der Schubert-Zeit in die Gegenwart bringt.
Dennoch hat der Komponist enorme Mengen an Musik für den Haus- gebrauch des aufstrebenden Bürgertums geschaffen - etwa Werke für Klavier zu vier Händen, oder Tänze. So schrieb Franz Schubert (1797 bis 1828) trotz seiner kurzen Schaffenszeit etwa 500 Tänze für Klavier - überwiegend Ländler, Deutsche Tänze, Walzer. Unterhaltung im Dreivierteltakt, und dennoch keine Massenprodukte, sondern Perlen des Repertoires - jeder einzelne Tanz, und sei er auch noch so kurz, ein Zeugnis musikalischer Kreativität, in Rhythmik und Harmonik ausgesprochen originell.
Schuberts Klavierlieder haben seit Jahren ihren festen Platz auf den Konzertpodien. Seine gut 140 mehrstimmigen Lieder hingegen finden sich in der Regel nur im Programm von Laien(Männer-)chören. Das Orpheon Ensemble, zwölf junge Solisten aus ganz Europa, hervorge- gangen aus den Collegium Vocale Gent, hat sich der Tradition dieser Liedertafeln verschrieben. So widmen die Sänger ihre erste CD dem Schaffen Schuberts, denn ihn sehen sie als den Stammvater des Liedes für Männerchor. Unter der Leitung von Daniel Reuss singen sie liebe- voll - das Wort sei mir an dieser Stelle verziehen - in perfekter chori- scher Einheit, sorgfältig einstudiert und bis ins Detail abgestimmt, Schubert, den König des romantischen Liedes.
Und wie es auch zu den Schubertiaden sicherlich üblich war, erklin- gen zwischendurch Schuberts Tänze, vorgetragen von dem renom- mierten Fortepiano-Spezialisten Jan Vermeulen auf einem leider nicht näher bezeichneten Instrument, das den Originalklang der Schubert-Zeit in die Gegenwart bringt.
Mittwoch, 29. Juni 2011
Mozart: Complete Fortepiano Concertos; Sofronitsky (Etcetera)
Elf CD umfasst diese beeindruckende Box, die alle Konzerte enthält, die Mozart jemals für Fortepiano und Cembalo komponiert oder arrangiert hat. In den Jahren nach 1773 scheint das Hammerklavier Mozarts Lieb- lingsinstrument geworden zu sein. Denn sämtliche Arrangements für Cembalo stammen aus der Zeit da- vor.
Das Fortepiano war damals noch neu und relativ wenig verbreitet, doch der Komponist erkannte seine Bedeutung sofort und widmete sich ihm mit Begeisterung. 1782 erwarb Mozart ein Hammerklavier des Wiener Klavierbauers Gabriel Anton Walter. Sein Sohn Carl, der dieses Instrument dem Mozarteum Salzburg stiftete, schrieb einmal, sein Vater habe dieses Fortepiano derart geschätzt, dass er auf keinem anderen mehr spielen wollte, und es auch bei allen Konzerten benutzte. So wird auch auf den vorliegenden CD einzig dort, wo es um die (frühen) Werke für Cembalo geht, ein solches Instrument gespielt. Es stammt aus der Werkstatt von Yves Beaupré; ansonsten erklingt durchweg ein Fortepiano von Paul McNulty, einem renommierten Klavierbauer, der für exzellente Nachbauten unter anderem von Instrumenten Anton Walters bekannt ist.
Meines Wissens ist dies das erste Mozart-Gesamteinspielung, die konsequent auf die sogenannte historische Aufführungspraxis setzt. Das hat Vorteile - so kommen interessante Klangfarben zum Vor- schein, und an Mozarts Werken werden mitunter Details hörbar, die moderne Instrumente eher verdecken. Denn die frühen Fortepianos waren klanglich noch mehr dem Cembalo verwandt als unserem heutigen Konzertflügel. Allerdings gilt das auch für ihre Lautstärke, was zur Folge hat, dass das Musicae Antiquae Collegium Varsoviense, dirigiert von Tadeusz Karolak, die Aufnahme unangenehm massiv dominiert. Und was insbesondere von den Bläsern zu hören ist, das ist auch nicht durchweg erfreulich.
An den Tasteninstrumenten zu erleben ist Viviana Sofronitzkaja, Tochter des russisschen Pianisten Wladimir Sofronitzki. Sie hat in Moskau und Den Haag studiert, und zahlreiche Wettbewerbe ge- wonnen. Ihre Technik ist zweifellos brillant. Das ändert aber nichts daran, dass ihre Mozart-Interpretation ziemlich geist- und witzlos ist; da knistert nichts. So bringt die "historische" Spielweise keinen Mehr- wert. Schade.
Das Fortepiano war damals noch neu und relativ wenig verbreitet, doch der Komponist erkannte seine Bedeutung sofort und widmete sich ihm mit Begeisterung. 1782 erwarb Mozart ein Hammerklavier des Wiener Klavierbauers Gabriel Anton Walter. Sein Sohn Carl, der dieses Instrument dem Mozarteum Salzburg stiftete, schrieb einmal, sein Vater habe dieses Fortepiano derart geschätzt, dass er auf keinem anderen mehr spielen wollte, und es auch bei allen Konzerten benutzte. So wird auch auf den vorliegenden CD einzig dort, wo es um die (frühen) Werke für Cembalo geht, ein solches Instrument gespielt. Es stammt aus der Werkstatt von Yves Beaupré; ansonsten erklingt durchweg ein Fortepiano von Paul McNulty, einem renommierten Klavierbauer, der für exzellente Nachbauten unter anderem von Instrumenten Anton Walters bekannt ist.
Meines Wissens ist dies das erste Mozart-Gesamteinspielung, die konsequent auf die sogenannte historische Aufführungspraxis setzt. Das hat Vorteile - so kommen interessante Klangfarben zum Vor- schein, und an Mozarts Werken werden mitunter Details hörbar, die moderne Instrumente eher verdecken. Denn die frühen Fortepianos waren klanglich noch mehr dem Cembalo verwandt als unserem heutigen Konzertflügel. Allerdings gilt das auch für ihre Lautstärke, was zur Folge hat, dass das Musicae Antiquae Collegium Varsoviense, dirigiert von Tadeusz Karolak, die Aufnahme unangenehm massiv dominiert. Und was insbesondere von den Bläsern zu hören ist, das ist auch nicht durchweg erfreulich.
An den Tasteninstrumenten zu erleben ist Viviana Sofronitzkaja, Tochter des russisschen Pianisten Wladimir Sofronitzki. Sie hat in Moskau und Den Haag studiert, und zahlreiche Wettbewerbe ge- wonnen. Ihre Technik ist zweifellos brillant. Das ändert aber nichts daran, dass ihre Mozart-Interpretation ziemlich geist- und witzlos ist; da knistert nichts. So bringt die "historische" Spielweise keinen Mehr- wert. Schade.
Sonntag, 10. April 2011
Hassler: Sacred and secular music (Etcetera)
Zu den musikalischen Erben von Orlando di Lasso gehört ohne Zweifel Hans Leo Hassler (1564 bis 1612). Wie seine beiden Brüder Kaspar und Jakob, erhielt er seine Grundausbildung von seinem Va- ter Isaak Hassler, einem Organi- sten und Musikverleger, der seit 1554 in Nürnberg lebte. In dem Verlag erschienen unter anderem Werke di Lassos und seines Schülers Leonhard Lechner. Man darf davon ausgehen, dass der junge Hassler sie gründlich studiert hat.
1584 ging Hassler nach Venedig; die Stadt galt damals als führende europäische Musikmetropole. Dort nahm er Unterricht bei Andrea Gabrieli, dem Organisten der Markuskirche, einem Schüler di Lassos. Er übte sich im mehrchörigen Musizieren und Komponieren, begei- sterte sich aber offenbar auch für das Madrigal und die eher tänzeri- sche italienische Canzonetta.
Wieder in Deutschland, wurde Hassler 1585 Kammerorganist des Grafen Octavian II. von Fugger in Augsburg. Nach dem Tode seines Dienstherrn kehrte der mittlerweile zum Kaiserlichen Hofdiener ernannte und in den Adelsstand erhobene Komponist nach Nürnberg zurück. Dort wirkte er als städtischer Musikdirektor. Außerdem erwies er sich auch als ein geschickter Mechanikus, dessen Musik- automaten sehr gefragt waren, und als findiger Kaufmann. Dennoch ging er 1608 als Kammerorganist an den Hof Christians II. nach Dresden. Hassler starb 1612 auf einer Reise in Frankfurt/Main an Tuberkulose.
Die vorliegende Doppel-CD gibt einen Überblick über sein geistliches und weltliches Schaffen. Sie enthält Kompositionen, die während der Augsburger Jahre für den katholischen Gottesdienst entstanden, ebenso wie evangelische Kirchenmusik aus seiner Nürnberger Zeit, Instrumentalwerke, insbesondere Intraden, sowie Madrigale, Canzonetten und Teutsche Gesäng nach italienischem Vorbild, die noch heute von Chören gern gesungen werden. Das belgische Ensem- ble Currende musiziert unter Erik van Nevel sehr solide, aber für meinen Geschmack könnte alles ein bisschen engagierter und tempe- ramentvoller vorgetragen werden. Auch die Textverständlichkeit lässt leider zu wünschen übrig.
1584 ging Hassler nach Venedig; die Stadt galt damals als führende europäische Musikmetropole. Dort nahm er Unterricht bei Andrea Gabrieli, dem Organisten der Markuskirche, einem Schüler di Lassos. Er übte sich im mehrchörigen Musizieren und Komponieren, begei- sterte sich aber offenbar auch für das Madrigal und die eher tänzeri- sche italienische Canzonetta.
Wieder in Deutschland, wurde Hassler 1585 Kammerorganist des Grafen Octavian II. von Fugger in Augsburg. Nach dem Tode seines Dienstherrn kehrte der mittlerweile zum Kaiserlichen Hofdiener ernannte und in den Adelsstand erhobene Komponist nach Nürnberg zurück. Dort wirkte er als städtischer Musikdirektor. Außerdem erwies er sich auch als ein geschickter Mechanikus, dessen Musik- automaten sehr gefragt waren, und als findiger Kaufmann. Dennoch ging er 1608 als Kammerorganist an den Hof Christians II. nach Dresden. Hassler starb 1612 auf einer Reise in Frankfurt/Main an Tuberkulose.
Die vorliegende Doppel-CD gibt einen Überblick über sein geistliches und weltliches Schaffen. Sie enthält Kompositionen, die während der Augsburger Jahre für den katholischen Gottesdienst entstanden, ebenso wie evangelische Kirchenmusik aus seiner Nürnberger Zeit, Instrumentalwerke, insbesondere Intraden, sowie Madrigale, Canzonetten und Teutsche Gesäng nach italienischem Vorbild, die noch heute von Chören gern gesungen werden. Das belgische Ensem- ble Currende musiziert unter Erik van Nevel sehr solide, aber für meinen Geschmack könnte alles ein bisschen engagierter und tempe- ramentvoller vorgetragen werden. Auch die Textverständlichkeit lässt leider zu wünschen übrig.
Mittwoch, 17. November 2010
Bach: Goldberg-Variations / Canonic Variations (Etcetera)
Die Goldberg-Variationen gehören wahrscheinlich zu den am häufig- sten eingespielten Werken über- haupt. Der niederländische Orga- nist, Cembalist und Musikwissen- schaftler Pieter Dirksen hat sich mit Bachs Werk gründlichst be- schäftigt - und dann beschlossen, noch eine weitere Aufnahme vorzulegen. Denn mit dem, was Generationen von Pianisten aus den Goldberg-Variationen gemacht haben, ist er nicht zufrieden: "Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden."
Dirksen setzt sich nicht mit seinen Vorgängern auseinander; die berühmte Einspielung mit Glenn Gould sieht er als den ultimativen Beweis dafür, dass die Goldberg-Variationen auf dem Klavier nicht angemessen wiedergegeben werden können. Er selbst geht einen anderen Weg. "Diese Aufnahme versucht den Intentionen Bachs soweit wie möglich gerecht zu werden. Natürlich ist ein zweimanua- liges Cembalo das einzige infrage kommende Instrument, wie Bach deutlich auf seiner Titelseite bemerkt", schreibt Dirksen im Beiheft.
Er suchte nach einem Cembalo, das den Anforderungen des Werkes möglichst optimal entspricht - und entschied sich für die Kopie eines Instrumentes von Johannes Ruckers, eines berühmten flämischen Cembalobauers des 17. Jahrhunderts, aus der Werkstatt von Sebastián Nunez, Utrecht. Es bietet neben einem ausgewogenen Klangbild den gewünschten Umfang von viereinhalb Oktaven, und zwei gleich starke, zugleich aber etwas unterschiedlich intonierte Achtfuß-Register. "Und so ideal wie eine gute Stradivari für Bachs Musik für Solovioline sein mag, so scheint mir eine ausgezeichnete Kopie eines Instrumentes vom berühmtesten Cembalobauer der Geschichte gerade richtig, den Olymp des Cembalorepertoires zu besteigen", so der Musiker.
Auch bei der Wahl der Tempi bemüht sich Dirksen, Bach getreu zu folgen. Das bedeutet vor allem, Extreme zu meiden: "Zu schnelle Tempi tendieren bei den doppelmanualigen Variationen dazu, ihre reiche Polyphonie und Motivik zu verschleiern, während zu lang- same Tempi z.B. in der berühmten 25. Variation dazu tendieren, die geigerische Inspiration und Phrasierung in der Stimme der rechten Hand zu verhüllen." Wiederholungen spielt er so, wie sie Bach vorgegeben hat. Das hat den Vorteil, dass der Zuhörer die Musik ungekürzt und in voller ursprünglicher Länge genießen kann - und ein Genuss ist diese Aufnahme. Sie atmet, schwebt und lebt; sie zeigt die musikalische Substanz in ihrer ganzen Pracht und macht Strukturen durchhörbar.
Und als besonderes Bonbon enthält die Doppel-CD noch Bachs zweites großes Variationswerk - die Canonischen Veränderungen über das Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her, komponiert für die Orgel. Dirksen spielt sie auf einer Orgel von Albertus Anthoni Hinsz in der Petruskerk Leens aus dem Jahre 1733 - und auch hier überzeugt er durch tiefe Demut vor Bachs Werk: "Ich will es gar nicht besser wissen als Bach", meint der Musiker. Und damit weiß er es zumindest besser als viele seiner Zeitgenossen. Für mich gehört diese Aufnahme zu den musikalischen Ereignissen des Jahres - Dirksen musiziert historisch informiert, aber vom ersten bis zum letzten Ton lebendig und mit einem Engagement, das begeistert.
Montag, 13. September 2010
Schubert: Works for Fortepiano Vol. VI (Etcetera)

Was für ein Sound! Manchmal ge- schehen doch tatsächlich Wun- der. Und es ist kaum zu glauben, dass man dieses vortreffliche Instrument einem Zufall ver- dankt: Im Frühsommer 1998 wurde auf dem Speicher von Schloss Vilain XIIII zu Leut in Belgien ein Instrument entdeckt, das man zunächst für ein Cembalo hielt. Nachdem aber die Staub- schichten beseitigt waren, erwies sich dieses "Cembalo" als ein Hammerflügel aus der Werkstatt der berühmten Nanette Streicher.
Erbaut 1826 in Wien, mit Seriennnummer 2090, zeigte sich dieses Instrument zwar etwas ramponiert, aber dennoch in grundsätzlich guter Erhaltung. Sogar die Wiener Mechanik war noch im Original vorhanden. Nach behutsamer Restaurierung wurde das Fortepiano 2002 wieder in den Dienst genommen - und erklingt nun hier, gespielt von Jan Vermeulen.
Der Fortepiano-Spezialist hat die Sanierung dieses kostbaren Instrumentes begleitet, und schließlich begonnen, darauf das Werk von Franz Schubert vorzustellen. Aus dieser Konzertreihe entstand schließlich eine Gesamteinspielung - und die hat es in sich. Denn Vermeulen stellt mit seiner Interpretation manch lieb gewordene Hörgewohnheit in Frage. Er spielt brillant, ganz ohne Frage - doch das Hammerklavier klingt nun einmal anders als ein moderner Konzert- flügel, und verlangt vom Pianisten auch eine gänzlich andere Gestaltung.
Das Instrument, ein Geradsaiter mit lediglich sechs Oktaven, be- eindruckt durch seinen faszinierend durchsichtigen Klang, insbe- sondere im Bassregister, und durch seine enorm präzise Ansprache. Dieser Klang ist wirklich kristallklar, und die Läufe perlen daher, wie man das vom modernen Klavier gar nicht mehr kennt. "Romantisch" wirkt das freilich nicht; wer einen Schubert sozusagen mit Spitzen- deckchen erwartet, der wird entsetzt sein. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Vermeulen nicht jenem Klang, den Schubert zu Lebzeiten im Ohr hatte, wesentlich näher kommt, als alle Kritiker heute, die ihn lieber "weicher" und "gemütvoller" hören wollen.
Mittwoch, 25. August 2010
Mozart & Petrini: Early Sonatas with Violin Accompaniment (Etcetera)
Die Einfachpedalharfe ist das Instrument der Wahl für Masumi Nagasawa. Die japanische Harfe- nistin engagiert sich seit Jahren, um dieses Instrument wieder bekannt zu machen, das einst die barocke Harfe ablöste und dann selbst durch die Doppelpedalharfe ersetzt wurde, die sich Sébastien Erard 1810 patentieren ließ. "Man darf nicht vergessen, dass alle Kompositionen, die vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts für Harfe geschrieben worden sind, auf diesem Typ Harfe gespielt wurden", so die Musikerin.
Ihr gelang bei einem Besuch in der Königlichen Bibliothek in Den Haag eine verblüffende Entdeckung: Sie sah sich einen frühen französischen Druck von sechs Sonaten Mozarts an - und las dort einigermaßen verblüfft die Bemerkung: Ces Pieces peuvent s'exécuter sur la Harpe.
Komponiert hatte Mozart diese Werke im Alter von neun Jahren bei einem Aufenthalt in Den Haag 1765/66. Sie waren für Cembalo mit Begleitung durch eine Violine bestimmt - eine kuriose Kombination, die Mozart im Jahr zuvor bei dem Cembalisten Johann Schobert in Paris kennengelernt hatte. Mit einer Ausnahme bestehen sie aus lediglich zwei Sätzen, und sie sind musikalisch enorm abwechslungs- reich. "Ich glaube, dass die Bandbreite an Farben und dynamischen Möglichkeiten in beeindruckender Weise wächst, wenn man diese Sonaten auf der Harfe spielt, statt auf dem originalen Cembalo", unterstreicht Nagasawa. "Dazu verleiht der Harfenklang den Stücken eine galante Leichtigkeit, und die Muster aus gebrochenen Akkorden in der Begleitung klingen auf der Harfe einfach perfekt."
Die Harfenistin kombiniert Mozarts Sonaten mit zwei ähnlichen Werke von Franceso Petrini (1740 bis 1820). Der Vater dieses Harfen- virtuosen war Harfenist am Hofe Friedrichs des Großen in Berlin; Petrini junior gab sein Debut 1770 beim Concert Spirituel in Paris, und verbrachte auch den Rest seines Lebens an der Seine. Und natürlich musste das Adagio in C-Dur, KV 617a für Glasharmonika noch mit auf die CD. Der ätherische Klang der Einfachpedalharfe passt in der Tat gut zu diesem Stück; allerdings hätte man sich eine etwas weniger gefühlsbetonte Interpretation für diese kleine Rarität gewünscht.
Der schlanke und silbrige Klang der Harfe aus der Werkstatt von Jean-Mathias Wolters (1785, Paris) harmoniert gut mit der Barockvioline von Ryo Terakado, gebaut 1690 in Mailand von Giovanni Grancino. Der Violinist begleitet die konzertierende Harfe sensibel und technisch versiert. Insgesamt eine hübsche CD, die insbesondere Harfen-Fans mit einem kleinen Hang zur Romantik entzücken dürfte.
Abonnieren
Posts (Atom)







