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Samstag, 29. Juli 2017

Haydn: Die Schöpfung (Phi)

„Niemand, auch nicht Baron von Swieten, hatte die Seite der Partitur, wo die Geburt des Lichtes geschildert war,  gesehen. Das war die einzige Stelle der Arbeit, die Haydn verborgen gehalten hatte“, berichtet Frederik Samuel Silverstolpe, ein Freund Joseph Haydns, von der ersten Probe der Schöpfung. Und dann nahte diese Stelle: „Haydn hatte dabei eine Miene wie jemand, der sich auf die Lippen zu beißen denkt, entweder um seine Verlegenheit zu hemmen oder auch um ein Geheimnis zu verbergen. Und in demselben Augenblick, als zum ersten Mal dieses Licht hervorbrach, würde man gesagt haben, daß Strahlen geschleudert wurden aus des Künstlers brennenden Augen. Die Entzückung der elektrisierten Wiener war so allgemein, daß das Orchester einige Minuten lang nicht fortsetzen konnte.“ 
Ähnlich intensiv kann der Hörer dieser Aufnahme jenen legendären Moment erleben, in dem auf den musikalischen Ausdruck des Chaos in machtvollem C-Dur zum ersten Male das Licht erscheint. Philippe Herreweghe hat Haydns Oratorium Die Schöpfung mit dem Collegium Vocale Gent und dem Orchestre des Champs-Élysées mit großer Sorgfalt erarbeitet. Das Ergebnis ist ein Erlebnis, zumal auch die Solistenpartien mit Christina Landshamer, Sopran, Maximilian Schmitt, Tenor, und Rudolf Rosen, Bass, exzellent besetzt sind. So differenziert, so farbenreich und so ausdrucksstark habe ich Haydns Schöpfung noch nicht gehört – dies ist ohne Zweifel eine Referenzaufnahme. Grandios! 

Freitag, 10. Juli 2015

Bach: Ich elender Mensch - Leipzig Cantatas (Phi)

Einmal mehr setzt Philippe Herre- weghe mit einer Veröffentlichung auf seinem Label Phi Maßstäbe. Das liegt zum einen daran, dass er für diese Aufnahme von vier Kantaten aus Bachs Leipziger Zeit nicht nur ein erlesenes Solistenquartett gewinnen konnte: Mit Dorothee Mields, Damien Guillon, Thomas Hobbs und Peter Kooij singen und musizieren die bewährten Vokalisten und Instru- mentalisten vom Collegium Vocale Gent. Zum anderen liegt ihm hörbar auch die Aussage dieser Musik am Herzen. Das Magazin Fono Forum urteilte: „Herreweghe beweist ein außerordentliches Gespür für die seel- sorgliche Dimension dieser Musik, hierin Gardiner und Koopman deutlich überlegen und Suzuki durchaus ähnlich, wenngleich noch eine Spur phi- losophischer als dieser.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und als Zugabe enthält die CD obendrein die Motette Komm, Jesu, komm von Johann Schelle (1648 bis 1701), einem der Amtsvorgänger des Thomaskantors. Unbedingt anhören! 

Donnerstag, 16. April 2015

Byrd: Infelix ego (Phi)

Die dritte CD mit Chorrepertoire aus der Zeit der Renaissance, die Philippe Herreweghe bei seinem Label Phi vorgelegt hat, ist William Byrd (um 1540-1623) gewidmet. Der Komponist wirkte, ebenso wie Thomas Tallis, der möglicherweise sein Lehrer gewesen ist, als Organist an der Chapel Royal. Mit der anglikanischen Kirche konnte Byrd allerdings wenig anfangen; er selbst blieb zeitlebens Katholik und schrieb, neben Werken für den anglikanischen Gottesdienst, auch eine Vielzahl von Musikstücken entsprechend der katholischen Liturgie. Er veröffentlichte sie auch, was ziemlich kühn war, da Katholiken damals in England verfolgt und für die Missachtung des staatlich verordne- ten rechten Glaubens mitunter hart bestraft wurden. 
Mit dem Collegium Vocale Gent hat Herreweghe neben der fünfstimmigen Messe auch einige Motetten dieses bedeutenden Meisters der späten Tudor-Zeit eingespielt. Byrds Musik wurde zudem durch je ein Werk von Alfonso Ferrabosco und Philippe de Monte ergänzt. Auch diese beiden Musiker wirkten zeitweise in England bei Hofe; es gibt gute Gründe dafür, anzunehmen, dass Byrd beide kannte. 
Den Mittelpunkt dieser CD bildet Byrds berühmte Motette Infelix ego. Der Text ist eine Meditation über Psalm 51, verfasst von dem Dominikaner Girolamo Savonarola (1452 bis 1498) kurz vor seiner Hinrichtung. Der Prediger hatte seinerzeit die Medici aus Florenz vertrieben und dort ein grausiges, rigoros frommes Regime zu errichten versucht. Er ist damit gescheitert – und wurde als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diesen Text dürfte Byrd wohl kaum zufällig gewählt haben; seine Verto- nung ist ein Meisterwerk, das man unbedingt kennen sollte. Und das Collegium Vocale Gent singt exzellent. Es ist faszinierend, wie sehr sich die Sängerinnen und Sänger sogar auf den typisch englischen Chorklang einstellen. Bravi! 

Dienstag, 26. Februar 2013

Bach: Ach süßer Trost! Leipzig Cantatas (Phi)

Den Leipziger Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750)  wendet sich Philippe Herreweghe mit seinem Ensemble Collegium Vocale Gent auf dieser CD zu. Das ist durchaus ein span- nendes Thema, denn Bach, der zuvor in Weimar und Köthen als Konzertmeister und als Hof- kapellmeister gewirkt hatte, hatte auch in Leipzig nicht die Absicht, traditionelle Kantorenmusik zu liefern. 
Herreweghe hat vier Kantaten aus Bachs erstem Leipziger Kantaten-Jahrgang ausgewählt, um zu demonstrieren, wie experimentier- freudig der neu gewählte Thomaskantor war. Die Kantaten Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht BWV 105, Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei BWV 46, Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe BWV 25 und Warum betrübst du dich, mein Herz? BWV 138 entstanden sämtlich in den Monaten Juli bis September 1723 - und sie beeindrucken durch formale wie gestalterische Vielfalt. Auch bei den technischen Ansprüchen, die Bach an Instrumentalisten und Sänger stellte, ist zu bemerken, dass er seine Anforderungen keines- wegs zurückschraubte. 
Die Sänger und Musiker des Collegium Vocale Gent freilich kann das nicht schrecken. Sie interpretieren die vier Kantaten unter Leitung von Philippe Herreweghe in gewohnt expressiver Weise. Das Ensem- ble ist hervorragend besetzt; die Aufnahme beeindruckt durch ihre erlesene Klangkultur, Ausgewogenheit und Textnähe. Wenn dies eine Reihe werden soll, dann darf man sich auf die nächsten Einspielungen freuen - bravi! 

Donnerstag, 18. Oktober 2012

de Victoria: Officium Defunctorum (Phi)

Als Maria von Österreich, die Witwe des Kaisers Maximilian II., 1603 im Monasterio de las Descalzas Reales in Madrid starb, wo sie seit Jahren lebte, wurde sie im Kreuzgang des Klosters mit den üblichen Zeremonien beigesetzt. Zusätzlich fand eine öffentliche Trauerfeier statt, deren Umfang und Ausgestaltung dem hohen Rang der Verstorbenen ange- messen waren.
Überliefert ist uns das Officium Defunctorum von Tomás Luis de Victoria (1548 bis 1611), dem persönlichen Kaplan von Maria, der Tochter Karl V. und Schwester Philipps II. Wenn der Komponist in seiner Widmung schreibt, dieses Requiem sei für ihn Cygneam cantionem, dann darf man das durchaus wörtlich nehmen. Denn es war das letzte Werk de Victorias, das er publizierte. Nach dem Tode Marias blieb er als Organist im Kloster. 
Philippe Herreweghe hat diese innige Trauermusik gemeinsam mit dem Collegium Vocale Gent auf CD vorgelegt. Die Aufnahme zeigt deutlich, dass die Musik de Victorias auskomponierte Andacht ist - und nur als liturgische Musik verständlich. Auch die Motetten O Domine Iesu Christe, Domino, non sum dignus, Salve Regina und Vadam et circuibo civitatem erweisen sich als musikalische Inter- pretationen liturgischer Texte, bei aller Klangpracht strikt am Wort ausgerichtet. Das Collegium Vocale Gent interpretiert diese Kombi- nation aus gregorianischen Gesängen und kunstvoller Polyphonie, dass selbst Atheisten andächtig lauschen. Die strenge Form bändigt letztendlich die Emotion; wahrlich faszinierend - immerhin ist diese Musik 400 Jahr alt. 

Donnerstag, 15. März 2012

Bach: Missa in h-moll; Herreweghe (Phi)

Die h-Moll-Messe ist mir bislang immer wie ein Fremdkörper in Bachs  urprotestantischem Werk erschienen. Überforderte Chöre und wenig inspiriert, aber desto engagierter vortragende Sänger lassen die Beschäftigung mit Bachs "großer catholischer Messe" regelmäßig zur Qual werden - denn wer über Musik schreiben möchte, muss auch schlechte Aufnahmen bis zum bitteren Ende ertragen. So hatte ich wenig Hoffnung, als ich diese CD startete - doch schon nach wenigen Takten weicht das Ent- setzen der Faszination: Das ist Musik! 
Es ist bereits seine dritte Einspielung der h-Moll-Messe, die Philippe Herreweghe nun bei seinem eigenen Label Phi veröffentlicht. Die jahrzehntelange intensive Auseinandersetzung des Dirigenten mit Bachs Musik schuf die Grundlage für diese phantastische Aufnahme - für die ihm allerdings auch erstklassige Musiker und Sänger als Part- ner zur Verfügung standen.  
Die Solistenriege besteht aus Dorothee Mields, Hana Blažiková, Damien Guillon, Thomas Hobbs und Peter Kooij, durchweg Sänger mit reicher Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik. Und auch das Colle- gium Vocale Gent zeigt sich bestens disponiert. Solisten wie Ripie- nisten singen berückend. So himmlisch klingt Bachs Messe also, wenn Musiker nirgends durch ihre Technik limitiert sind. 
Herreweghe kann auf einen homogenen, traumhaft schönen En- sembleklang bauen. Wie er Bachs musikalischen Strukturen zum Leben erweckt, das hätte wohl auch den Thomaskantor begeistert. Herreweghe setzt ganz auf eine textnahe Interpretation, und sie ist hier in einzigartiger Intensität gelungen. Diese herausragende Ein- spielung ist ohne Zweifel die neue Referenzaufnahme. 


Donnerstag, 10. November 2011

Sweelinck: Choral Works (Etcetera)

Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) gehörte zu den einflussreich- sten Musikern seiner Zeit - nicht nur deshalb, weil der "Orpheus von Am- sterdam" mit seinen Improvisatio- nen auf Orgel und Cembalo Besucher aus ganz Europa begeisterte. Er wirkte als Organist an der Oude Kerk in Amsterdam, und bildete zudem offenbar ganze Heerscharen von Schülern aus. Dazu gehörten unter anderem Johann Praetorius, Gott- fried und Samuel Scheidt, Heinrich Scheidemann, und viele andere mehr. Über diese Musiker und ihre Schüler prägte der "hamburgische Organistenmacher" die sogenannte Norddeutsche Orgelschule ganz entscheidend. 
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke. 
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung. 
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi! 

Sonntag, 3. Juli 2011

Bach: Motetten; Collegium Vocale Gent, Herreweghe (Phi)

Das Collegium Vocale Gent, ins Leben gerufen und bis zum heuti- gen Tage geleitet von Christoph Herreweghe, hat Bachs Motetten erneut eingespielt - und unter- streicht damit, dass es auch mehr als 40 Jahre nach seiner Gründung noch immer zu den besten Ensem- bles weltweit gehört. Je nach Projekt finden sich in Chor und Orchester handverlesene Profis zusammen, die auf die jeweilige Epoche spezialisiert und zudem exzellent aufeinander eingespielt sind - diese Aufnahme zeugt davon. 
Dabei vertritt Herreweghe keineswegs revolutionäre Positionen. In der aktuellen Auseinandersetzung um die Besetzung beispielsweise, in der Bachs Werke zu Lebzeiten des Thomaskantors aufgeführt worden sind, plädiert er für diejenige Lösung, die Bachs Musik jeweils am besten zur Geltung bringt. Das kann eine sehr kleine Besetzung sein, aber auch eine relativ große, zusätzlich verstärkt durch Instrumenta- listen, die die Stimmen der Sänger colla parte verdoppeln, um "die Sänger zur unterstützen, den Klang zu verstärken, die Palette an Klangfarben und die Dynamik zu bereichern, und damit den tiefen Sinn des Werkes noch mehr hervorzuheben", schreibt Herreweghe in dem sehr informativen Beiheft. 
"Man kann sich leicht in den Windungen der vokalen Virtuosität ver- lieren, im Ästhetizismus, in willkürlich überzeichneten Rhythmen, 'Verspieltheit' oder künstlichen Ausdrucksformen", so der Kapell- meister. "Wir haben versucht, uns an eine einzige Richtlinie zu halten: die Partitur singen und spielen in der Art eines 'inspirierten und jungen Predigers', der mit dem Vortrag dieses Textes das Ziel hätte, seine Gemeinde zu berühren und damit zu überzeugen - denn die Emotion ist es, die die Kraft der Überzeugung stärkt." 
Entstanden ist so eine der besten derzeit verfügbaren Aufnahmen; ich finde sie in sich stimmig, sehr sensibel und ausgesprochen dicht an Bachs Notentext. Man darf gespannt bleiben, was Herreweghe mit seinem Label Phi, das er im vergangenen Jahr gegründet hat, als nächstes unternimmt. Mahler, Brahms und Bach - die bisherige Aus- wahl lässt die Ambitionen der Musiker ahnen.