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Freitag, 3. Juli 2020

Reger: Das Werk für Männerchor (Rondeau)

Wer hätte das erwartet? Neben zahlreichen Werken für Orgel, Klavier und Orchester hat Max Reger (1873 bis 1916) auch zahlreiche Werke für Chöre, vor allem auch für Männerchor, geschrieben. So sind Volksliedbearbeitungen in mehreren Liedersammlungen zwischen 1898 und 1900 erschienen. Anschließend beschäftigte sich Reger zudem mit Werken aus Renaissance und Barock; die Zwölf Madrigale bearbeitet für Männerchor entstanden im Auftrag seines Musikverlegers. Neben derartigen Arrangements schuf Max Reger für den Chorgesang immer wieder Originalkompositionen. 
Welch hohen künstlerischen Rang diese Werke haben, das zeigt eine Gesamtaufnahme der Männerchöre Max Regers, die das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht hat. Das Ensemble Vocapella Limburg unter Leitung von Tristan Meister interpretiert die anspruchsvollen Lieder gekonnt. Es ist generell erstaunlich, wie viele hervorragende Männerchöre aus den Limburger Domsingspatzen entstanden sind. Wenn die jungen Männer, dem Knabenchor-Alter entwachsen, sich entschließen, einen neuen Chor ins Leben zu rufen, um auch weiterhin gemeinsam zu singen, dann scheint ihnen das ein Herzensbedürfnis zu sein. Auch die durchweg hohe Qualität der Ensembles weist deutlich darauf hin, dass bei den Limburger Domsingspatzen der musikalische Nachwuchs eine exzellente Ausbildung erfährt. Bravi! 

Samstag, 27. Juni 2020

Brahms (Sony)

Mit Chormusik hat sich Johannes Brahms (1833 bis 1897) zeitlebens beschäftigt. Er hat selbst sehr verschiedene Chöre geleitet, und eine Vielzahl von weltlichen und geistlichen Chorwerken komponiert. 
Die Mitglieder des Rundfunkchores Berlin schätzen diese Kompositionen sehr. Gijs Leenaars, Chefdirigent und künstlerischer Leiter, freut sich darüber, dass nun mit dieser CD einen Herzenswunsch des Ensembles verwirklicht wurde. Das Album hat ein interessantes Konzept: „Ich finde, eine große Stärke des Rundfunkchores Berlin ist seine Wandlungsfähigkeit“, so der Chorleiter, „sowohl als großes Instrument für Chorsinfonik, bei der die richtige Balance zwischen Orchester und Vokalstimmen eine Herausforderung darstellt, als auch für die A-cappella-Arbeit, bei der die eigene fein trainierte Klangvorstellung sehr wichtig ist.“ 
Brahms fordert beides – und die Profis aus Berlin haben für diese CD ein Programm zusammengestellt, das den ganzen Reichtum seines Schaffens auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Es beginnt mit dem Schicksalslied op. 54, einer der bedeutendsten Kompositionen für Chor und Orchester von Johannes Brahms, gefolgt von der A-cappella-Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1. Zu hören sind auch die Nänie op. 82 für gemischten Chor und Orchester, die Drei Gesänge op. 42 für sechsstimmigen Chor a cappella, Es tönt ein voller Harfenklang op. 17 Nr. 1 für dreistimmigen Frauenchor, Horn und Harfe sowie das Geistliche Lied op. 30 für gemischten Chor und Streichorchester in einem Arrangement von Sir John Gardiner. 
Die meisten dieser Stücke sind selten zu hören, weil Laienchöre damit heutzutage üblicherweise heillos überfordert wären. Umso mehr freut man sich über die farben- und nuancenreiche Interpretation dieser Pretiosen der Chorliteratur durch den Berliner Rundfunkchor; das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin übernimmt den Orchesterpart. Exzellent!

Freitag, 6. Dezember 2019

The Choral Collection (Naxos)

Eine komplette CD-Box beschert Naxos allen Freunden von Chormusik. Die Kollektion umfasst auf 30 CD Werke von Pérotin und Palestrina bis hin zu Penderecki und Pärt, vorgetragen von namhaften Ensembles. Selbst für Kenner der Materie bietet sie dabei mitunter Überraschendes. So erklingt beispielsweise Kirchenmusik der Notre-Dame-Schule, gesungen vom Ensemble Tonus Peregrinus, Musik der Hildegard von Bingen, interpretiert von den Oxford Camerata unter Leitung von Jeremy Summerly, die Matthäuspassion von Orlando di Lasso, mit einem umfangreichen Solistenensemble und Musica Ficta unter Bo Holten, die Missa sine nomine sowie drei Motetten von Giovanni Pierluigi da Palestrina, gesungen von den Solisten der Cappella Musicale di S. Petronio Bologna unter Leitung von Sergio Vartolo, Te Deum und Ode for St Cecilia's Day von Henry Purcell, mit Choir and Orchestra of the Golden Age unter Robert Glenton, Joseph Haydns Harmoniemesse mit dem Trinity Choir und dem Rebel Barockorchester unter Leitung von Jörg Michael Schwarz, Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem mit dem Gewandhaus-Kammerchor und dem Leipziger Kammerorchester unter Morten Schuldt-Jensen, zwei Messen von Johann Baptist Vanhal mit den Tower Voices New Zealand und dem Aradia Ensemble unter Uwe Grodd, das Requiem von Antonín Dvořák mit Warsaw Philharmonic Orchestra and Choir unter Antoni Witt, oder aber Chormusik von Kim André Arnesen mit dem Ensemble Kantorei unter Joel Rinsema. The Choral Collection – das sind mehr als 30 Stunden Chorgesang, mit Werken vom Mittelalter bis zur Gegenwart in sorgfältig ausgewählten Einspielungen. 

Dienstag, 11. Dezember 2018

Meridiane Nord - Sjaella (Raumklang)

„Nord“ heißt das neue Album von Sjaella, das soeben bei dem Label Raumklang erschienen ist. Es ist zugleich die erste CD der Serie Meridiane, mit der das A-cappella-Ensemble internationale Folklore und Weltmusik aus den unter- schiedlichsten Regionen erkunden will. 
„Der Norden Europas ist nicht nur wegen unseres Ensemble-Namens ein passender Startpunkt für dieses Projekt“, schreibt Sopranistin Franziska Eberhardt im Beiheft. „Vor allem die skandinavische Chortradition hält uns seit vielen Jahren in ihrem Bann. Die dort beheimateten Ensembles haben unseren Klang geprägt und Interesse an ihrem vielfältigen Liedgut geweckt. Die musikalische Schlichtheit der Lieder, ihre kantablen Melodien mitsamt der kunstvollen Verzierungen und nicht zuletzt die vielen klangvollen und mystisch anmutenden Sprachen haben uns gereizt und die wichtigsten Impulse zu unserer Expedition durch Skandinavien, Großbritannien und Irland gesetzt.“ 
Die jungen Sängerinnen von Sjaella haben dafür ein ebenso anspruchs- volles wie klangschönes Programm zusammengestellt. Die Lieder erklingen in den originalen Sprachen und in modernen Arrangements, die das Sextett aus Leipzig oftmals sogar selbst geschrieben hat. Gesungen wird professionell, farbenreich und beseelt. Als Gäste wirken mit Peter Alexander Bauer, Percussion, und Barnabas Herrmann, Thin Whistle. Und auch musikalisch bietet die CD viel Abwechslung. Sehr gelungen! 

Mittwoch, 11. April 2018

Esenvalds: The Doors of Heaven (Naxos)

Mitunter erinnert seine Musik an Arvo Pärt, doch als Nachfolger des weltberühmten Komponisten sehe ich Ēriks Ešenvalds nicht. Die Chorwerke, die auf dieser CD erklingen, verweisen auf eine ganz eigene Klangwelt. Sie lebt weniger aus der Repetition und der Stille und Reduktion als vielmehr aus Klang- flächen und überraschenden harmonischen Effekten. Es ist aber richtig, dass der 1977 geborene Ešenvalds ebenso wie Pärt aus dem Baltikum stammt, jener musikali- schen Wunderkammer Europas, aus der leider viel zu selten Kunde zu uns dringt. 
Vor allem als Komponist von Chormusik hat Ešenvalds international hohes Ansehen errungen. Einige seiner Werke werden hier vom Portland State Chamber Choir unter Leitung von Ethan Sperry gesungen, einem der besten jungen Chöre der USA, vielfach preisgekrönt und ausgezeichnet. 

Sonntag, 26. November 2017

Reger und seine Zeit (MDG)

So hörenswert die Musik von Max Reger (1873 bis 1916) ist, so selten erklingt sie tatsächlich im Konzert. Das gilt nicht nur für seine Orgelwerke, sondern ebenso für die Chormusik. Der Kammerchor Opus Vocale, geleitet von Volker Hedtfeld, hat auf dieser CD im Gedenken an den hundertsten Todestag des Komponisten eine kleine, aber sehr feine Auswahl aus dem Schaffen Regers zusammengestellt. Sie macht zum einen deutlich, welch enorme Qualität diese Musik hat. Und sie zeigt zum anderen das Umfeld, in dem sie entstanden ist – mit ebenfalls sorgsam ausgesuchten Chorstücken von Anton Bruckner (1824 bis 1896), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Arnold Schönberg (1874 bis 1951). 
Volker Hedtfeld führt seinen Profi-Projektchor mit sicherer Hand durch dieses anspruchsvolle Repertoire. Der Kammerchor Opus Vocale beeindruckt mit seinem absolut homogenen Chorklang, schier endlosen Spannungsbögen und dynamischer Flexibilität. Faszinierend! 

Montag, 20. Februar 2017

Sølvguttenes favoritter (Lawo)

Der Sølvguttene Knabenchor aus Oslo wurde 1940 durch Torstein Grythe gegründet und von ihm auch viele Jahre erfolgreich musikalisch vorangebracht. Seit 2004 ist Fredrik Otterstad der Leiter des renommierten Ensembles, das zum norwegischen Medienhaus NRK gehört. Derzeit gehören etwa 130 Jungs und junge Männer dem Knabenchor an; etwa
90 von ihnen singen im Konzertchor. Sagenhafte 150 Auftritte bestreiten die Burschen alljährlich.

Sølvguttene geht regelmäßig auf Konzertreisen im In- und Ausland, und hat zahlreiche CD eingespielt. „Vi har ofte fått spørsmål fra publikum etter konserter om hvorvidt vi har kveldens repertoar på CD, og alt for ofte har svaret vært nei. Men nå er den her: Sølvguttenes egne favoritter. God fornøyelse!“, schreibt der Chor im Geleitwort zu seinem jüngsten Album.
Zu diesen Favoriten, die der Chor gern in seinen Programmen singt, gehö- ren neben Werken norwegischer Komponisten geistliche und weltliche Chorsätze aus aller Welt, beispielsweise das berühmte Ave verum corpus von Wolfgang Amadeus Mozart, Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach, das Cantique de Jean Racine von Gabriel Fauré oder der grandiose Hallelujah-Chor aus dem Messias von Georg Friedrich Händel.
Die jungen Choristen singen mit Elan. Allerdings erscheint die Chorleistung derzeit, nun ja, ausbaufähig. Lautstärke ist halt nicht alles. Dynamik bedarf auch einer gewissen Flexibilität, einer schnellen Reaktion auf die Vorgaben des Dirigenten; in diesem Falle vermisst man nicht zuletzt ein gepflegtes Piano. Und bei schnellen Passagen leidet die Homo- genität. Außerdem fällt neben den schönen Stimmen leider auf, dass die Intonation zum Ende so mancher Phrase hin abrutscht. Ein Genuss ist das nicht, schade! 

Sonntag, 24. April 2016

800 Jahre Dresdner Kreuzchor - Lieder aus 8 Jahrhunderten (Berlin Classics)

Mit diesem Album begibt sich der Dresdner Kreuzchor auf eine musikalische Zeitreise durch die acht Jahrhunderte seines Bestehens. Werke von der Gregorianik bis in die Gegenwart umfasst das Repertoire der berühmten Sängerknaben, und vom Choral bis zum Volkslied. Eine Auswahl erklingt auf dieser CD. Sie beginnt bei Johannes Aulen und Johann Walter, dem „Urkantor“ der evangelischen Kirche, und reicht über Heinrich Schütz, Josef Rheinberger und Rudolf Mauersberger bis hin zu Mikis Theodorakis. Diese Rückschau würdigt zudem die Traditionen des Chores, indem sie Aufnahmen von 1964 bis in die Gegenwart zusammenfasst. Eingespielt wurden sie unter dem legendären Kreuzkantor Rudolf Mauersberger, der den Chor von 1930 bis 1971 klug geleitet hat, seinem Nachfolger Martin Flämig, der ihn im Anschluss bis 1991 führte, dem Chordirigenten Peter Kopp und dem jetzigen, 28. Kreuzkantor Roderich Kreile. Damit dokumentiert diese Zeitreise auch, wie sich der Chorklang im Verlauf dieser Jahre verändert hat. 

Freitag, 27. März 2015

Pater noster (Oehms Classics)

Vertonungen des Vaterunsers aus unterschiedlichen Jahrhunderten, Musiktraditionen und Himmels- richtungen hat der Salzburger Bachchor unter seinem Leiter Alois Glaßner bei Oehms Classics zusammengetragen. Ergänzt wird das Programm durch einige Vertonungen von Gebeten, die sich an die Gottes- mutter Maria wenden. Die Auswahl war nicht ganz einfach: „Das Vaterunser ist ein sehr persönliches Gebet“, erläutert Glaßner im Beiheft zu dieser CD. „Es nimmt zudem die zentrale Stellung in der Liturgie ein. Es ist dem Volk, der Kirchengemeinde übertragen, daher nicht so oft extra vertont worden. Und wenn, dann fast nur a cappella.“ 
Auf die Ursprünge der geistlichen Chormusik, die man sicherlich im Chorgesang der Nonnen und Mönche vermuten darf, verweisen die jüngsten Werke, insbesondere die umfangreiche Pater-noster-Vertonung aus der Feder des österreichischen Komponisten Wolfram Wagner (*1962). Er beginnt mit der gregorianischen Melodie, und schafft durch Wieder- holungen Eindringlichkeit. Das älteste Stück auf der CD stammt von Jacobus Gallus (1550 bis 1591). Auch sonst findet sich zwischen Heinrich Schütz und Gustav Holst, Franz Liszt und Alfred Schnittke, oder Giuseppe Verdi und Maurice Duruflé so manche Entdeckung auf diesem interessan- ten Konzept-Album. 
Der Salzburger Bachchor singt versiert und sehr hörenswert. Zum Abschluss gönnt sich das Ensemble übrigens das Ybbstaler Vaterunser, ein stimmungsvolles mehrstrophiges Lied aus Niederösterreich, das noch heute dort auf Wallfahrten gesungen wird. Und die ganze Zeit zwitschern im Hintergrund leise Vögel. Die gefiederten Sänger erinnern uns beständig an den Himmel. Was für ein cooler Fingerzeig! 

Donnerstag, 26. März 2015

Brahms: Choral Music (Naxos)

Es sind keine Nichtigkeiten, keine Tändeleien, die Johannes Brahms (1833 bis 1897) zu seinen Werken für Chor und Orchester inspirierten. Das zeigt eine Gesamteinspielung, die Chor und Orchester der polnischen Nationalphilharmonie Warschau unter Antoni Wit bei Naxos vorgelegt haben. Das Programm wurde chronologisch gestaltet. Es beginnt mit dem innigen Ave Maria op. 12, das Brahms im September 1858 in Göttingen geschrieben und im darauffolgenden Jahr mit seinem Hamburger Frauenchor nebst Orgelbegleitung in der Michaeliskirche aufgeführt hat. Hier erklingt dieses ebenso schlichte wie berückende Werk in einer Version für gemischten Chor und Orchester. 
In demselben Jahr komponierte Brahms den Begräbnisgesang op. 13 nach einem Text („Nun laßt uns den Leib begraben“) von Michael Weiße (um 1488 bis 1534). Er war zunächst Franziskanermönch in Breslau, später wurde er Priester der Böhmischen Brüder, für die er auch Kirchenlieder schrieb. 
1869, nachdem er das Deutsche Requiem vollendet hatte, schuf Brahms die Rhapsodie für Alt, Männerchor und Orchester op. 53. Der Text dazu stammt aus Goethes Harzreise im Winter – es sind düstere Zeilen, einen Wanderer schildernd, der „sich Menschenhass aus der Fülle der Liebe trank“. Entsprechend dramatisch ist auch die Musik, die erst im dritten Teil, wo auch der Männerchor hinzutritt, versöhnlich ausklingt. Das Solo singt Ewa Wolak – und das recht beeindruckend. Diese CD ist auch ansonsten sehr gelungen. Die Chöre haben Wucht, wo es erforderlich ist, aber die Sänger können auch sensibel gestalten, von Wit klug geführt und fein austariert im Zusammenspiel mit der Nationalphilharmonie. 
Auch die drei letzten Stücke auf der CD befassen sich mit den großen Konflikten des Lebens, und sind als Vertonung bedeutender Texte großer Dichter entstanden – das Schicksalslied op. 54 nach einem Text aus Friedrich Hölderlins Hyperion, Nänie op. 82 vertont den gleichnamigen Klagegesang von Friedrich Schiller. Geschaffen hat Brahms dieses Werk 1880 im Gedenken an einen verstorbenen Freund, den Maler Anselm Feuerbach. Am Schluss steht, als letztes der großen Chorwerke des Komponisten, der Gesang der Parzen op. 89, vollendet 1882, nach Versen aus Goethes Schauspiel Iphigenia in Tauris

Freitag, 10. Oktober 2014

The Britten Collection (Coro)

The Sixteen, geleitet von Harry Christophers, gehört zu den besten britischen Chören. Zum hundertsten Geburtstag von Benjamin Britten (1913 bis 1976) hat das Ensemble die drei bislang veröffentlichten Alben mit Werken des Komponisten erneut vorgelegt. Dazu wurden sie in einer Box zusammengefasst. Es erklingt sowohl geistliche als auch weltliche Musik, mit der gewohnten Perfektion vorgetragen von den Sängerinnen und Sängern. Darunter ist auch das legendäre A Ceremony of Carols; für diese Aufnahme erhielt The Sixteen einst den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. 

Freitag, 12. September 2014

Mendelssohn: Sacred Choral Works (Brilliant Classics)

Die geistlichen Chorwerke von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 bis 1847) sind in einer Acht-CD-Box bei Brilliant Classics erschienen. Mit Ausnahme von Magnificat und Gloria, die durch den Amadeus-Chor vor- getragen werden, ist durchweg der Chamber Choir of Europe unter Nicol Matt zu hören, mitunter gemeinsam mit der Württembergischen Philhar- monie Reutlingen. 
Die Sängerinnen und Sänger dieses Projektchors sind Profis – und das hört man auch. Denn sie singen blitzsauber, stets ausgewogen und souverän, und folgen perfekt dem Dirigat von Chorleiter Nicol Matt. Der kann es sich daher leisten, die Chöre dynamisch mit Sorgfalt zu gestalten, ganz im Sinne der Romantik. Diese Einspielung ist ein Ereignis, in dieser Qualität wird man Mendelssohns Chöre extrem selten hören.

Freitag, 2. Mai 2014

Verklingend und ewig - Raritäten aus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (Rondeau)

Raritäten aus Beständen der Her- zog August Bibliothek Wolfenbüttel haben Mädchenchor und Knaben- chor Hannover gemeinsam mit der Capella Augusta Guelferbytana im Großen Sendesaal des Norddeut- schen Rundfunks für eine ganz besondere CD eingespielt, die dann bei dem Leipziger Label Rondeau Production erschienen ist. Dabei handelt es sich um die Begleit-CD zu der Ausstellung „Verklingend und ewig. Tausend Jahre Musik- gedächtnis 800 – 1800“. Sie beschäftigte sich mit der Wechselbeziehung zwischen Musik-Notation und Klang. Und weil sich das nur mit dem Notentext schlecht zeigen lässt, liefert diese CD sozusagen den Sound zum Dokument. 
Aus den tausend Jahren Musikgeschichte wiederum haben die Aus- stellungsmacher für die CD den Zeitraum um die Entstehung der Herzog August Bibliothek und – im Kontrast zum Wolfenbütteler Hof – Zeugnisse aus protestantischen Städten ausgewählt. Dabei handelt es sich um sogenannte Leichpredigten – Druckschriften, die Auskunft geben über den Lebensweg und das Sterben von Bürgern und Adli- gen. 
Oftmals berichten sie zudem über die Beisetzungsfeierlichkeiten. So sind in etlichen dieser Dokumente auch Funeralmusiken abgedruckt, Kompositionen, die speziell für die Beerdigung geschrieben worden sind. Das sind teilweise einfache Strophenlieder, mitunter aber auch aufwendige Werke. So schuf Christoph Heinrich Pfefferkorn für die 1701 im thüringischen Tonna verstorbene Sabine Elisabeth von Brandenstein, seine Patentochter, eine Arie, darinnen die seeligst-Verstorbene von der noch lebenden Frau Schwester, und diese von jener, betrübten Abschied nimt. Andreas Hammerschmidt findet sich hier neben Johann Erasmus Kindermann und Sophie Elisabeth Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg neben der italienischen Musikerin Maddalena Caulana. 
Mädchenchor und Knabenchor Hannover, geleitet von Gudrun Schröfel und Jörg Breiding, singen routiniert und ausgesprochen klangschön. Das gilt auch für die Chorsolisten – hier kann man unmittelbar hören, dass sich eine sorgfältige Stimmbildung und die frühzeitige musikalische Unterweisung wirklich auszahlt. Die beiden Chöre werden ihrem Ruf als führende europäische Ensembles einmal mehr gerecht. Bravi. 

Freitag, 6. April 2012

Thomanerchor Leipzig - 800 Jahre (Crystal Classics)

Vor 800 Jahren wurde in Leipzig durch Markgraf Dietrich von Meißen ein Kloster gestiftet - das Augustinerkloster St. Thomas, und zugleich damit gründete er die Thomasschule und der Thomaner- chor. Denn die Knaben, die an der Klosterschule ausgebildet wurden, wohnten im Stift - und sangen in den Gottesdiensten. 
Im Zuge der Reformation wurde das Kloster aufgelöst. Die Verant- wortung für Schule, Alumnat und Chor ging an die Stadt, und wenn der Thomanerchor in diesem Jahr sein großes Jubiläum feiert, dann feiert sich damit auch die Stadt Leipzig ein bisschen selbst. Den Stadtvätern sei dies vergönnt, denn der berühmte Chor hat im Laufe der Jahrhunderte viele große Musiker an die Pleiße gelockt, und zugleich viele von ihnen ausgebildet. 
Aus Archivbeständen hat Crystal Classics zum Jubiläum Werke von Thomaskantoren zusammengetragen, die der Chor seinerzeit unter Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch gemeinsam mit dem Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig eingespielt hat. Auf der ersten CD finden sich neben Werken von Johann Sebastian Bach auch die seiner Vorgänger Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), Tobias Michael (1592 bis 1657) und Johann Schelle (1648 bis 1701) sowie seiner Nachfolger Johann Adam Hiller (1728 bis 1804), Johann Gottfried Schicht (1753 bis 1823), Christian Theodor Weinlig (1780 bis 1842) und Gustav Schreck (1849 bis 1918). 
Auf der zweiten CD findet sich ein Repertoire, das auch bei den Thomanern zum Chorleben gehört - weltliche Chormusik und Volkslieder in handverlesenen Sätzen. Gerade hier fällt aber der schöne, homogene und ausgewogene Chorklang besonders auf, den Thomaskantor Rotzsch kultiviert hatte. Und so werden gerade Freunde des Knabenchor-Klanges sehr viel Freude an dieser Ergänzung haben.  

Sonntag, 13. November 2011

Im Herbst - Choral Works by Brahms & Schubert (BIS)

Donnerwetter, das ist ein Chor- klang! Harmonisch, beweglich, wasserklar - Det Norske Solistkor gehört ohne Zweifel zu den absolu- ten Spitzenensembles weltweit. Die Sänger des Norwegischen Solisten- chors sind durchweg exzellent ausgebildet, und sie folgen Chor- leiterin Grete Pedersen, als könn- ten sie Gedanken lesen. 
Diese CD ist wirklich hinreißend. Schade, dass Johannes Brahms und Franz Schubert ihre Chorwerke wohl niemals in einer derart per- fekten Interpretation hören konnten. Der Zuhörer freut sich über diese grandiose, stimmungsvolle Aufnahme einer Auswahl aus den
Elf Zigeunerliedern op. 103, die Fünf Gesänge op. 104, die Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1 und das Geistliche Lied op. 30 von Brahms, und Psalm 23 D 706 sowie den Gesang der Geister über den Wassern D 714 von Schubert. Meine unbedingte Empfehlung! 

Donnerstag, 10. November 2011

Sweelinck: Choral Works (Etcetera)

Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) gehörte zu den einflussreich- sten Musikern seiner Zeit - nicht nur deshalb, weil der "Orpheus von Am- sterdam" mit seinen Improvisatio- nen auf Orgel und Cembalo Besucher aus ganz Europa begeisterte. Er wirkte als Organist an der Oude Kerk in Amsterdam, und bildete zudem offenbar ganze Heerscharen von Schülern aus. Dazu gehörten unter anderem Johann Praetorius, Gott- fried und Samuel Scheidt, Heinrich Scheidemann, und viele andere mehr. Über diese Musiker und ihre Schüler prägte der "hamburgische Organistenmacher" die sogenannte Norddeutsche Orgelschule ganz entscheidend. 
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke. 
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung. 
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi! 

Samstag, 23. April 2011

Striggio: Mass in 40 Parts (Decca)

Alessandro Striggio d.Ä. (1536/37 bis 1592) war der natürliche Sohn und Erbe eines Aristokraten aus Mantua. 1559 ging er an den Hof von Herzog Cosimo I. de Medici in Florenz. Sein gehobener sozialer Rang ermöglichte ihm eine Doppel- karriere als Musiker und Diplomat. Beides war eng miteinander ver- knüpft. So reiste er 1567 im Winter quer durch Europa, um Maximilian II., dem neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Namen seines Herrn eines seiner Werke, die Missa Ecco si beato giorno, zu präsentierten. Striggio traf den Kaiser in Brünn und berichtete, dieser sei entzückt gewesen. 
Der Komponist reiste weiter nach München, wo die Messe für Herzog Albert V. erklang - sehr wahrscheinlich unter der Leitung von Orlan- do di Lasso - und ging dann anschließend nach Paris, wo er eine außerliturgische Aufführung vor dem jungen Charles IX. und seiner Mutter Catherine de Medici, einer Kusine Cosimos, leitete. Brieflich bat er dann seinen Dienstherrn, noch England aufsuchen zu dürfen, was ihm offenbar auch gestattet wurde. 
Auch dort scheint er sein Werk vorgestellt zu haben. Ein Zeitgenosse, der die Aufführung möglicherweise miterlebt hat, berichtet, diese Musik - "whence the Italians obteyned the name to be called Apices of the world" - habe eine himmlische Harmonie verbreitet. Und ein Herzog habe gefragt, ob es nicht auch in England jemanden gebe, der ein solches Werk zu schaffen in der Lage sei. Thomas Tallis solle sich doch daran versuchen - was der auch tat, indem er Spem in alium schrieb, eine ebenfalls 40stimmige Motette, die zwar einige der italienischen Kompositionstechniken adaptiert, aber zugleich den Kontrapunkt, den Striggio sorgsam meidet, geradezu meisterhaft einsetzt. Dadurch entstehen außerordentlich faszinierende Disso- nanzen - und Tallis gelang so ein Kunstwerk, das dem Vorbild des italienischen Kollegen mindestens ebenbürtig ist. 
Etliche Werke Striggios sind überliefert, darunter sieben Bücher mit Madrigalen sowie die Madrigalkomödie Il cicalamento delle donne al bucato. Sein gleichnamiger Sohn schrieb später übrigens das Libretto zu Monteverdis Orfeo. Robert Hollingworth hat nun mit dem Ensem- ble I Fagiolini für das Label Decca eine hochinteressante Auswahl der Werke Alessandro Striggios eingespielt. Sie beginnt mit der Motette Ecce beatam lucem, die im April 1591, wohl im Dom von Florenz, päpstlichen Gesandten zu Ehren im Rahmen eines aufwendigen Spek- takels erstmals aufgeführt wurde. Dabei scheinen - wie im Theater - maskierte und kostümierte Sänger und Instrumentalisten dank Wolkenmaschinen durch den Raum "geschwebt" zu sein. Und wie man hört, verstand man sich nicht nur in Venedig trefflich auf die Gestal- tung von mehrchörigen Gesängen. 
Aus dem erfolgreichen Werk wurde dann in zwei Schritten die Paro- diemesse Missa Ecco si beato giorno, ein ganz erstaunliches Musik- stück, teilweise sogar sechzigstimmig. Sie galt als verloren, doch dann wurden vor einiger Zeit die Stimmbücher in Paris entdeckt. So er- klingt sie hier auf dieser CD als Weltersteinspielung, gefolgt von einigen Madrigalen Striggios, die übrigens erneut zeigen, wie im
16. Jahrhundert Musik zur Repräsentation und als Mittel der Politik genutzt wurde. 
Als zusätzliche kleine Kostbarkeit enthält die CD ein kurzes Stück von Vincenzo Galilei, mit dem Striggio befreundet war. Und natürlich wird Tallis' Spem in alium vorgetragen, erstmals nach einer neuen Edition von Hugh Keites. Die Besetzung und die Verteilung der einzel- nen Stimmen hat Hollingworth klug überlegt; zu dem gigantischen Solistenensemble - Chor kann man diese Formation nicht wirklich nennen - kommen ganze Scharen an Instrumentalisten, die durchweg historisch korrekt streichen, blasen und zupfen. Das Ergebnis klingt grandios. Diese CD ist ein Ereignis - und wohl dem, der technisch so ausgestattet ist, dass er die räumlichen Effekte, die durch die Mehr- chörigkeit zustande kommen, wahrnehmen und genießen kann. 


Sonntag, 10. April 2011

Hassler: Sacred and secular music (Etcetera)

Zu den musikalischen Erben von Orlando di Lasso gehört ohne Zweifel Hans Leo Hassler (1564 bis 1612). Wie seine beiden Brüder Kaspar und Jakob, erhielt er seine Grundausbildung von seinem Va- ter Isaak Hassler, einem Organi- sten und Musikverleger, der seit 1554 in Nürnberg lebte. In dem Verlag erschienen unter anderem Werke di Lassos und seines Schülers Leonhard Lechner. Man darf davon ausgehen, dass der junge Hassler sie gründlich studiert hat.
1584 ging Hassler nach Venedig; die Stadt galt damals als führende europäische Musikmetropole. Dort nahm er Unterricht bei Andrea Gabrieli, dem Organisten der Markuskirche, einem Schüler di Lassos. Er übte sich im mehrchörigen Musizieren und Komponieren, begei- sterte sich aber offenbar auch für das Madrigal und die eher tänzeri- sche italienische Canzonetta.
Wieder in Deutschland, wurde Hassler 1585 Kammerorganist des Grafen Octavian II. von Fugger in Augsburg. Nach dem Tode seines Dienstherrn kehrte der mittlerweile zum Kaiserlichen Hofdiener ernannte und in den Adelsstand erhobene Komponist nach Nürnberg zurück. Dort wirkte er als städtischer Musikdirektor. Außerdem erwies er sich auch als ein geschickter Mechanikus, dessen Musik- automaten sehr gefragt waren, und als findiger Kaufmann. Dennoch ging er 1608 als Kammerorganist an den Hof Christians II. nach Dresden. Hassler starb 1612 auf einer Reise in Frankfurt/Main an Tuberkulose.
Die vorliegende Doppel-CD gibt einen Überblick über sein geistliches und weltliches Schaffen. Sie enthält Kompositionen, die während der Augsburger Jahre für den katholischen Gottesdienst entstanden, ebenso wie evangelische Kirchenmusik aus seiner Nürnberger Zeit, Instrumentalwerke, insbesondere Intraden, sowie Madrigale, Canzonetten und Teutsche Gesäng nach italienischem Vorbild, die noch heute von Chören gern gesungen werden. Das belgische Ensem- ble Currende musiziert unter Erik van Nevel sehr solide, aber für meinen Geschmack könnte alles ein bisschen engagierter und tempe- ramentvoller vorgetragen werden. Auch die Textverständlichkeit lässt leider zu wünschen übrig. 

Sonntag, 6. Juni 2010

Schumann: Die großen Chorwerke (EMI Classics)

Sie sind nicht eben häufig zu hören, die großen Chorwerke von Robert Schumann. In den 70er Jahren ging EMI Electrola gemeinsam mit dem Chor des Städtischen Musik- vereins zu Düsseldorf unter dem Chorleiter Hartmut Schmidt und mit freundlicher Begleitung durch die Stadt Düsseldorf daran, die teilweise vollkommen in Ver- gessenheit geratenen Werke für Chor, mitunter zudem ein großes Solistenaufgebot und Orchester aufzuzeichnen. Die "Düsseldorfer Schumann-Chor-Edition", entstanden über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, erregte damals enormes Aufsehen.
Jetzt hat EMI diese legendären, mehrfach preisgekrönten Aufnahmen in einer 9-CD-Box zusammengefasst. Sie enthält Werke wie Das Para- dies und die Peri, die Szenen aus Goethes Faust, Der Rose Pilgerfahrt, eine Vielzahl von Romanzen und Balladen, die Messe c-Moll op. 147, das Requiem Des-Dur op. 148 und das Requiem für Mignon op. 98b. 
An der Seite des von Hartmut Schmidt stets sorgfältig einstudierten Chores, der wirklich prachtvoll singt, sind Weltstars zu hören wie Edith Mathis, Edda Moser, Brigitte Fassbaender, Nicolai Gedda oder Dietrich Fischer-Dieskau. Bei der Missa sacra sind Chor und Solisten gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Wolfgang Sawallisch zu hören. Ansonsten sind die Düsseldorfer Symphoniker der Partner der Wahl, geleitet von ihren Generalmusikdirektoren Henryk Czyz, Rafael Frühbeck de Burgos und Bernhard Klee, die sich liebevoll der Meisterwerke ihres Amtsvorgängers annehmen. 
Es ist kein Wunder, dass die Kritik diese Aufnahmen seinerzeit gefeiert hat. Denn hier wird tatsächlich auf höchstem Niveau musiziert. Diese Einspielungen, natürlich mittlerweile sorgfältig remastert, haben in den vergangenen Jahrzehnten kaum Staub angesetzt. EMI gebührt Dank dafür, dass diese Raritätensammlung nun zum 200. Geburtstag Schumanns wieder erhältlich ist.