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Sonntag, 22. Juli 2018

Molter: Orchestral Music & Cantatas (Brilliant Classics)

Das Leipziger Ensemble Camerata Bachiensis hat sich auf dieser CD der Musik von Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) zugewandt. Über den Lebensweg des Thüringer Kompo- nisten, der als Hofkapellmeister in Karlsruhe sowie in Eisenach wirkte, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. 
Seine Musik verbindet deutsche Kontrapunktik mit italienischen und französischen Stilelementen - „vermischter Stil“, nennt das die Musikwissenschaft. Molter freilich dürfte einfach versucht haben, die Erwartungen seiner Auftraggeber zu erfüllen. Und diese wünschten sich musikalische Unterhaltung; galante Klänge, zu denen man seinerzeit durchaus geplaudert oder aber Karten gespielt hat. 
So etwas muss nicht unbedingt musikalisch von minderem Wert sein, wie diese Aufnahme beweist. Die Camerata Bachiensis hat aus den Handschriften, die sich in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe befinden, ein hörenswertes Programm zusammengestellt. Die CD bietet eine Sinfonia, eine Ouvertüre, ein Concerto, eine Sonata à quadro für Oboe, Violine, Viola und Continuo sowie zwei weltliche Kantaten – allesamt in Weltersteinspielung. Musiziert wird gekonnt, und auch technisch ist die Aufnahme rundum bestens gelungen. Besonders hervorzuheben sind Roberto De Franceschi, der als Solist sowohl im Flötenkonzert als auch an der Oboe überzeugt, und die Sopranistin Julia Kirchner, die die beiden Kammerkantaten souverän gestaltet. 

Montag, 24. März 2014

Schumann: Bunte Blätter op.99, Albumblätter op.124; Koch (Genuin)

Erinnerungen an interessante Begegnungen in Stammbüchern festzuhalten, das war früher ein gern geübter Brauch. Im 19. Jahr- hundert, im Zeitalter der zele- brierten Häuslichkeit, waren die Alben offenbar allgegenwärtig. So wird es nicht verwundern, dass auch die musizierenden Romatiker dieses Ritual mit Eifer pflegten. 
Dievorliegende CD fasst Album- blätter zusammen, musikalische Skizzen und Miniaturen, die in erster Linie Robert Schumann, aber auch Johannes Brahms sowie seine weniger bekannten Zeitge- nossen Theodor Fürchtegott Kirchner (1823 bis 1903) und Woldemar Bargiel (1828 bis 1897) zu Papier gebracht haben. Gleichzeitig stellt Pianist Tobias Koch ein ganz besonderes Klavier vor: Der Flügel, der hier erklingt, stammt aus der Werkstatt von Johann Nepomuk Tröndlin (1790 bis 1862). Der stammte eigentlich aus Freiburg im Breisgau, entzog sich aber dem Wehrdienst durch die Flucht nach Wien. 1821 ging er nach Leipzig. Dort waren seine Instrumente hochgeschätzt; sie wurden sowohl durch die Schumanns als auch im Hause Mendelssohn gespielt. 
Das Exemplar, das hier präsentiert wird, hat die Fabrikationsnummer 284 und befindet sich heute im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Der Hammerflügel klingt sehr hell, bisweilen klimperig, metallisch. Das reine Vergnügen ist das nicht, zumal auch Kochs Interpretationen in diesem Falle etwas oberflächlich bleiben. Schade. 

Dienstag, 6. November 2012

The circle of Robert Schumann Vol. 2 (Capriccio)

Die Geigerin Gudrun Schaumann widmet sich erneut dem Umfeld von Robert Schumann. Für diese beiden CD hat sie neben Werken des Komponisten und seiner Frau Clara auch einige attraktive Stücke herausgesucht, die im Kreis der Freunde, Schüler und Kollegen Schumanns entstanden sind.
So entstand 1853 die sogenannte F.A.E.-Sonate - für die neben Schumann, der Intermezzo und Finale beisteuerte, auch Albert Dietrich und Johannes Brahms Sätze schrieben. Dieses Werk war ein musikalischer Spaß für den Geiger Joseph Joachim, der erraten sollte, von wem welcher Satz stammt.
Im Zusammenhang habe ich das Werk noch nie gehört; üblicherweise erklingen die beiden Sätze von Schumann. Gudrun Schaumann wiede- rum spielt auf dieser CD gemeinsam mit Wolfgang Brunner am Ham- merflügel die beiden Teile, die von Dietrich und Brahms stammen.
Theodor Kirchner gehörte zu den Schülern Schumanns in Leipzig. Er studierte aber nur ein halbes Jahr lang am Konservatorium, und ging dann als Organist nach Winterthur. Von 1883 bis 1890 unterrichtete Kirchner am Konservatorium in Dresden. Während dieser Jahre entstanden die wunderbaren, ausdrucksstarken Stücke Romanze und Schlummerlied für Violine und Klavier op. 63 sowie die 12 Phantasie- stücke op. 90, die auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören sind. Als Weltersteinspielung erweist sich auch die Sonate für Violine und Klavier e-Moll von Carl Reinecke, der 1860 das Amt des Gewand- hauskapellmeisters übernahm und das Orchester 35 Jahre lang leitete.
Schaumann und Brunner haben für diese Werke gleich drei Hammer- flügel aus der Sammlung von Gerd Hecher, Wien, ausgewählt, deren Klang ihnen besonders passend erschien. Für die Stücke von Clara und Robert Schumann haben die Musiker ein Instrument des Wiener Klavierbauers Johann Baptist Streicher aus dem Jahre 1836 ausge- sucht. Dieser Hammerflügel ist auch bei Brahms' Regenlied op. 59
Nr. 3 zu hören.

Ein weiteres Instrument Streichers, allerdings von 1870 und im Klang erstaunlich verschieden von dem älteren Exemplar, spielt Brunner bei den Werken von Albert Dietrich und Carl Reinecke. Brahms' Satz aus der F.A.E.-Sonate sowie sämtliche Kompositionen Theodor Kirchners erklingen auf einem Hammerflügel von Carl Rönisch, Dresden 1872. Schaumann spielt eine Stradivari aus dem Jahre 1731 mit Darmsaiten und mit einem Tourte-Bogen von 1790.
Die Kombination aus Geige und Hammerflügel sowie die Rückbesin- nung auf die ruhigeren Tempi der Schumann-Ära prägen diese Auf- nahmen ganz entscheidend. Der Hammerflügel ermöglicht es der Violin-Solistin, dem Klang nachzuspüren, ihn zu formen und sich, wo sinnvoll, auch zurückzunehmen bis in wirkliches Piano. Durchhörbarkeit und Gemüt, wie Schumann es immer wieder pries, stehen diesen Stücken weit besser zu Gesicht als Hochgeschwindigkeit und aufgesetzte Virtuosität. So ist Schaumanns und Brunners historisch informierte Interpretation in jeder Hinsicht ein Gewinn. 

Samstag, 12. Mai 2012

Johann Christoph Friedrich Bach: Die Kindheit Jesu (Capriccio)

Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795), der zweitjüngste Sohn Johann Sebastian Bachs, ging 1750 an den Hof der Grafen zu Schaumburg-Lippe nach Bücke- burg, wo er bis an sein Lebensende wirkte. War er zunächst als Cam- mer-Musicus angestellt, wurde er 1759 zum Concert-Meister der etwa 15köpfigen Hofkapelle, und verantwortete in dieser Funktion das gesamte musikalische Ge- schehen an dem norddeutschen Hof. 
Das Ensemble war durch venezianische Musiker geprägt. Bach hatte die italienische Musiktradition mit Sicherheit in Dresden erlebt, setzte in Bückeburg jedoch eigene Akzente. So stand er mit seinem Bruder Carl Philipp Emanuel Bach, insbesondere nach dessen Übersiedlung nach Hamburg, in engem Kontakt, und übernahm auch künstlerisch so manche Idee, was seinen Stil deutlich in Richtung Empfindsamkeit wandelte.
1771 wurde der Dichter und Theologe Johann Gottfried Herder nach Bückeburg berufen. Auch das brachte Bach so manche Anregung. So schrieb Herder 1772 Die Kindheit Jesu. Er nannte das Werk Ein biblisches Gemälde, und sandte es als Weihnachtsgabe an seine Braut Caroline Flachsland nach Darmstadt. Zugleich aber gab er es dem Musiker zur Vertonung, und so erklang das fertige Opus im Februar 1773 erstmals am Bückeburger Hof. Kleine Kostprobe: "Er bricht! Der Himmel bricht! O Licht!" Herders Text ist, selbst für damalige Ver- hältnisse, eher viel Gefühl als, nun ja, Verstand. Bachs Musik ist aber besser. 
Wie weit sich der Bach-Sohn von seinem Vater und Lehrer entfernt hat, zeigt noch eindeutiger die vierstimmige Motette zu dem bekann- ten Kirchenlied Wachet auf, ruft uns die Stimme. Der Bückeburger Bach schuf sie ein halbes Jahrhundert nachdem sein Vater die gleichnamige Kantate komponiert hatte. Es ist ein kühnes Werk, das so gar nichts hat von der Galanterie beispielsweise eines Mozart, der etwa zur gleichen Zeit seine Krönungsmesse geschrieben hat. Musikwissenschaftler stehen etwas ratlos vor diesem Monument, das einige Anleihen beim Werk des Thomaskantors nicht verleugnet, diese zugleich aber durch moderne Klänge ergänzt, die Bach junior erstaunlicherweise mit dem alten, kontrapunktischen Stil einbin- det. Es ist Hermann Max und seines Ensembles Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert zu verdanken, dass wir die beiden Werke heute in sehr ordentlichen Aufnahmen aus dem Jahre 1988 auf CD vorliegen haben. 

Montag, 11. Juli 2011

Telemann: Ich hoffete aufs Licht (cpo)

"Meine Harfe ist eine Klage wor- den, und meine Pfeiffe ein Weinen" - dieses Bibelwort, das Bestandteil des umfangreichen Textes  ist, be- schreibt die Gedanken der Ham- burger bei der Nachricht vom Ableben von Kaiser Karl VII. Der Wittelsbacher, dessen Wirken mit dem zeitgenössischen Bonmot "et Caesar et nihil" ziemlich gut cha- rakterisiert ist, war am 20. Januar 1745 in München an der Gicht ge- storben. 
Im Lande tobte der Österreichi- sche Erbfolgekrieg, mit dem gleich mehrere deutsche Fürsten Maria Theresia das Erbe des Hauses Habsburg streitig machen wollten, nachdem ihr Vater, Kaiser Karl VI., ohne einen männlichen Nach- kommen verstorben war. Zwar waren die Hamburger bislang von Kämpfen verschont geblieben. Doch fürchtete die Hansestadt, die als Freie Reichsstadt unmittelbar dem Kaiser unterstand, das Machtstre- ben des dänischen Königshauses, das die reichen Kaufleute nur zu gern zu Untertanen gehabt hätte. 
So kam die Trauer um den Kaiser in Hamburg, das Instabilität fürch- tete, durchaus von Herzen. Die Hansestadt setzte eine vierwöchige Landestrauer an, und beauftragte Georg Philipp Telemann, den städti- schen Director Musices, eine Trauermusik zu komponieren. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn dieses Werk sollte in allen fünf Hauptkirchen der Stadt gleichzeitig aufgeführt werden. Der Hambur- ger Chorus musicus aber verfügte maximal über acht Sänger und
18 Instrumentalisten, verrät das sehr informative Beiheft zu dieser CD. Aus diesem Grunde wurden für den Trauergottesdienst zahlreiche Musiker aus der Umgebung herangeholt. Telemanns Unterlagen zei- gen, dass in jeder Kirche vier Sänger und ein 14- bis16köpfiges Orche- ster musizierten - die gedämpften Trompeten, Pauken und Streicher nebst Continuo wirken in dieser schmalen Besetzung erst recht wie der Nachhall einstiger kaiserlicher Pracht. 

Auch Telemanns Werk selbst ist erstaunlich schlicht und geradlinig. Selbst die Arien verzichten weitgehend auf Koloraturen; die Sing- stimme folgt dem Sprachmetrum. Diese herbe Musik klagt erstaunlich wenig und tröstet nicht, und kurz vor Schluss spricht der Text aus, was die Gemeinde viel mehr beschäftigt als das Hinscheiden des wenig glücklichen Kaisers: "Verbinde, Höchster, nun einmahl / des Teut- schen Reichs bisher entzweyte Hüter / zur holden Eintracht der Gemüther, / und zu beglückter Kayserwahl." 
Mit einer Besetzung, wie sie Telemann bei einer Aufführung unter normalen Umständen zur Verfügung gestanden hätte, hat Michael Schneider mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt Ich hoffete aufs Licht im vergangenen Jahr zu den Telemann-Festtagen in Magdeburg vorgestellt. Wie die "Orchester"musiker, sind auch die acht Sänger ausgewiesene Experten in Sachen Alte Musik. Zu hören sind Gabriele Hierdeis und Annegret Kleindopf, Sopran, Dmitri Jegorow und Ulrike Andersen, Alt, Georg Poplutz und Benjamin Kirchner, Tenor sowie Nils Cooper und Stephan Schreckenberger, Bass. Die CD präsentiert den Mitschnitt des Konzertes vom 20. März 2010 - und man hört sie gern. Denn hier wird ebenso fundiert wie solide musiziert. Die Solisten teilen sich in Arien und Chöre; alles klingt ausgewogen, gut durchdacht und sorgsam abgestimmt. Bravi!